Leseprobe Band 3, Buch XI, Kapitel 4 - VEGA e.K.

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Leseprobe Band 3, Buch XI, Kapitel 4 - VEGA e.K.

Zur Metageschichte des letzten Jahrhunderts

ständigkeit erheben, wie sie für die metahistorischen Bilder vergangener

Epochen charakteristisch ist.

Jene Personen, die nach Stalins Tod an die Macht gelangten, waren als

Staatsmänner mehr noch als doppelbödig. Sie waren sozusagen die

Sterne aus seinem Sternenhaufen. Sie alle waren unter und dank ihm

aufgestiegen, sie alle hatten die Erziehung seiner politischen Schule

genossen. In seiner Gegenwart zitterten sie natürlich um ihre eigene

Existenz und im tiefsten Inneren ärgerten sie sich über viele seiner

Unternehmungen. Aber jene Doktrin, die für ihn lediglich eine Maske

darstellte und nur eine Anleitung zum praktischen Handeln war, repräsentierte

für sie die allerhöchste Wahrheit, die tiefste Überzeugung, das

bedeutendste Vermächtnis. Man kann von einem gewöhnlichen Menschen,

der beispielsweise sein Leben lang im Schoß der russischorthodoxen

Kirche tätig war, nicht erwarten, dass er im Alter genügend

geistige Frische, Flexibilität und Weitblick hätte, um das eigene Tun

und die eigene Weltauffassung einer Revision zu unterziehen. Ein derartiges

Umdenken wäre für ihn eine Katastrophe, eine schöpferische

und existenzielle Bankrotterklärung und natürlich wäre er im Anschluss

daran zu keiner aktiven gesellschaftlichen Tätigkeit mehr fähig.

Die mit einer grundsätzlichen Revision der Doktrin verbundene

Erschütterung wäre nun ebenso wenig von der geistigen Sphäre jener

zu erwarten, die ihr Leben lang doktrinär dachten, fühlten und handelten.

Eine andere Seite dieser Staatsmänner resultierte aus ihrer schweren

Traumatisierung durch die Willkür des entschlafenen Despoten. Sie

erkannten die Fäulnis in der Gesellschaft – das Resultat der Tyrannei –

und erinnerten sich an die Atmosphäre ewiger Angst um das eigene

Leben, an die Atmosphäre der Unsicherheit, in der sie so viele Jahre

gearbeitet hatten. Am meisten fürchteten sie einen Rückfall in die Vergangenheit,

bei dem eine Art neuer Stalin erscheinen, alle knebeln und

das Land endgültig in den Abgrund stürzen würde. Sie bemühten sich

daher um Schutzmaßnahmen gegen die Wiederholung des traurigen

Gestrigen. Anstelle der Idee von der Vollständigkeit des kollektiven

Verstandes, der seinen konkreten Ausdruck im Verstand des genialen

Führers gefunden hätte, wurde so die wiederbelebte Idee der Kollegialität

lauthals verkündet – die Idee vom Verstand des gesamten Volkes,

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