Neue Abstraktion in der aktuellen Malerei - Sebastian Fath ...

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Neue Abstraktion in der aktuellen Malerei - Sebastian Fath ...

Kandinsky insistierte aufgrund seiner theosophisch geprägten

Grundeinstellung, dass Intuition und Subjektivität die Grundlagen der

künstlerischen Arbeit seien. Seine esoterisch angehauchten, von

Verinnerlichung und ‚seelischer Vibration’ bestimmten Kompositionen

verzichten auf erkennbare Gegenstände und räumliche Definitionen. Der

Künstler konzentriert sich statt dessen auf innere Emotionen, die sich in

den Bildern als Farbklänge und Linienakkorde zeigen.

Weitaus wirkungsmächtiger als Kandinskys frühe Versuche in Richtung

Abstraktion war zweifelsohne das „Schwarze Quadrat auf weißem

Grund“ von Kasimir Malewitsch aus dem Jahr 1915 (Malewitsch hatte es

vordatiert auf 1913), mit dem er die Kunstrichtung des Suprematismus

einleitete, bei dem es um die Reduktion auf Grundelemente wie Kreis,

Rechteck und Quadrat ging, also um das Supremat (die Vormacht) der

reinen Form. Malewitsch legte seinem Bildkonzept die russische Ikone

zugrunde, für die gleichermaßen eine Ablehnung der realen Welt

bestimmend ist. Ikonen liefern wie Malewitschs Bilder einen

Gegenentwurf zur Alltagswelt. 1919 zeigte Malewitsch auf der 10.

Staatlichen Ausstellung in Moskau „Weiße Quadrate auf weißem Grund“

und erklärte programmatisch:

„Erst wenn die Gewohnheit verschwunden sein wird, Gemälde als

Darstellungen schöner Naturgegenden, von Madonnen und schamlosen

Venusgestalten aufzufassen, erst dann werden wir ein rein bildnerisches

Kunstwerk erblicken. (...) Ich habe mich selbst in eine Null der Formen

verwandelt und mich aus dem tiefsten Dreckwasser der Akademischen

Kunst herausgefischt.“ 2

Man muss sich vorstellen, wie avantgardistisch einem

kunstinteressierten Besucher solche Gemälde vorgekommen sein

müssen, wenn er gewohnt war, sich die akademische figurative

Salonmalerei anzusehen und nun ein Künstler auf beinahe alles

verzichtet, sozusagen die Malerei auf ihren Nullpunkt herunterdimmt, um

so an die reine unverfälschte Empfindungswelt des Künstlers

heranzureichen (was natürlich eine ideologische Verklärung der reinen

Formen beinhaltet). Auf einmal wird vom Künstler eine Autonomie der

Farben und Formen ins Feld geführt, die es so vormals nicht gab. Die

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