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N O 6

ABSTRACT

IDEEN , FAKTE N UND FIKTION E N


WAS BLEIBT

Eine Hommage an das Beständige

Und weitere Geschichten

über die Lichtwellenkommunikation,

luftreinigende Kleidung und das Hunde -C .S . I.

AUSZUG


INH ALT

WAS BLEIBT

12 Erneuerung braucht Tradition

Interview mit Bundesrätin Doris Leuthard

22 Vom Wert einstürzender Weltbilder

Von Mathias Plüss

32 In einer unsicheren Welt: zehn Gewissheiten

Von Katja Gentinetta

42 Bleibt überhaupt was?

Von Burkhard Varnholt

44 Was bleibt, ist die Kunst

Interview mit Hans Ulrich Obrist

52 Knetfigur Mensch

Von Hans J. Markowitsch

60 Der digitale Rausch

Von Frank Sonder und Stephan Sigrist

68 Ach du ferner Mond

Von Heinrich Steinfest

76 METAMAP

80 IDEEN

Fakten, Trends und Visionen, die den Zeitgeist prägen

136 FROM FICTION TO S CIENCE

142 KULTUR & G ADGETS

15 6 I . N . T . E . R . N . A .


E R N E U E R U N G

BRAUCH T

T RADITION

Gespräch mit Bundesrätin Doris Leuthard

Die Welt bleibt im Grossen und Ganzen gleich – und vorhersehbar,

vermutet Bundesrätin Doris Leuthard. Trotzdem muss

sich die Schweiz neu positionieren, um im internationalen

Wettbewerb mithalten zu können. Ein Gespräch über die Rolle

der Tradition, soziale Intelligenz und die Kindheitserinnerungen

von morgen.

Die Welt scheint im totalen Umbruch: Eurokrise, multipolare

Machtverteilung, Energiewende und Demokratiebewegungen

in Nordafrika. Stehen wir an einem grundlegenden Wendepunkt?

Nein. Die Krise erstaunt mich nicht, denn es sind langfristige

Entwicklungen, die sich durch die neusten Finanz- und

Schuldenkrisen beschleunigten. Kurzfristige Ereignisse führen

selten zu Veränderungen, die sich nicht bereits vorher

abzeichneten. Zumindest in der Politik. Anders verhält es

sich in der Technologie, wo sich die grossen, bahnbrechenden

Revolutionen abspielen. Die Treiber der radikalen Veränderung

sind Ingenieure, nicht Politiker. Letztlich ist es

für das Weltgeschehen gar nicht so entscheidend, wer in

welchem Land Präsident ist.


WAS BLEIBT

14

Braucht es Krisen als Katalysatoren der Veränderung?

In der Politik ist es erstrebenswert, eine stabile Entwicklung

anzusteuern. Als Staat wünscht man sich eine kontinuierliche

Zunahme des Wohlstands. Es sollte keine Peaks

geben, weder nach oben noch nach unten. Auf der anderen

Seite ist der Mensch ein bequemes Wesen. Er verändert

selten etwas, wenn er nicht muss. Das sieht man jetzt bei

einzelnen Staaten in Europa. Sie bezahlen nun mit der Krise

den Preis dafür, dass sie jahrelang über den Verhältnissen

gelebt haben.

Was ändert sich, was bleibt gleich?

Die Machtverhältnisse ändern sich. Dies ist ebenfalls keine

neue Erscheinung, sondern ein stetiger Prozess über Jahrzehnte.

Das neue Selbstbewusstsein aufstrebender Staaten

und deren Forderung nach mehr Macht und Mitbestimmung

kommen mit den neusten Krisen fünf bis zehn Jahre

schneller als erwartet, aber sie wären ohnehin nicht aufzuhalten

gewesen. Gleichzeitig führen die rasche Globalisierung

und der zunehmende Transport von Gütern um die

ganze Welt zu Veränderungen und massiven Umweltkosten,

die in eine Rückbesinnung auf das Lokale münden

könnten. Was sich nicht ändert, ist die Anzahl der Konflikte

auf der Welt. Die Gründe mögen sich ändern, die Konflikte

mögen sich regional verschieben, die Gewalt steigt

oder sinkt. Konflikte aber gehören zum Menschen und

werden wohl immer bestehen bleiben.


Das politische System der Schweiz gilt aufgrund der föderalen

Strukturen und der direkten Demokratie als träge. Ist

das langfristig tragbar?

Der Föderalismus hat Zukunft, weil er für Konkurrenz unter

den Kantonen sorgt. Der Wettbewerb ist immer Antrieb

für ein Überdenken der eigenen Strategie und die Schaffung

von Neuem – die Grundvoraussetzungen für das

nachhaltige Wachstum eines Landes. Zusätzlich leben wir

in einer Welt, in der jeder am anderen gemessen wird, was

gerade der Rankingboom von Universitäten und Konsumprodukten

verdeutlicht. Auch die direkte Demokratie

ist kein Auslaufmodell. Sie begünstigt eine gemächliche

Veränderung – eine, die vom Volk getragen wird. Länder

mit mehr Staatsmacht sind flexibler, weil sie schneller auf

sich wandelnde Umstände reagieren können. Doch wenn

das Volk die Veränderung nicht nachvollziehen kann, steht

diese auf wackligen Beinen.

Woran soll der Mensch festhalten, worin soll er sich weiterentwickeln?

Festhalten sollen wir am lebenslangen Lernen. Die Kon-

stante, die in einer sich schnell verändernden, globalisierten

Welt Halt gibt, ist die Bildung. Sie hilft uns, an die eigene

Wandlungsfähigkeit zu glauben. Festhalten soll man auch

an sozialen Bindungen. Gerade in einer stark technisierten

Welt, wo wenig Zeit bleibt, sich in die Augen zu schauen,

werden Freundschaft und Gemeinschaft immer wichtiger.

Weiterentwickeln soll sich der Mensch hin zu mehr emotionaler,

kommunikativer Intelligenz. Ausbildung allein

macht niemanden zu einem fähigen Manager. Wo unterschiedliche

Kulturen aufeinander treffen, sind «social skills»

gefragt. Was dabei vor allem zählt, ist das ehrliche Interesse

am anderen. Nur so können wir einen Chinesen oder Amerikaner

dort abholen, wo er steht.


WAS BLEIBT

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Und wie lernen wir soziale Intelligenz?

Die Basis legen die Eltern. Der Rest ist Aufgabe jedes Einzelnen

– der bewusst kritische Umgang mit dem Gelernten

und die Abgrenzung vom Mainstream. Eine Anpassung an

sich wandelnde Umstände ist wichtig, aber die Fülle an Informationen

und Möglichkeiten verlangt auch nach einem

kritischen Geist. Das ist es, was der Staat braucht: intelligente

Bürger, die sich trauen, zu hinterfragen.

Was bleibt von der heutigen Schweiz in 50 Jahren?

Ich glaube nicht, dass sich viel ändern wird. Die Schweiz,

wie auch die Welt, bleibt im Grossen und Ganzen gleich.

Wenn Sie 50 Jahre zurückschauen, so stellen Sie fest, dass

abgesehen vom technischen Fortschritt sehr vieles bestehen

blieb. Die Grundbedürfnisse des Menschen bleiben dieselben.

Jeder will Arbeit, Heim, Familie und Lebensqualität.

Die Instrumente zur Befriedigung der Grundbedürfnisse

verändern sich; aber dadurch entsteht noch keine neue

Schweiz.

Wie viel Tradition und Innovation braucht ein Land, um

im internationalen Wettbewerb mitzuhalten?

Abgrenzung ist entscheidend. Betrachtet man den Städtebau

weltweit, zum Beispiel in Shanghai oder Chicago, so

wird klar, dass wir uns Richtung Einheitskultur bewegen.

Alles sieht gleich aus. Es spielt keine Rolle mehr, auf welchem

Kontinent eine Stadt steht. Das ist nicht erstrebenswert.

Die Schweiz fährt also gut mit ihrer etwas traditionellen

Haltung im Sinne der Pflege historisch gewachsener

Städte und der schönen Natur. Dies sind Merkmale, mit

denen wir uns klar von anderen Ländern unterscheiden

können. Das ist es, was wir brauchen, um im internationalen

Wettbewerb mithalten zu können.


The Depth of a Valley, 2009

© Ambrosine Allen; http://ambrosineallen.com

Abgrenzung bedeutet demnach das Zurückgreifen auf

Tradition, Fortschritt Nivellierung?

Ideal ist die Kombination von beidem. Ich war kürzlich zu

Besuch in einem grossen Stall für rund hundert Kühe –

gleichzeitig eine der grössten Solaranlagen der Schweiz.

Hochtraditionelle Milchwirtschaft, kombiniert mit Hightech

auf dem Dach, das könnte die Schweiz der Zukunft

sein. Wir müssen an den historisch gewachsenen Strukturen

und Werten, welche die «Swissness» ausmachen, festhalten,

diese aber intelligenter organisieren und moderner

gestalten. Die Technologie macht die Bewahrung dessen

möglich, was über Jahrhunderte gewachsen ist. So wird

Tradition zum Anker für die Positionierung der Schweiz im

21. Jahrhundert.


WAS BLEIBT

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Nostalgie macht uns glücklich, weil sie uns zeigt, wohin wir

gehören. Was wünschen Sie sich zurück?

Eigentlich nichts. Ich bin glücklich in der Gegenwart und

schaue als Politikerin nach vorne. Natürlich hat jeder seine

Kindheitserinnerungen. Zum Beispiel holten wir früher

die frische Milch mit dem Kessel in der Käserei. Aber auch

die heutigen Kinder werden schöne Erinnerungen ans

Jetzt haben. Ich wünsche jedem Erwachsenen dieses wohlige

Gefühl, das Kindheitserinnerungen auslösen. Welche

Bilder das sind, hängt von der Zeit ab, in der man aufgewachsen

ist. In 20 Jahren, wenn man im Elektromobil zur

Arbeit fährt, denkt man vielleicht verträumt an den Motorenlärm

grosser Autos und verklärt dabei etwas, das wir

bereits heute nicht für erstrebenswert halten. Erinnerungen

idealisieren auch das, was weniger gut war. Die Welt

aber verändert sich stetig zum Besseren.

Gesprächsführung:

Simone Achermann und Stephan Sigrist


Als Vorsteherin des Eidgenössischen Departements für Umwelt,

Verkehr, Energie und Kommunikation (UVEK) ist Bundesrätin

Doris Leuthard eines der sieben Mitglieder des Bundesrates,

der Exekutive der Schweiz. Vor der Übernahme ihrer Position

als Vorsteherin des UVEK am 1. November 2010 war Doris

Leuthard Vorsteherin des Eidgenössischen Volkswirtschaftsdepartements

(EVD). In dieser Funktion war sie für Arbeit,

Berufsbildung, Technologie, Innovation, Landwirtschaft, Wohnungswesen,

Landesversorgung sowie die Handelspolitik verantwortlich.

Sie vertrat die Schweiz u. a. bei der W TO, der

OECD, der FAO und der Weltbank und präsidierte die Efta.

Im Jahr 2010 war sie Bundespräsidentin. Bundesrätin Leuthard

wurde 1963 geboren. Sie hat an der Universität Zürich mit

Aufenthalten in Paris und Calgary Rechtswissenschaften studiert

und war Partnerin in einem Anwaltsbüro.


KONTAKT

sia@thewire.ch

R E DAKTION

Simone Achermann

Redaktionsleitung, Researcherin W.I.R.E.

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Redaktor

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Redaktorin

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CIO Bank Sarasin & Cie AG

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Direktor Collegium Helveticum

R E DAKTIONELLE M ITA R B EIT

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GESTALT U N G

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Grafikleitung W.I .R.E.

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Grafik Designer W.I .R.E.

Konzeption und Gestaltung Bildstrecke:

Varese Corridor, Zürich

Fotografie und Bildbearbeitung: Luxwerk, Zürich

L E K TORAT U N D DRU C K

Neidhart + Schön AG

PA RTNER

Verlag Neue Zürcher Zeitung

VERTRIEB

Die Gestalten Verlag GmbH & Co. KG

E-Mail: sales@gestalten.com

www.gestalten.com

ISBN 978-3-89955-428-1

Disclaimer: Diese Publikation dient nur zu Informationszwecken. Soweit hierin auf die Bank Sarasin & Cie AG Bezug

genommen wird, stellt sie kein Angebot und keine Aufforderung seitens der Bank Sarasin & Cie AG zum Kauf oder Verkauf

von Wertschriften dar, sondern dient allein der Kommunikation. Dargestellte Wertentwicklungen der Vergangenheit

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