Dr. Walter Beck Rechtsanwalt und Autor im Gespräch mit Florian ...

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Sendung vom 26.10.2004, 20.15 Uhr

Dr. Walter Beck

Rechtsanwalt und Autor

im Gespräch mit Florian Hildebrand

Hildebrand: Willkommen beim Alpha-Forum. Unser Gast im Studio ist heute Professor Beck,

Honorarprofessor, Rechtsanwalt und Schriftsteller. Herr Beck, wo haben Sie Ihre

Kanzlei?

Beck: Grüß Gott, Herr Hildebrand. Ich war bis vor sechs Jahren 28 Jahre lang in

München. Inzwischen habe ich aber den schönen Tegernsee als Wohn- und

Berufsort gewählt und ich habe Niederlassungen in Dresden und in Rosenheim.

Hildebrand: Welche Spezialität haben Sie als Rechtsanwalt?

Beck: Mein erster Fall war ein Baurechtsfall und meine erste große Mandantin war eine

Bauträgergesellschaft. So habe ich mich quasi immer rund um das Grundstück

bewegt: eine wunderschöne Aufgabe, wenn man sieht, wie man Grundstücke

entwickeln kann.

Hildebrand: Sie haben eine Niederlassung in Dresden: Warum gerade in Dresden und warum

nicht in Mecklenburg-Vorpommern oder in Thüringen oder in Berlin?

Beck: Ich wollte die Wiedervereinigung erleben, aber mir war klar: Berlin ist zu groß. Ich

wollte aber auch keine zu kleine Stadt haben: Es sollte in greifbarer Nähe sein, also

bin ich Sachsen und Thüringen abgefahren. Ich habe Dresden gesehen und mein

Eindruck war: Was man aus dieser Stadt alles wieder machen kann, wenn sie erst

renoviert ist! Diese Stadt ist toll. Damals haben zwar noch die Amseln gehustet, weil

die Luft so schlecht war, aber inzwischen singen die Amseln dort wieder.

Hildebrand: Die Niederlassung einer Anwaltskanzlei in Dresden zu gründen, ist das eine, dann

aber gleich über die Sachsen und die Bayern ein dickleibiges Buch zu schreiben, ist

schon noch mal etwas anderes. Ehe wir zu diesem Buch selbst kommen: Wie sind

Sie denn überhaupt zum Schreiben gekommen?

Beck: Ich habe schon in meinem ersten Semester angefangen, mich zwar nicht mit dem

Schreiben, aber immerhin mit der Rhetorik zu beschäftigen. Da ergab es sich dann

immer wieder, dass man die Dinge auch schriftlich niederlegt und überlegt, wie man

eigentlich auch besser schreiben könnte, sodass man anschließend wiederum

besser reden kann. Ich habe meine Doktorarbeit gemacht und war politisch tätig als

Gemeinderat. Ich habe dann gesagt, ich möchte ein Handbuch zur

Gemeinderatssitzung schreiben. Und so hat sich dann dieses Thema immer mehr

entwickelt. Aber ich stelle fest, es ist immer das Gleiche, fast immer passt der Satz,

den einmal ein berühmter Schriftsteller gesagt hat, "Er war Jurist und auch sonst

von mäßigem Verstande", denn man traut den Juristen eigentlich nicht zu, dass sie

vernünftig schreiben können. Aber der Mann, der das geschrieben hat, war Ludwig

Thoma, ein begnadeter Dichter und selbst ein anerkannter Rechtsanwalt. Er hatte in

dieser Kombination in der gesamten Geschichte gute Weggefährten: Martin Luther

war Jurist, Goethe war ebenfalls einige Jahre Rechtsanwalt usw. Die schreibende

Zunft der Anwälte hat sich also, wie ich glaube, doch durchgesetzt in Deutschland.

Hildebrand: Aber es ist doch noch mal etwas anderes, wenn ein Rechtsanwalt, der ja nun


wirklich mitten im Leben steht, in seiner Freizeit in acht Jahren so ein umfangreiches

Buch schreibt. Wieso haben Sie denn gerade ein Buch über die Geschichte und die

Kultur der Verbindung zwischen Bayern und Sachsen geschrieben?

Beck: Dass es acht Jahre lang gedauert hat, ist ganz logisch, weil das eben ein

Freizeitwerk ist. Ich habe während der normalen Woche dafür keine Zeit. Ich

musste nämlich auch sehr viel herumlesen dafür. Das ist zwar ein geschichtlich

orientiertes Buch, aber es ist kein Geschichtsbuch. Es ist ein Buch, das aus unserer

Sicht, also aus der Sicht von Prinz Albert und von mir, eine politische Entwicklung

aufzeigt, die bis in die Gegenwart reicht. Und deswegen hat uns dieses Thema

eben so fasziniert, als wir gesehen haben: Jawohl, es ist wirklich so, wie es der erste

Eindruck nahelegt.

Hildebrand: Sie haben den zweiten Autor gerade schon genannt: Prinz Albert Herzog zu

Sachsen. Wie sind Sie beide denn zusammengekommen und wie ist Ihr

gemeinsames Projekt entstanden?

Beck: Mich hat der sächsische Landtagspräsident Erich Iltgen eines Tages mal

angesprochen. Ich hatte ihm einiges vorbereitet und auf einmal sagte er zu mir: "So

viel Literatur für eine kleine Rede. Machen Sie doch ein Buch daraus!" Ich habe

mich dann mit diesem Thema noch näher beschäftigt. Dann kam ein Mandant zu

mir, der meinte: "Da gibt es den Prinzen Albert, der wohnt in München. Der ist

Historiker, der beschäftigt sich auch sehr intensiv mit diesem Thema." Ich fragte, ob

ich ihn mal anrufen könne. "Kein Problem, das ist ein ganz netter Mensch." Ich habe

mich dann in der Tat mit ihm zusammen gesetzt: Er hat ja neben der Völkerkunde

auch Geschichte studiert und besitzt daher ein sehr umfangreiches Wissen. Wir

saßen also zusammen und überlegten uns, was wir machen sollen. Wir wollten kein

historisches Buch schreiben und deswegen sagte Prinz Albert, dass es vielleicht

besser sei, wenn er bei diesem Buch als Historiker gar nicht erst anfängt zu

schreiben, sondern wenn der Jurist schreibt. So habe ich geschrieben und er hat

mit seinem unglaublich reichen historischen Wissen dazu geholfen, dass die großen

Lücken, die bei mir vorhanden waren, so allmählich aufgefüllt worden sind. Das ist

also eine wunderbare Zusammenarbeit geworden, die sich bis heute als sehr

fruchtbar herausstellt.

Hildebrand: Sie haben es gerade selbst schon gesagt: Das ist kein historisches Buch geworden,

kein Buch eines Historikers. Es hat also keine Anmerkungen und diesen üblichen

wissenschaftlichen Apparat. Nein, das ist ein sehr anschauliches Buch geworden,

anschaulich nicht nur wegen der vielen Abbildungen, die es in diesem Buch gibt,

sondern weil es auch sehr anschaulich geschrieben ist. Ich würde vorschlagen,

dass wir uns nun ein bisschen diesem Buch nähern. Fangen wir doch einfach mal

mit der Titelseite an. Auf der Titelseite finden wir fünf Abbildungen: zwei davon sind

relativ schnell zu identifizieren. Das eine ist der bayerische König Ludwig II. und das

andere ist August der Starke. Die beiden können eigentlich nur sehr wenig

miteinander gemeinsam haben bzw. nur sehr wenig Verbindung miteinander

gehabt haben, denn da liegen doch 150 Jahre dazwischen. Warum sind diese

beiden dennoch sozusagen als Leitfiguren mit auf dem Titel drauf?

Beck: Beide sind Teil der bayerisch-sächsischen Geschichte. August der Starke war ja der

Erste Wettiner, der wieder katholisch geworden ist, um Polen erhalten zu können.

Er hat damals bereits angefangen, die Kontakte nach Bayern so allmählich

auszudehnen. Er hatte einen intensiven Kontakt mit dem damaligen bayerischen

Fürsten Max II. Emanuel. Sie hatten bereits gemeinsam gegen die Türken

gekämpft, sodass das so gesehen die ersten Schritte waren, nachdem Sachsen

wieder katholisch geworden war. Ludwig II. wiederum hatte eine vielfältige

Geschichte in diesem Zusammenhang. Er hatte nicht nur eine Großmutter, die aus

Sachsen stammte, Theresia von Sachsen-Hildburghausen, sondern er hatte

darüber hinaus sehr viel mit den Sachsen, nämlich mit den Malern und Dichtern von

dort, zu tun. Aus diesem Grund haben sich diese beiden angeboten, auf das

Titelblatt zu kommen.

Hildebrand: Nun gibt es aber noch drei weitere Abbildungen: Wenn Sie darauf vielleicht jeweils


kurz darauf eingehen würden.

Beck: Sie sehen links unten Carl Maria von Weber: Er ist gewissermaßen der Gründer der

deutschen Oper, hat eine bayerische Mutter und hat sich zwischen Bayern und

Sachsen sehr intensiv entfaltet. Zwischen Weber und Ludwig II. kann man den

Nautiluspokal sehen: Das ist ein Werk des Bildhauers Balthasar Permoser, ein

Mann, der in Traunstein geboren ist. Er war der größte Barockbildhauer

Deutschlands, ist aber in Bayern weitgehend unbekannt, weil er sich im Laufe

seines Lebens in Sachsen entfaltet hat. Mir war es wichtig, darauf hinzuweisen,

dass dieser zentrale Bildhauer Deutschlands, der ja wunderschöne Werke gemacht

hat, auch einmal in den Vordergrund gerückt wird – jedenfalls in Bayern. Und

darüber sieht man nun den Schnorr von Carolsfeld mit einem Ausschnitt aus den

Nibelungensälen: Man kennt sie in München fast nicht, obwohl sie direkt neben der

Oper einsehbar sind. Schnorr von Carolsfeld hatte ganz wesentlichen Einfluss auf

Ludwig II. Dieser Einfluss wird jedoch fast nirgendwo erwähnt. Deshalb habe ich

gemeint, dass man auch das mal betonen müsste, nachdem er ja auch Sachse

war.

Hildebrand: Lassen Sie uns doch ein bisschen in die Geschichte zurückgehen. Machen wir

zunächst einmal einen ganz großen Schritt zurück an die Anfänge der Dynastien in

Bayern wie in Sachsen. In Ihrem Buch habe ich ein schönes Zitat gefunden:

"Bayern jubelt im Triumph / Das tapfere Franken muss dienen / Nach

niedergeworfener Untreue muss Schwaben den Hals beugen / Die Hand reicht

Lothringen / Auch Thüringen ist treu / Das kriegserfahrene Sachsen eilt herbei, um

sich zu unterwerfen." Das klingt ja nach einer sehr erfolgreichen bayerischen

Bundesratsinitiative, obwohl sich das Zitat auf ein Ereignis bezieht, das etwas früher

in der Geschichte stattfand. Dieses Gedicht ist nämlich sehr alt. Worauf nimmt es

denn Bezug?

Beck: Es ist 1000 Jahre alt und ich fand es so herrlich, dass ich es unbedingt in mein Buch

einbauen musste. Es ist geschrieben worden, als Heinrich II. König wurde: Er zählt

zwar nicht mehr aus heutiger Sicht, aber eben aus damaliger Sicht als

Sachsenkaiser. Das damalige Sachsen erstreckte sich nämlich mehr in Richtung

Niedersachsen, während das heutige Sachsen einen anderen geographischen

Landstrich beinhaltet.

Hildebrand: Was hat das nun für einen Bezug zu Bayern?

Beck: Wir haben in diesem Buch die so genannten Sachsenkaiser aufgenommen, weil

erstens deren Verwandte dann auch in Bayern saßen, z. B. der Bruder Heinrichs II.,

des Heiligen, war in Regensburg. Und Heinrich II. war selbst auch oft in

Regensburg: Die Regensburger haben sich damals immer ein wenig lustig gemacht

über den eigenwilligen Dialekt ihrer Herrscher. Aber unter dem heutigen Sachsen-

Gesichtspunkt hatten sie keinen Einfluss. Aus heutiger Sicht waren das eben keine

Sachsen. Sie werden aber überall als Sachsenkaiser angeführt: Also war es

erforderlich, darauf hinzuweisen, dass diese Sachsenkaiser im strengen Sinne nicht

diejenigen Kaiser und Personen sind, von denen wir heute sprechen, wenn wir

Sachsen meinen.

Hildebrand: Das war ja wohl eine Zeit, in der in Bayern noch nicht die Wittelsbacher regierten?

Beck: Das stimmt, die Wittelsbacher kamen erst nach dem "Sachsen" Heinrich dem

Löwen. Aus heutiger Sicht war das freilich eher ein Niedersachse: Er hatte seine

Macht missbraucht und war deshalb vom Kaiser geächtet worden.

Hildebrand: In Ihrem Buch habe ich ein wunderschönes Zitat über die Wittelsbacher gelesen,

das mir fast noch besser gefallen hat als das vorherige: "Es ist kaum ein Mann oder

eine Frau darunter, die nicht offene Gewalttätigkeit üben oder vom Diebstahl und

Straßenraub leben oder durch Betteln ihr trauriges Dasein fristen." Das sagt der

Freisinger Bischof über die frühen Wittelsbacher. Wie ist es denn zu dieser

Äußerung gekommen? Hat das irgendetwas mit Sachsen zu tun?

Beck: Die Grafen von Scheyern waren schon damals sehr eroberungslustig und die

Kirche war ebenfalls bereits sehr reich, sodass es da ständig Scharmützel gegeben


hat zwischen den beiden. Auf diese Unverträglichkeiten zwischen Kirche und Welt

hat der Bischof Bezug genommen.

Hildebrand: Sehr merkwürdig ist ja, dass Sachsen und Bayern den gleichen "Nationalheiligen"

haben, nämlich den heiligen Benno. Wie ist denn das zustande gekommen?

Beck: Das ist ein ganz besonderes Kapitel. Der heilige Benno ist vor fast 900 Jahren

gestorben: 2006 ist sein 900. Todestag. Er war Bischof von Meißen und als er im

Jahr 1006 gestorben ist, hatte er zu München natürlich keinen Bezug: München war

damals zwar bereits von den Tegernseer Mönchen besiedelt worden, aber so

richtig ins Leben gerufen wurde München doch Heinrich den Löwen 150 Jahre

später. Entscheidend für den Heiligen Benno, obwohl er bereits lange tot war,

wurde witzigerweise Martin Luther. Luther wurde geschützt vom Sohn einer

Wittelsbacherin, nämlich vom sächsischen Kurfürsten Friedrich dem Weisen. Weil

dieser Teil Sachsens die Evangelischen so stark unterstützt hat, wollte der andere

Teil Sachsens – Sachsen war inzwischen geteilt – unbedingt ein "Gegenmittel"

gegen Luther. Dieser andere Teil Sachsens stand unter katholischer Regie unter

dem Herzog Georg dem Bärtigen. Sie hatten schon jahrzehntelang um einen

Heiligen gekämpft: Sachsen brauchte unbedingt einen Heiligen! Jetzt war Luther die

geeignete Möglichkeit. Die Sachsen haben durch viele tausend Gulden noch etwas

die Kirche unterstützt und dann ist Benno ganz blitzartig heilig gesprochen worden.

Plötzlich war er also 1523 der heilige Benno. Das war wunderschön und er hat auch

die Gläubigen herrlich angezogen in das katholische Sachsen. Dann starb aber

Georg der Bärtige, sein Nachfolger war Heinrich der Fromme, sein Bruder: Dieser

war aber wieder evangelisch. "Pfui Teufel", hieß es dann in Sachsen: "Ein

katholischer Heiliger in meinem Sachsen, das kann doch nicht sein!" Also wurde

Benno ausgegliedert und kam auf Umwegen nach Bayern. Aber dass er

ausgerechnet nach Bayern gekommen ist, hatte seinen Grund wiederum darin,

dass sich der spätere Herrscher in Sachsen, August, und sein Pendant in Bayern,

der Herzog Albrecht, sehr gut verstanden haben. Sie haben sich z. T. wöchentlich

Briefe geschrieben! So ist also Benno in München gelandet und in München mit

großem Jubel und einem Fest empfangen worden. Das war beinahe so, als wäre

der TSV 1860 München plötzlich Deutscher Meister geworden.

Hildebrand: Das ist eine verzwickte Geschichte gewesen. Ich habe noch eine merkwürdige

Geschichte in Ihrem Buch entdeckt, die man nicht so ohne Weiteres als bekannt

voraussetzen kann: Die berühmte Landshuter Hochzeit hat ebenfalls sächsische

Gründe.

Beck: Der Sohn, Georg der Reiche, war der Sohn der Sächsin Anna, also der

Kurfürstentochter von Sachsen. Die Bayern und die Sachsen waren zu dieser Zeit

bereits sehr intensiv miteinander verschwägert. Denn ein Jahr vorher hatte bereits

die Tochter geheiratet. Sie waren wiederum mit den Sachsen aus dem damaligen

Ernestinischen Sachsen verwandt. Aus diesem Grund kamen damals also Bayern

und Sachsen ständig zusammen und hatten ständig untereinander Kontakt.

Hildebrand: Wir wollen mal versuchen, die ganze Sache noch ein bisschen komplizierter zu

machen: Diese dynastischen Verwicklungen sind ja wirklich ein eigenes Kapitel.

Beck: Ja, ein schwieriges.

Hildebrand: Da haben Sie sich vermutlich sehr hineinwühlen müssen. Wann war denn der

dynastische Austausch zwischen den Wettinern in Sachsen und den

Wittelsbachern in Bayern am intensivsten?

Beck: Das war, nachdem August der Starke wieder katholisch geworden war: Von da an

mussten dann halt die Herrscher katholisch heiraten. In Deutschland war da aber

die Auswahl nicht mehr so groß. Und von den damals existierenden

Herrscherhäusern war dann eben neben den Österreichern das wichtigste und

bedeutendste Herrscherhaus dasjenige der Wittelsbacher in Bayern. Die Sachsen

und die Bayern hatten sich ja bereits vorher gut verstanden, sodass das dann im

18. Jahrhundert mit dem Sohn von August dem Starken und dem Sohn von Max II.

Emanuel so richtig anfing. Die beiden haben zwar noch österreichische


Prinzessinnen geheiratet, waren aber ansonsten bereits dick verschwägert

miteinander. Ihre Kinder haben dann eine Doppelhochzeit gefeiert: Das bayerische

Geschwisterpaar hat also das sächsische Geschwisterpaar geheiratet. Und deren

Kinder haben ebenfalls wieder Wittelsbacher aus der Pfalz geheiratet. Bis zum

Ende des 19. Jahrhunderts haben dann ständig Vertreter des bayerischen und

sächsischen Herrscherhauses untereinander geheiratet.

Hildebrand: Nehmen wir uns doch mal eine dieser Verbindungen heraus, die nicht ganz

unpikant ist: Kurfürst Karl Theodor von Pfalz-Bayern war 71 Jahre alt, als der die 17jährige

österreichische Erzherzogin Maria Leopoldine heiratete. Das war ein

Altersunterschied von immerhin 52 Jahren. Wahrscheinlich war das ziemlich

gefährlich für den älteren Gatten. War das auch gefährlich für Bayern?

Beck: Das war sehr gefährlich für Bayern, dies aber aus anderen Gründen. Karl-Theodor

wollte nämlich ursprünglich Bayern gegen sein eigenes Königreich tauschen. Er

hatte selbst keine eigenen legitimen Kinder und wollte daher unbedingt vermeiden,

dass der Rest seiner Verwandtschaft, also die heutigen Wittelsbacher, Bayern

erben würden: Durch den existierenden Erbvertrag wäre es nämlich so gekommen,

wie es dann tatsächlich auch gekommen ist. Als seine erste Frau verstarb, war er

bereits 71 Jahre alt. Und er brauchte doch immer noch dringend eigenen

Nachwuchs, den er bis dahin, wie gesagt, nicht hatte. Die Österreicher sahen darin

natürlich wieder einmal eine Chance, Bayern quasi erobern zu können, und sei es

auch nur durch die Geburt eines Nachfolgers. Also haben sie die arme 17-jährige

Prinzessin Maria Leopoldine, wie man fast sagen muss, dazu verurteilt, den alten,

herzkranken und auch sonst nicht wirklich gesunden Karl Theodor zu heiraten. Sie

hat sich aber gesagt: "Gott sei Dank, dass der schon so alt ist!" Und so hat sie ihn

schon sehr bald mehr oder weniger auf offener Szene und auch ohne ein

Geheimnis daraus zu machen, mehrmals hintergangen.

Hildebrand: Darüber haben sich die Leute natürlich mokiert.

Beck: Ja, die Leute haben sich mokiert darüber und die Pfälzer Wittelsbacher wiederum

haben sich darüber natürlich sehr gefreut. Der spätere Erbe Max IV. Joseph, der

erste bayerische König, hatte nach niemals widerrufenen Erklärungen, wie es so

schön heißt, ebenfalls ein zartes Verhältnis mit dieser Maria Leopoldine. Sie hat

jedenfalls immer zu ihm und nie zu den Österreichern, also zu ihren eigenen

Verwandten, gehalten. Das muss man sich mal vorstellen! Karl Theodor selbst lag

am Schluss auf seinem Sterbebett und es kam der österreichische Gesandte mit

einem fertig formulierten Tauschvertrag, in dem es geheißen hat: "Du bekommst die

Niederlande, wir Österreicher bekommen Bayern!" Maria Leopoldine hat diesem

Gesandten aber den Zutritt zum Krankenzimmer verwehrt, obwohl der Vertrag auf

österreichischer Seite bereits signiert gewesen war. Ihr Gatte hätte nur noch

unterschreiben müssen. Dies hat sie jedoch verhindert und dadurch sind die

heutigen Wittelsbacher die Erben geworden.

Hildebrand: Lassen Sie uns mit dieser schönen Geschichte das dynastische Kapitel Ihres

Buches abschließen. Ich möchte jedoch noch auf ein Geschichtsurteil zu sprechen

kommen, das immer wieder erwähnt wird. Sie haben mich in unserem Vorgespräch

darauf hingewiesen, dieses Urteil besage nämlich, dass Bayern und Sachsen

immer gemeinsam in den Krieg gezogen seien: dies allerdings immer auf der

falschen Seite, nämlich auf der Seite der Verlierer. Nun muss das ja aus kulturellen

Gründen kein Fehler sein, aber stimmt denn dieses Urteil überhaupt geschichtlichpolitisch?

Beck: Meiner Meinung nach stimmt es nicht. Die Bayern und die Sachsen waren auf der

Verliererseite während der Schlesischen Kriege. Als dann Bismarck 1866 die

Zwangseinigung von Deutschland erreichte, waren sie ebenfalls beide auf der

Verliererseite. Aber während vieler Jahre vorher waren Bayern und Sachsen

eigentlich immer auf der Gewinnerseite gestanden: Im Dreißigjährigen Krieg waren

die Sachsen – mit der Ausnahme eines kleinen Ausrutschers – immer auf der Seite

des Kaisers gestanden. Auch später während der Türkenkriege haben Bayern und

Sachsen auf der Gewinnerseite gekämpft. Im Krieg von 1870 waren sie ebenfalls


auf der Gewinnerseite. Die Weltkriege kann man dann natürlich nicht mehr

mitzählen, da kann man innerhalb Deutschlands von Seiten nicht mehr reden.

Hildebrand: Lassen Sie uns doch einen kleinen Ausflug in die Kultur machen und dort mit einem

Zitat beginnen, das ich bei Ihnen gefunden habe. "Wir Sachsen haben in Berlin

einen eigenen Stammtisch. Dort kommen täglich alle Münchner zusammen." Das

klingt doch schon irgendwie ein bisschen merkwürdig. "Und dort wird erzählt von

diesem und von jenem, von jenem weniger, dafür öfters von diesem." Dies ist

tatsächlich von einem Bayern geschrieben worden. Wie kommt denn dieser Bayer

dazu solche Sätze zu schreiben? Es kommt ja eigentlich überhaupt nur ein Bayer in

Frage, der solche Sätze schreiben kann.

Beck: Es kommt in der Tat nur ein Bayer in Frage. Er hat diesen Satz geschrieben, weil er

eine Mutter aus Sachsen hatte, nämlich aus Zittau. Dies war der Karl Valentin. Ich

muss aber ehrlicherweise sagen, dass ich den Karl Valentin nur deshalb

aufgenommen habe, weil der frühere Außenminister Genscher, wenn er in Bayern

ist, gerne die Verbindung Bayerns nach Sachsen und den Karl Valentin erwähnt.

Aber der Karl Valentin hat sonst nur wenige Äußerungen getan, in denen er sich

konkret über die Sachsen ausgelassen hätte. Eine Ausnahme gab es allerdings

noch, denn er hat einmal gesagt, und auch das muss man ja erwähnen: "Bin i froh,

dass i koa Sachs ned bin, sonst müassat i statt Bier an Blümschengafe trinken!"

Hildebrand: Ein anderer Sachse von der schreibenden Zunft landete später ebenfalls in

München: Ich habe ihn selbst noch in meiner Studentenzeit erlebt. Ich habe ihn

damals öfter mal auf der Leopoldstraße in der "Gaststätte Leopold" sitzen sehen,

meistens mit einem Glas Rotwein vor sich. Er war ein Mann, der in den dreißiger

Jahren sehr berühmt geworden war durch seine Kinderbücher. Ich meine natürlich

den Erich Kästner. Er hat dann ja nach dem Krieg, als er in München gelebt hat,

eigentlich seine ruhmreichste Zeit erlebt. Er war aber, wie ich glaube, dabei doch

unglücklicher als vorher.

Beck: Erich Kästner war leidenschaftlicher Berliner und ein Mann, der sein Dresden

ebenfalls immer geliebt hat. Weil er miterleben musste, was aus Deutschland

geworden war, kann man durchaus verstehen, dass er zudem nicht so wahnsinnig

begeistert davon gewesen ist, in einer Stadt leben zu müssen, in der er eigentlich

nicht leben wollte. Das muss man schon so offen sagen können. Er hat ja auch

viele Anfechtungen und Anfeindungen erlebt, weil er während des Naziregimes

nicht geflohen war. All das hat sich bei ihm natürlich unglaublich vermengt: Seine

produktivste Zeit war zweifelsohne seine Berliner Zeit gewesen. Er hat also von

seiner Vergangenheit gezehrt und deswegen kann man schon verstehen, dass er

nicht immer nur frohen Herzens gewesen ist.

Hildebrand: Er hatte sozusagen ein berühmtes Austragsstüberl in München.

Beck: Er hat halt Deutschland gesehen und war nicht glücklich, das kann man verstehen.

Hildebrand: Ja. Einen anderen Schriftsteller kennt jeder und jeder weiß auch von ihm, dass er

Sachse ist: Das ist Karl May. Das Besondere an Karl May war aber, wie ich gelesen

haben, dass sein Werk – von dem man ja weiß, dass es in sehr viele Sprachen

übersetzt worden ist und bis heute eine unglaublich hohe Auflagenzahl erreicht hat

– beinahe verloren gegangen wäre, wäre ihm nicht post mortem ein Bayer zu Hilfe

gekommen.

Beck: Es war so: Weil ihn zwei bayerische Prinzessinnen sehr geliebt haben, wurde er

eines Tages von der späteren Königinmutter zu einem Besuch in der Residenz

eingeladen. Man muss bedenken, dass der Karl May in seinen frühen Jahren ja

auch schon mal im Gefängnis gesessen hatte: Das war daher schon eine

unglaubliche Ehre für ihn. Er hat dann auch Ludwig II. als Romanfigur genommen

und um ihn herum geschrieben. Aber gerettet wurde sein Werk in der Tat durch den

Bamberger Dr. Euchar Schmid, der ähnlich wie Karl May fast blind war, sich dann

aber nach Radebeul begeben hat, weil ihn Mays Witwe dorthin gerufen hatte. Erst

er hat dann eigentlich alle Rechte zusammengesammelt und mit einer

unglaublichen Energie und mit großem Erfolg Karl May weltweit berühmt gemacht.


Es sind bis heute, das muss man sich einmal vorstellen, weltweit über 100 Millionen

Bücher von Karl May verkauft worden. Viele haben ihn verdammt im Laufe der Zeit,

aber inzwischen ist er fast überall wieder anerkannt als einer, der wirklich für die

Jugend, der wirklich aufbauend geschrieben hat.

Hildebrand: Sie haben gerade gesagt, Karl May hätte auch ein Buch um Ludwig II. herum

geschrieben. Was war denn das für ein Buch?

Beck: Das ist das Buch "Miramare": Es geht darin um Geschichten, die Ludwig II. erlebt

haben soll. Ich habe dieses Buch natürlich gelesen und ich muss sagen, er hat nicht

so ganz den Sprechstil von Ludwig II. erwischt darin. Aber es ist ganz nett zu lesen.

Hildebrand: Damit haben Sie mir nun den Übergang zu Ludwig II. erleichtert. Ludwig II. hatte

nämlich verschiedentlich mit Sachsen zu tun. Dies hatte wiederum mit seiner sehr

späten romantischen Liebe zum Mittelalter und zur deutschen Sage zu tun. Auf der

Hand liegt hier natürlich ein Name, nämlich klarerweise der Name von Richard

Wagner. Weniger auf der Hand liegt, obwohl man das ja an den Schlössern sehen

kann, ein anderer Name: Sie hatten ihn vorhin bereits erwähnt, als wir über den Titel

Ihres Buches gesprochen haben, das ist der Schnorr von Carolsfeld. Inwieweit hat

denn dieser Schnorr von Carolsfeld die Imaginationskraft von Ludwig II. beflügelt?

Beck: Schnorr von Carolsfeld war von seinem Großvater, nämlich von Ludwig I., nach

München geholt worden. Sein erster Großauftrag bestand darin, die Kaisersäle in

der Residenz auszumalen. Leider sind diese Säle im Krieg zerstört worden.

Hildebrand: Gehört da dieses Bild "Kriemhilds Tod" auch bereits mit dazu?

Beck: Nein, nein, das war dann sein zweiter großer Auftrag, nämlich die Nibelungensäle

auszumalen. Wenn man zur Oper geht, dann sieht man gleich links fünf Säle mit

diesen Bildern. Es geht allerdings kaum jemand dort hinein, weil man durch diesen

Haupteingang fast immer direkt in die Residenz geht. Dort hat der Schnorr von

Carolsfeld also zu malen angefangen. Man muss sich überlegen, dass der junge

Ludwig II. sicherlich als Kleinkind bereits durch diese Residenz gelaufen ist: Er hat

dabei erlebt, wie in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts diese Bilder an die

Wand gemalt worden sind. Auf diesen Bildern ist z. B. der Hagen zu sehen: Er ist

auf dem Bild fast zwei Meter groß und man kann sehen, wie er gerade den

Siegfried tötet. Klein-Ludwig ist vermutlich immer durch die Farbtöpfe gelaufen und

hat gesehen, wie diese Bilder an der Wand emporwachsen. Der Schnorr von

Carolsfeld war ein unglaublich genauer und präziser Maler: Er hatte sich vorher

genau erkundigt und nachgelesen, wie diese Sachen gemalt werden müssen. Er

wird sich also vermutlich mit Klein-Ludwig auch unterhalten haben. Als dann der

gleiche Ludwig bald darauf die Textbücher von Richard Wagner bekommen hat und

dessen Musik zum Nibelungenlied, ist wohl klar, dass das für ihn, der ja immer

schon eine sehr phantasiereicher Junge gewesen ist, eine Fabelwelt gewesen ist,

die ihn von seiner frühesten Kindheit an begleitet hatte – eben bis zu dem Moment,

in dem er Richard Wagner getroffen hat. Das muss ihn unglaublich beeindruckt

haben.

Hildebrand: Carolsfeld gehörte ja einer Generation von Malern an, die sehr dekorativ gemalt

haben. Er war weiß Gott kein Neuerer, wie es damals wohl überhaupt nur wenige

Neuerer gegeben hat. Aber er hat eben sehr illustrativ gemalt: Man konnte sich also

mit seinen Bildern sehr stark in diese Zeit hineinversetzen.

Beck: Ja, er hat sehr plastisch gemalt.

Hildebrand: Aus der deutschen Heldensage hatte ich ja das Bild "Kriemhilds Tod" bereits

angesprochen: Er hat dabei z. T. schon sehr drastisch gezeigt, wie blutig eigentlich

die deutsche Heldensage gewesen ist. Sie hatten nun bereits einen weiteren

Namen erwähnt, nämlich Richard Wagner. Man weiß natürlich, dass Ludwig II.

Richard Wagner nach München geholt hat. Aber Richard Wagner war ja durchaus

bereits vorher schon in Bayern gewesen.

Beck: Das ist eben das, was auch mir aufgefallen ist. Als 20-Jähriger, also im Jahr 1833,

denn Wagner ist ja im Jahr der Völkerschlacht, im Jahr 1813 geboren, ist er über


seinen Bruder nach Würzburg gerufen worden. Er war dort als Kurdirektor

zuständig für den Sommerbetrieb. Er hat dann aber gleich, kaum war er in

Würzburg, mit seiner ersten Oper angefangen: "Die Feen". Dort hat er also seinen

Kompositionsstil entwickelt: Er war fast ein ganz Jahr in Würzburg, bis diese Oper

dann fertiggeschrieben war. Zu Wagners Lebzeiten ist diese Oper jedoch nie

komplett aufgeführt worden.

Hildebrand: Sprechen wir doch jetzt mal ein bisschen von einer Uraufführung einer sehr

berühmten Oper von Wagner, nämlich über "Tristan und Isolde". Diese

Uraufführung sollte ja ursprünglich in Wien stattfinden, hat dann aber in München

stattgefunden. Bei dieser Uraufführung haben sich die Sachsen in München ja

geradezu auf die Füße getreten.

Beck: So kann man das sagen. Diese Oper und diese Uraufführung war wirklich etwas

Besonders. Wagner hatte diese Oper geschrieben und dazu immer gesagt: "Ich

schreibe eine Oper der Liebe, weil ich Liebe nie erlebt habe!" Dann kam es eben zu

dieser Uraufführung in München, weil sie in Wien als unsingbar abgelehnt worden

war. Diese Oper über die Liebe zwischen Mann und Frau ist dann also hier in

München für einen König aufgeführt worden, der ja nicht dafür bekannt gewesen ist,

dass er selbst die Liebe zwischen Mann und Frau besonders pflegen würde. Der

Dirigent war Hans von Bülow. Wagner hat von Bülow dessen Frau, die Cosima,

ausgespannt. Aber das geschah natürlich alles im Zeichen der Liebe. Er hat also

dirigiert, weil er an das Genie Wagner geglaubt hat. Dann war es so, dass die

Titelpartien durch Münchner Sänger gesungen werden sollten. Die konnten das

aber nicht und aus dem Grund hat Bülow das beste deutsche Sängerpaar geholt.

Das war das Ehepaar Schnorr von Carolsfeld aus Dresden. Dieser Ludwig Schnorr

von Carolsfeld war ein geborener Münchner: Er war nämlich der Sohn von eben

jenem Schnorr von Carolsfeld, der diese Bilder gemalt hatte. Malvine, seine Frau,

hat später, so sagt man, dem Ludwig II. die Mitteilung gemacht, dass die Cosima

und der Wagner ein Verhältnis miteinander haben. Und dies wiederum alles im

Zeichen der Liebe. Wenn man sich also vorstellt, wer damals was mit wem und wie

und warum im Zeichen der echten und erlebten Liebe gemacht hat, dann wäre das,

wenn man das als Buch schreiben würde, so unwahrscheinlich, dass jeder nur

sagen würde: "Nein, das ist doch unmöglich!" Aber Bayern und Sachsen haben das

doch möglich gemacht.

Hildebrand: Bayern und Sachsen also in Liebe umfangen. Es gibt hier in Ihrem Buch noch eine

hübsche Abbildung, eine Zeichnung. Man sieht Wagner und König Ludwig II. und

noch eine dritte Figur, nämlich Gottfried Semper. Semper sollte für Ludwig eine

Oper in München bauen. Dazu ist es dann aber nicht gekommen: Dieses

Opernhaus wurde dann wo gebaut?

Beck: Mit Abwandlungen in Dresden, die Semperoper ist das dann geworden. Schade,

das wäre ein wunderschöner Bau geworden, neben dem Maximilianeum: ein Bau,

der der Isar sehr gut stehen würde.

Hildebrand: Es gab ja sehr viele Musiker, die im Laufe der Zeit von Sachsen nach Bayern

gekommen sind. Sie beschreiben sie und schreiben über sie: ob das nun Orlando di

Lasso oder Willibald Gluck oder Carl Maria von Weber gewesen ist. Dazu kamen u.

a. natürlich noch Wagner und Hans von Bülow oder Knappertsbusch und Keilberth,

die berühmten Dirigenten. Karl Richter aus Plauen hat in Ansbach seine Bach-

Wochen veranstaltet usw. Gab es denn auch eine berühmtere Musikerfigur, die von

München bzw. von Bayern aus nach Sachsen gegangen ist und dort gewirkt hat?

Beck: Hat Richard Strauss nach Sachsen gewirkt? Acht seiner Opern sind in Dresden

uraufgeführt worden. Der "Rosenkavalier" von Strauss hat in Dresden seine

Uraufführung erlebt: mit sensationellem Welterfolg! Der Grund dafür ist in der

Person des Chefs der Dresdner Oper zu suchen: Edler von Schuch. Er muss eine

unglaubliche Gabe besessen haben, Sänger und Orchester führen zu können. Max

Reger, der aus Bayern stammte, hatte in Leipzig seine Professur und war früher in

Meiningen, wie Richard Strauss ja auch, als Kapellmeister engagiert. Aber Sie

haben schon Recht: Vielleicht hat es in Bayern einfach weniger berühmt gewordene


musikalische Genies gegeben als in Sachsen. Aber Bayern als Kulturzentrum, als

eines der großen Kulturzentren Deutschlands, hat halt die Musiker sehr angezogen.

Hildebrand: Wie erklären Sie es sich denn, dass auf dem Gebiet der Musik in Sachsen und dort

vor allem in Dresden so intensiv Begabungen hervorgebracht worden sind?

Beck: Die Wettiner haben die Musik immer gepflegt. Der frühere erste Kurfürst Moritz hat

z. B. gleich eine Staatskapelle gegründet. Die Wettiner waren also immer

musikbegeistert und haben in Ihren Häusern auch immer gesungen. Bei den

Wittelsbachern muss das übrigens ganz ähnlich gewesen sein. Die spätere

sächsische Kurfürstin Maria Antonia war sogar eine bekannte Komponistin und

Sängerin. Diese beiden Herrscherhäuser waren also scheinbar besonders

musikalisch. Ich kenne natürlich nicht ganz Deutschland, ich kann das also nur

aufgrund dessen beurteilen, was ich in diesem Zusammenhang gelesen und

erfahren habe.

Hildebrand: Kommen wir doch kurz zu einer anderen Kunstart, denn die Architektur kann man –

zumindest in Teilen – ja sehr wohl auch als Kunst bezeichnen. In der Architektur hat

es ebenfalls einige Sachsen gegeben, die nach Bayern hinein gewirkt haben. Hier

war das allerdings auch umgekehrt der Fall gewesen. Die Oper am

Prinzregentenplatz in München ist von Max Littmann gebaut worden, einem

Sachsen.

Beck: Ja, einem Chemnitzer.

Hildebrand: Max Littmann hat aber nicht nur diese Oper gebaut, sondern unheimlich viele

andere Sachen: Er hat, wie Sie schreiben, unglaublich viel bewirkt in München.

Beck: München und Dresden standen damals geradezu in einem Wettbewerb auf dem

Gebiet der Architektur. Dies war um die Wende vom 19. auf das 20. Jahrhundert.

Littmann hatte dabei das Glück, dass er nicht nur ein begabter Architekt gewesen

ist, sondern dass er auch der Schwiegersohn eines der großen bayerischen

Bauunternehmer geworden ist, nämlich der Schwiegersohn des Bauunternehmers

Heilmann. Diese beiden zusammen haben nach Auffassung der heutigen

Architekten – ich bin hier ja wieder nur der Jurist – München umgeformt wie sonst

nur die bayerischen Könige. Die großen Stadtgebiete wie z. B. Bogenhausen,

Nymphenburg, Solln, Prinz Ludwigshöhe oder Grünwald oder Harlaching haben

Heilmann und Littmann entwickelt.

Hildebrand: Sie meinen also auf stadtplanerischem Gebiet.

Beck: Ja, aber sie haben sie auch ganz konkret bebaut. Wenn man heute mit der

Straßenbahn nach Grünwald hinausfährt, dann sollte man daran denken, dass das

alles damals unter Littmann und Heilmann zustande gekommen ist. Littmann selbst

war ein begnadeter Architekt und später auch ein hoch anerkannter

Theaterarchitekt. Er hat in München z. B. auch das Hofbräuhaus geplant und

gebaut und daneben das Gebäude der Burschenschaft. Er hat das Tietz-Gebäude

gebaut usw. Er war also wirklich ein ganz großer Architekt vor dem Herrn. Zeitgleich

hat es aber in Dresden einen bayerischen Architekten gegeben, nämlich den Hans

Erlwein. Das war ja eigentlich das Schöne und Ergänzende an dieser ganzen

Zusammenarbeit.

Hildebrand: Littmann ist ja noch relativ bekannt. Ein anderer Mann hingegen ist heute nicht mehr

so bekannt. Er hat aber immerhin einem Münchner U-Bahnhof den Namen

gegeben: Dülfer. Wer war denn eigentlich Dülfer? Kein Mensch kennt ihn heute

mehr.

Beck: Er kam aus dem Böhmischen und war in München Professor gewesen: Er gilt als

der Entwickler des Jugendstils in der Architektur. Er hatte in München einiges

gebaut, von dem aber vieles zerstört worden ist im Krieg. Er wurde dann 1913/14,

wenn ich mich nicht täusche, nach Dresden berufen und war dann in Sachsen ganz

entscheidend tätig. Er hat z. B. die Technische Universität, an der ich unterrichte, mit

ausgebaut und entwickelt. Er war in Dresden wirklich hoch anerkannt als Rektor der

TU und als Planer.


Hildebrand: Lassen Sie uns am Schluss doch ein wenig in die Nachkriegszeit und in die

Gegenwart gehen. Inwieweit haben denn die Sachsen das Bayernbild in der

Nachkriegszeit beeinflusst oder mitgestaltet?

Beck: Es gibt keine genaue Statistik darüber, wie viele Sachsen nach dem Zweiten

Weltkrieg nach Bayern gekommen sind.

Hildebrand: Als Flüchtlinge.

Beck: Es gibt nur eine allgemeine Flüchtlingserfassung, aber wenn man gräbt, dann stößt

man überall auf Sachsen. Es gibt heutzutage natürlich ganz große Firmen wie z. B.

Audi in Ingolstadt, die damals aus Zwickau bzw. Chemnitz weggehen mussten, weil

sie dort enteignet worden waren. Audi wurden dann eben von Ingolstadt aus wieder

neu aufgebaut. Es gibt die in Spezialistenkreisen bekannte und hoch angesehene

Firma Burgmann, die heute in Wolfratshausen sitzt: Sie hatten in Dresden

Dichtungen wie z. B. Zylinderkopfdichtungen für Motoren – u. a. auch für

Schiffsmotoren – entwickelt. Diese Firma hat heute weltweit einen der ganz

vorderen Plätze auf diesem Gebiet inne und beschäftigt fast 2000 Leute. Es gibt z.

B. die Firma Kreuzkamm, die ja in München sehr bekannt ist für ihre Süßigkeiten.

Der Vater Kreuzkamm floh damals nach dem Zweiten Weltkrieg ebenfalls nach

Bayern: Er konnte sich irgendwie durchschlagen und arbeitete zunächst einmal für

die Amerikaner. Unter anderem die vielen Sachsen in Bayern haben dann dazu

beigetragen, dass die Firma Kreuzkamm auch hier im Westen sehr groß geworden

ist. Nach der Wende ist die Firma dann sofort wieder zurück nach Dresden

gegangen. Inzwischen stellt man dort pro Jahr, obwohl sie noch mit der Hand

backen, 50 Kilometer Stollen her. Wie gesagt, obwohl das alles noch mit der Hand

gedreht wird. Das ist eine riesige Menge: Ich könnte praktisch von München bis

zum Tegernsee eine Stollen-Leitung nur mit Kreuzkamm-Stollen legen!

Hildebrand: In der Zeit der Wiedervereinigung war es ja ganz selbstverständlich, dass Bayern

Sachsen im Zuge der Amtshilfe beisteht. War denn den beteiligten sächsischen und

bayerischen Politikern eigentlich klar, dass sie sich dabei vor einem breit angelegten

und gelebten historischen Hintergrund bewegen?

Beck: Für mich war das die eigentliche Überraschung: Das wusste nämlich keiner. Ich

habe mit der damaligen bayerischen Staatsregierung und hier u. a. auch mit Max

Streibl darüber gesprochen: Von diesen historischen Vorgängen hatten sie genauso

wenig Ahnung wie die Sachsen. Das lag einfach daran, dass nach dem Ersten

Weltkrieg das Wissen darum systematisch unterdrückt worden ist. Zuerst geschah

das durch das Naziregime und später durch die DDR. Bei uns im Westen war es

ebenfalls so, dass der Geschichtsunterricht nicht ausreichend war: Wenn man da

endlich bei der Neuzeit ankam bzw. ankommt, reicht die Zeit nicht mehr, um

solchen Spezialfragen nachgehen zu können. Diese ganze Sache war also nicht

bekannt. Aber ich stelle fest, nachdem nun dieses Buch auf dem Markt ist, sagt

natürlich jeder: "Das ist ja eigentlich ganz klar. Wir verstehen uns in der Tat

blendend!"

Hildebrand: Bayern hat ja nach der Wende Sachsen eine ganze Menge Amtshilfe geleistet.

Dies haben selbstverständlich alle Bundesländer so gemacht. Bayern hat aber doch

am meisten investiert in Sachsen, wie Sie herausgefunden haben. Warum

eigentlich, obwohl doch diese – historisch unverschuldete – gegenseitige

Unkenntnis vorhanden war?

Beck: Nach dem Warum müssen Sie die bayerische Staatsregierung fragen. Die

Vermutung liegt nahe, dass das zunächst einmal mit der Nähe zu Sachsen zu tun

hat. Sie wissen ja, dass man damals von Bayern aus auch den politischen Versuch

unternommen hat, die DSU, also die Deutsche Soziale Union, nicht nur zu gründen,

sondern auch am Leben zu erhalten in den neuen Bundesländern: Die DSU war

quasi als zweites politisches Bein der CSU gedacht. Man muss halt vermuten, dass

das alles ein bisschen parallel gelaufen ist. Man hatte gehofft, dass man dadurch,

dass man die Politik entsprechend aufbaut, auch die anderen Aufbauarbeiten

gleichzeitig besser leisten kann. Aber es ist schon verblüffend, wie intensiv und wie

erfolgreich die Bayern in Sachsen gearbeitet haben und noch heute arbeiten. Das


ist erfreulich, weil das im Gesamtkontext über diese vielen Hundert Jahre hinweg

ein wunderschön ausgeglichenes Bild ergibt.

Hildebrand: Wir haben ja jetzt von Ihnen eine ganze Menge über die gemeinsame Geschichte

von Sachsen und Bayern erfahren, über die dynastischen Verflechtungen, über

wirtschaftliche und über kulturelle Verbindungen. Wie sieht das aber beim normalen

Volk aus? Verstehen sich denn die Bayern und die Sachsen besser, als das

zwischen der Bevölkerung bei anderen benachbarten Bundesländern der Fall ist?

Beck: Ich will hier in keinen edlen Wettstreit gehen. Ich frage daher nicht: "Versteht Ihr

euch mit den anderen besser oder schlechter?" Ich stelle nur Folgendes fest: Wo

immer ich in Sachsen auch eingetreten bin und "Grüß Gott" gesagt habe, bekam

ich regelmäßig ein "Grüß Gott" zurück. Das ist bis heute so. Mein erster Kontakt in

Sachsen war damals der mit einem Tankwart, wir mussten halt einfach tanken.

Seine ersten Worte, als er unser Münchner Nummernschild gesehen hat, waren:

"Wir Sachsen schaffen das mit euch Bayern zusammen!" Ich kann nur sagen, dass

ich bis zum heutigen Tag nie Probleme erlebt habe. Ich kenne auch keinen, der

jemals ernsthaft gesagt hätte, zwischen den Sachsen und den Bayern gäbe es

irgendwelche atmosphärischen Schwierigkeiten.

Hildebrand: Ihr Buch ist ja in weiten Teilen ein geschichtliches Buch. Glauben Sie, dass eine

solche Verbindung zwischen zwei regionalen Bevölkerungen und Kulturen in Zeiten

der zunehmenden Globalisierung noch Bestand haben wird?

Beck: Wenn man weltweit tätig sein will - und Globalisierung meint das ja -, dann braucht

man eine solide Basis. Das war so und das wird in Zukunft so sein. Wenn man sich

über 600 Jahre hinweg eigentlich immer gut vertragen hat und wenn sich das auch

in der Gegenwart nun wieder sehr positiv entwickelt hat, dann spricht das doch sehr

stark dafür, dass das eine tragfähige Voraussetzung auch für die Zukunft sein kann.

Man muss mit der Freiheit umgehen lernen und das ist nicht immer einfach, aber

besser als heute sind die Voraussetzungen nie gewesen.

Hildebrand: Hat die Tatsache, dass diese beiden Bundesländer Freistaaten sind, irgendeine

konkrete politische oder sonstige Bedeutung?

Beck: Das ist nur eine Eindeutschung des Wortes "Republik". Als das 1918 anstand, war

es Mode, auf Fremdwörter zu verzichten: So hat man eben statt "Republik"

"Freistaat" gesagt. Ich muss ehrlich sagen, dass das ein Wort ist, dass auch mir

besser gefällt.

Hildebrand: Ganz kurz noch zum Abschluss: Haben Sie denn das Gefühl, dass auch die

Sachsen genauso eigenständig und eigenwillig sind wie die Bayern?

Beck: Ja. Das hat sich ja gerade in diesen beiden Staaten so stark entwickelt wie sonst

eigentlich wohl nirgendwo. Es gibt in Deutschland ja eigentlich auch keine

vergleichbaren Länder, in denen über 800 Jahre hinweg immer nur ein

Herrschergeschlecht den betreffenden Staat regiert hätte. Da sich in Sachsen und

in Bayern das Herrscherhaus mit der Bevölkerung und die Bevölkerung mit dem

Herrscherhaus identifiziert haben, ist dabei eben in beiden Fällen auch tatsächlich

jeweils ein Volk entstanden. Die Sachsen sind daher als Volk sicherlich genauso

eigenständig wie wir Bayern.

Hildebrand: Das war das Alpha-Forum. Unser heutiger Gast im Studio war Professor Walter

Beck, Rechtsanwalt und Schriftsteller.

Beck: Danke schön.

© Bayerischer Rundfunk

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