Beilage zum Zirkular 48/49 - Wildcat

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Beilage zum Zirkular 48/49 - Wildcat

Aber die Arbeit ist die grundlegende Kategorie, um das Kapital zu

verstehen − das Kapital setzt die Arbeit voraus, das Wesen des Kapitals

ist die Selbstausdehnung der entfremdeten Arbeit. Wenn es zahlreiche

politische Projekte gibt, die sich nicht im Verhältnis zur Arbeit − zum

Kapital − verstehen, dann überwiegt die Zersplitterung. Die gegenwärtige

Zersplitterung ist ein Überrest des Triumphs der Sozialdemokratie, nach

dem utopische Hoffnungen sich in Ideen und Projekten ausdrückten, die

von den Betriebskämpfen weit entfernt waren.

In den 80er Jahren, als sich das Kapital durch die thatcheristische

Ideologie des Individualismus und Egoismus ausdrückte, entstanden

verschiedene uneigennützige Lebensstile als radikale Alternative, als

Möglichkeit, eine Verbindung zu unserer wahren Moral herzustellen, die

vom Thatcherismus nach dem Gefühl der Leute zu unrecht geleugnet

wurde: Die klassischen Beispiele sind die Campaign for Nuclear Disarmament

und Animal Liberation. Auf der anderen Seite förderte der

Thatcherismus auch eine Konformität um Werte wie harte Arbeit und

Konsum herum. Die Alternative dazu war also, als Individuum aus der

Lohnarbeit und der Konsumgesellschaft auszusteigen. Zusammengenommen

bedeutete Politik also einerseits, sich für irgendein Thema zu engagieren

(die atomare Vernichtung, die Völker der »Dritten Welt«), oder

andererseits etwas sehr Persönliches, was sich da, wo es nicht auf einen

sektierischen Zerfall in einander bekriegende Stämme hinauslief, leicht in

eine bürgerliche Karriere umdrehen ließ: Lifestyle mit Moral, radikaler

Feminismus, Schwulenbefreiung usw.. Das ultimative Beispiel für diese

Tendenzen war der radikale Tierschutz und der damit verbundene Veganer-Lebensstil.

Was die beiden Extreme: das »Andere« und das individualisierte

»Persönliche« vereinte, war nicht Solidarität, sondern das

Gefühl der Freiheit der moralischen Entscheidung: Politik schien nicht

länger eine Frage der Notwendigkeit zu sein.

In den 90er Jahren bot die Bewegung gegen die Straßen zumindest

eine gewisse Möglichkeit, die Zersplittertheit zu durchbrechen. Sie begann

zwar als moralisches »Umwelt«-Thema, aber je mehr die TeilnehmerInnen

sich mit den Bullen herumprügeln mußten, desto mehr klarer

wurde ihnen, daß es um die Kräfte des Staats und die Interessen des

Kapitals ging. Aber das nationale Straßenbauprogramm ist gestorben,

und die restlichen Kampagnen gegen Straßenbau finden ihre Einheit in

der »DiY«-Bewegung, wie sie sich in den SchNews ausdrückt, die fast

jede Form von »direkter Aktion« als legitime praktische Möglichkeit

betrachten. Bei diesem Vorrang der Form vor dem Inhalt kommt eine Art

Politik-Supermarkt heraus, in dem »Klasse« nur als eine Kategorie der

Unterdrückung − gegen ArbeiterInnen − vorkommt, neben der Unter-

März 1999 49

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