Diakonie Zeitung - Diakonisches Werk - Diakonie Dresden

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Tagespuzzle im Leben eines Suchtberaters

Um 7.30 Uhr schließe ich die Tür zur Beratungsstelle

auf… Heute ist von 8-16 Uhr

Sprechzeit. Das heißt: ich habe meine Klienten

im Stundentakt bestellt, es können

aber auch unangemeldete Klienten

kommen, sich anmelden oder gegebenenfalls

gleich zu einem Gespräch da

bleiben.

Für die meisten Klienten ist der Schritt in

eine Suchtberatungsstelle nicht leicht und

auch nicht einfach zu bewältigen.

In der nächsten halben Stunde bereite ich

mich auf die Gespräche vor, lese noch

einmal meine Aktennotizen vom letzten

Gespräch durch, stelle mich auf zu erwartende

Themen ein. Da klingelt das Telefon.

Eine Frau möchte mich sprechen. Sie

war bereits über 3 Monate regelmäßig zu

Gesprächen hier, lebte schon 2 Monate

ohne Alkohol. Es gab dadurch bereits

„Besuche eine Veranstaltung in der

Zionskirche!“ sagte mir einer aus der

Gruppe.

„Was? Ich? Ich habe doch mit der

Kirche nichts am Hut. Was soll ich

dort?“,antwortete ich.

Diese ablehnenden Gedanken gingen

mir durch den Kopf – damals, als ich

begriff, dass ich alkoholabhängig

geworden bin und etwas unternehmen

muss, um abstinent zu werden und zu

2. Ausgabe Dezember 2008

große Veränderungen. Doch, sie erzählt nun von

einem Rückfall.

Wir vereinbaren kurzfristig einen Termin, um

angemessen zu reagieren. Inzwischen wendet

sie sich an ihre Ärztin, um eine Einweisung zu

einer Entzugsbehandlung zu bekommen.

Dann kommt der erste bestellte Klient. Ein Mann

Anfang fünfzig. Er trinkt schon viele Jahre keinen

Alkohol mehr. Er braucht aber in Abständen

solche Gesprächstermine, um mir von seinem

weiteren Verlauf berichten zu können – vom

Weg der Abstinenz.

Der nächste Klient ist gerade 20 Jahre alt geworden.

Er kommt mit einem Drogenproblem, das

er bereits seit seinem 14. Lebensjahr hat. Ich

erfahre, dass nach den anfänglichen Spaßerfahrungen

mit der Droge, der Zwang zum Weiterkonsumieren

einsetzte und zum Hindernis

wurde, um sein Leben weiter führen zu können.

Deshalb hat er die Beratungsstelle aufgesucht.

Warum ich als Nichtchrist in

die Zionskirche gehe?

Die Zionskirche in Dresden-Südvorstadt

bleiben. In die Selbsthilfegruppe ging ich ja

schon, warum sollte ich noch in die Zionskirche

gehen?

Trotz anfänglicher Ablehnung und Skepsis

besuchte ich dann eines Freitages diese

Veranstaltung. Sie wird jeden Freitag zwischen

19.00 und 20.00 Uhr durchgeführt

und besteht aus einem weltlichen (fachorientierten)

und einem kirchlichen (seelischen)

Teil sowie aus gemeinsamem Singen.

Mit einem unsicheren Gefühl erschien ich.

Hier will er Klarheit über seine Situation finden

und den Mut zu den notwendigen Schritten der

Veränderung. Am Ende des Gespräches nehme

ich noch notwendige Angaben für die Sozialanamnese

auf, wir vereinbaren einen nächsten

Termin und verabschieden uns.

Dann kommt der nächste Klient. … Und so

nimmt dieser Tag seinen Lauf, mit all seinen

Herausforderungen.

Christoph Meinel

INFO: Alle Beratungsangebote sind kostenfrei.

Und damit sie ohne Zeitdruck wahrgenommen

werden können, vergeben wir

Termine. Telefonische oder persönliche Terminvereinbarungen

sind zu unsren Öffnungszeiten

möglich.

Kontaktinfos zu Suchtberatungs- und

Behandlungsstellen:

Dresden-Neustadt: Glacisstraße 42

Tel: (0351) 81 72 40 0

suchtberatung.ddneustadt@diakonie-dresden.de

Dresden-Mitte: Fetscherstraße 10

Tel: (0351) 44 68 97 7

suchtberatung.ddmitte@diakonie-dresden.de

www.diakonie-dresden.de

„Wie werden DIE mich als Neuen aufnehmen?

Was werden DIE sagen?“, fragte

ich mich. Die Aufnahme war herzlich und

ungezwungen. Es war eben wie beim

ersten Besuch in der Selbsthilfegruppe. Die

Gespräche mit den Anderen, die bereits

Jahre bzw. Jahrzehnte dabei sind, haben

mich in meiner Abstinenz bestärkt. Der

fachliche Teil war stets eine gute Ergänzung

zu den Gruppenbesuchen und der geistliche

Teil hat meinem seelischen Gleichgewicht

gut getan.

So war es damals vor 5 Jahren und es ist

auch heute noch so.

Ich bin nicht gläubiger geworden, aber diese

Abende wurden für mich und meine Frau

ein fester Bestandteil der Woche, den wir

nicht missen möchten. Für uns sind diese

Stunden eine Abrundung der Arbeitswoche

und ein guter Beginn des Wochenendes.

Wir haben viele Leute, viele Lebensläufe

und viel Solidarität kennengelernt. Nach

einem solchen Abend fühlen wir uns aufgebaut

und gestärkt für das Kommende. Die

Veranstaltungen in der Zionskirche sind für

mich auch Hilfe zur Selbsthilfe. Sie festigen

das eigene Vertrauen und stärken den

Willen, abstinent zu bleiben.

Ich möchte jeden dazu einladen, ob er Christ

ist oder Atheist. Der Lohn sind eine offene

und herzliche Atmosphäre, viele zusätzliche

Informationen und Impulse zum Nachdenken.

Ich habe es nie bereut, obwohl ich kein

Christ bin.

B. S. (Dresden im April 2010)

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Externe Suchtberatung

in der JVA Dresden

Seit 2001 ist die externe Suchtberatung in der

JVA Dresden ein Arbeitsbereich der Suchtberatungsstellen

der Diakonie - Stadtmission

Dresden. Suchtkranke bzw. suchtgefährdete

Untersuchungs- und Strafgefangene werden

über den externen Dienst innerhalb der Haftanstalt

beraten und betreut. Seit 2005 sind dafür

zwei Vollzeitstellen vorgesehen.

Die Aufgaben der ext. Suchtberater

bestehen u. a. aus:

• Informationsvermittlung über Suchtmittelmissbrauch

und Suchterkrankungen

• Erfassung suchtspezifischer Probleme,

Motivation zur Vorbereitung einer Therapie,

Klärung der Kostenträgerschaft

Anzahl

„Nachdem wir drei Bier getrunken hatten,

ging die Party richtig los. Mit Feigling,

Wodka und noch mehr Bier betranken wir

uns völlig. Nachdem ich mich übergeben

musste, legte ich mich selber in die stabile

Seitenlage und schlief ein.“

Wer nun schmunzeln muss, dem sei gesagt,

dass uns ebenso zu Mute war, als diese

Geschichte innerhalb einer Gruppenarbeitsrunde

des „No Addiction“- Projektes erzählt

wurde.

Trotzdem gab dieser Jugendliche eine brillante

Überleitung zu unserem Rettungsassistenten

Benjamin, welcher im Rahmen

unserer Suchtprävention regelmäßig das

Thema Erste Hilfe im Drogennotfall mit den

Jugendlichen bearbeitet. In diesen Erste-

Hilfe-Runden werden Fragen, wie: „Wann

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Hauptdiagnosen aller Klienten

• Begleitung der Klienten zur

Therapieeinrichtung

• Vermittlung an Beratungsstellen und

Selbsthilfegruppen

• Krisenintervention

• Austausch mit den Fachdiensten der JVA

„Externe Suchtberatung in den JVAs Sachsens“

ist ein eigener Arbeitskreis innerhalb der

SLS Sachsens. 2009 nutzten insgesamt 411

Inhaftierte das Angebot der externen Suchtberatung.

Das Diagramm verdeutlicht das Spektrum der

problematischen Substanzen, unter den Inhaftierte

leiden:

Volker Sonnerborn

Art der Diagnose

Quelle: Diakonie Suchtberatung

Erste Hilfe im Drogennotfall

ruft man den Rettungsdienst?“, „Was kann

man als Ersthelfer bei einer Überdosis tun?“,

„Was ist beim Drogennotfall zu beachten?“,

beantwortet.

Benjamin geht dabei auf rechtliche Aspekte

ein, auf moralische Fragen und erzählt

viel aus seiner beruflichen Praxis, um den

Jugendlichen das Thema greifbarer zu

machen.

Den Jugendlichen wird in diesen Runden

sehr erfolgreich die Verantwortung für eigenes

Konsumverhalten sowie die Verantwortung,

welche sie für andere Personen haben,

veranschaulicht und vorhandene Ängste vor

dem Ausführen von Ersthelfermaßnahmen

genommen.

Susanne Winkel

Titel

Hart Thema

am Limit

Jugendliche im Vollrausch

Wie jeden Morgen greifen wir auch

heute wieder zum Telefon und informieren

uns im Krankenhaus Neustadt

bzw. Universitätsklinikum darüber, ob

in der letzten Nacht Jugendliche mit

einer Alkoholintoxikation eingeliefert

wurden. Sollte dies vom ansässigen

Personal bestätigt werden, greifen

wir, die Mitarbeiterinnen der Mobilen

Jugendarbeit zur Suchtprävention „No

Addiction“, mit der Umsetzung des

HaLT-Konzeptes (Hart am Limit) ein.

Hart

am LimiT?!



HaLT

Das HaLT-Projekt richtet sich an

Jugendliche (bis 18 Jahre), welche

aufgrund ihrer augenblicklichen Situation

an einem zeitnahen „Risikocheck“

teilnehmen können. Er beinhaltet

sowohl eine Gruppenarbeit, als auch

eine Erlebniseinheit. Vorab findet im

Krankenhaus ein Brückengespräch

statt. Ziel ist es, die Jugendlichen zum

Nachdenken bezüglich ihrer eigenen

Konsumgewohnheiten zu motivieren.

Das Angebot möchte zur bewussten

Selbstreflexion sensibilisieren und

spätere Erkrankungen, die auf einen

risikoreichen Alkoholkonsum zurückzuführen

sind, vermeiden helfen. Es

wird von der AOK-Plus finanzierte und

steht in enger Kooperation mit der

Jugend- und Drogenberatungsstelle

Dresden und der Sächsischen Landesstelle

gegen die Suchtgefahren e. V.

Linda Knechtel

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