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Feuilleton

'tURKisH DeLigHt':

Das BoRUsan pHiLHaRmoniC wÄCHst ZUm

topoRCHesteR HeRan

Sascha Goetzel ist des Lobes

voll: Als Chefdirigent des

privat finanzierten 'Borusan

Istanbul Philharmonic Orchestra'

hat er volle künstlerische Freiheit,

und seine Formation wird seinen

hohen Anforderungen immer besser

gerecht. Borusan, einer der führenden

Industriekonzerne der Türkei,

14 pizzicato 04/2012

Chefdirigent Sascha Goetzel

erweise sich, so Goetzel als Mäzen

im nobelsten Sinne des Wortes,

weil nicht die Eigenwerbung im

Mittelpunkt stehe, sondern das von

der Konzernleitung leidenschaftlich

betriebene Kulturziel. Rund

10 Millionen Euro investiert die

Firmengruppe jährlich in Kultur-

und Bildungsprojekte, und das

Das 'Borusan Istanbul Philharmonic'

'Borusan Istanbul Philharmonic

Orchestra' ist dabei eindeutig das

wichtigste Projekt. Die Philosophie

von Ahmet Kocabiyik, dem Vorsitzenden

der Borusan Holding ist

unmissverständlich: "Kunst macht

die Leute nachdenklich, friedvoll,

sozial, warmherzig und als Resultat

all dessen, glücklich."

Das 'Borusan Philharmonic' gibt monatliche

Konzerte sowohl im europäischen

als auch im asiatischen Teil

Istanbuls. Auf musikalischem Gebiet

wird außerdem die umfangreiche Musikbibliothek

unterstützt, die sich

in den ersten beiden Stockwerken

des 'Borusan Center für Culture and

Arts' befindet. Das BCCA engagiert

sich in weltweiten musikalischen

Netzwerken.

In den vergangenen Jahren hat

das BCCA in Zusammenarbeit mit

europäischen Kulturinstituten die

'Mediterranean Contemporary Music

Days' in Istanbul organisiert. Im

Januar 2010 fiel der Startschuss für

das 'MusicHouse', dem brandneuen

Veranstaltungsort des BCCA in einem

restaurierten historischen Gebäude

gegenüber. Es dient als Schauplatz

verschiedener Darbietungen aus den

Bereichen klassische Musik, Jazz,

Weltmusik und Tanz sowie als Plattform

für die Präsentation von Bildungsprojekten

und zeitgenössischen

Kunstausstellungen.

Das 1999 gegründete 'Borusan Phil-

harmonic' ist heute, wie seine CD-

Produktionen einem weltweiten

Publikum zeigen und wie wir es im

Konzert in Istanbul bewerten konnten,

eine homogene, hoch motivierte

Formation. Für dieses Niveau ist maßgeblich

Chefdirigent Sascha Goetzel

verantwortlich. Der in Wien geborene

Goetzel war zunächst selber Orchestermusiker

und spielte jahrelang

Geige bei den Wiener Philharmonikern.

Heute ist er Chefdirigent in

Istanbul und im finnischen Kuopioo.

Goetzel, der eben erst seinen Vertrag

in Istanbul bis 2016 verlängert hat,

sieht es als einen seiner Erfolge an,


aus einem doch recht heterogenen

Ensemble ein einheitliches Orchester

gemacht zu haben: "Alle hatten in

allen möglichen Ländern studiert und

kamen aus verschiedenen Schulen,

Wir mussten also zunächst einmal

eine gemeinsame Sprache finden. Die

Stärke der Musiker aber lag darin,

dass sie als Türken eine singende

Sprache haben und, als Resultat des

Einflusses ihrer Volksmusik, ein gutes

Gefühl für Rhythmus."

Der Dirigent, der normalerweise auf

ein über hundert Musiker starkes

Orchester zählen kann, hat innerhalb

des Symphonieorchesters ein

Kammerorchester gegründet, um

durch diese Praxis zu einem besseren

inneren, gegenseitigen Hören

zu gelangen.

Andante-Chefredakteur Serhan Bali (Mitte) zusammen mit seinen Jury-Kollegen

der ICMA Stephen Hastings (links) und Remy Franck. Photo: Andante

Der hohe künstlerische Anspruch hat

sich ausgezahlt: Die Konzerte des

BIPO sind fast immer ausverkauft.

Dabei fasst der Saal im europäischen

Teil Istanbuls 1200, der im asiatischen

Teil 650 Leute.

Während in dieser Saison Solisten

zu Gast waren wie Vadim Repin, Daniil

Trifonov, Fazil Say, Elena Fink

oder Martin Grubinger, wird das

'Borusan Philharmonic' 2012-13

in seinen 15 Instanbuler Abokonzerten

mit Künstlern auftreten wie

Ruth Ziesak, Viktoria Mullova, den

Labèque-Schwestern, Daniel Müller-

Schott, Tzimon Barto, Isabelle van

Keulen und Thomas Hampson. 80%

der Abokonzerte werden von Sascha

Goetzel selber geleitet, die übrigen

vom Ehrendirigenten Gürer Aykal und

von Gastdirigenten. 2014 wird das

Orchester eine große Europatournee

machen.

Die Programme, die Goetzel dirigiert,

sind innovativ und schwimmen nicht

im europäischen Mainstream. Gewiss,

er passt sich auch programmlich dem

Konzertsaal an, der eigentlich ein

Kongresssaal ist und akustisch nicht

sehr gut – Istanbul braucht wirklich

einen neuen, richtigen Konzertsaal

–, aber wenn er in einem Konzert,

wie dem, dem wir beiwohnen konn-

ten, Werke von Sally Beamish, Erwin

Schulhoff, John Williams und Prokofiev

dirigiert, ist das konzeptuell

doch schon etwas Besonderes. Teile

dieses Programms sind übrigens auf

der CD zu hören, die das BIPO jetzt

bei Onyx herausgebracht hat und die

wegen ihres Konzepts und der musikalischen

Qualität in diesem Monat

den Supersonic-Award von Pizzicato

erhält (die Rezension lesen Sie bitte

in unserer CD-Rubrik).

Zusammen mit dem Saxophonisten

Branford Marsalis als Solist konnte das

'Borusan Orchester' das Publikum im

Saal durchaus begeistern. Da spielen

wirklich über 100 Musiker auf der

vorderen Stuhlkante, erzielen eine

phänomenale Schlagkraft und können

doch auch sehr differenzieren, weil

sie ganz der sinnlichen Feinfühligkeit

ihres Chefdirigenten ergeben sind.

Diverse türkische Gesprächspartner,

darunter auch Serhan Bali, der

Chefredakteur der Musikzeitschrift

'Andante', der seit kurzem Mitglied

in der Jury der ICMA (International

Classical Music Awards) ist, haben

uns gegenüber auch auf die singuläre

Rolle des 'Borusan Philharmonic'

und seiner Subformationen (darunter

das 'Borusan String Quartet') für das

türkische Musikleben hingewiesen. In

einem Land, dessen Regierung klassische

westliche Musik nicht für eine

Priorität hält, ist die Klassik-Fahne,

die Borusan weit sichtbar trägt, von

eminenter Bedeutung. Und die Pläne

für ein neues Konzerthaus in Istanbul

hat Borusan angeblich schon fix und

fertig in der Schublade liegen. Es

zu bauen wäre für den Konzern ein

Leichtes, doch dazu bedarf es der

nötigen Baufläche und der Genehmigungen,

die für ein solches Projekt

von öffentlicher Seite nicht so leicht

zu bekommen sind. Nun soll dann

erst einmal das internationale Ansehen

des Orchesters gestärkt werden.

Auslandserfolge könnten letztlich ja

das Sahnehäubchen sein, aus dem

das 'Borusan Orchester' dann auch für

die türkische Regierung zum 'Turkish

Delight' wird. Remy Franck

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04/2012 pizzicato

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