(K)eine Fundvorlage — zum Fundmaterial des Zeitraums 800

archaeologie.schweiz.ch

(K)eine Fundvorlage — zum Fundmaterial des Zeitraums 800

Archäologie Schweiz AS

Schweizerische Arbeitsgemeinschaft für die

Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit SAM

Schweizerischer Burgenverein SBV

(Herausgeber)

Siedlungsbefunde und

Fundkomplexe der Zeit

zwischen 800 und 1350

Archéologie Suisse AS

Groupe de travail suisse pour l’archéologie

du Moyen Age et de l’époque moderne SAM

Association suisse Châteaux forts SBV

(éditeurs)

Habitat et mobilier

archéologiques de la période

entre 800 et 1350

Akten des Kolloquiums

zur Mittelalterarchäologie in der Schweiz

Actes du Colloque

« Archéologie du Moyen Age en Suisse »

Frauenfeld, 28.–29.10. 2010

Verlag Archäologie Schweiz

Basel 2011


Umschlag: Vornehm gewandeter Mann mit einem Falken auf der Faust, Messergriff aus Knochen. Höhe 6,8 cm. 1. Hälfte 14. Jh. Fundort Zürich, Rindermarkt 7. Zeichnung

Franz Wadsack, Moudon.

Groteske Fratze, Pilzkachel mit grün glasiertem Reliefdekor. Fundort Altendorf SZ-St. Johann, Alt-Rapperswil. Fratzenhöhe 8,7 cm. Vor 1350. Zeichnung Staatsarchiv

Schwyz, C. Liechti.

Couverture: Manche de couteau en forme d’homme, noblement vêtu, avec un faucon dans la main, en os. Hauteur 6,8 cm. 1 e moitié du 14 e s. Provenance : Zurich, Rindermarkt

7. Dessin Franz Wadsack, Moudon.

Visage monstrueux, catelle-champignon avec décor en relief et glaçure verte. Lieu de découverte Altendorf SZ-St. Johann, Vieux-Rapperswil. Hauteur du visage

8,7 cm. Avant 1350. Dessin Staatsarchiv Schwyz, C. Liechti.

Wissenschaftliche Leitung / Direction scientifique: Steuerungsgruppe SPM VII (s. S. 5), im Auftrag der Wissenschaft lichen

Kommission der Archäologie Schweiz / sur mandat de la Commission Scientifique d’Archéologie Suisse.

Die Umsetzung dieser Internet-Publikation wurde unterstützt durch die Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften

SAGW. / La réalisation de cette publication éléctronique a été largement soutenue par l’Académie des Sciences

humaines et sociales ASSH.

Die Publikation ist online gratis verfügbar unter www.archaeologie-schweiz > Publikationen > Online-Publikationen.

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ligne.

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Basel, info@archaeologie-schweiz.ch

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CH-4003 Bâle, info@archeologie-suisse.ch

Redaktion: Urs Niffeler

Korrektorat: Reto Marti

Satzvorbereitung: Marianne Grauwiler

Druckvorstufe: Isabelle D. Oster

Copyright by Archäologie Schweiz, Basel 2011.

ISBN 978-3-908006-57-2


Inhaltsverzeichnis – Table de matière – Indice

Dank . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5

Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7

Siedlungsbefunde Habitat

Grubenhaus bis Wohnturm

Reto Marti . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11

Kleinstädte nullachtfünfzehn?

Peter Frey . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23

Basel: Bauen bis zum Erdbeben

die Stadt als Baustelle

Christoph Philipp Matt und Bernard Jaggi . . . . . . . . . . . . . . . . . 29

Ländliche Siedlungen in der Nordostschweiz:

zur Entwicklung von Siedlungsanlagen, Bauformen

und Bautechnik (800–1350)

Renata Windler . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 59

Städtische Siedlungen Überblick zu Siedlungs -

entwicklung und Siedlungs topografie: Zürich,

Winterthur, Weesen

Andreas Motschi und Werner Wild . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 71

Städtischer Hausbau in der Nordostschweiz bis 1350

(ohne Kanton Schaffhausen)

Andreas Motschi und Werner Wild . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 83

Holz im Steinbau

Jürg Goll . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 103

Schaan FL 22 m 2 Hochmittelalter

Ulrike Mayr . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 121

Wohn- und Wirtschaftsbauten in der ländlichen

Zentralschweiz und in der Stadt Zug

Adriano Boschetti-Maradi . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 135

Bauten in Luzerner Städten

Christoph Rösch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 149

Spurensuche zwischen 800 und 1350: Landsiedlungen

der Kantone Bern, Freiburg und Solothurn

Katharina König, in Zusammenarbeit mit Gabriele Graenert . . 161

Solothurn, eine gewachsene Stadt von der Römerzeit

bis ins Spätmittelalter

Ylva Backman . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 173

Die «gegründeten» Städte Stadtgründungen

und -erweiterungen in den Kantonen Bern, Freiburg

und Solothurn

Armand Baeriswyl . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 181

Architecture civile urbaine des cantons de Berne

et Fribourg (1150–1350)

Gilles Bourgarel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 197

Les problématiques des aménagements portuaires

dans l’arc lémanique

Valentine Chaudet . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 213

Villes et bourgs neufs de Suisse occidentale

obser vations archéologiques sur le processus

d’édification aux 13 e et 14 e siècles

Jacques Bujard . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 225

L’habitat dans la plaine du Rhône et en moyenne

montagne au haut Moyen Âge

Alessandra Antonini et Olivier Paccolat . . . . . . . . . . . . . . . . . . 237

Les fortifications de terre et de bois au Moyen Âge,

origine et permanence en Suisse occidentale

Jean Terrier . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 253

Fundkomplexe Mobilier archéologique

Keramik der Nordwestschweiz

Typologie und Chronologie

Reto Marti . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 269

Fundobjekte «premium selection» von der Burgruine

Alt Homberg, Wittnau AG

Christoph Reding . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 293

Artisanat et industrie du fer dans le nord-ouest de la

Suisse du 9 e au 14 e siècle

Ludwig Eschenlohr . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 303

Serientöpfe Topfserien: Gefässformentwicklung

in der Nordostschweiz

Valentin Homberger und Kurt Zubler . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 311

Spezielles und regionale Besonderheiten der Gefäss -

keramik im Gebiet der Stadt und des Kantons Zürich

sowie in den Kantonen Schaffhausen und Thurgau

Annamaria Matter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 319

Entwicklung und Besonderheiten des Kachelofens

in der Nordostschweiz

Albin Hasenfratz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 329

Nichtkeramische Objekte aus der Nordostschweiz

eine Auswahl

Werner Wild . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 333

Recipienti dal Canton Ticino (800–1350): il punto

della situazione

Maria-Isabella Angelino . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 341

3


Lavez, Holz und Keramik: Gefässe aus der Burg

Marmels (Marmorera GR)

Lotti Frascoli . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 349

Keramik- und Lavezgefässe der Zeit von 800 bis 1200

aus Müstair GR-Kloster St. Johann

Christian Terzer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 361

(K)eine Fundvorlage zum Fundmaterial des

Zeitraums 800–1350 aus dem Kanton Luzern

Fabian Küng . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 369

Referenzkomplexe der Zentralschweiz

Eva Roth Heege . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 375

800–1350: Funde aus Landsiedlungen der Kantone

Bern, Solothurn und Freiburg

Gabriele Graenert, in Zusammenarbeit mit

Katharina König . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 399

Solothurn: Exemplarische Stratigrafien und Funde

1000–1350

Ylva Backman . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 405

Abkürzungen – Abréviations – Abbreviazioni

AAS Annuaire d’Archéologie Suisse

ABBS Archäologische Bodenforschung des Kantons Basel-

Stadt

ADSO Archäologie und Denkmalpflege im Kanton Solothurn

AF Archéologie Fribourgeoise

AiZ Archäologie im Kanton Zürich

AKBE Archäologie im Kanton Bern

AM Archeologia Medievale

ArchBE Jahrbuch des Archäologischen Dienstes des Kantons

Bern

ArchBE Archäologie Bern Archéologie bernoise

as. archäologie schweiz archéologie suisse archeologia

svizzera

ASA Anzeiger für Schweizerische Altertumskunde

ASO Archäologie des Kantons Solothurn

ASSPA Annuaire de la Société Suisse de Préhistoire et d’Ar -

chéologie – Annuario della Società Svizzera di Preisto -

ria e di Archeologia

BSSI Bollettino Storico della Svizzera Italiana

BZ Basler Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde

CAF Cahiers d’Archéologie Fribourgeoise, Fribourg

CAR Cahiers d’Archéologie Romande, Lausanne

ENr. Ereignisnummer

FA Freiburger Archäologie

FHA Freiburger Hefte für Archäologie

FRB Fontes Rerum Bernensium

4

Materielle Kultur im Kanton Bern 1150–1350 die

wichtigsten Fundstellen und das Fundspektrum aus der

Gerechtigkeitsgasse in Bern (nach 1191 und bis 1300)

Andreas Heege . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 417

Céramique en milieu urbain dans le canton de

Fribourg : 1150–1350

Gilles Bourgarel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 427

La céramique médiévale en Suisse occidentale

état de la connaissance dans les cantons de Genève,

Neuchâtel, Valais et Vaud

Michelle Joguin Regelin . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 449

Synthesen Synthèses

Befunde aus städtischen und ländlichen Siedlungen

(800–1350)

Georges Descœudres . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 467

Fundkomplexe der Zeit zwischen 800 und 1350

Adriano Boschetti-Maradi . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 475

HA helvetia archaeologica

HLS Historisches Lexikon der Schweiz

HS Helvetia Sacra

JbAB Jahresbericht der Archäologischen Bodenforschung

Basel-Stadt

JbADGDG Jahresbericht des Archäologischen Dienstes Graubün -

den und der Denkmalpflege Graubünden

JbAS Jahrbuch der Archäologie Schweiz

JbHGL Jahrbuch der Historischen Gesellschaft Luzern

(1983–2001); Historische Gesellschaft Luzern, Ar chä -

o logie, Denkmalpflege, Geschichte (seit 2002)

JbHVFL Jahrbuch des Historischen Vereins für das Fürstentum

Liechtenstein

JbSGUF Jahrbuch der Schweizerischen Gesellschaft für Urund

Frühgeschichte

KA Kantonsarchäologie

KdS Die Kunstdenkmäler der Schweiz

LAFL Landesarchäologie des Fürstentums Liechtenstein

RHV Revue historique vaudoise

SBKAM Schweizer Beiträge zur Kulturgeschichte und Archäologie

des Mittelalters

SCA Service Cantonal d’Archéologie

ZA Zürcher Archäologie

ZD Zürcher Denkmalpflege, Stadt Zürich, Bericht

ZAK Zeitschrift für Schweizerische Archäologie und Kunst -

geschichte

ZAM Zeitschrift für Archäologie des Mittelalters


(K)eine Fundvorlage zum Fundmaterial des Zeitraums

800–1350 aus dem Kanton Luzern

1. Grundlagen und Arbeitsstand

Mittelalterliche Befunde und Funde aus dem Gebiet des heutigen

Kantons Luzern sind erst wenige ausgewertet und pub -

liziert. Gerade bei den frühen Jahrhunderten des hier inter -

essierenden Zeitabschnittes steckt die Forschung noch in

den Kinderschuhen: Fundkomplexe aus der Zeit zwischen

800 und 1100 sind selten, zumeist stammen sie aus «Sonderfundstellen»

wie den frühen Burganlagen. 1 Das Material ist

dabei rein typologisch datiert, Absolutdatierungen sind nicht

vorhanden. Für ländliche Siedlungen besteht grundsätzlich

eine Forschungslücke.

Dennoch soll im Folgenden ein kurzer Überblick zu einigen

Themen der Luzerner Mittelalterarchäologie gegeben werden:

Einerseits sind zwei mit einem Enddatum 1309 absolut

datierte Fundstellen zu nennen, andererseits eine Stratigrafie

aus der Stadt Luzern, die bisher noch nicht vorgelegt ist.

2. Hochmittelalterliche Keramik

des 12. und frühen 13. Jh.

Exemplarisch für die Keramik des 12. Jh. soll hier eine Aus -

wahl an Fundmaterial aus der Grabung Luzern-Mühlenplatz

3–4 vorgestellt werden, einer Grabung, die eine aussage kräf -

tige Stratigrafie für das Hoch- und Spätmittelalter geliefert

hat. 2 Unterhalb der Schichten zur städtischen Häuserzeile

des 13. Jh. kamen hier zwei präurbane Siedlungs niveaus zum

Vorschein, welche durch eine mächtige Gelände auf schüt -

tung getrennt waren. Leider ergab die dendrochronolo -

gische Datierung von Hölzern aus beiden Siedlungsphasen

keine Resultate, die zugehörigen C14-Daten lassen sich in -

nerhalb des 11./12. Jh. kaum enger eingrenzen. 3 Aufgrund

typologischer Kriterien sind beide präurbanen Siedlungsphasen

in das 12. Jh. zu datieren (Abb. 2,1–24):

Das Formenspektrum der Geschirrkeramik beschränkt sich

auf flachbodige Töpfe, die von Hand aufgebaut und an -

schlies send nachgedreht wurden. Gerade die Funde aus der

jüngeren der beiden Phasen (Abb. 2,7–24) lassen sich bestens

mit hochmittelalterlichem Fundmaterial aus der 2. Hälfte

des 12. Jh., etwa vom Üetliberg 4 , vergleichen.

Es kommen einige Bodenmarken in Form von Radkreuzen

vor, als Dekor erscheinen horizontale Linien und Wellenbänder.

Bei der insgesamt recht variablen Gestaltung des

Randes ist eine Tendenz vom einfachen Lippenrand über

hängende Lippen hin zu wulstförmigen Rändern zu beobachten,

wobei alle diese Formen gleichzeitig auftauchen können.

Das deutliche Absetzen der Halspartie, die teilweise gar

F. Küng, (K)eine Fundvorlage zum Fundmaterial des Zeitraums 800–1350 aus dem Kanton Luzern

eine leichte Kehlung aufweist (Abb. 2,17.26.27), scheint im

Lauf der Zeit zuzunehmen. Auch wenn mehrere Randfragmente

eine deutliche mechanische Abnutzung der Oberseite

aufweisen, fehlen im Fundmaterial Objekte, die als Deckel

gedient haben könnten.

3. Fundmaterial des 13. Jh. und

das Datum 1309

Fabian Küng

Abb. 1. Lage der im Text erwähnten Orte. 1 Luzern; 2 Inwil LU-Alt-Eschenbach;

3 Altbüron LU; 4 Pfaffnau LU-Kloster St. Urban; 5 Beromünster LU-Chorherrenstift.

Karte KA LU.

Für die Einordnung von Fundmaterial des 13. und des frühen

14. Jh. sind im Gebiet des heutigen Kantons Luzern zwei

absolut datierte Fundstellen von Bedeutung: die Stadtwüstung

Alt-Eschenbach bei Inwil LU und die Burgstelle Altbüron,

Gemeinde Altbüron LU (Abb. 1). Beide Anlagen wurden

nach dem Mord an König Albrecht im Zug der Habsburgischen

Blutrachefehde zerstört, die Burg Altbüron im

Mai 1309, die Stadt Alt-Eschenbach wohl im darauf folgenden

Sommer. 5

369


25

2

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27 28

29

3

1

5

4

6

Abb. 2. Luzern, Mühlenplatz 3–4. Keramik des 12./13. Jh. (typologisch datiert). Präurban: 1–6 Siedlungsphase 1; 7–24 Siedlungsphase 2 (nach Terrainanhebung). –

Stadtzeitlich: 25–29 Vorbereitung zum Bau der Häuserzeile; 30.31 Zerstörung der Häuserzeile (Phase 1). M 1:3. Zeichnungen KA LU.

7

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11 12 13

370 F. Küng, (K)eine Fundvorlage zum Fundmaterial des Zeitraums 800–1350 aus dem Kanton Luzern

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21


Abb. 3. Luzern LU, Krongasse 6–10. Kleinformatige Becherkacheln aus Schichten des 13. und 14. Jh. (typologisch datiert). S. dazu Küng 2006. M 1:3. Zeichnungen KA LU.

Über die Stadtanlage von Alt-Eschenbach ist wenig bekannt,

die archäologischen Untersuchungen beschränken sich auf

einige wenige Sondierungskampagnen in den Jahren 1945

sowie 1979–81. Die daraus resultierenden Ergebnisse wurden

durch Judith Rickenbach ausgewertet und publiziert; die

Arbeit wurde allerdings durch die unbefriedigende Qualität

der Dokumentationsunterlagen (bis hin zu völligem Fehlen)

erschwert. 6 Eine stratigrafische Auswertung des Fundmaterials

war kaum möglich. Während das Enddatum 1309 historisch

überliefert ist, wird der Siedlungsbeginn mit Hilfe der

Keramiktypologie ins 1. Viertel des 13. Jh. gelegt. 7

Bei der «Untersuchung» der Burg Altbüron (Gde. Altbüron

LU) handelt es sich um eine ausgesprochene Altgrabung:

Die Burgstelle wurde in den 1880er-Jahren systematisch

ausgebeutet, das dabei geborgene Fundmaterial soweit es

als solches erkannt wurde an verschiedene Abnehmer verkauft.

8

Die Palette der Geschirrkeramik ist im 13. Jh. gemäss den

Fundkomplexen aus Alt-Eschenbach im Wesentlichen be -

schränkt auf Kochtöpfe und Dreibeintöpfe, Schüsseln und

Kannen kommen erst vereinzelt vor. 9 Die Kochtöpfe weisen

ein breites Spektrum an Leistenrändern auf. Als Dekor sind

Rädchenverzierung, Wellenbänder und horizontale Rillen

geläufig, Gefässfüsse können zudem einen markanten, eingekerbten

Fischgrätendekor aufweisen. Glasur ist in den

Komplexen vor 1309 weder bei der Geschirr- noch bei der

Ofenkeramik anzutreffen.

Die Ofenkeramik besteht bis 1309 zum überwiegenden Teil

aus den charakteristischen unglasierten Becherkacheln mit

mehr oder weniger konischen Wandungen. 10 Jürg Tauber,

der die Ofenkeramik von Altbüron vorgestellt hat, weist

besonders auf die frühen unglasierten Pilzkacheln dieser

Burgstelle hin 11 eine Form, die vereinzelt auch in Alt-

Eschenbach erscheint, wo zudem erste Napfkacheln vertreten

sind. 12 Typologisch ältere, röhrenförmige Kacheln sind

F. Küng, (K)eine Fundvorlage zum Fundmaterial des Zeitraums 800–1350 aus dem Kanton Luzern

in unserem Gebiet selten, kommen aber bisweilen vor, so

etwa auf Altbüron. 13

Eine Sonderform, die sich als lokale Ausprägung der Stadt

Luzern herausstellen dürfte, stellen kleine, zylindrische

Becherkacheln dar, welche durch ihre Form und Machart

altertümlich wirken (Abb. 3). Solche engen, nachgedrehten

Kacheln finden sich im 13. und noch im 14. Jh. in einfachen

Kachelöfen verbaut, sie fehlen jedoch in Fundkomplexen

ausserhalb Luzerns, etwa in Alt-Eschenbach, vollständig. 14

Auch für andere Fundkategorien ist der terminus ante

quem 1309 wertvoll. So ist insbesondere auf die Metall funde

von Altbüron hinzuweisen. Der Komplex umfasst neben

burgenspezifischen Funden (wie den über 300 Geschossspitzen)

zahlreiche Objekte des alltäglichen Gebrauchs, so

Werkzeuge, Möbelbestandteile oder Eisenschnallen. 15

Altbüron gibt als eine der wichtigsten Fundstellen für St. Ur -

ban-Backsteine die Gelegenheit, diese Kategorie der Bau -

keramik ebenfalls anzusprechen: Die grossformatigen und

oft durch Modeldrucke ornamentierten Formbacksteine,

welche ab dem mittleren Drittel des 13. Jh. in der Ziegelei

des Zisterzienserklosters St. Urban bei Pfaffnau LU hergestellt

wurden, dürfen als technische Innovation und in architekturgeschichtlicher

Hinsicht einzigartig gelten (Abb. 4).

Die Beliebtheit solcher bis ins 14. Jh. produzierten Werk -

stücke äussert sich in ihrer Verwendung in zahlreichen repräsentativen

Bauten (sowohl sakraler wie profaner Bestimmung)

in den heutigen Kantonen Luzern, Bern, Aargau,

Solothurn und Baselland. 16

Die Produktion der Klosterziegelei St. Urban blieb nicht singulär,

es gibt in der Folge verschiedene andere meist klösterliche

Ziegeleien, welche ornamentierte Formbacksteine herstellten.

Hier ist u. a. die Ziegelei des Stiftes Beromünster

LU zu nennen, welche im letzten Drittel des 13. Jh. und wohl

bis ins 14. Jh. hinein ebenfalls derartige Werkstücke hergestellt

hat. 17

371


Abb. 4. Pfaffnau LU, Kloster St. Urban. Ornamentierte Formbacksteine aus der

Klosterziegelei. Foto KA LU.

4. Fundkomplexe des 14. Jh.

ein Ausblick

In der 1. Hälfte des 14. Jh. beginnt sich die Keramik rasant

zu entwickeln. Um 1350 hat sich das Formenspektrum der

Geschirrkeramik stark erweitert, die Ofenkeramik umfasst

nun z. B. komplex hergestellte Teller- und Reliefkacheln.

Ausgewertete und absolut in die Zeit zwischen 1310 und

1350 datierte Luzerner Fundkomplexe liegen derzeit allerdings

nicht vor. Ob die Grabung Luzern-Mühlenplatz 3–4

einen Beitrag zur Absolutdatierung spätmittelalterlicher Ke -

ramik der Zentralschweiz leisten kann, wird erst die weitere

Auswertung zeigen: Mit Hilfe eines verkohlten Brettes ist

der letzte in der Häuserzeile nachweisbare Brand in die Zeit

nach 1312 zu datieren möglicherweise lässt sich hier der

schriftlich überlieferte Stadtbrand vom Juni 1340 fassen. 18

Ansonsten könnte v. a. der Zerstörungshorizont von 1386

gut datiertes Fundmaterial liefern. 19 Diese Komplexe fallen

allerdings nicht mehr in den hier besprochenen Zeitraum.

Dasselbe gilt für das ausserordentlich reiche Fundmaterial

aus Luzern-Stadthofstrasse 12A/14/16, welches einen einmaligen

Einblick in die Produktionspalette und die Arbeitsweise

mittelalterlicher Hafner nach 1350 bietet. 20

5. Zusammenfassung

Es liegen für den hier behandelten Zeitraum von 800 bis

1350 nur wenige ausgewertete Fundkomplexe vor.

Für ländliche Siedlungen des gleichen Zeitraums besteht

eine Forschungslücke.

Die Menge an Fundmaterial aus der Zeit vor dem 12. Jh.

darunter auch an Keramik ist verschwindend gering.

Das keramische Fundmaterial ab dem 12. Jh. unterscheidet

sich in Form, Warenart, Herstellung und Dekor

grundsätzlich nicht von jener des nördlich von Luzern

gelegenen Mittellandes.

Mit den 1309 zerstörten Anlagen von Alt-Eschenbach

(Inwil LU) und Altbüron LU lässt sich ein absolut datierter

Horizont fassen.

Glasur kommt in den Luzerner Komplexen vor 1309

(mit Ausnahme seltener Glasur auf Baukeramik aus den

Klosterziegeleien) nicht vor, sie erreicht die Geschirrkeramik

erst im Verlauf der 1. Hälfte des 14. Jh., gleichzeitig

mit der Erweiterung des Formenspektrums von Ofenund

Geschirrkeramik.

Ein Phänomen des 13. und frühen 14. Jh. ist die technisch

aufwändige Herstellung grossformatiger, oft ornamentierter

Formbacksteine in verschiedenen Klosterziegeleien,

vorab im Kloster St. Urban bei Pfaffnau LU.

Fabian Küng

Kantonsarchäologie Luzern

Libellenrain 15

6002 Luzern

fabian.kuebng@lu.ch

372 F. Küng, (K)eine Fundvorlage zum Fundmaterial des Zeitraums 800–1350 aus dem Kanton Luzern


Anmerkungen

1 Publiziert ist z. B. das Fundmaterial aus den Holz-Erdburgen Salbüel

(Hergiswil LU) und Fahr (Inwil LU): W. Meyer, Salbüel LU. Bericht

über die Forschungen von 1982. In: Schneider/Meyer 1991, 75–139; J.

Rickenbach, Die «Burgstelle Fahr». In: Rickenbach 1995, 171–177.

2 zum Befund: JbHGL 26, 2008, 203–208. Die 2006/07 durchgeführte

Grabung ist derzeit in Auswertung, es liegen noch keine definitiven

Ergebnisse vor. Eine Publikation ist im Rahmen der Archäologischen

Schriften Luzern vorgesehen.

3 Die C14-Kalibrationskurve weist für das 11./12. Jh. ein Plateau auf,

weshalb die Wahrscheinlichkeit der Datierung weit streut. Auf eine Auflistung

der Messresultate wird daher verzichtet.

4 R. Windler, Mittelalter und Neuzeit. In: Bauer et al. 1991, 208–215 und

Taf. 98–108.

5 Rickenbach 1995, 84–87.

6 Rickenbach 1995. 29.

7 Rickenbach 1995, 89. Absolut datiert ist in Alt-Eschenbach lediglich

noch ein Stück Brennholz aus dem mittelalterlichen Kalkbrennofen 1

(zum Befund: Rickenbach 1995, 37f.). Da weder die Herkunft des Holzes,

die beprobten Jahrringe noch die Stellung des Kalkbrennofens zum

Befund bekannt sind (Bau der Anlage oder deren Schleifung?), vermag

das Resultat für die Datierung der Stadtanlage jedoch vorerst nichts

beizutragen. B-4655: 880+50 BP. 95.4%: 1034–1252 AD.

8 ASA 1885, 201–208; 1886, 242–246. Das Fundmaterial liegt heute zum

grössten Teil im Historischen Museum Bern, weitere Bestände besitzen

das Schweizerische Nationalmuseum, das Historische Museum

Luzern sowie das Museum Aargau (Schloss Lenzburg).

Bibliografie

Bauer, I./ Frascoli, L./ Pantli, H. et al. (1991) Üetliberg, Uto Kulm. Ausgrabungen

1980–1989. Berichte der Zürcher Denkmalpflege, Archäologische

Monographien 9. Zürich.

Eggenberger, P. (1986) Das Stift Beromünster. Ergebnisse der Bauforschung

1975–1983. Luzerner Historische Veröffentlichungen 21. Luzern/Stuttgart.

Goll, J./Fässler, S./Maurer, Ch. et al. (1994) Die Klosterziegelei St. Urban

– Blütezeit und Nachleben. Beiträge der Stiftung Ziegelei-Museum zur

800-Jahr-Feier des Klosters St. Urban. In: Ziegelei-Museum, 11. Bericht

der Stiftung Ziegelei-Museum. Cham.

Küng, F. (2006) Luzern. Bauen am Fluss. Archäologische Untersuchungen

an der Krongasse 6–10. Archäologische Schriften Luzern 10. Luzern.

F. Küng, (K)eine Fundvorlage zum Fundmaterial des Zeitraums 800–1350 aus dem Kanton Luzern

9 Aus Altbüron liegt aus unbekannten Gründen keine Geschirrkeramik vor.

10 Rickenbach 1995, 140–157; Tauber 1980, 193–195.

11 Tauber 1980, 195.

12 Rickenbach 1995, Kat. 431–433 bzw. Kat. 404–409.

13 Das Fragment einer engen, röhrenförmigen Kachel ist in der Auswahl

Tauber 1980 nicht berücksichtigt (BS/WS, Inv. Nr. 848.42).

14 Publizierte Stücke finden sich in Küng 2006, Kat.-Nr. 22–41.47–52.56–

60.96–97.

15 Die Metallfunde gehören grösstenteils zum Bestand des Historischen

Museums Bern. Zurzeit ist bei der Kantonsarchäologie Luzern eine

Aufarbeitung durch Christoph Rösch im Gange.

16 Maurer 1998; Schnyder 1958; Goll et al. 1994.

17 Schnyder 1959; Fundkatalog von W. Stöckli, in: Eggenberger 1986,

218–233.

18 Es handelt sich beim Dendro-Resultat 1312 um eine b-Datierung. Die

mit Hilfe des archäologischen Befundes mögliche grobchronologische

Ein ordnung des Holzes erlaubt jedoch eine Verwendung dieses Datums.

19 Im Umfeld des Sempacherkriegs sollen 1385/86 u. a. die Burgen

Schenkon (Schenkon LU), Hasenburg (Willisau LU), Äussere Burg

Wolhusen (Wolhusen LU), Lieli (Hohenrain-Lieli LU), Oberrinach

(Römerswil-Herlisberg LU), Richensee (Hitzkirch LU) und Rothenburg

(Rothenburg LU) zerstört worden sein. Das Fundmaterial, das

vorwiegend aus Altgrabungen oder kleineren Sondierungen stammt,

wurde bisher nicht umfassend ausgewertet.

20 Abfallhalde einer spätmittelalterlichen Töpferei: JbHGL 10, 1992, 87;

14, 1996, 150–152. Nicht bearbeitet.

Maurer, Ch. (1998) Die Backsteinwerkstücke des Zisterzienserklosters

St. Urban. Unpubl. Dissertation Universität Stuttgart.

Rickenbach, J. (1995) Alt-Eschenbach. Eine spätmittelalterliche Stadtwüstung.

Archäologische Schriften Luzern 3. Luzern.

Schneider H./Meyer W. (1991) Pfostenbau und Grubenhaus. Zwei frühe

Burgplätze in der Schweiz. SBKAM 17. Basel.

Schnyder, R. (1958) Die Baukeramik und der mittelalterliche Backsteinbau

des Zisterzienserklosters St. Urban. Bern.

Schnyder, R. (1959) Die Baukeramik von Beromünster. ZAK 19, 209–217.

Zürich.

Tauber, J. (1980) Herd und Ofen im Mittelalter. SBAKM 7. Olten.

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