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10 Jahre K&N - Königswieser & Network

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königswieser & network<br />

Komplementäre Beratung und systemische Entwicklung I www.koenigswieser.net I Best of I November 2011<br />

<strong>10</strong> <strong>Jahre</strong> K&N


3<br />

4–5<br />

6–7<br />

8–9<br />

<strong>10</strong>–11<br />

12–13<br />

14–15<br />

16–17<br />

18–19<br />

20–21<br />

22–23<br />

24<br />

25<br />

26–27<br />

28–29<br />

30–31<br />

32–33<br />

34–35<br />

36<br />

Inhalt<br />

EdItorIal<br />

Was war ein Highlight der <strong>10</strong> <strong>Jahre</strong>?<br />

die Gesellschafter erinnern sich …<br />

dIE PraXIS MaCHt UNS MUt<br />

Erfahrungsberichte von unserer arbeit<br />

MIt FIat<br />

MIt MIGroS<br />

… MaN Nutzfahrzeuge aG<br />

Vom dialogprojekt zum Veränderungsprozess<br />

… aol<br />

Vom Modernisierungsverlierer zum asset<br />

… bei der dEUtSCHEN BaHN aG<br />

Schienen legen, Weichen stellen …<br />

… bei der KaSSElEr SParKaSSE<br />

die „Jungen Wilden“ in der „Zukunftswerkstatt“<br />

Wild sein – dürfen wir das?<br />

der Veränderungsprozess bei Boehringer Ingelheim<br />

Fragen kennen keine Grenzen<br />

FloW – ein Völker verbindendes Kulturprojekt<br />

die Preisträger des K&N-awards<br />

Sozial integrierte Quartiersentwicklung<br />

anonyme Insolvenzler<br />

Wie Phönix aus der asche …<br />

der turn-around bei einem<br />

großen deutschen Pharma-Unternehmen<br />

Global statt lokal<br />

die Krise als Beschleuniger nachhaltiger<br />

Veränderungen bei der roto Frank aG<br />

ohne Wurzeln kein Wachstum<br />

der lange Weg aus der kollektiven Identitätskrise der San<br />

Gescheiter scheitern<br />

Wir haben diesem tabuthema<br />

ein Forschungsprojekt gewidmet<br />

Jeder für sich und alle gemeinsam<br />

raiffeisen braucht den Widerspruch<br />

organisch wachsen<br />

Wie bei der SGS statt starrer Strukturen<br />

eine integrierte Netzwerkorganisation entsteht<br />

Eine Schuhnummer zu groß<br />

Unser Führungskräfteentwicklungsprogramm<br />

GloSSar: Wachsen<br />

Verantwortung<br />

Wandel<br />

IMPrESSUM<br />

HEraUSGEBEr: <strong>Königswieser</strong> & <strong>Network</strong> GmbH, Marokkanergasse 22/7a, <strong>10</strong>30 Wien, tel. ++43-1-368 46 91, info@koenigswieser.net; rEdaKtIoN: roswita <strong>Königswieser</strong>, Nora Stuhlpfarrer, Heidi aichinger;<br />

FotoS & IllUStratIoNEN: Fiat, Fotolia, Stephan lindner, MaN Nutzfahrzeuge aG, Migros, Stefanos Notopoulos, Österreich Werbung/Mallaun, raiffeisen, roto Frank aG, SGS, !Khwattu Pty (ltd);<br />

GraFISCHES KoNZEPt & GEStaltUNG: Grafikatelier Mag. Stephan lindner, www.grafikatelier.at; lEKtorat: Nora Stuhlpfarrer<br />

Nachhaltigkei t<br />

Lösungen<br />

Mitarbeite r<br />

Begeisterung<br />

Intervention<br />

Haltung Veränderung<br />

Zukunft<br />

Gestalte r<br />

Entwicklung<br />

Rolle<br />

Qualität<br />

Quick wins<br />

!<br />

<strong>Königswieser</strong> & <strong>Network</strong> gibt es nun seit zehn <strong>Jahre</strong>n.<br />

Wenn ich (roswita <strong>Königswieser</strong>) mich an den<br />

anfang erinnere – die Entscheidung zur Gründung<br />

fand Ende 2001, der entsprechende Notariatsakt anfang<br />

2002 statt –, dann kann ich mit Freude resümieren,<br />

dass die meisten damaligen Bilder und Vorstellungen<br />

Wirklichkeit geworden sind. Es ist übrigens<br />

sicherlich kein Zufall, dass sich sowohl im Kreis der<br />

Gesellschafter wie auch der Projektleiter und unserer<br />

Netzwerkpartner viele ehemalige Kunden befinden.<br />

Wir hatten eine sehr anspruchsvolle Vision: nämlich<br />

auf Basis des systemischen ansatzes die harte<br />

Welt der Zahlen in ein Modell zu integrieren, vor der<br />

Quadratur des Kreises nicht zurückzuschrecken, Unmögliches<br />

zu versuchen. der ansatz ist – mit Hilfe von<br />

Kunden und wissenschaftlichen Begleitern – im Kern<br />

entwickelt und veröffentlicht. Und er hat auch einen<br />

Namen: Komplementärberatung<br />

Weiters sind wir mit der Idee angetreten, nicht nur<br />

Projekte „runterzuradeln“ und gut zu verdienen (das<br />

ist natürlich schön), sondern vorauszudenken, was<br />

Unternehmen in Zukunft brauchen könnten – Bedürfnisse<br />

und anforderungen, die sie vielleicht selbst<br />

noch gar nicht formulieren können. [In den Projektberichten<br />

sollte das erkennbar sein.] dieser Innovationsgeist<br />

ist nach wie vor sehr lebendig.<br />

Wir wollten eine Brücke zwischen Forschung und<br />

Praxis bauen. das Feedback, das wir erhalten, ermutigt<br />

uns dabei. [S. 28/29]<br />

das wirtschaftlich-gesellschaftliche Umfeld, in<br />

dem wir unsere arbeit leisten, war vor zehn <strong>Jahre</strong>n<br />

schon sehr dynamisch und anspruchsvoll. das thema<br />

Shareholder-Value z. B. war schon damals viel diskutiert.<br />

die dynamiken haben sich aber vervielfacht.<br />

Komplexität, Geschwindigkeit, Widersprüche, internationale<br />

Verflechtungen ergeben eine sehr anspruchsvolle<br />

Gemengelage. Müssen wir uns auf einen<br />

dauerhaften Krisenzustand einstellen? damit<br />

leben, dass niemand sagen kann, wie lösungen aussehen<br />

könnten?<br />

Wir halten – trotz aller Probleme – an dem anspruch<br />

fest, an der Schnittstelle von Wirtschaft und<br />

Gesellschaft mit positiver Energie und unserem<br />

Know-how daran mitzuwirken, Neues zu gestalten.<br />

[als Beispiele hierfür haben wir die Projekte unserer<br />

award-Gewinner – S. 22/23 – angeführt.]<br />

journal Best of | Editorial königswieser & network | 3<br />

EdItorIal<br />

<strong>10</strong> <strong>Jahre</strong> K&N<br />

Nicht nur unsere Kunden, auch wir sind ständig<br />

damit konfrontiert, mit noch mehr Widersprüchen,<br />

noch mehr Unsicherheit umgehen zu müssen. aber<br />

gerade das spornt uns an, gibt unserer arbeit tieferen<br />

Sinn. So denkt unser gesamtes, in mehreren europäischen<br />

ländern beheimatetes Netzwerk. ohne dessen<br />

Qualität in der art, Beziehungen zu gestalten, Knowhow<br />

zu pflegen, zu entwickeln und zu vermitteln, wären<br />

wir als K&N nicht das, was wir sind. die gemeinsame<br />

ausbildung in Komplementärberatung, die<br />

anspruchsvollen reflexionen, das lernen aus Fehlern<br />

in diesem interdisziplinären Kollektiv, all das hilft<br />

uns, die Qualität und das Vertrauensniveau zu halten,<br />

komplexe, anspruchsvollste Changeprojekte und<br />

Führungskräfteentwicklungen [S. 34/35] zu begleiten.<br />

Natürlich ist in diesen zehn <strong>Jahre</strong>n nicht alles nur<br />

glatt, ist es nicht immer nur bergauf gegangen. Wir<br />

haben uns z. B. in der Zusammenarbeit mit großen,<br />

internationalen Beratungsfirmen auf Experimente<br />

eingelassen, die scheiterten, weil unsere Wertvorstellungen<br />

nicht zusammenpassten. Wir hatten Konflikte,<br />

und es ergaben sich einige Veränderungen im<br />

Gesellschafterkreis, die wir uns zuvor nicht hätten<br />

vorstellen können. aber unsere Basis ist stabil, unser<br />

Geschäftsmodell trotz Krise robust, die Kernwerte<br />

passen zu einem in langfristigkeit denkenden Unternehmen,<br />

in dem die Familie eine rolle spielt.<br />

Jetzt richten wir den Blick schon wieder in die<br />

Zukunft. Weitere Internationalisierungsschübe stehen<br />

drängend vor der tür, der Generationswechsel<br />

steht an. roswita <strong>Königswieser</strong> verändert kontinuierlich<br />

und in Zusammenwirkung mit allen anderen ihre<br />

rolle.<br />

Neue Gesellschafter tragen die Wertebasis mit,<br />

bringen aber zusätzlich Neues herein. der zehnte Geburtstag<br />

ist daher kein Einschnitt, sondern anlass zu<br />

dankbarer, freudiger Erinnerung an die Gründung, an<br />

unseren bisherigen Weg in einem wilden Strom von<br />

Projekten, Beziehungen, Ideen, Experimenten, Hürden,<br />

an eine Geschichte von geteilter leidenschaft –<br />

mit allen Konsequenzen.<br />

Wenn wir das tor in die Zukunft öffnen, sehen wir<br />

das Feuerwerk des Jubiläums und sehen den Fluss<br />

fließen, wenngleich er ein anderer sein wird, als der,<br />

den wir schon kennen. Es macht Freude und ver-<br />

schafft Befriedigung, seine Energie für eine Weiterentwicklung<br />

unserer arbeit, aber auch für persönliche<br />

Entwicklungsschritte zu nutzen.<br />

Wir danken an dieser Stelle allen unseren Kunden,<br />

die uns Vertrauen geschenkt haben, allen Wegbegleitern<br />

und Mitgestaltern von K&N, die uns unterstützt<br />

haben.<br />

Mit dieser Jubiläumsausgabe möchten wir feiern<br />

und signifikante Projekte und aktivitäten in Erinnerung<br />

rufen. das Kriterium der auswahl war denkbar<br />

einfach: diese Beiträge haben die stärkste resonanz<br />

ausgelöst und sind besonders gut geeignet, unsere<br />

Identität zu verdeutlichen.<br />

Wir hoffen, dass diese rückschau auf <strong>10</strong> <strong>Jahre</strong> Wirken<br />

von K&N – im Gegensatz zur derzeit herrschenden<br />

Verunsicherung und Skepsis – nicht nur uns positive<br />

Zukunftsperspektiven eröffnet.


4 i königswieser & network Highlights der <strong>10</strong> <strong>Jahre</strong> | journal Best of<br />

„Das Atmen des Netzwerks“<br />

Ein Netzwerktreffen: Zusammenkommen, Heimat tanken,<br />

Erfahrungen über schwierige Projekte austauschen,<br />

die gesellschaftlichen Umfeldeinflüsse reflektieren,<br />

aus Fehlern lernen, aus Widersprüchen Neues<br />

entwickeln. Initiativen starten, Stolz empfinden, weil<br />

man dazu gehört, das atmen des Netzwerks und dessen<br />

kollektiven Herzschlag spüren. die gemeinsamen<br />

Werte bestätigt sehen, arbeit gestalten, mit Spaß verbinden.<br />

den Sinn der arbeit mit Kunden und die eigene<br />

Vision bestätigt fühlen.<br />

Roswita <strong>Königswieser</strong><br />

„Integriertes Kraftpaket“<br />

Bei Highlight denke ich sofort an die intensive arbeit<br />

in den Gruppen „angewandte Forschung“. Für die<br />

Großprojekte (mit <strong>10</strong> bis 15 Staffmitgliedern) hatten<br />

wir für die reflexionsarbeit teilweise Wissenschaftler,<br />

teils externe Experten (z. B. Gerhard Jochum) eingeladen,<br />

die mit uns Beratern auf drei Ebenen arbeiteten:<br />

Interventionsplanung für das Projekt, Entwicklung<br />

von neuen Konzepten, Modellen und tools und letztlich<br />

implizierte arbeit auf der Ebene unserer Identität.<br />

Es waren Stunden besonderer Kraft, voll Begeisterung,<br />

Kreativität und Innovation. Ich erlebte eine konkurrenzfreie<br />

Zusammenarbeit, einen Flow, ein Getragensein<br />

in der kollektiven Intelligenz und Nähe. Im<br />

rahmen dieses Formats ist ja auch der komplementäre<br />

integrative ansatz entstanden – bzw. entwickeln<br />

wir ihn noch weiter.<br />

Ulrich <strong>Königswieser</strong><br />

„Wiener Walzer“<br />

Mein Highlight sind die „magic moments“ mit unseren<br />

Kunden: Ich denke dabei z.B. an den Projektabschluss<br />

bei Boehringer, wo im rahmen der reflexion über die<br />

drei <strong>Jahre</strong> alle Mitglieder des Beraterstaffs und des internen<br />

Staffs gemeinsam Wiener Walzer tanzen<br />

sollten. Erst war das Zusammenspiel unbeholfen, man<br />

stieg einander auf die Füße, stürzte sogar. aber dann<br />

lernte man gemeinsam, die Bewegungen wurden koordinierter.<br />

Schließlich gelang ein wunderbarer tanz<br />

im dreivierteltakt.<br />

die Mischung aus rationalen Erkenntnissen und<br />

emotionalen Bezügen – aufgelöst in einer analogen<br />

Intervention, die schließlich dazu führte, dass ursprünglich<br />

kognitive techniker diesen tanz begeistert<br />

mitmachten –, das war ein wunderschöner augenblick<br />

für unsere arbeit, für die art der Beziehung<br />

zu unseren Kunden.<br />

Lars Burmeister<br />

„Bestanden“<br />

Unser erstes Beiratstreffen fand im eleganten Schlosshotel<br />

Schwarzenberg in Wien statt. Wir hatten uns bei<br />

der Gründung bereits überlegt, dass wir unsere strategischen<br />

themen mit einem Beirat diskutieren wollten,<br />

um selbst eine außenperspektive zu bekommen.<br />

Wir hatten uns intensiv auf die Sitzung vorbereitet,<br />

Zahlen, daten und Fakten aufbereitet und alles noch<br />

in eine gute Form gegossen. Meine Gesellschafterkollegen<br />

und ich waren stolz auf den Erfolg des letzten<br />

<strong>Jahre</strong>s. aber würden Gabriele Fischer, Herbert demel<br />

und Gerhard Jochum diese Meinung teilen? „Warum<br />

tun wir uns das an?“, zweifelten wir kurz.<br />

Vier Stunden später waren wir aber hoch zufrieden.<br />

der Beirat hatte interessiert freundliche, aber<br />

kritische Fragen gestellt. das Feedback war gut. dieser<br />

erste termin führte dann dazu, dass wir diese art<br />

der reflexionsarbeit mit unserem Beirat in institutionalisierter<br />

Form weiterhin durchführen. diese treffen<br />

sind immer wieder ein wichtiger Entwicklungsimpuls<br />

für unsere arbeit.<br />

Martin Hillebrand<br />

journal Best of | Highlights der <strong>10</strong> <strong>Jahre</strong> königswieser & network | 5<br />

Was war ein Highl ight der <strong>10</strong> <strong>Jahre</strong>?<br />

die Gesellschafter erinnern sich …<br />

„Auf Gold gestoßen“<br />

In einem großen Changeprojekt ging es um die Neugestaltung<br />

der aufbauorganisation in einem Konzern.<br />

Es ging um die abgrenzungen der neuen Einheiten.<br />

als Entscheidungshilfe wurden von uns verschiedene<br />

betriebswirtschaftliche Kriterien – wie Kosten, Qualität,<br />

Zeitaufwand – in einem speziellen raster zur Verfügung<br />

gestellt. Zusätzlich wurden die Szenarien anhand<br />

von Kriterien wie Grad der Veränderung,<br />

anforderung an die Führung, an die Kommunikation<br />

sowie an die übergreifende Zusammenarbeit bewertet.<br />

In unserer Systemdiagnose wurden alle diese<br />

Punkte als kritisch gesehen.<br />

Was mich in dieser Situation begeisterte, war die<br />

tatsache, dass diese Verknüpfung der Entscheidungskriterien<br />

die Qualität der diskussion im Hinblick auf<br />

eine nachhaltig erfolgreiche Umsetzung der neuen<br />

Struktur deutlich erhöhte. Mit Hilfe des integrierten<br />

Konzepts gelang es, eine lösung zu finden die nicht<br />

nur betriebswirtschaftlich optimal war, sondern darüber<br />

hinaus auch akzeptiert wurde, weil sie zur Kultur<br />

passte. diese art der operativen Verknüpfung war<br />

neu. Sie bestätigte den Mehrwert für den Kunden –<br />

was wieder ein Stück Weiterentwicklung für unseren<br />

komplementären ansatz bedeutet.<br />

Erik Lang, Gesellschafter bis 31. 12. 2011<br />

Netzwerkpartner ab 1. 1. 2012<br />

„Schöne Einladung“<br />

Zehn <strong>Jahre</strong> <strong>Königswieser</strong> & <strong>Network</strong>, das ist aus meiner<br />

Sicht eine phantastische Erfolgsgeschichte! Veröffentlichungen,<br />

gerade auch zu Innovationen wie der<br />

Komplementärberatung, haben neue Impulse in die<br />

Beratungswelt gesetzt. Komplexe Veränderungsprojekte,<br />

an denen auch ich mitwirken konnte, etwa Sanofi<br />

oder die Mercedes Bank, zeigen, wie sich das in<br />

die Praxis umsetzen lässt. Und die nachhaltige Befassung<br />

und kritische reflexion – wie es nun im neuen<br />

Buchprojekt erfolgt –, das sind echte Markenzeichen<br />

eines exzellenten Beratungshauses. Genau wie das<br />

hervorragende Netzwerk von Kolleginnen und Kollegen.<br />

Ich freue mich und bin stolz, ab 2012 zum Gesellschafterkreis<br />

zu gehören! Mein Highlight ist also die<br />

Einladung, in und an diesem Unternehmen als Gesellschafterin<br />

mitzuarbeiten und mitzugestalten.<br />

Marion Keil, Netzwerkpartnerin bis 31. 12. 2011<br />

Gesellschafterin ab 1. 1. 2012


6 i königswieser & network Fiat | journal Best of<br />

dIE PraXIS<br />

MaCHt UNS<br />

MUt<br />

Bereits kurz nach Gründung unserer Firma sind wir<br />

mit einem Projekt enormen ausmaßes konfrontiert:<br />

Wir sollen Herbert demel bei der Neuausrichtung des<br />

angeschlagenen automobil-riesen Fiat unterstützen.<br />

2002 tritt demel, der zuvor die Höherpositionierung<br />

der Marke audi bei VW erfolgreich gesteuert hat, den<br />

Posten des CEo bei der Fiat-auto-Gruppe (die Fiat, lancia<br />

und alfa romeo umfasst) an. Er soll nun Fiat auto<br />

sanieren. Nach zwei Jahrzehnten krisenhafter Entwicklung,<br />

verwoben in die gesamte Wirtschaft und Politik<br />

Italiens, ist der Konzern massiv überschuldet und<br />

kämpft ums Überleben. Mit dem legendären Konzernboss<br />

Gianni agnelli wurde 2002 auch der Mythos von<br />

der unangreifbaren italie nischen Industrieikone Fiat zu<br />

Grabe getragen. das wahre ausmaß der defizite und<br />

Strukturprobleme war lange von agnellis Charisma und<br />

ErFaHrUNGSBErICHtE<br />

aUS UNSErEr arBEIt<br />

vom Glanz seiner Beziehungen überstrahlt gewesen –<br />

man konnte also mit halben Wahrheiten jonglieren<br />

(Kosten, absatzzahlen, Qualität).<br />

demel sieht nun den Sanierungsfall nicht nur als<br />

Frage der finanziellen Konsolidierung, sondern setzt<br />

ein umfassendes strategisch-strukturell-kulturelles<br />

Umstrukturierungsprogramm auf: Ein tief greifender<br />

Entwicklungsprozess, an dem alle Mitarbeiter beteiligt<br />

sind, soll das Unternehmen in die Zukunft führen.<br />

Wir sollen den Veränderungsprozess – wie schon<br />

bei audi – beratend begleiten.<br />

die Systemdiagnose, die wir in auswertung von<br />

rund 150 Gruppeninterviews mit Mitarbeitern in der<br />

Zentrale, in fünf ländern, Werken und Märkten erstellen,<br />

ergibt einen vernichtenden Befund: die Sicht von<br />

außen (Qualitätsverluste, Unverlässlichkeit, Werteverfall)<br />

schlägt sich im Inneren des Betriebs in Scham, Verunsicherung<br />

und Existenzangst nieder. der Glaube an<br />

die Qualität der eigenen Produktion ist gebrochen. dieser<br />

Verlust an Unternehmens geist und Perspektive<br />

lähmt den Betrieb (40 000 Mitarbeiter und 500 Manager)<br />

und zeigt sich 2002 in finanziellen Verlusten in der<br />

Höhe von 1,2 Mrd. Euro, in Überkapazität, absatz-, Qualitäts-<br />

und Kostenproblemen.<br />

als erste Maßnahme wird ein „transformation-<br />

team“ zusammengestellt, in dem Führungskräfte aus<br />

...mit FIat<br />

der ersten und zweiten Ebene wie auch aus den Niederlassungen<br />

der europäischen Vertretungen versammelt<br />

sind. dieses team ist beauftragt, mit K&N gemeinsam<br />

den Umschwung herbeizuführen. Es werden drei strategisch-strukturelle<br />

Hebelprojekte gestartet: das Projekt<br />

„Minus 500 Euro“, das sich konkret vornimmt, pro<br />

auto 500 Euro einzusparen; das Projekt „technical<br />

Convergence“, dessen aufgabe die Vereinheitlichung<br />

der Plattformen ist, und das Projekt „Commercial <strong>Network</strong>“,<br />

das sich mit dem Feld Verkauf und der Neuausrichtung<br />

der Vertriebsstrukturen auseinandersetzt.<br />

Komplementär zusammengesetzte Beratertandems<br />

betreuen die Subprojekte.<br />

Jedes dieser Projekte hat komplexe Problemfelder<br />

zu bearbeiten, da die relevanten Systemumwelten<br />

weit über die turiner Zentrale hinausreichen und ein<br />

weit verästeltes Netzwerk, inklusive ländervertretungen<br />

und Zulieferern, bilden. Jede Veränderung im<br />

Zentrum des Giganten Fiat zieht weite Kreise, muss<br />

kommuniziert und neu verhandelt werden. Beispiel<br />

„technical Convergence“: die Vereinheitlichung der<br />

Komponenten als Einsparungsmaßnahme verursacht<br />

in der Supply-Chain/bei den Zulieferern einschnei-<br />

Unternehmen ringen im Zuge der Neuordnung und der ausrichtung an globalisierten<br />

Märkten hart um „richtige Maßnahmen“ – und mit ihnen die Berater, die sie begleiten.<br />

Hier bietet komplementäre Beratung jeweils maßgeschneiderte Möglichkeiten für einen<br />

raschen, zugleich aber nachhaltigen lösungs- und lernprozess, bei dem wirtschaftlicher<br />

Erfolg und Zukunftsfähigkeit gleichermaßen berücksichtigt und in Balance gehalten<br />

werden. dieser ansatz verlangt von den Beraterteams, in vielfältigen rollen aktiv zu werden:<br />

als Navigator in dieser odyssee durch neue Fahrwasser, als Sicherheit gebender<br />

Problemlösungspartner in dringlichen Businessfragen, als verantwortungsvoller Begleiter<br />

in schmerzhaften restrukturierungsprozessen und als innovativer Moderator in kreativen<br />

lösungswerkstätten. Wie energetisierend es für alle sein kann, derart extreme Herausforderungen<br />

anzunehmen, das soll in den folgenden Schilderungen aus der Praxis sichtbar<br />

gemacht werden.<br />

dende Folgewirkungen. Verträge müssen gelöst oder<br />

neu verhandelt werden. Manche Zulieferer zwingt dieser<br />

auftrags(volumens)verlust ihrerseits zu radikaler<br />

Neuausrichtung oder zu Krisenmanagement. Zulieferer,<br />

die lange Zeit gute Geschäfte mit einem ineffizienten<br />

und defensiven Fiat-Management gemacht hatten,<br />

müssen sich auf harte Verhandlungen einstellen.<br />

In diese komplexen Strukturen intervenieren wir<br />

auf spezifisch-komplementäre Weise: im Wechselspiel<br />

zwischen inhaltlichen Verbesserungen, die von<br />

den Fachberatern vorangetrieben werden, und reflexivem<br />

Innehalten, um mit den Projektmitarbeitern gemeinsam<br />

zu überlegen, welche auswirkungen die getroffenen<br />

Entscheidungen haben, welche mentalen<br />

Hürden bei deren Umsetzung zu überwinden sind und<br />

welche Empfindungen (Ängste, Hoffnungen etc.) das<br />

bei den Beteiligten auslöst.<br />

In rund zehn Subprojekten wird – begleitet von<br />

einem K&N-Beraterstaff von 18 Personen – an neuralgischen<br />

themen gearbeitet. Nach dem ersten Halbjahr<br />

entscheidet das topmanagement trotz – oder gerade<br />

aufgrund – der Krisensituation, parallel eine<br />

Vision zu erarbeiten. In diesem Workshop springt der<br />

Funke vollends über. die lebhafte Beteiligung aller<br />

bringt das Vertrauen, den Glauben an das Unternehmen<br />

und die Initiative zurück. auch in den außenstellen<br />

entsteht dadurch neue Bewegung.<br />

Ulrich <strong>Königswieser</strong>, K&N-Projektleiter der Niederlassung<br />

Spanien: „In Spanien gab es absolut positive<br />

resonanz auf den unglaublichen, von einer Vision<br />

getragenen Veränderungsprozess. davor hieß es: ,Wir<br />

haben keinen Einfluss, die Zentrale lässt uns keinen<br />

Freiraum, wir werden nicht gehört!‘ danach: ,Nun können<br />

wir unseren Markt eigenständig bearbeiten.‘ “<br />

Fabio Mingrino, Projektleiter „technical<br />

Convergence“: „Quello che abbiamo<br />

avuto da <strong>Königswieser</strong> & <strong>Network</strong>,<br />

è stato un approccio diverso dal<br />

passato. Hanno operato come facilitatori,<br />

guidando ed istruendo il team sul<br />

lavoro cooperativo, e spronando ed invogliando<br />

le persone a proporre, semplificando<br />

i comportamenti e focalizzandosi<br />

sull’obiettivo.<br />

journal Best of | Fiat königswieser & network | 7<br />

la collaborazione fu interrotta per ragioni<br />

di spesa, ma ho apprezzato molto<br />

quell’approccio e devo dire che relativamente<br />

al processo di ‚convergenza<br />

tecnica‘ si sta ancora lavorando raggiungendo<br />

risultati. Stiamo migliorando e<br />

sviluppando nuove vetture rispettando<br />

quei principi. Infine quell’esperienza è<br />

stata innovativa ed ha ancora effetto<br />

sul mio lavoro.“<br />

dieser Paradigmenwechsel findet im topmanagement<br />

nicht ungeteilte akzeptanz. Im Zuge des Projekts<br />

„Neuaufsetzen einer realistischen, verlässlichen Budgetplanung“<br />

kommt es zum offenen Konflikt. die differenzen<br />

kulminieren im abschied Herbert demels. damit<br />

ist auch das Beratungsprojekt beendet.<br />

aus turin kommen aber immer wieder Nachrichten,<br />

dass der komplementäre Beratungsprozess in vielen<br />

Bereichen fortwirkt, z. B. darin, Probleme auf die neu<br />

erlernte Weise anzugehen. dennoch fragen wir uns<br />

manchmal, ob man nicht noch mehr erreichen hätte<br />

können.<br />

K&N-Projektleiter Christian Matul: „Hätten wir<br />

härter, strukturierter – also weniger systemisch-<br />

reflexiv – durchgreifen sollen?“<br />

auftraggeber dr. Herbert demel<br />

meint im rückblick: „Müsste ich mich<br />

erneut für ein Beratungskonzept entscheiden<br />

– ich würde dieselbe Wahl<br />

treffen. durch die Veränderungen der<br />

Machtstruktur wurde der Prozess zu<br />

früh beendet. So gesehen waren wir<br />

vielleicht auch zu langsam. aber dass<br />

der Prozess nachhaltig ist, wundert<br />

mich nicht.“


8 i königswieser & network Migros | journal Best of<br />

... mit MIGroS<br />

In der Schweiz steht der Migros-Genossenschafts-Bund vor zukunftsweisenden aufgaben.<br />

das Unternehmen ist entschlossen, trotz steigenden Wettbewerbs die Nummer eins als größter<br />

detailhändler am Heimatmarkt zu bleiben, ohne die Identität stiftende, demokratische leitkultur,<br />

die der legendäre Gründervater Gottfried duttweiler um 1950 festgelegt hat, zu beschädigen.<br />

K&N wird vom department Marketing als „special support“ hinzugezogen, während<br />

sich die Zentrale bei einem ehrgeizigen Kosteneinsparungsprogramm von McKinsey beraten<br />

lässt. damit verbunden ist die Notwendigkeit, Kosten zu reduzieren, die organisation zu<br />

straffen und effizienter zu gestalten.<br />

Migros-Verkaufswagen aus den 20er/30er <strong>Jahre</strong>n, aufgenommen am Sihlquai in Zürich<br />

Insbesonders der abbau von Stellen bedeutet, obwohl<br />

mit Mobilitätsprogrammen abgefedert, einen<br />

krassen traditionsbruch und einen Paradigmenwechsel<br />

im Unternehmen.<br />

Während sich die Zentrale auf das Fach-Know-<br />

how von McKinsey stützt, entscheidet sich das departement<br />

Marketing, mit K&N den Weg einer nachhaltigen,<br />

die Mitarbeiter einbeziehenden Umstrukturierung<br />

zu gehen. damit lässt sich K&N vorerst auf<br />

einen widersprüchlichen auftrag ein: die harmonische<br />

organisationskultur zu bewahren, aber gleichzeitig<br />

Kosteneinsparungen von mindestens 15 Prozent zu<br />

erzielen …<br />

Es werden zwei markante Hebelprojekte aufgesetzt,<br />

die auf den ersten Blick einander diametral entgegengesetzte<br />

Problemfelder beackern: Im Projekt<br />

„Potenziale“ werden mit den beteiligten Mitarbeitern<br />

Wege gesucht, wie die geplanten Einsparungen zu realisieren<br />

sind. das Projekt „Strukturen“ hingegen ist<br />

der ort für visionäre Neugestaltung, wo den Mitarbeitern<br />

die rolle von architekten eingeräumt wird, die<br />

den Betrieb – in die Zukunft projiziert – völlig neu aufstellen.<br />

das hierbei entwickelte Idealbild präsentieren<br />

die „architekten“ schließlich in einem zweiten<br />

Schritt dem topmanagement, und alle gemeinsam<br />

passen Vorstellung und Wirklichkeit einander an, filtern<br />

ein realistisches, von allen akzeptiertes lösungsmodell<br />

heraus.<br />

lars längauer, Projektleiter und leiter<br />

Strategische Entwicklung: „Wir wollten<br />

nicht nur überall etwas herausschneiden,<br />

wir mussten die organisation<br />

grundlegend anders aufstellen.“<br />

der anschließende Feinplanungsprozess läuft so<br />

lange produktiv und mit großem Engagement aller Beteiligten,<br />

bis sich herausstellt, dass die neu geschaffene<br />

Struktur mit weniger Mitarbeitern auskommt als<br />

die vormalige. das bringt persönliche Ängste der Betroffenen<br />

ins Spiel – es wird schwierig. Verstärkt wird<br />

der druck durch den Einfluss der klassischen Berater,<br />

die dem Management die verlangten schnellen lösungen<br />

liefern und somit unangenehme Entscheidungen<br />

ersparen.<br />

Uwe Cichy, Fachberater im komplementären team<br />

von K&N: „Wenn wir in eine heiße Phase eintraten<br />

und der leiter des departements eine entscheidende<br />

Idee bzw. lösung forderte/erwartete, dann reflektierten<br />

wir: Was ist jetzt im Sinne des Gesamtzusammenhangs<br />

das adäquate für den Klienten? Wie können wir<br />

ihm in dieser Phase weiterhelfen? Wir sagten: ‚Wir<br />

haben inhaltlich und prozessual einen Weg vorbereitet<br />

– ein design, wie ihr selbst zu einer lösung durchbrechen<br />

könnt. das ist unser ansatz.‘ Hier reagiert der<br />

McKinsey-Berater anders: Wenn er von oben druck<br />

bekommt, verengt sich seine Perspektive auf die des<br />

Zwei Herzen schlagen<br />

in der Brust des Beraters<br />

Ein kollegialer Kommentar von Peter leukert<br />

Im Grunde trägt jeder Berater beide aspekte in sich:<br />

den fachlich-inhaltlichen wie den prozessorientierten<br />

lösungsansatz. die Frage ist nur: auf welcher Ebene<br />

bringe ich die beiden Hälften zusammen? Gibt es den<br />

Superberater, der mit beiden Gehirnhälften gleichzeitig<br />

und gleich schnell sowohl inhaltlich als auch auf<br />

der Prozessebene arbeiten kann? Glaub ich nicht. Es<br />

mag einige Naturtalente geben, die das instinktiv<br />

parallel führen können, aber das sind ausnahmeerscheinungen,<br />

die nicht systematisch übersetzbar<br />

sind.<br />

Mich hat die Erfahrung gelehrt, die Kraft des teams<br />

zu nutzen. das entlastet einen in der rolle des Gurus<br />

und lässt zu, dass man rollen untereinander verteilen<br />

und auch tauschen kann. In wirklich guten teams –<br />

auch bei McKinsey – wechseln sich die Berater fast<br />

intuitiv und nicht besprochen in der Position des inhaltlichen<br />

„aktivisten“ und des zurückhaltenden Prozessbeobachters<br />

ab. das ist für mich der Schlüssel<br />

zum Erfolg, daraus kommt die Kraft des komplementären<br />

ansatzes: Wenn zwei Berater – so unterschiedlich<br />

sie von der ausbildung und von der lebenserfahrung<br />

her auch sein können – von gemeinsamen<br />

professionellen Werten und Zielsetzungen sowie von<br />

persönlichem Vertrauen getragen werden, können sie<br />

in der gemeinsamen arbeit viel erfolgreicher sein als<br />

jeder für sich allein.<br />

die Kraft des teams thematisch nutzbar zu machen –<br />

darin liegt noch beraterisches Potenzial. die teampartner<br />

müssen nicht unbedingt aus ein und derselben<br />

Institution kommen – Polarisierung kann sogar<br />

ein Vorteil in Kooperationen sein. aber bestimmte Voraussetzungen<br />

für die Zusammenarbeit sind: Es<br />

braucht ein gemeinsames Fundament, und das liegt in<br />

übereinstimmenden Werten hinsichtlich unserer Profession<br />

und im persönlichen Vertrauen. Wenn ich spüre,<br />

dass die einzige Zielfunktion der Quartalumsatz<br />

ist, dann stellt sich dieses Vertrauen, gemeinsam das<br />

Beste für das Klientensystem erreichen zu wollen,<br />

nicht ein.<br />

Natürlich sind gerade die erfolgreichen und guten<br />

Berater puristisch in der Prägung durch ihre Institution.<br />

das schafft zu Beginn Barrieren und hat<br />

eine Wirkung, die mit einer abstoßungsreaktion<br />

zwischen organismen vergleichbar ist. Wo schon<br />

die Sprache das trennende ist, ist es für den aufbau<br />

einer gemeinsamen Grundlage unerlässlich, die gegenseitigen<br />

Vorurteile auf den tisch zu legen und<br />

auszutauschen. Wenn man das nicht im Vorfeld<br />

oder während der arbeit ausdiskutiert, liefert man<br />

sich naturgemäß Missverständnissen aus. aber<br />

auch hier kann man wieder etwas Faszinierendes<br />

erleben: dass Begriffe in der diskussion transzendiert<br />

werden. So etwas kann nur aus der dialektik<br />

journal Best of | Migros königswieser & network | 9<br />

mächtigen auftraggebers. Natürlich gab es diesbezüglich<br />

auch Konflikte zwischen uns und McKinsey.“<br />

„das Projekt hat auf jeden Fall das Ziel<br />

erreicht, uns für Neuausrichtungen zu<br />

sensibilisieren und als lernende organisation<br />

zu positionieren.“<br />

(lars längauer)<br />

Nach neun Monaten Beratung ist das Einsparungsziel<br />

erreicht, eine neue Betriebsstruktur erfunden, eine<br />

18%ige reduktion der Stellen geschafft. auch die 17<br />

direktionen wurden auf sieben dezimiert. der Veränderungsprozess<br />

wird nach 12 Monaten als abgeschlossen<br />

betrachtet. Einerseits war das ein rascher Erfolg. andererseits<br />

konnte die Neuausrichtung unter den gegebenen<br />

Umständen noch nicht nachhaltig implementiert<br />

werden.<br />

aus Sicht des K&N-Beraterteams wurde der Prozess<br />

zu früh beendet. Es bedarf eines längeren Entwicklungsprozesses,<br />

neue denkmuster nachhaltig in der<br />

Kultur zu verankern.<br />

gegenseitiger annährung und dem Willen, mit Hilfe<br />

des eigenen erprobten ansatzes dem Klientensystem<br />

zu helfen, entstehen.<br />

auch in der produktiven Zusammenarbeit auf gemeinsamem<br />

Fundament ist es weiterhin sinnvoll, in<br />

jeder speziellen Projektsituation eine art Zielsetzungsdialog<br />

zu führen – ob man ein gemeinsames<br />

Ziel, eine gemeinsame Vorstellung vom Sinn und<br />

Zweck des Beratungseinsatzes findet – sowie eine<br />

permanente Mandatsklärung zu machen. daraus entsteht<br />

Spannung – und mit dieser konstruktiv umzugehen,<br />

das ist dann die Kunst.<br />

In dieser Spiralbewegung gelingt manchmal die<br />

beglückende Erfahrung, eine Synthese auf einer höheren<br />

Ebene zu erzielen, die einem eine neue Sicht<br />

auf die Situation des Klientensystems und das Gesamtproblem<br />

erlaubt und neue Impulse zulässt. das<br />

vermag Klarheit auf einer neuen Ebene zu schaffen.<br />

Natürlich ist dieses parallele „(Ver)arbeiten“, das<br />

mich als It-Berater besonders fasziniert, sehr anstrengend.<br />

die auseinandersetzung verlangt einem Kraft<br />

und Energie ab. die zu befreien und zu nutzen hat<br />

großen Wert. dann kann man im Beratersystem dinge<br />

vorwegnehmen und erarbeiten, die sich normalerweise<br />

erst im Nachhinein aufschlüsseln.<br />

So bringt man dem Klientensystem substantiellen<br />

Mehrwert.<br />

Dr. Peter Leukert ist Partner bei McKinsey & Company.<br />

Seit mehr als 11 <strong>Jahre</strong>n berät er Finanzdienstleister und die<br />

öffentliche Hand (Schwerpunkt Informationstechnologie und<br />

Operations). Er ist Diplomphysiker und Diplommathematiker<br />

und hat an der Humboldt-Universität zu Berlin in Finanzmathematik<br />

promoviert.


<strong>10</strong> i königswieser & network MaN Nutzfahrzeuge | journal Best of<br />

EINBlICK IN dIE BEratUNGSPraXIS BEI<br />

MaNVom dialogprojekt<br />

zum Veränderungsprozess<br />

die MaN Nutzfahrzeuge aG mit Sitz in München ist eine von vier Gesellschaften unter dem dach der international<br />

agieren den Holding MaN Group – der zentrale Geschäftszweig, gemessen an Mitarbeiterzahl, Produktion und Umsatz –,<br />

die rund die Hälfte der Holding ausmacht. die Geschäfte laufen routiniert und erfolgreich – bis die auswertung von Mitarbeiterbefragungen<br />

ein Indiz für eine krisenhafte Entwicklung ausweist.<br />

dazu der Vorstandsvorsitzende anton Weinmann:<br />

„Ich kann nachvollziehen, dass die Mitarbeiter die Welt<br />

nicht mehr verstehen: Kosteneinsparungen und Steigerung<br />

der Ertragskraft trotz rekordgewinnen – die Notwendigkeit<br />

rascher Veränderungen, mit denen man<br />

nicht Schritt halten kann.“<br />

das veranlasst die betriebsinternen Personalentwickler,<br />

im auftrag des Vorstands nachhaltige Maßnahmen<br />

vorzuschlagen: ein von K&N begleitetes Veränderungs<br />

projekt.<br />

die Initiatorin Simone rauch, die die Mitarbeiterbefragung<br />

durchgeführt und analysiert hat, beschreibt<br />

die ausgangslage und die Warnsignale, die zu der Entscheidung<br />

geführt haben:<br />

die Evaluierung der Mitarbeiterbefragung 2004<br />

und 2006 ergab zwar keine markante Verbesserung<br />

oder Verschlechterung, sie wies jedoch alarmierende<br />

tendenzen aus: die themen „Commitment“ und „Motivation“<br />

wiesen sinkende Werte auf – nicht nur bei<br />

den Mitarbeitern auf breiter Basis, sondern auch bei<br />

den Führungskräften auf allen Ebenen.<br />

dazu kam eine abfallende Bewertung der<br />

Geschäfts führung, deren Noten sanken um 0,2 bis 0,3<br />

Grad. diese daten bestärken die Personalentwickler in<br />

ihrer annahme einer strukturellen Krise, die aufgrund<br />

des Mangels an grundlegender organisationskultur –<br />

vor dem Hintergrund anstehender Merger – in den letzten<br />

fünf <strong>Jahre</strong>n sukzessive erwachsen ist.<br />

die organisation hat große Veränderungen hinter<br />

sich, aber auch vor sich, doch die Mitarbeiter können<br />

„mental mit der Entwicklung nicht Schritt halten“,<br />

resümiert Vorstandsvorsitzender anton Weinmann:<br />

„die Mitarbeiter können teilweise nicht nachvollziehen,<br />

warum wir derart schnell Veränderungsprozesse<br />

und bestimmte Maßnahmen durchführen müssen, die<br />

Kosteneinsparungen beinhalten, aber auch die Errichtung<br />

von Werken in Polen oder in Indien. das verursacht<br />

ganz erhebliche Ängste und großes Unverständnis:<br />

Warum müssen wir weitere Kostenersparnisse<br />

erbringen, warum müssen wir uns verbessern, wenn<br />

es doch dem Unternehmen so gut geht wie nie zuvor?<br />

Und: Mit diesen themen stehen wir nicht allein, das<br />

sind themen, die die Volkswirtschaft generell und global<br />

beschäftigen!“<br />

auch den Führungskräften geht es teilweise zu<br />

schnell, auch sie haben Umsetzungsprobleme und daraus<br />

resultierende Ängste: „Kann ich auf den fahrenden<br />

Zug aufspringen, oder werde ich auf dem abstellgleis<br />

landen?“ Ein tempo, mit dem man nicht mithalten<br />

kann und ein Mangel an transparenz bzw. Kommunikation<br />

– diese Kombination führt unweigerlich zu Verunsicherung!<br />

die rasanz in der globalen Entwicklung<br />

paralysiert die Mitarbeiter<br />

die Empfehlung der Personalentwicklung, in dieser<br />

kritischen Situation ein Sonderprojekt zu starten, wird<br />

von anton Weinmann überzeugt angenommen. Er beauftragt<br />

ein repräsentativ zusammengesetztes 18-köpfiges<br />

team von Führungskräften aus allen Ebenen und<br />

Bereichen, begleitet von zwei K&N-Beratern die strategische<br />

Initiative „Commitment im Management“ durchzuführen,<br />

mit dem Ziel, das Vertrauen zum topmanagement<br />

zu verbessern, die Strategie und alle bewegenden<br />

themen zu besprechen und eine lernkultur zu initiieren.<br />

Mit K&N holt sich Simone rauch sehr bewusst den<br />

adäquaten externen Partner in das Projekt: „Es gab<br />

niemand anderen, mit dem ich diesen anspruchsvollen<br />

Prozess in Gang bringen hätte können!“ Vorstandsvorsitzender<br />

anton Weinmann bestätigt: „K&N hat die<br />

Erfahrung, wie man sich zwar über Fachthemen auseinandersetzt,<br />

aber die Kommunikation so gestaltet,<br />

dass die Mitarbeiter auf allen Ebenen die Sicherheit<br />

haben, ihre persönlichen Empfindungen, Ängste und<br />

Motivationen offenlegen zu können. das gelingt uns<br />

intern nicht immer, weil die Mitarbeiter eine solche offenheit<br />

als Zeichen der Schwäche sehen oder negative<br />

Folgen für sich befürchten. die entscheidende Frage<br />

für den Vorstand ist: Wollen wir mit Brachialgewalt die<br />

Erfolgsstory von MaN Nutzfahrzeuge realisieren, oder<br />

wollen wir vielmehr in verstärktem Maß unsere Mitarbeiter<br />

in die realisierung der strategischen Zielsetzung<br />

mit einbinden? Ich bin der Meinung: Wir brauchen<br />

unsere Mitarbeiter auf unserem Weg dorthin!“<br />

anfang dezember 2006 findet als erste Intervention<br />

ein Kick-off-Workshop statt, in dem die Projektgruppe<br />

die Ergebnisse der Mitarbeiterbefragung analysiert<br />

und Hypothesen bespricht: Woran könnte es liegen,<br />

dass wir die Mitarbeiter und auch die Führungskräfte<br />

nicht mehr erreichen? Es werden aspekte und themen<br />

ausgemacht, die einander in der unseligen Verquickung<br />

von Veränderungsgeschwindigkeit und ausbleibender<br />

Integration verstärken.<br />

Es werden blockierende Muster und ein Mangel an<br />

konsequenter Führungskultur bei MaN bewusst, z. B.<br />

dass es keine systematischen Mitarbeitergespräche<br />

gibt und die Mitarbeiter auf die anonyme Mitarbeiterbefragung<br />

spröde reagieren. („Jetzt fragt ihr uns plötzlich?<br />

das tut ihr doch sonst nie!“) Somit gibt es auch<br />

keine Entwicklungsperspektiven für die Mitarbeiter.<br />

Und wenn dann noch zusätzlich die Strategie dafür<br />

sorgt, dass bestehende Perspektiven genommen<br />

werden, weil in Billiglohnländer verlagert wird und<br />

überhaupt die globalisierte Welt mit internationalen<br />

Wachstums strategien ins Unternehmen einbricht –<br />

dann ver lieren die Mitarbeiter in deutschland orientierung<br />

und Mo tivation, wenn sie mit ihren Sorgen alleingelassen<br />

werden: Es gibt bei MaN Nutzfahrzeuge keine<br />

systematische rückkoppelung von Informationsströmen<br />

von unten nach oben. Um individuelle Initiativen,<br />

die von einzelnen Führungskräften gesetzt werden<br />

(„oasen“), kümmern sich deren Vorgesetzte nicht. Und<br />

obendrein gab es 2004 auch noch einen Vorstandswechsel.<br />

Über all das müssen wir reden – so das Fazit des<br />

ersten Kick-off. Wir müssen die Mitarbeiter abholen,<br />

indem wir mehr und besser mit ihnen kommunizieren.<br />

Es genügt nicht, sie top-down zu informieren, das gab<br />

es ja bisher reichlich und war teilweise missverständlich,<br />

also nicht geglückt. angesichts dieser komplexen<br />

Gemengelage setzt das Projektteam den Hebel bei der<br />

Strategievermittlung an. Simone rauch: „das Instrumentarium<br />

einer Systemdiagnose würde alle verunsichern<br />

und überfordern, also wird erstmals ein systematisch<br />

geführter dialog über reaktionen, Ängs te,<br />

Hoffnungen, Probleme bezüglich der strategischen<br />

ausrichtung, ein Umdenken und Erfahrungslernen eingeleitet.<br />

Nur so kann langsam wieder Vertrauen<br />

einerseits und Glaubwürdigkeit andererseits hergestellt<br />

werden.“<br />

Überlegungen, die themen „Bedeutung und Kompetenz<br />

der Führungskräfte“ und „Wirrwarr an Projekten“<br />

zu vertiefen, werden zugunsten der Konzentration<br />

auf Strategievermittlung hintangestellt. denn<br />

schon an diesem Begriff scheiden sich die Vorstellungen,<br />

wie sich beim Kick-off zeigte: Kann man das<br />

thema nicht einfach per leitfaden – einer art Manual<br />

für Führungskräfte – verbreiten?<br />

das Bewusstsein, dass ein nachhaltiger Prozess<br />

notwenig ist und dieser nur dialogisch angegangen<br />

werden kann, muss erst hergestellt werden. rückenstärkung<br />

bei dieser aufbauarbeit bekommt das Projektteam<br />

vom Vorstandsvorsitzenden, der sich – für<br />

viele unerwartet – vorbildhaft engagiert auf den Prozess<br />

und die neuen Erfahrungen einlässt. die Skepsis<br />

anderer Vorstandsmitglieder schwindet während der<br />

intensiven Zusammenarbeit zur Vorbereitung der Strategiegruppen,<br />

die erfahrbar macht, wie erfolgreich ein<br />

dialog sein kann, der alles, was wichtig ist, auf den<br />

tisch bringt. Ergebnis: positives Feedback und eine<br />

große offenheit für die Fortsetzung des Veränderungsprojekts.<br />

als Nebeneffekt dieses Prozesses schließen sich<br />

Nina Gutzeit, die leiterin der Unternehmenskommunikation,<br />

und Peer Stauske, der leiter der Strategie, mit<br />

Simone rauch zusammen. alle spüren, dass es an der<br />

Zeit ist, parallel laufende aktivitäten miteinander zu<br />

vernetzen – somit ist die Schubkraft doppelt hoch.<br />

In der auseinandersetzung mit<br />

zentralen Inhalten eine<br />

Kommuni kationskultur einüben<br />

da Methoden für einen komplexen Veränderungsprozess<br />

– wie etwa dialogorientierte Gespräche, Meetings,<br />

teamgespräche, Sounding-Boards etc. – schlichtweg<br />

fehlen, wird ein Setting von Musterbeispielen<br />

ent wickelt und die architektur der top-down/bottomup-Kaskade<br />

entworfen, an der die integrierten rückkoppelungsprozesse<br />

veranschaulicht werden. anhand<br />

dieser designs wird in Workshops auf allen Ebenen genau<br />

vorgeführt, wie man einen dialog über Strategie<br />

gestalten kann. die Führungskräfte, die solch einen<br />

Workshop erlebt haben, werden nach demselben ablauf<br />

mit deren teams diskutieren, dialogfeedback einholen,<br />

die Mitarbeiter deren Bedenken äußern lassen,<br />

ihre Fragen aufnehmen.<br />

Simone rauch: „Uns ist klar: Wir müssen auf der<br />

prozessualen und der strukturellen Ebene dialog- und<br />

Feedbackstrukturen bauen und implementieren. Wir<br />

sprechen über Strategie, über daten, Fakten und Blockaden<br />

in der Umsetzung – aber gleichzeitig erfahren<br />

wir etwas über unsere Kultur und über unsere Kommunikationsstruktur.<br />

Insofern hat die dialogische Strategievermittlung<br />

die Wirkung einer Intervention und<br />

schafft ein breites Commitment für die absolute Notwendigkeit<br />

dieses Prozesses.“ Es werden Stärken, aber<br />

auch Schwächen bewusst gemacht: das Unternehmen<br />

ist hemdsärmelig, technisch Spitze, neigt aber zu Verzettelung,<br />

agiert zu wenig zukunftsorientiert, zu wenig<br />

global. das wirkt sich aus: Es gibt z. B. viel zu viele Produktvarianten<br />

– diese Vielfalt ist zu teuer.<br />

Erik lang, Projektleiter und Gesellschafter von K&N<br />

sagt später: „Es war spannend zu erarbeiten, an welchen<br />

Mustern es liegt, dass trotz kognitiver Einsicht<br />

das Problem vorerst nicht lösbar war. Jetzt haben wir<br />

den ansatzpunkt gefunden.“ anton Weinmann:<br />

„Grund voraussetzung ist: die Führungskräfte müssen<br />

ehrlich bereit sein, zum einen, ihre Ängste zuzugeben,<br />

und zum anderen, Einspruch zu erheben, wenn sie finden,<br />

dass ein bestimmter Schritt nicht richtig oder in<br />

der vom Vorstand vorgegebenen Zeit nicht realisierbar<br />

journal Best of | MaN Nutzfahrzeuge königswieser & network | 11<br />

ist. das erfordert natürlich auch vom Vorstand große<br />

Bereitschaft, sich wesentlich mehr Zeit zu nehmen, um<br />

bestimmte themen mit den Führungskräften zu diskutieren,<br />

die das dann wiederum an die Mitarbeiter weitertragen.<br />

Es muss das thema Sachfragen, das in unserem<br />

technisch orientierten Unternehmen einen<br />

hohen Stellenwert hat, um das thema Führung ergänzt<br />

werden. Wir meinen immer, dass das, was wir im Kopf<br />

haben, auch automatisch in den Köpfen der Mitarbeiter<br />

ist – aber das ist einfach nicht der Fall. Wenn also<br />

etwas nicht verstanden wird, kann man nicht erwarten,<br />

dass Mitarbeiter das verinnerlichen und dann hundertprozentig<br />

mitziehen.“<br />

am Beginn stehen neun Strategieworkshops, geführt<br />

von sechs Mitgliedern des engeren leistungskreises.<br />

die Führungskräfte, die daran teilgenommen<br />

haben, tragen dann die Erfahrungen in die nächste Ebene<br />

weiter. Bis zur Präsentation der Ergebnisse Mitte<br />

april sollen in 45 dialogveranstaltungen mit jeweils<br />

zehn bis zwanzig teilnehmern alle Ebenen und zahlreiche<br />

Standorte in den Prozess eingebunden werden.<br />

dann wird es spannend: Konnte ein Fundament für<br />

eine neue, aktive Unternehmenskultur implementiert<br />

werden? anton Weinmann: „das ist ein Bewusstwerdungsprozess,<br />

bei dem das Ergebnis nicht per Knopfdruck<br />

abzuholen ist.“<br />

5 vor 12: Es läuft gut, aber der Zeitaufwand ist knapp<br />

bemessen: drei Stunden pro Workshop für einen ersten<br />

austausch und dafür, die Beteiligten hinsichtlich der<br />

Wahrnehmung ungewohnter Möglichkeiten und Notwendigkeiten<br />

zu sensibilisieren. In einem zweiten<br />

Schritt, meint Simone rauch, muss die Erfahrung im<br />

Umgang mit den „soften“ themen in einem reflexionsprozess<br />

thematisiert und explizit verdeutlicht werden.<br />

(„Was passiert denn da eigentlich? Was haben wir da<br />

gemacht?“) dann wird sich offenbaren, wie stark das<br />

Commitment – vor allem das des Vorstands – für einen<br />

grundlegenden Wandel ist, wie groß die Bereitschaft<br />

ist, in diesen Wandel Energie und Zeit zu investieren,<br />

und ob man dem Veränderungsprozess genügend Zeit<br />

einräumt, um eine zukunftsorientierte Unternehmenskultur<br />

auf den Weg zu bringen.<br />

der Zeitfaktor scheint sich in einem solchen Prozess<br />

zu redimensionieren: ausgespannt im Widerspruch<br />

zwischen dem anspruch, wahnsinnig schnell agieren<br />

zu müssen, und dem Gefühl, viel zu langsam voranzukommen,<br />

scheint es, als wäre die Uhr über einen langen<br />

Zeitraum von den internen Verdrängungsmechanismen<br />

angehalten worden. Und nun verdichtet sich<br />

die Zeit zunehmend und verlangt jedem die Fähigkeit<br />

zu gro ßen Sprüngen ab. demnächst steht der längst<br />

angekündigte Umbruch bevor, wenn MaN sich in eine<br />

allianz mit VW und Scania integrieren wird.<br />

In Hinblick auf den bevorstehenden Merger kommt<br />

das Veränderungsprojekt gerade rechtzeitig, um uns fit<br />

für die Zukunft zu machen. Höchste Zeit, sich klar zu<br />

positionieren: Was wollen wir? Was sind unsere Zielsetzungen?<br />

Welche rolle wollen bzw. können wir weiterhin<br />

spielen? Haben wir eine tragfähige Strategie und<br />

die methodische Kompetenz, um erfolgreich zu sein?<br />

Welche Hausaufgaben müssen wir machen, welche<br />

Kulturveränderung ist nötig?<br />

das dialogprojekt mündet in einem breit und tief<br />

angelegten Veränderungsprozess, der das Bearbeiten<br />

von Fachthemen und das kollektive lernen integriert.<br />

der Vorstandsvorsitzende anton Weinmann spricht<br />

für die ganze Vorstandsgruppe, wenn er sagt: „Wenn<br />

wir uns für diesen Prozess genügend Zeit nehmen, werden<br />

wir unsere Ziele dann umso schneller erreichen.“<br />

Simone rauch und ihr Projektleiterkollege thomas<br />

Neureither sind sehr überrascht: „Wir hätten uns nie<br />

träumen lassen, dass sich aus der ursprünglichen dialoginitiative<br />

solch ein Prozess entwickelt!“


EINBlICK IN<br />

dIE BEratUNGS-<br />

PraXIS BEI<br />

aol<br />

Vom Modernisierungsverlierer<br />

zum asset<br />

der komplexe lernprozess eines dynamischen Unternehmens,<br />

sich für den neuen Eigentümer fit zu machen:<br />

2006 wird in den Medien kolportiert, dass der amerikanische<br />

time-Warner-Konzern einen Verkauf der europäischen<br />

aol-tochtergesellschaften erwägt. Nach ersten<br />

Umstrukturierungen gibt der Konzern nun eine neue<br />

strategische ausrichtung vor: die aufteilung des Unternehmens<br />

in zwei Geschäftszweige, in eine access-GmbH<br />

und eine Media-GmbH, die das audience-Geschäft betreibt.<br />

diese Filetierung spiegelt eine globale ausdifferenzierung<br />

der It-Branche wider: Infrastruktur und Kundenservice,<br />

die der access-Bereich liefert, gelten als<br />

stabiles, investitionsintensives Geschäft, während der<br />

audience-Bereich – das Content-Business – mit dem Vertrieb<br />

von werbeträchtigen Informationsformaten als<br />

neues Profitcenter identifiziert wird.<br />

Phase 1: Vakuum lähmt<br />

strukturierte Entwicklung<br />

K&N beginnt seine intensive Zusammenarbeit mit<br />

aol im Frühjahr 2006. Eingeladen wurden die Berater<br />

ursprünglich mit dem auftrag, das topmanagement<br />

bei der Strukturierung und Professionalisierung zu unterstützen.<br />

Nach ersten teamentwicklungsworkshops<br />

mit der Geschäftsführung lautet der auftrag nun, die<br />

auseinanderdriftenden Geschäftszweige zu einem<br />

funk tionierenden team zusammenzuführen.<br />

als die Berater im Mai 2006 in den Führungsworkshop<br />

kommen, erwartet sie kriegerischer aufruhr.<br />

K&N-Projektleiter Ulrich <strong>Königswieser</strong>: „Uns Beratern<br />

ist erst einmal massives Misstrauen entgegengeschlagen,<br />

das eigentlich der abwesenden Geschäftsführung<br />

galt.“ die Geschäftsführung muss einsehen, dass das<br />

Unternehmen in dieser existenziellen Krise weder<br />

team- noch entscheidungsfähig ist, und setzt auf begleitetes<br />

Krisenmanagement.<br />

thomas Hohlfeld, damals als leiter der Callcenter-<br />

Standorte duisburg und Saarbrücken teil der Geschäftsführung<br />

und Initiator des Change-Prozesses<br />

mit K&N, muss gemeinsam mit der Projektleitung von<br />

K&N erst große Überzeugungsarbeit in der Zentrale<br />

Hamburg und an den Standorten leisten, um die Führungskräfte<br />

zur Mitwirkung an einem grundlegenden<br />

Entwicklungsprozess, der mit einer Systemanalyse beginnen<br />

sollte, zu gewinnen.<br />

aber dann vermag die Präsentation der Systemanalyse<br />

die Systemwiderstände zu durchbrechen: Kristallklar<br />

und sensibel zugleich werden der Mannschaft die<br />

Muster im System widergespiegelt. Es sind alle Stärken<br />

und Schwächen „pubertierender Jugendlicher“ zu<br />

finden: viel Energie, Kreativität, Widerspruchsgeist<br />

und eine tiefe ambivalenz bezüglich autorität und Führung.<br />

thomas Hohlfeld: „Egal was ich als Führungskraft<br />

mache, es ist immer auch falsch. Wir hatten also<br />

einen weiten Weg vor uns.“ der bis dahin zögerliche<br />

Prozess kommt in Gang.<br />

Phase 2: Stop and go<br />

beim „Sich-selbst-Überholen“<br />

Im Juni platzt mitten in den sich strukturierenden<br />

Change-Prozess die Entscheidung von time Warner,<br />

den access-Bereich zu verkaufen. thomas Hohlfeld<br />

wird leiter der access-GmbH und übersiedelt nach<br />

Hamburg. als teil der Geschäftsführung ist er in die<br />

Verkaufspräsentationen eingebunden und permanent<br />

auf achse. tempo furioso. denn gleichzeitig ist seine<br />

Mitarbeit am gemeinsamen Entwicklungsprozess<br />

zwingend: die Stimmung in der access-GmbH ist auf<br />

dem Nullpunkt. Zum lähmenden Informations- und<br />

Kommunikationsmangel in dieser Situation gesellt<br />

sich das bittere Gefühl, als Fortschrittsverlierer abgestoßen<br />

zu werden, zumal die Media-GmbH des audience-Business<br />

sich deutlich als Gewinner fühlt. diese<br />

schlechte ausgangsposition bestärkt das team des<br />

access-Bereichs umso mehr in der konsequenten arbeit<br />

am Change-Projekt, das nun auch das Forum für<br />

Krisenmanagement darstellt.<br />

die leitung ist ausgespannt zwischen Verkauf und<br />

Führung, das mit ressourcen und Informationen unterversorgte<br />

team chaotisch und anschlussunfähig –<br />

„wahnsinnig motiviert, aber schwer einzufangen“.<br />

K&N bekommt diese Belastung sehr deutlich zu spüren:<br />

termine werden abgesagt, ständig neue Prio ritäten<br />

gesetzt. die Programme der arbeitsgruppen we rden<br />

teils in Frage gestellt, teils zu heftigen konfrontativen<br />

diskussionen genutzt.<br />

Ulrich <strong>Königswieser</strong>: „die Berater müssen Interventionsformate<br />

entwickeln, die den rasenden Entwicklungen<br />

gerecht werden, ohne den Entschleunigungsfaktor<br />

– die Zeit für reflexion – zu verlieren. das<br />

stellte hohe ansprüche an uns.“<br />

Es bewegt sich: der Change-Prozess wird Ebene für<br />

Ebene an die freigelegten Schwerpunktthemen – Prozessoptimierung,<br />

professionelle Führung, Kundenorientierung,<br />

Erreichen der Wachstumsziele ohne gleichzeitige<br />

Kundenverluste – angepasst. Subprojekte und<br />

-foren formieren sich. In der retrospektive wird anerkannt,<br />

dass hier ein durchbruch zu einem kommunikativen<br />

austausch und einer allmählichen Strukturierung<br />

ansetzt. Kommentar aus der Schlussveranstaltung:<br />

„Wir haben uns schließlich selbst überholt.“<br />

Es hat sich gelohnt, denn es kommt anders als vermutet:<br />

Nicht die siegesgewisse Braut audience, sondern<br />

der vermeintlich weniger attraktive Infrastruktur-<br />

Bereich mit seiner soliden Kundenbindung wird als<br />

schlagendes asset identifiziert. der Verkauf geht an<br />

HanseNet, einen lokalen Netzwerkbetreiber. das Unternehmen<br />

ist in seinen ersten zehn Geschäftsjahren kontinuierlich<br />

organisch gewachsen und sichert sich mit<br />

der Übernahme eine Potenzierung seines Kundenstocks.<br />

das ist die Schubumkehr, „das Kuriose, dass es<br />

sich danach komplett umgedreht hat!“ (Stephanie Niedow,<br />

Content Marketing)<br />

die Übergangszeit bis zur Integration in das neue<br />

Unternehmen widmet die Mannschaft der neuen Herausforderung:<br />

„Wir machen uns fit für den neuen<br />

Eigentümer.“ dazu gehört es, die Kernprozesse in ordnung<br />

zu bringen und eine Kultur von Erwachsenheit zu<br />

entwickeln. die arbeit mit den Führungskräften stellt<br />

die Kernintervention dar.<br />

Brief von dirk Glebe, director operations, aol/HanseNet telekommunikations GmbH,<br />

an thomas Hohlfeld<br />

lieber thomas,<br />

ja, du hattest recht, auch wenn wir nicht die gewünschten<br />

rahmenbedingungen für den „Change Workstream“ nutzen<br />

konnten, die ersten wichtigen Schritte sind getan … aber der<br />

reihe nach: Mit durchaus gemischten Gefühlen nahm ich letzten<br />

oktober die ankündigung auf, dass wir Veranstaltungen ins<br />

leben rufen wollten, in denen alle aol-Führungskräfte die<br />

„Handlungsfelder“ der im Sommer durchgeführten „Führungs-<br />

Status-quo-Befragung“ bearbeiten sollten. „Fit für den Merger“<br />

war eines der benützten Schlagworte.<br />

Wie soll das funktionieren, wenn wir uns NUr auf aol-Seite<br />

mit den bei jedem Unternehmens-Merger so kritischen<br />

„kulturellen Veränderungen“ beschäftigen, uns „dafür fit“<br />

machen, aber unsere HanseNet-Kollegen dort außen vor sind?<br />

dazu vier Change-Workshop-tage ... „Wahnsinn!“, dachte ich,<br />

„Wie soll ich das nur bei der arbeitslast der Merger-Vorbereitung<br />

hinkriegen? Wir bauen schließlich nicht weniger als das<br />

komplette Unternehmen um …“ Mit diesen Gedanken im Kopf<br />

machte ich mich anfang dezember auf den Weg zum ersten<br />

Change-Workshop nach lübeck.<br />

aber dann nahm die Change-arbeit gemeinsam mit unseren<br />

Kollegen aus HH und dem Berater-duo Frau Götz und Herrn<br />

Burmeister einen nicht geglaubten, außerordentlich positiven<br />

Verlauf! Ich war beeindruckt von einer unter solch schwierigen<br />

rahmenbedingungen ungewöhnlichen offenheit und von so viel<br />

Engagement, in die z. t. komplexen und schwierigen Fälle der<br />

Kollegen einzusteigen, lösungsempfehlungen zu diskutieren<br />

oder einfach nur „ernst zu nehmen“ und zuzuhören.<br />

Nach dem 1. Workshop war es eines meiner persönlich<br />

wichtigsten Ziele, bei anderen, ähnlich skeptischen Kollegen<br />

lobby-arbeit zu leisten und auf die Chance, „selbst Veränderungen<br />

mitzugestalten“, hinzuweisen.<br />

Eine sehr gute und motivierende Veranstaltung – das „Forum<br />

dialog“ –, in der wir uns gemeinsam mit 70 Kollegen stimmungsvoll,<br />

kreativ und mit Spaß „von aol verabschiedeten“ und das<br />

auf unserem Weg in den Merger Gute, Wertvolle und Wichtige<br />

mit in unseren rucksack packten, stimmte mich weiter positiv<br />

auf den „blau-roten Weg“ ein. Und dann kam unser „rebellen<br />

Change Workshop“ im Februar in Hamburg ...<br />

journal Best of | aol königswieser & network | 13<br />

Phase 3: der kurze abschied von<br />

der langen „Pubertät“<br />

als abschluss des temporeichen Change-Projekts<br />

wird in konzertierter anstrengung der abschied von der<br />

geliebten Marke aol bewältigt. die Führungskräfte setzen<br />

zu einem zweiten turn-around mit dialogveranstaltungen<br />

in den Standorten an, in denen auch der neue<br />

Besitzer präsentiert wird.<br />

thomas Hohlfeld: „Es war eine unglaubliche Erfahrung,<br />

in den dialogisch gestalteten Großveranstaltungen<br />

kollektive trauerarbeit zu leisten und gleichzeitig<br />

die Mannschaft mental auf die zukünftigen<br />

Wachstumsziele vorzubereiten.“<br />

Uwe Scheutz, Projektleiter K&N: „Wir waren nach<br />

diesen roaddialogveranstaltungen richtig fertig!“<br />

Seit 1. März 2007 ist aol Geschichte, und der gemeinsame<br />

lauf unter dem dach von HanseNet hat begonnen.<br />

damit ist das Change-Projekt zu seinem abschluss<br />

gekommen – doch mit großem Bedauern, dass<br />

die begleitete Entwicklung nun endet.<br />

der Prozess hat alle Beteiligten verändert, das<br />

Selbst bewusstsein ist ein anderes. Im Nachhinein wird<br />

selbst die Metapher „pubertierende Jugendliche“ zurückgewiesen:<br />

„Nein, das waren und sind wir nicht<br />

mehr, wir sind erwachsen und reflektiert. Wir hatten in<br />

den ersten elf <strong>Jahre</strong>n unserer Wirkungszeit bloß vergessen,<br />

strukturiert zu arbeiten.“ aber der „raum zum lernen“<br />

hat ein führungsstarkes team geformt. als faktisches<br />

Ergebnis kann thomas Hohlfeld, nun direktor<br />

des Kundenservice, auf die geringe drop-out-rate verweisen:<br />

Von den 1 250 Führungskräften sind im laufe<br />

des aufreibenden Prozesses nur 47 verloren gegangen.<br />

die anderen haben mitgezogen und „definitiv<br />

profitiert – auch ich“.<br />

anfangs schwankte ich zwischen Wahn sinn, Frust und<br />

Mutlosigkeit, da von den schon spärlichen 6 Kollegen des<br />

1. Workshops, erst nur 3, später 4 Kollegen an wesend waren.<br />

Es entwickelte sich allerdings in dieser runde eine dynamik,<br />

wie ich sie im beruflichen Umfeld selten erlebt habe.<br />

Wir wollten und konnten die aktuellen Entwicklungen zu<br />

Ma-Kommunikation und Ma-Führung nicht akzeptieren!<br />

also entwickelten wir einen „Schlachtplan“, um Mitstreiter dafür<br />

zu begeistern, uns auf dem Weg zu einer besseren, Ma-<br />

orientierteren und bewussteren Kommunikation in einer so<br />

wichtigen Phase zu unterstützen. dass das nicht immer leicht ist,<br />

stellte sich u. a. bei unserem Versuch heraus, die teilnehmer des<br />

zweiten, parallel stattfindenden Change-Workshops mit unserem<br />

„Feuer“ anzustecken.<br />

Wir ließen uns aber nicht beirren, schrieben bis tief in die<br />

Nacht „unsere thesen“ zu den aktuellen Führungs- und<br />

Kommunikationsrisiken, mailten sie dir – du warst auf Urlaub –,<br />

erhielten von dir direkt am nächsten Morgen positives Feedback<br />

und präsentierten einige tage später durchaus klare und zum<br />

teil provokante aussagen dem hochrangig besetzten Inte -<br />

gration-Board.<br />

Wider Erwarten ernteten wir Zeit, Beachtung, aufmerksamkeit<br />

und einen ersten kleinen Platz im Erkenntnisraum der<br />

wichtigen Funktionsträger im „neuen Unternehmen“.<br />

Natürlich ist nicht alles auf einmal rosarot, und noch sind<br />

nicht alle voll auf dem „Change-trip“, aber wir sind auf einem<br />

besseren Weg als vor 3 Monaten.<br />

Man setzt sich auseinander, lässt Meinungen wirken und hat<br />

sogar schon Veranstaltungen für Führungskräfte angestoßen,<br />

um GEMEINSaM über Führungsstile und Führungsphilosophien<br />

zu diskutieren.<br />

Nicht irgendjemand, sondern WIr Führungskräfte haben es in<br />

der Hand, Veränderungen aktiv zu gestalten. UNSEr Zutrauen,<br />

Commitment, Glauben und Mut können und werden „Change-<br />

Berge“ versetzen. Und: WIr können beweisen, dass aol/<br />

HanseNet zu jenen 30 Prozent aller Unternehmen gehören kann,<br />

die erfolgreich einen Merger auf den Weg bringen.<br />

Dirk Glebe


Seminarteilnehmer im Park des<br />

Kaiserbahnhofs in Potsdam<br />

Nachhaltigkeit<br />

Lösungen<br />

Mitarbeiter<br />

Begeisterung<br />

Intervention<br />

Verantwortung<br />

Haltung<br />

Wandel<br />

Veränderung<br />

Zukunft<br />

Entwicklung<br />

Rolle<br />

Qualität<br />

Quick wins<br />

Gestalter<br />

Visionäres in der Beratungspraxis<br />

Schienen legen,<br />

Weichen stellen…<br />

Elisabeth loibl interviewte Katharina Heuer, leiterin des Bereichs Management- und<br />

Mitarbeiter qualifizierung, deutsche Bahn aG<br />

das Personalmanagement in Unternehmen erlebt<br />

heute einen grundlegenden Wandel: Es entwickelt<br />

sich zum (Geschäfts-)Partner des operativen Managements;<br />

es übernimmt (Mit-)Verantwortung für die Entwicklung<br />

des Unternehmens und der Mitarbeiter.<br />

Im Jahr 2004 stößt das Personalressort der deutschen<br />

Bahn aG einen konsequent geförderten Veränderungsprozess<br />

an. Schon damals gab es die Vision,<br />

dass Personaler von Verwaltern zu Gestaltern werden<br />

sollten. Voraussetzung dafür waren nicht nur Strukturanpassungen,<br />

sondern vor allem mentale Veränderungen,<br />

um sich in diese revolutionär anderen rollen<br />

hineinentwickeln zu können. die standardisierbaren<br />

administrativen Personalprozesse und tätigkeiten<br />

werden in einem „ServiceCenter Personal“ gebündelt,<br />

und der Personaler vor ort kann sich somit als Berater,<br />

Veränderungsmanager und Geschäftsverantwortlicher<br />

weiterentwickeln und etablieren.<br />

Hierbei setzt die deutsche Bahn konsequent auf<br />

Effizienz der administrativen Prozesse, auf Verbesserung<br />

der Qualität der Personalarbeit sowie auf die<br />

Kompetenzentwicklung und Qualifizierung der 800<br />

Personalmanager auf allen Ebenen des Unternehmens<br />

– von den Personalreferenten über die Personalleiter<br />

Betrieb und region bis hin zu den Geschäftsführern<br />

Personal sowie den leitern und referenten der<br />

Gruppen- und Servicefunktionen der Konzernleitung.<br />

Katharina Heuer ist gemeinsam mit den beiden internen<br />

Bildungsdienstleistern dB akademie und dB<br />

training verantwortlich für die Umsetzung des Qualifizierungsprogramms:<br />

„Im rahmen des Projekts ‚Weiterentwicklung<br />

Personalmanagement – Fit für die Zukunft‘<br />

haben wir ein Qualifizierungsprogramm mit<br />

fol gendem Ziel konzipiert: die Menschen im Personalbereich<br />

sollten sich miteinander vernetzen, sich über<br />

die Erfahrungen, die sie in diesem Veränderungsprozess<br />

machen, austauschen und voneinander lernen.<br />

der individuelle Wachstumsprozess und der Verände<br />

rungsprozess der organisation stehen für uns<br />

dabei im Vordergrund. Mit diesem umfassenden Qualifi<br />

zie rungs programm wollen wir ein gemeinsames Verständ<br />

nis von Personalarbeit und ein konzernweites<br />

Netzwerk für Personalthemen entwickeln.<br />

am Programm nehmen immer Vertreter aller Geschäftsfelder<br />

und regionen sowie des operativen<br />

Personalmanagements und Inhaber von Zentralfunktionen<br />

teil – somit findet zusätzlich für die or ganisation<br />

relevantes lernen statt. die Zusammenarbeit<br />

wird verbessert.“<br />

Um der ausrichtung des Personalbereichs in seiner<br />

umfassenden Komplexität gerecht zu werden,<br />

wurde dem systemischen ansatz im rahmen des für<br />

diesen Veränderungsprozess entwickelten Qualifizierungsprogramms<br />

„Fit für die Zukunft“ ein hoher Stellenwert<br />

beigemessen.<br />

Katharina Heuer begründet die Wahl des systemischen<br />

ansatzes damit, dass er der umfassendste<br />

sei: „Personalmanager sind selbst teil des Systems<br />

Unternehmen und agieren in diesem in unterschiedlichen<br />

rollen. daher sollten sie das Unternehmen als<br />

System mit untereinander zusammen hängenden Wirkungsgefügen<br />

verstehen. Und indem sie mit Hilfe von<br />

Interventionen diese Gefüge aktiv mitgestalten, können<br />

sie auch lenkend ins System eingreifen.“<br />

das Programm „Systemische Kompetenz in Veränderungsprozessen“<br />

wurde ausgeschrieben, und<br />

nach einem sorgfältigen auswahlverfahren wurde<br />

K&N als Kooperationspartner engagiert. „Hierfür<br />

ausschlaggebend war die Kompetenz von K&N bezüglich<br />

des systemisch-komplementären ansatzes,<br />

aufgrund dessen rasch Erfolge und gleichzeitig<br />

Nachhaltigkeit erreicht werden. Insbesondere hat<br />

uns die Praxisnähe der beratungserfahrenen trainer<br />

überzeugt.“<br />

Gemeinsam mit K&N wurde eine kaskadenförmige<br />

architektur für das Programm „Systemische Kompetenz<br />

in Veränderungsprozessen“ konzipiert, die mit<br />

Workshops mit den Personalleitern region beginnt<br />

und in der Folge für die Personalleiter Betrieb und<br />

weiters für die Personalreferenten adaptiert wird. In<br />

Planung sind darüber hinaus Workshops für Geschäftsführer<br />

Personal und die Betriebsräte. Geleitet<br />

werden nicht alle Workshops von den externen trainern,<br />

sondern auch von trainer-tandems, die sich aus<br />

trainern von K&N und aus eigenen trainern aus dem<br />

tQM-team von dB training zusammensetzen – ein<br />

Verfahren, das garantiert, dass das methodische<br />

Know-how in die organisation integriert wird.<br />

das Programm „Systemische Kompetenz in Veränderungsprozessen“<br />

ist in mehrere Module aufgefächert,<br />

die zur intensiven und praxisorientierten<br />

aus einandersetzung mit den themen „Grundlagen<br />

sy s te mischer Veränderungskompetenz“, „Interventions<br />

architekturen und -methoden“, „Haltung/rolle/<br />

Selbst verständnis von Personalern“ einladen. der<br />

Ver änderungsprozess, in den alle involviert sind, wird<br />

in Schleifen durchlaufen, thematisiert, hinterfragt.<br />

journal Best of | deutsche Bahn aG königswieser & network | 15<br />

„Wie kann ich meine rolle als Personaler vor ort optimal<br />

wahrnehmen? Vor welchen Herausforderungen<br />

stehe ich? Wie kann ich mich der systemischen Kompetenz<br />

bedienen, um diesen Prozess optimal zu gestalten?<br />

In welcher rolle agiere ich gerade? als leiter<br />

meiner originären Personalorganisation oder als mitverantwortlicher<br />

Manager eines Geschäftsfelds?“<br />

In den strukturierten Veränderungsprozess sowie<br />

in die Programme werden immer wieder Führungskräfte<br />

aus dem Personalressort mit einbezogen. „Wir<br />

wollen in der kritisch-konstruktiven auseinander -<br />

setz u ng im eigenen ressort kontinuierlich Feedback<br />

aus der organisation einholen und in die organisation<br />

zurückgeben, um neue Impulse, Erfolgsfaktoren,<br />

aber auch Stolpersteine zu identifizieren und danach<br />

den Veränderungsprozess gemeinsam zu gestalten.<br />

Somit ist die Wirklichkeit in den Prozess integriert –<br />

die realität der Ungleichzeitigkeit, des unterschiedlichen<br />

tempos, der offenheit einander gegenüber.“<br />

die Investition in dieses flächendeckende Programm<br />

zeigt bereits gegen Ende der ersten Staffel<br />

Wirkung: „der Personalbereich wächst zusammen,<br />

die teilnehmer entwickeln ein gemeinsames Verständnis<br />

bezüglich der rollen und der aufgaben als<br />

Geschäftspartner.<br />

damit geht die Qualifizierungsmaßnahme in eine<br />

organisationsrelevante Veränderungsdimension<br />

über!“ Neues auszuprobieren, kreative Methoden anzuwenden,<br />

sich zu trauen und sich etwas zuzutrauen,<br />

das erzeugt Begeisterung, einen „Schneeballeffekt“<br />

und eine unglaubliche dynamik.<br />

das Vertrauen in die eigene und die gemeinsame<br />

Kompetenz des Personalbereichs wächst: Es gibt für<br />

alle Fragen und Herausforderungen lösungen, die<br />

man gemeinsam findet.<br />

Eines merkt Katharina Heuer abschließend mit<br />

Nachdruck an: Wie wichtig es sei, Menschen in Veränderungsprozessen<br />

aktiv zu begleiten. Begleitung und<br />

Qualifizierung vordergründig mit defizitbedingten<br />

Si tu a tionen und Krisen zu identifizieren, sei eindimensional:<br />

„organisatorische Veränderungsprozesse und<br />

persönliches Wachstum brauchen unterschiedliche<br />

Impulse. Wir investieren nicht nur in Kompetenzentwicklung<br />

und Qualifizierung unserer Personalmanager,<br />

sondern ermöglichen auch orientierung aufgrund<br />

der Begleitung des Gesamtprozesses.“


16 i königswieser & network Kasseler Sparkasse | journal Best of<br />

die „Jungen<br />

Wilden“ in<br />

der „Zukunftswerkstatt“<br />

Elisabeth loibl im Gespräch mit Katja Busch, abteilungsleiterin<br />

für Personalplanung und -betreuung, Kasseler Sparkasse<br />

1997 wurden die beiden großen Sparkassen Kassels<br />

– die Stadt- und die Kreissparkasse – fusioniert,<br />

und in der Folge gab es eine reihe von Umstrukturierungen.<br />

2005 erhob die Kasseler Sparkasse in einer<br />

Mitarbeiterbefragung die Zufriedenheit ihrer angestellten,<br />

und da zeigte sich Entwicklungsbedarf für<br />

den Führungsbereich.<br />

der Wille, abhilfe zu schaffen, ist vorhanden, unklar<br />

aber ist, wo der kritische Punkt auszumachen sei,<br />

an dem man ansetzen könne. das führt zu der Entscheidung,<br />

Hilfe von außen zu holen. Im Gespräch mit<br />

lars Burmeister von K&N tun sich neue Perspektiven<br />

hinsichtlich kreativer ansätze auf. Katja Busch, als abteilungsleiterin<br />

für Personalplanung und -betreuung<br />

neu im „amt“, wird mit der leitung des Veränderungsprojekts<br />

„Führung im Wandel“ betraut und macht in<br />

der Folge selbst radikale Erfahrungen in der K&N-<br />

Zukunftswerkstatt.<br />

In einer ersten Projektphase werden Mitarbeiter<br />

aus verschiedensten Hierarchiestufen zu Interviews<br />

bezüglich des themas Führung eingeladen. die rückspiegelung<br />

der daraus resultierenden Systemdiagnose<br />

an Vorstand und Bereichsleitung erbringt erste<br />

Handlungsaufträge für den Veränderungsprozess.<br />

Ein diesbezüglich markanter Baustein ist die „Zukunftswerkstatt“.<br />

Zu dieser ist die Projektgruppe der<br />

„Jungen Wilden“ eingeladen: junge Potenzialträger<br />

aus dem Unternehmen, die noch nicht in Führungspositionen<br />

eingesetzt sind. Ihre aufgabe ist es, ein Bild<br />

künftiger Führung zu visualisieren, ihre Wünsche und<br />

Erwartungen zu thematisieren und auszumachen, wo<br />

sie generell Handlungsfelder für eine zukünftige ausrichtung<br />

der Sparkasse wahrnehmen. dafür ist der<br />

zweitägige Workshop „Zukunftswerkstatt“ anberaumt,<br />

in dem die aufgaben mit kreativen und auch<br />

ungewohnten Methoden umgesetzt werden sollen.<br />

So jedenfalls lauten die lapidaren Informationen,<br />

die lars Burmeister im Vorfeld gibt – auch die Projektleiterin<br />

erfährt zu ihrer anfänglichen Verunsicherung<br />

nicht mehr. auch sie ist aufgefordert, sich auf das abenteuer<br />

einzulassen und den Weg in einen aufbruch gemeinsam<br />

mit ihren Kollegen mitzugehen.<br />

die ankündigungen von lars Burmeister und Martin<br />

Hillebrand von K&N lassen sie allerdings doch ein wenig<br />

um ihre Vertrauenswürdigkeit im Betrieb bangen:<br />

als eine der teambildenden Maßnahmen stellen die<br />

beiden einen Programmpunkt am abend in aussicht, in<br />

dessen rahmen die teilnehmer noch einmal in ganz<br />

spezieller Weise gefordert sein werden. Katja Busch<br />

beschreibt ihre erste Schrecksekunde: „Grillen? Selber<br />

kochen? oh nein – das geht doch nie mit kopflastigen<br />

Bankern!“<br />

als das 26-köpfige team der „Jungen Wilden“ sich<br />

dann zum Workshop versammelt, ist Katja Busch<br />

„bass erstaunt“, welche Kreativität in der Umsetzung<br />

des themas freigesetzt wird. die Collage, die hier gebastelt<br />

und gebaut wird, vermag den Status quo von<br />

Führung gut abzubilden und bringt eine Menge an Fragen<br />

mit sich, die in die Zukunft weisen: Wie wird eigentlich<br />

Sinn vermittelt? Warum tut der Vorstand das, was<br />

er tut? Wie ist es, wenn man sich zu einem zunehmend<br />

aktiven, kundenorientierten Unternehmen entwickelt?<br />

Warum ist eine aktive ausrichtung notwendig? Und das<br />

Miteinander betreffend: Wie gehen Führungskräfte eigentlich<br />

mit uns Mitarbeitern um? Wie werden wir von<br />

ihnen wahrgenommen? Wie viel Zeit ist für uns da?<br />

In den rückspiegelungen kristallisieren sich als<br />

Manko vor allem ein Bruch in der Kommunikation und<br />

ein Mangel an Sinnstiftung heraus. Und entgegen den<br />

anfänglichen Bedenken von Katja Busch widmen sich<br />

alle rückhaltlos der aufgabe, sich kreativ an den organisationsstrukturen<br />

zu reiben.<br />

journal Best of | Kasseler Sparkasse königswieser & network | 17<br />

Selbst der abendliche „Schocker“ wird bravourös<br />

gemeistert, als lars Burmeister erst die schlechte und<br />

dann die gute Nachricht verkündet: der Küchenchef sei<br />

ausgefallen, aber alle Zutaten für ein 5-Gänge-Menü<br />

stünden zu eigenhändiger Verarbeitung bereit. Katja<br />

Busch spricht von einem „bombastischen Effekt“: der<br />

eine teil des teams setzt sich die Kochhauben auf und<br />

macht sich in der Küche nützlich, die anderen decken<br />

die tische. das ist die Probe aufs Exempel hinsichtlich<br />

des teambildungsprozesses – und sie wird glänzend<br />

bestanden!<br />

tags darauf trifft Vorstandsmitglied Ingo Buchholz<br />

ein, um sich die Ergebnisse präsentieren zu lassen. In<br />

einer produktiven, offenen auseinandersetzung liefern<br />

die „Jungen Wilden“ ihren kritischen Befund bezüglich<br />

Fehlentwicklungen im Haus ab. diese leistung<br />

wird von Herrn Buchholz gewürdigt, der, um an diesem<br />

befreienden ansatz zu einem aufbruch teilzuhaben,<br />

sogar seine termine verschoben hat.<br />

die Ergebnisse finden schließlich Niederschlag in<br />

einem neuen anforderungsprofil für Führungskräfte.<br />

die „Jungen Wilden“ agieren weiterhin als Impulsgeber<br />

hinsichtlich der angepeilten Entwicklungen, treffen<br />

sich mit Führungskräften und Bereichsleitern, um die<br />

jeweiligen Eindrücke auszutauschen, und stehen in regelmäßigem<br />

Kontakt mit Herrn Buchholz.<br />

Katja Busch ist begeistert von der neuen dynamik.<br />

Sie selbst habe methodisch viel dazugelernt. Vor allem<br />

habe sie erfahren, was passiert, wenn man Menschen<br />

einen Kick gibt, sodass diese sich zu einer sinnerfüllten<br />

Mitgestaltung ihres arbeitszusammenhangs<br />

aufmachen. Und sie werde diese Methode in weitere<br />

Bereiche und Gruppierungen hineintragen, denn für<br />

sie sei das „ein Mittel und Weg, mit Hilfe hoch motivierter<br />

Potenzialträger eine starke Mitarbeiter bindung<br />

zu erreichen“.


18 i königswieser & network Einblicke in die Beratungspraxis: Boehringer Ingelheim | journal Best of journal Best of | Einblicke in die Beratungspraxis: journal September Boehringer 2009 | Ingelheim Editorial königswieser & network | 19<br />

Einblicke in die Beratungspraxis<br />

Wild sein –<br />

dürfen wir das?<br />

Wie sind unterschiedliche Eigenschaften erfolgreich zu vereinen?<br />

dr. rüdiger Erckel (Head of division Chemicals; bis 30. 6. 2008)<br />

dr. Herbert Stein (Geschäftsführer Chemikalien deutschland)<br />

dr. rainer lecht (leiter Supply Chain Management)<br />

Glaubt man an Komplementarität, steckt in<br />

jedem Konservativen ein liberaler, in jedem<br />

Braven ein Wilder und in jedem Zufriedenen<br />

ein Nörgler. die Balance der Gegensätze macht<br />

die Kultur und einen steten Veränderungsprozess<br />

zum Programm – so wie bei<br />

Boehringer Ingelheim.<br />

Heidi aichinger hat recherchiert.<br />

Viel Kraft und Herzblut sei die vergangenen zwei<br />

<strong>Jahre</strong> in das Veränderungsprojekt geflossen. darüber<br />

hinaus sei vieles an Führungsarbeit hintan geblieben,<br />

das es jetzt nachzuholen gelte. ob sie es in diesem<br />

Wissen noch einmal machen würden? Herbert Stein<br />

und rainer lecht schauen sich an.<br />

Nun, es sind die Fragen, aus denen das, was bleibt,<br />

entsteht, sagte einst Erich Kästner. am Standort Ingelheim<br />

von Boehringer, einem großen forschenden<br />

deutschen Pharmakonzern, war es zunächst die Frage<br />

nach der Wettbewerbsfähigkeit. oder: Wie schaffen<br />

wir es, die Wertschöpfungskette zu verbessern?<br />

„Wir merkten an vielen dingen, dass wir teurer<br />

sind als die anderen Standorte – Italien, Spanien und<br />

die USa“, sagt Herbert Stein, leiter des Geschäftsführungsbereichs<br />

Chemikalien, mit rund 1 000 Mitarbeitern<br />

das „Herzstück“ am Ingelheimer Standort. Zwar<br />

erlaube die launchaktivität – der Entwicklungsprozess<br />

vom einzelnen Wirkstoff bis hin zur Zu lassung<br />

eines Pharma-artikels in industrieller Größe – höhere<br />

Kosten zur Qualitätssicherung und mehr Belegschaft<br />

für einzelne Verfahren, aber selbst mit Hilfe dieser<br />

tatsachen ließen sich die Kennzahlen nicht mehr beschönigen.<br />

Stein: „Wir mussten uns selbst nachweisen,<br />

dass wir, auch wenn wir alles rundherum abziehen,<br />

noch immer teurer sind als die anderen. Wir<br />

mussten unsere Prozesse schlanker gestalten.“ Und<br />

all das sollte noch in einer Phase des Wachstums passieren.<br />

Konjunkturell bedingte abschwünge seien abzusehen,<br />

dem vorzubauen war ebenfalls ein Ziel.<br />

ohne Mitarbeiter abzubauen oder die arbeitszeiten<br />

zu erhöhen, sollten intelligente Prozesse Sy -<br />

ner gien besser nutzbar machen, das Miteinander<br />

stringenter gestalten, sagt Stein. Fachberatung war<br />

zu diesem Zeitpunkt bereits im Haus gewesen, „wir<br />

merkten aber ab einem bestimmten Punkt, dass die<br />

gegen Mauern laufen – und wir mit ihnen“. Es musste<br />

etwas anderes als ein rein „mechanistischer“ ansatz<br />

her, so Stein weiter.<br />

Wie schaffen wir es, zu einer lernenden organisation<br />

zu werden? Gemeinsam mit den Beratern von<br />

<strong>Königswieser</strong> & <strong>Network</strong> – den Projektleitern Erik<br />

lang und lars Burmeister – wurde PolIS installiert,<br />

das „Projekt zur optimierung der launchfähigkeit am<br />

Ingelheimer Standort“. Projektleiter bei Boehringer<br />

wurde rainer lecht. Boehringer Ingelheim und der<br />

komplementäre ansatz – eine vielversprechende<br />

Kombination, so lang, denn Werte wie Nachhaltigkeit,<br />

Sorgsamkeit und respektvoller Umgang miteinander<br />

passten gut zusammen.<br />

„Schnell wurde aber auch klar“, ergänzt Burmeister,<br />

„dass es nicht allein um die Verbesserung der<br />

Wertschöpfungskette, eine rein operationale Straffung<br />

der einzelnen Prozesse oder die Priorisierung<br />

der ressourcen ging.“<br />

die Zusammenarbeit zwischen den Bereichen war<br />

gewissermaßen im Stocken begriffen. „da schaute<br />

keiner in Nachbars Garten“, so Burmeister launig. die<br />

Frage, die sich den beiden K&N-Projektleitern stellte,<br />

war demnach: Wie bringt man die Mitarbeiter der ein-<br />

zelnen abteilungen dazu, sich für „Nachbars Garten“<br />

zu interessieren, aus verschiedenen einzelnen teilen<br />

ein großes, ganzes Bild zusammenfügen? Es wurde<br />

also – nach Interviews und rückspiegelungen – die<br />

Installation einer Steuergruppe vorgeschlagen, in der<br />

alle Bereiche und gemeinsam erarbeitete „neuralgische“<br />

themen als teilprojekte definiert wurden.<br />

langsam bröckelten kommunikative Barrieren.<br />

„Zum teil waren die rückspiegelungen einzelner<br />

Gruppen heftig“, erinnert sich Stein. „Wir haben uns<br />

mitunter gefragt: Sprechen die wirklich von uns? da<br />

waren schon einige Hämmer dabei!“ „aber“, schließt<br />

lecht an, „wir konnten siebzig, achtzig Prozent der<br />

themen nachvollziehen. Für uns war es wichtig, dass<br />

wir dabei gelernt haben, dass manches, was wir tun<br />

oder sagen, eben so oder so ankommt und dass das<br />

nicht bedeutet, dass wir so sind. Kurz: Wenn man gelernt<br />

hat, dass Kritik an bestimmten Äußerungen und<br />

Handlungen nicht gleichbedeutend mit Kritik an der<br />

Person ist, dann kann man solche aussagen auch besser<br />

akzeptieren.<br />

Es wurden teams zusammengestellt – u. a. in den<br />

Bereichen Führung, Kommunikation, teamarbeit, Kunde<br />

und Markt, Steuerung, organisation und das team<br />

der „Jungen Wilden“. 80 Projektmitglieder formten die<br />

komplementär zusammengestellten Gruppen: langjährige<br />

Mitarbeiter standen Einsteigern gegenüber,<br />

Veränderer den Bewahrern, Männern den Frauen oder<br />

die Stillen den Meckerern. „langsam wurde uns der<br />

andere ansatz bewusst“, sagt lecht. die Skepsis, mit<br />

der die K&N-Berater konfrontiert waren, blieb lange<br />

aufrecht. „Viele waren der ansicht, PolIS sei ein verkapptes<br />

Umorganisationsprojekt und K&N sei von<br />

uns nach vorn geschickt worden, erzählt Stein. auch<br />

kam das Projekt für viele nur sehr langsam in Bewegung.<br />

„Veränderung ist eben nicht sofort wahrnehmbar,<br />

auch nicht leicht quantifizierbar. diese Spannungen<br />

galt es ebenfalls auszuhalten“, sagt lecht.<br />

Jede Gruppe war ein kleiner Mikrokosmos, in einer<br />

Konstellation quer durch die Hierarchien – der Schichtarbeiter<br />

neben einem abteilungsleiter. Jeder musste<br />

dem lenkungskreis berichten. „diese Kraft mussten<br />

manche erst mal aufbringen“, sagt Stein. „Wenn man<br />

das nicht gewohnt ist, ist das keine leichte aufgabe.“<br />

„das teilprojekt ‚Junge Wilde‘ spiegelte einige<br />

für die Ingelheimer ganz interessante und typische<br />

Punkte“, erzählt lecht über die mögliche Einbringung<br />

kreativer Vorschläge für eine verbesserte Zusammenarbeit<br />

zwischen den abteilungen. „In unserer Branche<br />

muss jeder arbeitsschritt für alle nachvollziehbar sein<br />

und enorm präzise abgehandelt werden“, so lecht<br />

weiter, „da herrscht natürlich erst einmal Unsicherheit,<br />

wo nun auch wild zu sein erlaubt ist und sogar<br />

nützlich sein kann. „Wie kreativ dürfen wir sein?“, war<br />

eine der Fragen, mit denen der lenkungskreis konfrontiert<br />

wurde. „am liebsten wäre den leuten eine<br />

anweisung zum Kreativsein gewesen“, wirft Herbert<br />

Stein ein. rainer lecht fragte sich grundsätzlich: Sind<br />

wir überhaupt wild genug? Stein: „Es war für diese<br />

leute eine große Herausforderung. allein zu glauben,<br />

dass ihnen der Chef die Freiheit gibt, über kreative lösungen<br />

nachzudenken und den Weg der präzisen und<br />

klaren anforderung zu verlassen – und zwar nicht<br />

fachlich –, fiel vielen sichtlich schwer.“<br />

der „rote Faden“ in allen teilprojekten war die optimierung<br />

der übergreifenden Zusammenarbeit, die<br />

Über windung des abteilungsdenkens. Hier spielt Kommunikation<br />

eine Schlüsselrolle. daneben wurden<br />

aber auch ganz konkrete inhaltliche Ziele erreicht. Bemerkenswert,<br />

so Stein, sei vor allem die durch das<br />

teilprojekt organisation erarbeitete neue aufbau-<br />

und ablauforganisation – und damit verbunden die<br />

Einführung von hochqualifizierten Projektmanagern,<br />

den launchmanagern für die Bereitstellung von neuen<br />

Wirkstoffen. damit wurde nicht nur ein internes<br />

Problem angegangen, sondern auch den Kundenwünschen<br />

(im teilprojekt „Kunde & Markt“ formuliert)<br />

nach einem ansprechpartner für den komplexen übergreifenden<br />

Prozess entsprochen.<br />

„Ein Quantensprung“, so lecht weiter „war auch<br />

das im teilprojekt ‚Steuerung‘ erarbeitete Financial-<br />

Impact-Modul. anhand des sen konnten nicht nur die<br />

Steuerungsprozesse für das Management optimiert<br />

werden, sondern es wurde plötzlich für jeden Mitarbeiter<br />

transparent, welchen Einfluss das eigene Handeln<br />

auf das Gesamtergebnis hat.“<br />

Was kommt jetzt? „Wir haben“, sagt Stein, „keine<br />

revolution angezettelt, aber eine Evolution, die sichtlich<br />

Früchte trägt.“ dabei komme das lob nicht von<br />

den eigenen leuten, sondern vielmehr von den Partnern,<br />

mit denen der Geschäftsbereich Chemikalien in<br />

den Strängen verbunden ist. Es sei einiges in Bewegung<br />

gekommen, auch wenn man die Veränderung<br />

nicht tagtäglich wahrnehme. allein der veränderte<br />

Umgang mit bestimmten themen habe vieles in eine<br />

zukunftsfähige richtung gedreht. lecht: „Widerstände<br />

sind noch immer da, sie werden aber nicht mehr<br />

einfach nur ertragen, sondern thematisiert.“ Man dürfe<br />

ja auch nicht übersehen, dass man selbst auch immer<br />

teil des Veränderungswiderstands sei.<br />

„PolIS und die aktivitäten, die wir darüber hinaus<br />

initiiert haben, haben uns nachhaltig verändert. die<br />

Frage, die sich mir jetzt stellt“, so Stein, „lautet: Wie<br />

bewahrt man nun die dynamik und die Power in diesen<br />

aktivitäten?“<br />

das Projekt PolIS verstehe er als eine Übung für<br />

den künftigen Umgang mit Veränderungen. auch<br />

zahlreiche Erkenntnisse habe man gewonnen. Stein:<br />

„Ich wurde häufig enttäuscht – im wahrsten Sinne des<br />

Wortes. Einige meiner Einschätzungen, etwa Kollegen<br />

betreffend, haben sich geändert – und sicherlich auch<br />

die Einschätzungen anderer meiner Person gegenüber.<br />

aber: Es gab auch große Über rasch ungen! Ich<br />

habe über PolIS Menschen kennengelernt, die wie<br />

aus dem Nichts aus ihrer deckung kamen und angeboten<br />

haben, etwas zum Projekt beizutragen, von denen<br />

ich das niemals erwartet hätte. da hätte ich so<br />

einige Wetten verloren!“<br />

In jedem Fall habe PolIS die organisation ein ganzes<br />

Stück nach vorn gebracht. das erworbene Wissen<br />

und die Handhabung der Werkzeuge wurden – ganz<br />

komplementär – gleichermaßen als Fluch und Segen<br />

wahrgenommen.<br />

Manchmal falle es ihm schwer, die Veränderung<br />

abzuwarten, so Stein weiter. Es sei wie bei der trägen<br />

Bewegung eines tankers: Man dürfe nur leicht einlenken<br />

und müsse abwarten, bis die gesamte Masse in<br />

die gewollte richtung einschlage – aus Ungeduld zu<br />

übersteuern führe naturgemäß am Ziel vorbei. lecht:<br />

„Heute in der lage zu sein, Muster zu erkennen und<br />

zu wissen, wohin sie führen, ist eine zuweilen anstrengende<br />

Übung. denn: Zu wissen, dass man bestimmte<br />

Entwicklungen nicht vorwegnehmen kann,<br />

macht die Sache auch nicht leichter. diese Ungeduld<br />

auszuhalten fällt oft schwer.“<br />

Was bleibt, sind Fragen der Nachhaltigkeit: Was<br />

streifte nur die oberfläche, was ging tatsächlich in die<br />

tiefe? Wie nachhaltig hat PolIS unsere Führungsqualität<br />

verbessert, die Prozesse verändert? Und: auf<br />

welche unserer Fragen werden wir niemals eine antwort<br />

bekommen?


20 i königswieser & network Einblicke in die Beratungspraxis: FloW | journal Best of<br />

Einblicke in die Beratungspraxis<br />

Fragen kennen<br />

keine Grenzen<br />

Ein Völker verbindendes Kulturprojekt<br />

als österreichische Initiative des Ministeriums für<br />

europäische und internationale angelegenheiten –<br />

in Kooperation mit der ErStE Stiftung – fand im<br />

Mai 2008 in Novi Sad erstmals das Festival FloW statt.<br />

Elisabeth loibl hat recherchiert.<br />

Bulgarien<br />

FloW bietet eine Plattform, die Künstler, Kulturschaffende<br />

und Wissenschaftler aus zehn ländern<br />

des südöstlichen donauraums zu einem austausch<br />

zusammenbringt.<br />

Ein hohes Maß an sorgfältiger Konzeption ging dieser<br />

Veranstaltung voraus. denn die Umsetzung der Vision<br />

des Ministeriums, ein „Schiff“ zu lancieren, das sich<br />

zu einer verbindendenden linie im südöstlichem raum<br />

der Nachbarländer entwickelt, braucht ein Mehr an offenen<br />

und kreativen rahmenbedingungen, als das in<br />

den etablierten Settings von Kulturforen vorgesehen<br />

ist. Ein Festival sollte es sein – anstatt einer Kulturtagung,<br />

ein neues Format mit nachhaltiger Wirkung.<br />

als Festivalleiter wird robert Punkenhofer von<br />

art&idea, Berater und Projektmanager an der Schnittstelle<br />

von Kreativwirtschaft und Kunst in internationalem<br />

Kontext, von dr. Emil Brix vom Bundesministerium<br />

für auswärtige angelegenheiten beauftragt. Er<br />

kristallisiert aus recherchen und Strategieentwürfen<br />

das Konzept der grenz über schrei tenden Flussenergie<br />

– des FloW – heraus: die Ein ladung der „most beautiful<br />

minds“ des donauraums zum unmittelbaren austausch<br />

unter dem Motto „Jeder Gast ein Sprecher“.<br />

der Veranstalter Österreich präsentiert sich in diesem<br />

Kraftfeld nicht in der top- down-rolle eines „romantischen<br />

Kapitäns“, sondern als „Katalysator“, als<br />

„Enabler“ und „Facilitator“ auf gleicher augenhöhe.<br />

Für die Vorbereitung und Umsetzung des dreitägigen<br />

Festivals holt robert Punkenhofer Netzwerk-<br />

rumänien<br />

Ukraine<br />

Moldawien<br />

Bosnien-Herzegowina<br />

Slowakei<br />

Österreich Serbien<br />

partner ins team. Einem advisory Board, das aus<br />

Kuratoren aus den zehn teilnehmerstaaten – Bos nien-<br />

Herzegowina, Bulgarien, Kroatien, Moldawien, Österreich,<br />

rumänien, Serbien, der Slowakei, Ungarn und<br />

der Ukraine – zusammengesetzt ist, ist die ausschreibung<br />

des Projekts in ihren ländern und die auswahl<br />

der teilnehmer anvertraut. Mit der Umsetzung<br />

wird anja Hasenlechner von hasenlechner- artconsult<br />

beauftragt.<br />

Nun gilt es, ein Modell für das Konzept des offenen<br />

austauschs zu finden. die Festivalleitung entscheidet<br />

sich für die Gestaltung eines open Space, in<br />

dem die Kommunikation nicht formell reguliert wird<br />

und man nicht auf hierarchische Strukturen setzt.<br />

„das ist ein Novum“, betont robert Punkenhofer die<br />

Entscheidung, das risiko einzugehen und sich auf<br />

völlig unvorhersehbare Entwicklungen einzulassen.<br />

als methodisch erfahrene Spezialisten werden Ulrich<br />

<strong>Königswieser</strong> und Charlotte Götz von <strong>Königswieser</strong><br />

& <strong>Network</strong> hinzugezogen. die aufgabenstellung<br />

trifft sich mit deren Interesse, in Zusammenarbeit mit<br />

NPos an internationalen Veränderungsprojekten mitzuwirken.<br />

Ulrich <strong>Königswieser</strong> umreißt die Herausforderung:<br />

„Wie können mit unserem systemischen ansatz<br />

offene Plattformen auf ge sellschafts politi scher<br />

Ebene entwickelt werden?“<br />

Gemeinsam mit dem lokalen Projektteam in Novi<br />

Sad bereiten sie die Veranstaltung vor und stimmen<br />

das Programmdesign mit der Festivalleitung, dem advisory<br />

Board, den diplomaten des Ministeriums sowie<br />

Silvia Bohrn von der ErStE Stiftung, ab. das Programm<br />

wird festgelegt.<br />

Kroatien<br />

Ungarn<br />

journal journal September Best of | 2009 Einblicke | ausblick, in die Beratungspraxis: Weitblick – lichtblick? FloW königswieser & network | 21<br />

dr. Emil Brix, Ulrich <strong>Königswieser</strong>, dr. robert Punkenhofer<br />

der erste tag des Festivals ist dem Empfang der<br />

Gäste in einem „World Café“ gewidmet, dem gegenseitigen<br />

Kennenlernen all der Wissenschaftler aus<br />

technologie, Philosophie, Soziologie, der Medien-<br />

und Kulturschaffenden, designer, architekten und<br />

Künstler, von denen einige ihre Performance präsentieren.<br />

In einer ersten Grundsatzdiskussion über die Identität<br />

des Projekts wird der open Space eröffnet. Es<br />

muss geklärt werden, dass das Projekt Erwartungen<br />

hinsichtlich finanzieller Förderung ausschließt und es<br />

an den teil nehmer(inne)n liegt, diese wunderbare Gelegenheit,<br />

über die Visa-Grenzen hinweg zusammenzukommen,<br />

zu wechselweiser Befruchtung und möglicherweise<br />

für eine Zusammenarbeit zu nutzen.<br />

am zweiten tag wird dieser ansatz in offenen arbeitsgruppen<br />

vertieft. Ulrich <strong>Königswieser</strong> und Charlotte<br />

Götz moderieren die Veranstaltung. Sie sind mit<br />

euphorischer Beteiligung, aber auch mit kritischen<br />

Infragestellungen konfrontiert: mit Misstrauen gegenüber<br />

der in der Unternehmenswelt immer häufiger<br />

verwendeten Form des „open Space“ sowie mit Misstrauen<br />

gegenüber dem Gastgeber Österreich, der –<br />

weil längst dem „westlich-kapitalistischen“ Europa<br />

zugehörig – die gesellschaftspolitischen Umbrüche,<br />

die die teilnehmer verbinden, nicht hatte mitmachen<br />

müssen.<br />

In der atmosphäre der offenheit kommen existenzielle<br />

Fragen zur diskussion:<br />

Wie reisen wir durch Europa?<br />

Welche rolle werden wir in Europa spielen?<br />

Wie selbstbewusst können wir auftreten?<br />

Wie misstrauisch sollen wir sein?<br />

Wie lange wird es dauern, bis die alten Wunden<br />

verheilen?<br />

Wie verständigen wir uns?<br />

Wie können wir Netzwerke bilden und sicher -<br />

stellen, dass sie sich nachhaltig entwickeln?<br />

Wie finanzieren wir unsere Projekte?<br />

abgerundet wird das Festival am dritten tag mit<br />

Führungen der delegation aus Novi Sad durch ihre<br />

Kulturzentren, mit einem Einblick in die aktuelle Szene<br />

und arbeitsumgebung. Und die ersten konkreten<br />

Pläne hinsichtlich künftiger Zusammenarbeit kommen<br />

in Fluss.<br />

„das risiko der schwierigen offenen auseinandersetzung<br />

hat sich gelohnt, es ist viel mehr herausgekommen<br />

– vor allem gute Ideen für viele grenzüberschreitende<br />

Projekte“, resümiert robert Punkenhofer.<br />

Nächstes Jahr wird FloW in einer anderen Stadt die<br />

Schleusen öffnen.


22 i königswieser & network K&N-award – die Preisträgerprojekte | journal Best of<br />

die Projekte der Preisträger des K&N-awards „Veränderungs projekte an der Schnittstelle von Wirtschaft und Gesellschaft“<br />

Sozial integrierte<br />

Quartiersentwicklung<br />

dipl.-Geogr. Jan lorenz Wilhelm ist an der Potsdamer<br />

Universität im Institut für Geografie tätig und<br />

befasst sich mit analyse und Beratung hinsichtlich<br />

sozial integrierter Quartiersentwicklung.<br />

Im Mittelpunkt meiner Forschungs- und Beratungstätigkeit<br />

steht die Begleitung von Veränderungsprojekten<br />

in benachteiligten Stadtquartieren.<br />

der Hintergrund: In deutschland und in anderen<br />

europäischen ländern beobachten wir eine zunehmende<br />

Konzentration sozialer und ökonomischer Problemlagen<br />

in bestimmten Stadtteilen. Immer mehr<br />

Einwohner und mit ihnen ganze Stadtteile drohen<br />

(weiter) marginalisiert zu werden. Mithilfe von<br />

Förderprogrammen (wie z. B. „die soziale Stadt“) versuchen<br />

Stadtverwaltungen, soziale akteure, lokale<br />

Unternehmen und engagierte Bürger, diesen abwärtstrend<br />

zu stoppen bzw. zumindest abzumildern.<br />

aber wie gestaltet sich die Steuerung dieser quartierbezogenen<br />

Projekte? Hier passt die Metapher von den<br />

zwei Seiten einer Medaille.<br />

die Vorderseite: Seitens der Fördermittelgeber<br />

werden administrative Vorgaben zur Umsetzung der<br />

Projekte festgeschrieben: antragsverfahren, Prüfpfade<br />

und vielfältige programmbezogene Kommunikations-<br />

und organisationsprozesse sind detailliert<br />

festgelegt. So sollen etwa anhand von Handlungskonzepten<br />

lokal angepasste Entwicklungsziele formuliert,<br />

lösungswege aufgezeigt und Erfolgsindikatoren eindeutig<br />

festgehalten werden. dies ist die wohldefinierte,<br />

planungseuphorische Seite – sozusagen der<br />

avers der „Medaille Quartiersentwicklung“.<br />

die rückseite: den akteuren eröffnet sich im arbeitsalltag<br />

jedoch alles andere als ein geradlinig kalkulierbarer<br />

Entscheidungsweg: So erweist sich die<br />

raumbezogene Semantik „benachteiligtes Stadtquartier“<br />

als unterschiedlich auslegbar. des Weiteren führen<br />

die zwischen den akteuren zu bildenden strategischen<br />

allianzen zur Beteiligung unterschiedlichster<br />

Systemmitglieder mit vielfältigen Systemkontexten.<br />

das führt zwangsläufig zu divergierenden definitionen<br />

von Zielen und Begriffen, die im Sinne der jeweiligen<br />

Interessen verwendet werden. Entscheidungsprozesse<br />

stellen sich also aufgrund der variablen<br />

Wahrnehmung von Handlungsspielräumen als sehr<br />

dynamisch und nicht wirklich gut planbar dar. daher<br />

ist nur selten linearität, häufig jedoch hohe Komple-<br />

xität und Unsicherheit beobachtbar. dies ist die andere<br />

Seite der Medaille.<br />

Konsequenzen für die Beratungstätigkeit: Grundsätzlich<br />

wird seitens der Forschung hinsichtlich Quartiersentwicklung<br />

der zuerst beschriebenen Seite – der<br />

administrativ-organisatorischen, linearität suggerierenden<br />

– deutlich mehr aufmerksamkeit gewidmet.<br />

Im Gegensatz dazu stelle ich gezielt die Zweiseitigkeit<br />

und die damit einhergehenden strukturellen Widersprüche<br />

in den Vordergrund. ohne die Förderprogrammvorgaben<br />

infrage zu stellen, hilft diese Sicht<br />

auf das Vorhaben, einen anderen Umgang mit den<br />

bisherigen Instrumenten und Verfahren der Förderprogramme<br />

anzuleiten.<br />

Hier ist es sinnvoll, systemische Beratungsansätze<br />

einzusetzen, um mit Hypothesen und Wirklichkeitskonstruktionen<br />

zur Quartiersentwicklung und<br />

mit den diesbezüglichen Konflikten zielführend umgehen<br />

zu können. dies trägt dazu bei, dass die Unzufriedenheit<br />

und der Missmut der oftmals sehr engagierten<br />

Projektverantwortlichen im Umgang mit den<br />

formalen Vorgaben verringert werden.<br />

Jan lorenz Wilhelm<br />

anonyme<br />

Insolvenzler<br />

attila von Unruh war ein erfolgreicher Unternehmer<br />

im Bereich Eventmarketing, bis ihn eine Verkettung<br />

misslicher Umstände zwang, Insolvenz anzumelden.<br />

„Genau in dem Moment, als die raupe dachte, die<br />

Welt ginge unter, wurde sie zum Schmetterling.“ – Ich<br />

bin gescheitert und erfolgreich. Ein Widerspruch? lassen<br />

sich diese beiden Gegensätze vereinen? Wie definieren<br />

wir Scheitern? Was ist Erfolg?<br />

auf der beruflichen Ebene bedeutet Erfolg für mich<br />

Gewinn – einen Zuwachs an Geld, Einfluss und Zufriedenheit.<br />

Bezogen auf die arbeit, habe ich meine rolle<br />

im „Business-theater“ gern gespielt und verschiedene<br />

Firmen erfolgreich aufgebaut, zuletzt im Bereich<br />

Eventmarketing. der Wettbewerb war extrem stark.<br />

das Stück auf der Bühne hieß: The winner takes it all.<br />

Entweder du hast den auftrag – oder nicht. der Gewinner<br />

steht im rampenlicht, der Verlierer tritt von der<br />

Bühne ab.<br />

Zum Glück lief es gut bei mir. Wir organisierten<br />

große Veranstaltungen, setzten trends im Bereich<br />

Eventmarketing. dann kam der große Knall: „Zahlen<br />

Sie 300 000 Euro – sofort!“ Was war geschehen? Ich<br />

hatte meine Firma verkauft. der Käufer hatte mich<br />

nicht, wie vereinbart, aus persönlichen Bürgschaften<br />

freigestellt und war pleitegegangen. Ich war im<br />

Schock! Ich kämpfte fünf <strong>Jahre</strong>, bis klar war: Ich hatte<br />

verloren, musste selbst Insolvenz anmelden. abgang.<br />

oder besser gesagt: absturz. Ins schwarze loch.<br />

In dieser Zeit wurde ich immer wieder mit der Situation<br />

konfrontiert, in Insolvenz zu sein. Ich erfuhr, wie<br />

sehr das thema in deutschland tabuisiert ist und<br />

welches Stigma es bedeutet, gescheitert zu sein.<br />

„Man spricht nicht darüber“ – rückzug, Scham und<br />

Isolation sind die Folgen. Ich hatte alle „Sicherheiten“<br />

verloren und fühlte mich ausgeliefert, als der Insolvenzverwalter<br />

entschied, dass ich nicht mehr selbstständig<br />

arbeiten dürfe.<br />

Währenddessen lief das große Stück auf der Bühne<br />

weiter. Ich war nicht mehr dabei. Was tun? Überle-<br />

ben, mich sortieren, orientierung finden, aufstehen,<br />

losgehen. Wohin? der Weg zurück auf die Bühne war<br />

versperrt. also hieß es für mich: neue Wege gehen,<br />

Potenziale entfalten, kreativ sein. den Moment der<br />

Stille nach dem Knall wahrnehmen – lernen, die Ungewissheit<br />

auszuhalten.<br />

„Jetzt, da mein Haus abgebrannt ist,<br />

sehe ich den Himmel viel besser.“<br />

dieser Zen-Spruch beschreibt meine Situation<br />

sehr treffend. aufgrund meines Bedürfnisses, mich<br />

mit Menschen auszutauschen, die auch von Insolvenz<br />

betroffen waren, gründete ich 2007 den Gesprächskreis<br />

„Anonyme Insolvenzler“. Über das Internet<br />

wurde das angebot sehr schnell bei Betroffenen bekannt.<br />

Es entstand ein Netzwerk mit Gesprächskreisen<br />

in Köln, Hamburg, München, Berlin, Wittlich, düsseldorf,<br />

dortmund, Frankfurt und Hannover. Weitere<br />

Kreise sind in Vorbereitung. Inzwischen ist dies die<br />

größte Selbsthilfeinitiative in deutschland im Bereich<br />

Insolvenzhilfe. träger ist der gemeinnützige Verein<br />

BV INSO – Bundesverband Menschen in Insolvenz<br />

und neue Chancen e. V., den ich in 2009 initiierte.<br />

journal Best of | K&N-award – die Preisträgerprojekte königswieser & network | 23<br />

attila von Unruh<br />

der Verein hat drei arbeitsschwerpunkte: Hilfe zur<br />

Insolvenzvermeidung, Insolvenzbegleitung und Neustart.<br />

Wir sind Experten in Sachen Krise. Viele hoch<br />

qualifizierte Menschen im Verband entwickeln innovative<br />

Projekte, z. B. das angebot einer turnaround-<br />

Beratung durch erfahrene Unternehmer/-innen, die<br />

ihre Krisenerfahrung als Kompetenz einbringen können.<br />

Inzwischen werden wir als Interessenvertreter der<br />

Betroffenen wahrgenommen und sind z. B. vom Wirtschafts-<br />

und Justizministerium eingeladen, an der reform<br />

des Insolvenzrechts mitzuwirken.<br />

Unsere Öffentlichkeitsarbeit stößt auf große resonanz,<br />

und ich stelle mich neuen Herausforderungen:<br />

Kürzlich saß ich beim 7. deutschen Insolvenzrechtstag<br />

in Berlin vor 800 teilnehmern auf dem<br />

Podium und diskutierte mit Vertretern von Verbänden<br />

und der Politik über Möglichkeiten des Mittelstands,<br />

die Krise zu meistern.<br />

Ich habe die Erfahrung des Scheiterns in mein leben<br />

integriert, sie gehört für mich dazu. Inzwischen<br />

erfahre ich sie als Bereicherung, die mir als Berater<br />

zugutekommt. Insbesondere in Beratungssituationen,<br />

in denen es um die Existenz der Unternehmen<br />

geht, kann ich die Verantwortlichen auf der emotionalen<br />

Ebene abholen und stabilisieren. dann lassen<br />

sich auch Sachfragen häufig klarer entscheiden.<br />

Für mich heißt es heute nicht mehr entweder erfolgreich<br />

oder gescheitert sein, sondern sowohl gescheitert<br />

als auch erfolgreich. Erfolg hat viele dimensionen.<br />

Scheitern ist eine davon.<br />

www.exist-cologne.de<br />

www.anonyme-insolvenzler.de<br />

www.bundesverband-menschen-in-insolvenz.de


24 i königswieser & network Wie Phönix aus der asche … | journal Best of journal Best of | Global statt lokal königswieser & network | 25<br />

Wie Phönix<br />

aus der asche …<br />

der turn-around bei einem großen deutschen Pharma-Unternehmen<br />

„Fünf <strong>Jahre</strong> ist es her, dass unser Werk auf <strong>Königswieser</strong><br />

& <strong>Network</strong> zukam und um Unterstützung<br />

bat“, erinnert sich der damals für die Produktion<br />

zuständige Betriebsleiter eines großen deutschen<br />

Pharma-Unternehmens (das nicht genannt werden<br />

möchte), der dann auch die leitung des gemeinsamen<br />

Projekts übernahm. Was war geschehen?<br />

dieser Frage ging leila Steinhilper auf den Grund.<br />

Infolge eines Markteinbruchs war die auslastung<br />

des Werks einschneidend – das heißt um etwa 50<br />

Prozent – reduziert. die Konsequenzen waren verheerend:<br />

Man musste sich von einem drittel der<br />

1 500 Mitarbeiter trennen.<br />

„diese Krise war für uns alle ein Schock. Wir Führungskräfte<br />

fühlten uns hilflos, die Mitarbeiter waren<br />

traumatisiert. Bis dahin hatten wir in einer heilen<br />

Welt gelebt. die Pharmabranche war und ist sehr<br />

stabil, es gibt eigentlich immer Wachstumserfolge.<br />

Zu Markteruptionen kommt es kaum – falls doch,<br />

dann weiß man vorher davon, z. B. wenn Generika<br />

auf den Markt kommen. Nie zuvor in der Historie<br />

unseres Werks waren betriebsbedingt Kündigungen<br />

ausgesprochen worden. die damalige Situation war<br />

also völlig neuartig und die Krise besonders traumatisch.<br />

die Frage, wie wir unsere Mitarbeiter bei der<br />

Bewältigung dieses Schocks und der trauerarbeit<br />

unterstützen und sie für das leben nach der Krise<br />

motivieren könnten, bewegte uns sehr, also wandten<br />

wir uns an K&N. Nach einer komplementären<br />

Systemdiagnose hielten uns die Berater wertschätzend,<br />

aber in aller deutlichkeit den Spiegel vor.<br />

die diagnose rüttelte uns mit teils drastischen<br />

Bildern – etwa dem Kapitän, der auf die Bugwelle<br />

statt zum Horizont schaut – wach. Wir begriffen: Wir<br />

greifen zu kurz, wenn wir uns nur auf die Probleme<br />

der Vergangenheit und unsere trauer konzentrieren.<br />

Wir mussten vielmehr dringend an unserer strategischen<br />

ausrichtung, an den Perspektiven, an einer<br />

Vision, an einem turn-around arbeiten – für uns völliges<br />

Neuland.<br />

die Systemdiagnose zeigte aber auch eine krasse<br />

differenz zwischen Selbst- und Fremdbild: Wir waren<br />

bis dahin überzeugt, ein gutes Nahverhältnis zu unseren<br />

Mitarbeitern zu haben und transparent zu führen.<br />

dass sich Gegenteiliges erwies, war für uns sehr<br />

irritierend. letztlich konnten wir die harte realität<br />

aber annehmen. Ein weiterer zentraler aspekt betraf<br />

die Prozessorientierung, die nicht in unserem denken,<br />

in unserer Kultur verankert war – fatal für einen<br />

Produktionsbetrieb, der wettbewerbsfähig sein will.<br />

Folge der rückspiegelung war es also, dass wir<br />

gemeinsam neben der Steuergruppe vier teilprojekte<br />

initiierten: Vision und Strategie, Prozessorientierung,<br />

Führung sowie Kommunikation. Wir aus<br />

dem Werk mussten unseren Vorständen sagen, wie<br />

ernst es war. danach wurde erwogen, das gesamte<br />

Werk nach asien zu verlegen, das deutsche Werk zu<br />

schließen. Es herrschte angst, aber wir kämpften<br />

ums Überleben.<br />

In die Projekte waren 120 Mitarbeiter eingebunden.<br />

Innerhalb von 18 Monaten stellten wir unser<br />

Werk komplett neu auf. Wir griffen themen auf, an<br />

die wir früher keinen Gedanken verschwendet hätten.<br />

Spannend war, dass sich der Wandel nicht hierarchiegeleitet<br />

vollzog, vielmehr konnte jeder Mitarbeiter,<br />

der wollte, seinen Beitrag einbringen.<br />

Zum (Ver-)Zweifeln brachten mich anfangs die<br />

vielen reflexionsschleifen – bis mir klar wurde, dass<br />

nur auf diese Weise wirklich alle Beteiligten mitgenommen<br />

werden können und Musterveränderungen<br />

stattfinden. das mangelnde Commitment des Konzernvorstands<br />

und einige interne Zweifler gehören<br />

zu meinen lowlights. aber das nachhaltige Ergebnis<br />

wiegt das leicht auf.<br />

Es war also diese Krise notwendig, um wirklich<br />

etwas zu verändern – seither spielen wir in der<br />

obers ten liga. das Projekt mit K&N war gewissermaßen<br />

die Initialzündung dafür. tatsächlich passierte<br />

auch nach Projektende unglaublich viel, und der<br />

Kulturwandel ist von dauer. an der Steuergruppe<br />

nehmen Mitarbeiter aus allen Bereichen hierarchieübergreifend<br />

teil. als Projektleiter achte ich darauf,<br />

dass neben Unterstützern auch Verweigerer, Widerständler<br />

und stille Mitarbeiter dabei sind, damit wir<br />

alle Perspektiven nutzen können.<br />

die teilprojekte gibt es zwar nicht mehr als institutionalisierte<br />

Projektgruppen, sie existieren aber<br />

als ‚Keimzellen‘ noch unstrukturierter Prozesse<br />

weiter. daraus haben wir ‚operational Excellence‘<br />

entwickelt – weniger als tool, sondern eher als Philosophie,<br />

die in eine systemische Grundhaltung eingebettet<br />

ist. das teilprojekt Prozessorientierung hat<br />

uns gelehrt, dass die rolle von Wertstrommanagern<br />

sinnvoll ist (einige Mitarbeiter haben eine entsprechende<br />

ausbildung absolviert), das der lean-Gedanke,<br />

das Vermeiden von Verschwendung der erste<br />

und nachhaltige Weg ist.<br />

Weiters können wir mit Hilfe der Six-Sigma-tools<br />

auch statistische Prozessauswertungen vornehmen<br />

und dabei unseren Kulturwandel integrieren. Wir<br />

arbeiten immer noch viel mit reflexionsschleifen.<br />

Wertschätzung gegenüber unseren Mitarbeitern<br />

ist zentral. Von Besuchern höre ich häufig: ‚Hier ist<br />

irgendetwas anders. die Mitarbeiter sind so motiviert.‘<br />

Und das ist auch in Zahlen belegbar: Wir sind<br />

wieder ein erfolgreicher und wettbewerbsfähiger<br />

Standort mit hervorragend ausgerichteten Produktionsbetrieben,<br />

stellen gerade 150 neue Mitarbeiter<br />

ein, produzieren günstiger als die Inder und asiaten!<br />

Mich fasziniert der komplementäre ansatz, weil<br />

er so viel bewirken kann. die Verankerung der Prozessorientierung<br />

ist uns z. B. nur gelungen, weil wir<br />

uns fachlich spezialisiert und gleichzeitig kulturell<br />

geöffnet haben. ohne Integration des Fach-Knowhow<br />

bzw. ohne Prozess-Know-how wäre dieser Entwicklungsschritt<br />

nicht möglich gewesen.<br />

die systemische Grundhaltung habe ich zur Gänze<br />

internalisiert und gelernt, bei wichtigen Schritten<br />

zu überlegen: Wer ist davon betroffen? Welche<br />

Ängste gibt es diesbezüglich? Wie könnte man vorgehen,<br />

damit statt angst Freude und Motivation entstehen?<br />

Mit dieser Einstellung und kreativen Ideen<br />

lässt sich auch im Kleinen vieles verbessern: Wir<br />

haben z. B. ein Flipchart, auf dem wir unsere aktuelle<br />

Stimmung durch Punkte visualisieren können.<br />

dieses Stimmungsbarometer werten wir in regelmäßigen<br />

abständen gemeinsam aus.<br />

die für mich eindrücklichste Erfahrung in diesem<br />

Prozess mache ich gern mit der ‚orchester-Metapher‘<br />

deutlich: der tolle Klang wird nur im Zusammenspiel<br />

erreicht, jeder leistet seinen Beitrag – egal<br />

ob man nun die erste Geige oder ‚nur‘ die triangel<br />

spielt.“<br />

Und der Werkleiter und auftraggeber des Beratungsprojekts<br />

resümiert im rückblick: „Ich hätte mir<br />

damals nicht träumen lassen, dass wir aus einem so<br />

tiefen loch heraus eine derartige Erfolgsgeschichte<br />

schreiben. Im Nachhinein bin ich geradezu dankbar<br />

für die Krise!“<br />

Global statt lokal<br />

die Krise als Beschleuniger nachhaltiger Veränderungen bei der roto Frank aG, Stuttgart<br />

das vergangene Jahr wird dem Produktionsteam<br />

des Bauzulieferers roto Frank aG wohl unauslöschlich<br />

in Erinnerung bleiben: „lean Manufacturing“<br />

sollte die roto-Produktion zukunftsfähig machen. das<br />

habe einfach alles verändert, auch – und vor allem –<br />

die Menschen, sagte technik-Vorstand leonhard<br />

Braig im Gespräch mit Heidi aichinger.<br />

„Veränderungen muss man zulassen können.“<br />

leonhard Braig lehnt sich tief in seinen Sessel zurück.<br />

In den vergangenen Monaten wurden ihm wie nahezu<br />

allen Verantwortlichen in der Baubranche die Folgen<br />

einer bisher in dieser Form noch nie da gewesenen<br />

Wirtschaftskrise vor augen geführt. Für roto hieß das<br />

konkret: Umsatzeinbrüche von 30 bis 40 Prozent im<br />

ersten Quartal 2009.<br />

Zwar konnte der Bauzulieferer für 2008 mit 620,7<br />

Millionen Euro bei Fenster-, tür-, dach- und Solartechnologie<br />

gegenüber 2007 eine Umsatzsteigerung um<br />

drei Prozent vermelden, die wahren Herausforderungen<br />

stünden aber, so leonhard Braig, noch bevor.<br />

der offizielle Kommentar des Bauzulieferers dazu lautet:<br />

„auch wir können uns von der weltweiten rezession<br />

nicht abkoppeln.“ Gerade in solch einer Situation<br />

müsse man zukunftsorientiert aktiv werden und dürfe<br />

nicht bloß reaktiv auf die aktuellen Verhältnisse eingehen.<br />

Selbstbestimmtheit ist das, was der technik-<br />

Vorstand und die leiterin der Konzernpersonalentwicklung<br />

Yvonne Merklinger, postulieren und auch<br />

selbst austrahlen. „Mit neu aufgesetzten Produktionssystemen<br />

können wir – anders als in der Vergangenheit<br />

– dem Markt heute eins zu eins folgen“, sagt<br />

er. „dieser ansatz hat einfach alles verändert“, so<br />

Braig und Merklinger unisono.<br />

alte Kästchen aufbrechen<br />

Im vergangenen Jahr stellte der Weltmarktführer<br />

für drehkippbeschläge seine historisch gewachsenen<br />

Produktionsstrukturen – den Marktanforderungen entsprechend<br />

– auf moderne Produktionssysteme um: In<br />

kontinuierlichen Verbesserungsschritten (KVP) werden<br />

optimale Produkt-, Prozess- und Servicequalitäten<br />

angesteuert, die die gesamte Wertschöpfungskette effizienter<br />

gestalten (lean Management). die Krise sei<br />

bei dieser ohnehin notwendigen Umstellung ein Beschleuniger,<br />

so Braig.<br />

„Wenn aber“, erklärt er weiter, „neue Produktionssysteme<br />

in den Vordergrund treten, muss auch die dahinter<br />

stehende organisationsstruktur angepasst<br />

werden – ein Prozess, der weite Kreise zieht.“ Möglichkeiten<br />

dafür wurden gemeinsam mit den Werkleitern,<br />

der Konzernpersonalentwicklung sowie den Beratern<br />

von <strong>Königswieser</strong> & <strong>Network</strong>, Martin Hillebrand,<br />

Uwe Scheutz und Erik lang, erarbeitet. Es galt, die<br />

Menschen in den Werken dafür zu begeistern, eigene<br />

Ideen einzubringen, stringente Prozesse mitzudenken,<br />

sich aktiv in mögliche neue abwicklungen einzu-<br />

bringen – kurzum: in kleinen Schritten große Veränderungen<br />

mitzutragen, „alte Kästchen aufzubrechen“,<br />

wie Braig es bezeichnet.<br />

dabei sei das Backup der Berater von großer Bedeutung<br />

gewesen, stellte der technik-Vorstand der<br />

division Fenster- und türtechnologie fest. denn<br />

technisch betrachtet sei Veränderung an sich ja<br />

kein Problem. Wissen könne formalisiert weitergegeben<br />

und auch angenommen werden. die für einen<br />

kontinuierlichen, nachhaltigen Veränderungsprozess<br />

erforderliche Haltung bzw. Einstellung<br />

verlange aber, dass dieses Wissen als selbst gemachte<br />

Erfahrung internalisiert wird. „dieser<br />

Schritt kostet viel Überwindung und Kraft, aber nur<br />

auf diese Weise können laufend Innovationen in<br />

den Prozess mit aufgenommen und persönliche Einstellungen<br />

verändert werden“, resümiert Braig.<br />

„die Meister“, bestätigt Martin Hillebrand, „sind<br />

heute bereit, diesen Wandel mitzugestalten, wenn<br />

man ihnen die Gelegenheit dazu bietet.“<br />

Vorleben, vorleben, vorleben!<br />

Konkret umgesetzt heißt das heute: die Werkleiter<br />

agieren als treiber des Change-Prozesses, der von Unternehmens-<br />

und Personalentwicklung zentral – also<br />

von Konzernseite aus – gesteuert wird. auf der operativen<br />

Ebene wurden „tandems“ aus KVP-Managern<br />

und Hr-leitern als zentrale Säulen integriert. „diese<br />

Struktur konnte in allen Werken installiert werden<br />

und kann dank der entsprechenden Vorbereitung und<br />

Unterstützung seitens der K&N-Berater heute auch<br />

weiterhin selbstständig umgesetzt werden“, berichtet<br />

Yvonne Merklinger.<br />

diese nicht selbstverständliche Zusammenarbeit<br />

zwischen Unternehmens- und Personalentwicklung<br />

sei beeindruckend, meint Martin Hillebrand. daraus<br />

generiere das Unternehmen einen echten Mehrwert.<br />

Bemerkenswertes tempo<br />

l. Braig und Y. Merklinger<br />

die Umstrukturierung – mit ihren neuen arbeitsaufteilungen<br />

und Verantwortungen – machte wiederum<br />

einen Qualifizierungsbedarf auf allen Ebenen<br />

sichtbar. „der heutige teamorientierte Führungsstil<br />

verlangt ganzheitliches denken und somit neue Fähigkeiten<br />

– ein Paradigmenwechsel, der die gesamte<br />

Mannschaft fordert“, so Braig. „Ich nehme alle in die<br />

Pflicht“, sagt er. Weiterbildungsangebote seien wichtig<br />

– im Hinblick auf bessere Kommunikation, auf die<br />

gemeinsame Entwicklung.<br />

„die Mehrheit nimmt das durchaus positiv auf,<br />

aber selbstredend gibt es auch Widerstände. Und natürlich<br />

werden auch Stimmen laut, die in Zeiten einer<br />

Wirtschaftskrise viele Maßnahmen in Frage stellen“,<br />

so Braig weiter. „da muss man vehement dagegenhalten<br />

und die dinge vorleben, vorleben, vorleben!“,<br />

ist er überzeugt. Nur so könne das Erreichte weitergetragen<br />

und -entwickelt werden.<br />

„lean Management ist ja nichts Neues“, so<br />

Yvonne Merklinger abschließend, „bemerkenswert<br />

ist allerdings die Geschwindigkeit, mit der dieser<br />

Veränderungsprozess voranschreitet. Wir haben<br />

sicherlich auch von anderen Industrien gelernt,<br />

aber dieses tempo ist nur durch den Schulterschluss<br />

zwischen ‚treibern und Unterstützern‘ –<br />

den Werkleitern, KVP-Managern, der Unternehmensentwicklung<br />

und der Personalentwicklung –<br />

möglich. Wir haben in sehr kurzer Zeit eine andere<br />

Sensibilisierung erfahren. Wir wissen, auf welche<br />

Faktoren wir in einem so umfassenden Veränderungsprozess<br />

achten müssen, worauf es bei unserer<br />

Zusammenarbeit ankommt und welchen gegenseitigen<br />

Nutzen wir aus dem jeweiligen Wissen<br />

des anderen ziehen können. die Zeit und Energie,<br />

die wir dafür aufgewendet haben, hat uns als team<br />

echt zusammengeschweißt.“


26 i königswieser & network ohne Wurzeln kein Wachstum | journal Best of<br />

ohne Wurzeln<br />

kein Wachstum<br />

der lange Weg aus der kollektiven Identitätskrise der San<br />

„Man kann sich auf zweierlei arten verhalten: Wegschauen,<br />

die Sonne, das Essen und den guten Wein<br />

genießen – oder man schaut hin. dann ist es unvermeidbar,<br />

sich einbeziehen zu lassen.“ alfred legner<br />

lebt seit Mitte der 1990er <strong>Jahre</strong> – auch – in Kapstadt.<br />

Weitere lebensmittelpunkte liegen in Österreich und<br />

Großbritannien. der ehemalige Banker pendelt zwischen<br />

den Kulturen. Nach Jahrzehnten internationaler<br />

Berufstätigkeit ist das wohl von einem anfangs<br />

schwierigen Gewöhnungsprozess zu einer schönen<br />

Gewohnheit geworden. Hinzusehen sei für ihn heute<br />

wie damals eine Selbstverständlichkeit, fast eine<br />

Pflicht, sagt legner im Gespräch mit Heidi aichinger.<br />

Seit drei <strong>Jahre</strong>n arbeitet alfred legner an einem<br />

Projekt mit: dem „!Khwa ttu Heritage and training<br />

Center“, das die San – so nennen sich die Buschmänner<br />

und -frauen – dabei unterstützen soll, Wege aus<br />

ihrer Identitätskrise zu finden.<br />

Heidi Aichinger: Wie viele San leben noch im südlichen<br />

Afrika?<br />

alfred legner: Es gibt noch rund <strong>10</strong>0 000. Sie gelten<br />

als eines der ältesten Völker der Erde, waren Jäger<br />

und Sammler. Heute sind sie urbanisiert, und die meisten<br />

von ihnen stehen auf der sozialen leiter sehr<br />

weit unten. Ihre Geschichte aber reicht 20 000 <strong>Jahre</strong><br />

zurück. Wie auch vielen anderen teilen der einheimischen<br />

Bevölkerung, den Schwarzafrikanern, den Coloureds,<br />

hat man ihnen Bildung und ausbildung systematisch<br />

vorenthalten. Sie wurden entmenschlicht.<br />

Und das Projekt, an dem Sie mitarbeiten, soll die<br />

San wieder stärken…<br />

Vor zehn <strong>Jahre</strong>n hat eine Schweizer anthropologin<br />

es sich zur aufgabe gemacht, ein ausbildungszentrum<br />

für San aufzubauen. Mehrere Farmen wurden<br />

gekauft, zusammengelegt und die Gebäude restauriert.<br />

das „!Khwa ttu Heritage and training Center“<br />

liegt 45 autominuten nordwestlich von Kapstadt,<br />

nahe dem ort mit dem schönen Namen darling, mit<br />

Blick auf die atlantikküste.<br />

Projektleiter ist der anthropologe Michael daiber,<br />

der sein leben lang mit den San gearbeitet und wesentlich<br />

dazu beigetragen hat, dass das Projekt so<br />

weit gediehen ist. Heute leben dort 25 San-Familien.<br />

Es gibt einen eigenen Kindergarten und Vorschulerziehung;<br />

schulpflichtige Kinder kommen auf lokale<br />

Schulen, damit sie sich auch dort integrieren.<br />

In diesem Projekt geht es darum, den San dabei zu<br />

helfen ihre Vergangenheit wiederzufinden, um kollektive<br />

Zukunft besser gestalten zu können.<br />

Wie machen Sie das?<br />

die San müssen ein gewisses Maß an Stolz auf<br />

ihre Vergangenheit entwickeln – das geht nur, wenn<br />

sie ihre eigene Geschichte begreifen lernen. Es ist<br />

wichtig, ihnen die leistungen ihrer Vorväter vor augen<br />

zu führen – dass es schon vor Jahrtausenden eine<br />

San-Kultur gab. auch Überlieferungen über Idole helfen,<br />

die eigene Geschichte zu verinnerlichen. Wir<br />

müssen vermitteln, dass es sich lohnt, auf diese Substanz<br />

aufzubauen und auf ihr Erbe stolz zu sein.<br />

SIERRA LEONE<br />

LIBERIA<br />

Und: Man muss die San mit Wissen und Fähigkeiten<br />

ausstatten, die sie fürs Überleben in unserer heutigen<br />

modernen Welt rüsten. den Menschen ihre Identität<br />

zurückzugeben halte ich für sehr schwierig – ich<br />

bin nicht sicher, ob das überhaupt möglich ist.<br />

Dennoch versuchen Sie es…<br />

Ideale lösungen hierfür gibt es nicht. Unser ansatz<br />

ist es, die San in einem touristischen Umfeld auszubilden.<br />

das Projekt umfasst ein kleines Museum, ein restaurant,<br />

ein Naturreservat und ein Zeltlager. Im rahmen<br />

dieser Einrichtungen werden leute ausgebildet<br />

– tour Guides, Köche, Farmarbeiter. dazu gehört viel<br />

Übung und Motivation. Heute – nach zehn <strong>Jahre</strong>n – hat<br />

es sich erwiesen, dass die San genauso lernfähig sind<br />

wie andere Menschen auch. Sie haben das nötige<br />

Selbstvertrauen und arbeiten so erfolgreich, als ob es<br />

die Zeit von vor zehn <strong>Jahre</strong>n gar nicht gegeben hätte.<br />

Wie schmal ist da der Grat zur Überheblichkeit?<br />

die Gefahr zu glauben, wir Weißen hätten die<br />

Weisheit mit löffeln gefressen, ist nicht vom tisch zu<br />

wischen. Man kann auch nie ganz sicher sein, dass<br />

diese art der Umsetzung des Projekts die richtige ist.<br />

Ganz bestimmt falsch – und somit ausgeschlossen –<br />

ist es, nichts zu tun. Wir gehen nach Wissen und Gewissen<br />

den bestmöglichen Weg und hoffen, dass wir<br />

es aus den richtigen Beweggründen tun.<br />

Wie sind die San Ihnen – jemandem, der von „außen“<br />

kommt und ihnen „ihre Kultur zurückgeben will“<br />

– begegnet?<br />

Ich bin kein Mann der ersten Stunde, aber ich habe<br />

mir erzählen lassen, dass die San zunächst sehr skeptisch<br />

waren. Sie kamen verunsichert und ängstlich auf<br />

„!Khwa ttu“ an. da war ein Mann wie Michael daiber,<br />

der sich dem Projekt verschrieben und Zugang zu den<br />

San gefunden hat, enorm wichtig. Er identifizierte „informelle<br />

Führer“, um eine Brücke zu den San zu schlagen,<br />

leute, die schon eine gewisse ausbildung hatten<br />

und mit denen gemeinsam er das Programm entwickelte.<br />

Heute ist das ein team von kompetenten leuten,<br />

die mit viel Selbstvertrauen lachend an ihre aufgaben<br />

herantreten.<br />

Und für mich ist es eine Selbstverständlichkeit,<br />

sich für solch ein Projekt zu engagieren, wenn sich die<br />

Chance dazu bietet. da ist sicherlich auch ein wenig<br />

das schlechte Gewissen, das ich als Weißer hier habe,<br />

mit im Spiel.<br />

COTE D'IVOIRE<br />

Lake Volta<br />

GHANA<br />

TOGO<br />

Niger R.<br />

Gulf of Guinea<br />

EQUATORIAL GUINEA<br />

Sao Tome<br />

ATLANTIC<br />

OCEAN<br />

Benue R.<br />

CAMEROON<br />

GABON<br />

CONGO<br />

Congo R.<br />

N a m i b D e s e r t<br />

CENTRAL AFRICAN REPUBLIC<br />

ANGOLA<br />

NAMIBIA<br />

ZAMBIA<br />

BOTSWANA<br />

SOUTH AFRICA<br />

Welche konkrete Aufgabe haben Sie in diesem<br />

Projekt?<br />

Vor rund drei <strong>Jahre</strong>n stellte man fest, das Projekt<br />

könnte zum „weißen Elefanten“ werden. das bedeutet,<br />

dass der touristische Betrieb – nicht der ausbildungsbetrieb,<br />

dem er als Plattform dient – wirtschaftlich<br />

auf eigene Beine gestellt werden musste. Hier ist<br />

nun der nächste große Schritt notwendig: das Projekt<br />

muss bekannter werden, um mehr zahlende und kulturell<br />

spezifisch interessierte touristen anzuziehen.<br />

Und: Es muss weiter ausgebaut werden – hier bringe<br />

ich meine kaufmännische Erfahrung ein.<br />

Zudem sieht das ausbildungskonzept vor, San<br />

auch in Managementkarrieren einzuüben. Wie überall<br />

dauert das aber eine Weile – man wird ja bekanntlich<br />

nicht als General Manager geboren. dazu braucht es<br />

Grundwissen, Erfahrung, charakteristische Eigenschaften<br />

und Fähigkeiten – all das muss erst entwickelt<br />

werden. Und gleichzeitig müssen kulturell bedingte<br />

Verhaltenseigenarten verändert werden, wenn<br />

ein San erfolgreich führen soll. Hier stelle ich meine<br />

Führungserfahrung zur Verfügung – in dem Wunsch,<br />

dass in den nächsten zwei bis drei <strong>Jahre</strong>n die/der erste<br />

San ins Management aufsteigen kann. Es stellt sich<br />

allerdings die wichtige Frage: Ist überhaupt der Wille<br />

zu führen vorhanden? der in der afrikanischen Kultur<br />

ausgeprägte egalitäre Verhaltenskodex kann hier hinderlich<br />

sein.<br />

Vor welche Probleme sind Sie als Mensch, dem<br />

Leadership nicht fremd ist, der aus anderen Strukturen<br />

kommt, gestellt?<br />

Ich muss in vieler Hinsicht umdenken. Manchmal<br />

verfalle ich in alte Muster und erwarte disziplin und<br />

Kommunikation, wie ich sie von Europa her gewohnt<br />

bin. darauf kann man in afrika nicht unbedingt bauen.<br />

dort ist vieles ganz anders, und es ist nötig, das zu<br />

verstehen – um akzeptieren zu können, dass es lange<br />

dauert, ein Projekt dieses Formats umzusetzen.<br />

Hat Ihnen das Projekt neue Erkenntnisse eingebracht?<br />

Zunächst hat es mir die augen für die Probleme<br />

der Menschen in Südafrika geöffnet. Es hat mir gezeigt,<br />

dass das scheinbar Unmögliche möglich ist. Es<br />

bestätigt mich in dem, was ich gemacht habe und weiterhin<br />

– nicht nur in Südafrika – machen werde: mich<br />

mit Bildung, ausbildung und Persönlichkeitsentwicklung<br />

befassen. Es hat mich einfach zufriedener ge-<br />

Ubangi R.<br />

Cape of Good Hope<br />

Congo<br />

Basin<br />

Kasai R.<br />

Orange R.<br />

Ubangi R.<br />

Congo R.<br />

DEM. REP.<br />

OF CONGO<br />

Kasai R.<br />

Zambezi R.<br />

Kalahari<br />

Desert<br />

Katanga<br />

Plateau<br />

Vaal R.<br />

Congo R.<br />

Ruwenzori<br />

L. Kivu<br />

Lake<br />

Mweru<br />

Lake Kariba<br />

LESOTHO<br />

Lake Albert<br />

RWANDA<br />

BURUNDI<br />

ZIMBABWE<br />

Limpopo R.<br />

Drakensberg<br />

UGANDA<br />

Lake<br />

Victoria<br />

L. Tanganyika<br />

SWAZILAND<br />

TANZANIA<br />

MALAWI<br />

Zambezi R.<br />

Ethiopian<br />

Highlands<br />

Kilimanjaro<br />

L. Malawi<br />

Lake Turkana<br />

KENYA<br />

MOZAMBIQUE<br />

Zanzibar Island<br />

Mozambique<br />

Channel<br />

ETHIOPIA<br />

Comoros<br />

Somali Pen.<br />

macht, weil ich jetzt tiefgründigere lebensinhalte<br />

habe. Es besteht nicht – wie in Europa – die Gefahr, an<br />

der oberfläche steckenzubleiben.<br />

Wenn Sie den Weg aus der Identitätskrise der San<br />

Wegen aus anderen Krisen gegenüberstellen: Welche<br />

Vorgehensweisen würden Sie – auch aufgrund Ihrer<br />

Erfahrung als Banker – generell empfehlen?<br />

Zum einen sollte man nicht immer gleich große<br />

Würfe erwarten. Es ist gut, an kleinen Zellen zu arbeiten,<br />

die Wirkung zeigen. Zum anderen muss man an<br />

die Menschen glauben. Wenn wir vor zehn <strong>Jahre</strong>n<br />

nicht davon, den San tatsächlich etwas vermitteln zu<br />

können, überzeugt gewesen wären, hätten wir das<br />

Projekt gar nicht anzufangen brauchen.<br />

Nicht zuletzt sind Bildung und ausbildung essenziell.<br />

Und: Es geht nicht ohne systematisches<br />

Coaching. Man braucht einen Sparringspartner, der<br />

einem den Spiegel vorhält – und zwar auf augenhöhe<br />

–, um antworten und lösungen zu finden. denn allein<br />

ist das nicht möglich, weder für einen San noch für<br />

einen Europäer.<br />

journal Best of | ohne Wurzeln kein Wachstum königswieser & network | 27<br />

MADAGASCAR<br />

INDIAN<br />

OCEAN<br />

Zur Person:<br />

alfred legner (66) ist gelernter Banker und war<br />

u. a. Geschäftsführer der dG Bank in london.<br />

Heute ist der Gründer des Integrative Leadership<br />

Forum (www.ilf.be) an mehreren Bildungs- und<br />

ausbildungsprojekten beteiligt und kooperiert<br />

fallweise mit K&N.<br />

Er lebt in Großbritannien, Südafrika und Österreich.


28 i königswieser & network Gescheiter scheitern | journal Best of<br />

Gescheiter<br />

scheitern<br />

Wir haben diesem tabuthema ein Forschungsprojekt gewidmet<br />

S„Scheitern“ ist eines der letzten tabus in unserer<br />

erfolgsorientierten Gesellschaft. Es ist eine lebenserfahrung,<br />

die konsequent ausgeblendet wird. dabei<br />

begleiten doch Erfahrungen des Scheiterns jeden<br />

Menschen von Kindheit an. Kein Mensch kann laufen<br />

lernen, ohne dabei zu stürzen. Verbietet man es sich<br />

zu scheitern, kann man auch nicht aus Fehlern lernen<br />

und beraubt sich somit einer Chance auf mögliche<br />

Weiterentwicklung. Über das Scheitern spricht man<br />

nicht. Wir haben es getan und das Forschungsprojekt<br />

Scheitern ins leben gerufen. leila Steinhilper berichtet<br />

über den bisherigen ablauf des Projekts und die<br />

daraus gewonnenen Erkenntnisse.<br />

lars Burmeister und eine siebenköpfige Forschungsgruppe<br />

mit Vertretern aus unterschiedlichen<br />

Branchen und organisationen beschäftigen sich seit<br />

anfang 2008 mit dem thema Scheitern. das Ziel: Muster<br />

und logiken zu erkennen und daraus handlungsleitende<br />

Empfehlungen für organisationen und Individuen<br />

abzuleiten. dabei interessierte uns besonders,<br />

wie Menschen und Systeme mit Scheitern umgehen,<br />

welche Konsequenzen im Nachhinein daraus gezogen<br />

werden und welche Perspektiven für das persönliche<br />

und berufliche Umfeld infolgedessen entstehen.<br />

Erste antworten auf diese Fragen kristallisierten<br />

sich in qualitativen Interviews mit zwölf Menschen<br />

aus verschiedenen lebens- und Berufswelten – vom<br />

Künstler bis zur Managerin – heraus. die Forschungsgruppe<br />

wertete die Gespräche sequenzanalytisch und<br />

mit Hilfe von textinterpretationen aus, generierte Hypothesen<br />

und diskutierte die Ergebnisse mit den Interviewten,<br />

im Kollegenkreis und mit interessierten<br />

Gästen.<br />

Welche Erkenntnisse haben wir gewonnen? das<br />

Erleben, tatsächlich gescheitert zu sein, ist individuell<br />

sehr unterschiedlich. Sieht sich der eine als gescheitert,<br />

ist es gut möglich, dass ein anderer die gleiche<br />

Situation als unglückliche, aber sinnhafte Fügung bewertet.<br />

Entsprechend unterschiedlich sind auch die<br />

daraus gezogenen Konsequenzen.<br />

Kann man tatsächlich gescheiter scheitern? die<br />

antwort lautet eindeutig: ja! Man kann besser und<br />

man kann schlechter scheitern – vorausgesetzt, man<br />

setzt sich mit der Problematik bewusst auseinander.<br />

dabei ist eine analyse und Bestandsaufnahme des eigenen<br />

Ichs bzw. des Ichs der eigenen organisation mit<br />

all den Potenzialen, Kernkompetenzen und risiken<br />

hilfreich. dieses Selbst-Bewusstsein – die Erkenntnis<br />

der eigenen Wirklichkeitskonstruktion – ermöglicht<br />

eine bessere Selbststeuerung und fördert die Souveränität,<br />

was Menschen und organisationen in der<br />

Phase des Scheiterns stützt und dieses bestenfalls<br />

sogar verhindert.<br />

Es ist auch hilfreich, von Zielen ablassen zu können,<br />

wenn diese nicht mehr sinnvoll erscheinen oder<br />

unmöglich zu erreichen sind.<br />

Unser Hauptanliegen lautet: Es ist wichtig, eine<br />

„aufrechte“ Haltung zum Scheitern zu entwickeln!<br />

Scheitern lässt sich nicht „verhindern“, daher sollte<br />

die Möglichkeit des Scheiterns stets gedanklich in unser<br />

Handeln miteinbezogen und als Entwicklungsschritt<br />

als eine auseinandersetzung mit sich selbst<br />

und den Umweltfaktoren gesehen werden, denn dann<br />

gelingt das „aufstehen“ nach dem Fall leichter und<br />

ermöglicht – nach angemessener Zeit – einen konstruktiven<br />

Umgang mit dem vorangegangenen Scheitern.<br />

dies gilt auch für organisationen.<br />

Es wäre wünschenswert, eine Unternehmenskultur<br />

zu etablieren, die Fehler bzw. Scheitern nicht bestraft<br />

oder tabuisiert, sondern die ihm innewohnende<br />

dynamik als Chance, als lernfeld zu nutzen weiß. Ideal<br />

wäre eine durch Experimentierfreude und Mut gekennzeichnete<br />

arbeitsatmosphäre und eine Führung,<br />

die die „Kultur des Scheiterns“ vorlebt, also auch offen<br />

über gescheiterte Projekte und „falsche“ Entscheidungen<br />

spricht.<br />

auch bei der Personalauswahl sollten Unternehmen<br />

auf Mitarbeiter setzen, die zu ihrem Scheitern<br />

stehen und daraus gelernt haben. denn wenngleich<br />

viele Menschen glauben, ein guter reiter sei einer, der<br />

noch nie vom Pferd gefallen ist, so sollte man vielmehr<br />

auch als reiter bereits gestürzt sein, um infolgedessen<br />

gelernt zu haben, ein guter reiter zu sein.<br />

diese und weitere Ergebnisse präsentierte und<br />

diskutierte die Forschungsgruppe im rahmen des<br />

„Werkstattgesprächs Scheitern“. die auseinandersetzung<br />

mit dem thema hatte auf viele teilnehmer eine<br />

berührende und befreiende Wirkung, denn das bislang<br />

tabuisierte konnte endlich besprochen werden.<br />

Eine teilnehmerin meinte: „Jeder weiß, dass es sinnvoll<br />

wäre, sich über gescheiterte Projekte auszutauschen,<br />

aber keiner will damit anfangen. Es tat gut,<br />

heute so offen darüber zu sprechen.“ auch starke<br />

Emotionen wurden ausgelöst: Scham, anstrengung,<br />

auch Widerstand. So wurde einer teilnehmerin bei<br />

diesem thema schlecht. die auseinandersetzung mit<br />

Scheitern ist immer anstrengend, aber kathartisch.<br />

das Forschungsprojekt ist noch lange nicht abgeschlossen.<br />

die Gruppe beschäftigt sich mit der theoriebildung<br />

und hat erste Modelle entwickelt, die im<br />

„Handbuch Scheitern“ veröffentlicht werden.<br />

Unsere Quintessenz: auch wenn man Scheitern<br />

nicht immer in Erfolg verwandeln kann, so könnte man<br />

doch – statt alte, dumme Fehler zu wiederholen –<br />

neue, intelligentere Fehler wagen. Und das wäre nicht<br />

zuletzt auch in Krisenzeiten wichtig – ganz im Sinne<br />

Samuel Becketts:<br />

Immer versucht.<br />

Immer gescheitert.<br />

Einerlei.<br />

Wieder versuchen.<br />

Wieder scheitern.<br />

Besser scheitern.<br />

journal Best of | Gescheiter scheitern königswieser & network | 29<br />

lars Burmeister, geschäftsführender Gesellschafter von K&N


30 i königswieser & network In raiffeisen der Krise braucht führen den · Stabile Widerspruch Zonen | journal | journal September Best of 2009 journal Best journal of | raiffeisen September braucht 2009 den | Stabile Widerspruch Zonen königswieser & network | 31<br />

Jeder für sich und<br />

alle gemeinsam<br />

raiffeisen braucht den Widerspruch<br />

Es war eine wirkungsvolle Intervention: 2006, zu<br />

einem Zeitpunkt, als die Krise noch kein Schlagwort<br />

war und auch sonst keine akuten themen auf dem<br />

tisch lagen, kam einer ins System der raiffeisen-<br />

Bankengruppe tirol (rBG tirol) und nahm das Wort<br />

Strategie in den Mund. „das war ich“, sagt Hannes<br />

Schmid, Vorstandssprecher der raiffeisen-landesbank<br />

tirol (rlB tirol). die Skepsis war groß. „Was<br />

will er? Und was steckt dahinter?“, waren Fragen, die<br />

am ausgangspunkt einer gemeinsamen annäherung<br />

und Bewegung stehen sollten.<br />

Noch bevor <strong>Königswieser</strong> & <strong>Network</strong> – mit roswita<br />

<strong>Königswieser</strong>, Christian Matul, Uwe Scheutz und<br />

Patricia van overstraeten – den Prozess einer Strategieentwicklung<br />

für die rBG tirol begleiten sollten,<br />

habe man begonnen, intern, also innerhalb der 82<br />

Primärbanken, an einer Vision zu arbeiten, sagt<br />

Hannes Schmid. „Es war dies der Versuch herauszufinden,<br />

ob wir überhaupt gemeinsame Ziele haben<br />

und ob es überhaupt etwas Gemeinsames gibt, für<br />

das es sich lohnt, im detail weiterzuarbeiten“, formuliert<br />

er es drastisch. Im Nachhinein besehen ein<br />

guter Wurf, so Schmid, wenngleich sich vorerst rund<br />

um den Begriff Strategie an sich enorme Widerstände<br />

auftaten. ausgehend von einer „alle allein und<br />

jeder für sich“-Haltung, baute sich in den meisten<br />

Köpfen wohl vordergründig zunächst das Szenario<br />

auf, es werde hier Konzernstrategie auferlegt, resümiert<br />

Schmid nachdenklich.<br />

Projektleiter Uwe Scheutz erklärt das rückblickend<br />

so: „Schmid – auch als zentrale Figur innerhalb<br />

des Prozesses – ist eine starke Persönlichkeit.<br />

Er verfügt über immenses Wissen um das thema<br />

Strategie ganz allgemein – und das verbunden mit<br />

rascher auffassungsgabe und hoher denkgeschwindigkeit.“<br />

In anbetracht der uneinheitlichen Vorstellungen<br />

und Wissenslage der Beteiligten in Sachen<br />

Strategie war mit Widerstand zu rechnen.<br />

Kurzum: Einer aus wirtschaftlicher Perspektive<br />

sinnvollen option, Kräfte zu bündeln, ein gemeinsames<br />

Bild zu definieren, um damit am Markt auch<br />

gemeinsam aufzutreten, stand zunächst die „politische<br />

Struktur raiffeisen“ im Wege. „die Vertreter<br />

der Primärbanken fürchteten eine Einschränkung ihrer<br />

autonomie und einzelne darunter eine Beschneidung<br />

ihrer Position im System“, so Schmid spitz.<br />

oder wie Uwe Scheutz es darstellte: „Im rahmen<br />

dieses Projekts habe ich eigentlich mit einem politischen<br />

System gearbeitet und nicht mit einem wirtschaftlichen.“<br />

„ Eine andere arbeitsfähigkeit“<br />

In genossenschaftlich organisierten Systemen<br />

bauen sich Spannungsfelder zwischen wirtschaftlicher<br />

und politischer logik, autonomie und abhängigkeit,<br />

Zentralismus und dezentralisation, Fortschritt<br />

und tradition gewissermaßen automatisch<br />

auf. die Frage, wie man mit den dadurch freigesetzten<br />

Energien produktiv umgehen könne, sei zentral,<br />

so Scheutz weiter. In einem wirtschaftlichen System,<br />

das nach außen wirkt, und innerhalb einer politischen<br />

Struktur, die keine festgeschriebenen und<br />

entsprechend einklagbaren Spielregeln hat, arbeitsfähigkeit<br />

erlangt zu haben, das nennt Schmid heute<br />

– fast drei <strong>Jahre</strong> und eine Wirtschaftskrise danach –<br />

den „größten Erfolg im rahmen dieses Prozesses“.<br />

Und diese arbeitsfähigkeit habe man, so Scheutz<br />

aus Beratersicht, zunächst vor allem durch „Verlangsamung“<br />

in Kommunikations- und Verständnisprozessen<br />

erreicht: „Wir haben viele ‚Ehrenrunden‘ gedreht<br />

– haben immer wieder nachgefragt und<br />

nachgehakt, wenn wir den Eindruck hatten, dass etwas<br />

noch nicht vollinhaltlich verstanden wurde oder<br />

das Vertrauen doch nicht stark genug war. anhand<br />

von fachlichem Input wurde versucht, die Gruppe<br />

zum dialog zu führen, und mithilfe von aufstellungsarbeit<br />

konnten differenzen und Widersprüche aufgezeigt,<br />

diskutiert und gemeinsam bearbeitet werden.<br />

Wir haben aber auch im Beraterstaff – ohne deshalb<br />

unsere neutrale Position aufzugeben – verschiedene<br />

rollen selbst eingenommen“, erklärt<br />

Scheutz. Und erst als es den Beteiligten möglich war,<br />

miteinander offen über ihre unterschiedlichen Interessen<br />

und die sich daraus ergebenden Konflikte zu<br />

reden, konnte man, so Scheutz, das thema Strategie<br />

konkret angehen.<br />

Hannes Schmid geht in seiner Formulierung sogar<br />

noch einen Schritt weiter: „die eigentliche Strategie<br />

ist erst aufgrund dieser art der arbeitsfähigkeit<br />

Schritt für Schritt entstanden. denn in einem lernenden<br />

Unternehmen findet letztlich jeder für sich<br />

heraus, welche lösungsansätze er umsetzen kann,<br />

will oder muss – sozusagen als Ergebnis des komplementären<br />

Beratungsansatzes.“<br />

dr. Hannes Schmid, Vorstandsdirektor und Prozesstreiber<br />

„Kein elitäres Konzept“<br />

„die Erwartungen im System gingen in zwei richtungen:<br />

Zum einen wollte man mit Beratern arbeiten,<br />

die über Bankenstrategie Bescheid wissen. Zum<br />

anderen sollte der Entschluss, weder eine Expertenrunde<br />

zusammenzutrommeln noch dem System ein<br />

elitäres Beraterkonzept überzustülpen, sondern alle<br />

im System zu erreichen, zum tragen kommen. das<br />

war für mich ein wesentlicher Parameter“, erklärt<br />

Schmid seine Entscheidung für den Beratungsansatz<br />

von K&N.<br />

Er sei, sagt Schmid bezüglich seiner lern- und<br />

Entwicklungskurve im Zuge des Strategieprozesses,<br />

als Führungskraft für viele „ablesbarer“ geworden.<br />

Über weite Strecken seien Skepsis und Misstrauen<br />

neuem Verständnis – ja fast Vertrauen – gewichen.<br />

Mit seiner rolle als „Prozess-leader“, die auch<br />

seitens der Berater von ihm verlangt wurde, habe er<br />

oft gehadert, wollte er doch seine leute dazu anstacheln,<br />

sich in erhöhtem Maß einzubringen, damit die<br />

„last“ dieser Bewegung nicht allein auf seinen<br />

Schultern liege. Ein berechtigter Wunsch. „Zumal<br />

man als Führungskraft davon auszugehen hat, dass<br />

aufgaben, wenn sie seltener einfach nur ,nach oben‘<br />

delegiert werden, auf den entsprechenden Ebenen<br />

eigenständig und mit dem Blick aufs Ganze gelöst<br />

werden. Und das ist gelungen“, meint Schmid zufrieden<br />

lächelnd.<br />

„raiffeisen braucht den Widerspruch“, stellt er<br />

fest, „er gehört zur organisation, daraus schöpft diese<br />

auch Kraft – das habe ich gelernt.“ der diesbezüglich<br />

geschärfte Blick habe reinigende Wirkung – auch<br />

bei den persönlich spürbaren dissonanzen. „Ich habe<br />

erkannt und erlebt, dass Sachverhalte und Zusammenhänge,<br />

die mir klar sind, vom System nicht anerkannt<br />

werden müssen. Eine gewisse demut, die Fähigkeit,<br />

warten zu können, ist in diesem Prozess<br />

gefordert und auch geschärft worden.<br />

Im Nachhinein betrachtet, hätte ich mir mehr Geduld<br />

verordnen und noch vehementer versuchen sollen,<br />

die leute als lernende Elemente zu sehen. Vielleicht<br />

hätten wir dann noch zusätzlich an tiefe<br />

gewonnen“, mutmaßt Schmid.<br />

„das kann man nicht kopieren“<br />

das System habe jetzt die reife erlangt, sich<br />

auch selbst infrage zu stellen und eigenständig an<br />

bestimmten themen weiterzuarbeiten. „das funktioniert<br />

gut. Zwischen Primär- und landesbank ist ein<br />

ge stärktes persönliches Vertrauen entstanden. Es<br />

konnte einiges geklärt werden – das führt zu spürbar<br />

gewordener Verlässlichkeit. Es entstand eine diskussionskultur<br />

mit klaren regeln. Sicherlich gibt es<br />

noch die Skeptiker, die ,Schwerverletzten‘ aus der<br />

Vergangenheit, aber das System als Ganzes ist durch<br />

dieses gegenseitige Vertrauen gestärkt worden.“<br />

Hierbei spiele auch die Sachlichkeit der Strategie<br />

eine große rolle, merkt Schmid an.<br />

Zudem freue er sich – immer wieder –, wenn ihm<br />

„indirektes Feedback“ anderer landesbanken zugetragen<br />

werde, die das Prozessergebnis – im Sinne<br />

von Strategiepapieren – sehen wollen. Wissend,<br />

dass eben nicht diese, sondern die Stärkung jedes<br />

Einzelnen in der Gruppe sowie der Gruppe selbst das<br />

Prozessergebnis und letztlich den Erfolg darstellen,<br />

mache es ihn stolz, dass man das einfach nicht kopieren<br />

könne.<br />

Eine Schlüsselrolle hatte der interne Projektleiter<br />

Herr Wass. Er fasst zusammen: „das Projekt war<br />

spannend, herausfordernd, kräfte- und nervenaufreibend,<br />

aber im Endeffekt sehr erfolgreich. K&N hat<br />

hierzu sehr viel beigetragen, und es war wichtig,<br />

dass Konflikte nicht gemieden wurden. Weit mehr<br />

als die Hälfte der raiffeisenbanken arbeitet daran,<br />

die Strategie umzusetzen. das ist ein großer Erfolg.<br />

Wir müssen unsere Bemühungen aber jetzt weiter<br />

vorantreiben. Ich bin überzeugt, dass dieses Projekt<br />

ein Meilenstein für die raiffeisen-Bankengruppe tirol<br />

war. Es hat sich auch kulturell unglaublich viel<br />

entwickelt.“<br />

Viele – auch tief greifende – Veränderungen werden<br />

auf die Bankenwelt zukommen, davon sind Herr<br />

Schmid und Herr Wass überzeugt. Man werde lernen<br />

müssen, auch mit dem mangelnden Wachstum umzugehen<br />

– eine Widersprüchlichkeit zum Gewohnten,<br />

ein Bruch mit dem bisher Gelebten und Gehabten,<br />

auch für raiffeisen. den großen Konzernbanken werde<br />

das häufig hierarchisch verordnet. „Bei uns muss<br />

diese Haltung aber selbst entwickelt werden.“ dafür<br />

sei man gerüstet.<br />

Heidi Aichinger<br />

Mag. thomas Wass, abteilungsleiter und Projektleiter


32 i königswieser & network Veranstaltungen organisch wachsen und | Highlights journal Best | journal of September 2009 journal September 2009 journal | Veranstaltungen Best of | organisch und Highlights wachsen königswieser & network | 33<br />

organisch wachsen<br />

Wie bei der Société Générale de Surveillance (SGS) statt starrer Strukturen<br />

eine integrierte Netzwerkorganisation entsteht.<br />

„Wer nicht wächst, wird kleiner“, sagt ein jüdisches<br />

Sprichwort und zeitigt multidimensionale Folgen<br />

für all jene, die sich dem anschließen wollen oder<br />

auch nicht. Weil das Wachsen an sich nicht so schwer<br />

zu managen sei, strukturiertes Wachsen nach innen<br />

hingegen sehr wohl, sagt Vincent Furnari. Mit ihm<br />

(Managing director der SGS-Gruppe in deutschland)<br />

und andrea reise (Hr-director ebenda) sprach Heidi<br />

aichinger.<br />

die SGS (Société Générale de Surveillance) mit<br />

Hauptsitz in Genf ist das weltweit führende Unternehmen<br />

auf den Gebieten Prüfen, testen und Zertifizieren<br />

und zählt global mehr als 60 000 Mitarbeiter. In<br />

deutschland ist SGS seit 1920 tätig, hat heute 38<br />

Standorte und 2 800 Mitarbeiter. Wachstum war stets<br />

vorrangige Prämisse, die Frage nach dem Wie wurde<br />

in den letzten <strong>Jahre</strong>n immer lauter. Warum?<br />

Zum einen ist das Wachstum der tIC-Branche (testing,<br />

Inspecting, Certification) durch die gesetzlichen<br />

rahmenbedingungen gegeben. das heißt: Infolge der<br />

Zunahme der regulierung in den Märkten ergeben<br />

sich ganz allgemein neue Geschäftsopportunitäten.<br />

Zum anderen sei die SGS deutschland über die <strong>Jahre</strong><br />

aufgrund des Zukaufs artverwandter Unternehmen<br />

und mithilfe strategischer Partnerschaften gewachsen.<br />

dennoch sei die SGS bis ins Jahr 2003 – auf die<br />

regionen heruntergebrochen und für die Größe des<br />

landes – zu klein aufgestellt gewesen, sagt Vincent<br />

Furnari. Zudem war klar, dass gesundes Wachstum in<br />

der gewünschten Größenordnung (manifestiert in<br />

„the Plan 2014“) nicht mehr nur durch eine aneinanderreihung<br />

von Gesellschaften möglich sein konnte.<br />

deutlich wurde das mit dem Zukauf von Institut<br />

Fresenius 2004, als aus einem rund 1 000 Mitarbeiter<br />

zählenden Unternehmen, das auf den Inspection- respektive<br />

Certification-Bereich ausgerichtet war, ein<br />

2 800 Mann starkes Unternehmen wurde, das nun<br />

auch über einen analytischen Bereich verfügt. Furnari:<br />

„Wir hatten vorher auch schon einzelne labore, aber<br />

die enorme anzahl an Naturwissenschaftlern und Ingenieuren,<br />

die nun in die Mannschaft eingebunden<br />

wurden – das war komplett neu.“<br />

Wie wachsen?<br />

„Wir hatten zwei Problemstellungen“, sagt Furnari,<br />

„nämlich die völlig unterschiedlichen Kulturen zusammenzuführen<br />

und weiteres Wachstum zu generieren.“<br />

Vom geschäftlichen Ursprung, der Prüfung von<br />

Massengütern, habe sich die SGS in hochtechnisierte,<br />

beratungsintensive, zuweilen sehr komplexe Bereiche<br />

weiterentwickelt, sagt andrea reise, Hr-director<br />

der SGS in deutschland. „Es ging auch darum, uns<br />

markt- und kundenorientierter auszurichten, dabei<br />

aber die kreative leistung und entsprechende Synergien<br />

nicht aus den augen zu verlieren, sondern – im<br />

Gegenteil – weiter voranzutreiben.“ In einem team<br />

von Geschäftsleitungskollegen wurde das Konzept für<br />

ein neues organisationsmodell aufgesetzt. das war<br />

im Jahr 2008. Und: Man wollte das Modell selbst in<br />

Umsetzung bringen – ein Unterfangen, das im Sommer<br />

2009 ins Stocken geriet.<br />

Im Herbst desselben <strong>Jahre</strong>s wurde deutlich, „dass<br />

man für eine nachhaltige und im Gleichklang zu erfolgende<br />

Umsetzung einer guten Konzeption bedarf“,<br />

wie reise sagt, und externe Unterstützung brauchte.<br />

Im dezember 2009 fanden erste Gespräche mit K&N<br />

statt.<br />

Charlotte Götz, neben Bernhard Koye K&N-Projektleiterin<br />

für den Prozess bei SGS deutschland, erinnert<br />

sich an die erste Systemdiagnose: „die organisation<br />

war gesund, allerdings waren alle ihre teile<br />

Spezialfälle.“ das Ziel, die Synergien und Kräfte in<br />

ganzheitlichen Prozessen zu kanalisieren, klare<br />

Strukturen zu schaffen, um gemeinsam wachsen zu<br />

können, war naheliegend und richtig. oder, wie<br />

Bernhard Koye sagt: „auf das plötzliche Wachstum<br />

musste eine angemessene Struktur folgen.“ aber:<br />

Wie bringt man Menschen dazu, die eigene Expertise<br />

nicht eifersüchtig zu verteidigen, sondern diese zu<br />

teilen, wenn bisher laut Koye die einzelnen Business-Bereiche<br />

jeweils die richtigen Zahlen abgeliefert<br />

und jeder für sich seine Burg bewirtschaftet<br />

hatte?“<br />

Zunächst über dialogfähigkeit, sagt Furnari. „das<br />

bekommt man nicht über anweisungen hin. das ist etwas,<br />

das erlebt werden muss.“ Es wurden räume etabliert,<br />

in denen austausch stattfinden kann. Eine<br />

Steuergruppe wurde eingerichtet – mit dem Ziel, „alle<br />

auf das gleiche Informationsniveau zu stellen“, so<br />

Furnari rückblickend. daraus wiederum wurden Hebelprojekte<br />

entwickelt, die sich den themenkomplexen<br />

„aufbau“, „ablauf“ und „Kommunikation“ widmeten.<br />

Zu den einzelnen themen wurden wiederum<br />

eigene arbeitsgruppen installiert, in denen letztlich<br />

insgesamt fast 300 Mitarbeiter direkt involviert waren.<br />

„Ein großes Projekt, an dessen Ende Empfehlungen<br />

standen, die wieder in richtung Steuergruppe<br />

und auftraggeber geleitet wurden“, so Furnari.<br />

Im Grunde, sagt Bernhard Koye, gehe es darum,<br />

die Menschen dazu zu befähigen, stichhaltige argumente<br />

zu sammeln und Einzelverantwortungen sinnvoll<br />

zu verzahnen. diese Befähigung verändere den<br />

Blick auf die Befugnisse massiv. Sie weiche Hierarchien<br />

auf und verleihe den rollen der jeweils Beteiligten<br />

mehr Gewicht. das „große Ganze“, der Gesamterfolg<br />

des Unternehmens, könne somit mehr in den Vordergrund<br />

rücken und aus einer starren Struktur ein bewegliches<br />

Netzwerk entstehen lassen.<br />

Die nächste Etappe<br />

Wie geht’s Ihnen jetzt? „Ich empfinde es als Erfolg,<br />

dass wir in unserer arbeit bei SGS deutschland so<br />

weit gekommen sind“, sagt Bernhard Koye. „die<br />

Grundlagen – strukturell, prozessual wie kulturell –<br />

sind geschaffen. Jetzt wird viel davon abhängen, wie<br />

das Projekt zum Programm gemacht wird.“ die notwendige<br />

transparenz und die Verbindlichkeit dieses<br />

integrierten Netzwerks im Unternehmen seien vorhanden.<br />

dieser Kern des neuen organisationsentwicklungsmodells<br />

werde es auch besser ermöglichen,<br />

auf der Zahlenebene zu diskutieren, Vergleichbarkeit<br />

herzustellen, Messgrößen zu erarbeiten, die das Unternehmen<br />

auch strategisch weiter stärken werden,<br />

so Koye sinngemäß. als integrierte Netzwerkorgani-<br />

Vincent Furnari, Managing director der SGS-Gruppe deutschland<br />

sation zu arbeiten – und die Geschäftsopportunitäten,<br />

die kommen würden – mache seiner ansicht nach eine<br />

strukturelle Verdoppelung möglich, ohne die Menschen<br />

im Unternehmen zu „verbrennen“.<br />

die Veränderung, die wir jetzt vollziehen, zeitigt<br />

insbesondere deshalb eine andere akzeptanz und<br />

Nachhaltigkeit, weil wir nichts vom „grünen tisch“<br />

aus vorgeben, beschreibt andrea reise das allgemeine<br />

Klima heute. die Menschen spürten, dass sie einbezogen<br />

werden. das aufeinander-Zugehen und die<br />

in zunehmendem Maß als selbstverständlich verstandene<br />

arbeit in heterogenen teams stimme sie sehr<br />

zuversichtlich. „das macht die SGS auch für ihre Mit-<br />

arbeiter attraktiv“, ergänzt Furnari. Es sei nicht nur<br />

eine Notwendigkeit gewesen, auf diese neue art zusammenzuarbeiten,<br />

um auf dem Markt gut überleben<br />

zu können, um Kunden business-line-übergreifend<br />

bedienen zu können – dieser Prozess berge auch für<br />

jene, die positiv daran mitwirken, die Möglichkeit,<br />

sich weiterzuqualifizieren. abschließend resümiert<br />

Furnari: Ich bin froh, dass unsere organisation sich<br />

zum richtigen Zeitpunkt den für unsere Zukunft entscheidenden<br />

Fragen stellt und wir uns auf den gedanklichen<br />

Pfad der multidimensionalen Vernetzung<br />

begeben haben, denn: „du gewinnst nie allein. Sobald<br />

du etwas anderes glaubst, beginnst du zu verlieren!“<br />

(Mika Häkkinen)


34 i königswieser & network Eine Schuhnummer zu groß | journal Best of<br />

Eine Schuhnummer<br />

zu groß<br />

Unser Führungskräfteentwicklungsprogramm<br />

A: KONTEXT<br />

In eine Führungsrolle hineinzuwachsen ist eine<br />

echte Herausforderung. Führungskräfte sind für Ergebnisse<br />

verantwortlich, sollen Komplexität managen,<br />

Veränderungsprozesse begleiten, dem topmanagement<br />

den rücken freihalten, die Bedürfnisse der<br />

Mitarbeiter verstehen, wertschätzend und charismatisch<br />

sein und mit den eigenen Unsicherheiten und<br />

Widersprüchen souverän umgehen können. Sie müssen<br />

„professionell“ sein, auch wenn ihnen nicht danach<br />

zumute ist.<br />

Sie sind mit Machtspielen, schwindender loyalität<br />

zum Unternehmen und Sinnfragen konfrontiert.<br />

Gerade leitende haben unserer Erfahrung nach mit<br />

dem grundsätzlichen Widerspruch zu kämpfen, dass<br />

sie einerseits ihre Position festigen und ihre Karriere<br />

samt finanziellem aufstieg vorantreiben wollen, sich<br />

aber gleichzeitig nach immateriellen Werten – wie Beziehungen,<br />

Zugehörigkeit, Geben statt Nehmen –<br />

sehnen.<br />

all diesen eigenen Erwartungen und allgemeinen ansprüchen<br />

gerecht zu werden wird heute nicht einfacher,<br />

sondern immer schwieriger, da sich die Paradoxien,<br />

durch die Wirtschaft und Gesellschaft charakterisiert<br />

sind, noch weiter verstärken [vgl. <strong>Königswieser</strong>,<br />

r., Sonuç, E., Gebhardt, J. (Hrsg.), Komplementärberatung:<br />

Das Zusammenspiel von Fach-und Prozess-<br />

Know-how; Klett-Cotta-Verlag, Stuttgart, 2008].<br />

aber gerade deshalb gewinnen leadership-Qualitäten<br />

immer mehr an Bedeutung, weil auch die Verunsicherung<br />

von Mitarbeitern zunimmt, weil Führungskräfte<br />

„gesandwicht“ zwischen der Unternehmensspitze,<br />

die vor allem die Interessen der Finanzwirtschaft<br />

im Blick haben muss und bei der kurzfristige<br />

Erfolge zählen, und der Belegschaft, die an langfristigen<br />

Erfolgen, an arbeitsplatzsicherheit interessiert<br />

ist, vermitteln müssen – sie sollten all das kompensieren,<br />

was fehlt. aus diesem Grund wächst unserer Meinung<br />

nach auch der Stellenwert der angehörigen des<br />

mittleren Managements, weil sie weit weniger häufig<br />

das Unternehmen wechseln als topmanager und somit<br />

mehr Kontinuität garantieren.<br />

Nun gibt es viele verschiedene Führungskräfteentwicklungsprogramme,<br />

um Personen dabei zu unterstützen,<br />

in den jeweiligen Erwartungsraum hineinzuwachsen,<br />

und um die leadershipkompetenz des gesamten<br />

Unternehmens zu erhöhen.<br />

die Ziele sind immer extrem anspruchsvoll. die<br />

Programme sollen wirkungsvoll, intensiv, kostengünstig,<br />

wenig zeitaufwendig und praxisorientiert<br />

sein.<br />

Im lauf der <strong>Jahre</strong> hat sich bei K&N ein spezifisches<br />

Konzept für diese teilweise widersprüchlichen anforderungen<br />

herauskristallisiert. das Programm führt<br />

die teilnehmer unter der devise „In einen Schuh hineinwachsen,<br />

der eine Nummer zu groß ist!“ an Grenzen<br />

und über diese hinaus.<br />

B: ZIELE<br />

Unser zentraler Fokus liegt auf den Metakompetenzen.<br />

Natürlich sollen teilnehmer verstehen, was Führung,<br />

leadership, bedeutet, sie brauchen Werkzeuge<br />

und Modelle. Worum es unserer Meinung nach aber<br />

letztlich geht, ist die arbeit an der eigenen Haltung.<br />

Sich als gesamte Persönlichkeit weiterzuentwickeln<br />

bedarf spezieller Impulse, deren Wirkung tief in die<br />

Wahrnehmung der eigenen Identität, tief in die Sicht<br />

von Welt reichen muss. Musterveränderungen zu bewirken<br />

gelingt nur durch Metareflexion – denken in<br />

relationen, Kontexten, latenzen – in Verbindung mit<br />

starken Gefühlen. Es geht darum, das lernen zu lernen.<br />

Veränderung ereignet sich nicht über kognitive Einsichten.<br />

die brillantesten Vorträge, die überzeugendsten<br />

texte bringen eingefahrene denkmuster nicht ins<br />

Wanken. Nur emotionales Berührtsein, ja aufgewühltsein,<br />

aktiviert – so würden Neurologen argumentie -<br />

ren – tiefer liegende Gehirnzentren, die Botenstoffe<br />

ausschütten, welche wiederum Nervenzellenschaltungen<br />

in Gang setzen.<br />

C: FORMAT/ARCHITEKTUR<br />

● das konkrete Format hängt von der jeweiligen<br />

Zielsetzung ab. Generell aber sieht unser Konzept<br />

drei parallele lerngruppen von acht bis zehn Personen<br />

vor, die getrennt arbeiten, sich aber im Plenum<br />

treffen und so größere Gruppenprozesse erleben<br />

können. Je nach themenschwerpunkten und<br />

ressourcen gibt es zwei bis fünf Module von jeweils<br />

zwei bis drei tagen, und zwar im zeitlichen<br />

abstand von acht bis zehn Wochen.<br />

● optional werden zur Intensivunterstützung der<br />

Entwicklung oft auch Einzelcoachings angeboten.<br />

● Wir empfehlen jedem teilnehmer, auch ein externes<br />

Gruppendynamik-Seminar zu besuchen.<br />

● Im Idealfall gibt es zu Beginn und am Ende einen<br />

roswita <strong>Königswieser</strong> Ulrich <strong>Königswieser</strong><br />

Erfahrungsaustausch mit allen Führungskräften im<br />

rahmen eines Großgruppenevents.<br />

● Zum Format gehört auch das Einrichten einer Konzeptgruppe.<br />

diese erstellt vorab eine Kontextanalyse<br />

des Qualifizierungsprogramms. die teilnehmer<br />

sind Führungskräfte, Hr-Vertreter und sonstige<br />

Know-how-träger. Wir beraten diese Gruppe<br />

inhaltlich als Experten und moderieren den Prozess<br />

der Konzeptgenerierung. das Programm ist<br />

daher maßgeschneidert und selbst verantwortet.<br />

die Konzeptgruppe erweitert während der laufzeit<br />

des Programms ihre Funktion. Sie reflektiert jene<br />

themen, die in den Modulen hochkommen, relevant<br />

sind, aber in diesem Setting nicht bearbeitet<br />

werden können. diese Inhalte werden von der<br />

Gruppe an die verantwortlichen Stellen weitergeleitet.<br />

als weiteres Element des Konzepts ist das leiten<br />

von herausfordernden Projekten, die durch den<br />

strategischen Horizont vorgegeben sein sollten,<br />

ein für die teilnehmer ideales praktisches lernfeld.<br />

die Erfahrungen, Fehler, teilerfolge und Probleme<br />

werden in den Seminaren besprochen, auf<br />

verschiedenen Ebenen ausgewertet, und die daraus<br />

gewonnenen Erkenntnisse werden dann im<br />

laufenden Projekt angewandt.<br />

Weiters finden während der Module Praxisphasen<br />

statt: den Führungskräften werden aufgaben gestellt,<br />

die möglichst eine Schuhnummer zu groß<br />

sind (z. B. Gespräche mit schwierigen Mitarbeitern<br />

zu führen). die sich dabei ergebenden Beobachtungen,<br />

Erfahrungen und Fragen werden dann wiederum<br />

ins nächste Modul eingebracht.<br />

die trainer sind immer auch komplementäre Berater,<br />

die ihr Know-how bezüglich organisationsdynamik,<br />

Wirtschaft und Gesellschaft zur Verfügung<br />

stellen können.<br />

● Fixe designelemente sind Fallbearbeitung, Projektreviews<br />

und Gruppenentscheidungen.<br />

reflexion, Feedback und die arbeit an der eigenen<br />

Haltung ziehen sich sozusagen als roter Faden<br />

durch das Programm.<br />

Natürlich wird auch konkretes „Handwerkzeug“ angeboten,<br />

„tools“, die man mitnehmen kann. dazu gehören<br />

zum Beispiel Fragetechniken, Projektstrukturpläne,<br />

Konfliktmoderation oder die Methode zur durchführung<br />

einer Projektumfeldanalyse.<br />

Es gilt, anhand verschiedener designs und Settings<br />

herauszufinden, was in der Vergangenheit wichtig<br />

war, was jetzt wichtig ist und wo die Sehnsüchte liegen.<br />

Was wirklich wichtig ist, begeistert. Begeisterung<br />

setzt Energien frei, die einen über sich hinauswachsen<br />

lassen, die oft scheinbar Unmögliches möglich<br />

machen.<br />

D: LERNPRINZIPIEN<br />

● Immer wieder gibt es reflexionsschleifen, die sowohl<br />

Selbst- als auch Fremdbeobachtung nutzen,<br />

um eigene anteile und Muster erkennen zu lernen,<br />

die also dazu beitragen, die Selbsteinschätzung<br />

mithilfe der Fremdeinschätzung zu schärfen.<br />

● Ein unverzichtbares Element ist dabei Feedback in<br />

allen Varianten: Feedback bezüglich der eigenen<br />

Wirkung – jeweils unter vier augen; Feedback hinsichtlich<br />

der latenzen in den Beziehungsdynamiken;<br />

Feedback, das design, die Fallarbeit etc. betreffend.<br />

aufgrund der differenzierten Perspektivenvielfalt und<br />

der Energie in Gruppen werden Blockaden gelöst und<br />

Gefühlsqualitäten mobilisiert, die zuvor häufig „weggepackt“<br />

waren. auf diese Weise wird offenheit für<br />

neue Sichtweisen, für eine andere Haltung ermöglicht.<br />

Führungskräfte sollten nicht „funktionieren“ wie<br />

Maschinen, sondern mitdenken, Gestaltungsräume<br />

nutzen, aus Fehlern lernen, den Mut haben, gemeinsam<br />

mit anderen neue Problemlösungswege zu su-<br />

chen und die oft lediglich selbst definierten Begrenzungen<br />

zu überwinden. die eigenen Potenziale – aber<br />

auch blinde Flecken – zu entdecken kann eine sehr<br />

spannende Entwicklungsreise sein.<br />

Eine wesentliche rolle spielen hierbei die Eigenschaften<br />

und Fähigkeiten von Gruppen: Sie sind nicht nur<br />

Hyperexperten bezüglich Komplexitätsmanagement<br />

(vgl. H. W. ahlemeyer/r. <strong>Königswieser</strong>: Komplexität<br />

managen), was sich bei der Bearbeitung von Praxisfällen<br />

der teilnehmer auswirkt, sondern vielmehr<br />

auch ein Spiegelungsfeld für das Erleben der eigenen<br />

Beziehungsgestaltung, Vorurteile, Stärken und<br />

Schwächen. In der Gruppe lernt man die Bedürfnisse<br />

des Einzelnen und jene der Gemeinschaft auszubalancieren.<br />

anhand der gemeinsamen arbeit – abwechseln in intimen<br />

Kleingruppen, in mittelgroßen und in Großgruppen<br />

– sind multioptionale lernsituationen gegeben.<br />

E: ANSATZ<br />

Wir haben auf systemischer Basis den Komplementäransatz<br />

entwickelt, der unseren Programmen zugrunde<br />

liegt. daraus ergeben sich bestimmte lernprinzipien.<br />

Einige der wichtigsten wollen wir hier benennen.<br />

● Wertschätzung: ohne ein grundsätzlich wertschätzendes<br />

Klima, ohne echtes Interesse am anderen,<br />

ohne auseinandersetzung, die den anderen ernst<br />

nimmt, ist Entwicklung unserer Erfahrung nach nur<br />

schwer möglich. Wertschätzung und Vertrauen<br />

setzen Energie frei.<br />

● Feedback-Prozesse: Feedback ist ein Herzstück<br />

des ansatzes. Wir bezeichnen es auch als soziales<br />

Geschenk, denn selbst wenn die rückmeldung<br />

nicht positiv ist, bringt sie starke Impulse.<br />

● Einbettung in den jeweiligen Kontext: Wir achten<br />

auf die dem strategischen, strukturellen und kulturellen<br />

Kontext des Unternehmens entsprechende<br />

Einbettung der Führungskräfteentwicklungsprogramme.<br />

● Erfahrungslernen: Starke Gefühle wie Begeisterung,<br />

innige Zuneigung, Unsicherheit oder angst<br />

bewirken eine Verschiebung des inneren Gleichgewichts<br />

und rufen die Fähigkeit, sich für Neues zu<br />

öffnen und einzementierte Haltungen aufzugeben,<br />

hervor. denken und Fühlen sind engstens miteinander<br />

verwoben. Menschen müssen etwas erleben<br />

oder erfahren, was unter die Haut geht, was sie im<br />

Innersten anrührt, um daraus lernen zu können.<br />

● Integration als Prinzip: Wir versuchen auch, nicht<br />

nur die Verzahnung von harten Fakten und weichen<br />

Faktoren (komplementärer ansatz) zu verstärken,<br />

sondern auch das lernen der Personen<br />

journal Best of | Eine Schuhnummer zu groß königswieser & network | 35<br />

bzw. rollenträger mit dem lernen der organisation<br />

zu verbinden.<br />

daher werden alle relevanten themen, die über<br />

den Qualifikationsauftrag hinausgehen, über die<br />

Konzeptgruppe an die relevanten Stellen weitergeleitet.<br />

dieses Vorgehen setzt Impulse für die<br />

Entwicklung der ganzen organisation.<br />

Eine weitere dimension der Integration des ansatzes<br />

ist die enge Koppelung zwischen theorie, Erleben<br />

und Praxis.<br />

Es hat sich gezeigt, dass Erkenntnisse dann am nachhaltigsten<br />

in das Verhalten übernommen werden können,<br />

wenn nicht theorievermittlung der Schwerpunkt<br />

ist, sondern wenn theoretische Modelle erst nach dem<br />

emotionalen Erleben einer bestimmten Situation die<br />

Zusammenhänge und Ursachen verdeutlichen und die<br />

Einordnung in das eigene Weltbild ermöglichen.<br />

daher werden in unseren Programmen z. B. Gruppenentscheidungen<br />

getroffen, im anschluss analysiert<br />

und erst danach werden Konzepte hinsichtlich Entscheidungen,<br />

leistungsteams, Konflikten etc. erstellt.<br />

dasselbe gilt auch für das Führen schwieriger Gespräche,<br />

in denen es etwa um Kritik oder die Überbringung<br />

schlechter Nachrichten geht. Nach dem meist<br />

mit großer Betroffenheit verbundenem Erleben<br />

kommt die theoretische Erläuterung, welche Mechanismen<br />

und dynamiken am Werk sind und wie man<br />

sich verhalten sollte.<br />

Ein wichtiger Schwerpunkt der arbeit sind aktuelle<br />

Fallbearbeitungen. die art der aufarbeitung – das methodische<br />

Vorgehen – zeigt nicht nur neue Perspektiven<br />

auf, sondern verdeutlicht auch, warum inhaltliche,<br />

strukturelle und emotionale dimensionen ganzheitlich<br />

betrachtet werden müssen, will man gute lösungsansätze<br />

finden. Fallarbeit ist auch deshalb ein<br />

so wertvolles Element, weil man aus den Erfahrungen<br />

der Kollegen lernt, Fragetechnik und ganzheitliches<br />

analysieren übt. Beim abschließenden „sharing“ wird<br />

die Brücke zur eigenen Situationen geschlagen, werden<br />

Erkenntnisse auf den eigenen Kontext übertragen.<br />

die reflexion darüber verweist wiederum auf die<br />

eigenen Stärken, Schwächen, Werthaltungen etc.<br />

all diese Entwicklungsdimensionen helfen, in die herausfordernde<br />

rolle hineinzuwachsen, an ihr als<br />

Mensch zu wachsen, sich den unterschiedlichen anforderungen<br />

flexibel zu stellen und das als lebenslänglichen<br />

spannenden Prozess zu sehen. ohne Konfrontation<br />

mit den eigenen Ängsten und Unsicherheiten<br />

ist Entwicklung nicht möglich. die kollektive Intelligenz<br />

und Emotionalität hilft dabei.<br />

Roswita <strong>Königswieser</strong>/Ulrich <strong>Königswieser</strong>


36 i königswieser & network Glossar | journal Best of<br />

GloSSar<br />

Zentrale Begriffe aus der<br />

Komplementärberatung<br />

• HaltUNG<br />

die komplementäre Systemdiagnose ist eine Weiterentwicklung<br />

der klassischen Systemdiagnose, die<br />

vornehmlich als Frageinstrument eingesetzt wird, um<br />

das Charakterbild einer organisation zu erstellen.<br />

Jede organisation hat ja ihre Merkmale, ihre ureigensten<br />

Werte, die historisch und produktdialektisch<br />

bedingt sind. die komplementäre Systemdiagnose<br />

dient dazu, die Potenziale bzw. defizite einer organisation<br />

auf der manifesten und der latenten Ebene zu<br />

ermitteln.<br />

Gruppen- und Einzelinterviews dienen dazu, antworten<br />

auf folgende Fragen zu erhalten:<br />

• Ist die Unternehmensstrategie in der organisation<br />

bekannt? Wird sie gelebt?<br />

• Welche Haltung herrscht gegenüber anstehenden<br />

Veränderungen?<br />

• Welche Werte und Normen bestimmen die Zusammenarbeit<br />

innerhalb der organisation?<br />

• Welche Beziehungs-, denk- und Kommunika tions<br />

muster gibt es in der organisation?<br />

die komplementäre Systemdiagnose integriert<br />

harte Fakten und weiche Faktoren. Es wird also nicht<br />

nur das Charakterbild der organiation erhoben, sondern<br />

dieses wird auch in den Kontext der geplanten<br />

sachlich-inhaltlichen Veränderungsthematik gesetzt.<br />

dazu ist es notwendig, den fachlichen Gegenstand<br />

der Veränderung näher zu beleuchten. So sind beispielsweise<br />

im Falle einer geplanten reorganisation<br />

der aufbau, die Stärken und Schwächen entlang der<br />

Prozesse, aber auch der strategische rahmen und die<br />

Performance der organisation zu untersuchen.<br />

In der Zwischen- und Endauswertung werden die<br />

weichen Faktoren und harten Fakten zueinander in<br />

relation gesetzt, das lässt rückschlüsse auf deren<br />

Wechselwirkungen im Gesamtkontext zu.<br />

als Methaper hierzu könnte man den Hausbau heranziehen:<br />

In der Phase der Grundstücksauswahl ist<br />

zunächst die lage von Bedeutung – an einem Hang, in<br />

• KoMPENSatIoN<br />

• oSZIllIErEN<br />

• ProZESS<br />

der Ebene, bei einem Fluss, neben bereits existierenden<br />

Häusern etc. aber ebenso wichtig ist es zu wissen,<br />

wie der Untergrund auf dem betrachteten Grundstück<br />

aussieht: Gibt es Geröll, Felsen, Grundwasser?<br />

die Geologie spielt ebenfalls eine wichtige rolle, will<br />

man wissen, wie man das Fundament zu bauen hat,<br />

welche Geräte man braucht, um unter aufbringung<br />

möglichst geringer Kosten die größtmögliche Stabilität<br />

des Hauses gewährleisten zu können.<br />

oder ein anderer Vergleich: Wie bei einem umfassenden<br />

Gesundheitscheck werden hier neben den<br />

psychologischen dimensionen (Einstellung, Haltung,<br />

denkmuster, Gefühle und Kommunikations- bzw. Beziehungsdynamiken)<br />

auch somatische daten (Blutbild,<br />

genetische Faktoren, Knochensubstanz usw.) erhoben<br />

und in einen komplementären Zusammenhang<br />

gebracht. auf organisationen übertragen bedeutet<br />

das die Integration von betriebswirtschaftlichen, kulturellen,<br />

strategischen und strukturellen Fragen und<br />

Erhebungsformen.<br />

Wesentlich ist dabei, dass die Informationen nicht<br />

nacheinander – sequenziell – erhoben werden, sondern<br />

in einem komplementär zusammengesetzten<br />

Beratertandem oder -team. die im Zeitraum der Informationssammlung<br />

stattfindende gemeinsame re -<br />

flexion und Hypothesenbildung im Beraterteam ermöglicht<br />

es, dort eine „tiefenbohrung“ anzusetzen,<br />

wo im Prozess der Eindruck entsteht, dass man hier<br />

besonders fündig werden könnte bzw. dass kompensatorisches<br />

Wissen eingebracht werden müsste.<br />

typische Fragen der komplementären Systemdiagnose<br />

sind z. B.:<br />

Wie sieht die Eigentümer-Kapitalsituation aus?<br />

Wie wirkt sie sich worauf aus?<br />

Welche Produkte werden auf welchen Märkten verkauft?<br />

Warum? Wer entscheidet das? Wie sehen die<br />

• SYStEMdIaGNoSE<br />

KoMPlEMENtÄrE<br />

a B C d E F G H I J K l M N o P Q r S t U V W X Y Z<br />

• WISSENSVErMIttlUNG<br />

deckungsbeiträge aus? Wo verliert man Geld? Wie<br />

kommt es dazu? Wie wird damit umgegangen? Ist das<br />

Problem typisch oder nicht?<br />

Wie sehen die Kernprozesse aus? Gibt es klare Verantwortlichkeiten?<br />

Worin liegen die Stärken und<br />

Schwächen der organisation? Worin bestehen die<br />

wichtigsten Chancen bzw. risiken im Markt?<br />

Welches Bild, welche Metapher charakterisiert<br />

das Unternehmen?<br />

Bei den Fragen und auswertungen steht immer die<br />

Verzahnung der harten und weichen themen im Fokus.<br />

Je nach anfrage und diagnoseschwerpunkt wird<br />

die auswahl der Einzel- und Gruppeninterviews bzw.<br />

der analysen der Zahlen, daten und Fakten, die Breite<br />

und tiefe der Erhebung und der auswertung gestaltet.<br />

der Mehrwert einer komplementären Systemdiagnose<br />

besteht im Erfassen des Zusammenhangs zwischen<br />

harten, manifesten dimensionen und weichen,<br />

latenten, verdeckt wirkenden Faktoren. Gemeinsam<br />

sind sie ergebnisrelevant. Somit können ansatzpunkte<br />

für rasche und gleichzeitig nachhaltige Veränderungen<br />

aufgezeigt werden. dieses Instrument setzt<br />

als machtvolle Intervention Systeme in Bewegung,<br />

fördert Ideen zutage und stellt die Basis für Veränderungsprozesse<br />

unter Beteiligung der Betroffenen dar.<br />

Es kann als diagnose, Frühwarnsystem, Innovationsmotor<br />

und als Energiefreisetzer dienen.<br />

So wie beim Umbau oder Neubau eines Hauses das<br />

Wissen um topographie, Geologie, Budget sowie um<br />

aktuelle und künftige Bedürfnisse Voraussetzung für<br />

eine gute Planung ist, so umfasst auch die komple -<br />

m entäre Systemdiagnose quasi mit „interdisziplinären<br />

augen“ die Situation eines Unternehmens und generiert<br />

in der Folge fundierte ansätze für Interventionen.<br />

Ulrich <strong>Königswieser</strong><br />

Eine Fortsetzung finden Sie im nächsten journal.

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