Kirche in der Diaspora: Anker und Hoffnungszeichen - Gustav-Adolf ...

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Kirche in der Diaspora: Anker und Hoffnungszeichen - Gustav-Adolf ...

Für Sie ist das Gustav-Adolf-Werk

nichts Neues. Seit 1986 sind Sie Vorsitzender

der GAW-Hauptgruppe in

West-Berlin bzw. seit 1992 der Hauptgruppe

Berlin-Brandenburg. Wie sind

Sie damals zum GAW gekommen?

Meine Liebe zum GAW wurde in Brasilien

begründet, wo ich in den 70er

und 80er Jahren einige Zeit gelebt und

als Dozent für Neues Testament an

der Theologischen Hochschule in São

Leopoldo gearbeitet habe. Später kamen

Erfahrungen in Europa hinzu. Ich

bin seit 1987 Sekretär der LEUEN-

BERGER KIRCHENGEMEINSCHAFT bzw.

neuerdings GEMEINSCHAFT EVANGE-

LISCHER KIRCHEN IN EUROPA.

Welche „Diasporaerfahrungen“ haben

Sie in Brasilien sammeln können?

In jener Zeit wurde mir dreierlei

wichtig: Zum einen habe ich konkret

miterlebt, wie die Evangelische Kirche

Lutherischen Bekenntnisses in

Brasilien nach Jahrzehnten der gesellschaftlichen

Isolation zu einer

Kirche in Brasilien wurde, ohne ihre

deutschen Wurzeln zu kappen. Die

Erklärung von Curitiba im Jahr 1970

wurde dafür wegweisend. Zum anderen

konnte ich auf dem so genannten

Spiegelberg in São Leopoldo, aber

auch anderswo, erfahren, welch hohe

Bedeutung die schulische und universitäre

Ausbildung der Jugend in

der Diaspora hat. Und drittens hatte

ich die einmalige Chance, den theologischen

und kirchlichen Aufbruch

der katholischen Mehrheitskirche in

Brasilien aus nächster Nähe zu erfahren.

Trotz des Gegensteuerns von

Rom entwickelte sich damals ein bis

heute anhaltendes besonderes ökumenisches

Klima.

Liegt Ihnen Lateinamerika noch besonders

am Herzen?

Gustav-Adolf-Blatt 2/2004

Kirche in der Diaspora:

Anker und Hoffnungszeichen

Interview mit Wilhelm Hüffmeier, seit Januar 2004

Präsident des Gustav-Adolf-Werks

Seit Januar 2004 führt ein neu gewählter Vorstand die Geschicke des Gustav-Adolf-Werks e.V. (GAW).

Der neue Präsident des GAW heißt Dr. Wilhelm Hüffmeier. Doreen Just sprach mit ihm über die Herausforderungen,

denen sich das GAW in den kommenden Jahren stellen muss, über die Osterweiterung

der EU sowie über seine ganz persönliche Liebe: Südamerika.

Das mit Brasilien ist freilich eine

ganz besondere und sehr persönliche

Geschichte. Nach der Rückkehr von

dort habe ich als Pfarrer in Berlin-

Lankwitz, unabhängig vom GAW,

mit der dortigen Gemeinde konkrete

Projekte in brasilianischen Gemeinden

und Kinderheimen unterstützt,

in Novo Hamburgo, in Monte

Alverne, in Alvorada und Ceilândia.

Dadurch entstand eine Freundschaft

mit den Schwestern Hildegart

und Hulda Hertel. So habe ich

schließlich im Jahr 1979 auch das

Projekt der GAW-Frauenarbeit zur

Errichtung des „Christlichen Frauenzentrums“

für ledige Mütter in

Novo Hamburgo kennen gelernt.

Diese Kontakte brachten es mit

sich, dass meine Frau und ich vier

brasilianische Kinder adoptiert haben.

Die Schwestern Hertel und die

GAW-Frauenarbeit gehören deshalb

sozusagen zur Verwandtschaft

im weitesten Sinne.

Am 19. Januar sind Sie zum Präsidenten

des GAW gewählt worden. Mit

Ihnen nimmt ein fast völlig neu besetzter

Vorstand seine Tätigkeit auf. Welchen

Herausforderungen muss sich das

GAW in den nächsten Jahren stellen?

Dr. Wilhelm Hüffmeier

wurde 1941 in Berlin geboren.

Von 1960 bis 1965 studierte er

Evangelische Theologie in Berlin,

Marburg und Zürich.

Anschließend arbeitete er als Wissenschaftlicher

Assistent an den Universitäten

Zürich und Tübingen.

1972: Ordination und Promotion.

1973–1975/1981–1982 lehrte er

Neues Testament an der Theologischen

Hochschule im brasilianischen São

Leopoldo.

Hüffmeier war sechs Jahre lang Pfarrer

in der Gemeinde Berlin-Lankwitz und

wechselte 1983 in die Kirchenkanzlei

Ich nenne drei! Nach außen: Die

Selbstprofilierung des GAW im Kreis

der Hilfsorganisationen für die Diasporakirchen

in Mittel-, Ost- und

Südeuropa sowie in Südamerika bei

gleichzeitiger enger Kooperation mit

diesen Hilfsorganisationen, etwa dem

der Evangelischen Kirche der Union in

Berlin (seit 2003 Union Evangelischer

Kirchen in der EKD), deren Leitung er

1995 übernahm.

Seit 1986 ist Hüffmeier Vorsitzender

des GAW in Berlin-Brandenburg (bis

1992 GAW Berlin-West), seit 1987

Sekretär der Leuenberger Kirchengemeinschaft

(jetzt: Gemeinschaft Europäischer

Kirchen in Europa).

Im Januar 2004 wählte ihn die Abgeordnetenversammlung

zum Präsidenten

des GAW-Gesamtwerks.

Hüffmeier ist verheiratet und hat vier

Kinder.

Dr. Wilhelm

Hüffmeier


Foto: Sülzle

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Martin-Luther-Bund. Zum anderen

die Stärkung des Gemeinschaftsbewusstseins

unserer Landeskirchen mit

der evangelischen Diaspora. Nach innen

geht es drittens um die Wiederherstellung

und Pflege des Vertrauens

zwischen dem Vorstand mit der Zentrale

und den GAW-Hauptgruppen.

Zu einer Profilierung des GAW gehört

auch, das theologische Profil dieses

Hilfswerkes für evangelische Minderheiten

in der Welt zu schärfen. Das

spiegelt sich in den Leitlinien wider,

die der neue Vorstand für seine Arbeit

formuliert hat. Welche Vorstellungen

und Visionen haben Sie diesbezüglich?

Schärfung des theologischen Profils

heißt nicht, dass das GAW selber

theologische Forschung betreiben

oder dafür Einrichtungen schaffen

und erhalten soll. Dafür haben wir

bei uns und in den Diasporakirchen

Theologische Fakultäten, Seminare

und Hochschulen. Diaspora ist übrigens

nicht nur Thema der Theologie,

sondern auch z. B. der Soziologie

oder der Literaturwissenschaften.

Theologisches Profil im GAW schärfen

bedeutet vielmehr: unsere Arbeit

im Vorstand, in den Vorständen der

Hauptgruppen selber theologisch

reflektieren und verantworten unter

der Leitfrage: Was dient der Verkündigung

des Evangeliums als Botschaft

von der freien Gnade Gottes

und dem Leben aus dieser Gnade in

der Diaspora? Da ist jede und jeder

im GAW gefordert und zugleich das

Hören und Lernen voneinander.

Dem dient eine enge Kooperation mit

dem Evangelischen Bund, aber auch

mit der Gemeinschaft Evangelischer

Kirchen in Europa. Die dort geleistete

theologische Arbeit kommt uns zugute

und braucht von uns nicht wiederholt

zu werden.

Hilfsorganisationen gibt es in Deutschland

in größerer Zahl. Warum engagieren

Sie sich gerade im Gustav-Adolf-

Werk? Was macht das GAW in Ihren

Augen einzigartig?

Das Besondere des GAW besteht zum

einen in seiner langen und traditionsreichen

Geschichte der Hilfe für

evangelische Minderheiten innerhalb

und außerhalb Deutschlands; zum anderen

in seiner grenzüberschreitenden

Großzügigkeit. Von Anfang an waren

im GAW nicht nur deutsche und

deutschstämmige evangelische Minderheiten

im Blick, sondern auch andere,

z. B. die Waldenser in Italien.

Und wiewohl im lutherischen Sachsen

begründet, blieb das GAW seit

seinem Beginn nicht auf eine evangelische

Konfession ausgerichtet.

Im Mai dieses Jahres steht Europa ein

großes Ereignis bevor: die EU-Osterweiterung.

In allen Erweiterungsländern

gibt es evangelische Diaspora. Inwieweit

wird die EU-Erweiterung die Arbeit

des GAW und dessen Beziehungen

zu Partnerkirchen und -organisationen

beeinflussen?

Die Folgen vermag ich noch nicht

abzusehen. Die neue Freizügigkeit ist

sicher ein Positivum. Andererseits

zeigen mir Kontakte nach Polen

schon jetzt, dass etwa die Projektfinanzierung

neu bedacht werden

muss. Vieles wird in den neu hinzutretenden

Ländern teurer werden.

Auch werden die Grenzen zu den

nicht zur EU gehörenden Diasporaländern

höher sein. Wir werden uns

also sputen müssen, um hier alles in

der Balance zu halten.

Die Erweiterung der EU um zehn

Länder birgt außerdem die Gefahr

einer EU-Zentrierung unserer Arbeit.

Diese Konstellation könnte zur Vernachlässigung

der südamerikanischen

Partnerkirchen führen. Die gleiche

Gefahr besteht natürlich auch für die

europäischen Diasporakirchen außerhalb

der EU. Deshalb müssen wir hier

besonders auf das Gleichgewicht in

den Beziehungen achten.

Das GAW ist einderal aufgebautes

Werk und lebt mit allen Vorteilen und

auch Herausforderungen einer solchen

Organisationsstruktur. Der neue Vorstand

legt Wert auf eine sehr enge Zusammenarbeit

mit der Leipziger Zentrale

und den bundesweit etablierten

GAW-Hauptgruppen ...

Eng heißt für mich vertrauensvoll.

Vertrauen kann man nicht befehlen,

es muss erworben und gepflegt werden

durch vertrauenswürdiges Verhalten

aller an unserer Arbeit Beteiligten.

Das schließt die Kritik im

Einzelnen nicht aus. Aber die Kritik

muss eingebettet sein in einen je größeren

Kreislauf von Sympathie. Konkret

gehört dazu z. B. die Würdigung

der Leistungen der Zentrale bei der

Erstellung des Projektkatalogs, ihrer

Pressearbeit, der Vorbereitung der

Vorstandssitzungen, der Abgeordnetenversammlung

sowie die Gestaltung

und Pflege der Kontakte zwischen

Vorstand – Zentrale und den

Hauptgruppen. Zugleich müssen auch

die schwierigen Herausforderungen

gemeinsam angenommen werden, so

z. B. die Antwort auf die Frage, welche

Strukturen sich das GAW in

Zukunft leisten kann, welche Strate-

gien es für das Wachhalten des Diasporabewusstseins

entwickeln muss.

Hauptberuflich bin ich Leiter der

Kirchenkanzlei der Union Evangelischer

Kirchen in der EKD, die seit

Jahren unter dem Stichwort „Stellenreduzierung

und Konzentration der

Kräfte“ arbeiten muss. Das alles lässt

sich nur in einer Atmosphäre gegenseitiger

Information und gegenseitigen

Vertrauens gestalten.

Welche Mitte, welcher zentrale Gedanke

leitet den neu gewählten Vorstand

bei seiner Arbeit?

Die zentralen Gedanken sind die der

Treuhänderschaft und der Vermittlung.

Der Vorstand muss wie alle

Vorstände in den Hauptgruppen

Treuhänder der Spenden sein und

Vermittler zwischen den uns tragenden

Spenderinnen und Spendern auf

der einen und den Diasporakirchen

auf der anderen Seite. Das gemeinsame

Ziel muss es sein, diesen Kirchen

zu helfen, in ihrer Situation Kirche

mit und für die Menschen zu sein.

Das schließt die „Konvivenz“, das

gute Zusammenleben mit anderen

Konfessionen, Religionen und nicht

zuletzt mit den Konfessionslosen ein.

Eine „Gewissensfrage“ zum Schluss:

Heftig diskutiert wurde im vergangenen

Jahr, ob es einen Gottesbezug in

der EU-Verfassung geben soll. Auch

viele Partnerkirchen des GAW nahmen

offiziell Stellung. (Wir berichteten

darüber in der Ausgabe 4/2003

des Gustav-Adolf-Blatts.) Wie hätten

Sie votiert?

Ich bin für einen Gottesbezug in der

Präambel des EU-Verfassungsvertrages,

obwohl ich weiß, dass er, ähnlich

wie der Gottesbezug in unserem

Grundgesetz, keine unmittelbaren

Rechtswirkungen hat. Wichtig für

die partnerschaftliche Zusammenarbeit

von Kirche und Staat in der EU

ist deshalb die in Artikel 51 des Verfassungsentwurfs

verabredete Kommunikation

der EU-Gremien mit

den Kirchen und Religionsgemeinschaften.

Aber der Gottesbezug hat

die Funktion einer wichtigen Warnung

und Erinnerung. Er erinnert

alle Beteiligten daran, dass weder

eine Idee noch eine Religion, weder

eine Rasse noch eine Nation die

Stelle einnehmen darf, die allein

Gott vorbehalten ist: Instanz letzter

Bindung und Verantwortung. Europa

hat in dieser Hinsicht viele gebrannte

Kinder.

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Gustav-Adolf-Blatt 2/2004

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