Beilage zum Zirkular 48/49 - Wildcat

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Beilage zum Zirkular 48/49 - Wildcat

Was Strategie und Methoden angeht, schien sich das Erbe der Anarchisten

bzw. der Claimants’ Unions darin widerzuspiegeln, daß viele

Groundswell-Gruppen diverse Selbsthilfeansätze und individuelle bzw.

Kleingruppenlösungen benutzten. So verteilten sie Flugblätter vor Job-

Centres mit Tips, wie man bei Vorstellungsgesprächen durchfällt, und

anderen Strategien, ohne Bestrafung der Mitwirkungspflicht zu entgehen.

Natürlich muß jeder und jede, der oder die von der Stütze lebt, ab und zu

solche Methoden anwenden, und natürlich können wir uns gegenseitig

dabei helfen, indem wir Tips und Tricks weitergeben und uns so gegenseitig

stärken. Das hat früher sicher auch in den Claimants’ Unions so

funktioniert. Aber die Trickserei- und Beratungsstrategie kann auch dazu

führen, daß die Leute nicht zusammengebracht werden, sondern der

Individualismus, der teilweise sowieso schon zum Leben von der Stütze

dazugehört, noch verstärkt wird. Die Suche nach individuellen Lösungen

kann die Notwendigkeit, zusammenzukommen, überflüssig machen − so

argumentieren ja auch die meisten, die nicht bei ihrer örtlichen UnterstützungsempfängerInnen-Aktionsgruppe

mitmachen: daß sie durch Tricksen,

Bluffen usw. »alleine klarkommen«. Aber es ist auch diesen einfallsreichen

Individuen klar, daß das mit der JSA verbundene Quotensystem

natürlich bedeutet, daß die, die am besten reden können, zwar durchkommen,

daß es dafür aber andere erwischt, so daß die Logik der JSA unangetastet

bleibt und es in Zukunft auch dich erwischen kann. Die Bevorzugung

individueller Trickserei- und Beratungslösungen hat auch auf die

Claimants Groups selbst parasitäre Auswirkungen. Die Einzelnen nehmen

nur Kontakt zu den Gruppen auf, um sich Tips für ihr eigenes jeweiliges

Problem zu holen, und behandeln die Gruppen oft wie Beratungsstellen.

Wenn die Gruppen klein sind, zehrt das die AktivistInnen

aus und desillusioniert sie, was ihre Veränderungsmöglichkeiten angeht.

Wenn die Groundswell-Gruppen durch das Herausgeben von Informationen

über Tricks usw. eher individuellen Strategien den Vorzug gaben,

dann ist das im wesentlichen der organisatorische Ausdruck einer unter

Arbeitslosen herrschenden Tendenz, als Individuen Widerstand zu leisten,

was sein moralisches Mäntelchen durch eine anarchistische Anti-

Arbeitsideologie erhält.

Aber die Unterstützung beim »Tricksen« war nur eine der von den

Groundswell-Gruppen benutzten Strategien. Es gab auch eine ganze

Reihe von »Aktionstagen«. So standen Gruppen ein Jahr, bevor die JSA

eingeführt werden sollte, Streikposten vor JobCentres und besetzten

JobCentres und »Fortbildungsschulen«, bis sie von den Bullen herausgeworfen

wurden. Aber auch bei der größten dieser Aktionen nahmen nicht

März 1999 37

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