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Haltung in der systemischen Beratung

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Roswita Königswieser, Mart<strong>in</strong> Hillebrand<br />

<strong>Haltung</strong> <strong>in</strong> <strong>der</strong> <strong>systemischen</strong> <strong>Beratung</strong><br />

Erschienen <strong>in</strong>: Tomaschek, N. (Hrsg.): Systemische Organisationsentwicklung und <strong>Beratung</strong> bei Verän<strong>der</strong>ungsprozssen<br />

<strong>in</strong> Organisationen, ersche<strong>in</strong>t 2006<br />

Kontext:<br />

Die differenziertesten Theorien, die ausgeklügeltsten Techniken haben <strong>in</strong> <strong>der</strong><br />

<strong>systemischen</strong> <strong>Beratung</strong> ke<strong>in</strong>e Wirkung, wenn die <strong>Haltung</strong> <strong>der</strong> Berater „nicht stimmt“.<br />

Wir vertreten die Me<strong>in</strong>ung, dass es neben an<strong>der</strong>en Kompetenzen beim <strong>systemischen</strong><br />

Ansatz <strong>der</strong> Organisationsentwicklung <strong>in</strong> erster L<strong>in</strong>ie darum geht, e<strong>in</strong>e entsprechende<br />

<strong>Haltung</strong> zu entwickeln. Wir nennen sie das „Herzstück“ <strong>der</strong> <strong>systemischen</strong> <strong>Beratung</strong><br />

und die Arbeit daran ist daher auch <strong>der</strong> rote Faden <strong>in</strong> unseren Projekt-Supervisionen<br />

und Weiterbildungsprogrammen.<br />

Als systemische Berater konzentrieren wir uns ja nicht nur auf Problemlösungen, die<br />

das Klientensystem möglichst selbst f<strong>in</strong>den soll, son<strong>der</strong>n vor allem auf die kollektiven<br />

dysfunktionalen Muster, Paradoxien und Blockaden, d.h. wir arbeiten an den<br />

Wahrnehmungsweisen, den Denkmustern und den Wertvorstellungen, letztlich eben<br />

an <strong>der</strong> <strong>Haltung</strong> des Klientensystems (Vgl.: Königswieser, 2004). Um mit diesen<br />

Tiefendimensionen umgehen zu können, um wirkungsvolle Interventionen zu f<strong>in</strong>den,<br />

ist das Wissen, das Bewusstse<strong>in</strong> um die eigene <strong>Haltung</strong> Voraussetzung. Die eigenen<br />

ver<strong>in</strong>nerlichten Glaubenssätze, Weltbil<strong>der</strong> und Werte, den eigenen Umgang mit<br />

Paradoxien zu kennen, ist Basis e<strong>in</strong>er professionellen Arbeit.<br />

Was verstehen wir genau unter „<strong>Haltung</strong>“?<br />

Die Bedeutung des Begriffs „<strong>Haltung</strong>“ ist uns geläufig im Zusammenhang mit Körper-<br />

<strong>Haltung</strong>en und mit mental-geistigen <strong>Haltung</strong>en bzw. E<strong>in</strong>stellungen. Das Wort<br />

„<strong>Haltung</strong>“ hat etwas mit Halt haben und geben zu tun, aber auch mit „Halt“ im S<strong>in</strong>ne<br />

von „Stopp“, also Grenzziehung, Positionierung, Authentizität. Unsere <strong>Haltung</strong> steht


<strong>in</strong> enger Verb<strong>in</strong>dung mit unserer Identität, dem Charakter, den E<strong>in</strong>stellung,<br />

Wahrnehmungsweisen und Wirklichkeitskonstruktionen.<br />

<strong>Haltung</strong> steuert unsere Denk- und Verhaltensweisen, liegt ihnen zugrunde, ist aber<br />

auch wie<strong>der</strong> ihr Ergebnis. Sie wird durch unsere Geschichte, unsere Prägungen,<br />

Erfahrungen, Bewertungen gebildet, und sie bee<strong>in</strong>flusst wie<strong>der</strong>um unsere Sicht von<br />

Welt (Vgl.: Bourdieu, 1974).<br />

<strong>Haltung</strong> ist die Art und Weise, wie wir uns zu uns selbst und zu unserer Umwelt <strong>in</strong><br />

Beziehungen br<strong>in</strong>gen, wie wir uns mit unserer Außen- und Innenwelt ause<strong>in</strong>an<strong>der</strong><br />

setzen, wie wir Beziehungen gestalten, <strong>in</strong> welchen „Schienen“ wir denken und<br />

wahrnehmen. Sie bestimmt letztlich, was wir für „wahr-nehmen“, o<strong>der</strong> für falsch<br />

halten.<br />

<strong>Haltung</strong> hat Konsequenzen für das eigene Selbstverständnis, für die Sicht von<br />

Professionalität, für bevorzugte Konzepte und Methoden.<br />

Wie kann man also nun (im Unterschied zur Bedeutung des „Habitus“ Begriffs bei P.<br />

Bourdieu) die idealtypische „systemische <strong>Haltung</strong>“ beschreiben? Woran erkennt man<br />

sie? Folgende Aussagen sollen die Charakteristika systemischer <strong>Haltung</strong> illustrieren.<br />

(Vgl.: Königswieser, / Hillebrand, 2004)<br />

Charakteristika:<br />

• „Es gibt ke<strong>in</strong>e Objektivität, also muss ich mir den Kontext genau ansehen.<br />

Jedes Verhalten e<strong>in</strong>er Person ersche<strong>in</strong>t s<strong>in</strong>nvoll, wenn ich den Kontext kenne.<br />

Es geht darum für verschiedene Perspektiven Raum zu schaffen<br />

(Mehrbrillenpr<strong>in</strong>zip). Ich muss Hypothesen bilden, um mich orientieren zu<br />

können, denn alle Beobachtungen von mir s<strong>in</strong>d immer nur e<strong>in</strong> Ausschnitt und<br />

immer subjektiv.“<br />

• „Wi<strong>der</strong>sprüche gehören zum Leben. Unterschiede s<strong>in</strong>d Reichtum und Vielfalt.<br />

Es geht um e<strong>in</strong>e Balance, um das Hervorheben <strong>der</strong> weggeschobenen, oft<br />

dunklen Seite. Konflikte tun zwar weh, aber sie s<strong>in</strong>d Entwicklungschancen.<br />

Wi<strong>der</strong>stand ist Energie, die genutzt werden sollte.“


• „Es ist, wie es ist.“ Wir sollen zuerst verstehen, welche Funktion, welcher S<strong>in</strong>n<br />

h<strong>in</strong>ter den typischen Mustern im System liegen. Es geht dabei auch um<br />

Entdramatisierung, um das Gute im Schlechten (bei Defizitorientierung) o<strong>der</strong><br />

um das Schlechte im Guten (bei Idealisierungen).“<br />

• E<strong>in</strong>e Geschichte macht diese Sichtweise deutlich:<br />

E<strong>in</strong> alter Mann und se<strong>in</strong> Sohn bestellten geme<strong>in</strong>sam ihren kle<strong>in</strong>en Hof. Sie<br />

hatten nur e<strong>in</strong> Pferd, das den Pflug zog. E<strong>in</strong>es Tages lief das Pferd fort. „Wie<br />

schrecklich“, sagten die Nachbarn, „welch e<strong>in</strong> Unglück!“ – „Wer weiß“,<br />

erwi<strong>der</strong>te <strong>der</strong> alte Bauer, „ob Glück o<strong>der</strong> Unglück?“ E<strong>in</strong>e Woche später kehrte<br />

das Pferd aus den Bergen zurück, es brachte fünf wilde Pferde mit <strong>in</strong> den<br />

Stall. „Wie wun<strong>der</strong>bar“, sagten die Nachbarn, „welch e<strong>in</strong> Glück!“ – „Glück o<strong>der</strong><br />

Unglück? Wer weiß?“, sagte <strong>der</strong> Alte. Am nächsten Morgen wollte <strong>der</strong> Sohn<br />

e<strong>in</strong>es <strong>der</strong> wilden Pferde zähmen. Er stürzte und brach sich e<strong>in</strong> Be<strong>in</strong>. „Wie<br />

schrecklich! Welch e<strong>in</strong> Unglück!“ – „Glück o<strong>der</strong> Unglück?“ Die Soldaten kamen<br />

<strong>in</strong>s Dorf und holten alle jungen Männer <strong>in</strong> den Krieg. Den Sohn des Bauern<br />

konnten sie nicht brauchen, darum blieb er als E<strong>in</strong>ziger verschont. „Glück?<br />

Unglück?“<br />

• „Die sche<strong>in</strong>bar alle<strong>in</strong>e Schuldigen betrachten wir als Symptomträger. Es geht<br />

nicht darum, e<strong>in</strong>zelne Personen zu verän<strong>der</strong>n, zu psychologisieren, son<strong>der</strong>n<br />

darum, Strukturen, Beziehungsmuster und Denkschienen zu erkennen und<br />

Sichtweisen zu verän<strong>der</strong>n, um e<strong>in</strong> an<strong>der</strong>es Verhalten zu ermöglichen. Alle<br />

Betroffenen habe Anteile an <strong>der</strong> Situation.“<br />

• „Wir gehen von e<strong>in</strong>em holistischen Pr<strong>in</strong>zip aus. Alles ist <strong>in</strong> je<strong>der</strong> kle<strong>in</strong>en<br />

E<strong>in</strong>heit pr<strong>in</strong>zipiell enthalten und alles hängt mit allem zusammen“. E<strong>in</strong><br />

ch<strong>in</strong>esisches Sprichwort sagt: „Im Wassertropfen ist das Meer enthalten.“ Wo<br />

immer wir ansetzen, es wird sich auf an<strong>der</strong>es auswirken (Mobileeffekt).<br />

• „Wenn wir den Rahmen unseres Betrachtungsfeldes än<strong>der</strong>n, än<strong>der</strong>n sich oft<br />

wahrgenommene Zusammenhänge und Bedeutungen. Wir nennen das<br />

„Refram<strong>in</strong>g“. Dazu folgende Geschichte: E<strong>in</strong> sechzigjähriges Ehepaar geht im<br />

Wald spazieren. E<strong>in</strong>e Fee flüstert <strong>in</strong> das Ohr des Mannes: „Du hast e<strong>in</strong>en


Wunsch frei.“ Der Mann sagt, ohne zu überlegen: „Ich wünsch mir e<strong>in</strong>e um 20<br />

Jahre jüngere Frau.“ Da machte die Fee „schnipp“, und er ist 80.<br />

• „Entwicklungsprozesse brauchen Zeit. Es gibt e<strong>in</strong>e biologische Eigenzeit für<br />

lebendige Systeme. Auf Knopfdruck passiert ke<strong>in</strong>e tiefere mentale<br />

Verän<strong>der</strong>ung.“<br />

• „Wir verstehen unsere Rolle <strong>in</strong> <strong>der</strong> <strong>Beratung</strong> als Impulsgeber, Begleiter auf<br />

dem Weg, e<strong>in</strong>e höhere Problemlösungskompetenz des Systems zu<br />

entwickeln. Auch das Bild des Gärtners passt dazu. Er kann Strukturen legen,<br />

pflanzen, schneiden, düngen, veredeln, pflegen. Aber er kann ke<strong>in</strong>e Ananas<br />

pflanzen, wenn das Klima und <strong>der</strong> Boden dafür nicht geeignet s<strong>in</strong>d. Er muss<br />

die Wachstumsbed<strong>in</strong>gungen <strong>der</strong> Pflanzen kennen und respektieren.“<br />

Aus diesen Aussagen geht klar hervor, dass unser „systemisches“ Verständnis <strong>der</strong><br />

„passenden“ <strong>Haltung</strong> auf e<strong>in</strong>em <strong>systemischen</strong> Weltbild beruht (Vgl.: Königswieser,<br />

2004, S. 22 ff), aber gleichzeitig auch Wertorientierung <strong>der</strong> „humanistischen<br />

Sozialpsychologie“, wie sie etwa den Konzepten von Kurt Lew<strong>in</strong> und Abraham<br />

Maslow zugrunde liegen, <strong>in</strong>tegriert (Vgl.: Gabor, 2000, S. 153 ff).<br />

Konsequenzen für die Beziehung <strong>der</strong> Berater zu den Klienten:<br />

Diese Charakterisierung von <strong>Haltung</strong> impliziert auch e<strong>in</strong>e bestimmte Qualität von<br />

Beziehung zum Klienten.<br />

• „Unser Klientensystem ist das ganze System bzw. Teilsystem mit allen<br />

Mitarbeitern, nicht aber ausschließlich die Auftraggeber, bzw. das Top-<br />

Management. Wir arbeiten nicht nur mit den mächtigen Personen son<strong>der</strong>n<br />

mit allen Hierarchieebenen.“<br />

• „Da wir tra<strong>in</strong>iert s<strong>in</strong>d, <strong>in</strong> erster L<strong>in</strong>ie die Ressourcen, die Potenziale und<br />

nicht die Defizite zu sehen, liegt uns mehr daran, mit Möglichkeiten,<br />

positiven Zukunftsbil<strong>der</strong>n und Optionen zu arbeiten: Was läuft gut? Wo gibt<br />

es Erfolge? Was ist Ihre Vision? Diese <strong>Haltung</strong> eröffnet Erweiterungen von<br />

Handlungsfel<strong>der</strong>n. Sie kann helfen, e<strong>in</strong>gefahrene Denkschienen zu<br />

verlassen.“


• „Wir s<strong>in</strong>d auf <strong>der</strong> Suche nach den Energieblockaden. S<strong>in</strong>d sie beseitigt,<br />

„fließt es wie<strong>der</strong>“. Meist wissen die Betroffenen am besten selbst, was sie<br />

blockiert und wie sie sich selbst helfen können.“<br />

• „Feedback bedeutet Lernen und Selbststeuerung. Wir glauben an<br />

Selbstverantwortung, an Selbstheilungskräfte lebendiger Systeme, die es<br />

zu aktivieren gilt. Dabei sollten wir anschlussfähig se<strong>in</strong>.“<br />

• „Da wir uns unserer Grenzen zu <strong>in</strong>tervenieren bewusst s<strong>in</strong>d, Autopoiesis<br />

ernst nehmen, gehört bei allem Selbstbewusstse<strong>in</strong> auch Bescheidenheit zu<br />

unserer <strong>Haltung</strong>.“<br />

• „Um im ganzen System wirksam zu se<strong>in</strong>, bedarf es <strong>der</strong> Neutralität <strong>in</strong> dem<br />

S<strong>in</strong>ne, dass ke<strong>in</strong> Standpunkt als richtiger bewertet werden sollte als <strong>der</strong><br />

an<strong>der</strong>e. Wir s<strong>in</strong>d Anwälte <strong>der</strong> Ambivalenz“.<br />

Diese <strong>Haltung</strong> ist nicht e<strong>in</strong>fach. Sie bedeutet permanente Arbeit auch an sich selbst.<br />

Distanz zur Situation bei gleichzeitig <strong>in</strong>tensivem Sich-e<strong>in</strong>lassen, die eigene<br />

emotionale Resonanz als Information nutzend. Ohne Reflexion, Bewusstheit, d. h.<br />

ohne sich selbst, die eigenen bl<strong>in</strong>den Flecken, Fehler, Werte, Grenzen zu kennen<br />

und zu akzeptieren, ist dieses paradoxe Oszillieren zwischen Nähe und Distanz<br />

kaum auszuhalten. Das Aushalten <strong>der</strong> Paradoxie und Unsicherheit gibt Sicherheit,<br />

Stabilität auf e<strong>in</strong>em höheren Niveau, macht Professionalität aus. Die folgende<br />

Geschichte drückt diesen Zusammenhang aus.<br />

Zwei Zen- Mönche, <strong>der</strong> e<strong>in</strong>e bejahrt, <strong>der</strong> an<strong>der</strong>e noch ganz jung, wan<strong>der</strong>ten im<br />

Regenwald e<strong>in</strong>en schlammigen Pfad entlang. Sie waren auf dem Heimweg zu<br />

ihrem Kloster. Da begegneten sie e<strong>in</strong>er schönen Frau, die hilflos am Ufer<br />

e<strong>in</strong>es reißenden Flusses stand. Der alte Mönch, <strong>der</strong> die Not <strong>der</strong> Frau<br />

erkannte, hob sie auf se<strong>in</strong>e starken Arme und trug sie h<strong>in</strong>über. Sie lächelte<br />

und schlang die Arme um se<strong>in</strong>en Hals, bis er sie am an<strong>der</strong>en Ufer sanft<br />

absetzte. Mit e<strong>in</strong>er anmutigen Verbeugung dankte sie ihm, und die Mönche<br />

setzten ihren Weg schweigend fort. Nicht weit von <strong>der</strong> Klosterpforte konnte <strong>der</strong><br />

junge Mönch nicht mehr an sich halten: „Wie konntest du nur e<strong>in</strong>e schöne<br />

Frau <strong>in</strong> die Arme nehmen? So etwas ziemt sich nicht für e<strong>in</strong>en Mönch!“ Der


alte Mönch sah se<strong>in</strong>en Gefährten an und sagte: „Ich habe sie dort<br />

zurückgelassen. Trägst du sie immer noch?“<br />

Wertschätzung als Basiswert:<br />

Wertschätzung an<strong>der</strong>en Menschen gegenüber sche<strong>in</strong>t uns im Systemansatz das<br />

entscheidendste Element <strong>der</strong> <strong>Haltung</strong> zu se<strong>in</strong>. Wir alle wissen, dass die<br />

Voraussetzung dafür die Wertschätzung sich selbst gegenüber, das eigene<br />

Selbstwertgefühl ist. Wer sich selbst nicht akzeptiert, kann an<strong>der</strong>e Menschen nicht<br />

akzeptieren und lieben. Wer überstreng zu sich selbst ist, ist es auch an<strong>der</strong>en<br />

gegenüber. Was uns an den an<strong>der</strong>en freut o<strong>der</strong> ärgert, gibt tiefe E<strong>in</strong>blicke <strong>in</strong> den<br />

eigenen Charakter im S<strong>in</strong>ne von „Was Peter über Paul sagt, sagt mehr über Peter<br />

als über Paul.“ Hermann Hesse sagt: „Wenn wir e<strong>in</strong>en Menschen hassen, so hassen<br />

wir <strong>in</strong> se<strong>in</strong>em Bild etwas, was <strong>in</strong> uns selbst sitzt. Was nicht <strong>in</strong> uns selbst sitzt, das<br />

regt uns nicht auf.“ Ohne die oft zu engen Vorstellungen, wie etwas zu se<strong>in</strong> hat,<br />

loszulassen, ohne Zulassen, ohne Durchlässigkeit können wir kreative,<br />

ungewöhnliche Lösungen <strong>der</strong> Klienten nicht unterstützen und begleiten.<br />

Immer, wenn wir beson<strong>der</strong>s starke Gefühle haben, sei es Kränkung, Angst, Freude<br />

o<strong>der</strong> Sehnsucht, s<strong>in</strong>d wir sehr nahe an unseren Basiswerten. Auch „negative“<br />

Gefühle wie Wut, Neid o<strong>der</strong> Konkurrenz, Maßlosigkeit, gehören dazu. Hesse me<strong>in</strong>t:<br />

„Ohne das Tier <strong>in</strong> uns s<strong>in</strong>d wir kastrierte Engel“. Nochmals: All diese Gefühle<br />

bewusst wahrzunehmen, zu orten, sie <strong>in</strong> Auszeiten zu reflektieren, bietet e<strong>in</strong>e Art<br />

Leitsystem zu unserem eigenen, tiefer liegenden Wertekanon. Dieser bildet<br />

wie<strong>der</strong>um Pflöcke und Stützen für unsere Identität, kann aber auch Korsett und<br />

Gefängnis se<strong>in</strong>.<br />

Alles, was uns emotional beson<strong>der</strong>s bewegt, zeigt uns das Tor zu tieferen<br />

Persönlichkeitsschichten, br<strong>in</strong>gt aber auch Impulse mit sich, uns zu verän<strong>der</strong>n, neue<br />

Wege zu sehen o<strong>der</strong> zu gehen. Thomas Keller, unser Kollege, bezeichnet das als<br />

„bewegende Momente“, als Augenblicke, die berühren und <strong>in</strong> denen sich dadurch<br />

etwas bewegt.<br />

Man kann diese Grundhaltung auch mit Gelassenheit (Königswieser, 1992)<br />

umschreiben. Es geht um e<strong>in</strong> Loslassen-können von fixen Vorstellungen, davon, was


glücklich macht, von bestimmten Zielen, starren Urteilen, bl<strong>in</strong>den Fixierungen, aber<br />

gleichzeitig um e<strong>in</strong> Zulassen-können von beängstigend Neuem, von chaotischen,<br />

unlogischen Herausfor<strong>der</strong>ungen. Sie ist e<strong>in</strong>e schwer erklärbare Form von aktiver<br />

Passivität, ist Oszillieren statt „straight forward“ Agieren.<br />

Wir möchten nochmals zum <strong>Haltung</strong>s-Basiselement „Wertschätzung“ zurückkehren.<br />

Im Kern steckt h<strong>in</strong>ter <strong>der</strong> wertschätzenden <strong>Haltung</strong> e<strong>in</strong> tiefsitzendes Bedürfnis des<br />

Menschen nach Anerkennung, nach Wahrgenommen werden <strong>in</strong> se<strong>in</strong>er Existenz und<br />

se<strong>in</strong>em So-Se<strong>in</strong>.<br />

Der Philosoph Hegel schreibt <strong>in</strong> den Jenaer Schriften über „Anerkennung“:<br />

„Dieser Prozess <strong>der</strong> Anerkennung vollzieht sich, <strong>in</strong>dem wir den An<strong>der</strong>en als e<strong>in</strong>en <strong>in</strong><br />

se<strong>in</strong>er Totalität uns selbst Vergleichbaren <strong>in</strong> unser Bewusstse<strong>in</strong> aufnehmen und<br />

dar<strong>in</strong> „aufheben““.<br />

Und weiter: „Warum ist uns dieses Anerkanntse<strong>in</strong> so wichtig, warum empf<strong>in</strong>det<br />

jemand solche „Begierde“? Um, so Hegel, „… se<strong>in</strong> Selbstgefühl sich zu geben…“<br />

Offenbar ist es nicht nur e<strong>in</strong>e Voraussetzung dafür, dass wir mit den an<strong>der</strong>en <strong>in</strong><br />

Frieden leben können, son<strong>der</strong>n auch dafür, e<strong>in</strong> gutes Verhältnis zu uns selbst<br />

herzustellen und zu unterhalten, also zufrieden zu leben.<br />

Hegel unterscheidet drei Bereiche:<br />

• Die Liebe <strong>in</strong> Freundschaft, Partnerschaft und Familie als „das unmittelbare<br />

Anerkanntse<strong>in</strong>“.<br />

• Ehre, Respekt, Wertschätzung unter den Mitglie<strong>der</strong>n e<strong>in</strong>er Gesellschaft:<br />

„Je<strong>der</strong> will dem An<strong>der</strong>en gelten; es ist Jedem Zweck, im An<strong>der</strong>en sich<br />

anzuschaun.“<br />

• Das Recht, „dies allgeme<strong>in</strong>e abstrakte Anerkanntse<strong>in</strong>“ im H<strong>in</strong>blick auf uns als<br />

Staatsbürger.<br />

Er führt weiter aus: „Uns ist e<strong>in</strong> starkes Streben – gewissermaßen e<strong>in</strong> Hunger – nach<br />

„Anerkanntse<strong>in</strong>“ zu eigen. Dies bezieht sich nicht nur auf den Erhalt unseres Lebens,<br />

auf unsere Fähigkeiten, auf Arbeit und Besitz, son<strong>der</strong>n auf alles, was unsere Person


ausmacht. Verweigert o<strong>der</strong> kündigt e<strong>in</strong> uns „nahe-stehen<strong>der</strong>“ Mensch auch nur e<strong>in</strong>en<br />

Teil dessen, was uns bedeutsam ist, s<strong>in</strong>d wir empört, fühlen uns verletzt, gekränkt,<br />

außer uns, erregt, beleidigt, gereizt und wir versuchen, die volle Anerkennung<br />

wie<strong>der</strong>herzustellen o<strong>der</strong> sonst e<strong>in</strong>en Ausgleich zu erlangen. Wenn dies missl<strong>in</strong>gt,<br />

können dauerhafte Ressentiments entstehen und unser weiteres Leben, unsere<br />

Beziehungen überschatten. (Vgl.: Keller / Schrung, 2004).<br />

Das Konzept <strong>der</strong> „appreciative <strong>in</strong>quiry“ (Cooperri<strong>der</strong> / Whitney, 1999) stellt dieses<br />

menschliche Ur-Bedürfnis <strong>in</strong> den Mittelpunkt. Auch George H. Mead argumentiert mit<br />

se<strong>in</strong>em Anerkennungsmodell, dass Subjekte nur dann zu e<strong>in</strong>er kommunikativen<br />

Verständigung <strong>in</strong> <strong>der</strong> Lage s<strong>in</strong>d, wenn sie sich wechselseitig <strong>in</strong> die Lage des An<strong>der</strong>en<br />

versetzen können (Mead, 1980 / 1983).<br />

Aus <strong>der</strong> Perspektive des „Zivilisationsprozesses“ (Elias, 2001) gesehen, ist das<br />

allerd<strong>in</strong>gs nicht so selbstverständlich: Der Stärkere hat den Schwächeren als<br />

Sklaven gehalten und nicht als gleichwertig anerkannt.<br />

Immer dann, wenn wir uns nicht anerkannt fühlen, unsere Identität damit <strong>in</strong> Frage<br />

gestellt wird, kommt es zu Kränkungen, Verletzungen, Konflikten.<br />

Lernen, Bewegung und Verän<strong>der</strong>ung sche<strong>in</strong>t paradoxerweise leichter möglich, wenn<br />

man als Person o<strong>der</strong> auch als Unternehmen im Wesentlichen verstanden, anerkannt<br />

und respektiert wird, als wenn man Abwertung und Verän<strong>der</strong>ungsdruck erfährt.<br />

Paradoxie und <strong>Haltung</strong>:<br />

Als roten Faden, <strong>der</strong> sich durch die Bil<strong>der</strong>, Werte und E<strong>in</strong>stellungen, die systemische<br />

<strong>Haltung</strong> ausmachen, zieht, begegnen wir immer wie<strong>der</strong> Paradoxien und<br />

Wi<strong>der</strong>sprüchen. Die Fähigkeit, gegensätzliche Pole <strong>in</strong>tegrieren, ausbalancieren zu<br />

können bzw. sich zwischen ihnen je nach Situation adäquat zu bewegen, sie<br />

gleichzeitig im Blick zu haben, macht e<strong>in</strong>e differenzierte, systemische<br />

<strong>Beratung</strong>sprofessionalität aus.


Es geht vor allem um die folgenden Dimensionen:<br />

• Reflexion, Lernen aus Feedback bei gleichzeitiger Spontaneität, Intuition<br />

• Selbstbewusstse<strong>in</strong>, bei gleichzeitiger Bescheidenheit<br />

• Lernen, Forschen, Entdecken, Neugierde, Nichtwissen bei gleichzeitig klar<br />

vertretenen Metanormen, Abgrenzungen, Wissen und Positionierung auf <strong>der</strong><br />

Prozessebene<br />

• Betroffense<strong>in</strong>, Engagement bei gleichzeitigem Distanz-wahren-können,<br />

Gelassenheit<br />

• Verantwortungsgefühl und Spaß an Spielerischem<br />

• Sicherheit geben und gleichzeitig auch konstruktiv irritieren<br />

• sowohl harte Fakten als weiche Faktoren e<strong>in</strong>beziehen<br />

• Verän<strong>der</strong>n und gleichzeitig Bewahren<br />

• Entschleunigung bei gleichzeitiger Effizienz<br />

Kann e<strong>in</strong>e <strong>Haltung</strong> klar se<strong>in</strong>, die sich nur über Wi<strong>der</strong>spruchspaare beschreiben lässt,<br />

die je nach Situation die e<strong>in</strong>e o<strong>der</strong> die an<strong>der</strong>e Seite stärker betont, ja sogar<br />

gleichzeitig zum Ausdruck kommen lässt? Müssen Paradoxien nicht verunsichern,<br />

suggerieren sie nicht Ausweglosigkeit?<br />

Die Fähigkeit mit Unsicherheit, Gleichzeitigkeit, Komplexität und Wi<strong>der</strong>spruch<br />

umgehen zu können, ist nicht nur für Manager, son<strong>der</strong>n auch für uns Berater von<br />

zentraler Bedeutung, denn das Leben selbst besteht aus Paradoxien: Ohne<br />

Scheitern ke<strong>in</strong>e Reife, ohne Probleme ke<strong>in</strong>e Lösung, das Beenden von D<strong>in</strong>gen<br />

schafft Platz für Neues.<br />

Der Evolutionstheoretiker Rupert Riedl macht bewusst, dass wir fortwährend<br />

Nachteile <strong>in</strong> Kauf nehmen müssen, um uns weiterentwickeln zu können. Se<strong>in</strong> Lehrer<br />

Ludwig von Bertalanffy, so Riedl, habe gesagt, dass erst mit <strong>der</strong> Vielseitigkeit <strong>der</strong><br />

Tod <strong>in</strong> die Welt gekommen sei, mit dem Nervensystem <strong>der</strong> Schmerz, mit dem


Bewusstse<strong>in</strong> die Angst. Immer habe die Gegenseite e<strong>in</strong>e lebenserhaltende<br />

Bedeutung. (Vgl.: Riedl, 2004)<br />

Dirk Baecker def<strong>in</strong>iert den Experten als „Profi im Identifizieren von Gegensätzen, im<br />

Oszillieren zwischen den Polen“. Nur so kann er se<strong>in</strong> Wissen entwickeln und <strong>in</strong> die<br />

Praxis umzusetzen. Er er<strong>in</strong>nert <strong>in</strong> diesem Kontext an das Zitat von Albert E<strong>in</strong>ste<strong>in</strong>: „In<br />

the middle of difficulty lies opportunity.“ (Baecker: 2006)<br />

Uns gefällt <strong>der</strong> Begriff des „Oszillierens“ deshalb so gut, weil er mehr ausdrückt als<br />

die oft beschworene Balance von Wi<strong>der</strong>sprüchen. Oszillieren ruft das Bild <strong>der</strong><br />

schwimmenden, unbestimmbaren, sich situativ verän<strong>der</strong>nden, kontextbezogenen<br />

H<strong>in</strong>neigung zu e<strong>in</strong>er bestimmten Seite wach. Es ermöglicht die simultane Bewegung<br />

zwischen gegensätzlichen S<strong>in</strong>nrichtungen, die gleichzeitig im Blick s<strong>in</strong>d (Vgl.:<br />

Littmann / Jansen, 2000). Es geht darum, dieses Oszillieren und die damit<br />

verbundene Unsicherheit auszuhalten. Bei dieser Sicht werden nicht vorrangig die<br />

Gegensätze gesehen, son<strong>der</strong>n „<strong>der</strong> enge Zusammenhang des Unterschiedenen.“<br />

(Vgl.: Baecker, 2006)<br />

E<strong>in</strong>es sollte nach diesen Ausführungen klar geworden se<strong>in</strong>: So herausfor<strong>der</strong>nd es ist,<br />

<strong>Haltung</strong> zu beschreiben, so anspruchsvoll und mühsam ist es, an <strong>der</strong> eigenen<br />

<strong>Haltung</strong> <strong>in</strong> e<strong>in</strong>em lebenslangen Prozess zu arbeiten.<br />

Literatur:<br />

Baecker, Dirk (2006, <strong>in</strong> Vorbereitung). Die <strong>Haltung</strong> <strong>der</strong> <strong>systemischen</strong> <strong>Beratung</strong>.<br />

Bourdieu, Pierre. (1974): Der Habitus als Vermittler zwischen Struktur und Praxis. In:<br />

Bourdieu, P. : Zur Soziologie <strong>der</strong> symbolischen Formen. Frankfurt: Suhrkamp, S. 125-158<br />

Cooperri<strong>der</strong>, D. L. & Whitney, D. (1999). Appreciative Inquiry. San Francisco: Berret-Koehler.<br />

Elias, Norbert. (2001): Über den Prozess <strong>der</strong> Zivilisation. Frankfurt: Suhrkamp.<br />

Gabor, A. (2000): The Capitalist Philosophers. New York: Times Books.


Königswieser, Roswita (1992). Gelassenheit. In: Königswieser, Roswita / Lutz, Christian<br />

(1992): Das sytemisch-evolutionäre Management. Der Horizont für Unternehmer. Wien:<br />

Orac.<br />

Königswieser, Roswita (2004): Unhörbares Hören – Anleitung zur Selbstorganisation. In:<br />

Mutius, Bernhard (Hrsg.): Die an<strong>der</strong>e Intelligenz. Wie wir morgen denken werden. Stuttgart:<br />

Klett-Cotta.<br />

Königswieser, Roswita / Hillebrand, Mart<strong>in</strong> (2004): E<strong>in</strong>führung <strong>in</strong> die systemische<br />

Organisationsberatung. Heidelberg: Carl Auer.<br />

Littmann, Peter / Jansen, Stephan, A. (2000): „Oszillodox“, Virtualisierung – die permanente<br />

Neuerf<strong>in</strong>dung <strong>der</strong> Organisation. Stuttgart: Klett-Cotta.<br />

Mead, George H. (1980): Gesammelte Aufsätze. Frankfurt: Suhrkamp.<br />

Keller, Thomas / Schrung, R. (2004): Wertschätzung als Produktivkraft – E<strong>in</strong> Kommentar. In:<br />

Deissler, Klaus / Gergen, G. / Kenneth, J. (Hrsg.): Die wertschätzende Organisation.<br />

Bielefeld: Transcript Verlag.<br />

Riedl, Rupert (2004): Me<strong>in</strong>e Sicht <strong>der</strong> Welt. Wien: Seifert

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