Hürden bei der Eingliederung psychisch kranker Menschen - Espas

espas

Hürden bei der Eingliederung psychisch kranker Menschen - Espas

Hürden bei der Eingliederung

psychisch kranker Menschen

Dr. Niklas Baer

Fachstelle für Psychiatrische Rehabilitation BL

Kantonale Psychiatrische Dienste BL

Jubiläum 25 Jahre ESPAS

Forum für Arbeitgeber

22. Juni 2007


Psychisch Kranke und Arbeit: Daten und Dynamik

1. Fakten zu psychiatrischen Invalidisierungen

2. Warum ist es so schwierig ?

3. Was können wir tun ?

Übersicht


IV-Renten wegen psychischer Krankheit 1986-2006

(BSV Invaliditätsstatistik)

100000

90000

80000

70000

60000

50000

40000

30000

20000

10000

0

1986

1987

IV-Renten wegen psychischer Krankheit

(ohne Geburtsgebrechen/Unfälle) 1986-2006

1988

1989

1990

1991

1992

1993

1994

1995

1996

1997

1998

1999

2000

2001

2002

2003

2004

2005

2006


180'000

160'000

140'000

120'000

100'000

80'000

60'000

40'000

20'000

Entwicklung der IV-Renten IV Renten 1986-2005 1986 2005

0

24'000

92'000

aufgrund psychischer

Krankheit

(BSV Invaliditätsstatistik)

94'000

157'000

alle anderen Ursachen

1986

2005


100%

90%

80%

70%

60%

50%

40%

30%

20%

10%

0%

Allergien

95%

Wirksamkeit beruflicher Massnahmen

Knoch/Bewegungsapparat

85%

Sinnesorgane

78%

(BSV, Buri, 2000)

Tumore

70%

Kreislaufsystem

64%

Psychische Krankheiten

58%

Nervensystem

51%

73%

Durchschnitt


Resignative Haltung

„es ist nicht möglich, weil…

psychisch Kranke nicht leistungsfähig sind.

psychisch Kranke nicht arbeiten wollen.

psychisch Kranke unzuverlässig sind.

� es keine Nischenarbeitsplätze mehr gibt.

� Arbeitsplätze abgebaut werden.

der shareholder value alles bestimmt.

� die Arbeitswelt brutaler geworden ist (Mobbing).

� für psychisch Kranke heute alles zu schnell geht

psychisch Kranke nicht kommunizieren können


Hospitalisationsdauer / Erwerbsstatus

(Baer: Patientenstatistik Klinik BL 1998-2006 1998 2006 n = 9‘200 Episoden)


Erfolgs-Kriterien Erfolgs Kriterien aus Sicht der IV-Berufsberater IV Berufsberater in der Schweiz

(Schumacher, 1995)

1. Motivation und Wille zur Eingliederung

2. Genügende konstante Leistungsbereitschaft/Belastbarkeit

3. keine Überforderung am Arbeitsplatz

4. Verständnisvolles und tolerantes Umfeld

5. Krankheitseinsicht und Stabilität im Krankheitsverlauf

6. Minimum an Psychopharmaka

7. Kommunikationsfähigkeit

...


Psychische Krankheiten sind speziell

LAGRENÉE Louis François, Melancholie, 1785


Besonderheiten psychischer Erkrankungen

� Person und Störung

� Stigma, wenig soziale Unterstützung, Diskriminierungen

� Krankheitsbewältigung braucht Energie

� Krankheitsbeginn, Verläufe

� Hilfesuchverhalten

� Angst, Verunsicherung, Selbst-Stigmatisierung

�� Erhöhte Arbeitsplatzunsicherheit

� stark umwelt- und beziehungsabhängig

�� Konzentrationsstörungen,

Konzentrationsstörungen,

Ermüdbarkeit, Psychopharmaka

� Zentrale psychische Ressourcen beeinträchtigt:

– Belastbarkeit, Ausgeglichenheit, Optimismus, Selbstwertgefühl


Die häufigsten Bedürfnisse von Psychiatriepatienten

Psychiatrieplanung BL (2000): 287 Rehaklienten in 12 Institutionen

Anzahl

50

45

40

35

30

25

20

15

10

5

0

45

42

eigene Wohnung

40

35

normale Arbeit

Kompetenzgefühl

33

Partner/in

27

22

Kontakt Angehörige

Kontakt zu Freunden

20

Stabilität

"normal" sein

15

15

Halt, Schutz

15

10

5

0

Neues lernen

Prozent


300

280

260

240

220

200

180

160

140

120

100

80

60

40

20

0

Aktuelles Potential von Klienten in der Rehabilitation

Psychiatrieplanung BL (2000): 287 Rehaklienten in 12 Institutionen

121

Potential Wohnen

152

Potential Arbeit

287

alle


Was hilft psychisch Kranken in der Arbeitsrehabilitation?

Baer, Amsler 1997: Berufsförderungskurs PSAG 1996 1996 (n=172)

(n=172)

1) erhielt mehr Selbstvertrauen

2) lernte mich zu bewerben

3) erhielt persönlich/beruflich Mut u. Auftrieb

4) konnte Probleme besprechen

5) Selbsteinschätzung realistischer

6) fühlte mich nicht mehr so allein

7) erkannte Stärken und Schwächen besser

8) Verbesserung der Belastbarkeit und Stabilität

9) Aufbau einer beruflichen Perspektive

10) Anstoss zu Ausbildung oder Lehre

11) Steigerung der Arbeitsleistung

12) Kurs vermittelte Stelle

13) Rückkehr zu Praktikumsstelle


Beispiel Berufsförderungskurs in Basel

Kursende nach 18 Monaten

erwerbstätig

Ausbildung

Praktikum

Arbeitstraining

geschützt

arbeitslos

erwebslos, Rente

erwerbstätig, Teilrente

Klinik

(n=171 n=171 AbsolventInnen 1986-1996; 1986 1996; Baer, Baer, Amsler Amsler 1997) 1997)

%

0 5 10 15 20 25 30 35


„Bitte Bitte kreuzen Sie an, wie wichtig folgende

Eigenschaften für diese Stelle sind:“

(Baer, Frick, Gautschin 2006)


A

B

C

D

E

F

G

H

I

„Bitte Bitte stellen Sie sich nun vor, Sie müssten diese

Stelle aus den folgenden 9 Bewerbern besetzen.“

Diagnose

Multiple Sklerose

Chronische Darmentzündung

Schizophrenie

Diabetes mit Insulinpflicht

Rheuma

Depression

Harnblasenkrebs

Alkoholabhängigkeit

Gesund

(Baer, Frick, Gautschin 2006)

Informationen

Sehr zuverlässig, sehr

leistungsbereit

Mittel zuverlässig, mittel

leistungsbereit

Rang 1-9


Reihenfolge 8 Bewerber mit Behinderung (Durchschnitt)

( Durchschnitt)

insulinpflichtiger Diabetes

Rheuma

chronische Darmentzündung

Harnblasenkrebs

Multiple Sklerose

Depression

Schizophrenie

Alkoholabhängigkeit

(Baer, Frick, Gautschin 2006)

1 2 3 4 5 6 7 8

2.0

durchschnittlicher Rangplatz

3.2

3.5

4.0

4.6

5.3

6.5

6.9


Reihenfolge 9 Bewerber inkl. Gesunder (Durchschnitt)

( Durchschnitt)

gesund, nicht sehr zuverlässig

insulinpflichtiger Diabetes

Rheuma

chronische Darmentzündung

Harnblasenkrebs

Multiple Sklerose

Depression

Schizophrenie

Alkoholabhängigkeit

(Baer, Frick, Gautschin 2006)

1 2 3 4 5 6 7 8 9

2.6

2.8

durchschnittlicher Rangplatz

3.8

4.0

4.8

6.0

6.1

7.4

7.4


Reihenfolge 9 Bewerber - aus Sicht der Patienten

170 Patienten der Psychiatrischen Klinik und Tagesklinik BL (Baer, (Baer,

Cahn 2007)


Befürchtungen der KMU je nach Diagnose

(Baer, Frick, Gautschin 2006)


Welche Befürchtungen haben die Patienten? (n = 166)

Patienten der Psychiatrischen Klinik und Tagesklinik BL (Baer, Cahn Cahn

2007)

vorhanden nicht vorhanden

Rückfall

Fehler

Erschöpfung

Belastbarkeit

Leistungsfähigkeit

Absenzen

Verunsicherung

nicht genügen

Termindruck

Kritik

hohe Erwartungen

Beobachtung

kein Verständnis

Übergriffe

Geringschätzung

man nicht normal mit mir umgeht

man sehr distanziert ist zu mir

man mich mobben würde

die Mitarbeiter mich nicht wollen

ich unterfordert wäre

ich unzuverlässig sein könnte

man nicht freundlich ist zu mir

ich unpünktlich wäre

0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% 70% 80% 90% 100%


Befürchtungen (Baer, Baer, Frick, Gautschin 2006; Baer, Cahn Cahn 2007) 2007)

Befürchtungen

Arbeitgeber Patient

Mangelnde Sozialkompetenz

� Mangelnde Freundlichkeit

� Mangelnde Einsatzbereitschaft

� Mangelnde Motivation

� Mangelnde Sozialkompetenz

� Mangelnde Kritikfähigkeit

� Unberechenbarkeit

� Störung Betriebsklima

Leistung/Belastbarkeit

� Mangelnde Arbeitsfähigkeit

� Krankheitsausfälle

� Absenzen

� Mangelnde Leistungsfähigkeit

� Mangelnde Arbeitsleistung

� Mangelnde Belastbarkeit

Soziale Distanz

� Man sehr distanziert ist zu mir

� Man mich nicht wertschätzt

� Man nicht freundlich ist zu mir

� Man nicht normal mit mir umgeht

� Die Mitarbeiter mich nicht wollen

� Man mich mobben würde

Belastbarkeit/Leistung

� Ich rasch erschöpft wäre

� Ich nicht genug belastbar wäre

� Ich zuwenig leistungsfähig wäre

� Ich krankheitsbedingt verunsichert w

� Ich einen Rückfall hätte

� Ich es nicht richtig machen würde

� Ich Absenzen hätte


Wie dringend möchten Sie arbeiten?“

Befragung Klinik- Klinik und Tagesklinikpatienten 2007 (n = 166)


„Arbeitswille“ Arbeitswille“ und Angstniveau

Befragung Klinik- Klinik und Tagesklinikpatienten 2007 (n = 166)

Angst-Level


„Wie Wie waren Ihre Erfahrungen mit behinderten

Mitarbeitern?“(Baer, Mitarbeitern?“ (Baer, Frick, Frick, Gautschin 2006)

mit psychisch

behinderten Mitarbeitern

mit Sinnesbehinderten

Mitarbeitern

mit geistig behinderten

Mitarbeitern

2.7%

14.5%

6.6%

mit körperbehinderten

0.8% 13.3%

Mitarbeitern

sehr schlecht schlecht gut sehr gut

34.8%

43.0%

55.0%

59.6%

52.7%

46.3%

28.3%

26.3%

9.8%

2.2%

4.1%

0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% 70% 80% 90% 100%


Erlebte Diskriminierungen psychisch Kranker an

früheren Stellen (n = 166) (Baer, Cahn 2007)

hinter dem Rücken über mich gesprochen

mir Tipps gegeben, wie es besser geht

meine psychischen Probleme nicht verstanden

mich als inkompetent angesehen

mich anders behandelt als vorher

mir angedeutet, ich solle mich zusammenreissen

mich besonders geschont

mich speziell freundlich behandelt

mich gemieden

mich schon für das Kleinste hoch gelobt

mich dauernd wegen Fehlern kritisiert

Bemerkungen über psychisch Kranke gemacht

mir anspruchsvollere Arbeiten vorenthalten

mir meine Absenzen vorgerechnet

subtile Andeutungen gemacht, ich sei bequem

mir bei der Kündigung nicht die Wahrheit gesagt

mir nahegelegt zu kündigen

mich behandelt wie ein Kind

schon erlebt nie erlebt

0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% 70% 80% 90% 100%


„Um Um wie viel % würden folgende Massnahmen die

Anstellungschancen von Behinderten verbessern?“

Gautschin 2006)

verbessern?“(Baer, (Baer, Frick,


„Würden Würden Sie bei gegebener Unterstützung eine

behinderte Person anstellen?“(Baer, anstellen?“ (Baer, Frick, Gautschin 2006)

100%

90%

80%

70%

60%

50%

40%

30%

20%

10%

0%

14%

53%

33%

körperlich

Behinderte

eher nicht ziemlich sicher ganz sicher

3% 2% 1%

34%

30%

17%

62%

Sinnes-

Behinderte

69%

psychisch

Behinderte

82%

geistig

Behinderte


„Wie Wie stark würden folgende Massnahmen Ihre Befürchtungen

verringern, wieder zu arbeiten?“ (0=gar nicht nicht bis bis 3=sehr; Baer, Baer, Cahn Cahn 2007)

2007)


„Würden Würden Sie bei gegebener Unterstützung (wieder) aktiv

Arbeit suchen?“(Baer, suchen?“( Baer, Cahn 2007)


„Es Es haben immer mehr Menschen

eine IV-Rente, IV Rente, weil…“

gewisse Personen die IV missbrauchen

es „trifft immer voll mehr zu“: 'Scheininvalide' gibt

(Baer, Baer, Frick, Gautschin 2006)

„trifft voll zu“:

man sich heute ins soziale Netz fallen lässt

es immer mehr arbeitsscheue Leute gibt

die Ärzte zu schnell krank schreiben

die Arbeitswelt immer mehr krank macht

weil es immer mehr psychisch Kranke gibt

die Arbeitswelt unmenschlicher geworden ist

es immer weniger Arbeitsplätze gibt

die Gesellschaft bequemer geworden ist

die IV zu wenig Druck macht

es immer weniger Nischenjobs gibt

KMU Patienten

0% 5% 10% 15% 20% 25% 30% 35% 40% 45%

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