10 Jahre K&N - Königswieser & Network
10 Jahre K&N - Königswieser & Network
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königswieser & network<br />
Komplementäre Beratung und systemische Entwicklung I www.koenigswieser.net I Best of I November 2011<br />
<strong>10</strong> <strong>Jahre</strong> K&N
3<br />
4–5<br />
6–7<br />
8–9<br />
<strong>10</strong>–11<br />
12–13<br />
14–15<br />
16–17<br />
18–19<br />
20–21<br />
22–23<br />
24<br />
25<br />
26–27<br />
28–29<br />
30–31<br />
32–33<br />
34–35<br />
36<br />
Inhalt<br />
EdItorIal<br />
Was war ein Highlight der <strong>10</strong> <strong>Jahre</strong>?<br />
die Gesellschafter erinnern sich …<br />
dIE PraXIS MaCHt UNS MUt<br />
Erfahrungsberichte von unserer arbeit<br />
MIt FIat<br />
MIt MIGroS<br />
… MaN Nutzfahrzeuge aG<br />
Vom dialogprojekt zum Veränderungsprozess<br />
… aol<br />
Vom Modernisierungsverlierer zum asset<br />
… bei der dEUtSCHEN BaHN aG<br />
Schienen legen, Weichen stellen …<br />
… bei der KaSSElEr SParKaSSE<br />
die „Jungen Wilden“ in der „Zukunftswerkstatt“<br />
Wild sein – dürfen wir das?<br />
der Veränderungsprozess bei Boehringer Ingelheim<br />
Fragen kennen keine Grenzen<br />
FloW – ein Völker verbindendes Kulturprojekt<br />
die Preisträger des K&N-awards<br />
Sozial integrierte Quartiersentwicklung<br />
anonyme Insolvenzler<br />
Wie Phönix aus der asche …<br />
der turn-around bei einem<br />
großen deutschen Pharma-Unternehmen<br />
Global statt lokal<br />
die Krise als Beschleuniger nachhaltiger<br />
Veränderungen bei der roto Frank aG<br />
ohne Wurzeln kein Wachstum<br />
der lange Weg aus der kollektiven Identitätskrise der San<br />
Gescheiter scheitern<br />
Wir haben diesem tabuthema<br />
ein Forschungsprojekt gewidmet<br />
Jeder für sich und alle gemeinsam<br />
raiffeisen braucht den Widerspruch<br />
organisch wachsen<br />
Wie bei der SGS statt starrer Strukturen<br />
eine integrierte Netzwerkorganisation entsteht<br />
Eine Schuhnummer zu groß<br />
Unser Führungskräfteentwicklungsprogramm<br />
GloSSar: Wachsen<br />
Verantwortung<br />
Wandel<br />
IMPrESSUM<br />
HEraUSGEBEr: <strong>Königswieser</strong> & <strong>Network</strong> GmbH, Marokkanergasse 22/7a, <strong>10</strong>30 Wien, tel. ++43-1-368 46 91, info@koenigswieser.net; rEdaKtIoN: roswita <strong>Königswieser</strong>, Nora Stuhlpfarrer, Heidi aichinger;<br />
FotoS & IllUStratIoNEN: Fiat, Fotolia, Stephan lindner, MaN Nutzfahrzeuge aG, Migros, Stefanos Notopoulos, Österreich Werbung/Mallaun, raiffeisen, roto Frank aG, SGS, !Khwattu Pty (ltd);<br />
GraFISCHES KoNZEPt & GEStaltUNG: Grafikatelier Mag. Stephan lindner, www.grafikatelier.at; lEKtorat: Nora Stuhlpfarrer<br />
Nachhaltigkei t<br />
Lösungen<br />
Mitarbeite r<br />
Begeisterung<br />
Intervention<br />
Haltung Veränderung<br />
Zukunft<br />
Gestalte r<br />
Entwicklung<br />
Rolle<br />
Qualität<br />
Quick wins<br />
!<br />
<strong>Königswieser</strong> & <strong>Network</strong> gibt es nun seit zehn <strong>Jahre</strong>n.<br />
Wenn ich (roswita <strong>Königswieser</strong>) mich an den<br />
anfang erinnere – die Entscheidung zur Gründung<br />
fand Ende 2001, der entsprechende Notariatsakt anfang<br />
2002 statt –, dann kann ich mit Freude resümieren,<br />
dass die meisten damaligen Bilder und Vorstellungen<br />
Wirklichkeit geworden sind. Es ist übrigens<br />
sicherlich kein Zufall, dass sich sowohl im Kreis der<br />
Gesellschafter wie auch der Projektleiter und unserer<br />
Netzwerkpartner viele ehemalige Kunden befinden.<br />
Wir hatten eine sehr anspruchsvolle Vision: nämlich<br />
auf Basis des systemischen ansatzes die harte<br />
Welt der Zahlen in ein Modell zu integrieren, vor der<br />
Quadratur des Kreises nicht zurückzuschrecken, Unmögliches<br />
zu versuchen. der ansatz ist – mit Hilfe von<br />
Kunden und wissenschaftlichen Begleitern – im Kern<br />
entwickelt und veröffentlicht. Und er hat auch einen<br />
Namen: Komplementärberatung<br />
Weiters sind wir mit der Idee angetreten, nicht nur<br />
Projekte „runterzuradeln“ und gut zu verdienen (das<br />
ist natürlich schön), sondern vorauszudenken, was<br />
Unternehmen in Zukunft brauchen könnten – Bedürfnisse<br />
und anforderungen, die sie vielleicht selbst<br />
noch gar nicht formulieren können. [In den Projektberichten<br />
sollte das erkennbar sein.] dieser Innovationsgeist<br />
ist nach wie vor sehr lebendig.<br />
Wir wollten eine Brücke zwischen Forschung und<br />
Praxis bauen. das Feedback, das wir erhalten, ermutigt<br />
uns dabei. [S. 28/29]<br />
das wirtschaftlich-gesellschaftliche Umfeld, in<br />
dem wir unsere arbeit leisten, war vor zehn <strong>Jahre</strong>n<br />
schon sehr dynamisch und anspruchsvoll. das thema<br />
Shareholder-Value z. B. war schon damals viel diskutiert.<br />
die dynamiken haben sich aber vervielfacht.<br />
Komplexität, Geschwindigkeit, Widersprüche, internationale<br />
Verflechtungen ergeben eine sehr anspruchsvolle<br />
Gemengelage. Müssen wir uns auf einen<br />
dauerhaften Krisenzustand einstellen? damit<br />
leben, dass niemand sagen kann, wie lösungen aussehen<br />
könnten?<br />
Wir halten – trotz aller Probleme – an dem anspruch<br />
fest, an der Schnittstelle von Wirtschaft und<br />
Gesellschaft mit positiver Energie und unserem<br />
Know-how daran mitzuwirken, Neues zu gestalten.<br />
[als Beispiele hierfür haben wir die Projekte unserer<br />
award-Gewinner – S. 22/23 – angeführt.]<br />
journal Best of | Editorial königswieser & network | 3<br />
EdItorIal<br />
<strong>10</strong> <strong>Jahre</strong> K&N<br />
Nicht nur unsere Kunden, auch wir sind ständig<br />
damit konfrontiert, mit noch mehr Widersprüchen,<br />
noch mehr Unsicherheit umgehen zu müssen. aber<br />
gerade das spornt uns an, gibt unserer arbeit tieferen<br />
Sinn. So denkt unser gesamtes, in mehreren europäischen<br />
ländern beheimatetes Netzwerk. ohne dessen<br />
Qualität in der art, Beziehungen zu gestalten, Knowhow<br />
zu pflegen, zu entwickeln und zu vermitteln, wären<br />
wir als K&N nicht das, was wir sind. die gemeinsame<br />
ausbildung in Komplementärberatung, die<br />
anspruchsvollen reflexionen, das lernen aus Fehlern<br />
in diesem interdisziplinären Kollektiv, all das hilft<br />
uns, die Qualität und das Vertrauensniveau zu halten,<br />
komplexe, anspruchsvollste Changeprojekte und<br />
Führungskräfteentwicklungen [S. 34/35] zu begleiten.<br />
Natürlich ist in diesen zehn <strong>Jahre</strong>n nicht alles nur<br />
glatt, ist es nicht immer nur bergauf gegangen. Wir<br />
haben uns z. B. in der Zusammenarbeit mit großen,<br />
internationalen Beratungsfirmen auf Experimente<br />
eingelassen, die scheiterten, weil unsere Wertvorstellungen<br />
nicht zusammenpassten. Wir hatten Konflikte,<br />
und es ergaben sich einige Veränderungen im<br />
Gesellschafterkreis, die wir uns zuvor nicht hätten<br />
vorstellen können. aber unsere Basis ist stabil, unser<br />
Geschäftsmodell trotz Krise robust, die Kernwerte<br />
passen zu einem in langfristigkeit denkenden Unternehmen,<br />
in dem die Familie eine rolle spielt.<br />
Jetzt richten wir den Blick schon wieder in die<br />
Zukunft. Weitere Internationalisierungsschübe stehen<br />
drängend vor der tür, der Generationswechsel<br />
steht an. roswita <strong>Königswieser</strong> verändert kontinuierlich<br />
und in Zusammenwirkung mit allen anderen ihre<br />
rolle.<br />
Neue Gesellschafter tragen die Wertebasis mit,<br />
bringen aber zusätzlich Neues herein. der zehnte Geburtstag<br />
ist daher kein Einschnitt, sondern anlass zu<br />
dankbarer, freudiger Erinnerung an die Gründung, an<br />
unseren bisherigen Weg in einem wilden Strom von<br />
Projekten, Beziehungen, Ideen, Experimenten, Hürden,<br />
an eine Geschichte von geteilter leidenschaft –<br />
mit allen Konsequenzen.<br />
Wenn wir das tor in die Zukunft öffnen, sehen wir<br />
das Feuerwerk des Jubiläums und sehen den Fluss<br />
fließen, wenngleich er ein anderer sein wird, als der,<br />
den wir schon kennen. Es macht Freude und ver-<br />
schafft Befriedigung, seine Energie für eine Weiterentwicklung<br />
unserer arbeit, aber auch für persönliche<br />
Entwicklungsschritte zu nutzen.<br />
Wir danken an dieser Stelle allen unseren Kunden,<br />
die uns Vertrauen geschenkt haben, allen Wegbegleitern<br />
und Mitgestaltern von K&N, die uns unterstützt<br />
haben.<br />
Mit dieser Jubiläumsausgabe möchten wir feiern<br />
und signifikante Projekte und aktivitäten in Erinnerung<br />
rufen. das Kriterium der auswahl war denkbar<br />
einfach: diese Beiträge haben die stärkste resonanz<br />
ausgelöst und sind besonders gut geeignet, unsere<br />
Identität zu verdeutlichen.<br />
Wir hoffen, dass diese rückschau auf <strong>10</strong> <strong>Jahre</strong> Wirken<br />
von K&N – im Gegensatz zur derzeit herrschenden<br />
Verunsicherung und Skepsis – nicht nur uns positive<br />
Zukunftsperspektiven eröffnet.
4 i königswieser & network Highlights der <strong>10</strong> <strong>Jahre</strong> | journal Best of<br />
„Das Atmen des Netzwerks“<br />
Ein Netzwerktreffen: Zusammenkommen, Heimat tanken,<br />
Erfahrungen über schwierige Projekte austauschen,<br />
die gesellschaftlichen Umfeldeinflüsse reflektieren,<br />
aus Fehlern lernen, aus Widersprüchen Neues<br />
entwickeln. Initiativen starten, Stolz empfinden, weil<br />
man dazu gehört, das atmen des Netzwerks und dessen<br />
kollektiven Herzschlag spüren. die gemeinsamen<br />
Werte bestätigt sehen, arbeit gestalten, mit Spaß verbinden.<br />
den Sinn der arbeit mit Kunden und die eigene<br />
Vision bestätigt fühlen.<br />
Roswita <strong>Königswieser</strong><br />
„Integriertes Kraftpaket“<br />
Bei Highlight denke ich sofort an die intensive arbeit<br />
in den Gruppen „angewandte Forschung“. Für die<br />
Großprojekte (mit <strong>10</strong> bis 15 Staffmitgliedern) hatten<br />
wir für die reflexionsarbeit teilweise Wissenschaftler,<br />
teils externe Experten (z. B. Gerhard Jochum) eingeladen,<br />
die mit uns Beratern auf drei Ebenen arbeiteten:<br />
Interventionsplanung für das Projekt, Entwicklung<br />
von neuen Konzepten, Modellen und tools und letztlich<br />
implizierte arbeit auf der Ebene unserer Identität.<br />
Es waren Stunden besonderer Kraft, voll Begeisterung,<br />
Kreativität und Innovation. Ich erlebte eine konkurrenzfreie<br />
Zusammenarbeit, einen Flow, ein Getragensein<br />
in der kollektiven Intelligenz und Nähe. Im<br />
rahmen dieses Formats ist ja auch der komplementäre<br />
integrative ansatz entstanden – bzw. entwickeln<br />
wir ihn noch weiter.<br />
Ulrich <strong>Königswieser</strong><br />
„Wiener Walzer“<br />
Mein Highlight sind die „magic moments“ mit unseren<br />
Kunden: Ich denke dabei z.B. an den Projektabschluss<br />
bei Boehringer, wo im rahmen der reflexion über die<br />
drei <strong>Jahre</strong> alle Mitglieder des Beraterstaffs und des internen<br />
Staffs gemeinsam Wiener Walzer tanzen<br />
sollten. Erst war das Zusammenspiel unbeholfen, man<br />
stieg einander auf die Füße, stürzte sogar. aber dann<br />
lernte man gemeinsam, die Bewegungen wurden koordinierter.<br />
Schließlich gelang ein wunderbarer tanz<br />
im dreivierteltakt.<br />
die Mischung aus rationalen Erkenntnissen und<br />
emotionalen Bezügen – aufgelöst in einer analogen<br />
Intervention, die schließlich dazu führte, dass ursprünglich<br />
kognitive techniker diesen tanz begeistert<br />
mitmachten –, das war ein wunderschöner augenblick<br />
für unsere arbeit, für die art der Beziehung<br />
zu unseren Kunden.<br />
Lars Burmeister<br />
„Bestanden“<br />
Unser erstes Beiratstreffen fand im eleganten Schlosshotel<br />
Schwarzenberg in Wien statt. Wir hatten uns bei<br />
der Gründung bereits überlegt, dass wir unsere strategischen<br />
themen mit einem Beirat diskutieren wollten,<br />
um selbst eine außenperspektive zu bekommen.<br />
Wir hatten uns intensiv auf die Sitzung vorbereitet,<br />
Zahlen, daten und Fakten aufbereitet und alles noch<br />
in eine gute Form gegossen. Meine Gesellschafterkollegen<br />
und ich waren stolz auf den Erfolg des letzten<br />
<strong>Jahre</strong>s. aber würden Gabriele Fischer, Herbert demel<br />
und Gerhard Jochum diese Meinung teilen? „Warum<br />
tun wir uns das an?“, zweifelten wir kurz.<br />
Vier Stunden später waren wir aber hoch zufrieden.<br />
der Beirat hatte interessiert freundliche, aber<br />
kritische Fragen gestellt. das Feedback war gut. dieser<br />
erste termin führte dann dazu, dass wir diese art<br />
der reflexionsarbeit mit unserem Beirat in institutionalisierter<br />
Form weiterhin durchführen. diese treffen<br />
sind immer wieder ein wichtiger Entwicklungsimpuls<br />
für unsere arbeit.<br />
Martin Hillebrand<br />
journal Best of | Highlights der <strong>10</strong> <strong>Jahre</strong> königswieser & network | 5<br />
Was war ein Highl ight der <strong>10</strong> <strong>Jahre</strong>?<br />
die Gesellschafter erinnern sich …<br />
„Auf Gold gestoßen“<br />
In einem großen Changeprojekt ging es um die Neugestaltung<br />
der aufbauorganisation in einem Konzern.<br />
Es ging um die abgrenzungen der neuen Einheiten.<br />
als Entscheidungshilfe wurden von uns verschiedene<br />
betriebswirtschaftliche Kriterien – wie Kosten, Qualität,<br />
Zeitaufwand – in einem speziellen raster zur Verfügung<br />
gestellt. Zusätzlich wurden die Szenarien anhand<br />
von Kriterien wie Grad der Veränderung,<br />
anforderung an die Führung, an die Kommunikation<br />
sowie an die übergreifende Zusammenarbeit bewertet.<br />
In unserer Systemdiagnose wurden alle diese<br />
Punkte als kritisch gesehen.<br />
Was mich in dieser Situation begeisterte, war die<br />
tatsache, dass diese Verknüpfung der Entscheidungskriterien<br />
die Qualität der diskussion im Hinblick auf<br />
eine nachhaltig erfolgreiche Umsetzung der neuen<br />
Struktur deutlich erhöhte. Mit Hilfe des integrierten<br />
Konzepts gelang es, eine lösung zu finden die nicht<br />
nur betriebswirtschaftlich optimal war, sondern darüber<br />
hinaus auch akzeptiert wurde, weil sie zur Kultur<br />
passte. diese art der operativen Verknüpfung war<br />
neu. Sie bestätigte den Mehrwert für den Kunden –<br />
was wieder ein Stück Weiterentwicklung für unseren<br />
komplementären ansatz bedeutet.<br />
Erik Lang, Gesellschafter bis 31. 12. 2011<br />
Netzwerkpartner ab 1. 1. 2012<br />
„Schöne Einladung“<br />
Zehn <strong>Jahre</strong> <strong>Königswieser</strong> & <strong>Network</strong>, das ist aus meiner<br />
Sicht eine phantastische Erfolgsgeschichte! Veröffentlichungen,<br />
gerade auch zu Innovationen wie der<br />
Komplementärberatung, haben neue Impulse in die<br />
Beratungswelt gesetzt. Komplexe Veränderungsprojekte,<br />
an denen auch ich mitwirken konnte, etwa Sanofi<br />
oder die Mercedes Bank, zeigen, wie sich das in<br />
die Praxis umsetzen lässt. Und die nachhaltige Befassung<br />
und kritische reflexion – wie es nun im neuen<br />
Buchprojekt erfolgt –, das sind echte Markenzeichen<br />
eines exzellenten Beratungshauses. Genau wie das<br />
hervorragende Netzwerk von Kolleginnen und Kollegen.<br />
Ich freue mich und bin stolz, ab 2012 zum Gesellschafterkreis<br />
zu gehören! Mein Highlight ist also die<br />
Einladung, in und an diesem Unternehmen als Gesellschafterin<br />
mitzuarbeiten und mitzugestalten.<br />
Marion Keil, Netzwerkpartnerin bis 31. 12. 2011<br />
Gesellschafterin ab 1. 1. 2012
6 i königswieser & network Fiat | journal Best of<br />
dIE PraXIS<br />
MaCHt UNS<br />
MUt<br />
Bereits kurz nach Gründung unserer Firma sind wir<br />
mit einem Projekt enormen ausmaßes konfrontiert:<br />
Wir sollen Herbert demel bei der Neuausrichtung des<br />
angeschlagenen automobil-riesen Fiat unterstützen.<br />
2002 tritt demel, der zuvor die Höherpositionierung<br />
der Marke audi bei VW erfolgreich gesteuert hat, den<br />
Posten des CEo bei der Fiat-auto-Gruppe (die Fiat, lancia<br />
und alfa romeo umfasst) an. Er soll nun Fiat auto<br />
sanieren. Nach zwei Jahrzehnten krisenhafter Entwicklung,<br />
verwoben in die gesamte Wirtschaft und Politik<br />
Italiens, ist der Konzern massiv überschuldet und<br />
kämpft ums Überleben. Mit dem legendären Konzernboss<br />
Gianni agnelli wurde 2002 auch der Mythos von<br />
der unangreifbaren italie nischen Industrieikone Fiat zu<br />
Grabe getragen. das wahre ausmaß der defizite und<br />
Strukturprobleme war lange von agnellis Charisma und<br />
ErFaHrUNGSBErICHtE<br />
aUS UNSErEr arBEIt<br />
vom Glanz seiner Beziehungen überstrahlt gewesen –<br />
man konnte also mit halben Wahrheiten jonglieren<br />
(Kosten, absatzzahlen, Qualität).<br />
demel sieht nun den Sanierungsfall nicht nur als<br />
Frage der finanziellen Konsolidierung, sondern setzt<br />
ein umfassendes strategisch-strukturell-kulturelles<br />
Umstrukturierungsprogramm auf: Ein tief greifender<br />
Entwicklungsprozess, an dem alle Mitarbeiter beteiligt<br />
sind, soll das Unternehmen in die Zukunft führen.<br />
Wir sollen den Veränderungsprozess – wie schon<br />
bei audi – beratend begleiten.<br />
die Systemdiagnose, die wir in auswertung von<br />
rund 150 Gruppeninterviews mit Mitarbeitern in der<br />
Zentrale, in fünf ländern, Werken und Märkten erstellen,<br />
ergibt einen vernichtenden Befund: die Sicht von<br />
außen (Qualitätsverluste, Unverlässlichkeit, Werteverfall)<br />
schlägt sich im Inneren des Betriebs in Scham, Verunsicherung<br />
und Existenzangst nieder. der Glaube an<br />
die Qualität der eigenen Produktion ist gebrochen. dieser<br />
Verlust an Unternehmens geist und Perspektive<br />
lähmt den Betrieb (40 000 Mitarbeiter und 500 Manager)<br />
und zeigt sich 2002 in finanziellen Verlusten in der<br />
Höhe von 1,2 Mrd. Euro, in Überkapazität, absatz-, Qualitäts-<br />
und Kostenproblemen.<br />
als erste Maßnahme wird ein „transformation-<br />
team“ zusammengestellt, in dem Führungskräfte aus<br />
...mit FIat<br />
der ersten und zweiten Ebene wie auch aus den Niederlassungen<br />
der europäischen Vertretungen versammelt<br />
sind. dieses team ist beauftragt, mit K&N gemeinsam<br />
den Umschwung herbeizuführen. Es werden drei strategisch-strukturelle<br />
Hebelprojekte gestartet: das Projekt<br />
„Minus 500 Euro“, das sich konkret vornimmt, pro<br />
auto 500 Euro einzusparen; das Projekt „technical<br />
Convergence“, dessen aufgabe die Vereinheitlichung<br />
der Plattformen ist, und das Projekt „Commercial <strong>Network</strong>“,<br />
das sich mit dem Feld Verkauf und der Neuausrichtung<br />
der Vertriebsstrukturen auseinandersetzt.<br />
Komplementär zusammengesetzte Beratertandems<br />
betreuen die Subprojekte.<br />
Jedes dieser Projekte hat komplexe Problemfelder<br />
zu bearbeiten, da die relevanten Systemumwelten<br />
weit über die turiner Zentrale hinausreichen und ein<br />
weit verästeltes Netzwerk, inklusive ländervertretungen<br />
und Zulieferern, bilden. Jede Veränderung im<br />
Zentrum des Giganten Fiat zieht weite Kreise, muss<br />
kommuniziert und neu verhandelt werden. Beispiel<br />
„technical Convergence“: die Vereinheitlichung der<br />
Komponenten als Einsparungsmaßnahme verursacht<br />
in der Supply-Chain/bei den Zulieferern einschnei-<br />
Unternehmen ringen im Zuge der Neuordnung und der ausrichtung an globalisierten<br />
Märkten hart um „richtige Maßnahmen“ – und mit ihnen die Berater, die sie begleiten.<br />
Hier bietet komplementäre Beratung jeweils maßgeschneiderte Möglichkeiten für einen<br />
raschen, zugleich aber nachhaltigen lösungs- und lernprozess, bei dem wirtschaftlicher<br />
Erfolg und Zukunftsfähigkeit gleichermaßen berücksichtigt und in Balance gehalten<br />
werden. dieser ansatz verlangt von den Beraterteams, in vielfältigen rollen aktiv zu werden:<br />
als Navigator in dieser odyssee durch neue Fahrwasser, als Sicherheit gebender<br />
Problemlösungspartner in dringlichen Businessfragen, als verantwortungsvoller Begleiter<br />
in schmerzhaften restrukturierungsprozessen und als innovativer Moderator in kreativen<br />
lösungswerkstätten. Wie energetisierend es für alle sein kann, derart extreme Herausforderungen<br />
anzunehmen, das soll in den folgenden Schilderungen aus der Praxis sichtbar<br />
gemacht werden.<br />
dende Folgewirkungen. Verträge müssen gelöst oder<br />
neu verhandelt werden. Manche Zulieferer zwingt dieser<br />
auftrags(volumens)verlust ihrerseits zu radikaler<br />
Neuausrichtung oder zu Krisenmanagement. Zulieferer,<br />
die lange Zeit gute Geschäfte mit einem ineffizienten<br />
und defensiven Fiat-Management gemacht hatten,<br />
müssen sich auf harte Verhandlungen einstellen.<br />
In diese komplexen Strukturen intervenieren wir<br />
auf spezifisch-komplementäre Weise: im Wechselspiel<br />
zwischen inhaltlichen Verbesserungen, die von<br />
den Fachberatern vorangetrieben werden, und reflexivem<br />
Innehalten, um mit den Projektmitarbeitern gemeinsam<br />
zu überlegen, welche auswirkungen die getroffenen<br />
Entscheidungen haben, welche mentalen<br />
Hürden bei deren Umsetzung zu überwinden sind und<br />
welche Empfindungen (Ängste, Hoffnungen etc.) das<br />
bei den Beteiligten auslöst.<br />
In rund zehn Subprojekten wird – begleitet von<br />
einem K&N-Beraterstaff von 18 Personen – an neuralgischen<br />
themen gearbeitet. Nach dem ersten Halbjahr<br />
entscheidet das topmanagement trotz – oder gerade<br />
aufgrund – der Krisensituation, parallel eine<br />
Vision zu erarbeiten. In diesem Workshop springt der<br />
Funke vollends über. die lebhafte Beteiligung aller<br />
bringt das Vertrauen, den Glauben an das Unternehmen<br />
und die Initiative zurück. auch in den außenstellen<br />
entsteht dadurch neue Bewegung.<br />
Ulrich <strong>Königswieser</strong>, K&N-Projektleiter der Niederlassung<br />
Spanien: „In Spanien gab es absolut positive<br />
resonanz auf den unglaublichen, von einer Vision<br />
getragenen Veränderungsprozess. davor hieß es: ,Wir<br />
haben keinen Einfluss, die Zentrale lässt uns keinen<br />
Freiraum, wir werden nicht gehört!‘ danach: ,Nun können<br />
wir unseren Markt eigenständig bearbeiten.‘ “<br />
Fabio Mingrino, Projektleiter „technical<br />
Convergence“: „Quello che abbiamo<br />
avuto da <strong>Königswieser</strong> & <strong>Network</strong>,<br />
è stato un approccio diverso dal<br />
passato. Hanno operato come facilitatori,<br />
guidando ed istruendo il team sul<br />
lavoro cooperativo, e spronando ed invogliando<br />
le persone a proporre, semplificando<br />
i comportamenti e focalizzandosi<br />
sull’obiettivo.<br />
journal Best of | Fiat königswieser & network | 7<br />
la collaborazione fu interrotta per ragioni<br />
di spesa, ma ho apprezzato molto<br />
quell’approccio e devo dire che relativamente<br />
al processo di ‚convergenza<br />
tecnica‘ si sta ancora lavorando raggiungendo<br />
risultati. Stiamo migliorando e<br />
sviluppando nuove vetture rispettando<br />
quei principi. Infine quell’esperienza è<br />
stata innovativa ed ha ancora effetto<br />
sul mio lavoro.“<br />
dieser Paradigmenwechsel findet im topmanagement<br />
nicht ungeteilte akzeptanz. Im Zuge des Projekts<br />
„Neuaufsetzen einer realistischen, verlässlichen Budgetplanung“<br />
kommt es zum offenen Konflikt. die differenzen<br />
kulminieren im abschied Herbert demels. damit<br />
ist auch das Beratungsprojekt beendet.<br />
aus turin kommen aber immer wieder Nachrichten,<br />
dass der komplementäre Beratungsprozess in vielen<br />
Bereichen fortwirkt, z. B. darin, Probleme auf die neu<br />
erlernte Weise anzugehen. dennoch fragen wir uns<br />
manchmal, ob man nicht noch mehr erreichen hätte<br />
können.<br />
K&N-Projektleiter Christian Matul: „Hätten wir<br />
härter, strukturierter – also weniger systemisch-<br />
reflexiv – durchgreifen sollen?“<br />
auftraggeber dr. Herbert demel<br />
meint im rückblick: „Müsste ich mich<br />
erneut für ein Beratungskonzept entscheiden<br />
– ich würde dieselbe Wahl<br />
treffen. durch die Veränderungen der<br />
Machtstruktur wurde der Prozess zu<br />
früh beendet. So gesehen waren wir<br />
vielleicht auch zu langsam. aber dass<br />
der Prozess nachhaltig ist, wundert<br />
mich nicht.“
8 i königswieser & network Migros | journal Best of<br />
... mit MIGroS<br />
In der Schweiz steht der Migros-Genossenschafts-Bund vor zukunftsweisenden aufgaben.<br />
das Unternehmen ist entschlossen, trotz steigenden Wettbewerbs die Nummer eins als größter<br />
detailhändler am Heimatmarkt zu bleiben, ohne die Identität stiftende, demokratische leitkultur,<br />
die der legendäre Gründervater Gottfried duttweiler um 1950 festgelegt hat, zu beschädigen.<br />
K&N wird vom department Marketing als „special support“ hinzugezogen, während<br />
sich die Zentrale bei einem ehrgeizigen Kosteneinsparungsprogramm von McKinsey beraten<br />
lässt. damit verbunden ist die Notwendigkeit, Kosten zu reduzieren, die organisation zu<br />
straffen und effizienter zu gestalten.<br />
Migros-Verkaufswagen aus den 20er/30er <strong>Jahre</strong>n, aufgenommen am Sihlquai in Zürich<br />
Insbesonders der abbau von Stellen bedeutet, obwohl<br />
mit Mobilitätsprogrammen abgefedert, einen<br />
krassen traditionsbruch und einen Paradigmenwechsel<br />
im Unternehmen.<br />
Während sich die Zentrale auf das Fach-Know-<br />
how von McKinsey stützt, entscheidet sich das departement<br />
Marketing, mit K&N den Weg einer nachhaltigen,<br />
die Mitarbeiter einbeziehenden Umstrukturierung<br />
zu gehen. damit lässt sich K&N vorerst auf<br />
einen widersprüchlichen auftrag ein: die harmonische<br />
organisationskultur zu bewahren, aber gleichzeitig<br />
Kosteneinsparungen von mindestens 15 Prozent zu<br />
erzielen …<br />
Es werden zwei markante Hebelprojekte aufgesetzt,<br />
die auf den ersten Blick einander diametral entgegengesetzte<br />
Problemfelder beackern: Im Projekt<br />
„Potenziale“ werden mit den beteiligten Mitarbeitern<br />
Wege gesucht, wie die geplanten Einsparungen zu realisieren<br />
sind. das Projekt „Strukturen“ hingegen ist<br />
der ort für visionäre Neugestaltung, wo den Mitarbeitern<br />
die rolle von architekten eingeräumt wird, die<br />
den Betrieb – in die Zukunft projiziert – völlig neu aufstellen.<br />
das hierbei entwickelte Idealbild präsentieren<br />
die „architekten“ schließlich in einem zweiten<br />
Schritt dem topmanagement, und alle gemeinsam<br />
passen Vorstellung und Wirklichkeit einander an, filtern<br />
ein realistisches, von allen akzeptiertes lösungsmodell<br />
heraus.<br />
lars längauer, Projektleiter und leiter<br />
Strategische Entwicklung: „Wir wollten<br />
nicht nur überall etwas herausschneiden,<br />
wir mussten die organisation<br />
grundlegend anders aufstellen.“<br />
der anschließende Feinplanungsprozess läuft so<br />
lange produktiv und mit großem Engagement aller Beteiligten,<br />
bis sich herausstellt, dass die neu geschaffene<br />
Struktur mit weniger Mitarbeitern auskommt als<br />
die vormalige. das bringt persönliche Ängste der Betroffenen<br />
ins Spiel – es wird schwierig. Verstärkt wird<br />
der druck durch den Einfluss der klassischen Berater,<br />
die dem Management die verlangten schnellen lösungen<br />
liefern und somit unangenehme Entscheidungen<br />
ersparen.<br />
Uwe Cichy, Fachberater im komplementären team<br />
von K&N: „Wenn wir in eine heiße Phase eintraten<br />
und der leiter des departements eine entscheidende<br />
Idee bzw. lösung forderte/erwartete, dann reflektierten<br />
wir: Was ist jetzt im Sinne des Gesamtzusammenhangs<br />
das adäquate für den Klienten? Wie können wir<br />
ihm in dieser Phase weiterhelfen? Wir sagten: ‚Wir<br />
haben inhaltlich und prozessual einen Weg vorbereitet<br />
– ein design, wie ihr selbst zu einer lösung durchbrechen<br />
könnt. das ist unser ansatz.‘ Hier reagiert der<br />
McKinsey-Berater anders: Wenn er von oben druck<br />
bekommt, verengt sich seine Perspektive auf die des<br />
Zwei Herzen schlagen<br />
in der Brust des Beraters<br />
Ein kollegialer Kommentar von Peter leukert<br />
Im Grunde trägt jeder Berater beide aspekte in sich:<br />
den fachlich-inhaltlichen wie den prozessorientierten<br />
lösungsansatz. die Frage ist nur: auf welcher Ebene<br />
bringe ich die beiden Hälften zusammen? Gibt es den<br />
Superberater, der mit beiden Gehirnhälften gleichzeitig<br />
und gleich schnell sowohl inhaltlich als auch auf<br />
der Prozessebene arbeiten kann? Glaub ich nicht. Es<br />
mag einige Naturtalente geben, die das instinktiv<br />
parallel führen können, aber das sind ausnahmeerscheinungen,<br />
die nicht systematisch übersetzbar<br />
sind.<br />
Mich hat die Erfahrung gelehrt, die Kraft des teams<br />
zu nutzen. das entlastet einen in der rolle des Gurus<br />
und lässt zu, dass man rollen untereinander verteilen<br />
und auch tauschen kann. In wirklich guten teams –<br />
auch bei McKinsey – wechseln sich die Berater fast<br />
intuitiv und nicht besprochen in der Position des inhaltlichen<br />
„aktivisten“ und des zurückhaltenden Prozessbeobachters<br />
ab. das ist für mich der Schlüssel<br />
zum Erfolg, daraus kommt die Kraft des komplementären<br />
ansatzes: Wenn zwei Berater – so unterschiedlich<br />
sie von der ausbildung und von der lebenserfahrung<br />
her auch sein können – von gemeinsamen<br />
professionellen Werten und Zielsetzungen sowie von<br />
persönlichem Vertrauen getragen werden, können sie<br />
in der gemeinsamen arbeit viel erfolgreicher sein als<br />
jeder für sich allein.<br />
die Kraft des teams thematisch nutzbar zu machen –<br />
darin liegt noch beraterisches Potenzial. die teampartner<br />
müssen nicht unbedingt aus ein und derselben<br />
Institution kommen – Polarisierung kann sogar<br />
ein Vorteil in Kooperationen sein. aber bestimmte Voraussetzungen<br />
für die Zusammenarbeit sind: Es<br />
braucht ein gemeinsames Fundament, und das liegt in<br />
übereinstimmenden Werten hinsichtlich unserer Profession<br />
und im persönlichen Vertrauen. Wenn ich spüre,<br />
dass die einzige Zielfunktion der Quartalumsatz<br />
ist, dann stellt sich dieses Vertrauen, gemeinsam das<br />
Beste für das Klientensystem erreichen zu wollen,<br />
nicht ein.<br />
Natürlich sind gerade die erfolgreichen und guten<br />
Berater puristisch in der Prägung durch ihre Institution.<br />
das schafft zu Beginn Barrieren und hat<br />
eine Wirkung, die mit einer abstoßungsreaktion<br />
zwischen organismen vergleichbar ist. Wo schon<br />
die Sprache das trennende ist, ist es für den aufbau<br />
einer gemeinsamen Grundlage unerlässlich, die gegenseitigen<br />
Vorurteile auf den tisch zu legen und<br />
auszutauschen. Wenn man das nicht im Vorfeld<br />
oder während der arbeit ausdiskutiert, liefert man<br />
sich naturgemäß Missverständnissen aus. aber<br />
auch hier kann man wieder etwas Faszinierendes<br />
erleben: dass Begriffe in der diskussion transzendiert<br />
werden. So etwas kann nur aus der dialektik<br />
journal Best of | Migros königswieser & network | 9<br />
mächtigen auftraggebers. Natürlich gab es diesbezüglich<br />
auch Konflikte zwischen uns und McKinsey.“<br />
„das Projekt hat auf jeden Fall das Ziel<br />
erreicht, uns für Neuausrichtungen zu<br />
sensibilisieren und als lernende organisation<br />
zu positionieren.“<br />
(lars längauer)<br />
Nach neun Monaten Beratung ist das Einsparungsziel<br />
erreicht, eine neue Betriebsstruktur erfunden, eine<br />
18%ige reduktion der Stellen geschafft. auch die 17<br />
direktionen wurden auf sieben dezimiert. der Veränderungsprozess<br />
wird nach 12 Monaten als abgeschlossen<br />
betrachtet. Einerseits war das ein rascher Erfolg. andererseits<br />
konnte die Neuausrichtung unter den gegebenen<br />
Umständen noch nicht nachhaltig implementiert<br />
werden.<br />
aus Sicht des K&N-Beraterteams wurde der Prozess<br />
zu früh beendet. Es bedarf eines längeren Entwicklungsprozesses,<br />
neue denkmuster nachhaltig in der<br />
Kultur zu verankern.<br />
gegenseitiger annährung und dem Willen, mit Hilfe<br />
des eigenen erprobten ansatzes dem Klientensystem<br />
zu helfen, entstehen.<br />
auch in der produktiven Zusammenarbeit auf gemeinsamem<br />
Fundament ist es weiterhin sinnvoll, in<br />
jeder speziellen Projektsituation eine art Zielsetzungsdialog<br />
zu führen – ob man ein gemeinsames<br />
Ziel, eine gemeinsame Vorstellung vom Sinn und<br />
Zweck des Beratungseinsatzes findet – sowie eine<br />
permanente Mandatsklärung zu machen. daraus entsteht<br />
Spannung – und mit dieser konstruktiv umzugehen,<br />
das ist dann die Kunst.<br />
In dieser Spiralbewegung gelingt manchmal die<br />
beglückende Erfahrung, eine Synthese auf einer höheren<br />
Ebene zu erzielen, die einem eine neue Sicht<br />
auf die Situation des Klientensystems und das Gesamtproblem<br />
erlaubt und neue Impulse zulässt. das<br />
vermag Klarheit auf einer neuen Ebene zu schaffen.<br />
Natürlich ist dieses parallele „(Ver)arbeiten“, das<br />
mich als It-Berater besonders fasziniert, sehr anstrengend.<br />
die auseinandersetzung verlangt einem Kraft<br />
und Energie ab. die zu befreien und zu nutzen hat<br />
großen Wert. dann kann man im Beratersystem dinge<br />
vorwegnehmen und erarbeiten, die sich normalerweise<br />
erst im Nachhinein aufschlüsseln.<br />
So bringt man dem Klientensystem substantiellen<br />
Mehrwert.<br />
Dr. Peter Leukert ist Partner bei McKinsey & Company.<br />
Seit mehr als 11 <strong>Jahre</strong>n berät er Finanzdienstleister und die<br />
öffentliche Hand (Schwerpunkt Informationstechnologie und<br />
Operations). Er ist Diplomphysiker und Diplommathematiker<br />
und hat an der Humboldt-Universität zu Berlin in Finanzmathematik<br />
promoviert.
<strong>10</strong> i königswieser & network MaN Nutzfahrzeuge | journal Best of<br />
EINBlICK IN dIE BEratUNGSPraXIS BEI<br />
MaNVom dialogprojekt<br />
zum Veränderungsprozess<br />
die MaN Nutzfahrzeuge aG mit Sitz in München ist eine von vier Gesellschaften unter dem dach der international<br />
agieren den Holding MaN Group – der zentrale Geschäftszweig, gemessen an Mitarbeiterzahl, Produktion und Umsatz –,<br />
die rund die Hälfte der Holding ausmacht. die Geschäfte laufen routiniert und erfolgreich – bis die auswertung von Mitarbeiterbefragungen<br />
ein Indiz für eine krisenhafte Entwicklung ausweist.<br />
dazu der Vorstandsvorsitzende anton Weinmann:<br />
„Ich kann nachvollziehen, dass die Mitarbeiter die Welt<br />
nicht mehr verstehen: Kosteneinsparungen und Steigerung<br />
der Ertragskraft trotz rekordgewinnen – die Notwendigkeit<br />
rascher Veränderungen, mit denen man<br />
nicht Schritt halten kann.“<br />
das veranlasst die betriebsinternen Personalentwickler,<br />
im auftrag des Vorstands nachhaltige Maßnahmen<br />
vorzuschlagen: ein von K&N begleitetes Veränderungs<br />
projekt.<br />
die Initiatorin Simone rauch, die die Mitarbeiterbefragung<br />
durchgeführt und analysiert hat, beschreibt<br />
die ausgangslage und die Warnsignale, die zu der Entscheidung<br />
geführt haben:<br />
die Evaluierung der Mitarbeiterbefragung 2004<br />
und 2006 ergab zwar keine markante Verbesserung<br />
oder Verschlechterung, sie wies jedoch alarmierende<br />
tendenzen aus: die themen „Commitment“ und „Motivation“<br />
wiesen sinkende Werte auf – nicht nur bei<br />
den Mitarbeitern auf breiter Basis, sondern auch bei<br />
den Führungskräften auf allen Ebenen.<br />
dazu kam eine abfallende Bewertung der<br />
Geschäfts führung, deren Noten sanken um 0,2 bis 0,3<br />
Grad. diese daten bestärken die Personalentwickler in<br />
ihrer annahme einer strukturellen Krise, die aufgrund<br />
des Mangels an grundlegender organisationskultur –<br />
vor dem Hintergrund anstehender Merger – in den letzten<br />
fünf <strong>Jahre</strong>n sukzessive erwachsen ist.<br />
die organisation hat große Veränderungen hinter<br />
sich, aber auch vor sich, doch die Mitarbeiter können<br />
„mental mit der Entwicklung nicht Schritt halten“,<br />
resümiert Vorstandsvorsitzender anton Weinmann:<br />
„die Mitarbeiter können teilweise nicht nachvollziehen,<br />
warum wir derart schnell Veränderungsprozesse<br />
und bestimmte Maßnahmen durchführen müssen, die<br />
Kosteneinsparungen beinhalten, aber auch die Errichtung<br />
von Werken in Polen oder in Indien. das verursacht<br />
ganz erhebliche Ängste und großes Unverständnis:<br />
Warum müssen wir weitere Kostenersparnisse<br />
erbringen, warum müssen wir uns verbessern, wenn<br />
es doch dem Unternehmen so gut geht wie nie zuvor?<br />
Und: Mit diesen themen stehen wir nicht allein, das<br />
sind themen, die die Volkswirtschaft generell und global<br />
beschäftigen!“<br />
auch den Führungskräften geht es teilweise zu<br />
schnell, auch sie haben Umsetzungsprobleme und daraus<br />
resultierende Ängste: „Kann ich auf den fahrenden<br />
Zug aufspringen, oder werde ich auf dem abstellgleis<br />
landen?“ Ein tempo, mit dem man nicht mithalten<br />
kann und ein Mangel an transparenz bzw. Kommunikation<br />
– diese Kombination führt unweigerlich zu Verunsicherung!<br />
die rasanz in der globalen Entwicklung<br />
paralysiert die Mitarbeiter<br />
die Empfehlung der Personalentwicklung, in dieser<br />
kritischen Situation ein Sonderprojekt zu starten, wird<br />
von anton Weinmann überzeugt angenommen. Er beauftragt<br />
ein repräsentativ zusammengesetztes 18-köpfiges<br />
team von Führungskräften aus allen Ebenen und<br />
Bereichen, begleitet von zwei K&N-Beratern die strategische<br />
Initiative „Commitment im Management“ durchzuführen,<br />
mit dem Ziel, das Vertrauen zum topmanagement<br />
zu verbessern, die Strategie und alle bewegenden<br />
themen zu besprechen und eine lernkultur zu initiieren.<br />
Mit K&N holt sich Simone rauch sehr bewusst den<br />
adäquaten externen Partner in das Projekt: „Es gab<br />
niemand anderen, mit dem ich diesen anspruchsvollen<br />
Prozess in Gang bringen hätte können!“ Vorstandsvorsitzender<br />
anton Weinmann bestätigt: „K&N hat die<br />
Erfahrung, wie man sich zwar über Fachthemen auseinandersetzt,<br />
aber die Kommunikation so gestaltet,<br />
dass die Mitarbeiter auf allen Ebenen die Sicherheit<br />
haben, ihre persönlichen Empfindungen, Ängste und<br />
Motivationen offenlegen zu können. das gelingt uns<br />
intern nicht immer, weil die Mitarbeiter eine solche offenheit<br />
als Zeichen der Schwäche sehen oder negative<br />
Folgen für sich befürchten. die entscheidende Frage<br />
für den Vorstand ist: Wollen wir mit Brachialgewalt die<br />
Erfolgsstory von MaN Nutzfahrzeuge realisieren, oder<br />
wollen wir vielmehr in verstärktem Maß unsere Mitarbeiter<br />
in die realisierung der strategischen Zielsetzung<br />
mit einbinden? Ich bin der Meinung: Wir brauchen<br />
unsere Mitarbeiter auf unserem Weg dorthin!“<br />
anfang dezember 2006 findet als erste Intervention<br />
ein Kick-off-Workshop statt, in dem die Projektgruppe<br />
die Ergebnisse der Mitarbeiterbefragung analysiert<br />
und Hypothesen bespricht: Woran könnte es liegen,<br />
dass wir die Mitarbeiter und auch die Führungskräfte<br />
nicht mehr erreichen? Es werden aspekte und themen<br />
ausgemacht, die einander in der unseligen Verquickung<br />
von Veränderungsgeschwindigkeit und ausbleibender<br />
Integration verstärken.<br />
Es werden blockierende Muster und ein Mangel an<br />
konsequenter Führungskultur bei MaN bewusst, z. B.<br />
dass es keine systematischen Mitarbeitergespräche<br />
gibt und die Mitarbeiter auf die anonyme Mitarbeiterbefragung<br />
spröde reagieren. („Jetzt fragt ihr uns plötzlich?<br />
das tut ihr doch sonst nie!“) Somit gibt es auch<br />
keine Entwicklungsperspektiven für die Mitarbeiter.<br />
Und wenn dann noch zusätzlich die Strategie dafür<br />
sorgt, dass bestehende Perspektiven genommen<br />
werden, weil in Billiglohnländer verlagert wird und<br />
überhaupt die globalisierte Welt mit internationalen<br />
Wachstums strategien ins Unternehmen einbricht –<br />
dann ver lieren die Mitarbeiter in deutschland orientierung<br />
und Mo tivation, wenn sie mit ihren Sorgen alleingelassen<br />
werden: Es gibt bei MaN Nutzfahrzeuge keine<br />
systematische rückkoppelung von Informationsströmen<br />
von unten nach oben. Um individuelle Initiativen,<br />
die von einzelnen Führungskräften gesetzt werden<br />
(„oasen“), kümmern sich deren Vorgesetzte nicht. Und<br />
obendrein gab es 2004 auch noch einen Vorstandswechsel.<br />
Über all das müssen wir reden – so das Fazit des<br />
ersten Kick-off. Wir müssen die Mitarbeiter abholen,<br />
indem wir mehr und besser mit ihnen kommunizieren.<br />
Es genügt nicht, sie top-down zu informieren, das gab<br />
es ja bisher reichlich und war teilweise missverständlich,<br />
also nicht geglückt. angesichts dieser komplexen<br />
Gemengelage setzt das Projektteam den Hebel bei der<br />
Strategievermittlung an. Simone rauch: „das Instrumentarium<br />
einer Systemdiagnose würde alle verunsichern<br />
und überfordern, also wird erstmals ein systematisch<br />
geführter dialog über reaktionen, Ängs te,<br />
Hoffnungen, Probleme bezüglich der strategischen<br />
ausrichtung, ein Umdenken und Erfahrungslernen eingeleitet.<br />
Nur so kann langsam wieder Vertrauen<br />
einerseits und Glaubwürdigkeit andererseits hergestellt<br />
werden.“<br />
Überlegungen, die themen „Bedeutung und Kompetenz<br />
der Führungskräfte“ und „Wirrwarr an Projekten“<br />
zu vertiefen, werden zugunsten der Konzentration<br />
auf Strategievermittlung hintangestellt. denn<br />
schon an diesem Begriff scheiden sich die Vorstellungen,<br />
wie sich beim Kick-off zeigte: Kann man das<br />
thema nicht einfach per leitfaden – einer art Manual<br />
für Führungskräfte – verbreiten?<br />
das Bewusstsein, dass ein nachhaltiger Prozess<br />
notwenig ist und dieser nur dialogisch angegangen<br />
werden kann, muss erst hergestellt werden. rückenstärkung<br />
bei dieser aufbauarbeit bekommt das Projektteam<br />
vom Vorstandsvorsitzenden, der sich – für<br />
viele unerwartet – vorbildhaft engagiert auf den Prozess<br />
und die neuen Erfahrungen einlässt. die Skepsis<br />
anderer Vorstandsmitglieder schwindet während der<br />
intensiven Zusammenarbeit zur Vorbereitung der Strategiegruppen,<br />
die erfahrbar macht, wie erfolgreich ein<br />
dialog sein kann, der alles, was wichtig ist, auf den<br />
tisch bringt. Ergebnis: positives Feedback und eine<br />
große offenheit für die Fortsetzung des Veränderungsprojekts.<br />
als Nebeneffekt dieses Prozesses schließen sich<br />
Nina Gutzeit, die leiterin der Unternehmenskommunikation,<br />
und Peer Stauske, der leiter der Strategie, mit<br />
Simone rauch zusammen. alle spüren, dass es an der<br />
Zeit ist, parallel laufende aktivitäten miteinander zu<br />
vernetzen – somit ist die Schubkraft doppelt hoch.<br />
In der auseinandersetzung mit<br />
zentralen Inhalten eine<br />
Kommuni kationskultur einüben<br />
da Methoden für einen komplexen Veränderungsprozess<br />
– wie etwa dialogorientierte Gespräche, Meetings,<br />
teamgespräche, Sounding-Boards etc. – schlichtweg<br />
fehlen, wird ein Setting von Musterbeispielen<br />
ent wickelt und die architektur der top-down/bottomup-Kaskade<br />
entworfen, an der die integrierten rückkoppelungsprozesse<br />
veranschaulicht werden. anhand<br />
dieser designs wird in Workshops auf allen Ebenen genau<br />
vorgeführt, wie man einen dialog über Strategie<br />
gestalten kann. die Führungskräfte, die solch einen<br />
Workshop erlebt haben, werden nach demselben ablauf<br />
mit deren teams diskutieren, dialogfeedback einholen,<br />
die Mitarbeiter deren Bedenken äußern lassen,<br />
ihre Fragen aufnehmen.<br />
Simone rauch: „Uns ist klar: Wir müssen auf der<br />
prozessualen und der strukturellen Ebene dialog- und<br />
Feedbackstrukturen bauen und implementieren. Wir<br />
sprechen über Strategie, über daten, Fakten und Blockaden<br />
in der Umsetzung – aber gleichzeitig erfahren<br />
wir etwas über unsere Kultur und über unsere Kommunikationsstruktur.<br />
Insofern hat die dialogische Strategievermittlung<br />
die Wirkung einer Intervention und<br />
schafft ein breites Commitment für die absolute Notwendigkeit<br />
dieses Prozesses.“ Es werden Stärken, aber<br />
auch Schwächen bewusst gemacht: das Unternehmen<br />
ist hemdsärmelig, technisch Spitze, neigt aber zu Verzettelung,<br />
agiert zu wenig zukunftsorientiert, zu wenig<br />
global. das wirkt sich aus: Es gibt z. B. viel zu viele Produktvarianten<br />
– diese Vielfalt ist zu teuer.<br />
Erik lang, Projektleiter und Gesellschafter von K&N<br />
sagt später: „Es war spannend zu erarbeiten, an welchen<br />
Mustern es liegt, dass trotz kognitiver Einsicht<br />
das Problem vorerst nicht lösbar war. Jetzt haben wir<br />
den ansatzpunkt gefunden.“ anton Weinmann:<br />
„Grund voraussetzung ist: die Führungskräfte müssen<br />
ehrlich bereit sein, zum einen, ihre Ängste zuzugeben,<br />
und zum anderen, Einspruch zu erheben, wenn sie finden,<br />
dass ein bestimmter Schritt nicht richtig oder in<br />
der vom Vorstand vorgegebenen Zeit nicht realisierbar<br />
journal Best of | MaN Nutzfahrzeuge königswieser & network | 11<br />
ist. das erfordert natürlich auch vom Vorstand große<br />
Bereitschaft, sich wesentlich mehr Zeit zu nehmen, um<br />
bestimmte themen mit den Führungskräften zu diskutieren,<br />
die das dann wiederum an die Mitarbeiter weitertragen.<br />
Es muss das thema Sachfragen, das in unserem<br />
technisch orientierten Unternehmen einen<br />
hohen Stellenwert hat, um das thema Führung ergänzt<br />
werden. Wir meinen immer, dass das, was wir im Kopf<br />
haben, auch automatisch in den Köpfen der Mitarbeiter<br />
ist – aber das ist einfach nicht der Fall. Wenn also<br />
etwas nicht verstanden wird, kann man nicht erwarten,<br />
dass Mitarbeiter das verinnerlichen und dann hundertprozentig<br />
mitziehen.“<br />
am Beginn stehen neun Strategieworkshops, geführt<br />
von sechs Mitgliedern des engeren leistungskreises.<br />
die Führungskräfte, die daran teilgenommen<br />
haben, tragen dann die Erfahrungen in die nächste Ebene<br />
weiter. Bis zur Präsentation der Ergebnisse Mitte<br />
april sollen in 45 dialogveranstaltungen mit jeweils<br />
zehn bis zwanzig teilnehmern alle Ebenen und zahlreiche<br />
Standorte in den Prozess eingebunden werden.<br />
dann wird es spannend: Konnte ein Fundament für<br />
eine neue, aktive Unternehmenskultur implementiert<br />
werden? anton Weinmann: „das ist ein Bewusstwerdungsprozess,<br />
bei dem das Ergebnis nicht per Knopfdruck<br />
abzuholen ist.“<br />
5 vor 12: Es läuft gut, aber der Zeitaufwand ist knapp<br />
bemessen: drei Stunden pro Workshop für einen ersten<br />
austausch und dafür, die Beteiligten hinsichtlich der<br />
Wahrnehmung ungewohnter Möglichkeiten und Notwendigkeiten<br />
zu sensibilisieren. In einem zweiten<br />
Schritt, meint Simone rauch, muss die Erfahrung im<br />
Umgang mit den „soften“ themen in einem reflexionsprozess<br />
thematisiert und explizit verdeutlicht werden.<br />
(„Was passiert denn da eigentlich? Was haben wir da<br />
gemacht?“) dann wird sich offenbaren, wie stark das<br />
Commitment – vor allem das des Vorstands – für einen<br />
grundlegenden Wandel ist, wie groß die Bereitschaft<br />
ist, in diesen Wandel Energie und Zeit zu investieren,<br />
und ob man dem Veränderungsprozess genügend Zeit<br />
einräumt, um eine zukunftsorientierte Unternehmenskultur<br />
auf den Weg zu bringen.<br />
der Zeitfaktor scheint sich in einem solchen Prozess<br />
zu redimensionieren: ausgespannt im Widerspruch<br />
zwischen dem anspruch, wahnsinnig schnell agieren<br />
zu müssen, und dem Gefühl, viel zu langsam voranzukommen,<br />
scheint es, als wäre die Uhr über einen langen<br />
Zeitraum von den internen Verdrängungsmechanismen<br />
angehalten worden. Und nun verdichtet sich<br />
die Zeit zunehmend und verlangt jedem die Fähigkeit<br />
zu gro ßen Sprüngen ab. demnächst steht der längst<br />
angekündigte Umbruch bevor, wenn MaN sich in eine<br />
allianz mit VW und Scania integrieren wird.<br />
In Hinblick auf den bevorstehenden Merger kommt<br />
das Veränderungsprojekt gerade rechtzeitig, um uns fit<br />
für die Zukunft zu machen. Höchste Zeit, sich klar zu<br />
positionieren: Was wollen wir? Was sind unsere Zielsetzungen?<br />
Welche rolle wollen bzw. können wir weiterhin<br />
spielen? Haben wir eine tragfähige Strategie und<br />
die methodische Kompetenz, um erfolgreich zu sein?<br />
Welche Hausaufgaben müssen wir machen, welche<br />
Kulturveränderung ist nötig?<br />
das dialogprojekt mündet in einem breit und tief<br />
angelegten Veränderungsprozess, der das Bearbeiten<br />
von Fachthemen und das kollektive lernen integriert.<br />
der Vorstandsvorsitzende anton Weinmann spricht<br />
für die ganze Vorstandsgruppe, wenn er sagt: „Wenn<br />
wir uns für diesen Prozess genügend Zeit nehmen, werden<br />
wir unsere Ziele dann umso schneller erreichen.“<br />
Simone rauch und ihr Projektleiterkollege thomas<br />
Neureither sind sehr überrascht: „Wir hätten uns nie<br />
träumen lassen, dass sich aus der ursprünglichen dialoginitiative<br />
solch ein Prozess entwickelt!“
EINBlICK IN<br />
dIE BEratUNGS-<br />
PraXIS BEI<br />
aol<br />
Vom Modernisierungsverlierer<br />
zum asset<br />
der komplexe lernprozess eines dynamischen Unternehmens,<br />
sich für den neuen Eigentümer fit zu machen:<br />
2006 wird in den Medien kolportiert, dass der amerikanische<br />
time-Warner-Konzern einen Verkauf der europäischen<br />
aol-tochtergesellschaften erwägt. Nach ersten<br />
Umstrukturierungen gibt der Konzern nun eine neue<br />
strategische ausrichtung vor: die aufteilung des Unternehmens<br />
in zwei Geschäftszweige, in eine access-GmbH<br />
und eine Media-GmbH, die das audience-Geschäft betreibt.<br />
diese Filetierung spiegelt eine globale ausdifferenzierung<br />
der It-Branche wider: Infrastruktur und Kundenservice,<br />
die der access-Bereich liefert, gelten als<br />
stabiles, investitionsintensives Geschäft, während der<br />
audience-Bereich – das Content-Business – mit dem Vertrieb<br />
von werbeträchtigen Informationsformaten als<br />
neues Profitcenter identifiziert wird.<br />
Phase 1: Vakuum lähmt<br />
strukturierte Entwicklung<br />
K&N beginnt seine intensive Zusammenarbeit mit<br />
aol im Frühjahr 2006. Eingeladen wurden die Berater<br />
ursprünglich mit dem auftrag, das topmanagement<br />
bei der Strukturierung und Professionalisierung zu unterstützen.<br />
Nach ersten teamentwicklungsworkshops<br />
mit der Geschäftsführung lautet der auftrag nun, die<br />
auseinanderdriftenden Geschäftszweige zu einem<br />
funk tionierenden team zusammenzuführen.<br />
als die Berater im Mai 2006 in den Führungsworkshop<br />
kommen, erwartet sie kriegerischer aufruhr.<br />
K&N-Projektleiter Ulrich <strong>Königswieser</strong>: „Uns Beratern<br />
ist erst einmal massives Misstrauen entgegengeschlagen,<br />
das eigentlich der abwesenden Geschäftsführung<br />
galt.“ die Geschäftsführung muss einsehen, dass das<br />
Unternehmen in dieser existenziellen Krise weder<br />
team- noch entscheidungsfähig ist, und setzt auf begleitetes<br />
Krisenmanagement.<br />
thomas Hohlfeld, damals als leiter der Callcenter-<br />
Standorte duisburg und Saarbrücken teil der Geschäftsführung<br />
und Initiator des Change-Prozesses<br />
mit K&N, muss gemeinsam mit der Projektleitung von<br />
K&N erst große Überzeugungsarbeit in der Zentrale<br />
Hamburg und an den Standorten leisten, um die Führungskräfte<br />
zur Mitwirkung an einem grundlegenden<br />
Entwicklungsprozess, der mit einer Systemanalyse beginnen<br />
sollte, zu gewinnen.<br />
aber dann vermag die Präsentation der Systemanalyse<br />
die Systemwiderstände zu durchbrechen: Kristallklar<br />
und sensibel zugleich werden der Mannschaft die<br />
Muster im System widergespiegelt. Es sind alle Stärken<br />
und Schwächen „pubertierender Jugendlicher“ zu<br />
finden: viel Energie, Kreativität, Widerspruchsgeist<br />
und eine tiefe ambivalenz bezüglich autorität und Führung.<br />
thomas Hohlfeld: „Egal was ich als Führungskraft<br />
mache, es ist immer auch falsch. Wir hatten also<br />
einen weiten Weg vor uns.“ der bis dahin zögerliche<br />
Prozess kommt in Gang.<br />
Phase 2: Stop and go<br />
beim „Sich-selbst-Überholen“<br />
Im Juni platzt mitten in den sich strukturierenden<br />
Change-Prozess die Entscheidung von time Warner,<br />
den access-Bereich zu verkaufen. thomas Hohlfeld<br />
wird leiter der access-GmbH und übersiedelt nach<br />
Hamburg. als teil der Geschäftsführung ist er in die<br />
Verkaufspräsentationen eingebunden und permanent<br />
auf achse. tempo furioso. denn gleichzeitig ist seine<br />
Mitarbeit am gemeinsamen Entwicklungsprozess<br />
zwingend: die Stimmung in der access-GmbH ist auf<br />
dem Nullpunkt. Zum lähmenden Informations- und<br />
Kommunikationsmangel in dieser Situation gesellt<br />
sich das bittere Gefühl, als Fortschrittsverlierer abgestoßen<br />
zu werden, zumal die Media-GmbH des audience-Business<br />
sich deutlich als Gewinner fühlt. diese<br />
schlechte ausgangsposition bestärkt das team des<br />
access-Bereichs umso mehr in der konsequenten arbeit<br />
am Change-Projekt, das nun auch das Forum für<br />
Krisenmanagement darstellt.<br />
die leitung ist ausgespannt zwischen Verkauf und<br />
Führung, das mit ressourcen und Informationen unterversorgte<br />
team chaotisch und anschlussunfähig –<br />
„wahnsinnig motiviert, aber schwer einzufangen“.<br />
K&N bekommt diese Belastung sehr deutlich zu spüren:<br />
termine werden abgesagt, ständig neue Prio ritäten<br />
gesetzt. die Programme der arbeitsgruppen we rden<br />
teils in Frage gestellt, teils zu heftigen konfrontativen<br />
diskussionen genutzt.<br />
Ulrich <strong>Königswieser</strong>: „die Berater müssen Interventionsformate<br />
entwickeln, die den rasenden Entwicklungen<br />
gerecht werden, ohne den Entschleunigungsfaktor<br />
– die Zeit für reflexion – zu verlieren. das<br />
stellte hohe ansprüche an uns.“<br />
Es bewegt sich: der Change-Prozess wird Ebene für<br />
Ebene an die freigelegten Schwerpunktthemen – Prozessoptimierung,<br />
professionelle Führung, Kundenorientierung,<br />
Erreichen der Wachstumsziele ohne gleichzeitige<br />
Kundenverluste – angepasst. Subprojekte und<br />
-foren formieren sich. In der retrospektive wird anerkannt,<br />
dass hier ein durchbruch zu einem kommunikativen<br />
austausch und einer allmählichen Strukturierung<br />
ansetzt. Kommentar aus der Schlussveranstaltung:<br />
„Wir haben uns schließlich selbst überholt.“<br />
Es hat sich gelohnt, denn es kommt anders als vermutet:<br />
Nicht die siegesgewisse Braut audience, sondern<br />
der vermeintlich weniger attraktive Infrastruktur-<br />
Bereich mit seiner soliden Kundenbindung wird als<br />
schlagendes asset identifiziert. der Verkauf geht an<br />
HanseNet, einen lokalen Netzwerkbetreiber. das Unternehmen<br />
ist in seinen ersten zehn Geschäftsjahren kontinuierlich<br />
organisch gewachsen und sichert sich mit<br />
der Übernahme eine Potenzierung seines Kundenstocks.<br />
das ist die Schubumkehr, „das Kuriose, dass es<br />
sich danach komplett umgedreht hat!“ (Stephanie Niedow,<br />
Content Marketing)<br />
die Übergangszeit bis zur Integration in das neue<br />
Unternehmen widmet die Mannschaft der neuen Herausforderung:<br />
„Wir machen uns fit für den neuen<br />
Eigentümer.“ dazu gehört es, die Kernprozesse in ordnung<br />
zu bringen und eine Kultur von Erwachsenheit zu<br />
entwickeln. die arbeit mit den Führungskräften stellt<br />
die Kernintervention dar.<br />
Brief von dirk Glebe, director operations, aol/HanseNet telekommunikations GmbH,<br />
an thomas Hohlfeld<br />
lieber thomas,<br />
ja, du hattest recht, auch wenn wir nicht die gewünschten<br />
rahmenbedingungen für den „Change Workstream“ nutzen<br />
konnten, die ersten wichtigen Schritte sind getan … aber der<br />
reihe nach: Mit durchaus gemischten Gefühlen nahm ich letzten<br />
oktober die ankündigung auf, dass wir Veranstaltungen ins<br />
leben rufen wollten, in denen alle aol-Führungskräfte die<br />
„Handlungsfelder“ der im Sommer durchgeführten „Führungs-<br />
Status-quo-Befragung“ bearbeiten sollten. „Fit für den Merger“<br />
war eines der benützten Schlagworte.<br />
Wie soll das funktionieren, wenn wir uns NUr auf aol-Seite<br />
mit den bei jedem Unternehmens-Merger so kritischen<br />
„kulturellen Veränderungen“ beschäftigen, uns „dafür fit“<br />
machen, aber unsere HanseNet-Kollegen dort außen vor sind?<br />
dazu vier Change-Workshop-tage ... „Wahnsinn!“, dachte ich,<br />
„Wie soll ich das nur bei der arbeitslast der Merger-Vorbereitung<br />
hinkriegen? Wir bauen schließlich nicht weniger als das<br />
komplette Unternehmen um …“ Mit diesen Gedanken im Kopf<br />
machte ich mich anfang dezember auf den Weg zum ersten<br />
Change-Workshop nach lübeck.<br />
aber dann nahm die Change-arbeit gemeinsam mit unseren<br />
Kollegen aus HH und dem Berater-duo Frau Götz und Herrn<br />
Burmeister einen nicht geglaubten, außerordentlich positiven<br />
Verlauf! Ich war beeindruckt von einer unter solch schwierigen<br />
rahmenbedingungen ungewöhnlichen offenheit und von so viel<br />
Engagement, in die z. t. komplexen und schwierigen Fälle der<br />
Kollegen einzusteigen, lösungsempfehlungen zu diskutieren<br />
oder einfach nur „ernst zu nehmen“ und zuzuhören.<br />
Nach dem 1. Workshop war es eines meiner persönlich<br />
wichtigsten Ziele, bei anderen, ähnlich skeptischen Kollegen<br />
lobby-arbeit zu leisten und auf die Chance, „selbst Veränderungen<br />
mitzugestalten“, hinzuweisen.<br />
Eine sehr gute und motivierende Veranstaltung – das „Forum<br />
dialog“ –, in der wir uns gemeinsam mit 70 Kollegen stimmungsvoll,<br />
kreativ und mit Spaß „von aol verabschiedeten“ und das<br />
auf unserem Weg in den Merger Gute, Wertvolle und Wichtige<br />
mit in unseren rucksack packten, stimmte mich weiter positiv<br />
auf den „blau-roten Weg“ ein. Und dann kam unser „rebellen<br />
Change Workshop“ im Februar in Hamburg ...<br />
journal Best of | aol königswieser & network | 13<br />
Phase 3: der kurze abschied von<br />
der langen „Pubertät“<br />
als abschluss des temporeichen Change-Projekts<br />
wird in konzertierter anstrengung der abschied von der<br />
geliebten Marke aol bewältigt. die Führungskräfte setzen<br />
zu einem zweiten turn-around mit dialogveranstaltungen<br />
in den Standorten an, in denen auch der neue<br />
Besitzer präsentiert wird.<br />
thomas Hohlfeld: „Es war eine unglaubliche Erfahrung,<br />
in den dialogisch gestalteten Großveranstaltungen<br />
kollektive trauerarbeit zu leisten und gleichzeitig<br />
die Mannschaft mental auf die zukünftigen<br />
Wachstumsziele vorzubereiten.“<br />
Uwe Scheutz, Projektleiter K&N: „Wir waren nach<br />
diesen roaddialogveranstaltungen richtig fertig!“<br />
Seit 1. März 2007 ist aol Geschichte, und der gemeinsame<br />
lauf unter dem dach von HanseNet hat begonnen.<br />
damit ist das Change-Projekt zu seinem abschluss<br />
gekommen – doch mit großem Bedauern, dass<br />
die begleitete Entwicklung nun endet.<br />
der Prozess hat alle Beteiligten verändert, das<br />
Selbst bewusstsein ist ein anderes. Im Nachhinein wird<br />
selbst die Metapher „pubertierende Jugendliche“ zurückgewiesen:<br />
„Nein, das waren und sind wir nicht<br />
mehr, wir sind erwachsen und reflektiert. Wir hatten in<br />
den ersten elf <strong>Jahre</strong>n unserer Wirkungszeit bloß vergessen,<br />
strukturiert zu arbeiten.“ aber der „raum zum lernen“<br />
hat ein führungsstarkes team geformt. als faktisches<br />
Ergebnis kann thomas Hohlfeld, nun direktor<br />
des Kundenservice, auf die geringe drop-out-rate verweisen:<br />
Von den 1 250 Führungskräften sind im laufe<br />
des aufreibenden Prozesses nur 47 verloren gegangen.<br />
die anderen haben mitgezogen und „definitiv<br />
profitiert – auch ich“.<br />
anfangs schwankte ich zwischen Wahn sinn, Frust und<br />
Mutlosigkeit, da von den schon spärlichen 6 Kollegen des<br />
1. Workshops, erst nur 3, später 4 Kollegen an wesend waren.<br />
Es entwickelte sich allerdings in dieser runde eine dynamik,<br />
wie ich sie im beruflichen Umfeld selten erlebt habe.<br />
Wir wollten und konnten die aktuellen Entwicklungen zu<br />
Ma-Kommunikation und Ma-Führung nicht akzeptieren!<br />
also entwickelten wir einen „Schlachtplan“, um Mitstreiter dafür<br />
zu begeistern, uns auf dem Weg zu einer besseren, Ma-<br />
orientierteren und bewussteren Kommunikation in einer so<br />
wichtigen Phase zu unterstützen. dass das nicht immer leicht ist,<br />
stellte sich u. a. bei unserem Versuch heraus, die teilnehmer des<br />
zweiten, parallel stattfindenden Change-Workshops mit unserem<br />
„Feuer“ anzustecken.<br />
Wir ließen uns aber nicht beirren, schrieben bis tief in die<br />
Nacht „unsere thesen“ zu den aktuellen Führungs- und<br />
Kommunikationsrisiken, mailten sie dir – du warst auf Urlaub –,<br />
erhielten von dir direkt am nächsten Morgen positives Feedback<br />
und präsentierten einige tage später durchaus klare und zum<br />
teil provokante aussagen dem hochrangig besetzten Inte -<br />
gration-Board.<br />
Wider Erwarten ernteten wir Zeit, Beachtung, aufmerksamkeit<br />
und einen ersten kleinen Platz im Erkenntnisraum der<br />
wichtigen Funktionsträger im „neuen Unternehmen“.<br />
Natürlich ist nicht alles auf einmal rosarot, und noch sind<br />
nicht alle voll auf dem „Change-trip“, aber wir sind auf einem<br />
besseren Weg als vor 3 Monaten.<br />
Man setzt sich auseinander, lässt Meinungen wirken und hat<br />
sogar schon Veranstaltungen für Führungskräfte angestoßen,<br />
um GEMEINSaM über Führungsstile und Führungsphilosophien<br />
zu diskutieren.<br />
Nicht irgendjemand, sondern WIr Führungskräfte haben es in<br />
der Hand, Veränderungen aktiv zu gestalten. UNSEr Zutrauen,<br />
Commitment, Glauben und Mut können und werden „Change-<br />
Berge“ versetzen. Und: WIr können beweisen, dass aol/<br />
HanseNet zu jenen 30 Prozent aller Unternehmen gehören kann,<br />
die erfolgreich einen Merger auf den Weg bringen.<br />
Dirk Glebe
Seminarteilnehmer im Park des<br />
Kaiserbahnhofs in Potsdam<br />
Nachhaltigkeit<br />
Lösungen<br />
Mitarbeiter<br />
Begeisterung<br />
Intervention<br />
Verantwortung<br />
Haltung<br />
Wandel<br />
Veränderung<br />
Zukunft<br />
Entwicklung<br />
Rolle<br />
Qualität<br />
Quick wins<br />
Gestalter<br />
Visionäres in der Beratungspraxis<br />
Schienen legen,<br />
Weichen stellen…<br />
Elisabeth loibl interviewte Katharina Heuer, leiterin des Bereichs Management- und<br />
Mitarbeiter qualifizierung, deutsche Bahn aG<br />
das Personalmanagement in Unternehmen erlebt<br />
heute einen grundlegenden Wandel: Es entwickelt<br />
sich zum (Geschäfts-)Partner des operativen Managements;<br />
es übernimmt (Mit-)Verantwortung für die Entwicklung<br />
des Unternehmens und der Mitarbeiter.<br />
Im Jahr 2004 stößt das Personalressort der deutschen<br />
Bahn aG einen konsequent geförderten Veränderungsprozess<br />
an. Schon damals gab es die Vision,<br />
dass Personaler von Verwaltern zu Gestaltern werden<br />
sollten. Voraussetzung dafür waren nicht nur Strukturanpassungen,<br />
sondern vor allem mentale Veränderungen,<br />
um sich in diese revolutionär anderen rollen<br />
hineinentwickeln zu können. die standardisierbaren<br />
administrativen Personalprozesse und tätigkeiten<br />
werden in einem „ServiceCenter Personal“ gebündelt,<br />
und der Personaler vor ort kann sich somit als Berater,<br />
Veränderungsmanager und Geschäftsverantwortlicher<br />
weiterentwickeln und etablieren.<br />
Hierbei setzt die deutsche Bahn konsequent auf<br />
Effizienz der administrativen Prozesse, auf Verbesserung<br />
der Qualität der Personalarbeit sowie auf die<br />
Kompetenzentwicklung und Qualifizierung der 800<br />
Personalmanager auf allen Ebenen des Unternehmens<br />
– von den Personalreferenten über die Personalleiter<br />
Betrieb und region bis hin zu den Geschäftsführern<br />
Personal sowie den leitern und referenten der<br />
Gruppen- und Servicefunktionen der Konzernleitung.<br />
Katharina Heuer ist gemeinsam mit den beiden internen<br />
Bildungsdienstleistern dB akademie und dB<br />
training verantwortlich für die Umsetzung des Qualifizierungsprogramms:<br />
„Im rahmen des Projekts ‚Weiterentwicklung<br />
Personalmanagement – Fit für die Zukunft‘<br />
haben wir ein Qualifizierungsprogramm mit<br />
fol gendem Ziel konzipiert: die Menschen im Personalbereich<br />
sollten sich miteinander vernetzen, sich über<br />
die Erfahrungen, die sie in diesem Veränderungsprozess<br />
machen, austauschen und voneinander lernen.<br />
der individuelle Wachstumsprozess und der Verände<br />
rungsprozess der organisation stehen für uns<br />
dabei im Vordergrund. Mit diesem umfassenden Qualifi<br />
zie rungs programm wollen wir ein gemeinsames Verständ<br />
nis von Personalarbeit und ein konzernweites<br />
Netzwerk für Personalthemen entwickeln.<br />
am Programm nehmen immer Vertreter aller Geschäftsfelder<br />
und regionen sowie des operativen<br />
Personalmanagements und Inhaber von Zentralfunktionen<br />
teil – somit findet zusätzlich für die or ganisation<br />
relevantes lernen statt. die Zusammenarbeit<br />
wird verbessert.“<br />
Um der ausrichtung des Personalbereichs in seiner<br />
umfassenden Komplexität gerecht zu werden,<br />
wurde dem systemischen ansatz im rahmen des für<br />
diesen Veränderungsprozess entwickelten Qualifizierungsprogramms<br />
„Fit für die Zukunft“ ein hoher Stellenwert<br />
beigemessen.<br />
Katharina Heuer begründet die Wahl des systemischen<br />
ansatzes damit, dass er der umfassendste<br />
sei: „Personalmanager sind selbst teil des Systems<br />
Unternehmen und agieren in diesem in unterschiedlichen<br />
rollen. daher sollten sie das Unternehmen als<br />
System mit untereinander zusammen hängenden Wirkungsgefügen<br />
verstehen. Und indem sie mit Hilfe von<br />
Interventionen diese Gefüge aktiv mitgestalten, können<br />
sie auch lenkend ins System eingreifen.“<br />
das Programm „Systemische Kompetenz in Veränderungsprozessen“<br />
wurde ausgeschrieben, und<br />
nach einem sorgfältigen auswahlverfahren wurde<br />
K&N als Kooperationspartner engagiert. „Hierfür<br />
ausschlaggebend war die Kompetenz von K&N bezüglich<br />
des systemisch-komplementären ansatzes,<br />
aufgrund dessen rasch Erfolge und gleichzeitig<br />
Nachhaltigkeit erreicht werden. Insbesondere hat<br />
uns die Praxisnähe der beratungserfahrenen trainer<br />
überzeugt.“<br />
Gemeinsam mit K&N wurde eine kaskadenförmige<br />
architektur für das Programm „Systemische Kompetenz<br />
in Veränderungsprozessen“ konzipiert, die mit<br />
Workshops mit den Personalleitern region beginnt<br />
und in der Folge für die Personalleiter Betrieb und<br />
weiters für die Personalreferenten adaptiert wird. In<br />
Planung sind darüber hinaus Workshops für Geschäftsführer<br />
Personal und die Betriebsräte. Geleitet<br />
werden nicht alle Workshops von den externen trainern,<br />
sondern auch von trainer-tandems, die sich aus<br />
trainern von K&N und aus eigenen trainern aus dem<br />
tQM-team von dB training zusammensetzen – ein<br />
Verfahren, das garantiert, dass das methodische<br />
Know-how in die organisation integriert wird.<br />
das Programm „Systemische Kompetenz in Veränderungsprozessen“<br />
ist in mehrere Module aufgefächert,<br />
die zur intensiven und praxisorientierten<br />
aus einandersetzung mit den themen „Grundlagen<br />
sy s te mischer Veränderungskompetenz“, „Interventions<br />
architekturen und -methoden“, „Haltung/rolle/<br />
Selbst verständnis von Personalern“ einladen. der<br />
Ver änderungsprozess, in den alle involviert sind, wird<br />
in Schleifen durchlaufen, thematisiert, hinterfragt.<br />
journal Best of | deutsche Bahn aG königswieser & network | 15<br />
„Wie kann ich meine rolle als Personaler vor ort optimal<br />
wahrnehmen? Vor welchen Herausforderungen<br />
stehe ich? Wie kann ich mich der systemischen Kompetenz<br />
bedienen, um diesen Prozess optimal zu gestalten?<br />
In welcher rolle agiere ich gerade? als leiter<br />
meiner originären Personalorganisation oder als mitverantwortlicher<br />
Manager eines Geschäftsfelds?“<br />
In den strukturierten Veränderungsprozess sowie<br />
in die Programme werden immer wieder Führungskräfte<br />
aus dem Personalressort mit einbezogen. „Wir<br />
wollen in der kritisch-konstruktiven auseinander -<br />
setz u ng im eigenen ressort kontinuierlich Feedback<br />
aus der organisation einholen und in die organisation<br />
zurückgeben, um neue Impulse, Erfolgsfaktoren,<br />
aber auch Stolpersteine zu identifizieren und danach<br />
den Veränderungsprozess gemeinsam zu gestalten.<br />
Somit ist die Wirklichkeit in den Prozess integriert –<br />
die realität der Ungleichzeitigkeit, des unterschiedlichen<br />
tempos, der offenheit einander gegenüber.“<br />
die Investition in dieses flächendeckende Programm<br />
zeigt bereits gegen Ende der ersten Staffel<br />
Wirkung: „der Personalbereich wächst zusammen,<br />
die teilnehmer entwickeln ein gemeinsames Verständnis<br />
bezüglich der rollen und der aufgaben als<br />
Geschäftspartner.<br />
damit geht die Qualifizierungsmaßnahme in eine<br />
organisationsrelevante Veränderungsdimension<br />
über!“ Neues auszuprobieren, kreative Methoden anzuwenden,<br />
sich zu trauen und sich etwas zuzutrauen,<br />
das erzeugt Begeisterung, einen „Schneeballeffekt“<br />
und eine unglaubliche dynamik.<br />
das Vertrauen in die eigene und die gemeinsame<br />
Kompetenz des Personalbereichs wächst: Es gibt für<br />
alle Fragen und Herausforderungen lösungen, die<br />
man gemeinsam findet.<br />
Eines merkt Katharina Heuer abschließend mit<br />
Nachdruck an: Wie wichtig es sei, Menschen in Veränderungsprozessen<br />
aktiv zu begleiten. Begleitung und<br />
Qualifizierung vordergründig mit defizitbedingten<br />
Si tu a tionen und Krisen zu identifizieren, sei eindimensional:<br />
„organisatorische Veränderungsprozesse und<br />
persönliches Wachstum brauchen unterschiedliche<br />
Impulse. Wir investieren nicht nur in Kompetenzentwicklung<br />
und Qualifizierung unserer Personalmanager,<br />
sondern ermöglichen auch orientierung aufgrund<br />
der Begleitung des Gesamtprozesses.“
16 i königswieser & network Kasseler Sparkasse | journal Best of<br />
die „Jungen<br />
Wilden“ in<br />
der „Zukunftswerkstatt“<br />
Elisabeth loibl im Gespräch mit Katja Busch, abteilungsleiterin<br />
für Personalplanung und -betreuung, Kasseler Sparkasse<br />
1997 wurden die beiden großen Sparkassen Kassels<br />
– die Stadt- und die Kreissparkasse – fusioniert,<br />
und in der Folge gab es eine reihe von Umstrukturierungen.<br />
2005 erhob die Kasseler Sparkasse in einer<br />
Mitarbeiterbefragung die Zufriedenheit ihrer angestellten,<br />
und da zeigte sich Entwicklungsbedarf für<br />
den Führungsbereich.<br />
der Wille, abhilfe zu schaffen, ist vorhanden, unklar<br />
aber ist, wo der kritische Punkt auszumachen sei,<br />
an dem man ansetzen könne. das führt zu der Entscheidung,<br />
Hilfe von außen zu holen. Im Gespräch mit<br />
lars Burmeister von K&N tun sich neue Perspektiven<br />
hinsichtlich kreativer ansätze auf. Katja Busch, als abteilungsleiterin<br />
für Personalplanung und -betreuung<br />
neu im „amt“, wird mit der leitung des Veränderungsprojekts<br />
„Führung im Wandel“ betraut und macht in<br />
der Folge selbst radikale Erfahrungen in der K&N-<br />
Zukunftswerkstatt.<br />
In einer ersten Projektphase werden Mitarbeiter<br />
aus verschiedensten Hierarchiestufen zu Interviews<br />
bezüglich des themas Führung eingeladen. die rückspiegelung<br />
der daraus resultierenden Systemdiagnose<br />
an Vorstand und Bereichsleitung erbringt erste<br />
Handlungsaufträge für den Veränderungsprozess.<br />
Ein diesbezüglich markanter Baustein ist die „Zukunftswerkstatt“.<br />
Zu dieser ist die Projektgruppe der<br />
„Jungen Wilden“ eingeladen: junge Potenzialträger<br />
aus dem Unternehmen, die noch nicht in Führungspositionen<br />
eingesetzt sind. Ihre aufgabe ist es, ein Bild<br />
künftiger Führung zu visualisieren, ihre Wünsche und<br />
Erwartungen zu thematisieren und auszumachen, wo<br />
sie generell Handlungsfelder für eine zukünftige ausrichtung<br />
der Sparkasse wahrnehmen. dafür ist der<br />
zweitägige Workshop „Zukunftswerkstatt“ anberaumt,<br />
in dem die aufgaben mit kreativen und auch<br />
ungewohnten Methoden umgesetzt werden sollen.<br />
So jedenfalls lauten die lapidaren Informationen,<br />
die lars Burmeister im Vorfeld gibt – auch die Projektleiterin<br />
erfährt zu ihrer anfänglichen Verunsicherung<br />
nicht mehr. auch sie ist aufgefordert, sich auf das abenteuer<br />
einzulassen und den Weg in einen aufbruch gemeinsam<br />
mit ihren Kollegen mitzugehen.<br />
die ankündigungen von lars Burmeister und Martin<br />
Hillebrand von K&N lassen sie allerdings doch ein wenig<br />
um ihre Vertrauenswürdigkeit im Betrieb bangen:<br />
als eine der teambildenden Maßnahmen stellen die<br />
beiden einen Programmpunkt am abend in aussicht, in<br />
dessen rahmen die teilnehmer noch einmal in ganz<br />
spezieller Weise gefordert sein werden. Katja Busch<br />
beschreibt ihre erste Schrecksekunde: „Grillen? Selber<br />
kochen? oh nein – das geht doch nie mit kopflastigen<br />
Bankern!“<br />
als das 26-köpfige team der „Jungen Wilden“ sich<br />
dann zum Workshop versammelt, ist Katja Busch<br />
„bass erstaunt“, welche Kreativität in der Umsetzung<br />
des themas freigesetzt wird. die Collage, die hier gebastelt<br />
und gebaut wird, vermag den Status quo von<br />
Führung gut abzubilden und bringt eine Menge an Fragen<br />
mit sich, die in die Zukunft weisen: Wie wird eigentlich<br />
Sinn vermittelt? Warum tut der Vorstand das, was<br />
er tut? Wie ist es, wenn man sich zu einem zunehmend<br />
aktiven, kundenorientierten Unternehmen entwickelt?<br />
Warum ist eine aktive ausrichtung notwendig? Und das<br />
Miteinander betreffend: Wie gehen Führungskräfte eigentlich<br />
mit uns Mitarbeitern um? Wie werden wir von<br />
ihnen wahrgenommen? Wie viel Zeit ist für uns da?<br />
In den rückspiegelungen kristallisieren sich als<br />
Manko vor allem ein Bruch in der Kommunikation und<br />
ein Mangel an Sinnstiftung heraus. Und entgegen den<br />
anfänglichen Bedenken von Katja Busch widmen sich<br />
alle rückhaltlos der aufgabe, sich kreativ an den organisationsstrukturen<br />
zu reiben.<br />
journal Best of | Kasseler Sparkasse königswieser & network | 17<br />
Selbst der abendliche „Schocker“ wird bravourös<br />
gemeistert, als lars Burmeister erst die schlechte und<br />
dann die gute Nachricht verkündet: der Küchenchef sei<br />
ausgefallen, aber alle Zutaten für ein 5-Gänge-Menü<br />
stünden zu eigenhändiger Verarbeitung bereit. Katja<br />
Busch spricht von einem „bombastischen Effekt“: der<br />
eine teil des teams setzt sich die Kochhauben auf und<br />
macht sich in der Küche nützlich, die anderen decken<br />
die tische. das ist die Probe aufs Exempel hinsichtlich<br />
des teambildungsprozesses – und sie wird glänzend<br />
bestanden!<br />
tags darauf trifft Vorstandsmitglied Ingo Buchholz<br />
ein, um sich die Ergebnisse präsentieren zu lassen. In<br />
einer produktiven, offenen auseinandersetzung liefern<br />
die „Jungen Wilden“ ihren kritischen Befund bezüglich<br />
Fehlentwicklungen im Haus ab. diese leistung<br />
wird von Herrn Buchholz gewürdigt, der, um an diesem<br />
befreienden ansatz zu einem aufbruch teilzuhaben,<br />
sogar seine termine verschoben hat.<br />
die Ergebnisse finden schließlich Niederschlag in<br />
einem neuen anforderungsprofil für Führungskräfte.<br />
die „Jungen Wilden“ agieren weiterhin als Impulsgeber<br />
hinsichtlich der angepeilten Entwicklungen, treffen<br />
sich mit Führungskräften und Bereichsleitern, um die<br />
jeweiligen Eindrücke auszutauschen, und stehen in regelmäßigem<br />
Kontakt mit Herrn Buchholz.<br />
Katja Busch ist begeistert von der neuen dynamik.<br />
Sie selbst habe methodisch viel dazugelernt. Vor allem<br />
habe sie erfahren, was passiert, wenn man Menschen<br />
einen Kick gibt, sodass diese sich zu einer sinnerfüllten<br />
Mitgestaltung ihres arbeitszusammenhangs<br />
aufmachen. Und sie werde diese Methode in weitere<br />
Bereiche und Gruppierungen hineintragen, denn für<br />
sie sei das „ein Mittel und Weg, mit Hilfe hoch motivierter<br />
Potenzialträger eine starke Mitarbeiter bindung<br />
zu erreichen“.
18 i königswieser & network Einblicke in die Beratungspraxis: Boehringer Ingelheim | journal Best of journal Best of | Einblicke in die Beratungspraxis: journal September Boehringer 2009 | Ingelheim Editorial königswieser & network | 19<br />
Einblicke in die Beratungspraxis<br />
Wild sein –<br />
dürfen wir das?<br />
Wie sind unterschiedliche Eigenschaften erfolgreich zu vereinen?<br />
dr. rüdiger Erckel (Head of division Chemicals; bis 30. 6. 2008)<br />
dr. Herbert Stein (Geschäftsführer Chemikalien deutschland)<br />
dr. rainer lecht (leiter Supply Chain Management)<br />
Glaubt man an Komplementarität, steckt in<br />
jedem Konservativen ein liberaler, in jedem<br />
Braven ein Wilder und in jedem Zufriedenen<br />
ein Nörgler. die Balance der Gegensätze macht<br />
die Kultur und einen steten Veränderungsprozess<br />
zum Programm – so wie bei<br />
Boehringer Ingelheim.<br />
Heidi aichinger hat recherchiert.<br />
Viel Kraft und Herzblut sei die vergangenen zwei<br />
<strong>Jahre</strong> in das Veränderungsprojekt geflossen. darüber<br />
hinaus sei vieles an Führungsarbeit hintan geblieben,<br />
das es jetzt nachzuholen gelte. ob sie es in diesem<br />
Wissen noch einmal machen würden? Herbert Stein<br />
und rainer lecht schauen sich an.<br />
Nun, es sind die Fragen, aus denen das, was bleibt,<br />
entsteht, sagte einst Erich Kästner. am Standort Ingelheim<br />
von Boehringer, einem großen forschenden<br />
deutschen Pharmakonzern, war es zunächst die Frage<br />
nach der Wettbewerbsfähigkeit. oder: Wie schaffen<br />
wir es, die Wertschöpfungskette zu verbessern?<br />
„Wir merkten an vielen dingen, dass wir teurer<br />
sind als die anderen Standorte – Italien, Spanien und<br />
die USa“, sagt Herbert Stein, leiter des Geschäftsführungsbereichs<br />
Chemikalien, mit rund 1 000 Mitarbeitern<br />
das „Herzstück“ am Ingelheimer Standort. Zwar<br />
erlaube die launchaktivität – der Entwicklungsprozess<br />
vom einzelnen Wirkstoff bis hin zur Zu lassung<br />
eines Pharma-artikels in industrieller Größe – höhere<br />
Kosten zur Qualitätssicherung und mehr Belegschaft<br />
für einzelne Verfahren, aber selbst mit Hilfe dieser<br />
tatsachen ließen sich die Kennzahlen nicht mehr beschönigen.<br />
Stein: „Wir mussten uns selbst nachweisen,<br />
dass wir, auch wenn wir alles rundherum abziehen,<br />
noch immer teurer sind als die anderen. Wir<br />
mussten unsere Prozesse schlanker gestalten.“ Und<br />
all das sollte noch in einer Phase des Wachstums passieren.<br />
Konjunkturell bedingte abschwünge seien abzusehen,<br />
dem vorzubauen war ebenfalls ein Ziel.<br />
ohne Mitarbeiter abzubauen oder die arbeitszeiten<br />
zu erhöhen, sollten intelligente Prozesse Sy -<br />
ner gien besser nutzbar machen, das Miteinander<br />
stringenter gestalten, sagt Stein. Fachberatung war<br />
zu diesem Zeitpunkt bereits im Haus gewesen, „wir<br />
merkten aber ab einem bestimmten Punkt, dass die<br />
gegen Mauern laufen – und wir mit ihnen“. Es musste<br />
etwas anderes als ein rein „mechanistischer“ ansatz<br />
her, so Stein weiter.<br />
Wie schaffen wir es, zu einer lernenden organisation<br />
zu werden? Gemeinsam mit den Beratern von<br />
<strong>Königswieser</strong> & <strong>Network</strong> – den Projektleitern Erik<br />
lang und lars Burmeister – wurde PolIS installiert,<br />
das „Projekt zur optimierung der launchfähigkeit am<br />
Ingelheimer Standort“. Projektleiter bei Boehringer<br />
wurde rainer lecht. Boehringer Ingelheim und der<br />
komplementäre ansatz – eine vielversprechende<br />
Kombination, so lang, denn Werte wie Nachhaltigkeit,<br />
Sorgsamkeit und respektvoller Umgang miteinander<br />
passten gut zusammen.<br />
„Schnell wurde aber auch klar“, ergänzt Burmeister,<br />
„dass es nicht allein um die Verbesserung der<br />
Wertschöpfungskette, eine rein operationale Straffung<br />
der einzelnen Prozesse oder die Priorisierung<br />
der ressourcen ging.“<br />
die Zusammenarbeit zwischen den Bereichen war<br />
gewissermaßen im Stocken begriffen. „da schaute<br />
keiner in Nachbars Garten“, so Burmeister launig. die<br />
Frage, die sich den beiden K&N-Projektleitern stellte,<br />
war demnach: Wie bringt man die Mitarbeiter der ein-<br />
zelnen abteilungen dazu, sich für „Nachbars Garten“<br />
zu interessieren, aus verschiedenen einzelnen teilen<br />
ein großes, ganzes Bild zusammenfügen? Es wurde<br />
also – nach Interviews und rückspiegelungen – die<br />
Installation einer Steuergruppe vorgeschlagen, in der<br />
alle Bereiche und gemeinsam erarbeitete „neuralgische“<br />
themen als teilprojekte definiert wurden.<br />
langsam bröckelten kommunikative Barrieren.<br />
„Zum teil waren die rückspiegelungen einzelner<br />
Gruppen heftig“, erinnert sich Stein. „Wir haben uns<br />
mitunter gefragt: Sprechen die wirklich von uns? da<br />
waren schon einige Hämmer dabei!“ „aber“, schließt<br />
lecht an, „wir konnten siebzig, achtzig Prozent der<br />
themen nachvollziehen. Für uns war es wichtig, dass<br />
wir dabei gelernt haben, dass manches, was wir tun<br />
oder sagen, eben so oder so ankommt und dass das<br />
nicht bedeutet, dass wir so sind. Kurz: Wenn man gelernt<br />
hat, dass Kritik an bestimmten Äußerungen und<br />
Handlungen nicht gleichbedeutend mit Kritik an der<br />
Person ist, dann kann man solche aussagen auch besser<br />
akzeptieren.<br />
Es wurden teams zusammengestellt – u. a. in den<br />
Bereichen Führung, Kommunikation, teamarbeit, Kunde<br />
und Markt, Steuerung, organisation und das team<br />
der „Jungen Wilden“. 80 Projektmitglieder formten die<br />
komplementär zusammengestellten Gruppen: langjährige<br />
Mitarbeiter standen Einsteigern gegenüber,<br />
Veränderer den Bewahrern, Männern den Frauen oder<br />
die Stillen den Meckerern. „langsam wurde uns der<br />
andere ansatz bewusst“, sagt lecht. die Skepsis, mit<br />
der die K&N-Berater konfrontiert waren, blieb lange<br />
aufrecht. „Viele waren der ansicht, PolIS sei ein verkapptes<br />
Umorganisationsprojekt und K&N sei von<br />
uns nach vorn geschickt worden, erzählt Stein. auch<br />
kam das Projekt für viele nur sehr langsam in Bewegung.<br />
„Veränderung ist eben nicht sofort wahrnehmbar,<br />
auch nicht leicht quantifizierbar. diese Spannungen<br />
galt es ebenfalls auszuhalten“, sagt lecht.<br />
Jede Gruppe war ein kleiner Mikrokosmos, in einer<br />
Konstellation quer durch die Hierarchien – der Schichtarbeiter<br />
neben einem abteilungsleiter. Jeder musste<br />
dem lenkungskreis berichten. „diese Kraft mussten<br />
manche erst mal aufbringen“, sagt Stein. „Wenn man<br />
das nicht gewohnt ist, ist das keine leichte aufgabe.“<br />
„das teilprojekt ‚Junge Wilde‘ spiegelte einige<br />
für die Ingelheimer ganz interessante und typische<br />
Punkte“, erzählt lecht über die mögliche Einbringung<br />
kreativer Vorschläge für eine verbesserte Zusammenarbeit<br />
zwischen den abteilungen. „In unserer Branche<br />
muss jeder arbeitsschritt für alle nachvollziehbar sein<br />
und enorm präzise abgehandelt werden“, so lecht<br />
weiter, „da herrscht natürlich erst einmal Unsicherheit,<br />
wo nun auch wild zu sein erlaubt ist und sogar<br />
nützlich sein kann. „Wie kreativ dürfen wir sein?“, war<br />
eine der Fragen, mit denen der lenkungskreis konfrontiert<br />
wurde. „am liebsten wäre den leuten eine<br />
anweisung zum Kreativsein gewesen“, wirft Herbert<br />
Stein ein. rainer lecht fragte sich grundsätzlich: Sind<br />
wir überhaupt wild genug? Stein: „Es war für diese<br />
leute eine große Herausforderung. allein zu glauben,<br />
dass ihnen der Chef die Freiheit gibt, über kreative lösungen<br />
nachzudenken und den Weg der präzisen und<br />
klaren anforderung zu verlassen – und zwar nicht<br />
fachlich –, fiel vielen sichtlich schwer.“<br />
der „rote Faden“ in allen teilprojekten war die optimierung<br />
der übergreifenden Zusammenarbeit, die<br />
Über windung des abteilungsdenkens. Hier spielt Kommunikation<br />
eine Schlüsselrolle. daneben wurden<br />
aber auch ganz konkrete inhaltliche Ziele erreicht. Bemerkenswert,<br />
so Stein, sei vor allem die durch das<br />
teilprojekt organisation erarbeitete neue aufbau-<br />
und ablauforganisation – und damit verbunden die<br />
Einführung von hochqualifizierten Projektmanagern,<br />
den launchmanagern für die Bereitstellung von neuen<br />
Wirkstoffen. damit wurde nicht nur ein internes<br />
Problem angegangen, sondern auch den Kundenwünschen<br />
(im teilprojekt „Kunde & Markt“ formuliert)<br />
nach einem ansprechpartner für den komplexen übergreifenden<br />
Prozess entsprochen.<br />
„Ein Quantensprung“, so lecht weiter „war auch<br />
das im teilprojekt ‚Steuerung‘ erarbeitete Financial-<br />
Impact-Modul. anhand des sen konnten nicht nur die<br />
Steuerungsprozesse für das Management optimiert<br />
werden, sondern es wurde plötzlich für jeden Mitarbeiter<br />
transparent, welchen Einfluss das eigene Handeln<br />
auf das Gesamtergebnis hat.“<br />
Was kommt jetzt? „Wir haben“, sagt Stein, „keine<br />
revolution angezettelt, aber eine Evolution, die sichtlich<br />
Früchte trägt.“ dabei komme das lob nicht von<br />
den eigenen leuten, sondern vielmehr von den Partnern,<br />
mit denen der Geschäftsbereich Chemikalien in<br />
den Strängen verbunden ist. Es sei einiges in Bewegung<br />
gekommen, auch wenn man die Veränderung<br />
nicht tagtäglich wahrnehme. allein der veränderte<br />
Umgang mit bestimmten themen habe vieles in eine<br />
zukunftsfähige richtung gedreht. lecht: „Widerstände<br />
sind noch immer da, sie werden aber nicht mehr<br />
einfach nur ertragen, sondern thematisiert.“ Man dürfe<br />
ja auch nicht übersehen, dass man selbst auch immer<br />
teil des Veränderungswiderstands sei.<br />
„PolIS und die aktivitäten, die wir darüber hinaus<br />
initiiert haben, haben uns nachhaltig verändert. die<br />
Frage, die sich mir jetzt stellt“, so Stein, „lautet: Wie<br />
bewahrt man nun die dynamik und die Power in diesen<br />
aktivitäten?“<br />
das Projekt PolIS verstehe er als eine Übung für<br />
den künftigen Umgang mit Veränderungen. auch<br />
zahlreiche Erkenntnisse habe man gewonnen. Stein:<br />
„Ich wurde häufig enttäuscht – im wahrsten Sinne des<br />
Wortes. Einige meiner Einschätzungen, etwa Kollegen<br />
betreffend, haben sich geändert – und sicherlich auch<br />
die Einschätzungen anderer meiner Person gegenüber.<br />
aber: Es gab auch große Über rasch ungen! Ich<br />
habe über PolIS Menschen kennengelernt, die wie<br />
aus dem Nichts aus ihrer deckung kamen und angeboten<br />
haben, etwas zum Projekt beizutragen, von denen<br />
ich das niemals erwartet hätte. da hätte ich so<br />
einige Wetten verloren!“<br />
In jedem Fall habe PolIS die organisation ein ganzes<br />
Stück nach vorn gebracht. das erworbene Wissen<br />
und die Handhabung der Werkzeuge wurden – ganz<br />
komplementär – gleichermaßen als Fluch und Segen<br />
wahrgenommen.<br />
Manchmal falle es ihm schwer, die Veränderung<br />
abzuwarten, so Stein weiter. Es sei wie bei der trägen<br />
Bewegung eines tankers: Man dürfe nur leicht einlenken<br />
und müsse abwarten, bis die gesamte Masse in<br />
die gewollte richtung einschlage – aus Ungeduld zu<br />
übersteuern führe naturgemäß am Ziel vorbei. lecht:<br />
„Heute in der lage zu sein, Muster zu erkennen und<br />
zu wissen, wohin sie führen, ist eine zuweilen anstrengende<br />
Übung. denn: Zu wissen, dass man bestimmte<br />
Entwicklungen nicht vorwegnehmen kann,<br />
macht die Sache auch nicht leichter. diese Ungeduld<br />
auszuhalten fällt oft schwer.“<br />
Was bleibt, sind Fragen der Nachhaltigkeit: Was<br />
streifte nur die oberfläche, was ging tatsächlich in die<br />
tiefe? Wie nachhaltig hat PolIS unsere Führungsqualität<br />
verbessert, die Prozesse verändert? Und: auf<br />
welche unserer Fragen werden wir niemals eine antwort<br />
bekommen?
20 i königswieser & network Einblicke in die Beratungspraxis: FloW | journal Best of<br />
Einblicke in die Beratungspraxis<br />
Fragen kennen<br />
keine Grenzen<br />
Ein Völker verbindendes Kulturprojekt<br />
als österreichische Initiative des Ministeriums für<br />
europäische und internationale angelegenheiten –<br />
in Kooperation mit der ErStE Stiftung – fand im<br />
Mai 2008 in Novi Sad erstmals das Festival FloW statt.<br />
Elisabeth loibl hat recherchiert.<br />
Bulgarien<br />
FloW bietet eine Plattform, die Künstler, Kulturschaffende<br />
und Wissenschaftler aus zehn ländern<br />
des südöstlichen donauraums zu einem austausch<br />
zusammenbringt.<br />
Ein hohes Maß an sorgfältiger Konzeption ging dieser<br />
Veranstaltung voraus. denn die Umsetzung der Vision<br />
des Ministeriums, ein „Schiff“ zu lancieren, das sich<br />
zu einer verbindendenden linie im südöstlichem raum<br />
der Nachbarländer entwickelt, braucht ein Mehr an offenen<br />
und kreativen rahmenbedingungen, als das in<br />
den etablierten Settings von Kulturforen vorgesehen<br />
ist. Ein Festival sollte es sein – anstatt einer Kulturtagung,<br />
ein neues Format mit nachhaltiger Wirkung.<br />
als Festivalleiter wird robert Punkenhofer von<br />
art&idea, Berater und Projektmanager an der Schnittstelle<br />
von Kreativwirtschaft und Kunst in internationalem<br />
Kontext, von dr. Emil Brix vom Bundesministerium<br />
für auswärtige angelegenheiten beauftragt. Er<br />
kristallisiert aus recherchen und Strategieentwürfen<br />
das Konzept der grenz über schrei tenden Flussenergie<br />
– des FloW – heraus: die Ein ladung der „most beautiful<br />
minds“ des donauraums zum unmittelbaren austausch<br />
unter dem Motto „Jeder Gast ein Sprecher“.<br />
der Veranstalter Österreich präsentiert sich in diesem<br />
Kraftfeld nicht in der top- down-rolle eines „romantischen<br />
Kapitäns“, sondern als „Katalysator“, als<br />
„Enabler“ und „Facilitator“ auf gleicher augenhöhe.<br />
Für die Vorbereitung und Umsetzung des dreitägigen<br />
Festivals holt robert Punkenhofer Netzwerk-<br />
rumänien<br />
Ukraine<br />
Moldawien<br />
Bosnien-Herzegowina<br />
Slowakei<br />
Österreich Serbien<br />
partner ins team. Einem advisory Board, das aus<br />
Kuratoren aus den zehn teilnehmerstaaten – Bos nien-<br />
Herzegowina, Bulgarien, Kroatien, Moldawien, Österreich,<br />
rumänien, Serbien, der Slowakei, Ungarn und<br />
der Ukraine – zusammengesetzt ist, ist die ausschreibung<br />
des Projekts in ihren ländern und die auswahl<br />
der teilnehmer anvertraut. Mit der Umsetzung<br />
wird anja Hasenlechner von hasenlechner- artconsult<br />
beauftragt.<br />
Nun gilt es, ein Modell für das Konzept des offenen<br />
austauschs zu finden. die Festivalleitung entscheidet<br />
sich für die Gestaltung eines open Space, in<br />
dem die Kommunikation nicht formell reguliert wird<br />
und man nicht auf hierarchische Strukturen setzt.<br />
„das ist ein Novum“, betont robert Punkenhofer die<br />
Entscheidung, das risiko einzugehen und sich auf<br />
völlig unvorhersehbare Entwicklungen einzulassen.<br />
als methodisch erfahrene Spezialisten werden Ulrich<br />
<strong>Königswieser</strong> und Charlotte Götz von <strong>Königswieser</strong><br />
& <strong>Network</strong> hinzugezogen. die aufgabenstellung<br />
trifft sich mit deren Interesse, in Zusammenarbeit mit<br />
NPos an internationalen Veränderungsprojekten mitzuwirken.<br />
Ulrich <strong>Königswieser</strong> umreißt die Herausforderung:<br />
„Wie können mit unserem systemischen ansatz<br />
offene Plattformen auf ge sellschafts politi scher<br />
Ebene entwickelt werden?“<br />
Gemeinsam mit dem lokalen Projektteam in Novi<br />
Sad bereiten sie die Veranstaltung vor und stimmen<br />
das Programmdesign mit der Festivalleitung, dem advisory<br />
Board, den diplomaten des Ministeriums sowie<br />
Silvia Bohrn von der ErStE Stiftung, ab. das Programm<br />
wird festgelegt.<br />
Kroatien<br />
Ungarn<br />
journal journal September Best of | 2009 Einblicke | ausblick, in die Beratungspraxis: Weitblick – lichtblick? FloW königswieser & network | 21<br />
dr. Emil Brix, Ulrich <strong>Königswieser</strong>, dr. robert Punkenhofer<br />
der erste tag des Festivals ist dem Empfang der<br />
Gäste in einem „World Café“ gewidmet, dem gegenseitigen<br />
Kennenlernen all der Wissenschaftler aus<br />
technologie, Philosophie, Soziologie, der Medien-<br />
und Kulturschaffenden, designer, architekten und<br />
Künstler, von denen einige ihre Performance präsentieren.<br />
In einer ersten Grundsatzdiskussion über die Identität<br />
des Projekts wird der open Space eröffnet. Es<br />
muss geklärt werden, dass das Projekt Erwartungen<br />
hinsichtlich finanzieller Förderung ausschließt und es<br />
an den teil nehmer(inne)n liegt, diese wunderbare Gelegenheit,<br />
über die Visa-Grenzen hinweg zusammenzukommen,<br />
zu wechselweiser Befruchtung und möglicherweise<br />
für eine Zusammenarbeit zu nutzen.<br />
am zweiten tag wird dieser ansatz in offenen arbeitsgruppen<br />
vertieft. Ulrich <strong>Königswieser</strong> und Charlotte<br />
Götz moderieren die Veranstaltung. Sie sind mit<br />
euphorischer Beteiligung, aber auch mit kritischen<br />
Infragestellungen konfrontiert: mit Misstrauen gegenüber<br />
der in der Unternehmenswelt immer häufiger<br />
verwendeten Form des „open Space“ sowie mit Misstrauen<br />
gegenüber dem Gastgeber Österreich, der –<br />
weil längst dem „westlich-kapitalistischen“ Europa<br />
zugehörig – die gesellschaftspolitischen Umbrüche,<br />
die die teilnehmer verbinden, nicht hatte mitmachen<br />
müssen.<br />
In der atmosphäre der offenheit kommen existenzielle<br />
Fragen zur diskussion:<br />
Wie reisen wir durch Europa?<br />
Welche rolle werden wir in Europa spielen?<br />
Wie selbstbewusst können wir auftreten?<br />
Wie misstrauisch sollen wir sein?<br />
Wie lange wird es dauern, bis die alten Wunden<br />
verheilen?<br />
Wie verständigen wir uns?<br />
Wie können wir Netzwerke bilden und sicher -<br />
stellen, dass sie sich nachhaltig entwickeln?<br />
Wie finanzieren wir unsere Projekte?<br />
abgerundet wird das Festival am dritten tag mit<br />
Führungen der delegation aus Novi Sad durch ihre<br />
Kulturzentren, mit einem Einblick in die aktuelle Szene<br />
und arbeitsumgebung. Und die ersten konkreten<br />
Pläne hinsichtlich künftiger Zusammenarbeit kommen<br />
in Fluss.<br />
„das risiko der schwierigen offenen auseinandersetzung<br />
hat sich gelohnt, es ist viel mehr herausgekommen<br />
– vor allem gute Ideen für viele grenzüberschreitende<br />
Projekte“, resümiert robert Punkenhofer.<br />
Nächstes Jahr wird FloW in einer anderen Stadt die<br />
Schleusen öffnen.
22 i königswieser & network K&N-award – die Preisträgerprojekte | journal Best of<br />
die Projekte der Preisträger des K&N-awards „Veränderungs projekte an der Schnittstelle von Wirtschaft und Gesellschaft“<br />
Sozial integrierte<br />
Quartiersentwicklung<br />
dipl.-Geogr. Jan lorenz Wilhelm ist an der Potsdamer<br />
Universität im Institut für Geografie tätig und<br />
befasst sich mit analyse und Beratung hinsichtlich<br />
sozial integrierter Quartiersentwicklung.<br />
Im Mittelpunkt meiner Forschungs- und Beratungstätigkeit<br />
steht die Begleitung von Veränderungsprojekten<br />
in benachteiligten Stadtquartieren.<br />
der Hintergrund: In deutschland und in anderen<br />
europäischen ländern beobachten wir eine zunehmende<br />
Konzentration sozialer und ökonomischer Problemlagen<br />
in bestimmten Stadtteilen. Immer mehr<br />
Einwohner und mit ihnen ganze Stadtteile drohen<br />
(weiter) marginalisiert zu werden. Mithilfe von<br />
Förderprogrammen (wie z. B. „die soziale Stadt“) versuchen<br />
Stadtverwaltungen, soziale akteure, lokale<br />
Unternehmen und engagierte Bürger, diesen abwärtstrend<br />
zu stoppen bzw. zumindest abzumildern.<br />
aber wie gestaltet sich die Steuerung dieser quartierbezogenen<br />
Projekte? Hier passt die Metapher von den<br />
zwei Seiten einer Medaille.<br />
die Vorderseite: Seitens der Fördermittelgeber<br />
werden administrative Vorgaben zur Umsetzung der<br />
Projekte festgeschrieben: antragsverfahren, Prüfpfade<br />
und vielfältige programmbezogene Kommunikations-<br />
und organisationsprozesse sind detailliert<br />
festgelegt. So sollen etwa anhand von Handlungskonzepten<br />
lokal angepasste Entwicklungsziele formuliert,<br />
lösungswege aufgezeigt und Erfolgsindikatoren eindeutig<br />
festgehalten werden. dies ist die wohldefinierte,<br />
planungseuphorische Seite – sozusagen der<br />
avers der „Medaille Quartiersentwicklung“.<br />
die rückseite: den akteuren eröffnet sich im arbeitsalltag<br />
jedoch alles andere als ein geradlinig kalkulierbarer<br />
Entscheidungsweg: So erweist sich die<br />
raumbezogene Semantik „benachteiligtes Stadtquartier“<br />
als unterschiedlich auslegbar. des Weiteren führen<br />
die zwischen den akteuren zu bildenden strategischen<br />
allianzen zur Beteiligung unterschiedlichster<br />
Systemmitglieder mit vielfältigen Systemkontexten.<br />
das führt zwangsläufig zu divergierenden definitionen<br />
von Zielen und Begriffen, die im Sinne der jeweiligen<br />
Interessen verwendet werden. Entscheidungsprozesse<br />
stellen sich also aufgrund der variablen<br />
Wahrnehmung von Handlungsspielräumen als sehr<br />
dynamisch und nicht wirklich gut planbar dar. daher<br />
ist nur selten linearität, häufig jedoch hohe Komple-<br />
xität und Unsicherheit beobachtbar. dies ist die andere<br />
Seite der Medaille.<br />
Konsequenzen für die Beratungstätigkeit: Grundsätzlich<br />
wird seitens der Forschung hinsichtlich Quartiersentwicklung<br />
der zuerst beschriebenen Seite – der<br />
administrativ-organisatorischen, linearität suggerierenden<br />
– deutlich mehr aufmerksamkeit gewidmet.<br />
Im Gegensatz dazu stelle ich gezielt die Zweiseitigkeit<br />
und die damit einhergehenden strukturellen Widersprüche<br />
in den Vordergrund. ohne die Förderprogrammvorgaben<br />
infrage zu stellen, hilft diese Sicht<br />
auf das Vorhaben, einen anderen Umgang mit den<br />
bisherigen Instrumenten und Verfahren der Förderprogramme<br />
anzuleiten.<br />
Hier ist es sinnvoll, systemische Beratungsansätze<br />
einzusetzen, um mit Hypothesen und Wirklichkeitskonstruktionen<br />
zur Quartiersentwicklung und<br />
mit den diesbezüglichen Konflikten zielführend umgehen<br />
zu können. dies trägt dazu bei, dass die Unzufriedenheit<br />
und der Missmut der oftmals sehr engagierten<br />
Projektverantwortlichen im Umgang mit den<br />
formalen Vorgaben verringert werden.<br />
Jan lorenz Wilhelm<br />
anonyme<br />
Insolvenzler<br />
attila von Unruh war ein erfolgreicher Unternehmer<br />
im Bereich Eventmarketing, bis ihn eine Verkettung<br />
misslicher Umstände zwang, Insolvenz anzumelden.<br />
„Genau in dem Moment, als die raupe dachte, die<br />
Welt ginge unter, wurde sie zum Schmetterling.“ – Ich<br />
bin gescheitert und erfolgreich. Ein Widerspruch? lassen<br />
sich diese beiden Gegensätze vereinen? Wie definieren<br />
wir Scheitern? Was ist Erfolg?<br />
auf der beruflichen Ebene bedeutet Erfolg für mich<br />
Gewinn – einen Zuwachs an Geld, Einfluss und Zufriedenheit.<br />
Bezogen auf die arbeit, habe ich meine rolle<br />
im „Business-theater“ gern gespielt und verschiedene<br />
Firmen erfolgreich aufgebaut, zuletzt im Bereich<br />
Eventmarketing. der Wettbewerb war extrem stark.<br />
das Stück auf der Bühne hieß: The winner takes it all.<br />
Entweder du hast den auftrag – oder nicht. der Gewinner<br />
steht im rampenlicht, der Verlierer tritt von der<br />
Bühne ab.<br />
Zum Glück lief es gut bei mir. Wir organisierten<br />
große Veranstaltungen, setzten trends im Bereich<br />
Eventmarketing. dann kam der große Knall: „Zahlen<br />
Sie 300 000 Euro – sofort!“ Was war geschehen? Ich<br />
hatte meine Firma verkauft. der Käufer hatte mich<br />
nicht, wie vereinbart, aus persönlichen Bürgschaften<br />
freigestellt und war pleitegegangen. Ich war im<br />
Schock! Ich kämpfte fünf <strong>Jahre</strong>, bis klar war: Ich hatte<br />
verloren, musste selbst Insolvenz anmelden. abgang.<br />
oder besser gesagt: absturz. Ins schwarze loch.<br />
In dieser Zeit wurde ich immer wieder mit der Situation<br />
konfrontiert, in Insolvenz zu sein. Ich erfuhr, wie<br />
sehr das thema in deutschland tabuisiert ist und<br />
welches Stigma es bedeutet, gescheitert zu sein.<br />
„Man spricht nicht darüber“ – rückzug, Scham und<br />
Isolation sind die Folgen. Ich hatte alle „Sicherheiten“<br />
verloren und fühlte mich ausgeliefert, als der Insolvenzverwalter<br />
entschied, dass ich nicht mehr selbstständig<br />
arbeiten dürfe.<br />
Währenddessen lief das große Stück auf der Bühne<br />
weiter. Ich war nicht mehr dabei. Was tun? Überle-<br />
ben, mich sortieren, orientierung finden, aufstehen,<br />
losgehen. Wohin? der Weg zurück auf die Bühne war<br />
versperrt. also hieß es für mich: neue Wege gehen,<br />
Potenziale entfalten, kreativ sein. den Moment der<br />
Stille nach dem Knall wahrnehmen – lernen, die Ungewissheit<br />
auszuhalten.<br />
„Jetzt, da mein Haus abgebrannt ist,<br />
sehe ich den Himmel viel besser.“<br />
dieser Zen-Spruch beschreibt meine Situation<br />
sehr treffend. aufgrund meines Bedürfnisses, mich<br />
mit Menschen auszutauschen, die auch von Insolvenz<br />
betroffen waren, gründete ich 2007 den Gesprächskreis<br />
„Anonyme Insolvenzler“. Über das Internet<br />
wurde das angebot sehr schnell bei Betroffenen bekannt.<br />
Es entstand ein Netzwerk mit Gesprächskreisen<br />
in Köln, Hamburg, München, Berlin, Wittlich, düsseldorf,<br />
dortmund, Frankfurt und Hannover. Weitere<br />
Kreise sind in Vorbereitung. Inzwischen ist dies die<br />
größte Selbsthilfeinitiative in deutschland im Bereich<br />
Insolvenzhilfe. träger ist der gemeinnützige Verein<br />
BV INSO – Bundesverband Menschen in Insolvenz<br />
und neue Chancen e. V., den ich in 2009 initiierte.<br />
journal Best of | K&N-award – die Preisträgerprojekte königswieser & network | 23<br />
attila von Unruh<br />
der Verein hat drei arbeitsschwerpunkte: Hilfe zur<br />
Insolvenzvermeidung, Insolvenzbegleitung und Neustart.<br />
Wir sind Experten in Sachen Krise. Viele hoch<br />
qualifizierte Menschen im Verband entwickeln innovative<br />
Projekte, z. B. das angebot einer turnaround-<br />
Beratung durch erfahrene Unternehmer/-innen, die<br />
ihre Krisenerfahrung als Kompetenz einbringen können.<br />
Inzwischen werden wir als Interessenvertreter der<br />
Betroffenen wahrgenommen und sind z. B. vom Wirtschafts-<br />
und Justizministerium eingeladen, an der reform<br />
des Insolvenzrechts mitzuwirken.<br />
Unsere Öffentlichkeitsarbeit stößt auf große resonanz,<br />
und ich stelle mich neuen Herausforderungen:<br />
Kürzlich saß ich beim 7. deutschen Insolvenzrechtstag<br />
in Berlin vor 800 teilnehmern auf dem<br />
Podium und diskutierte mit Vertretern von Verbänden<br />
und der Politik über Möglichkeiten des Mittelstands,<br />
die Krise zu meistern.<br />
Ich habe die Erfahrung des Scheiterns in mein leben<br />
integriert, sie gehört für mich dazu. Inzwischen<br />
erfahre ich sie als Bereicherung, die mir als Berater<br />
zugutekommt. Insbesondere in Beratungssituationen,<br />
in denen es um die Existenz der Unternehmen<br />
geht, kann ich die Verantwortlichen auf der emotionalen<br />
Ebene abholen und stabilisieren. dann lassen<br />
sich auch Sachfragen häufig klarer entscheiden.<br />
Für mich heißt es heute nicht mehr entweder erfolgreich<br />
oder gescheitert sein, sondern sowohl gescheitert<br />
als auch erfolgreich. Erfolg hat viele dimensionen.<br />
Scheitern ist eine davon.<br />
www.exist-cologne.de<br />
www.anonyme-insolvenzler.de<br />
www.bundesverband-menschen-in-insolvenz.de
24 i königswieser & network Wie Phönix aus der asche … | journal Best of journal Best of | Global statt lokal königswieser & network | 25<br />
Wie Phönix<br />
aus der asche …<br />
der turn-around bei einem großen deutschen Pharma-Unternehmen<br />
„Fünf <strong>Jahre</strong> ist es her, dass unser Werk auf <strong>Königswieser</strong><br />
& <strong>Network</strong> zukam und um Unterstützung<br />
bat“, erinnert sich der damals für die Produktion<br />
zuständige Betriebsleiter eines großen deutschen<br />
Pharma-Unternehmens (das nicht genannt werden<br />
möchte), der dann auch die leitung des gemeinsamen<br />
Projekts übernahm. Was war geschehen?<br />
dieser Frage ging leila Steinhilper auf den Grund.<br />
Infolge eines Markteinbruchs war die auslastung<br />
des Werks einschneidend – das heißt um etwa 50<br />
Prozent – reduziert. die Konsequenzen waren verheerend:<br />
Man musste sich von einem drittel der<br />
1 500 Mitarbeiter trennen.<br />
„diese Krise war für uns alle ein Schock. Wir Führungskräfte<br />
fühlten uns hilflos, die Mitarbeiter waren<br />
traumatisiert. Bis dahin hatten wir in einer heilen<br />
Welt gelebt. die Pharmabranche war und ist sehr<br />
stabil, es gibt eigentlich immer Wachstumserfolge.<br />
Zu Markteruptionen kommt es kaum – falls doch,<br />
dann weiß man vorher davon, z. B. wenn Generika<br />
auf den Markt kommen. Nie zuvor in der Historie<br />
unseres Werks waren betriebsbedingt Kündigungen<br />
ausgesprochen worden. die damalige Situation war<br />
also völlig neuartig und die Krise besonders traumatisch.<br />
die Frage, wie wir unsere Mitarbeiter bei der<br />
Bewältigung dieses Schocks und der trauerarbeit<br />
unterstützen und sie für das leben nach der Krise<br />
motivieren könnten, bewegte uns sehr, also wandten<br />
wir uns an K&N. Nach einer komplementären<br />
Systemdiagnose hielten uns die Berater wertschätzend,<br />
aber in aller deutlichkeit den Spiegel vor.<br />
die diagnose rüttelte uns mit teils drastischen<br />
Bildern – etwa dem Kapitän, der auf die Bugwelle<br />
statt zum Horizont schaut – wach. Wir begriffen: Wir<br />
greifen zu kurz, wenn wir uns nur auf die Probleme<br />
der Vergangenheit und unsere trauer konzentrieren.<br />
Wir mussten vielmehr dringend an unserer strategischen<br />
ausrichtung, an den Perspektiven, an einer<br />
Vision, an einem turn-around arbeiten – für uns völliges<br />
Neuland.<br />
die Systemdiagnose zeigte aber auch eine krasse<br />
differenz zwischen Selbst- und Fremdbild: Wir waren<br />
bis dahin überzeugt, ein gutes Nahverhältnis zu unseren<br />
Mitarbeitern zu haben und transparent zu führen.<br />
dass sich Gegenteiliges erwies, war für uns sehr<br />
irritierend. letztlich konnten wir die harte realität<br />
aber annehmen. Ein weiterer zentraler aspekt betraf<br />
die Prozessorientierung, die nicht in unserem denken,<br />
in unserer Kultur verankert war – fatal für einen<br />
Produktionsbetrieb, der wettbewerbsfähig sein will.<br />
Folge der rückspiegelung war es also, dass wir<br />
gemeinsam neben der Steuergruppe vier teilprojekte<br />
initiierten: Vision und Strategie, Prozessorientierung,<br />
Führung sowie Kommunikation. Wir aus<br />
dem Werk mussten unseren Vorständen sagen, wie<br />
ernst es war. danach wurde erwogen, das gesamte<br />
Werk nach asien zu verlegen, das deutsche Werk zu<br />
schließen. Es herrschte angst, aber wir kämpften<br />
ums Überleben.<br />
In die Projekte waren 120 Mitarbeiter eingebunden.<br />
Innerhalb von 18 Monaten stellten wir unser<br />
Werk komplett neu auf. Wir griffen themen auf, an<br />
die wir früher keinen Gedanken verschwendet hätten.<br />
Spannend war, dass sich der Wandel nicht hierarchiegeleitet<br />
vollzog, vielmehr konnte jeder Mitarbeiter,<br />
der wollte, seinen Beitrag einbringen.<br />
Zum (Ver-)Zweifeln brachten mich anfangs die<br />
vielen reflexionsschleifen – bis mir klar wurde, dass<br />
nur auf diese Weise wirklich alle Beteiligten mitgenommen<br />
werden können und Musterveränderungen<br />
stattfinden. das mangelnde Commitment des Konzernvorstands<br />
und einige interne Zweifler gehören<br />
zu meinen lowlights. aber das nachhaltige Ergebnis<br />
wiegt das leicht auf.<br />
Es war also diese Krise notwendig, um wirklich<br />
etwas zu verändern – seither spielen wir in der<br />
obers ten liga. das Projekt mit K&N war gewissermaßen<br />
die Initialzündung dafür. tatsächlich passierte<br />
auch nach Projektende unglaublich viel, und der<br />
Kulturwandel ist von dauer. an der Steuergruppe<br />
nehmen Mitarbeiter aus allen Bereichen hierarchieübergreifend<br />
teil. als Projektleiter achte ich darauf,<br />
dass neben Unterstützern auch Verweigerer, Widerständler<br />
und stille Mitarbeiter dabei sind, damit wir<br />
alle Perspektiven nutzen können.<br />
die teilprojekte gibt es zwar nicht mehr als institutionalisierte<br />
Projektgruppen, sie existieren aber<br />
als ‚Keimzellen‘ noch unstrukturierter Prozesse<br />
weiter. daraus haben wir ‚operational Excellence‘<br />
entwickelt – weniger als tool, sondern eher als Philosophie,<br />
die in eine systemische Grundhaltung eingebettet<br />
ist. das teilprojekt Prozessorientierung hat<br />
uns gelehrt, dass die rolle von Wertstrommanagern<br />
sinnvoll ist (einige Mitarbeiter haben eine entsprechende<br />
ausbildung absolviert), das der lean-Gedanke,<br />
das Vermeiden von Verschwendung der erste<br />
und nachhaltige Weg ist.<br />
Weiters können wir mit Hilfe der Six-Sigma-tools<br />
auch statistische Prozessauswertungen vornehmen<br />
und dabei unseren Kulturwandel integrieren. Wir<br />
arbeiten immer noch viel mit reflexionsschleifen.<br />
Wertschätzung gegenüber unseren Mitarbeitern<br />
ist zentral. Von Besuchern höre ich häufig: ‚Hier ist<br />
irgendetwas anders. die Mitarbeiter sind so motiviert.‘<br />
Und das ist auch in Zahlen belegbar: Wir sind<br />
wieder ein erfolgreicher und wettbewerbsfähiger<br />
Standort mit hervorragend ausgerichteten Produktionsbetrieben,<br />
stellen gerade 150 neue Mitarbeiter<br />
ein, produzieren günstiger als die Inder und asiaten!<br />
Mich fasziniert der komplementäre ansatz, weil<br />
er so viel bewirken kann. die Verankerung der Prozessorientierung<br />
ist uns z. B. nur gelungen, weil wir<br />
uns fachlich spezialisiert und gleichzeitig kulturell<br />
geöffnet haben. ohne Integration des Fach-Knowhow<br />
bzw. ohne Prozess-Know-how wäre dieser Entwicklungsschritt<br />
nicht möglich gewesen.<br />
die systemische Grundhaltung habe ich zur Gänze<br />
internalisiert und gelernt, bei wichtigen Schritten<br />
zu überlegen: Wer ist davon betroffen? Welche<br />
Ängste gibt es diesbezüglich? Wie könnte man vorgehen,<br />
damit statt angst Freude und Motivation entstehen?<br />
Mit dieser Einstellung und kreativen Ideen<br />
lässt sich auch im Kleinen vieles verbessern: Wir<br />
haben z. B. ein Flipchart, auf dem wir unsere aktuelle<br />
Stimmung durch Punkte visualisieren können.<br />
dieses Stimmungsbarometer werten wir in regelmäßigen<br />
abständen gemeinsam aus.<br />
die für mich eindrücklichste Erfahrung in diesem<br />
Prozess mache ich gern mit der ‚orchester-Metapher‘<br />
deutlich: der tolle Klang wird nur im Zusammenspiel<br />
erreicht, jeder leistet seinen Beitrag – egal<br />
ob man nun die erste Geige oder ‚nur‘ die triangel<br />
spielt.“<br />
Und der Werkleiter und auftraggeber des Beratungsprojekts<br />
resümiert im rückblick: „Ich hätte mir<br />
damals nicht träumen lassen, dass wir aus einem so<br />
tiefen loch heraus eine derartige Erfolgsgeschichte<br />
schreiben. Im Nachhinein bin ich geradezu dankbar<br />
für die Krise!“<br />
Global statt lokal<br />
die Krise als Beschleuniger nachhaltiger Veränderungen bei der roto Frank aG, Stuttgart<br />
das vergangene Jahr wird dem Produktionsteam<br />
des Bauzulieferers roto Frank aG wohl unauslöschlich<br />
in Erinnerung bleiben: „lean Manufacturing“<br />
sollte die roto-Produktion zukunftsfähig machen. das<br />
habe einfach alles verändert, auch – und vor allem –<br />
die Menschen, sagte technik-Vorstand leonhard<br />
Braig im Gespräch mit Heidi aichinger.<br />
„Veränderungen muss man zulassen können.“<br />
leonhard Braig lehnt sich tief in seinen Sessel zurück.<br />
In den vergangenen Monaten wurden ihm wie nahezu<br />
allen Verantwortlichen in der Baubranche die Folgen<br />
einer bisher in dieser Form noch nie da gewesenen<br />
Wirtschaftskrise vor augen geführt. Für roto hieß das<br />
konkret: Umsatzeinbrüche von 30 bis 40 Prozent im<br />
ersten Quartal 2009.<br />
Zwar konnte der Bauzulieferer für 2008 mit 620,7<br />
Millionen Euro bei Fenster-, tür-, dach- und Solartechnologie<br />
gegenüber 2007 eine Umsatzsteigerung um<br />
drei Prozent vermelden, die wahren Herausforderungen<br />
stünden aber, so leonhard Braig, noch bevor.<br />
der offizielle Kommentar des Bauzulieferers dazu lautet:<br />
„auch wir können uns von der weltweiten rezession<br />
nicht abkoppeln.“ Gerade in solch einer Situation<br />
müsse man zukunftsorientiert aktiv werden und dürfe<br />
nicht bloß reaktiv auf die aktuellen Verhältnisse eingehen.<br />
Selbstbestimmtheit ist das, was der technik-<br />
Vorstand und die leiterin der Konzernpersonalentwicklung<br />
Yvonne Merklinger, postulieren und auch<br />
selbst austrahlen. „Mit neu aufgesetzten Produktionssystemen<br />
können wir – anders als in der Vergangenheit<br />
– dem Markt heute eins zu eins folgen“, sagt<br />
er. „dieser ansatz hat einfach alles verändert“, so<br />
Braig und Merklinger unisono.<br />
alte Kästchen aufbrechen<br />
Im vergangenen Jahr stellte der Weltmarktführer<br />
für drehkippbeschläge seine historisch gewachsenen<br />
Produktionsstrukturen – den Marktanforderungen entsprechend<br />
– auf moderne Produktionssysteme um: In<br />
kontinuierlichen Verbesserungsschritten (KVP) werden<br />
optimale Produkt-, Prozess- und Servicequalitäten<br />
angesteuert, die die gesamte Wertschöpfungskette effizienter<br />
gestalten (lean Management). die Krise sei<br />
bei dieser ohnehin notwendigen Umstellung ein Beschleuniger,<br />
so Braig.<br />
„Wenn aber“, erklärt er weiter, „neue Produktionssysteme<br />
in den Vordergrund treten, muss auch die dahinter<br />
stehende organisationsstruktur angepasst<br />
werden – ein Prozess, der weite Kreise zieht.“ Möglichkeiten<br />
dafür wurden gemeinsam mit den Werkleitern,<br />
der Konzernpersonalentwicklung sowie den Beratern<br />
von <strong>Königswieser</strong> & <strong>Network</strong>, Martin Hillebrand,<br />
Uwe Scheutz und Erik lang, erarbeitet. Es galt, die<br />
Menschen in den Werken dafür zu begeistern, eigene<br />
Ideen einzubringen, stringente Prozesse mitzudenken,<br />
sich aktiv in mögliche neue abwicklungen einzu-<br />
bringen – kurzum: in kleinen Schritten große Veränderungen<br />
mitzutragen, „alte Kästchen aufzubrechen“,<br />
wie Braig es bezeichnet.<br />
dabei sei das Backup der Berater von großer Bedeutung<br />
gewesen, stellte der technik-Vorstand der<br />
division Fenster- und türtechnologie fest. denn<br />
technisch betrachtet sei Veränderung an sich ja<br />
kein Problem. Wissen könne formalisiert weitergegeben<br />
und auch angenommen werden. die für einen<br />
kontinuierlichen, nachhaltigen Veränderungsprozess<br />
erforderliche Haltung bzw. Einstellung<br />
verlange aber, dass dieses Wissen als selbst gemachte<br />
Erfahrung internalisiert wird. „dieser<br />
Schritt kostet viel Überwindung und Kraft, aber nur<br />
auf diese Weise können laufend Innovationen in<br />
den Prozess mit aufgenommen und persönliche Einstellungen<br />
verändert werden“, resümiert Braig.<br />
„die Meister“, bestätigt Martin Hillebrand, „sind<br />
heute bereit, diesen Wandel mitzugestalten, wenn<br />
man ihnen die Gelegenheit dazu bietet.“<br />
Vorleben, vorleben, vorleben!<br />
Konkret umgesetzt heißt das heute: die Werkleiter<br />
agieren als treiber des Change-Prozesses, der von Unternehmens-<br />
und Personalentwicklung zentral – also<br />
von Konzernseite aus – gesteuert wird. auf der operativen<br />
Ebene wurden „tandems“ aus KVP-Managern<br />
und Hr-leitern als zentrale Säulen integriert. „diese<br />
Struktur konnte in allen Werken installiert werden<br />
und kann dank der entsprechenden Vorbereitung und<br />
Unterstützung seitens der K&N-Berater heute auch<br />
weiterhin selbstständig umgesetzt werden“, berichtet<br />
Yvonne Merklinger.<br />
diese nicht selbstverständliche Zusammenarbeit<br />
zwischen Unternehmens- und Personalentwicklung<br />
sei beeindruckend, meint Martin Hillebrand. daraus<br />
generiere das Unternehmen einen echten Mehrwert.<br />
Bemerkenswertes tempo<br />
l. Braig und Y. Merklinger<br />
die Umstrukturierung – mit ihren neuen arbeitsaufteilungen<br />
und Verantwortungen – machte wiederum<br />
einen Qualifizierungsbedarf auf allen Ebenen<br />
sichtbar. „der heutige teamorientierte Führungsstil<br />
verlangt ganzheitliches denken und somit neue Fähigkeiten<br />
– ein Paradigmenwechsel, der die gesamte<br />
Mannschaft fordert“, so Braig. „Ich nehme alle in die<br />
Pflicht“, sagt er. Weiterbildungsangebote seien wichtig<br />
– im Hinblick auf bessere Kommunikation, auf die<br />
gemeinsame Entwicklung.<br />
„die Mehrheit nimmt das durchaus positiv auf,<br />
aber selbstredend gibt es auch Widerstände. Und natürlich<br />
werden auch Stimmen laut, die in Zeiten einer<br />
Wirtschaftskrise viele Maßnahmen in Frage stellen“,<br />
so Braig weiter. „da muss man vehement dagegenhalten<br />
und die dinge vorleben, vorleben, vorleben!“,<br />
ist er überzeugt. Nur so könne das Erreichte weitergetragen<br />
und -entwickelt werden.<br />
„lean Management ist ja nichts Neues“, so<br />
Yvonne Merklinger abschließend, „bemerkenswert<br />
ist allerdings die Geschwindigkeit, mit der dieser<br />
Veränderungsprozess voranschreitet. Wir haben<br />
sicherlich auch von anderen Industrien gelernt,<br />
aber dieses tempo ist nur durch den Schulterschluss<br />
zwischen ‚treibern und Unterstützern‘ –<br />
den Werkleitern, KVP-Managern, der Unternehmensentwicklung<br />
und der Personalentwicklung –<br />
möglich. Wir haben in sehr kurzer Zeit eine andere<br />
Sensibilisierung erfahren. Wir wissen, auf welche<br />
Faktoren wir in einem so umfassenden Veränderungsprozess<br />
achten müssen, worauf es bei unserer<br />
Zusammenarbeit ankommt und welchen gegenseitigen<br />
Nutzen wir aus dem jeweiligen Wissen<br />
des anderen ziehen können. die Zeit und Energie,<br />
die wir dafür aufgewendet haben, hat uns als team<br />
echt zusammengeschweißt.“
26 i königswieser & network ohne Wurzeln kein Wachstum | journal Best of<br />
ohne Wurzeln<br />
kein Wachstum<br />
der lange Weg aus der kollektiven Identitätskrise der San<br />
„Man kann sich auf zweierlei arten verhalten: Wegschauen,<br />
die Sonne, das Essen und den guten Wein<br />
genießen – oder man schaut hin. dann ist es unvermeidbar,<br />
sich einbeziehen zu lassen.“ alfred legner<br />
lebt seit Mitte der 1990er <strong>Jahre</strong> – auch – in Kapstadt.<br />
Weitere lebensmittelpunkte liegen in Österreich und<br />
Großbritannien. der ehemalige Banker pendelt zwischen<br />
den Kulturen. Nach Jahrzehnten internationaler<br />
Berufstätigkeit ist das wohl von einem anfangs<br />
schwierigen Gewöhnungsprozess zu einer schönen<br />
Gewohnheit geworden. Hinzusehen sei für ihn heute<br />
wie damals eine Selbstverständlichkeit, fast eine<br />
Pflicht, sagt legner im Gespräch mit Heidi aichinger.<br />
Seit drei <strong>Jahre</strong>n arbeitet alfred legner an einem<br />
Projekt mit: dem „!Khwa ttu Heritage and training<br />
Center“, das die San – so nennen sich die Buschmänner<br />
und -frauen – dabei unterstützen soll, Wege aus<br />
ihrer Identitätskrise zu finden.<br />
Heidi Aichinger: Wie viele San leben noch im südlichen<br />
Afrika?<br />
alfred legner: Es gibt noch rund <strong>10</strong>0 000. Sie gelten<br />
als eines der ältesten Völker der Erde, waren Jäger<br />
und Sammler. Heute sind sie urbanisiert, und die meisten<br />
von ihnen stehen auf der sozialen leiter sehr<br />
weit unten. Ihre Geschichte aber reicht 20 000 <strong>Jahre</strong><br />
zurück. Wie auch vielen anderen teilen der einheimischen<br />
Bevölkerung, den Schwarzafrikanern, den Coloureds,<br />
hat man ihnen Bildung und ausbildung systematisch<br />
vorenthalten. Sie wurden entmenschlicht.<br />
Und das Projekt, an dem Sie mitarbeiten, soll die<br />
San wieder stärken…<br />
Vor zehn <strong>Jahre</strong>n hat eine Schweizer anthropologin<br />
es sich zur aufgabe gemacht, ein ausbildungszentrum<br />
für San aufzubauen. Mehrere Farmen wurden<br />
gekauft, zusammengelegt und die Gebäude restauriert.<br />
das „!Khwa ttu Heritage and training Center“<br />
liegt 45 autominuten nordwestlich von Kapstadt,<br />
nahe dem ort mit dem schönen Namen darling, mit<br />
Blick auf die atlantikküste.<br />
Projektleiter ist der anthropologe Michael daiber,<br />
der sein leben lang mit den San gearbeitet und wesentlich<br />
dazu beigetragen hat, dass das Projekt so<br />
weit gediehen ist. Heute leben dort 25 San-Familien.<br />
Es gibt einen eigenen Kindergarten und Vorschulerziehung;<br />
schulpflichtige Kinder kommen auf lokale<br />
Schulen, damit sie sich auch dort integrieren.<br />
In diesem Projekt geht es darum, den San dabei zu<br />
helfen ihre Vergangenheit wiederzufinden, um kollektive<br />
Zukunft besser gestalten zu können.<br />
Wie machen Sie das?<br />
die San müssen ein gewisses Maß an Stolz auf<br />
ihre Vergangenheit entwickeln – das geht nur, wenn<br />
sie ihre eigene Geschichte begreifen lernen. Es ist<br />
wichtig, ihnen die leistungen ihrer Vorväter vor augen<br />
zu führen – dass es schon vor Jahrtausenden eine<br />
San-Kultur gab. auch Überlieferungen über Idole helfen,<br />
die eigene Geschichte zu verinnerlichen. Wir<br />
müssen vermitteln, dass es sich lohnt, auf diese Substanz<br />
aufzubauen und auf ihr Erbe stolz zu sein.<br />
SIERRA LEONE<br />
LIBERIA<br />
Und: Man muss die San mit Wissen und Fähigkeiten<br />
ausstatten, die sie fürs Überleben in unserer heutigen<br />
modernen Welt rüsten. den Menschen ihre Identität<br />
zurückzugeben halte ich für sehr schwierig – ich<br />
bin nicht sicher, ob das überhaupt möglich ist.<br />
Dennoch versuchen Sie es…<br />
Ideale lösungen hierfür gibt es nicht. Unser ansatz<br />
ist es, die San in einem touristischen Umfeld auszubilden.<br />
das Projekt umfasst ein kleines Museum, ein restaurant,<br />
ein Naturreservat und ein Zeltlager. Im rahmen<br />
dieser Einrichtungen werden leute ausgebildet<br />
– tour Guides, Köche, Farmarbeiter. dazu gehört viel<br />
Übung und Motivation. Heute – nach zehn <strong>Jahre</strong>n – hat<br />
es sich erwiesen, dass die San genauso lernfähig sind<br />
wie andere Menschen auch. Sie haben das nötige<br />
Selbstvertrauen und arbeiten so erfolgreich, als ob es<br />
die Zeit von vor zehn <strong>Jahre</strong>n gar nicht gegeben hätte.<br />
Wie schmal ist da der Grat zur Überheblichkeit?<br />
die Gefahr zu glauben, wir Weißen hätten die<br />
Weisheit mit löffeln gefressen, ist nicht vom tisch zu<br />
wischen. Man kann auch nie ganz sicher sein, dass<br />
diese art der Umsetzung des Projekts die richtige ist.<br />
Ganz bestimmt falsch – und somit ausgeschlossen –<br />
ist es, nichts zu tun. Wir gehen nach Wissen und Gewissen<br />
den bestmöglichen Weg und hoffen, dass wir<br />
es aus den richtigen Beweggründen tun.<br />
Wie sind die San Ihnen – jemandem, der von „außen“<br />
kommt und ihnen „ihre Kultur zurückgeben will“<br />
– begegnet?<br />
Ich bin kein Mann der ersten Stunde, aber ich habe<br />
mir erzählen lassen, dass die San zunächst sehr skeptisch<br />
waren. Sie kamen verunsichert und ängstlich auf<br />
„!Khwa ttu“ an. da war ein Mann wie Michael daiber,<br />
der sich dem Projekt verschrieben und Zugang zu den<br />
San gefunden hat, enorm wichtig. Er identifizierte „informelle<br />
Führer“, um eine Brücke zu den San zu schlagen,<br />
leute, die schon eine gewisse ausbildung hatten<br />
und mit denen gemeinsam er das Programm entwickelte.<br />
Heute ist das ein team von kompetenten leuten,<br />
die mit viel Selbstvertrauen lachend an ihre aufgaben<br />
herantreten.<br />
Und für mich ist es eine Selbstverständlichkeit,<br />
sich für solch ein Projekt zu engagieren, wenn sich die<br />
Chance dazu bietet. da ist sicherlich auch ein wenig<br />
das schlechte Gewissen, das ich als Weißer hier habe,<br />
mit im Spiel.<br />
COTE D'IVOIRE<br />
Lake Volta<br />
GHANA<br />
TOGO<br />
Niger R.<br />
Gulf of Guinea<br />
EQUATORIAL GUINEA<br />
Sao Tome<br />
ATLANTIC<br />
OCEAN<br />
Benue R.<br />
CAMEROON<br />
GABON<br />
CONGO<br />
Congo R.<br />
N a m i b D e s e r t<br />
CENTRAL AFRICAN REPUBLIC<br />
ANGOLA<br />
NAMIBIA<br />
ZAMBIA<br />
BOTSWANA<br />
SOUTH AFRICA<br />
Welche konkrete Aufgabe haben Sie in diesem<br />
Projekt?<br />
Vor rund drei <strong>Jahre</strong>n stellte man fest, das Projekt<br />
könnte zum „weißen Elefanten“ werden. das bedeutet,<br />
dass der touristische Betrieb – nicht der ausbildungsbetrieb,<br />
dem er als Plattform dient – wirtschaftlich<br />
auf eigene Beine gestellt werden musste. Hier ist<br />
nun der nächste große Schritt notwendig: das Projekt<br />
muss bekannter werden, um mehr zahlende und kulturell<br />
spezifisch interessierte touristen anzuziehen.<br />
Und: Es muss weiter ausgebaut werden – hier bringe<br />
ich meine kaufmännische Erfahrung ein.<br />
Zudem sieht das ausbildungskonzept vor, San<br />
auch in Managementkarrieren einzuüben. Wie überall<br />
dauert das aber eine Weile – man wird ja bekanntlich<br />
nicht als General Manager geboren. dazu braucht es<br />
Grundwissen, Erfahrung, charakteristische Eigenschaften<br />
und Fähigkeiten – all das muss erst entwickelt<br />
werden. Und gleichzeitig müssen kulturell bedingte<br />
Verhaltenseigenarten verändert werden, wenn<br />
ein San erfolgreich führen soll. Hier stelle ich meine<br />
Führungserfahrung zur Verfügung – in dem Wunsch,<br />
dass in den nächsten zwei bis drei <strong>Jahre</strong>n die/der erste<br />
San ins Management aufsteigen kann. Es stellt sich<br />
allerdings die wichtige Frage: Ist überhaupt der Wille<br />
zu führen vorhanden? der in der afrikanischen Kultur<br />
ausgeprägte egalitäre Verhaltenskodex kann hier hinderlich<br />
sein.<br />
Vor welche Probleme sind Sie als Mensch, dem<br />
Leadership nicht fremd ist, der aus anderen Strukturen<br />
kommt, gestellt?<br />
Ich muss in vieler Hinsicht umdenken. Manchmal<br />
verfalle ich in alte Muster und erwarte disziplin und<br />
Kommunikation, wie ich sie von Europa her gewohnt<br />
bin. darauf kann man in afrika nicht unbedingt bauen.<br />
dort ist vieles ganz anders, und es ist nötig, das zu<br />
verstehen – um akzeptieren zu können, dass es lange<br />
dauert, ein Projekt dieses Formats umzusetzen.<br />
Hat Ihnen das Projekt neue Erkenntnisse eingebracht?<br />
Zunächst hat es mir die augen für die Probleme<br />
der Menschen in Südafrika geöffnet. Es hat mir gezeigt,<br />
dass das scheinbar Unmögliche möglich ist. Es<br />
bestätigt mich in dem, was ich gemacht habe und weiterhin<br />
– nicht nur in Südafrika – machen werde: mich<br />
mit Bildung, ausbildung und Persönlichkeitsentwicklung<br />
befassen. Es hat mich einfach zufriedener ge-<br />
Ubangi R.<br />
Cape of Good Hope<br />
Congo<br />
Basin<br />
Kasai R.<br />
Orange R.<br />
Ubangi R.<br />
Congo R.<br />
DEM. REP.<br />
OF CONGO<br />
Kasai R.<br />
Zambezi R.<br />
Kalahari<br />
Desert<br />
Katanga<br />
Plateau<br />
Vaal R.<br />
Congo R.<br />
Ruwenzori<br />
L. Kivu<br />
Lake<br />
Mweru<br />
Lake Kariba<br />
LESOTHO<br />
Lake Albert<br />
RWANDA<br />
BURUNDI<br />
ZIMBABWE<br />
Limpopo R.<br />
Drakensberg<br />
UGANDA<br />
Lake<br />
Victoria<br />
L. Tanganyika<br />
SWAZILAND<br />
TANZANIA<br />
MALAWI<br />
Zambezi R.<br />
Ethiopian<br />
Highlands<br />
Kilimanjaro<br />
L. Malawi<br />
Lake Turkana<br />
KENYA<br />
MOZAMBIQUE<br />
Zanzibar Island<br />
Mozambique<br />
Channel<br />
ETHIOPIA<br />
Comoros<br />
Somali Pen.<br />
macht, weil ich jetzt tiefgründigere lebensinhalte<br />
habe. Es besteht nicht – wie in Europa – die Gefahr, an<br />
der oberfläche steckenzubleiben.<br />
Wenn Sie den Weg aus der Identitätskrise der San<br />
Wegen aus anderen Krisen gegenüberstellen: Welche<br />
Vorgehensweisen würden Sie – auch aufgrund Ihrer<br />
Erfahrung als Banker – generell empfehlen?<br />
Zum einen sollte man nicht immer gleich große<br />
Würfe erwarten. Es ist gut, an kleinen Zellen zu arbeiten,<br />
die Wirkung zeigen. Zum anderen muss man an<br />
die Menschen glauben. Wenn wir vor zehn <strong>Jahre</strong>n<br />
nicht davon, den San tatsächlich etwas vermitteln zu<br />
können, überzeugt gewesen wären, hätten wir das<br />
Projekt gar nicht anzufangen brauchen.<br />
Nicht zuletzt sind Bildung und ausbildung essenziell.<br />
Und: Es geht nicht ohne systematisches<br />
Coaching. Man braucht einen Sparringspartner, der<br />
einem den Spiegel vorhält – und zwar auf augenhöhe<br />
–, um antworten und lösungen zu finden. denn allein<br />
ist das nicht möglich, weder für einen San noch für<br />
einen Europäer.<br />
journal Best of | ohne Wurzeln kein Wachstum königswieser & network | 27<br />
MADAGASCAR<br />
INDIAN<br />
OCEAN<br />
Zur Person:<br />
alfred legner (66) ist gelernter Banker und war<br />
u. a. Geschäftsführer der dG Bank in london.<br />
Heute ist der Gründer des Integrative Leadership<br />
Forum (www.ilf.be) an mehreren Bildungs- und<br />
ausbildungsprojekten beteiligt und kooperiert<br />
fallweise mit K&N.<br />
Er lebt in Großbritannien, Südafrika und Österreich.
28 i königswieser & network Gescheiter scheitern | journal Best of<br />
Gescheiter<br />
scheitern<br />
Wir haben diesem tabuthema ein Forschungsprojekt gewidmet<br />
S„Scheitern“ ist eines der letzten tabus in unserer<br />
erfolgsorientierten Gesellschaft. Es ist eine lebenserfahrung,<br />
die konsequent ausgeblendet wird. dabei<br />
begleiten doch Erfahrungen des Scheiterns jeden<br />
Menschen von Kindheit an. Kein Mensch kann laufen<br />
lernen, ohne dabei zu stürzen. Verbietet man es sich<br />
zu scheitern, kann man auch nicht aus Fehlern lernen<br />
und beraubt sich somit einer Chance auf mögliche<br />
Weiterentwicklung. Über das Scheitern spricht man<br />
nicht. Wir haben es getan und das Forschungsprojekt<br />
Scheitern ins leben gerufen. leila Steinhilper berichtet<br />
über den bisherigen ablauf des Projekts und die<br />
daraus gewonnenen Erkenntnisse.<br />
lars Burmeister und eine siebenköpfige Forschungsgruppe<br />
mit Vertretern aus unterschiedlichen<br />
Branchen und organisationen beschäftigen sich seit<br />
anfang 2008 mit dem thema Scheitern. das Ziel: Muster<br />
und logiken zu erkennen und daraus handlungsleitende<br />
Empfehlungen für organisationen und Individuen<br />
abzuleiten. dabei interessierte uns besonders,<br />
wie Menschen und Systeme mit Scheitern umgehen,<br />
welche Konsequenzen im Nachhinein daraus gezogen<br />
werden und welche Perspektiven für das persönliche<br />
und berufliche Umfeld infolgedessen entstehen.<br />
Erste antworten auf diese Fragen kristallisierten<br />
sich in qualitativen Interviews mit zwölf Menschen<br />
aus verschiedenen lebens- und Berufswelten – vom<br />
Künstler bis zur Managerin – heraus. die Forschungsgruppe<br />
wertete die Gespräche sequenzanalytisch und<br />
mit Hilfe von textinterpretationen aus, generierte Hypothesen<br />
und diskutierte die Ergebnisse mit den Interviewten,<br />
im Kollegenkreis und mit interessierten<br />
Gästen.<br />
Welche Erkenntnisse haben wir gewonnen? das<br />
Erleben, tatsächlich gescheitert zu sein, ist individuell<br />
sehr unterschiedlich. Sieht sich der eine als gescheitert,<br />
ist es gut möglich, dass ein anderer die gleiche<br />
Situation als unglückliche, aber sinnhafte Fügung bewertet.<br />
Entsprechend unterschiedlich sind auch die<br />
daraus gezogenen Konsequenzen.<br />
Kann man tatsächlich gescheiter scheitern? die<br />
antwort lautet eindeutig: ja! Man kann besser und<br />
man kann schlechter scheitern – vorausgesetzt, man<br />
setzt sich mit der Problematik bewusst auseinander.<br />
dabei ist eine analyse und Bestandsaufnahme des eigenen<br />
Ichs bzw. des Ichs der eigenen organisation mit<br />
all den Potenzialen, Kernkompetenzen und risiken<br />
hilfreich. dieses Selbst-Bewusstsein – die Erkenntnis<br />
der eigenen Wirklichkeitskonstruktion – ermöglicht<br />
eine bessere Selbststeuerung und fördert die Souveränität,<br />
was Menschen und organisationen in der<br />
Phase des Scheiterns stützt und dieses bestenfalls<br />
sogar verhindert.<br />
Es ist auch hilfreich, von Zielen ablassen zu können,<br />
wenn diese nicht mehr sinnvoll erscheinen oder<br />
unmöglich zu erreichen sind.<br />
Unser Hauptanliegen lautet: Es ist wichtig, eine<br />
„aufrechte“ Haltung zum Scheitern zu entwickeln!<br />
Scheitern lässt sich nicht „verhindern“, daher sollte<br />
die Möglichkeit des Scheiterns stets gedanklich in unser<br />
Handeln miteinbezogen und als Entwicklungsschritt<br />
als eine auseinandersetzung mit sich selbst<br />
und den Umweltfaktoren gesehen werden, denn dann<br />
gelingt das „aufstehen“ nach dem Fall leichter und<br />
ermöglicht – nach angemessener Zeit – einen konstruktiven<br />
Umgang mit dem vorangegangenen Scheitern.<br />
dies gilt auch für organisationen.<br />
Es wäre wünschenswert, eine Unternehmenskultur<br />
zu etablieren, die Fehler bzw. Scheitern nicht bestraft<br />
oder tabuisiert, sondern die ihm innewohnende<br />
dynamik als Chance, als lernfeld zu nutzen weiß. Ideal<br />
wäre eine durch Experimentierfreude und Mut gekennzeichnete<br />
arbeitsatmosphäre und eine Führung,<br />
die die „Kultur des Scheiterns“ vorlebt, also auch offen<br />
über gescheiterte Projekte und „falsche“ Entscheidungen<br />
spricht.<br />
auch bei der Personalauswahl sollten Unternehmen<br />
auf Mitarbeiter setzen, die zu ihrem Scheitern<br />
stehen und daraus gelernt haben. denn wenngleich<br />
viele Menschen glauben, ein guter reiter sei einer, der<br />
noch nie vom Pferd gefallen ist, so sollte man vielmehr<br />
auch als reiter bereits gestürzt sein, um infolgedessen<br />
gelernt zu haben, ein guter reiter zu sein.<br />
diese und weitere Ergebnisse präsentierte und<br />
diskutierte die Forschungsgruppe im rahmen des<br />
„Werkstattgesprächs Scheitern“. die auseinandersetzung<br />
mit dem thema hatte auf viele teilnehmer eine<br />
berührende und befreiende Wirkung, denn das bislang<br />
tabuisierte konnte endlich besprochen werden.<br />
Eine teilnehmerin meinte: „Jeder weiß, dass es sinnvoll<br />
wäre, sich über gescheiterte Projekte auszutauschen,<br />
aber keiner will damit anfangen. Es tat gut,<br />
heute so offen darüber zu sprechen.“ auch starke<br />
Emotionen wurden ausgelöst: Scham, anstrengung,<br />
auch Widerstand. So wurde einer teilnehmerin bei<br />
diesem thema schlecht. die auseinandersetzung mit<br />
Scheitern ist immer anstrengend, aber kathartisch.<br />
das Forschungsprojekt ist noch lange nicht abgeschlossen.<br />
die Gruppe beschäftigt sich mit der theoriebildung<br />
und hat erste Modelle entwickelt, die im<br />
„Handbuch Scheitern“ veröffentlicht werden.<br />
Unsere Quintessenz: auch wenn man Scheitern<br />
nicht immer in Erfolg verwandeln kann, so könnte man<br />
doch – statt alte, dumme Fehler zu wiederholen –<br />
neue, intelligentere Fehler wagen. Und das wäre nicht<br />
zuletzt auch in Krisenzeiten wichtig – ganz im Sinne<br />
Samuel Becketts:<br />
Immer versucht.<br />
Immer gescheitert.<br />
Einerlei.<br />
Wieder versuchen.<br />
Wieder scheitern.<br />
Besser scheitern.<br />
journal Best of | Gescheiter scheitern königswieser & network | 29<br />
lars Burmeister, geschäftsführender Gesellschafter von K&N
30 i königswieser & network In raiffeisen der Krise braucht führen den · Stabile Widerspruch Zonen | journal | journal September Best of 2009 journal Best journal of | raiffeisen September braucht 2009 den | Stabile Widerspruch Zonen königswieser & network | 31<br />
Jeder für sich und<br />
alle gemeinsam<br />
raiffeisen braucht den Widerspruch<br />
Es war eine wirkungsvolle Intervention: 2006, zu<br />
einem Zeitpunkt, als die Krise noch kein Schlagwort<br />
war und auch sonst keine akuten themen auf dem<br />
tisch lagen, kam einer ins System der raiffeisen-<br />
Bankengruppe tirol (rBG tirol) und nahm das Wort<br />
Strategie in den Mund. „das war ich“, sagt Hannes<br />
Schmid, Vorstandssprecher der raiffeisen-landesbank<br />
tirol (rlB tirol). die Skepsis war groß. „Was<br />
will er? Und was steckt dahinter?“, waren Fragen, die<br />
am ausgangspunkt einer gemeinsamen annäherung<br />
und Bewegung stehen sollten.<br />
Noch bevor <strong>Königswieser</strong> & <strong>Network</strong> – mit roswita<br />
<strong>Königswieser</strong>, Christian Matul, Uwe Scheutz und<br />
Patricia van overstraeten – den Prozess einer Strategieentwicklung<br />
für die rBG tirol begleiten sollten,<br />
habe man begonnen, intern, also innerhalb der 82<br />
Primärbanken, an einer Vision zu arbeiten, sagt<br />
Hannes Schmid. „Es war dies der Versuch herauszufinden,<br />
ob wir überhaupt gemeinsame Ziele haben<br />
und ob es überhaupt etwas Gemeinsames gibt, für<br />
das es sich lohnt, im detail weiterzuarbeiten“, formuliert<br />
er es drastisch. Im Nachhinein besehen ein<br />
guter Wurf, so Schmid, wenngleich sich vorerst rund<br />
um den Begriff Strategie an sich enorme Widerstände<br />
auftaten. ausgehend von einer „alle allein und<br />
jeder für sich“-Haltung, baute sich in den meisten<br />
Köpfen wohl vordergründig zunächst das Szenario<br />
auf, es werde hier Konzernstrategie auferlegt, resümiert<br />
Schmid nachdenklich.<br />
Projektleiter Uwe Scheutz erklärt das rückblickend<br />
so: „Schmid – auch als zentrale Figur innerhalb<br />
des Prozesses – ist eine starke Persönlichkeit.<br />
Er verfügt über immenses Wissen um das thema<br />
Strategie ganz allgemein – und das verbunden mit<br />
rascher auffassungsgabe und hoher denkgeschwindigkeit.“<br />
In anbetracht der uneinheitlichen Vorstellungen<br />
und Wissenslage der Beteiligten in Sachen<br />
Strategie war mit Widerstand zu rechnen.<br />
Kurzum: Einer aus wirtschaftlicher Perspektive<br />
sinnvollen option, Kräfte zu bündeln, ein gemeinsames<br />
Bild zu definieren, um damit am Markt auch<br />
gemeinsam aufzutreten, stand zunächst die „politische<br />
Struktur raiffeisen“ im Wege. „die Vertreter<br />
der Primärbanken fürchteten eine Einschränkung ihrer<br />
autonomie und einzelne darunter eine Beschneidung<br />
ihrer Position im System“, so Schmid spitz.<br />
oder wie Uwe Scheutz es darstellte: „Im rahmen<br />
dieses Projekts habe ich eigentlich mit einem politischen<br />
System gearbeitet und nicht mit einem wirtschaftlichen.“<br />
„ Eine andere arbeitsfähigkeit“<br />
In genossenschaftlich organisierten Systemen<br />
bauen sich Spannungsfelder zwischen wirtschaftlicher<br />
und politischer logik, autonomie und abhängigkeit,<br />
Zentralismus und dezentralisation, Fortschritt<br />
und tradition gewissermaßen automatisch<br />
auf. die Frage, wie man mit den dadurch freigesetzten<br />
Energien produktiv umgehen könne, sei zentral,<br />
so Scheutz weiter. In einem wirtschaftlichen System,<br />
das nach außen wirkt, und innerhalb einer politischen<br />
Struktur, die keine festgeschriebenen und<br />
entsprechend einklagbaren Spielregeln hat, arbeitsfähigkeit<br />
erlangt zu haben, das nennt Schmid heute<br />
– fast drei <strong>Jahre</strong> und eine Wirtschaftskrise danach –<br />
den „größten Erfolg im rahmen dieses Prozesses“.<br />
Und diese arbeitsfähigkeit habe man, so Scheutz<br />
aus Beratersicht, zunächst vor allem durch „Verlangsamung“<br />
in Kommunikations- und Verständnisprozessen<br />
erreicht: „Wir haben viele ‚Ehrenrunden‘ gedreht<br />
– haben immer wieder nachgefragt und<br />
nachgehakt, wenn wir den Eindruck hatten, dass etwas<br />
noch nicht vollinhaltlich verstanden wurde oder<br />
das Vertrauen doch nicht stark genug war. anhand<br />
von fachlichem Input wurde versucht, die Gruppe<br />
zum dialog zu führen, und mithilfe von aufstellungsarbeit<br />
konnten differenzen und Widersprüche aufgezeigt,<br />
diskutiert und gemeinsam bearbeitet werden.<br />
Wir haben aber auch im Beraterstaff – ohne deshalb<br />
unsere neutrale Position aufzugeben – verschiedene<br />
rollen selbst eingenommen“, erklärt<br />
Scheutz. Und erst als es den Beteiligten möglich war,<br />
miteinander offen über ihre unterschiedlichen Interessen<br />
und die sich daraus ergebenden Konflikte zu<br />
reden, konnte man, so Scheutz, das thema Strategie<br />
konkret angehen.<br />
Hannes Schmid geht in seiner Formulierung sogar<br />
noch einen Schritt weiter: „die eigentliche Strategie<br />
ist erst aufgrund dieser art der arbeitsfähigkeit<br />
Schritt für Schritt entstanden. denn in einem lernenden<br />
Unternehmen findet letztlich jeder für sich<br />
heraus, welche lösungsansätze er umsetzen kann,<br />
will oder muss – sozusagen als Ergebnis des komplementären<br />
Beratungsansatzes.“<br />
dr. Hannes Schmid, Vorstandsdirektor und Prozesstreiber<br />
„Kein elitäres Konzept“<br />
„die Erwartungen im System gingen in zwei richtungen:<br />
Zum einen wollte man mit Beratern arbeiten,<br />
die über Bankenstrategie Bescheid wissen. Zum<br />
anderen sollte der Entschluss, weder eine Expertenrunde<br />
zusammenzutrommeln noch dem System ein<br />
elitäres Beraterkonzept überzustülpen, sondern alle<br />
im System zu erreichen, zum tragen kommen. das<br />
war für mich ein wesentlicher Parameter“, erklärt<br />
Schmid seine Entscheidung für den Beratungsansatz<br />
von K&N.<br />
Er sei, sagt Schmid bezüglich seiner lern- und<br />
Entwicklungskurve im Zuge des Strategieprozesses,<br />
als Führungskraft für viele „ablesbarer“ geworden.<br />
Über weite Strecken seien Skepsis und Misstrauen<br />
neuem Verständnis – ja fast Vertrauen – gewichen.<br />
Mit seiner rolle als „Prozess-leader“, die auch<br />
seitens der Berater von ihm verlangt wurde, habe er<br />
oft gehadert, wollte er doch seine leute dazu anstacheln,<br />
sich in erhöhtem Maß einzubringen, damit die<br />
„last“ dieser Bewegung nicht allein auf seinen<br />
Schultern liege. Ein berechtigter Wunsch. „Zumal<br />
man als Führungskraft davon auszugehen hat, dass<br />
aufgaben, wenn sie seltener einfach nur ,nach oben‘<br />
delegiert werden, auf den entsprechenden Ebenen<br />
eigenständig und mit dem Blick aufs Ganze gelöst<br />
werden. Und das ist gelungen“, meint Schmid zufrieden<br />
lächelnd.<br />
„raiffeisen braucht den Widerspruch“, stellt er<br />
fest, „er gehört zur organisation, daraus schöpft diese<br />
auch Kraft – das habe ich gelernt.“ der diesbezüglich<br />
geschärfte Blick habe reinigende Wirkung – auch<br />
bei den persönlich spürbaren dissonanzen. „Ich habe<br />
erkannt und erlebt, dass Sachverhalte und Zusammenhänge,<br />
die mir klar sind, vom System nicht anerkannt<br />
werden müssen. Eine gewisse demut, die Fähigkeit,<br />
warten zu können, ist in diesem Prozess<br />
gefordert und auch geschärft worden.<br />
Im Nachhinein betrachtet, hätte ich mir mehr Geduld<br />
verordnen und noch vehementer versuchen sollen,<br />
die leute als lernende Elemente zu sehen. Vielleicht<br />
hätten wir dann noch zusätzlich an tiefe<br />
gewonnen“, mutmaßt Schmid.<br />
„das kann man nicht kopieren“<br />
das System habe jetzt die reife erlangt, sich<br />
auch selbst infrage zu stellen und eigenständig an<br />
bestimmten themen weiterzuarbeiten. „das funktioniert<br />
gut. Zwischen Primär- und landesbank ist ein<br />
ge stärktes persönliches Vertrauen entstanden. Es<br />
konnte einiges geklärt werden – das führt zu spürbar<br />
gewordener Verlässlichkeit. Es entstand eine diskussionskultur<br />
mit klaren regeln. Sicherlich gibt es<br />
noch die Skeptiker, die ,Schwerverletzten‘ aus der<br />
Vergangenheit, aber das System als Ganzes ist durch<br />
dieses gegenseitige Vertrauen gestärkt worden.“<br />
Hierbei spiele auch die Sachlichkeit der Strategie<br />
eine große rolle, merkt Schmid an.<br />
Zudem freue er sich – immer wieder –, wenn ihm<br />
„indirektes Feedback“ anderer landesbanken zugetragen<br />
werde, die das Prozessergebnis – im Sinne<br />
von Strategiepapieren – sehen wollen. Wissend,<br />
dass eben nicht diese, sondern die Stärkung jedes<br />
Einzelnen in der Gruppe sowie der Gruppe selbst das<br />
Prozessergebnis und letztlich den Erfolg darstellen,<br />
mache es ihn stolz, dass man das einfach nicht kopieren<br />
könne.<br />
Eine Schlüsselrolle hatte der interne Projektleiter<br />
Herr Wass. Er fasst zusammen: „das Projekt war<br />
spannend, herausfordernd, kräfte- und nervenaufreibend,<br />
aber im Endeffekt sehr erfolgreich. K&N hat<br />
hierzu sehr viel beigetragen, und es war wichtig,<br />
dass Konflikte nicht gemieden wurden. Weit mehr<br />
als die Hälfte der raiffeisenbanken arbeitet daran,<br />
die Strategie umzusetzen. das ist ein großer Erfolg.<br />
Wir müssen unsere Bemühungen aber jetzt weiter<br />
vorantreiben. Ich bin überzeugt, dass dieses Projekt<br />
ein Meilenstein für die raiffeisen-Bankengruppe tirol<br />
war. Es hat sich auch kulturell unglaublich viel<br />
entwickelt.“<br />
Viele – auch tief greifende – Veränderungen werden<br />
auf die Bankenwelt zukommen, davon sind Herr<br />
Schmid und Herr Wass überzeugt. Man werde lernen<br />
müssen, auch mit dem mangelnden Wachstum umzugehen<br />
– eine Widersprüchlichkeit zum Gewohnten,<br />
ein Bruch mit dem bisher Gelebten und Gehabten,<br />
auch für raiffeisen. den großen Konzernbanken werde<br />
das häufig hierarchisch verordnet. „Bei uns muss<br />
diese Haltung aber selbst entwickelt werden.“ dafür<br />
sei man gerüstet.<br />
Heidi Aichinger<br />
Mag. thomas Wass, abteilungsleiter und Projektleiter
32 i königswieser & network Veranstaltungen organisch wachsen und | Highlights journal Best | journal of September 2009 journal September 2009 journal | Veranstaltungen Best of | organisch und Highlights wachsen königswieser & network | 33<br />
organisch wachsen<br />
Wie bei der Société Générale de Surveillance (SGS) statt starrer Strukturen<br />
eine integrierte Netzwerkorganisation entsteht.<br />
„Wer nicht wächst, wird kleiner“, sagt ein jüdisches<br />
Sprichwort und zeitigt multidimensionale Folgen<br />
für all jene, die sich dem anschließen wollen oder<br />
auch nicht. Weil das Wachsen an sich nicht so schwer<br />
zu managen sei, strukturiertes Wachsen nach innen<br />
hingegen sehr wohl, sagt Vincent Furnari. Mit ihm<br />
(Managing director der SGS-Gruppe in deutschland)<br />
und andrea reise (Hr-director ebenda) sprach Heidi<br />
aichinger.<br />
die SGS (Société Générale de Surveillance) mit<br />
Hauptsitz in Genf ist das weltweit führende Unternehmen<br />
auf den Gebieten Prüfen, testen und Zertifizieren<br />
und zählt global mehr als 60 000 Mitarbeiter. In<br />
deutschland ist SGS seit 1920 tätig, hat heute 38<br />
Standorte und 2 800 Mitarbeiter. Wachstum war stets<br />
vorrangige Prämisse, die Frage nach dem Wie wurde<br />
in den letzten <strong>Jahre</strong>n immer lauter. Warum?<br />
Zum einen ist das Wachstum der tIC-Branche (testing,<br />
Inspecting, Certification) durch die gesetzlichen<br />
rahmenbedingungen gegeben. das heißt: Infolge der<br />
Zunahme der regulierung in den Märkten ergeben<br />
sich ganz allgemein neue Geschäftsopportunitäten.<br />
Zum anderen sei die SGS deutschland über die <strong>Jahre</strong><br />
aufgrund des Zukaufs artverwandter Unternehmen<br />
und mithilfe strategischer Partnerschaften gewachsen.<br />
dennoch sei die SGS bis ins Jahr 2003 – auf die<br />
regionen heruntergebrochen und für die Größe des<br />
landes – zu klein aufgestellt gewesen, sagt Vincent<br />
Furnari. Zudem war klar, dass gesundes Wachstum in<br />
der gewünschten Größenordnung (manifestiert in<br />
„the Plan 2014“) nicht mehr nur durch eine aneinanderreihung<br />
von Gesellschaften möglich sein konnte.<br />
deutlich wurde das mit dem Zukauf von Institut<br />
Fresenius 2004, als aus einem rund 1 000 Mitarbeiter<br />
zählenden Unternehmen, das auf den Inspection- respektive<br />
Certification-Bereich ausgerichtet war, ein<br />
2 800 Mann starkes Unternehmen wurde, das nun<br />
auch über einen analytischen Bereich verfügt. Furnari:<br />
„Wir hatten vorher auch schon einzelne labore, aber<br />
die enorme anzahl an Naturwissenschaftlern und Ingenieuren,<br />
die nun in die Mannschaft eingebunden<br />
wurden – das war komplett neu.“<br />
Wie wachsen?<br />
„Wir hatten zwei Problemstellungen“, sagt Furnari,<br />
„nämlich die völlig unterschiedlichen Kulturen zusammenzuführen<br />
und weiteres Wachstum zu generieren.“<br />
Vom geschäftlichen Ursprung, der Prüfung von<br />
Massengütern, habe sich die SGS in hochtechnisierte,<br />
beratungsintensive, zuweilen sehr komplexe Bereiche<br />
weiterentwickelt, sagt andrea reise, Hr-director<br />
der SGS in deutschland. „Es ging auch darum, uns<br />
markt- und kundenorientierter auszurichten, dabei<br />
aber die kreative leistung und entsprechende Synergien<br />
nicht aus den augen zu verlieren, sondern – im<br />
Gegenteil – weiter voranzutreiben.“ In einem team<br />
von Geschäftsleitungskollegen wurde das Konzept für<br />
ein neues organisationsmodell aufgesetzt. das war<br />
im Jahr 2008. Und: Man wollte das Modell selbst in<br />
Umsetzung bringen – ein Unterfangen, das im Sommer<br />
2009 ins Stocken geriet.<br />
Im Herbst desselben <strong>Jahre</strong>s wurde deutlich, „dass<br />
man für eine nachhaltige und im Gleichklang zu erfolgende<br />
Umsetzung einer guten Konzeption bedarf“,<br />
wie reise sagt, und externe Unterstützung brauchte.<br />
Im dezember 2009 fanden erste Gespräche mit K&N<br />
statt.<br />
Charlotte Götz, neben Bernhard Koye K&N-Projektleiterin<br />
für den Prozess bei SGS deutschland, erinnert<br />
sich an die erste Systemdiagnose: „die organisation<br />
war gesund, allerdings waren alle ihre teile<br />
Spezialfälle.“ das Ziel, die Synergien und Kräfte in<br />
ganzheitlichen Prozessen zu kanalisieren, klare<br />
Strukturen zu schaffen, um gemeinsam wachsen zu<br />
können, war naheliegend und richtig. oder, wie<br />
Bernhard Koye sagt: „auf das plötzliche Wachstum<br />
musste eine angemessene Struktur folgen.“ aber:<br />
Wie bringt man Menschen dazu, die eigene Expertise<br />
nicht eifersüchtig zu verteidigen, sondern diese zu<br />
teilen, wenn bisher laut Koye die einzelnen Business-Bereiche<br />
jeweils die richtigen Zahlen abgeliefert<br />
und jeder für sich seine Burg bewirtschaftet<br />
hatte?“<br />
Zunächst über dialogfähigkeit, sagt Furnari. „das<br />
bekommt man nicht über anweisungen hin. das ist etwas,<br />
das erlebt werden muss.“ Es wurden räume etabliert,<br />
in denen austausch stattfinden kann. Eine<br />
Steuergruppe wurde eingerichtet – mit dem Ziel, „alle<br />
auf das gleiche Informationsniveau zu stellen“, so<br />
Furnari rückblickend. daraus wiederum wurden Hebelprojekte<br />
entwickelt, die sich den themenkomplexen<br />
„aufbau“, „ablauf“ und „Kommunikation“ widmeten.<br />
Zu den einzelnen themen wurden wiederum<br />
eigene arbeitsgruppen installiert, in denen letztlich<br />
insgesamt fast 300 Mitarbeiter direkt involviert waren.<br />
„Ein großes Projekt, an dessen Ende Empfehlungen<br />
standen, die wieder in richtung Steuergruppe<br />
und auftraggeber geleitet wurden“, so Furnari.<br />
Im Grunde, sagt Bernhard Koye, gehe es darum,<br />
die Menschen dazu zu befähigen, stichhaltige argumente<br />
zu sammeln und Einzelverantwortungen sinnvoll<br />
zu verzahnen. diese Befähigung verändere den<br />
Blick auf die Befugnisse massiv. Sie weiche Hierarchien<br />
auf und verleihe den rollen der jeweils Beteiligten<br />
mehr Gewicht. das „große Ganze“, der Gesamterfolg<br />
des Unternehmens, könne somit mehr in den Vordergrund<br />
rücken und aus einer starren Struktur ein bewegliches<br />
Netzwerk entstehen lassen.<br />
Die nächste Etappe<br />
Wie geht’s Ihnen jetzt? „Ich empfinde es als Erfolg,<br />
dass wir in unserer arbeit bei SGS deutschland so<br />
weit gekommen sind“, sagt Bernhard Koye. „die<br />
Grundlagen – strukturell, prozessual wie kulturell –<br />
sind geschaffen. Jetzt wird viel davon abhängen, wie<br />
das Projekt zum Programm gemacht wird.“ die notwendige<br />
transparenz und die Verbindlichkeit dieses<br />
integrierten Netzwerks im Unternehmen seien vorhanden.<br />
dieser Kern des neuen organisationsentwicklungsmodells<br />
werde es auch besser ermöglichen,<br />
auf der Zahlenebene zu diskutieren, Vergleichbarkeit<br />
herzustellen, Messgrößen zu erarbeiten, die das Unternehmen<br />
auch strategisch weiter stärken werden,<br />
so Koye sinngemäß. als integrierte Netzwerkorgani-<br />
Vincent Furnari, Managing director der SGS-Gruppe deutschland<br />
sation zu arbeiten – und die Geschäftsopportunitäten,<br />
die kommen würden – mache seiner ansicht nach eine<br />
strukturelle Verdoppelung möglich, ohne die Menschen<br />
im Unternehmen zu „verbrennen“.<br />
die Veränderung, die wir jetzt vollziehen, zeitigt<br />
insbesondere deshalb eine andere akzeptanz und<br />
Nachhaltigkeit, weil wir nichts vom „grünen tisch“<br />
aus vorgeben, beschreibt andrea reise das allgemeine<br />
Klima heute. die Menschen spürten, dass sie einbezogen<br />
werden. das aufeinander-Zugehen und die<br />
in zunehmendem Maß als selbstverständlich verstandene<br />
arbeit in heterogenen teams stimme sie sehr<br />
zuversichtlich. „das macht die SGS auch für ihre Mit-<br />
arbeiter attraktiv“, ergänzt Furnari. Es sei nicht nur<br />
eine Notwendigkeit gewesen, auf diese neue art zusammenzuarbeiten,<br />
um auf dem Markt gut überleben<br />
zu können, um Kunden business-line-übergreifend<br />
bedienen zu können – dieser Prozess berge auch für<br />
jene, die positiv daran mitwirken, die Möglichkeit,<br />
sich weiterzuqualifizieren. abschließend resümiert<br />
Furnari: Ich bin froh, dass unsere organisation sich<br />
zum richtigen Zeitpunkt den für unsere Zukunft entscheidenden<br />
Fragen stellt und wir uns auf den gedanklichen<br />
Pfad der multidimensionalen Vernetzung<br />
begeben haben, denn: „du gewinnst nie allein. Sobald<br />
du etwas anderes glaubst, beginnst du zu verlieren!“<br />
(Mika Häkkinen)
34 i königswieser & network Eine Schuhnummer zu groß | journal Best of<br />
Eine Schuhnummer<br />
zu groß<br />
Unser Führungskräfteentwicklungsprogramm<br />
A: KONTEXT<br />
In eine Führungsrolle hineinzuwachsen ist eine<br />
echte Herausforderung. Führungskräfte sind für Ergebnisse<br />
verantwortlich, sollen Komplexität managen,<br />
Veränderungsprozesse begleiten, dem topmanagement<br />
den rücken freihalten, die Bedürfnisse der<br />
Mitarbeiter verstehen, wertschätzend und charismatisch<br />
sein und mit den eigenen Unsicherheiten und<br />
Widersprüchen souverän umgehen können. Sie müssen<br />
„professionell“ sein, auch wenn ihnen nicht danach<br />
zumute ist.<br />
Sie sind mit Machtspielen, schwindender loyalität<br />
zum Unternehmen und Sinnfragen konfrontiert.<br />
Gerade leitende haben unserer Erfahrung nach mit<br />
dem grundsätzlichen Widerspruch zu kämpfen, dass<br />
sie einerseits ihre Position festigen und ihre Karriere<br />
samt finanziellem aufstieg vorantreiben wollen, sich<br />
aber gleichzeitig nach immateriellen Werten – wie Beziehungen,<br />
Zugehörigkeit, Geben statt Nehmen –<br />
sehnen.<br />
all diesen eigenen Erwartungen und allgemeinen ansprüchen<br />
gerecht zu werden wird heute nicht einfacher,<br />
sondern immer schwieriger, da sich die Paradoxien,<br />
durch die Wirtschaft und Gesellschaft charakterisiert<br />
sind, noch weiter verstärken [vgl. <strong>Königswieser</strong>,<br />
r., Sonuç, E., Gebhardt, J. (Hrsg.), Komplementärberatung:<br />
Das Zusammenspiel von Fach-und Prozess-<br />
Know-how; Klett-Cotta-Verlag, Stuttgart, 2008].<br />
aber gerade deshalb gewinnen leadership-Qualitäten<br />
immer mehr an Bedeutung, weil auch die Verunsicherung<br />
von Mitarbeitern zunimmt, weil Führungskräfte<br />
„gesandwicht“ zwischen der Unternehmensspitze,<br />
die vor allem die Interessen der Finanzwirtschaft<br />
im Blick haben muss und bei der kurzfristige<br />
Erfolge zählen, und der Belegschaft, die an langfristigen<br />
Erfolgen, an arbeitsplatzsicherheit interessiert<br />
ist, vermitteln müssen – sie sollten all das kompensieren,<br />
was fehlt. aus diesem Grund wächst unserer Meinung<br />
nach auch der Stellenwert der angehörigen des<br />
mittleren Managements, weil sie weit weniger häufig<br />
das Unternehmen wechseln als topmanager und somit<br />
mehr Kontinuität garantieren.<br />
Nun gibt es viele verschiedene Führungskräfteentwicklungsprogramme,<br />
um Personen dabei zu unterstützen,<br />
in den jeweiligen Erwartungsraum hineinzuwachsen,<br />
und um die leadershipkompetenz des gesamten<br />
Unternehmens zu erhöhen.<br />
die Ziele sind immer extrem anspruchsvoll. die<br />
Programme sollen wirkungsvoll, intensiv, kostengünstig,<br />
wenig zeitaufwendig und praxisorientiert<br />
sein.<br />
Im lauf der <strong>Jahre</strong> hat sich bei K&N ein spezifisches<br />
Konzept für diese teilweise widersprüchlichen anforderungen<br />
herauskristallisiert. das Programm führt<br />
die teilnehmer unter der devise „In einen Schuh hineinwachsen,<br />
der eine Nummer zu groß ist!“ an Grenzen<br />
und über diese hinaus.<br />
B: ZIELE<br />
Unser zentraler Fokus liegt auf den Metakompetenzen.<br />
Natürlich sollen teilnehmer verstehen, was Führung,<br />
leadership, bedeutet, sie brauchen Werkzeuge<br />
und Modelle. Worum es unserer Meinung nach aber<br />
letztlich geht, ist die arbeit an der eigenen Haltung.<br />
Sich als gesamte Persönlichkeit weiterzuentwickeln<br />
bedarf spezieller Impulse, deren Wirkung tief in die<br />
Wahrnehmung der eigenen Identität, tief in die Sicht<br />
von Welt reichen muss. Musterveränderungen zu bewirken<br />
gelingt nur durch Metareflexion – denken in<br />
relationen, Kontexten, latenzen – in Verbindung mit<br />
starken Gefühlen. Es geht darum, das lernen zu lernen.<br />
Veränderung ereignet sich nicht über kognitive Einsichten.<br />
die brillantesten Vorträge, die überzeugendsten<br />
texte bringen eingefahrene denkmuster nicht ins<br />
Wanken. Nur emotionales Berührtsein, ja aufgewühltsein,<br />
aktiviert – so würden Neurologen argumentie -<br />
ren – tiefer liegende Gehirnzentren, die Botenstoffe<br />
ausschütten, welche wiederum Nervenzellenschaltungen<br />
in Gang setzen.<br />
C: FORMAT/ARCHITEKTUR<br />
● das konkrete Format hängt von der jeweiligen<br />
Zielsetzung ab. Generell aber sieht unser Konzept<br />
drei parallele lerngruppen von acht bis zehn Personen<br />
vor, die getrennt arbeiten, sich aber im Plenum<br />
treffen und so größere Gruppenprozesse erleben<br />
können. Je nach themenschwerpunkten und<br />
ressourcen gibt es zwei bis fünf Module von jeweils<br />
zwei bis drei tagen, und zwar im zeitlichen<br />
abstand von acht bis zehn Wochen.<br />
● optional werden zur Intensivunterstützung der<br />
Entwicklung oft auch Einzelcoachings angeboten.<br />
● Wir empfehlen jedem teilnehmer, auch ein externes<br />
Gruppendynamik-Seminar zu besuchen.<br />
● Im Idealfall gibt es zu Beginn und am Ende einen<br />
roswita <strong>Königswieser</strong> Ulrich <strong>Königswieser</strong><br />
Erfahrungsaustausch mit allen Führungskräften im<br />
rahmen eines Großgruppenevents.<br />
● Zum Format gehört auch das Einrichten einer Konzeptgruppe.<br />
diese erstellt vorab eine Kontextanalyse<br />
des Qualifizierungsprogramms. die teilnehmer<br />
sind Führungskräfte, Hr-Vertreter und sonstige<br />
Know-how-träger. Wir beraten diese Gruppe<br />
inhaltlich als Experten und moderieren den Prozess<br />
der Konzeptgenerierung. das Programm ist<br />
daher maßgeschneidert und selbst verantwortet.<br />
die Konzeptgruppe erweitert während der laufzeit<br />
des Programms ihre Funktion. Sie reflektiert jene<br />
themen, die in den Modulen hochkommen, relevant<br />
sind, aber in diesem Setting nicht bearbeitet<br />
werden können. diese Inhalte werden von der<br />
Gruppe an die verantwortlichen Stellen weitergeleitet.<br />
als weiteres Element des Konzepts ist das leiten<br />
von herausfordernden Projekten, die durch den<br />
strategischen Horizont vorgegeben sein sollten,<br />
ein für die teilnehmer ideales praktisches lernfeld.<br />
die Erfahrungen, Fehler, teilerfolge und Probleme<br />
werden in den Seminaren besprochen, auf<br />
verschiedenen Ebenen ausgewertet, und die daraus<br />
gewonnenen Erkenntnisse werden dann im<br />
laufenden Projekt angewandt.<br />
Weiters finden während der Module Praxisphasen<br />
statt: den Führungskräften werden aufgaben gestellt,<br />
die möglichst eine Schuhnummer zu groß<br />
sind (z. B. Gespräche mit schwierigen Mitarbeitern<br />
zu führen). die sich dabei ergebenden Beobachtungen,<br />
Erfahrungen und Fragen werden dann wiederum<br />
ins nächste Modul eingebracht.<br />
die trainer sind immer auch komplementäre Berater,<br />
die ihr Know-how bezüglich organisationsdynamik,<br />
Wirtschaft und Gesellschaft zur Verfügung<br />
stellen können.<br />
● Fixe designelemente sind Fallbearbeitung, Projektreviews<br />
und Gruppenentscheidungen.<br />
reflexion, Feedback und die arbeit an der eigenen<br />
Haltung ziehen sich sozusagen als roter Faden<br />
durch das Programm.<br />
Natürlich wird auch konkretes „Handwerkzeug“ angeboten,<br />
„tools“, die man mitnehmen kann. dazu gehören<br />
zum Beispiel Fragetechniken, Projektstrukturpläne,<br />
Konfliktmoderation oder die Methode zur durchführung<br />
einer Projektumfeldanalyse.<br />
Es gilt, anhand verschiedener designs und Settings<br />
herauszufinden, was in der Vergangenheit wichtig<br />
war, was jetzt wichtig ist und wo die Sehnsüchte liegen.<br />
Was wirklich wichtig ist, begeistert. Begeisterung<br />
setzt Energien frei, die einen über sich hinauswachsen<br />
lassen, die oft scheinbar Unmögliches möglich<br />
machen.<br />
D: LERNPRINZIPIEN<br />
● Immer wieder gibt es reflexionsschleifen, die sowohl<br />
Selbst- als auch Fremdbeobachtung nutzen,<br />
um eigene anteile und Muster erkennen zu lernen,<br />
die also dazu beitragen, die Selbsteinschätzung<br />
mithilfe der Fremdeinschätzung zu schärfen.<br />
● Ein unverzichtbares Element ist dabei Feedback in<br />
allen Varianten: Feedback bezüglich der eigenen<br />
Wirkung – jeweils unter vier augen; Feedback hinsichtlich<br />
der latenzen in den Beziehungsdynamiken;<br />
Feedback, das design, die Fallarbeit etc. betreffend.<br />
aufgrund der differenzierten Perspektivenvielfalt und<br />
der Energie in Gruppen werden Blockaden gelöst und<br />
Gefühlsqualitäten mobilisiert, die zuvor häufig „weggepackt“<br />
waren. auf diese Weise wird offenheit für<br />
neue Sichtweisen, für eine andere Haltung ermöglicht.<br />
Führungskräfte sollten nicht „funktionieren“ wie<br />
Maschinen, sondern mitdenken, Gestaltungsräume<br />
nutzen, aus Fehlern lernen, den Mut haben, gemeinsam<br />
mit anderen neue Problemlösungswege zu su-<br />
chen und die oft lediglich selbst definierten Begrenzungen<br />
zu überwinden. die eigenen Potenziale – aber<br />
auch blinde Flecken – zu entdecken kann eine sehr<br />
spannende Entwicklungsreise sein.<br />
Eine wesentliche rolle spielen hierbei die Eigenschaften<br />
und Fähigkeiten von Gruppen: Sie sind nicht nur<br />
Hyperexperten bezüglich Komplexitätsmanagement<br />
(vgl. H. W. ahlemeyer/r. <strong>Königswieser</strong>: Komplexität<br />
managen), was sich bei der Bearbeitung von Praxisfällen<br />
der teilnehmer auswirkt, sondern vielmehr<br />
auch ein Spiegelungsfeld für das Erleben der eigenen<br />
Beziehungsgestaltung, Vorurteile, Stärken und<br />
Schwächen. In der Gruppe lernt man die Bedürfnisse<br />
des Einzelnen und jene der Gemeinschaft auszubalancieren.<br />
anhand der gemeinsamen arbeit – abwechseln in intimen<br />
Kleingruppen, in mittelgroßen und in Großgruppen<br />
– sind multioptionale lernsituationen gegeben.<br />
E: ANSATZ<br />
Wir haben auf systemischer Basis den Komplementäransatz<br />
entwickelt, der unseren Programmen zugrunde<br />
liegt. daraus ergeben sich bestimmte lernprinzipien.<br />
Einige der wichtigsten wollen wir hier benennen.<br />
● Wertschätzung: ohne ein grundsätzlich wertschätzendes<br />
Klima, ohne echtes Interesse am anderen,<br />
ohne auseinandersetzung, die den anderen ernst<br />
nimmt, ist Entwicklung unserer Erfahrung nach nur<br />
schwer möglich. Wertschätzung und Vertrauen<br />
setzen Energie frei.<br />
● Feedback-Prozesse: Feedback ist ein Herzstück<br />
des ansatzes. Wir bezeichnen es auch als soziales<br />
Geschenk, denn selbst wenn die rückmeldung<br />
nicht positiv ist, bringt sie starke Impulse.<br />
● Einbettung in den jeweiligen Kontext: Wir achten<br />
auf die dem strategischen, strukturellen und kulturellen<br />
Kontext des Unternehmens entsprechende<br />
Einbettung der Führungskräfteentwicklungsprogramme.<br />
● Erfahrungslernen: Starke Gefühle wie Begeisterung,<br />
innige Zuneigung, Unsicherheit oder angst<br />
bewirken eine Verschiebung des inneren Gleichgewichts<br />
und rufen die Fähigkeit, sich für Neues zu<br />
öffnen und einzementierte Haltungen aufzugeben,<br />
hervor. denken und Fühlen sind engstens miteinander<br />
verwoben. Menschen müssen etwas erleben<br />
oder erfahren, was unter die Haut geht, was sie im<br />
Innersten anrührt, um daraus lernen zu können.<br />
● Integration als Prinzip: Wir versuchen auch, nicht<br />
nur die Verzahnung von harten Fakten und weichen<br />
Faktoren (komplementärer ansatz) zu verstärken,<br />
sondern auch das lernen der Personen<br />
journal Best of | Eine Schuhnummer zu groß königswieser & network | 35<br />
bzw. rollenträger mit dem lernen der organisation<br />
zu verbinden.<br />
daher werden alle relevanten themen, die über<br />
den Qualifikationsauftrag hinausgehen, über die<br />
Konzeptgruppe an die relevanten Stellen weitergeleitet.<br />
dieses Vorgehen setzt Impulse für die<br />
Entwicklung der ganzen organisation.<br />
Eine weitere dimension der Integration des ansatzes<br />
ist die enge Koppelung zwischen theorie, Erleben<br />
und Praxis.<br />
Es hat sich gezeigt, dass Erkenntnisse dann am nachhaltigsten<br />
in das Verhalten übernommen werden können,<br />
wenn nicht theorievermittlung der Schwerpunkt<br />
ist, sondern wenn theoretische Modelle erst nach dem<br />
emotionalen Erleben einer bestimmten Situation die<br />
Zusammenhänge und Ursachen verdeutlichen und die<br />
Einordnung in das eigene Weltbild ermöglichen.<br />
daher werden in unseren Programmen z. B. Gruppenentscheidungen<br />
getroffen, im anschluss analysiert<br />
und erst danach werden Konzepte hinsichtlich Entscheidungen,<br />
leistungsteams, Konflikten etc. erstellt.<br />
dasselbe gilt auch für das Führen schwieriger Gespräche,<br />
in denen es etwa um Kritik oder die Überbringung<br />
schlechter Nachrichten geht. Nach dem meist<br />
mit großer Betroffenheit verbundenem Erleben<br />
kommt die theoretische Erläuterung, welche Mechanismen<br />
und dynamiken am Werk sind und wie man<br />
sich verhalten sollte.<br />
Ein wichtiger Schwerpunkt der arbeit sind aktuelle<br />
Fallbearbeitungen. die art der aufarbeitung – das methodische<br />
Vorgehen – zeigt nicht nur neue Perspektiven<br />
auf, sondern verdeutlicht auch, warum inhaltliche,<br />
strukturelle und emotionale dimensionen ganzheitlich<br />
betrachtet werden müssen, will man gute lösungsansätze<br />
finden. Fallarbeit ist auch deshalb ein<br />
so wertvolles Element, weil man aus den Erfahrungen<br />
der Kollegen lernt, Fragetechnik und ganzheitliches<br />
analysieren übt. Beim abschließenden „sharing“ wird<br />
die Brücke zur eigenen Situationen geschlagen, werden<br />
Erkenntnisse auf den eigenen Kontext übertragen.<br />
die reflexion darüber verweist wiederum auf die<br />
eigenen Stärken, Schwächen, Werthaltungen etc.<br />
all diese Entwicklungsdimensionen helfen, in die herausfordernde<br />
rolle hineinzuwachsen, an ihr als<br />
Mensch zu wachsen, sich den unterschiedlichen anforderungen<br />
flexibel zu stellen und das als lebenslänglichen<br />
spannenden Prozess zu sehen. ohne Konfrontation<br />
mit den eigenen Ängsten und Unsicherheiten<br />
ist Entwicklung nicht möglich. die kollektive Intelligenz<br />
und Emotionalität hilft dabei.<br />
Roswita <strong>Königswieser</strong>/Ulrich <strong>Königswieser</strong>
36 i königswieser & network Glossar | journal Best of<br />
GloSSar<br />
Zentrale Begriffe aus der<br />
Komplementärberatung<br />
• HaltUNG<br />
die komplementäre Systemdiagnose ist eine Weiterentwicklung<br />
der klassischen Systemdiagnose, die<br />
vornehmlich als Frageinstrument eingesetzt wird, um<br />
das Charakterbild einer organisation zu erstellen.<br />
Jede organisation hat ja ihre Merkmale, ihre ureigensten<br />
Werte, die historisch und produktdialektisch<br />
bedingt sind. die komplementäre Systemdiagnose<br />
dient dazu, die Potenziale bzw. defizite einer organisation<br />
auf der manifesten und der latenten Ebene zu<br />
ermitteln.<br />
Gruppen- und Einzelinterviews dienen dazu, antworten<br />
auf folgende Fragen zu erhalten:<br />
• Ist die Unternehmensstrategie in der organisation<br />
bekannt? Wird sie gelebt?<br />
• Welche Haltung herrscht gegenüber anstehenden<br />
Veränderungen?<br />
• Welche Werte und Normen bestimmen die Zusammenarbeit<br />
innerhalb der organisation?<br />
• Welche Beziehungs-, denk- und Kommunika tions<br />
muster gibt es in der organisation?<br />
die komplementäre Systemdiagnose integriert<br />
harte Fakten und weiche Faktoren. Es wird also nicht<br />
nur das Charakterbild der organiation erhoben, sondern<br />
dieses wird auch in den Kontext der geplanten<br />
sachlich-inhaltlichen Veränderungsthematik gesetzt.<br />
dazu ist es notwendig, den fachlichen Gegenstand<br />
der Veränderung näher zu beleuchten. So sind beispielsweise<br />
im Falle einer geplanten reorganisation<br />
der aufbau, die Stärken und Schwächen entlang der<br />
Prozesse, aber auch der strategische rahmen und die<br />
Performance der organisation zu untersuchen.<br />
In der Zwischen- und Endauswertung werden die<br />
weichen Faktoren und harten Fakten zueinander in<br />
relation gesetzt, das lässt rückschlüsse auf deren<br />
Wechselwirkungen im Gesamtkontext zu.<br />
als Methaper hierzu könnte man den Hausbau heranziehen:<br />
In der Phase der Grundstücksauswahl ist<br />
zunächst die lage von Bedeutung – an einem Hang, in<br />
• KoMPENSatIoN<br />
• oSZIllIErEN<br />
• ProZESS<br />
der Ebene, bei einem Fluss, neben bereits existierenden<br />
Häusern etc. aber ebenso wichtig ist es zu wissen,<br />
wie der Untergrund auf dem betrachteten Grundstück<br />
aussieht: Gibt es Geröll, Felsen, Grundwasser?<br />
die Geologie spielt ebenfalls eine wichtige rolle, will<br />
man wissen, wie man das Fundament zu bauen hat,<br />
welche Geräte man braucht, um unter aufbringung<br />
möglichst geringer Kosten die größtmögliche Stabilität<br />
des Hauses gewährleisten zu können.<br />
oder ein anderer Vergleich: Wie bei einem umfassenden<br />
Gesundheitscheck werden hier neben den<br />
psychologischen dimensionen (Einstellung, Haltung,<br />
denkmuster, Gefühle und Kommunikations- bzw. Beziehungsdynamiken)<br />
auch somatische daten (Blutbild,<br />
genetische Faktoren, Knochensubstanz usw.) erhoben<br />
und in einen komplementären Zusammenhang<br />
gebracht. auf organisationen übertragen bedeutet<br />
das die Integration von betriebswirtschaftlichen, kulturellen,<br />
strategischen und strukturellen Fragen und<br />
Erhebungsformen.<br />
Wesentlich ist dabei, dass die Informationen nicht<br />
nacheinander – sequenziell – erhoben werden, sondern<br />
in einem komplementär zusammengesetzten<br />
Beratertandem oder -team. die im Zeitraum der Informationssammlung<br />
stattfindende gemeinsame re -<br />
flexion und Hypothesenbildung im Beraterteam ermöglicht<br />
es, dort eine „tiefenbohrung“ anzusetzen,<br />
wo im Prozess der Eindruck entsteht, dass man hier<br />
besonders fündig werden könnte bzw. dass kompensatorisches<br />
Wissen eingebracht werden müsste.<br />
typische Fragen der komplementären Systemdiagnose<br />
sind z. B.:<br />
Wie sieht die Eigentümer-Kapitalsituation aus?<br />
Wie wirkt sie sich worauf aus?<br />
Welche Produkte werden auf welchen Märkten verkauft?<br />
Warum? Wer entscheidet das? Wie sehen die<br />
• SYStEMdIaGNoSE<br />
KoMPlEMENtÄrE<br />
a B C d E F G H I J K l M N o P Q r S t U V W X Y Z<br />
• WISSENSVErMIttlUNG<br />
deckungsbeiträge aus? Wo verliert man Geld? Wie<br />
kommt es dazu? Wie wird damit umgegangen? Ist das<br />
Problem typisch oder nicht?<br />
Wie sehen die Kernprozesse aus? Gibt es klare Verantwortlichkeiten?<br />
Worin liegen die Stärken und<br />
Schwächen der organisation? Worin bestehen die<br />
wichtigsten Chancen bzw. risiken im Markt?<br />
Welches Bild, welche Metapher charakterisiert<br />
das Unternehmen?<br />
Bei den Fragen und auswertungen steht immer die<br />
Verzahnung der harten und weichen themen im Fokus.<br />
Je nach anfrage und diagnoseschwerpunkt wird<br />
die auswahl der Einzel- und Gruppeninterviews bzw.<br />
der analysen der Zahlen, daten und Fakten, die Breite<br />
und tiefe der Erhebung und der auswertung gestaltet.<br />
der Mehrwert einer komplementären Systemdiagnose<br />
besteht im Erfassen des Zusammenhangs zwischen<br />
harten, manifesten dimensionen und weichen,<br />
latenten, verdeckt wirkenden Faktoren. Gemeinsam<br />
sind sie ergebnisrelevant. Somit können ansatzpunkte<br />
für rasche und gleichzeitig nachhaltige Veränderungen<br />
aufgezeigt werden. dieses Instrument setzt<br />
als machtvolle Intervention Systeme in Bewegung,<br />
fördert Ideen zutage und stellt die Basis für Veränderungsprozesse<br />
unter Beteiligung der Betroffenen dar.<br />
Es kann als diagnose, Frühwarnsystem, Innovationsmotor<br />
und als Energiefreisetzer dienen.<br />
So wie beim Umbau oder Neubau eines Hauses das<br />
Wissen um topographie, Geologie, Budget sowie um<br />
aktuelle und künftige Bedürfnisse Voraussetzung für<br />
eine gute Planung ist, so umfasst auch die komple -<br />
m entäre Systemdiagnose quasi mit „interdisziplinären<br />
augen“ die Situation eines Unternehmens und generiert<br />
in der Folge fundierte ansätze für Interventionen.<br />
Ulrich <strong>Königswieser</strong><br />
Eine Fortsetzung finden Sie im nächsten journal.