Beilage zum Zirkular 48/49 - Wildcat

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Beilage zum Zirkular 48/49 - Wildcat

schied zur früheren keynesianischen Strategie ist, daß New Labour nie

versprochen hat, mehr Arbeitsplätze an sich zu schaffen. Vielmehr glaubt

New Labour, daß man die Arbeitslosigkeit bekämpft, indem man den

Individuen »Qualifikationen« vermittelt. Insofern geht New Labour genauso

an das Problem der Arbeitslosigkeit und der Sozialausgaben heran

wie die letzte Regierung: mit der Schaffung von Konkurrenz auf dem

Arbeitsmarkt zum Vorteil des Kapitals − obwohl diesmal vielleicht die

qualifizierteren Bereiche betroffen sein werden und nicht nur der unterste

Bereich. 27

Im Weltbild von New Labour ist Arbeit die Lösung fast aller sozialen

Übel, da sie nicht nur für eine gesunde, konkurrenzfähige Wirtschaft

(sprich: die Chefs sind am längeren Hebel) sorgt, sondern auch für »Unabhängigkeit«

und »Selbstwertgefühl« bei Menschen, die ansonsten der

Erfahrung der Lohnarbeit beraubt wären. Im Vergleich zu keynesianischen

Strategien ist der New Deal vielleicht relativ billig, aber er muß

als Teil einer gewaltigen ideologischen Offensive verstanden werden, mit

der allen Menschen die Arbeitsethik eingeimpft wird und die Gruppen,

die sich an ein Leben von der Stütze als Selbstverständlichkeit gewöhnt

haben, wieder in die Welt der Lohnarbeit »eingeschlossen« werden. 28

New Labour hat erkannt, daß ein Hauptproblem der Großbritannien AG

darin besteht, daß zu viele Leute nicht »job ready« [vermittelbar] sind.

Da sie zu lange Zeit arbeitslos waren, haben sie keine Arbeitsdisziplin

mehr und kommen noch nicht einmal morgens pünktlich aus dem Bett:

Daher wird zur Zeit darüber geredet, nicht lohnarbeitenden alleinerzie-

27) All dies nimmt sie natürlich beim Wort. Wenn das Gerede über »Qualifikationen«

reines Geschwafel ist − wie das Beispiel von NVQ2 als »Ausbildung« vermuten läßt −

dann ist der »Qualifikations«-Teil des »New Deal« genauso ein Schwindel wie alle bisherigen

staatlichen Maßnahmen. Einerseits scheint das Bemühen der Regierung um eine Form

von Mindestlohn ein Eingeständnis zu bedeuten, daß der Staat nicht viel mehr für das

untersten Bereich des Arbeitsmarktes tun kann. Andererseits deuten die ewigen Predigten

der Labour-Führung über Bildung (»Bildung, Bildung, Bildung«) an, daß sie darauf hoffen,

die Flexibilität der USA (wie Thatcher sie hergestellt hat) mit einem höheren Produktivitätsniveau

zu verbinden, wie es in Deutschland und Japan herrscht (was dort zum Teil

durch die Betonung der Bedeutung von Ausbildung erreicht wird).

28) Will Hutton ist zwar keineswegs ein Sprecher der Labour-Orthodoxie, aber er drückt

ihre Ideologie sehr schön aus, wenn er sagt, daß der Wert der Arbeit für die ArbeiterInnen

nicht nur in der Entschädigung durch den Lohn liege, sondern daß der Arbeitsrhythmus

dem Leben Bedeutung gebe und die sozialen Beziehungen dem Arbeiter eine Identität

verleihen (Will Hutton: The State We’re In, London: Jonathan Cape 1995). Blair und

Brown würden in ihrer Kampagne für die Arbeitsethik vielleicht sogar noch weiter gehen.

»Arbeit ist gut für die Seele«, hat letztgenannter sein Credo zusammengefaßt.

32 Beilage Wildcat-Zirkular 48 / 49

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