Leserbrief zu „Wehe! Wehe!“ von Harro Albrecht Der - Dr. med. Marc ...

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Leserbrief zu „Wehe! Wehe!“ von Harro Albrecht Der - Dr. med. Marc ...

Wissen Redaktion

Die Zeit

Hamburg

Stuttgart, 12. September 2010

Betreff: Leserbrief zu Wehe! Wehe! von Harro Albrecht

Der Artikel zeigt auf prägnante Weise das Dilemma der modernen Wissenschaft. Die

Trennung von Theorie (Wissenschaftler) und Praxis (Arzt) und von Körper und Psyche.

Die Wissenschaft ermöglicht uns ein Medizinsystem, welches auf mathematischen

Grundlagen Therapien analysiert, die aus einem monokausalen Zusammenhang von

Ursache und Wirkung (das Prinzip von Laborversuchen und den meisten

pharmakologischen Studien) aufgebaut und idealerweise hochwirksam sind. Das ist

die Theorie. In der Praxis haben wir es aber weder mit Monokausaliät noch mit einer

einzigen Wirkung, sondern mit unzähligen Krankheitsfaktoren (Gene,

Umweltfaktoren, Ernährung, Psyche....) und einem individuellen, unglaublich

komplexen Organismus zu tun, in welchem unzählige Reaktionen gleichzeitig

ablaufen und sich gegenseitig beeinflussen. Wir als Praktiker wissen das und es

bestimmt unsere tägliche Arbeit. Auch die Patienten spüren, dass die Wissenschaft

der Komplexität Ihrer Beschwerden oft nicht gerecht wird. Z.B. wird die Chinesische

Medizin durch die Individualität der Therapie dieser Komplexität besser gerecht, sie

ist dadurch aber in einem wissenschaftlich analytischen Studienkonzept schwer zu

beurteilen. Nur weil wir mit unseren wissenschaftlich diagnostischen Methoden oft

keine messbaren Veränderungen finden, heißt dies noch nicht, dass die Beschwerden

allein psychischer Natur sind. Viele der „alternativen Verfahren schlagen auch

diagnostisch eine Brücke zwischen somatischen und psychischen Beschwerden und

sind damit näher an den komplexen Problemen der Patienten. Es sind also auch

unsere wissenschaftlich analytischen und diagnostischen Verfahren, die in Bezug auf

den Menschen überdacht werden müssen. Die großen Naturheilverfahren beruhen

auf Erfahrungen von Generationen klinisch tätiger Ärzte. Diese weiter zu erforschen

und deren Wirksamkeit transparenter zu machen, halte ich für essentiell wichtig, sie

zu diffamieren für falsch. Dass sich nun einige Universitäten den alternativen

Methoden zuwenden, hat hoffentlich wenig mit deren eigenem Profit, sondern viel

mehr mit offenem Denken zu tun. Wer soll denn die Gelder für diese Forschungen

bereitstellen, wenn nicht die Universitäten und damit die Allgemeinheit? Es gibt

weder eine Lobby noch eine Industrie, die sich dadurch Gewinne versprechen.

Wichtig ist auch, dass einige der genannten Verfahren große Erfahrungswerte in der

Prophylaxe von Erkrankungen aufweisen. Ein bei uns vernachlässigter, weil wenig

einträglicher Bereich. Auch dies sollte im Sinne einer gesünderen Gesellschaft

dringend besser erforscht werden. Es gibt viel zu entdecken und neu zu denken. Die

Praktiker und Theoretiker sollen und können viel voneinander lernen.

Dr. med. Marc Scheuermann Stuttgart


Leserbrief zu: Lehmann, Hanjo"West-ostlicher Scharlatan", SZ 186:

S. 20 "Wissen" vom 14.8.2010 und Kommentar von Werner Bartens

"Behandlung mit Stich ".

Der Arzt, friihere Hei!praktiker und bekannte Romanschreiber Hanjo Lehmann hat in

seiner historischen Recherche spannend einen moglichen Hochstapler des 19.

Jahrhunderts, George Soulie, "enttarnt". In der Auseinandersetzung mit China ware das

ein nun weiterer in der Reihe, der beriihmteste Hochstapler und Geschichtenerfinder ist

(vermutliich) Marco Polo.

Unbenommen, ob die Hypothesen des Herrn Lehmann stimmen - er bleibt aIle Belege

schul dig - so what?

Rezeptionsgeschichtlich fUr die Therapiemethode Akupunktur spielt Sou lie in

Deutschland keine Rolle. Historisch publizierte Andreas Cleyer 1624 das erste Werk

Specimen Medicinae Sinensis zur Akupunktur in Deutschland, das theoretische Konstrukt

der TCM wurde erst durch die Arbeiten des Sinlogen Prof. Porkert 1974 hier verstanden

und direkt aus dem Chinesischen iibersetzt. 1m Jahr 1984 wurde von Porkert und

Hempen die "Systematische Akupunktur" verOffentlicht, ebenfalls direkt aus dem

Chines ischen iibertragen. Die urspriingiichen Inhalte stammten letztlich aus der grogen

Summe der Aku-Moxa-Therapie (Zhenjiu dacheng, 1601). Diese Inhalte wurden kritisch

durch die arztlichen Fachgesellschaften bewertet und umgesetzt. Die im Kursbuch der

Bundesarztekammer enthaltenen Inhalte - die Herr Lehmann offensichtlich nicht kennt

- sind sinnvoll, wissenschaftlich und klinisch relevant.

Entscheidend ist aber, dass Akupunktur als klinisch effiziente Methode von iiber 10.000

Arzten in Deutschland ausgeiibt wird, inzwischen die Akupunktur durch ein Vielzahl

von Studien fiir viele Indikationen, we it iiber Schmerztherapie hinaus, wirksam belegt

ist, zunehmend die Wirkmechanismen wissenschaftlich verstanden werden. Hatte

Werner Bartens die SZ gelesen, wiisste er, dass am 1.6.2010 im Tei! "Wissen" aus

seriosen Fachzeitschriften diese Wirkmechanismen (Nozeptive und antinozeptive

Effekte) dargestellt wurden.

Richtig ist, dass in den Modellvorhaben der Krankenkassen die komplexen

Akupunkturkonzepte (viele Nadeln) den sham-Nadeln nicht iiberlegen waren. Nurwurde

hier die Spezifitat der Akupunkturpunkte getestet oder vielmehr ein klinisches

Setting? Fiir einige Indikationen wie Ubelkeit ist aber die Spezifitat eines

Akupunkturpunktes bereits belegt.

Die sogenannte "TCM" wird derzeit durch massive Forschungsanstrengungen in China

weiter evaluiert. Selbst das hochst angesehne New Englandjaurnal afMedicine empfiehlt

aktuell Akupunktur bei Riickenschmerzen als Behandlungsalternative. Serios

angewendet ist Akupunktur das Gegenteil von Scharlatanerie!


PRESSEMITTEILUNG

der arztlichen Akupunkturfachgesellschaften

Bezug: Deutsches Arzteblatt, 30. Juli 2010, Nr. 30, S. A 1454 - A 1457

Der Spiegel, 9. August 2010, Nr. 32, S. 108

SOddeutsche Zeitung, 14. August 2010, Nr. 186, S. 20

Die Suddeutsche Zeitung titelt Akupunktur: West-6stlicher Scharlatan und ist selbst

einem Scharlatan aufgesessen

MOnchen, 16. August 2010

Am Anfang der westlichen Akupunktur stand ein Hochstapler namens Soulie de Morant

(1878-1955), schreibt ein Herr Lehmann in der SOddeutschen vom 14. August. Und was

ein Scharlatan begrOndet, bleibt Scharlatanerie. Die arztlichen Akupunktur

Fachgesellschaften wenden sich ganz entschieden gegen diese Aussage, die schlicht

falsch ist.

Die Beitrage im Deutschen Arzteblatt und in der SOddeutschen Zeitung von Herrn

Lehmann enthalten wirre und unsortierte VorwOrfe, krasse medizinhistorische IrrtOmer

und Unterstellungen:

de Morant ist nicht der Vater der westlichen Akupunktur. Die Arbeiten de Morants

hatten keinen EinfuB auf die Entstehung der TCM-LehrbOcher, die seit Anfang der

1960er Jahre in China publiziert wurden.

die Aussage, die arztlichen Ausbildungsgesellschaften bez6gen sich auf de

Morant, ist falsch.

Der Autor behauptet, dass das Musterkursbuch der Bundesarztekammer die

Begriffe Meridian und Energie verwenden. Dort steht nichts davon.

Der Autor behauptet: "Auch die Organuhr geht auf Soulie de Morant zurOck".

Falsch! Richtig ist: Dieses System wurde Ober einige Jahrhunderte entwickelt und

in der Yuan-Dynastie (1261-1368) vollendet.

Der Autor behauptet, der Leitbahnumlauf sei eine Erfindung von de Morant.

Falsch! Richtig ist, dass das Konzept seit 2000 Jahren zum Kanon der TCM

geh6rt.

Weitere IrrtOmer und Unwahrheiten sind dargestellt unter www.daegfa.de

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Der Autor der Beitrage ist Herr H, Lehmann. Leiter des "Deutschen Instituts fOr

Traditionelle Chinesische Medizin". Verschwiegen wird, dass dieses Institut aus nur einer

Person besteht und bisher keine einzige wissenschaftlich anerkannte Arbeit publiziert

hat. Herr Lehmann praktizierte lange Zeit als Heilpraktiker und verdient seinen Unterhalt

als Romanschriftsteller,

Durch Veraffentlichung dieser schlecht recherchierten Beitrage wird nicht nur die

Akupunktur diskreditiert, sondern auch mehrere zehntausend Arzte und ihre Patienten.

Richtig ist, dass die Anwendung der Akupunktur wissenschaftlich fundiert ist. Zuletzt

haben die Zeitschriften Nature (Goldman et al. Nat Neurosci. 2010 Jul; 13(7):883-8) und

das New England Journal of Medicine (Berman et al. N Engl J Med 2010; 363:454-61)

die Akupunktur als wissenschaftlich anerkannte Methode belegt.

Es ist fOr aile Beteiligten vollstandig unwesentlich, ob ein Herr de Morant ein Scharlatan

ist oder nicht. Es scheint aber, dass hier seriase Zeitschriften auf einen modernen Soulie

de Morant herein gefallen sind!

1mNamen von:

Deutsche Arztegesellschaft fOr Akupunktur e.V. DAGfA

Deutsche Gesellschaft fOr Akupunktur und Neuraltherapie e.V. DGfAN

Gesellschaft fOr die Dokumentation von Erfahrungsmaterial der Chinesischen

Arzneitherapie e.V. DECA

Deutsche Akademie fOr Akupunktur e.V. DAA

Unterzeichnet am 17.08.10:

Deutsche Akupunktur Gesellschaft

Internationale Gesellschaft fOr Chinesische Medizin e.V. (SMS)

Pressekontakt:

Dr. med. Wolfram Star

1. Vorsitzender der Deutschen Arztegesellschaft fOr Akupunktur e.V.

Tel + 49 (0) 89 71 005 11 Fax Tel + 49 (0) 89 71 00525

Email: vorstand@daegfa.de

Weitere Informationen: www.daegfa.de/Aktuelle Themen

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