PDF-Download - Bayerische Staatsoper
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Christoph sChlingensief Margot KässMann luC Bondy & andré Müller<br />
diana daMrau terenCe Kohler david ClaerBout Mats eK
001 — Editorial<br />
Wider den Abgrund des<br />
unerfüllten<br />
text — Nikolaus Bachler<br />
Vielleicht ist es ein Trick des Musiktheaters, den Augenblick der<br />
Erfüllung aufzuzeigen in all seiner Flüchtigkeit. Bewusst und verloren<br />
zugleich. Real wie nirgends sonst in der Welt und doch nur<br />
Simulation und Stimulation. Das Zeigen und Tun des Theaters als<br />
Placebo für eine entzauberte Welt. Und so ist es in der Oper die<br />
Leichtigkeit des musikalischen Genies Mozart — als Verkörperung<br />
von Inspiration und göttlicher Vollkommenheit —, an dem sich<br />
sämtliche Erfüllungsfantasien entzünden.<br />
Aber wäre nicht eigentlich die Religion der Ort der Erfüllung?<br />
Doch schon längst scheint es so, dass die Kunst für viele Menschen<br />
die Idee der Erfüllung weit greifbarer zeigt, als dies etwa die Religion<br />
heute noch kann. Die Oper — emotionale Vergewisserung von<br />
Erfüllung?<br />
Die Sommermonate werden europaweit genutzt für Festivals,<br />
die sich dieser Idee verschrieben haben. Und die Münchner Opernfestspiele<br />
sind ein Kaleidoskop unterschiedlichster Ideen und Formen.<br />
Die Werke, die 2010 im Zentrum stehen, zeichnen ein eigenwilliges<br />
Bild von Erfüllung. Denn selbstverständlich braucht Tosca die Illusion<br />
einer Zukunft mit Cavaradossi, den Moment, in dem sie nach<br />
ihrem grausamen Mord am römischen Polizeichef noch einen unbestimmten<br />
Ausweg erkennt: Erfüllung kurz vor der Exekution, eine<br />
zynische Abrechnung mit aller Utopie und doch Manifestation der<br />
Sehnsucht nach Erfüllung. Und der alte Morosus in Strauss’ »Die<br />
schweigsame Frau« glaubt, fern von all dem Lärm der Welt im Alter<br />
in Ruhe und Ausgeglichenheit, jenseits von Ehrgeiz und Ruhmsucht,<br />
einen Hauch von Vollkommenheit zu erleben. Das hieße zugleich:<br />
Der Alltag taugt nicht für Erfüllung.<br />
Die Oper formuliert und feiert jedoch den erfüllten Augenblick<br />
— während der sommerlichen Opernfestspiele allemal. Im<br />
neu erbauten Pavillon 21 auf dem Marstallplatz, Ort und Raum für<br />
Formen jenseits des Guckkastens mit Orchestergraben, spielt sich in<br />
diesem Sommer noch mehr ab: Toscapiraten, Spionage nach Mozart,<br />
Narrenschiffe, Jugendenergie! Und Christoph Schlingensief zeigt<br />
seine Auseinandersetzung mit der utopischen Idee, die Kultur Mitteleuropas<br />
mit der Afrikas zu versöhnen — Erfüllung?<br />
Wie weit aber unsere Gedanken reichen, zeigt auch der Aufriss<br />
in unserer jetzigen Ausgabe von MAx JOSEPH, in der Künstler genauso<br />
über ihre Vorstellungen sprechen wie Theologen und Reisende.<br />
Doch am Ende auch unseres Festspielmonats bleibt, selbst wenn sich<br />
die Macht der Oper wider den Abgrund des Unerfüllten gestellt hat:<br />
Der erfüllte Augenblick verschwindet, geht vorbei und das Suchen<br />
geht weiter. Oder aber: Ein Schlussstein der Erfüllung kann gesetzt<br />
sein, die Prophezeiung auf der Bühne bestätigt werden — und<br />
dennoch: Die Geschichten verschwinden, enden, die Sehnsucht beginnt<br />
von Neuem.<br />
Ob die Fülle des Programms nicht auch schon Ausdruck der<br />
Sehnsucht nach Erfüllung ist?
LEIDENSCHAFT<br />
VERBINDET.<br />
Als eines der weltweit führenden Gase- und Engineeringunternehmen wissen<br />
wir: Technik, Erfahrung und Präzision sind die Voraussetzung für höchste<br />
Qualität. So auch in der Musik. Wir freuen uns, die <strong>Bayerische</strong> <strong>Staatsoper</strong><br />
als Spielzeitpartner zu begleiten. Wir teilen den Anspruch, kontinuierlich<br />
neue Maßstäbe zu setzen. Ob musikalisch oder technologisch – hinter jeder<br />
hervorragenden Leistung stehen Menschen mit Ambition.
004 — Inhalt<br />
StandardS<br />
1<br />
Editorial<br />
5<br />
i m p r E s s u m<br />
6<br />
Contributors<br />
Die Künstler dieser Augabe:<br />
Fotografen und Illustratoren, die MAx JosEPh<br />
gestaltet haben<br />
auftakt<br />
9<br />
artwork<br />
Atsushi Kaga: Erleuchtet von Büchern<br />
10<br />
mEinE Erfüllung<br />
Am Anfang: sieben junge Künstler aus<br />
München sagen, wovon die Realisierung ihrer<br />
Träume abhängt<br />
22 88 52<br />
72<br />
full Service<br />
14<br />
»iCH füHlE miCH immEr allEin«<br />
Luc Bondy: Interviewer André Müller horcht<br />
hinein in den gefeierten »schauspieler-Regisseur«,<br />
der seine »Tosca« nach München bringt<br />
22<br />
wEr Hat niCHt sCHon mal von<br />
EinEr rEvolution gEträumt?<br />
Christoph schlingensief über den hintergrund<br />
seines Festspielbeitrags »Via Intolleranza II« und<br />
warum man Afrika nicht helfen darf<br />
26<br />
im namEn dEr liEbE<br />
»Giselle« revisited: Mats Eks bahnbrechende<br />
Inszenierung eines Tanzklassikers kehrt zurück<br />
32<br />
»JEtZt ist mEin lEbEn EbEn andErs«<br />
Erfüllung im Glauben: Warum Margot Käßmann,<br />
ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen<br />
Kirche, das nicht erstrebenswert findet<br />
36<br />
n a C H t s t ü C k<br />
Die Faszination der Zwischenwelten.<br />
Ein Fotoessay von Bill henson<br />
48<br />
das glüCk dEr waHrHEit<br />
starsopranistin Diana Damrau über erfüllende<br />
Charakterrollen und hoch virtuose Töne in<br />
»Die schweigsame Frau«<br />
52<br />
don't bE a danCEr, bE an artist!<br />
hommage an William Forsythe: Das <strong>Bayerische</strong><br />
staatsballett tanzt »Artifact«<br />
56<br />
gangstEr dEr büHnE<br />
Terence Kohler und Johannes Müller:<br />
Der Choreograf und der opernregisseur lassen sich<br />
von Agentenfilmen und der TV-serie »Lost«<br />
inspirieren<br />
60<br />
r i v E r s i dE<br />
Das lautlose Versprechen: David Claerbout spielt<br />
mit den Erwartungen des Betrachters<br />
72<br />
im anfang war das wort<br />
»Gelobtes Land«: Die Gründung Israels ist die<br />
Erfüllung eines Traumes — und der Beginn<br />
eines Dilemmas<br />
78<br />
»wir sind ZEitrEisEndE«<br />
Wie hendrik Kerstens mit Bildern seiner Tochter<br />
Paula ganz München verzaubert<br />
82<br />
mit dEm Zufall tanZEn<br />
Reisen vs. Tourismus: Der schriftsteller Ilija<br />
Trojanow erkundet die Metaphysik des Fernwehs<br />
88<br />
dEr opErn-ComiC:<br />
robErto dEvErEuX<br />
Erzählt von Barbara Yelin<br />
agenda<br />
102<br />
kulturtipps<br />
Lion Feuchtwanger, Johannes vom Kreuz, ein<br />
portugiesischer Palast: Was Mitarbeiter der oper<br />
empfehlen<br />
108<br />
kiss tHE sky<br />
Wie der Pavillon 21 MINI opera space auf dem<br />
Marstallplatz entstand<br />
115<br />
s p i E l p l a n<br />
120<br />
EndlosEs EndE<br />
Künstler Daniel Blaufuks fotografiert Filmenden<br />
titElbild<br />
Richard Wathen: »Adair«,<br />
Öl auf Leinwand und Aluminium<br />
Impressum<br />
MaX JOSePH<br />
Magazin der <strong>Bayerische</strong>n <strong>Staatsoper</strong><br />
www.staatsoper.de/maxjoseph<br />
—<br />
Max-Joseph-Platz 2 / 80539 München<br />
telefon 089 – 21 85 10 25 / fax 089 – 21 85 10 33<br />
www.staatsoper.de / maxjoseph@st-oper.bayern.de<br />
—<br />
HerauSgeBer<br />
Staatsintendant nikolaus Bachler (v.i.S.d.P.)<br />
—<br />
cHefredaktiOn<br />
anne urbauer<br />
—<br />
redaktiOn<br />
Miron Hakenbeck, rainer karlitschek, Olaf a. Schmitt,<br />
andrea Schönhofer, Bettina Wagner-Bergelt<br />
—<br />
BildredaktiOn<br />
Yvonne gebauer, Julia Schmitt<br />
—<br />
redaktiOnelle MitarBeit<br />
dr. Simone Herrmann, lucas koch, till Schröder<br />
—<br />
autOren<br />
Michael althen, emma Barrowman, Jörg Böckem, angela Brower,<br />
david claerbout, katja dietzel, katharina eyssen, alexej gerassimez,<br />
florian Heurich, Silke Holzach, frl. Jablonski, ivan liška,<br />
andré Müller, Thomas rott, alex Schiller, christoph Schlingensief,<br />
roland Schwab, Milen till, ilija trojanow, dorion Weickmann,<br />
Johanna Wehner, rakefet Zalashik<br />
—<br />
ÜBerSetZung / SPielPlan<br />
laura Schieferle<br />
—<br />
fOtOgrafen & illuStratOren<br />
daniel Blaufuks, david claerbout (mit dank an galerie Schöttle,<br />
München), Bill Henson (mit dank an roslyn Oxley9 gallery, Sydney),<br />
gregor Hohenberg, Wilfried Hösl, daniel Josefsohn, atsushi kaga,<br />
kahn & Selesnick, Jitish kallat, Hendrik kerstens, Monika Saulich,<br />
kuba Świetlik, Jonas unger, richard Wathen, Barbara Yelin<br />
—<br />
Marketing & kOOrdinatiOn<br />
detlef eberhard, Barbara kämpf<br />
telefon 089 – 21 85 10 25 /fax 089 – 21 85 10 33<br />
marketing@st-oper.bayern.de<br />
—<br />
ScHluSSredaktiOn<br />
dr. edith konradt<br />
—<br />
Art direktiOn & deSign<br />
fons Hickmann m23, Berlin:<br />
gesine grotrian-Steinweg, fons Hickmann, lisa Schweizer<br />
www.fonshickmann.com<br />
—<br />
verlag<br />
Hoffmann und campe corporate Publishing<br />
ein unternehmen der ganske verlagsgruppe<br />
Harvestehuder Weg 42 / 20149 Hamburg<br />
telefon 040 – 441 88-0 / fax 040 – 44 18 82 36<br />
cp@hoca.de / www.hocacp.de<br />
—<br />
anZeigenleitung<br />
<strong>Bayerische</strong> <strong>Staatsoper</strong>: dr. imogen lenhart<br />
telefon 089 – 21 85 10 06 / anzeigen@st-oper.bayern.de<br />
verlag: doris Bielstein<br />
telefon 040 – 27 17 20 95 / doris.bielstein@jalag.de<br />
—<br />
vertrieB ZeitScHriftenHandel<br />
Premium Sales germany gmbH<br />
Poßmoorweg 2–6 / 22301 Hamburg<br />
—<br />
litHOgrafie<br />
robert Strack, europrint-medien gmbH, Berlin<br />
—<br />
druck<br />
gotteswinter, München<br />
—<br />
iSSn<br />
1867-3260<br />
—<br />
nachdruck nur nach vorheriger einwilligung.<br />
alle rechte vorbehalten<br />
—
006 — Contributors<br />
in dieser AusgAbe<br />
1<br />
David Claerbout ist eigentlich Maler. Je mehr dem<br />
Belgier jedoch beim Studium an der Nationalen<br />
Hochschule der Schönen Künste Antwerpen und der<br />
Reichsakademie für Bildende Künste Amsterdam<br />
eingeredet wurde, nur die Malerei sei wahre Kunst,<br />
umso mehr rebellierte er. Er entdeckte die Fotografie<br />
und den Film für sich. Die kaum wahrnehmbaren<br />
Bewegungen interessieren ihn. Seine Bilder<br />
ge winnen ihre Kraft dort, wo sich Fotografie und Film<br />
treffen, wie die Stills aus einer seiner Videoinstallationen<br />
in MAX JOSEPH ab Seite 60 zeigen.<br />
Claerbout lebt und arbeitet in Antwerpen und Berlin.<br />
Er stellte unter anderem im Centre Pompidou Paris,<br />
am MIT Boston und im Chiado Museum Lissabon<br />
aus. Derzeit bereitet er eine große Einzelausstellung<br />
im Oktober für die Pinakothek der Moderne in<br />
München vor. (Foto: Peter Cox, courtesy of De Pont<br />
museum of contemporary art, Tilburg)<br />
2<br />
Bill henson ist ein Mann der Zwischenwelten. Den<br />
australischen Fotokünstler interessieren Übergänge:<br />
Licht / Dunkelheit, Kindheit / Erwachsenen dasein,<br />
Mann / Frau, Natur / Zivilisation. Vor allem sein von der<br />
Malerei geprägter Blick auf die Zeit der Adoleszenz<br />
(in MAX JOSEPH ab Seite 36 zu sehen) machte<br />
Henson bekannt, der sein Land bereits 1995 bei der<br />
Biennale in Venedig vertrat. Sein Werk wird weltweit<br />
gesammelt, unter anderem im New Yorker Guggenheim<br />
Museum, im Wiener Museum für Moderne<br />
Kunst und im Madrider Nationalmuseum Reina Sofí a.<br />
(Foto: Jessica Hromas)<br />
3<br />
Barbara Yelin schafft, was deutschen Comic<br />
zeichnern selten zuteil wird: Die gebürtige Münchnerin<br />
hat Erfolg im Ausland. Ihre ersten Bände mit den<br />
typisch vielschichtigen Bleistiftzeichnungen erschienen<br />
zuerst in Frankreich, dem Land der bandes<br />
dessinées und langer Comictradition. In Deutschland<br />
wurde soeben ihre erste Graphic Novel<br />
veröffentlicht: »Gift«, ein historischer Kriminalfall.<br />
Für MAX JOSEPH zeichnete die Absolventin<br />
der Hochschule für Angewandte Wissenschaften<br />
Hamburg die tragische Geschichte des Opernhelden<br />
Roberto Devereux. Zu sehen ab Seite 88.<br />
4<br />
Richard Wathen inszeniert wie Cranach und denkt<br />
wie Braque. Der englische Maler zitiert in seinen<br />
verstörenden Porträts den Stil der alten Meister,<br />
während er gleichzeitig die Mehrdimensionalität<br />
der Perspektive einfordert, wie es die Kubisten taten.<br />
Vor allem die Dimension der Zeit. Bei ihm hat,<br />
wie das Coverbild von MAX JOSEPH zeigt, ein Knabe<br />
eben schon graue Haare und die Hände eines<br />
Erwachsenen. Nur so zeige sich in einem Porträt<br />
etwas Neues, das vorher unsichtbar war. Die<br />
Erfüllung eines ganzen Lebens sozusagen. Wathen<br />
ist derzeit im Salon 94 in New York zu sehen.<br />
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Die Steigerung von Chronometer:<br />
Zeitmeister.<br />
Einzigartig unter dem Sternenhimmel: die WEMPE ZEITMEISTER. Die ersten Armbandchronometer,<br />
die das aufwendige deutsche Prüfverfahren der Sternwarte Glashütte durchlaufen haben.<br />
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abc-Job#: 514351 · Kunde: Wempe · Motiv: Zeitmeister – Mai 2010 · Adresse: München · Format: 230 x 296 + 3 mm · Farbe: CMYB<br />
abc-opix#: 1005-008 · Titel: Magazin der Bayrischen <strong>Staatsoper</strong> · Farbe: CMYK · Das Dokument ist ohne Überfüllung/Trapping angelegt, vor weiterer Verarbeitung diese anlegen!<br />
Der Künstler Atsushi Kaga stammt aus Tokio und lebt in Dublin. sein Alter Ego ist der hase Usacchi. Kaga liebt Bücher<br />
—
010 — Auftakt<br />
meine erfüllung<br />
sie sind am Anfang ihrer Karriere und arbeiten hart. sieben junge Künstler in München sagen,<br />
wovon es abhängt, ob ihr Traum sich erfüllen kann<br />
Alex schiller, 26, Isenseven<br />
Seit wir Snowboard-Filme drehen — gerade<br />
arbeiten wir an unserem neunten —, haben<br />
wir begriffen, dass alles davon abhängt, wie<br />
viel Herzblut und Arbeit man in die Projekte<br />
investiert. Aber das Schönste dabei ist, dass<br />
sich die Szene zu einer großen Familie entwickelt<br />
hat und wir unsere Leidenschaft mit<br />
allen Boardern, die wir vor der Kamera haben,<br />
teilen können.<br />
Alex schiller gründete 1999 zusammen<br />
mit Freunden die Gruppe Isenseven, die snowboard-Filme<br />
und Musikvideos dreht und im<br />
herbst eine eigene Modelinie lanciert. (Foto:<br />
Dominic Zimmermann)<br />
Angela Brower, 26, sängerin<br />
Frederick Delius schrieb, Musik sei ein Ausbruch<br />
der Seele. Wenn alles stimmt, können<br />
bei einer Opernaufführung viele Menschen<br />
gleichzeitig diesen »Ausbruch der Seele« erleben,<br />
inspiriert, beflügelt werden. Ich träume<br />
davon, so zu singen, dass ich dazu beitragen<br />
und die Menschen berühren kann.<br />
Musik ist meine Leidenschaft und mein<br />
Traum.<br />
Angela Brower aus Phoenix, Arizona,<br />
ist Mitglied des opernstudios der <strong>Bayerische</strong>n<br />
staatsoper.<br />
Milen Till, 25, Träumer<br />
Wenn sich für mich ein Traum erfüllt, ist er<br />
auch automatisch geplatzt. Ich versuche,<br />
Träume nicht mit Zielen gleichzusetzen, da<br />
sie sonst zu solchen mutieren und ich immer<br />
schon ziellos war und hoffentlich noch lange<br />
bleiben werde. Vielleicht ist mein Verständnis<br />
vom Traum auch gestört und deshalb<br />
nicht erfüllbar, weil ich oft dafür verurteilt<br />
wurde, ein Träumer zu sein, und deshalb<br />
nicht fähig war, meinen Zielen nachzugehen.<br />
Mittlerweile habe ich mich angepasst<br />
und vertrete die Meinung, dass ein Traum<br />
einen erfüllen kann, aber nicht umgekehrt.<br />
Milen Till veranstaltet mit seinem Bruder<br />
unter dem Label »Kill The Tills« Club-<br />
Abende. (Foto: hadley hudson)<br />
Johanna Wehner, 28, Regisseurin<br />
Ich finde Träume ganz schön tückisch, sie<br />
scheinen keine echten Ziellinien zu haben,<br />
was zur Folge hat, dass man nie so richtig<br />
»ankommt« — kaum ist einer fast erreicht,<br />
steckt man im nächsten. Traumerfüllung ist<br />
also so eine Sache. Klar, am Ende des Regiestudiums<br />
hoffe ich akut auf lauter inspirierende<br />
Projekte, wunderbare Menschen, tolle<br />
Orte, wilde Überraschungen. Der große<br />
Traum, dessen Grenze stetig mitwächst, ist,<br />
glaube ich, nie dem Ende der eigenen Vision<br />
zu begegnen.<br />
Johanna Wehner wurde 2009 bei den<br />
michael schmidt<br />
grau als farbe<br />
fotografien bis 2009<br />
21/05/10<br />
22/08/10<br />
ausstellung unterstützt von<br />
bayerische hausbau gmbh<br />
haus der kunst<br />
prinzregentenstrasse 1<br />
d 80538 münchen<br />
www.hausderkunst.de<br />
michael schmidt,<br />
o. t., (detail)<br />
aus waffenruhe, 1985–87<br />
© michael schmidt
012 — Auftakt<br />
<strong>Bayerische</strong>n Theatertagen mit dem Jugendpreis<br />
für beste Regie ausgezeichnet. Für »Biennale<br />
Plus« inszenierte sie 2010 den opernabend<br />
»Warum weiß ich nicht«. (Foto: Johi Reaktor)<br />
Alexej Gerassimez, 22, schlagzeuger<br />
Mein Ziel ist es, neue Türen unerforschter<br />
klanglicher Welten zu öffnen. Ich möchte<br />
noch tiefer in die unterschiedlichen Ebenen<br />
der Musik und ihre physikalischen, psychologischen<br />
und gesellschaftlichen Bezüge vordringen,<br />
aber dabei nicht den Spaß an der<br />
Sache selbst, den man nur hat, wenn man<br />
ihn mit anderen Künstlern und dem Konzertpublikum<br />
teilen kann, aus den Augen<br />
verlieren. Außerdem würde ich gerne meine<br />
kompositorischen Tätigkeiten weiter ausbauen,<br />
um etwas zu erschaffen, das Bestand hat.<br />
Alexej Gerassimez, Pauken und schlagzeug,<br />
ist student an der hochschule für Musik.<br />
Er hat 2010 den Deutschen Musikwettbewerb<br />
gewonnen.<br />
Katharina Eyssen, 27, Autorin<br />
Seit ich lesen und schreiben kann, schreibe<br />
ich Geschichten auf. Mein Traum also ist<br />
immer schon gewesen, dass ich schreiben<br />
darf, so viel ich will, und dass man mir vielleicht<br />
auch noch Geld dafür gibt. Manchmal<br />
wollte ich, dass er verschwindet, der Traum,<br />
und habe so getan, als sei er nicht mehr da.<br />
Weil es mir zu schwer erschien, ihn zu verwirklichen.<br />
Aber es stellte sich heraus, das<br />
ist noch härtere Arbeit: den Traum zu vergessen,<br />
den Traum nicht zu träumen, der geträumt<br />
werden will. Der Traum träumt mich<br />
und ich kann ihm nur folgen. Und ob er<br />
sich dann erfüllt, hängt davon ab, ob die<br />
Leute lesen wollen, was ich geschrieben<br />
habe. Und nicht gähnen, wenn sie die ersten<br />
Seiten meines Romans gelesen haben. Das<br />
ist mein Albtraum.<br />
Katharina Eyssen arbeitet als Drehbuchautorin,<br />
ihr erster Roman »Alles Verbrecher«<br />
erscheint demnächst bei btb / Random house.<br />
(Foto: Mitterwallner)<br />
Frl. Jablonski, sekretärin der Band »Damenkapelle«,<br />
fasst den kollektiven Traum der sieben<br />
DKP-Damen zusammen:<br />
Die Kapelle träumt von den großen Bühnen<br />
dieser Welt: im tobenden Bierzelt von<br />
Höllriegelskreuth, zwischen den Löwen am<br />
Odeonsplatz, im Hinterhof einer malawischen<br />
Schule, im Palast der Eiskönigin, im<br />
Parkhaus unter dem Opernplatz. Und zu jedem<br />
Song träumt sie eine neue Inszenierung:<br />
wilde Araberpferde, brennende Reifen, fliegende<br />
Schlagzeuge, Stroboblitze, platzende<br />
Discokugeln, tausend rollschuhfahrende<br />
Senioren, die mit Hingabe Achter drehen,<br />
schwankende Riesenkronleuchter, die alle<br />
7 Damen in den Showhimmel schaukeln und<br />
damit direkt in die Herzen des Publikums.<br />
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Monopol ist eine Publikation der Juno Kunstverlag GmbH, Lennéstraße 1, 10785 Berlin, Geschäftsführer Martin Paff.
Luc Bondy wuchs in einer Familie von Literaten auf. Der Schweizer hat an vielen Theatern und Opernhäusern inszeniert,<br />
zuletzt an der Met in New York, und leitete unter anderem die Berliner Schaubühne. Seit 2001 ist er Intendant der Wiener Festwochen<br />
—<br />
015 — Erfüllung<br />
»ICh FühLE MICh IMMER<br />
ALLEIN«<br />
In New York hätte man ihn am liebsten erschossen. Wie wird das Münchner opernpublikum ab Ende<br />
Juni auf seine »Tosca«-Inszenierung reagieren? André Müller im Gespräch mit Regisseur Luc Bondy über den<br />
Umgang mit Klassikern, Krankheit als strafe und den Wunsch, auch noch schriftsteller zu werden<br />
interview — André Müller<br />
Fotos — Jonas Unger, Monika saulich (seite 18)<br />
André Müller: Ich beginne mit einer Ihnen unerträglichen Frage.<br />
Luc Bondy: Das habe ich erwartet.<br />
Wenn Ihnen die jemand stellt, schießen sie, sagten sie in einem<br />
früheren Interview, durch den Plafond.<br />
Das glaube ich nicht.<br />
Warum sind sie zum Theater gegangen?<br />
Das ist die Frage?<br />
Ja, und ich schlage Ihnen gleich eine Antwort vor: weil sie das<br />
Denken fliehen.<br />
Stimmt! Das Theater ist eine Therapie gegen ... Wie sagt man?<br />
Gegen die Einsamkeit.<br />
Ja, und gegen die Todesangst, weil das Denken bei den Proben,<br />
das aus der Kommunikation mit den Schauspielern entsteht,<br />
von Natur ein flacheres Denken ist.<br />
sie haben es das »horizontale« Denken genannt.<br />
Ja, man geht nicht so in die Tiefe wie zum Beispiel beim<br />
Schrei ben. Man muss Kompromisse machen.<br />
Das tiefe Denken, das sie das »vertikale« nennen, ertragen sie<br />
nicht.<br />
Vielleicht, ja, weil es ins Nichts führt.<br />
Glücklich sind sie nur auf der Bühne, umgeben von anderen.<br />
Was heißt glücklich? Ich kann bei der Arbeit mit den Schauspielern<br />
oder, wenn ich Oper inszeniere, mit den Sängern die Zeit<br />
vergessen. Ich vergesse mich selbst.<br />
Die selbstvergessenheit ist das Glück.<br />
Ja, die Selbstvergessenheit ist das Glück. Deshalb bin ich so<br />
gepeinigt von Schlaflosigkeit, denn wenn ich einschlafen will,<br />
kommen die Gedanken.<br />
Welche?<br />
Das ist so ein Kaleidoskop unvollständiger Gedanken. Die<br />
sind vollkommen zersplittert und unfruchtbar.<br />
Was machen sie dann?<br />
Ich nehme Schlaftabletten. Es ist blöd, das zu sagen, aber<br />
wüssten wir mehr über den Tod, gäbe es nicht diese Angst. Wir sind<br />
dazu verdammt, nichts über den Tod zu wissen, und wir haben<br />
Angst vor diesem Ungewissen. Wir haben keine Angst vor einem<br />
bestimmten Zustand und auch nicht davor, dass wir das Leben verpassen.<br />
Ich war sehr oft krank, und als ich vor eineinhalb Jahren<br />
vier Monate im Krankenhaus lag und mich nicht bewegen durfte,<br />
weil mein Arzt sagte, dass, wenn ich mich bewege, mein Rücken<br />
bricht, hat mich der Peter Handke besucht. Da habe ich zu ihm gesagt:<br />
Es ist vollkommen wurscht, ob man liegt oder geht oder steht,<br />
es ist kein Unterschied, die Zeit vergeht so oder so.<br />
Eine gute Ablenkung vom Denken ist auch die Liebe. Denn Liebe<br />
macht dumm.<br />
Ja.<br />
Je dümmer man ist, desto glücklicher ist man.<br />
Ja, aber die Blödheit entsteht ja dadurch, dass man bewusst<br />
etwas nicht wissen will, dass man etwas ausschaltet, dass man sich<br />
stumpf macht, um das Wissen zu reduzieren, die Aufmerksamkeit<br />
und das Fühlen.<br />
Ist sexualität die Rettung?<br />
Kann sein, aber die dauert ja nur sehr kurz. Die Selbstvergessenheit<br />
im Sex wird immer kürzer, je älter man wird. Es gibt wahrscheinlich<br />
nichts Schwierigeres, als sich gehen zu lassen. Ich nehme<br />
die Tabletten nicht nur zum Schlafen, sondern auch zur Beruhigung.<br />
Ich bin ein durch und durch zerrissener Mensch. Aber als ich<br />
vor drei Jahren einmal mit Jane Birkin zusammensaß, erzählte sie<br />
mir, sie schlucke noch mehr als ich. Da war ich ganz froh.<br />
Was quält sie?<br />
Ich quäle mich selbst. Ich bin ein sehr genussfreudiger Mensch,<br />
aber ich quäle mich. Ich bin Hedonist und zugleich Masochist. Das<br />
liegt nah beieinander. Ich bekam mit fünfundzwanzig Jahren die<br />
erste Krebsdiagnose. Die Form des Tumors, den ich habe, nennt<br />
man Teratom. Das ist eine angeborene Geschwulst, die entsteht,<br />
wenn man eigentlich Zwilling ist. Der zweite Fötus wird aber, statt<br />
sich zu entwickeln, vom anderen absorbiert. Diese Spaltung ist nun<br />
in mir immer da. Ich bin vollkommen widersprüchlich.<br />
sie wollen genießen und zugleich leiden.<br />
Leiden ist nicht das richtige Wort. Ich bin einerseits jemand,
016 — Erfüllung<br />
017 — Erfüllung<br />
—<br />
»Ich bin hedonist und zugleich Masochist.<br />
Das liegt nah beieinander«<br />
der an sich selbst sehr hohe Ansprüche stellt, andererseits will ich<br />
das gar nicht. Ich verabrede mich gern, esse und trinke gern, ich liebe<br />
den Luxus und möchte die Zeit vergeuden.<br />
Aber das gestatten sie sich nicht.<br />
Ich wäre heilfroh, wenn ich mir das gestatten könnte. Ich habe<br />
schon viele Anläufe zu einer Psychoanalyse gemacht, in Paris, in<br />
Wien, überall, aber ich habe das immer wieder abgebrochen. Ich bin<br />
vor bestimmten unangenehmen Erkenntnissen dann immer schleunigst<br />
geflohen.<br />
sie fühlen sich schuldig, wenn sie genießen.<br />
Ich bin mit mir nie zufrieden. Ich denke immer, ich hätte<br />
mehr aus mir machen können, ich hätte weitergehen können, im<br />
Schreiben, im Denken. Ich bewundere Leute, die die Fähigkeit haben,<br />
in die Tiefe zu gehen. Ich habe auch meinen Vater bewundert,<br />
der Schriftsteller war und jeden Morgen um sieben an seinem<br />
Schreibtisch saß. Wenn ich sehe, was er alles publiziert hat, wenn<br />
ich die Hunderten Seiten von Notizen sehe, die er hinterlassen hat,<br />
dann fühle ich mich etwas zurückgeblieben. Ich habe ein schlechtes<br />
Gewissen. Das ist mein Abgrund.<br />
haben sie Ihre Krankheit als eine strafe für Ihre Genusssucht<br />
empfunden?<br />
Absolut, ja, als Strafe für mein Dasein. Ich hatte mit zwanzig<br />
Jahren eine Schlüsselerfahrung, als ich einmal einen LSD-Trip erlebte.<br />
Ich erinnere mich noch ganz genau. Ich hatte die Wahnvorstellung,<br />
dass meine Körperlichkeit eine Ausrede ist und dass man<br />
eine körperlose Substanz sein müsste.<br />
Immateriell?<br />
Ja, immateriell. Ich dachte, dass das die Wahrheit wäre und<br />
dass einen der Körper dazu verleitet, sich zu verstellen. Als ich zum<br />
ersten Mal Krebs bekam, habe ich mich gefragt, was ich falsch gemacht<br />
habe, wen ich verletzt oder betrogen habe. Aber das ist natürlich<br />
Quatsch. Der Krebs ist ja wie die Tuberkulose eine Krankheit,<br />
die man leicht mystifizieren kann. Krebs bekommen Leute, sagt<br />
man, die viel verdrängen. Aber daran glaube ich nicht so ganz. Denn<br />
dann müsste ich ja Magenkrebs haben.<br />
Welchen Krebs haben sie?<br />
Es ist Hodenkrebs und in diesem Bereich habe ich in meiner<br />
Jugend eigentlich nicht viel verdrängt. Ein Onkologe bekommt,<br />
wenn man den Krebs psychologisiert, einen Lachanfall, weil er weiß,<br />
dass in der Natur alles Zufall ist.<br />
hadern sie mit Ihrem schicksal?<br />
Früher habe ich sehr gehadert. Aber als mir mein Chirurg vor<br />
zwei Jahren — nach der schweren Rückenoperation wegen meiner<br />
Arthrose — sagte, ich würde mein Leben lang Schmerzen haben,<br />
habe ich beschlossen, mich mit meinem Weh zu versöhnen. Ich<br />
wehre mich nicht mehr.<br />
Wie lange wollen sie leben?<br />
Diese Frage stelle ich mir nicht. Man will natürlich ewig leben.<br />
Aber man will trotzdem seine Illusionen behalten. Man will sich<br />
auch täuschen lassen. Das passt nicht zusammen.<br />
haben sie je mit dem Gedanken gespielt, sich das Leben zu<br />
nehmen?<br />
Das nicht, aber es gab eine Zeit, da war ich sehr nahe daran, es<br />
zu tun, weil ich gegen meine Schmerzen Morphium bekam und<br />
dann damit nicht mehr aufhören konnte. Ich freute mich auf das<br />
Morphium. Ein Toxikologe hat mir erklärt, dass man die Schmerzen,<br />
wenn man süchtig ist, obwohl sie eigentlich nicht mehr da sind, im<br />
Hirn produziert, um das Morphium zu bekommen und den Zustand,<br />
in den man dadurch gerät, diese Art Schwerelosigkeit und<br />
Sorglosigkeit, dieses Genießen des Augenblicks, zu verlängern. Darin<br />
besteht die Gefahr, denn das kann tödlich enden.<br />
sie sind Jude.<br />
Ja, aber kein gläubiger Jude.<br />
halten sie die schöpfung mit all den Gräueln, die täglich geschehen,<br />
für misslungen?<br />
Nein, denn ich halte es für absurd zu denken, dass Gott bei<br />
der Schöpfung ein Fehler passiert ist. Gott muss keine Erwartung<br />
er füllen. Spinoza sagt: Wir lieben Gott, aber Gott liebt uns nicht.<br />
Sonst müsste doch für jeden religiösen Juden die Tatsache, dass es<br />
Auschwitz gab, ein Beweis dafür sein, dass Gott nicht existiert. Kein<br />
Luc Bondy ist bekannt als »Schauspieler-Regisseur«, der besonderen Wert auf Zwischentöne und leise Gesten legt. 2009 erschien sein erster<br />
Roman »Am Fenster«, ein Buch über das Altern und Erinnern<br />
—
Luc Bondy und André Müller führten ihr Gespräch<br />
im »Café Prückel«, dem unter Künstlern<br />
populären Wiener Ringstraßen-Kaffeehaus<br />
—<br />
019 — Erfüllung<br />
orthodoxer Jude würde es wagen, das zu behaupten. Der Holocaust<br />
ist mittlerweile ein Teil unseres Daseins geworden. Ich würde, wenn<br />
ich es salopp ausdrücke, sagen: We are used to it.<br />
Können sie weinen?<br />
Das kommt schon vor.<br />
Bei welcher Gelegenheit?<br />
Ich weine manchmal ganz grundlos. Ich wache am Morgen auf<br />
und peng! — schon fließen die Tränen.<br />
Voriges Jahr hatten sie mit Puccinis »Tosca« Ihr Regiedebüt an<br />
der Metropolitan opera in New York und wurden ausgebuht.<br />
Mehr als das. Es fehlten nur noch die Gewehre, sonst hätte<br />
man mich erschossen. Aber da habe ich nicht geweint.<br />
Franco Zeffirelli, dessen »Tosca« dort fünfundzwanzig Jahre auf<br />
dem spielplan stand, hat sie einen drittklassigen Regisseur genannt.<br />
Ja, und zwar noch bevor er die Aufführung gesehen hatte.<br />
Zeffirelli ist die Inkarnation eines Regisseurs, der sein Leben lang<br />
nur dekoriert hat. Ich kenne nichts von ihm, das mir gefiel. Seine<br />
Filme finde ich blöd. Er hat immer nur Klischees bedient, bis sich<br />
die Leute daran gewöhnten, und nun ärgern sie sich, wenn die Sänger<br />
miteinander agieren, anstatt nur herumzustehen.<br />
Die Inszenierung wird jetzt in München gezeigt. Was erwarten<br />
sie?<br />
Ich bin zuversichtlich. Denn hier ist das Publikum viel weniger<br />
konservativ als in Amerika. Ich fand es an früheren Inszenierungen<br />
immer so idiotisch, dass man den Scarpia, der ein Despot, aber auch<br />
ein ganz gewöhnlicher Lüstling ist, als einen so feinen, eleganten<br />
Herrn dargestellt hat. Diese Oper ist doch eine ganz dicke Schweinerei,<br />
in der gehurt und gefoltert wird. Da geht es nicht vornehm<br />
zu. In der Biografie von Montefiore über Stalin gibt es eine Beschreibung<br />
von Stalins Geheimdienstchef Beria. Der hat sich, wenn er<br />
Lust hatte, Frauen kommen lassen, hat sie gevögelt und weggeschmissen.<br />
Das hat mich dazu inspiriert, den Scarpia mit drei Nutten<br />
zu zeigen.<br />
In einem Gespräch mit dem französischen Theaterwissenschaftler<br />
Georges Banu haben sie die oper mit einer Mätresse verglichen und<br />
—<br />
»Ich weine manchmal ganz grundlos.<br />
Ich wache am Morgen auf und peng! — schon fließen die Tränen«<br />
den Regisseur mit einem Liebhaber, der ihr im Grunde gleichgültig ist.<br />
Das stimmt, denn wenn man die Augen schließt, ist da immer<br />
noch die Musik. Nur ist es heute meistens so, dass es, wenn man die<br />
Augen aufmacht, ganz schrecklich ist, weil die Regisseure, um die<br />
Kritiker zu beeindrucken, dauernd interpretieren und irgendwelche<br />
Ideen haben, was ich grauenvoll finde. Die Oper hat von vornherein<br />
schon alle Ingredienzien, um einen fliegen zu lassen. Man sollte als<br />
Regisseur nur dieses Fliegen befördern.<br />
Können sie Noten lesen?<br />
Auf diese Frage antworte ich immer: John Lennon konnte<br />
auch keine Noten lesen.<br />
Nächstes Jahr inszenieren sie Verdis »Rigoletto« in Wien. Im<br />
sprechtheater, sagen sie, finden sie nur noch Trostlosigkeit.<br />
Ja, und wissen Sie, was ich am langweiligsten finde: dass sich<br />
die jungen Regisseure heute so als Erfinder aufspielen. Die schreiben<br />
ihre eigenen schlechten Texte in die Stücke hinein. Das ist so blöde<br />
und eigentlich eine Frechheit. Wir sind, jedenfalls im Theater, in<br />
einem kulturellen Tief, aber das wird wie die Vulkanwolke aus Island<br />
vorübergehen. Es gibt Blütezeiten und es gibt meteorologische Tiefs.<br />
Man kann es nicht erklären, aber es ist so.<br />
sie sind nicht nur Regisseur, sondern seit 2001 auch Intendant der<br />
Wiener Festwochen. haben sie diese Machtposition angestrebt?<br />
Ich habe das nicht bewusst angestrebt, aber ich will nicht in<br />
Intendantenzimmern herumsitzen und antichambrieren. Das finde<br />
ich entwürdigend. Ich war als Kind in verschiedenen Internaten und<br />
da war ich immer der Nachzügler, die anderen waren die Stärkeren.<br />
Ich wurde auch oft verprügelt, bis ich mir gesagt habe: Es reicht, ich<br />
lasse mir das nicht mehr gefallen.<br />
Wer Macht hat, muss damit rechnen, dass er hass auf sich zieht.<br />
Richtig! Wer Macht hat, wer bekannt ist und Umgang hat mit<br />
bekannten Leuten, erzeugt Neid, und Neid erzeugt Hass. Das war<br />
immer so. Damit muss man leben. Aber 2013 höre ich in Wien auf,<br />
und was danach kommt, weiß ich nicht. Ich habe voriges Jahr<br />
meinen ersten Roman veröffentlicht: »Am Fenster«. Seither wird das<br />
Inszenieren für mich immer schwieriger, weil ich eine andere Form,
020 — Erfüllung<br />
—<br />
»Man denkt immer, man käme, wenn man Familie hat,<br />
in ein Gleichgewicht, aber das stimmt nicht. Es ist ein Trost.<br />
Doch es erlöst nicht von der Einsamkeit«<br />
mich auszudrücken, gefunden habe. Ich fühle mich, wenn ich inszeniere,<br />
zunehmend blockiert. Ich empfinde es oft als schrecklich,<br />
wenn ich mich auf der Probe laut reden höre. Dann frage ich mich:<br />
Wozu machst du das? Man kann sich als Regisseur immer verstecken.<br />
Man verbirgt sich hinter einer Figur oder dem Autor. Wenn<br />
man schreibt, muss man wahrhaftig sein. Vielleicht werde ich noch<br />
ein richtiger Schriftsteller. Fontane hat mit sechzig angefangen. Ich<br />
bin jetzt einundsechzig.<br />
sie wollen unsterblich werden.<br />
Nicht unbedingt. Mir gefällt auch das Flüchtige. Ich will mich<br />
nur ein bisschen mehr selbst anschauen. Aber es ist immer ein Unterschied<br />
zwischen dem, was man will, und dem, was man kann.<br />
Darf ich Ihnen eine stelle aus Prousts »Auf der suche nach der<br />
verlorenen Zeit« vorlesen?<br />
Sehr gern.<br />
Proust beschreibt den Tod des schriftstellers Bergotte. Dann heißt<br />
es: »Er wurde begraben, aber während der ganzen Trauernacht wachten<br />
in den beleuchteten schaufenstern seine jeweils zu dreien angeordneten<br />
Bücher wie Engel mit entfalteten Flügeln und schienen ein symbol der<br />
Auferstehung dessen, der nicht mehr war.«<br />
Mein Gott, ist das schön!<br />
schreiben sie an einem neuen Buch?<br />
Ich schreibe immer. Es muss kein Buch daraus werden. Ich<br />
schreibe so, wie man Klavier spielt. Es ist ein Bedürfnis. Manchmal<br />
notiere ich nur irgendwelche Beobachtungen. Oder ich bringe mein<br />
inneres Chaos in eine Form, meine Not. Ich habe eine Frau und ich<br />
habe zwei Kinder, ich habe Freunde, ich bin im Kulturleben verankert,<br />
aber ich fühle mich trotzdem immer allein. Ich fühle mich<br />
fremd unter den Menschen. Man denkt immer, man käme, wenn<br />
man Familie hat, in ein Gleichgewicht, aber das stimmt nicht. Es ist<br />
wichtig. Es ist nicht nichts. Es ist ein Trost. Doch es erlöst nicht von<br />
der Einsamkeit. Ich wünsche mir Licht. Ich wünsche mir Leichtigkeit<br />
und manchmal gelingt sie mir. Ich gehe auf der Straße und bin<br />
plötzlich froh, ohne zu wissen warum. Doch im nächsten Augenblick<br />
ist es schon wieder vorbei.<br />
André Müller gilt als Grandseigneur des Feuilleton-Interviews. Der<br />
Österreicher arbeitete für Zeitungen und Zeitschriften wie »Der<br />
Spiegel«, »Stern«, »Die Zeit«, »Der Tagesspiegel« oder »Die Weltwoche«.<br />
Sein Interview mit Claus Peymann, in dem der Regisseur<br />
mit der Kulturszene abrechnete, löste 1988 einen Skandal in Österreich<br />
aus. Seit einigen Jahren konzentriert er sich weitgehend auf<br />
seine Prosa, die unter anderem mit dem Ben-Witter-Preis ausgezeichnet<br />
wurde.<br />
—<br />
TosCA<br />
Musik: Giacomo Puccini. Libretto: Giuseppe Giacosa und Luigi Illica.<br />
Inszenierung: Luc Bondy.<br />
Sie sind ein Künstlerpaar: Mario Cavaradossi malt für den römischen<br />
Klerus, sympathisiert aber mit der »repubblica romana« und<br />
versteckt einen geflohenen Republikaner. Floria Tosca glänzt als<br />
Sängerin auf den Festen der Gegner der Republik. Über alles stellt<br />
sie ihre Liebe zu Mario. Der gerät in die brutale Gewalt des Staates.<br />
Sein Vollstrecker, Baron Scarpia, mag von politischem Eifer getrieben<br />
sein. Im Fall von Tosca und Mario handelt er aus eifersüchtiger<br />
Geilheit. Um Mario zu retten, lässt sich Tosca auf ein erpresserisches<br />
Geschäft mit Scarpia ein.<br />
Das französische Sensationsdrama von Victorien Sardou hatte der<br />
Legende nach schon Verdi vertonen wollen, hätte er sich dafür nicht<br />
als zu alt empfunden. Es war Puccini, der »La Tosca« zum Opernstoff<br />
machte. Er schuf ein Musikdrama all’italiana, das die inneren<br />
Bewegungen und Handlungen der Protagonisten, ihre ausweglosen<br />
Verstrickungen in die Maschinerie der Unterwerfung in krassen<br />
Kontrast setzt zum musikalischen Naturalismus des sie umgebenden<br />
banalen Alltags. Über allem steht jedoch die Schönheit und<br />
Macht der Stimme. Toscas Stimme.<br />
Premiere am 28. Juni 2010 um 19 Uhr, Nationaltheater.<br />
Weitere Termine im spielplan ab seite 115.<br />
VGBild-Kunst<br />
© Baur Christian Foto: / Basel Tinguely, Museum Phalle. Saint<br />
klassik inspiriert *<br />
de Niki Schenkung cm. 700 x 1700 x 730 1987.<br />
* Jean Tinguely: „Grosse Méta Maxi-Maxi Utopia“. www.br-klassik.de Méta-Harmonie,
023 — Erfüllung<br />
Wer Hat nicHt ScHOn Mal vOn<br />
einer revOlutiOn geträuMt?<br />
Was hat »Via Intolleranza II« mit Luigi Nonos »Intolleranza 1960« zu tun, warum soll Europa Afrika in<br />
Ruhe lassen und wie viel Zutrauen hat der Regisseur momentan zu seiner Mission, die oper wieder in der<br />
Mitte der Gesellschaft zu verankern? Antworten von Christoph schlingensief<br />
Fotos — Jitish Kallat<br />
nono hat sich ca. 1978 von seiner azione scenica verabschiedet. so<br />
nannte er auch seine arbeit: INTOLLERANZA. mich hat mehr interessiert,<br />
wie jemand denkt und handelt, der mit seiner musik mal<br />
eine musikalische, aber auch gesellschaftliche revolution versuchen<br />
wollte. wie kommt es, dass sich solche ideen mit der zeit auflösen.<br />
»intolleranza« von 1961 hatte zwar noch eine art rahmenhandlung,<br />
die jedoch für den eigentlichen, stark politisch gefärbten inhalt<br />
praktisch keine rolle spielte. das hat mich am meisten interessiert.<br />
die musik klingt nur entfernt mit und zitiert teile von ligeti,<br />
boulez, aber auch wagners »götterdämmerung« und filmmusik wie<br />
»taxi driver«.<br />
wer hat nicht schon mal von einer revolution geträumt? einem<br />
moment, an dem man etwas ganz radikal ändern will. und womöglich<br />
sogar mit vielen zusammen. und nono geht mit dieser illusion<br />
sehr extrem um. er benutzt keine handlung mehr. das sind wild<br />
springende splitter, unter dem mantel einer politischen aufladung<br />
um 1960 ... aber mehr auch nicht ... oder immerhin?<br />
das ist eine frage, die ich mir auch stelle. eine revolution anzuzetteln,<br />
erscheint mir verkrampft. wenn es so weit ist, dann wird das<br />
schon automatisch geschehen. die geschichte hat immer wieder bewiesen,<br />
dass sie aus einer auf- und entladung besteht und nicht aus<br />
einer person, die plötzlich allen die revolution befiehlt. rhizome ...<br />
die interessieren mich mehr.<br />
und da sehe ich auch eine verwandtschaft zu nono oder auch<br />
schönberg. auf der einen seite lebe ich mein leben, aber andererseits<br />
nehme ich es nur noch als splitterung war. und das passiert auch<br />
an diesem abend. das ist kein stück, keine handlung, der stoff ist<br />
aber bekannt: mein stoff — und in diesem falle bin ich der stoffbezeichnende<br />
künstler und sonst niemand — ist die zusammenarbeit<br />
von weiß und schwarz und der daraus entstehende krampf. also<br />
diese sentimentale gutmenschentuerei.<br />
davor schaudert es mir. und ich mixe banale, lustige, bittere,<br />
sehr trockene, aber auch sehr üppige momente aus meiner sicht. ich<br />
versuche gerade, das operndorf zu schützen. zu schützen? ja, ich<br />
habe angst, dass da so viele leute schon ihre eigenen pläne realisiert<br />
sehen wollen. die kulturförderung genauso wie der nette student,<br />
der dort mal helfen will. schon beim begriff des helfens bekomme<br />
ich angst.<br />
ich will afrika auf gar keine fälle helfen, weil die sich viel besser<br />
selber helfen. nicht alle länder afrikas, aber doch immer mehr. die<br />
sind viel selbstständiger als ich oder wir hier in europa. auch das<br />
kommt an diesem abend zur sprache. ich sehne mich doch als europäer<br />
nur danach, mich möglichst schnell wieder raus aus der hitze<br />
und rein in die angenehm warme wanne zu flüchten.<br />
und dann rufe ich meine lebens-gesundheits-ehe-kinder-familien-versicherungen<br />
an und frage, ob auch noch alles beim alten ist.<br />
und wenn die sagen: herr schlingensief, sie sind auch weiterhin optimal<br />
abgesichert, dann gehe ich wieder ohne angstgefühle aus dem<br />
haus und kaufe mir ein biobrot. mehr ist doch für uns nicht mehr<br />
zu holen ...<br />
all das sehe ich auch in nonos angst ... 1978 ist ihm seine überzeugung<br />
entlaufen. er glaubt nicht mehr an diese einfachen wege<br />
von revolution und weltenveränderung ... und tief drin ist nono sowieso<br />
ein clown. jemand, der sich auch freuen kann über das leben,<br />
aber im innersten große ängste hat, dass ihm das genommen wird ...<br />
»ihre schreie bleiben eingebrannt in unsere sinne« ... heißt es an<br />
einer stelle ...<br />
ich glaube, nono hatte auch angst, dass ihm da töne eingebrannt<br />
werden, die er nicht mehr loswird. so würde ich das mal benennen<br />
... ich habe auch angst, dass ich nur noch bilder benutzen<br />
darf, die alle schon kennen, weil es dann auch publikumswirksam<br />
wird. im kern verstehe ich aber nicht die zusammenhänge ... ich bin<br />
kein durchtrainierter zuschauer ... oder besser gesagt: abgebrühter<br />
kritiker ...<br />
ich habe noch gewaltige angst vor den dingen. und meine<br />
angst vor den menschen ist seit zwei jahren gigantisch gewachsen.<br />
Aufgezeichnet von sophie Diesselhorst, mit freundlicher Genehmigung<br />
von kultiversum.de
024 — Erfüllung<br />
Luigi Nono (1924–1990) über »Intolleranza 1960«<br />
»Intolleranza 1960 ist das Erwachen des menschlichen<br />
Bewusstseins eines Namens, der — als ausländischer<br />
Bergarbeiter — sich gegen den Zwang der Bedürfnisse<br />
erhebt und einen sinn, eine ›menschliche‹ Grundlage<br />
des Lebens sucht. Nachdem er einige Erfahrungen der<br />
Intoleranz und der Angst durchlitten hat, ist er dabei,<br />
eine menschliche Beziehung zwischen sich und den<br />
anderen wiederzufinden, und wird mit den anderen<br />
durch eine überschwemmung fortgerissen. Es bleibt die<br />
Gewissheit, dass der ›Mensch jetzt dem Menschen ein<br />
helfer ist‹.<br />
symbol? Tagesereignis? Phantasie?<br />
Alles zusammen in einer Geschichte unserer Zeit — «<br />
(Textnachweis: Luigi Nono. Texte. studien zu seiner Musik, herausgegeben<br />
von Jürg stenzl, Zürich 1975)<br />
—<br />
Jitish Kallat ist ein sozialkritischer Künstler aus Mumbai. Er gilt<br />
als einer der Wegbereiter der zeitgenössischen indischen Kunst, die<br />
mittlerweile auch im Westen hoch geschätzt wird. Kallat hat unter<br />
anderem in Deutschland, Großbritannien, Australien, Japan und<br />
China ausgestellt und ist in den Sammlungen der Deutschen Bank<br />
und der Saatchi Gallery vertreten. Seine Arbeiten umkreisen Themen<br />
wie Migration, Wirtschaftswachstum, Gewalt und Religion.<br />
MAx JOSEPH zeigt auf diesen Seiten seine Fotoinstallation<br />
»Conditions Apply«. Auf den ersten Blick scheint sie die Mondphasen<br />
abzubilden, bei näherem Hinsehen entpuppen sich die<br />
Motive als Fladenbrotreste.<br />
—<br />
VIA INToLLERANZA II<br />
Konzept und künstlerische Leitung: Christoph schlingensief<br />
In Burkina Faso wird nahe der Hauptstadt Ouagadougou gerade<br />
das Operndorf REMDOOGO gebaut. Christoph Schlingensief hat<br />
zudem ein Team aus afrikanischen Künstlern für das Afrika-Projekt<br />
»Via Intolleranza II« zusammengestellt. So entsteht, ausgehend von<br />
Luigi Nonos szenischer Aktion »Intolleranza 1960«, das erste Stück<br />
materialisierte afrikanische Operndorf-Utopie, das nach Europa<br />
kommen wird. Es ist keine Produktion des Operndorfes, sondern<br />
eine begleitende Forschungsarbeit. Sie unternimmt den Versuch, allmählich<br />
zu begreifen, warum Europäer dem afrikanischen Kontinent<br />
helfen wollen, obwohl sie sich selbst schon lange nicht mehr<br />
helfen können. Ist die fehlende Toleranz mit uns selbst vielleicht der<br />
Ursprung unseres Fehlverhaltens und können wir von Afrika lernen,<br />
wenn wir Teile unseres aufgeklärten europäischen Kulturguts dorthin<br />
verfrachten? Wer wird wen mehr beklauen? Wird eine neue<br />
Dimension in der Beschäftigung mit Afrikas Kultur möglich?<br />
Premiere am 24. Juni 2010 um 20 Uhr,<br />
Pavillon 21 MINI opera space.<br />
Weitere Termine im spielplan ab seite 115.<br />
Diesen Text gibt es auch als Hörversion unter:<br />
www.staatsoper.de/maxjoseph
026 — Erfüllung<br />
IM NAMEN DER LIEBE<br />
Mats Ek revisited: »Giselle« begründete den Weltruhm des schwedischen Choreografen.<br />
Jetzt kehrt seine bahnbrechende Inszenierung von 1982 nach München zurück.<br />
Die Botschaft der romantischen Utopie: Die Liebe, die wir verschenken, verwandelt uns selbst<br />
text — Dorion Weickmann<br />
Fotos — Wilfried hösl<br />
In Wahrheit war es eine große Liebesgeschichte<br />
und das Schlachtfeld, auf dem ihr<br />
Ende besiegelt wurde, verließ niemand als<br />
Sieger. Der König der Psychoanalyse und<br />
sein Kronprinz hatten sich bis aufs Blut<br />
zerstritten. »Er will mir Liebe geben, ich<br />
wünsche Verständnis«, klagte der Jüngere<br />
über den Älteren, der im Gegenzug symbolischen<br />
»Vatermord« witterte. Das Zerwürfnis<br />
forderte seinen Tribut. Sigmund Freud entwickelte<br />
neurotische Symptome, fiel immer<br />
wieder in Ohnmacht wie seine hysterischen<br />
Patientinnen. Und sein entthronter Erbe,<br />
Carl Gustav Jung, balancierte am Abgrund<br />
des Wahnsinns entlang und empfand es als<br />
bittere Ironie, dass er bei sich selbst »demjenigen<br />
psychischen Material« begegnete, »das<br />
man auch im Irrenhaus findet«.<br />
Die wissenschaftliche Scheidung von<br />
Sigmund Freud war nicht zuletzt ein persönliches<br />
Desaster. Hier zerbrach eine Bindung,<br />
deren homoerotische Unterströmung<br />
in wechselseitige Seelenbefragungen umgelenkt<br />
worden war. Nicht von ungefähr überwarfen<br />
sich die beiden Forscher über den<br />
Nukleus der Freud’schen Lehre: über die<br />
Libido, die Jung nicht im Prokrustesbett der<br />
Sexualität gefangen sehen wollte. Diese unüberwindbare<br />
Spaltung, die bald die ganze<br />
psychoanalytische Bewegung erfasste, hatte<br />
sich schon 1910 abzuzeichnen begonnen —<br />
im gleichen Jahr, in dem die Ballets Russes<br />
das 1841 uraufgeführte romantische Schlüsselwerk<br />
des Tanzes, »Giselle«, an seinen Geburtsort<br />
Paris zurückbrachten.<br />
Siebzig Jahre später wagte ein schwedischer<br />
Choreograf, die Geschichte vom<br />
(unglücklich begehrenden) Winzermädchen<br />
Giselle neu zu erzählen. Und er tat es, genau<br />
besehen, an Freud vorbei mit Carl Gustav<br />
Jung und dessen Archetypen, den unvergänglichen<br />
Seelenbildern von »Animus« und<br />
»Anima«, den ausgelagerten Ich-Schatten,<br />
die der Tiefenpsychologe seinen eigenen<br />
wahnhaften Erfahrungen abgerungen hatte.<br />
1982 holt Mats Ek »Giselle« in die Gegenwart<br />
und läutert das Werk, das er von<br />
allem romantischen Dekorum befreit. Im<br />
gleichen Jahr macht allenthalben die Postmoderne<br />
von sich reden, die das Dasein nur<br />
noch als zeichenhaften Widerschein sprachlicher<br />
Konstruktionen begreifen will. Dem<br />
modischen Reigen der Signifikate und Signifikanten<br />
setzt Ek eine radikal expressive,<br />
antiklassische Bewegungsstruktur entgegen.<br />
Er trägt die glänzende Patina der Danse<br />
d’école ab und präpariert Schicht um Schicht<br />
die zeitlose Essenz der Romantik heraus: die<br />
Erfüllung im Ritual der Grenzüberschreitung.<br />
Zugleich legt er mit Jung das psychologische<br />
Wurzelwerk frei, aus dem wiederum<br />
die Buchstaben und Silben, also die Gebärden<br />
seiner Tanzsprache keimen.<br />
Am Ende eines katastrophischen Jahrhunderts<br />
setzt diese befreite »Giselle« einen<br />
beinahe verstörend humanistischen Akzent,<br />
denn sie zeugt vom unerschütterlichen Vertrauen<br />
in die Liebe, die jedermann ans »Tor<br />
zur Unendlichkeit«, so Sven Hillenkamp,<br />
bringt: zu sich selbst.<br />
Wenn das <strong>Bayerische</strong> Staatsballett<br />
Mats Eks Inszenierung wieder aufnimmt,<br />
schickt es den Zuschauer auf eine Zeitreise<br />
ins 19. und 20. Jahrhundert, zu den Quellen<br />
der Romantik wie zu ihren entlegenen Ausläufern:<br />
ins tiefe Tal des »Unbewussten«, das<br />
der Arzt Carl Gustav Carus in den 1840er-<br />
Jahren als Erster erkundete; unter die spukhaften<br />
Schatten, die sein Namensvetter Jung<br />
in allen Märchen und Mythen entdeckt hat;<br />
zu den Naturidyllen, die der Soziologin Eva<br />
Illouz zufolge die »Kommerzialisierung des<br />
romantischen Ideals« im Kapitalismus abbilden;<br />
und schließlich in die profanen Niederungen<br />
der Facebook-Ära, die dem Prinzip<br />
der sexuellen Serialität gehorcht und Paarungswillige<br />
in wahnhafter Selbsttäuschung<br />
vernetzt. »Sie halten sich für Romantiker,<br />
sind aber Rationalisten«, schreibt der Historiker<br />
Sven Hillenkamp über die Herzblattsucher<br />
im Internet — Vernunft-Junkies, die<br />
sich zwischen widersprüchlichen Wünschen<br />
nach »Kontrolle und Ekstase, Erfolg und<br />
Seelenruhe« aufreiben und dabei der Liebe<br />
fast den Garaus gemacht haben.<br />
So weit muss es nicht kommen. Mats<br />
Eks »Giselle« beschreibt jene symbiotische<br />
Erfahrung, die den Kern der romantischen<br />
Utopie ausmacht — eine Verschmelzungsfantasie<br />
wider die Einsamkeit, die freilich<br />
neue Einsamkeit gebiert und den Menschen<br />
gleichwohl erlöst. Wie aber verhält es sich<br />
mit der Erlöserin?<br />
In der Urfassung Théophile Gautiers,<br />
die Jean Coralli und Jules Perrot 1841 auf die<br />
Mats Eks neue Giselle: die junge Tänzerin Gözde Özgür aus Istanbul, seit zwei Jahren Mitglied des <strong>Bayerische</strong>n Staatsballetts<br />
—
029 — Erfüllung<br />
Bühne der Pariser Oper brachten, ist Giselle<br />
ein tanzversessenes junges Ding, das die<br />
Avancen des Herzogs Albrecht, der sich inkognito<br />
im Dorf aufhält, erwidert. Das<br />
Mädchen zerbricht, allen beschützenden<br />
Vorkehrungen der Mutter zum Trotz, an der<br />
Untreue des Geliebten und muss deshalb als<br />
weiße Braut, als gespenstische Wili, ins Reich<br />
der Toten eingehen. Dabei verleiht Gautier<br />
seiner Giselle eine unübersehbar christliche<br />
Prägung, weiht er sie doch zur engelhaften<br />
Märtyrerin, die Albrecht verzeiht und davor<br />
bewahrt, dem Vernichtungsfuror der übrigen<br />
Wilis anheimzufallen. Gautiers Giselle<br />
opfert sich selbst — im Namen der Liebe.<br />
Mats Eks Giselle dagegen muss sich<br />
erst einmal selbst befreien, und zwar von der<br />
Last der Herkunft, den Fesseln der Nabelschnur,<br />
die sie zunächst noch einschnürt.<br />
Dann steht das Mädchen mutterseelenallein<br />
im sattgrünen, fast tropischen Landschaftsdickicht,<br />
das zwei archetypisch weibliche<br />
Brusthügel überwölben. Im Urschoß von<br />
Mutter Natur, den Marie-Louise Ekmans<br />
Bühnenbild sinnfällig macht, hausen schwerfällige<br />
Ackerbürger, die Giselle allenfalls als<br />
Außenseiterin dulden. Allzu rebellisch und<br />
wunderlich verhält sich dieses Mädchen,<br />
dessen Gemüt zwischen Manie und Depression,<br />
vorwitziger Kindlichkeit und trübsinniger<br />
Melancholie hin und her schwankt.<br />
Schon der Aufzug verrät das ganze Ausmaß<br />
ihrer Andersartigkeit: Die schwarze Baskenmütze<br />
über der magentafarbenen Joppe passt<br />
weder ins bäuerliche noch ins aristokratische<br />
—<br />
Mats Ek trägt die glänzende Patina der Danse d’école ab<br />
und präpariert schicht um schicht die zeitlose Essenz der Romantik heraus<br />
Milieu. Doch dort, in der Adelskaste, lauert<br />
die gefährliche Obsession, die ihr Dasein<br />
für immer verändern wird — der Fremdling,<br />
der schicksalhafte »Animus« namens<br />
Albrecht.<br />
Der Geist, der nach Carl Gustav Jung<br />
durch die weiblichen Träume spukt, ist häufig<br />
von edlem Geblüt, ein Liebhaber, der die<br />
Frau mit den männlichen Seiten ihres Wesens<br />
in Berührung bringt. Das aus dem<br />
Nichts auftauchende Gegenüber weckt in<br />
Giselle mehr als Neugier, nämlich den Drang<br />
zur Eroberung: Nicht der Herzog, sondern<br />
sie selbst reckt sich breitbeinig balzend auf,<br />
bespringt rücklings das Objekt ihrer Begierde<br />
und erbeutet seinen Frack wie einen<br />
Fetisch. Von Scheu, von Keuschheit keine<br />
Spur — in dieser Kindfrau erwacht das Begehren<br />
selbst, das nach Erfüllung lechzt.<br />
Eben deshalb zieht ihr ergebener Verehrer,<br />
der Wildhüter Hilarion, den Kürzeren: Er<br />
ist kein Phantom, kein Traum-Mann, sondern<br />
der harmlose Junge von nebenan.<br />
Albrecht dagegen reizt als geschichtsloser<br />
Eindringling, als unbeschriebenes Blatt,<br />
dem das Mädchen sich wie von Sinnen an<br />
den Hals wirft. Obwohl so viel weibliche<br />
Passion eher Abwehr denn Anziehung nährt,<br />
erliegt Albrecht schließlich doch der verführerischen<br />
»Anima« — dem Rausch der<br />
Gefühle, den Giselles leidenschaftliche Annäherung<br />
in ihm entfacht. Dennoch wahrt<br />
er eine stille Reserve, wirkt seine Hingabe<br />
fahrig, zögerlich und sonderbar zwiespältig.<br />
Dieser Mann handelt nicht frei, ist er doch<br />
in der grauen Wirklichkeit längst einer anderen,<br />
einer Ebenbürtigen versprochen, und<br />
jenseits aller dynastischen Erwägungen ist<br />
auch sein Herz dabei im Spiel. Denn seine<br />
Verlobte Bathilde, die mit ihrem Jagdgefolge<br />
zufällig ins Dorf gelangt, ist — bei Mats<br />
Ek — keine Partie contre-cœur, sondern<br />
eine echte Favoritin.<br />
Ausgerechnet aus der Hand ihrer Rivalin<br />
empfängt Giselle das romantische Symbol<br />
schlechthin: die blaue Blume, die für<br />
das Unerreichbare und dennoch sehnsüchtig<br />
Erhoffte steht — die Einheit von Ich- und<br />
Welterkenntnis. Bathilde ist das Werkzeug<br />
der Vorsehung, der Jung’sche »Schatten«,<br />
der die Verbindung zwischen Giselle und<br />
Albrecht verdunkelt und das Unglück dieser<br />
Mesalliance ans Tageslicht bringt. Dass Giselle<br />
darüber den Kopf verliert und in den<br />
Wahnsinn flieht, weist auf die diabolischen<br />
Machenschaften des »Animus«, der Eros<br />
und Thanatos — Liebestaumel und Todesnähe<br />
— gleichermaßen hervorrufen kann.<br />
Wo Gautier seine Heldin ins Reich der<br />
Wiedergänger verbannt, landet sie bei Mats<br />
Ek unter ihresgleichen, im Irrenasyl, dessen<br />
Wandmalereien den seelischen Zerfall schon<br />
vorwegzunehmen scheinen. Finger, Nase,<br />
Ohr, geschlossenes Auge — das Szenenbild<br />
spiegelt die völlige Verwüstung und Aus-<br />
löschung der Sinne, indem es ihre Organe<br />
isoliert wie anatomische Schaustücke. Kein<br />
Weg führt aus dieser geschlossenen Anstalt<br />
heraus und die prominent platzierte Tür,<br />
die vermuten lässt, dass vielleicht doch ein
030 — Erfüllung<br />
—<br />
Am Ende eines katastrophischen Jahrhunderts setzt Mats Eks »Giselle«<br />
einen beinahe verstörend humanistischen Akzent, denn sie zeugt vom<br />
unerschütterlichen Vertrauen in die Liebe<br />
Sonnenstrahl die Finsternis erhellen könnte,<br />
wird sich niemals öffnen.<br />
In diesem abgeschiedenen Paralleluniversum<br />
führt Oberschwester Myrtha ein<br />
strenges Regiment. Die rachedurstige Lüsternheit,<br />
die Gautiers Wili-Königin verströmt,<br />
übersetzt Mats Ek ins archetypische<br />
Porträt einer uniformiert-unterkühlten<br />
Mutter, die jede Nähe unterbindet. Statt auf<br />
Männerjagd zu gehen, wenden die Wilis ihre<br />
Zerstörungswut gegen sich selbst, winden<br />
und wälzen sich in hospitalisierten Zuständen.<br />
Was Freud und Jung in ihren Ambulatorien<br />
zu sehen bekamen — Scheingebärende,<br />
Zuckende, erotische Provokationen aller<br />
Art —, das wiederholen Eks Internierte bis<br />
zum Exzess und Myrtha obliegt es, in ihrer<br />
hysterischen Runde für patriarchale Zucht<br />
und Ordnung zu sorgen.<br />
Wiederum wird Albrecht zum Eindringling,<br />
der die verlorene Geliebte scheinbar<br />
zwanghaft bis in den Bannkreis der<br />
Psychose verfolgt. Im Angesicht der Geisteskranken,<br />
die — wortwörtlich genommen —<br />
der »Animus« verlassen hat, geschieht ihm<br />
ein Wunder: Die gefühlvollen Erinnerungen<br />
und der Anblick der versehrten Giselle<br />
lösen seine Blockaden und helfen ihm über<br />
jede Hemmschwelle hinweg an jenes »Tor<br />
zur Unendlichkeit«, hinter dem er sich<br />
selbst verliert. Die Liebe, die das Mädchen<br />
ihm einst geschenkt hat, kann er nun erwidern<br />
— ja, sie sprudelt aus seinem Inneren<br />
förmlich hervor wie Wasser aus einer Quelle.<br />
Wenn er Giselle jetzt hebt, sieht er ihr in die<br />
Augen; sobald er sie trägt, geschieht es behutsam<br />
und zärtlich; und wo er sie umfängt,<br />
geht er in ihrem Körper auf.<br />
Denn das ist das Geheimnis, das Mats<br />
Eks »Giselle« offenbart: Die Liebe, die wir<br />
empfangen, beseelt uns; aber die Liebe, die<br />
wir verschenken, verwandelt uns selbst. Wer<br />
beides erlebt, wird ganz Mensch. Wer beides<br />
geschehen lässt, blickt in Abgründe und<br />
weiß um die immerwährende Gefährdung<br />
der eigenen Existenz.<br />
Verletzlich, schutzlos und nackt, so<br />
steht Albrecht am Ende in der Welt. Und<br />
doch beginnt in diesem Augenblick sein<br />
wahres Leben. Eine tröstliche Geste holt ihn<br />
ins Hier und Heute zurück: Kein anderer als<br />
Hilarion bedeckt brüderlich seine Blöße.<br />
Der Feind, scheint Mats Ek zu sagen, kann<br />
dir jederzeit zum Freund werden — vorausgesetzt,<br />
du lässt dich auf die Liebe ein. Sigmund<br />
Freud und Carl Gustav Jung gingen<br />
den umgekehrten Weg: von der Zweisamkeit<br />
in die Entzweiung. Sie haben beide ein<br />
Leben lang schwer daran getragen.<br />
Dr. Dorion Weickmann promovierte über die<br />
Kulturgeschichte des Balletts zwischen 1580<br />
und 1870. Sie schreibt unter anderem für die<br />
Feuilletons von »Süddeutsche Zeitung« und<br />
»Die Zeit« und lebt mit ihrer Familie in<br />
Berlin.<br />
—<br />
GIsELLE<br />
Choreografie: Mats Ek.<br />
Musik: Adolphe Adam.<br />
Der schwedische Choreograf Mats Ek gilt<br />
weltweit als Spezialist, der alte Ballettgeschichten<br />
neu erzählt. »Giselle« handelt von<br />
der betrogenen Liebe des Winzermädchens<br />
Giselle. Herzog Albrecht, als Bauer verkleidet,<br />
erschleicht sich ihre Zuneigung, bis sie<br />
erkennen muss, dass er in Wahrheit mit<br />
Bathilde verlobt ist. Giselle wird wahnsinnig<br />
und stirbt an gebrochenem Herzen. Als<br />
Geisterwesen entsteigt sie dem Grab und<br />
tanzt im Kreise der Wilis, der rachedurstigen<br />
Geister betrogener Bräute, die jeden Mann,<br />
der ihnen begegnet, zu Tode tanzen. Giselles<br />
Liebe aber reicht über den Tod hinaus und<br />
sie rettet Albrecht das Leben.<br />
Mats Ek schuf eine völlig neue Choreografie<br />
in seinem eigenen, modernen Idiom.<br />
Er verlegte die Handlung in die Gegenwart.<br />
Aber auch in dieser radikal zeitgenössischen<br />
Fassung bleibt die Essenz des Werkes erhalten<br />
und der Zuschauer wird zum Zeugen<br />
des erschütternden Läuterungsprozesses, den<br />
Albrecht durchlebt.<br />
Wiederaufnahme am 19. Juni 2010<br />
um 19.30 Uhr, Prinzregententheater.<br />
Weitere Vorstellungen am 20., 24. und<br />
26. Juni 2010.<br />
Diesen Text gibt es auch als Hörversion<br />
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032 — Erfüllung<br />
»JETZT IsT MEIN<br />
LEBEN EBEN ANDERs«<br />
Ein Gespräch vor dem Rücktritt: Margot Käßmann definiert den sinn ihres Lebens und fordert Mut zur Veränderung.<br />
heute klingen ihre Antworten fast prophetisch<br />
interview — Jörg Böckem<br />
Fotos — Gregor hohenberg<br />
»Meine Mutter findet das Foto furchtbar«,<br />
sagt sie zu Beginn des Gesprächs. »Sie meint,<br />
ich sähe aus wie in Leichenstarre. Am Anfang<br />
gefiel es mir auch nicht, mittlerweile<br />
finde ich es ganz schön.«<br />
Es ist der 22. Januar 2010. Margot<br />
Käßmann sitzt im Büro der Landesbischöfin<br />
von Hannover, noch ist es ihr Büro. Sie ist<br />
voller Energie und bester Laune. Seit sie vor<br />
drei Monaten zur Vorsitzenden des Rates der<br />
Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD)<br />
gewählt wurde, ist ihr Terminkalender sehr,<br />
sehr voll. Bis zu dem Abend, der ihr Leben<br />
erschüttern wird, werden noch rund vier<br />
Wochen vergehen. Jetzt und hier wäre das<br />
alles undenkbar — die Fahrt unter Alkoholeinfluss,<br />
der Rücktritt von allen Ämtern.<br />
Andererseits: Im Rückblick bekommt vieles<br />
von dem, was sie heute sagen wird, einen besonderen<br />
Klang.<br />
Das Foto, von dem sie spricht, ist einige<br />
Wochen zuvor entstanden, bei unserem letzten<br />
Gespräch. Damals hat Margot Käßmann<br />
für das »Zeit Magazin« Auskunft gegeben<br />
über ihre Träume. Das Foto zeigt sie im<br />
Porträt, mit geschlossenen Augen. Ein sehr<br />
stilles Bild, außergewöhnlich still für diese<br />
lebendige und tatkräftige Frau. Ein Foto,<br />
das sie in den Wochen, die kommen, heimsuchen<br />
wird — kaum eine Zeitung, die ihre<br />
Berichterstattung über Käßmanns Rücktritt<br />
nicht mit diesem Foto illustrieren wird.<br />
»Die nächsten sechs Jahre bin ich<br />
Ratsvorsitzende, wenn ich gesund bleibe«,<br />
hat sie damals gesagt. Und von einem Leben<br />
nach den Ämtern geträumt: »Beruflich habe<br />
ich alles erreicht, was eine Theologin in<br />
diesem Land erreichen kann. Auch wenn die<br />
Arbeit als Ratsvorsitzende nicht unbedingt<br />
ein Traumjob ist. Er bringt ein heftiges Maß<br />
an Öffentlichkeit und Verantwortung mit<br />
sich, mein privates Leben wird dadurch sehr<br />
eingeschränkt.« Sie träumte von einer Lebensphase<br />
ohne Berufsdruck, davon, sich<br />
irgendwann wieder mehr ins Private zurückziehen<br />
und in Ruhe lesen, schreiben, reisen,<br />
schwimmen oder joggen zu können.<br />
Natürlich wurde sie für diese Äußerung<br />
heftig kritisiert: Kaum im Amt und<br />
schon amtsmüde, hieß es. »Aber ich stehe<br />
dazu«, sagt sie. Wie auch zu ihrer umstrittenen<br />
Afghanistan-Äußerung — selbstbewusst,<br />
ein wenig trotzig, erfüllt von ihren<br />
Überzeugungen.<br />
Frau Käßmann, sie sind in einfachen Verhältnissen<br />
aufgewachsen. Ihr Vater betrieb eine<br />
Tankstelle und eine Autowerkstatt. War das<br />
eine schwierige Ausgangsposition in das Leben,<br />
das sie sich wünschten?<br />
Nein, im Gegenteil. Meine Kindheit<br />
war glücklich und behütet. Ich denke, Kinder<br />
finden Zufriedenheit und Erfüllung in<br />
der Befriedung der eigenen Lebenswelt. Zumindest<br />
habe ich das so erlebt — es gab<br />
keine Ängste, keine Grenzen, die ich überwinden<br />
musste. Hinter der Autowerkstatt<br />
meines Vaters war ein kleines Gärtchen mit<br />
einem Hundezwinger, einem Sandkasten,<br />
Akazien und alten Autoreifen. Das war<br />
meine eigene, geschützte Welt, dort konnte<br />
ich mit meinen Puppen spielen und meinen<br />
Fantasien und Träumen nachhängen. Damals<br />
gab es nichts, das diese Sehnsucht nach<br />
Anderem, Größerem, Besserem angefacht<br />
hat, die es uns später so schwer macht, Erfüllung<br />
zu finden.<br />
Für viele Menschen sind diese sehnsüchte<br />
vor allem in der Jugend von elementarer Bedeutung.<br />
Gab es Jugendträume?<br />
Später ja. Mich haben zwei Dinge angetrieben.<br />
Das eine ist sehr privat: Ich wollte<br />
immer Familie haben. Ich habe früh Erfüllung<br />
in der Familie gesucht, in der Geborgenheit,<br />
dem Füreinander-da-Sein. Mutter<br />
zu werden war für mich die Erfüllung eines<br />
Lebenstraums. Das zweite ist eher eine Utopie:<br />
das Ringen um Gerechtigkeit, Frieden.<br />
Politisches Engagement war schon als Jugendliche<br />
ganz wichtig für mich. Als<br />
16-Jährige habe ich mich mit Martin Luther<br />
King beschäftigt. Seine Persönlichkeit, sein<br />
Mut zum gesellschaftlichen Engagement,<br />
auch gegen größte Widerstände, haben mich<br />
sehr beeindruckt.<br />
Wann begannen sie, Erfüllung im Glauben<br />
zu suchen?<br />
Eigentlich gar nicht. Ich bin in den<br />
Glauben hereingewachsen, ich denke, Glaube<br />
ist eine Haltung im Leben, eine Beheimatung,<br />
wenn man nach dem Sinn des Lebens<br />
fragt. Von Erfüllung im Glauben würde ich<br />
so nicht sprechen wollen.<br />
Aus dem Mund einer Bischöfin klingt<br />
das überraschend.
034 — Erfüllung<br />
035 — Erfüllung<br />
—<br />
»Erfüllung im Glauben?<br />
Eigentlich nicht«<br />
Finden Sie? Sicher, der Glaube als Lebenshaltung<br />
erfüllt mich und aus Glaube<br />
kann Erfüllung erwachsen. Aber ich denke,<br />
Glaube sollte nicht Selbstzweck werden —<br />
nach dem Motto: Nur weil ich fromm bin,<br />
ist mein Leben gut. Der Satz »Erfüllung im<br />
Glauben finden« klingt für mich zu sehr<br />
nach Rückzug aus der Welt, nach »mein<br />
Glaube ist mir genug«. Der Glaube verleiht<br />
mir viel eher innere Ruhe und den Mut<br />
hinauszugehen, im Leben und in der Welt<br />
etwas zu bewegen, er drängt mich geradezu<br />
dazu. Dieses Handeln bringt mir Erfüllung.<br />
Nennen sie ein Beispiel?<br />
Meine Arbeit. Ich bin sehr dankbar<br />
dafür, einen Beruf zu haben, der nicht nur<br />
ein Job ist, mit dem ich Geld verdiene. Ich<br />
finde Erfüllung darin, mich mit meinem<br />
ganzen Sein, meiner ganzen Person sieben<br />
Tage die Woche für etwas einsetzen zu können,<br />
für das ich voll einstehe: den Menschen<br />
in ihren existenziellen Fragen und Nöten<br />
ganz nah zu sein. Durchaus auch wenn ich<br />
provoziere, weil ich mich gegen den Krieg in<br />
Afghanistan ausspreche. Weil ich zutiefst<br />
davon überzeugt bin, dass es eine gute Sache<br />
ist, gegen den Krieg einzutreten.<br />
Die Kirchen verlieren Mitglieder, skandale<br />
belasten das Bild vor allem der katholischen<br />
Kirche in der Öffentlichkeit. Was haben<br />
uns der Glaube, die Religion noch zu bieten?<br />
Viele Menschen fühlen sich heute entwurzelt<br />
und orientierungslos, die Sehnsucht<br />
nach einem Gemeinschaftsgefühl, nach Zugehörigkeit,<br />
nach Heimat, nach Verwurze-<br />
lung — auch im christlichen Glauben — ist<br />
in der Gesellschaft groß. Das erlebe ich zum<br />
Beispiel bei Kirchentagen. Oder nehmen wir<br />
die Trauerandacht für Robert Enke: Damals<br />
haben mich einige Väter angesprochen. Sie<br />
sagten: »Mein Sohn ist ein großer Fan und<br />
völlig verstört, ich weiß nicht, was ich ihm<br />
antworten soll. Bitte sagen Sie etwas.« In der<br />
Kirche waren dann rund 800 Menschen,<br />
draußen rund 6000 Fans, alle sehr aufgewühlt.<br />
Es war für mich sehr, sehr berührend,<br />
als dann alle still wurden und gemeinsam<br />
das Vaterunser gebetet haben. Die<br />
Kirche konnte diesen Menschen einen Ort<br />
für ihre Trauer bieten, Texte und Rituale,<br />
die Halt und Trost geben. Ein Problem ist,<br />
dass viele Menschen die Kirche heute eher<br />
als Institution sehen, und Institutionen haben<br />
es in der individualisierten Gesellschaft<br />
schwer. Aber der christliche Glaube hat<br />
Worte, die älter und tiefer sind als alle moderne<br />
Betroffenheitslyrik, Rituale, die seit<br />
sehr langer Zeit Menschen halten und tragen<br />
und ihrem Leben Struktur verleihen.<br />
Was bietet Ihnen der Glaube?<br />
Vor allem dass ich die Sinnfrage nicht<br />
stellen muss. Ich stehe nicht vor der Aufgabe,<br />
meinem Leben Sinn geben zu müssen,<br />
indem ich Geld, Macht oder Ansehen erringe,<br />
schön bin oder erfolgreich. Sinn wird<br />
mir zugesprochen, Gott hat sich bei meinem<br />
Leben was gedacht, jedes Leben hat Sinn.<br />
Ich bin etwas wert, weil ich für Gott Wert<br />
habe. Das gibt mir große innere Freiheit,<br />
große Gelassenheit, auch gegenüber dem<br />
ständigen Beurteiltwerden durch andere.<br />
Luther hat gesagt: Ein Christenmensch ist<br />
ein freier Herr aller Dinge und niemandem<br />
untertan. Und: Ein Christenmensch ist ein<br />
dienstbarer Knecht aller Dinge und jedem<br />
untertan. Das empfinde ich sehr stark: Ich<br />
bin frei, muss mich nicht vor Kaiser und<br />
Papst fürchten — und andererseits stelle ich<br />
mein Leben in den Dienst der Gemeinschaft.<br />
In dieser Spannung bewege ich mich.<br />
Ich muss mich nicht bücken, gleichzeitig<br />
werde ich immer versuchen zu dienen.<br />
hätten sie auch in anderen Berufen Erfüllung<br />
finden können?<br />
Das kann ich mir gut vorstellen. Ich<br />
hätte vielleicht zu Amnesty International<br />
gehen können, zu Greenpeace oder in die<br />
Entwicklungshilfe. Eine Zeit lang habe ich<br />
sogar darüber nachgedacht.<br />
In Ihrem Buch schreiben sie, dass in der<br />
Bibel auch die schönheit und Liebe gefeiert<br />
werden. Gehört zu einem erfüllten Leben auch<br />
sinnenfreude?<br />
Natürlich. Schon in der Bibel steht,<br />
dass wir unser Leben in ganzer Fülle genießen<br />
sollen. Eine Liebesbeziehung zum Beispiel<br />
ist mit das Schönste, was ein Mensch<br />
erleben kann. Wer wird mehr Erfüllung finden<br />
im Leben als ein Mensch, der liebt und<br />
geliebt wird? Ich würde jedem Mut machen,<br />
sich auf dieses Wagnis einzulassen. Ohne<br />
das ständige Abwägen und Reflektieren.<br />
Der Zölibat — das komplette Verneinen<br />
der körperlichen Dimension der Liebe —<br />
scheint jedenfalls nicht besonders alltagstaug-<br />
lich, wie die jüngsten Missbrauchsfälle zeigen.<br />
Ich werde das katholische Konzept des<br />
Zölibats nicht kritisieren, das ist eine Entscheidung<br />
der katholischen Kirche. Es gibt<br />
auch evangelische Pastore und Pastorinnen,<br />
die zölibatär leben. Aber so wie ich die Bibel<br />
lese, ist sie der Körperlichkeit nicht abgeneigt.<br />
Keine Lebensweise ist per se die bessere.<br />
Wir sollten die gelebte Sexualität nicht<br />
gering schätzen.<br />
sie haben Karriere gemacht — wie<br />
wichtig sind Ihnen siege und Erfolge?<br />
Siege müssen nicht sein, aber ein Eintreten<br />
für eine Sache, die ich für die richtige<br />
erachte. Das ist ganz entscheidend. Ich habe<br />
das Leben nie an mir vorbeiziehen lassen,<br />
gleichgültige Menschen ohne Leidenschaft<br />
tun mir leid. Sich für etwas engagieren, einsetzen,<br />
das macht ein erfülltes Leben aus —<br />
sagen zu können: Ich habe alles getan, was<br />
in meiner Kraft lag. Es geht auch ohne Siege.<br />
Aber nicht ohne Ziele!<br />
sie haben in Ihrem Leben schwere Krisen<br />
erlebt — eine Krebserkrankung und die scheidung.<br />
Wurde Ihr Glaube erschüttert?<br />
Nein. Meine Krankheit habe ich gar<br />
nicht so sehr als Bruch erlebt, Krankheit ist<br />
Teil des Lebens. Ich empfinde eher eine gewisse<br />
Dankbarkeit, denn das Leben gewinnt<br />
an Tiefe, wenn die allgemeine Nachricht,<br />
dass wir sterben müssen, zur persönlichen<br />
Botschaft wird. Die Krankheit hat mich<br />
fröhlicher und demütiger gemacht.<br />
Ihre scheidung haben sie als »Wüstenerfahrung«<br />
bezeichnet.<br />
Margot Käßmann ist die Tochter eines Kfz-<br />
Mechanikers und einer Krankenschwester aus<br />
Marburg. Sie gilt als besonders glaubwürdig,<br />
thematisierte sie doch gleichermaßen ihre<br />
Brustkrebserkrankung wie auch ihre Scheidung.<br />
Ein Novum für eine Bischöfin. Folgerichtig<br />
wurde ihr Rücktritt vom Ratsvorsitz<br />
der Evangelischen Kirche in Deutschland<br />
aufgrund einer Alkoholfahrt mit dem Auto<br />
weithin als Beispiel konsequenter Gerad-<br />
linigkeit gelobt<br />
—<br />
Die Scheidung war natürlich ein<br />
schwerer Bruch, damit umzugehen ist mir<br />
schwergefallen. Das Konzept lebenslange<br />
Ehe, Kinder, irgendwann Enkelkinder, in<br />
Harmonie miteinander alt werden, halte ich<br />
nach wie vor für ein wunderbares Lebensmodell.<br />
Nach der Scheidung ein neues, eigenes<br />
Lebenskonzept zu finden, war sehr<br />
schwierig. Bis dahin stand die Familie im<br />
Zentrum meines Lebens. Nach der Scheidung<br />
lebte mein Mann nicht mehr hier,<br />
meine Töchter wurden erwachsen. Auf einmal<br />
stand ich selbst im Mittelpunkt, die<br />
Frage: Wer bin ich ganz für mich? Nach<br />
26 Jahren Ehe eine gewaltige Umstellung.<br />
Es war sehr wichtig für mich zu erfahren,<br />
dass ich trotz aller Brüche ein gutes, erfülltes<br />
Leben haben kann. Wir dürfen uns nicht<br />
zu sehr an ein Bild, eine bestimmte Vorstellung<br />
von uns und unserem Leben hängen,<br />
wir müssen Veränderung zulassen. Jetzt ist<br />
mein Leben eben anders.<br />
Mutter Teresa soll gesagt haben: »Es werden<br />
mehr Tränen vergossen über erhörte Gebete<br />
als über nicht erhörte.« Ist es überhaupt sinnvoll,<br />
seinen Träumen nachzustreben?<br />
Natürlich! Wenn ein Mensch keine<br />
Ideale, Wünsche, Träume und Visionen mehr<br />
hat, mögen sie noch so naiv erscheinen —<br />
mir wurden ja in der letzten Zeit Naivität,<br />
Gutmenschentum und Blauäugigkeit vorgeworfen<br />
—, wäre es eine traurige Welt. So<br />
möchte ich nicht leben. Dann lieber ab und<br />
zu Niederlagen erleben und wenigstens wissen,<br />
wofür ich eingetreten bin.<br />
Samstag, den 20. Februar, kurz vor<br />
23 Uhr wird Margot Käßmann am Steuer<br />
ihres Dienstwagens in Hannover angehalten,<br />
nachdem sie bei Rot über eine Ampelkreuzung<br />
gefahren ist. Der spätere Blutalkoholtest<br />
ergibt 1,54 Promille. Die Boulevardpresse<br />
reagiert mit Spott und Häme, Gegner und<br />
Kritiker mit Genugtuung. »Ich habe mich<br />
immer wieder gefragt: Wie konnte mir das<br />
nur passieren? Aber was nützt jetzt das Jammern,<br />
das ›hätte‹, ›könnte‹, ›sollte‹ — es ist<br />
passiert und nun muss ich die Konsequenzen<br />
tragen«, gibt sie zu Protokoll.<br />
Wenige Tage später tritt sie von allen<br />
kirchlichen Ämtern zurück. Sie könne und<br />
wolle »nicht darüber hinwegsehen, dass das<br />
Amt und meine Autorität als Landesbischöfin<br />
sowie als Ratsvorsitzende beschädigt<br />
sind. Die Freiheit, ethische und politische<br />
Herausforderungen zu benennen und zu beurteilen,<br />
hätte ich in Zukunft nicht mehr<br />
so, wie ich sie hatte. Aber mir geht es nach<br />
dem Amt auch um Respekt und Achtung<br />
vor mir selbst und um meine Geradlinigkeit.«<br />
Mit ihrem Rücktritt setzt sie in den<br />
Augen vieler Maßstäbe. Von August bis Dezember<br />
wird sie die neu gewonnene Freizeit<br />
für einen Studienaufenthalt in Atlanta nutzen.<br />
Margot Käßmann, so viel scheint sicher,<br />
weiß auch ihre neue Lebensphase erfüllt zu<br />
gestalten.<br />
Jörg Böckem arbeitet als freier Journalist,<br />
unter anderem für »Die Zeit« in Hamburg.
036 — Erfüllung<br />
NAChTsTüCK<br />
Zwischen jung und erwachsen, Mann und Frau, Natur und Zivilisation, Tag und Traum<br />
Fotos — Bill henson, courtesy of the artist & Roslyn oxley9 Gallery, sydney<br />
Untitled, 2007 / 2008 (type C photograph, 127 x 180 cm)<br />
–
Untitled, 2007 / 2008 (type C photograph, 127 x 180 cm)<br />
–
Untitled, 2000 / 2003 (type C photograph, 127 x 180 cm)<br />
–
Untitled, 2007 / 2008 (type C photograph, 127 x 180 cm)<br />
–
Untitled, 2000 / 2003 (type C photograph, 127 x 180 cm)<br />
–
Untitled, 2000 / 2003 (type C photograph, 127 x 180 cm)<br />
–
048 — Erfüllung<br />
049 — Erfüllung<br />
Die entspannte Diva stammt aus dem schwäbischen Günzburg. Mit zwölf Jahren sah sie Plácido Domingo in Franco<br />
Zeffirellis »La Traviata«-Verfilmung und wusste, dass sie Opernsängerin werden will. 2006 erfüllt sich ein<br />
Kindheitstraum: Sie singt mit ihrem Idol Domingo beim Auftaktkonzert zur Fußballweltmeisterschaft in München<br />
—<br />
daS glÜck der WaHrHeit<br />
Als Zerbinetta hat sie das Münchner Publikum mit komödiantischen Qualitäten begeistert.<br />
Jetzt kehrt Diana Damrau als Aminta in Richard strauss’ »Die schweigsame Frau« an die staatsoper zurück,<br />
freut sich auf einen Liederabend zur harfe — und auf ihr erstes Kind<br />
interview — Florian heurich<br />
Das Murmeln der Rambla und das Läuten<br />
der gegenüberliegenden Iglesia de Belén sind<br />
zu hören, als Diana Damrau das Telefon abnimmt.<br />
Die Sängerin arbeitet in Barcelona,<br />
als dieses Interview geführt wird. Sie wirkt<br />
sonntäglich entspannt — und das, obwohl<br />
am nächsten Tag die Premiere von Mozarts<br />
»Entführung aus dem Serail« im Gran Teatre<br />
del Liceu ansteht. Ein mit Spannung erwartetes<br />
und in der spanischen Presse hoch gehandeltes<br />
Hausdebüt. Diesen Tag davor<br />
werde sie ganz ruhig verbringen, sagt die<br />
38-Jährige, in der Stadt spazieren gehen,<br />
vielleicht in den Botanischen Garten auf<br />
dem Montjuïc, um ein bisschen Erholung in<br />
der Natur zu finden. Sie habe während der<br />
vergangenen Probenwochen noch gar keine<br />
Zeit gefunden, die katalanische Metropole zu<br />
erkunden, allerdings sei Spanien, vor allem<br />
der Süden, sowieso ihre große Leidenschaft:<br />
Flamenco tanzen, andalusische Pferde, maurische<br />
Architektur.<br />
In München wird Diana Damrau während<br />
der diesjährigen Opernfestspiele zum<br />
ersten Mal die Aminta in Richard Strauss’<br />
»Die schweigsame Frau« singen — ebenfalls<br />
ein mit Spannung erwartetes Debüt.<br />
Blicken wir einmal zehn Jahre zurück auf die<br />
Zeit, in der sie sich als sängerin einen Namen<br />
gemacht haben. Ist aus heutiger sicht das in<br />
Erfüllung gegangen, was sie sich damals erhofft<br />
haben?<br />
Sogar mehr als das! Den Erfolg habe<br />
ich in diesem Maße gar nicht erwartet.<br />
Allerdings bedeutet Erfüllung für mich<br />
nicht, eine weltberühmte Sängerin zu sein,<br />
sondern inspirierende Arbeit auf höchstem<br />
Niveau zu leisten und damit dem Publikum<br />
etwas von der Magie der Oper vermitteln zu<br />
können. Oper ist die größte Erfüllung für<br />
mich, weil diese Kunst alles beinhaltet, was<br />
Menschen schaffen können. Sie hat diese<br />
immense seelische Komponente durch die<br />
Musik, die uns in andere Dimensionen<br />
führt, uns aus dem Alltag hebt und etwas<br />
Göttliches hat. Oper ist natürlich die Verbindung<br />
aller Künste: Architektur, Tanz,<br />
Schauspiel, Dichtung, Musik. Für mich ist<br />
es ein großes Glück, mich tagtäglich damit<br />
beschäftigen zu dürfen. So bleibe ich immer<br />
mit mir selbst in Verbindung, höre in mich<br />
hinein und kann an diesem Beruf wachsen.<br />
Gab es in Ihrer Karriere konkrete Momente,<br />
bestimmte Aufführungen, die sie als<br />
besonders beglückend empfunden haben?<br />
Die komplette Erfüllung erreicht man<br />
ja so gut wie nie. Es ist Teil unseres Menschseins,<br />
dass wir immer noch mehr wollen,<br />
immer auf der Suche sind nach einer Perfektion,<br />
die es eigentlich nicht gibt. Man muss<br />
einfach einmal innehalten und den Moment<br />
genießen. Auf der Bühne gibt es natürlich<br />
unglaubliche Momente. Ich erinnere mich<br />
etwa an eine »Rigoletto«-Vorstellung an der<br />
Wiener <strong>Staatsoper</strong>. Das war zu einer persönlich<br />
schwierigen Zeit und auch bei Weitem<br />
keine perfekte Aufführung, aber trotzdem<br />
war es eine extrem intensive Situation und<br />
eine Sternstunde für mich, ein Abend, an<br />
den ich mein Leben lang denken werde.<br />
Aber wirkliche Erfüllung bringen für mich<br />
nur — darüber habe ich mir oft Gedanken<br />
gemacht — die wahre Liebe ohne Erwartungen<br />
und Zweifel sowie die Natur, weil sie<br />
rein und perfekt ist. Natur ist für mich etwas<br />
ganz Essenzielles, dahin ziehe ich mich<br />
so oft wie möglich zurück. Außerdem erwarte<br />
ich gerade ein Baby, was als Frau natürlich<br />
absolut erfüllend ist. Ich bin mal gespannt,<br />
wie wir meinen dicken Bauch in die Inszenierung<br />
einbauen können.<br />
Gerade in Ihrem Repertoire als Koloratursopranistin<br />
mit Rollen wie Zerbinetta,<br />
Lucia, Königin der Nacht oder den aberwitzigen<br />
Bravour-Arien von Antonio salieri, die<br />
sie auf CD eingespielt haben, erreichen sie<br />
die stratosphären des Gesangs, stoßen an die<br />
Grenzen dessen, was mit der menschlichen<br />
stimme überhaupt möglich ist. Erleben sie<br />
dabei auch besondere hochgefühle?<br />
Ja, schon, aber ich hänge nicht nur an<br />
hohen Tönen. Die ganze Situation, die Atmosphäre,<br />
die Wahrheit dessen, was wir auf<br />
der Bühne erzählen, muss stimmen, damit<br />
es beglückend ist.<br />
Wenn sie in eine Rolle schlüpfen und<br />
damit eine andere Identität annehmen, ist das<br />
für sie auch eine Möglichkeit, Charakterzüge<br />
und situationen auszutesten, die Ihnen im<br />
realen Leben fern sind?<br />
Als Schauspieler muss man sich in das<br />
Seelenleben anderer Menschen versetzen und<br />
es umsetzen, lebendig werden lassen. Das<br />
macht großen Spaß. Etwa bei der Königin
050 — Erfüllung<br />
—<br />
»Die ganze situation, die Wahrheit dessen, was wir auf der Bühne erzählen,<br />
muss stimmen, damit es beglückend ist«<br />
der Nacht: eine Mutter, die ihre Tochter<br />
zum Mord auffordert und alle bösen Kräfte<br />
mobilisiert. Man setzt sich dabei auch automatisch<br />
mit seinem eigenen Charakter auseinander,<br />
muss auch manchmal über seinen<br />
Schatten springen, aber es ist immer spannend,<br />
Charaktere zu spielen, die einem ganz<br />
fern sind.<br />
In München singen sie die Aminta in<br />
»Die schweigsame Frau«. Welche Gemeinsamkeiten<br />
stellen sie zwischen sich und dieser<br />
Figur her?<br />
Immerhin ist Aminta auch eine Sängerin<br />
in einer Operntruppe. Allerdings vermischt<br />
sie ihren Beruf mit der Realität,<br />
wenn sie Sir Morosus quasi ein Theaterstück<br />
vorspielt. Doch er merkt es nicht und<br />
hält es für die Wirklichkeit. Das ist eigentlich<br />
eine ziemlich gemeine Sache und letztlich<br />
bekommt Aminta auch Skrupel. Sie<br />
rettet sich dann ins Schauspielern und betrügt<br />
sich damit selbst — also genau das,<br />
was einem auf der Bühne nie passieren<br />
dürfte.<br />
Wie sehen sie die Beziehung Amintas<br />
zu Morosus? Verkörpert sie die Erfüllung der<br />
Wünsche und Fantasien eines alternden<br />
Mannes?<br />
Ganz sicher, aber auch Morosus hat<br />
Skrupel. Er realisiert, dass die Verbindung<br />
mit einer so jungen Frau eigentlich nicht das<br />
Richtige für ihn ist. Sie gibt sich jedoch ganz<br />
bescheiden und unterwürfig und zerstreut<br />
damit seine Bedenken. Wenn sie sich allerdings<br />
danach als Furie entpuppt, ist sie letzt-<br />
lich die Enttäuschung und nicht die Erfüllung<br />
seiner Wünsche.<br />
Was reizt Morosus an Aminta? Nur ihr<br />
stiller, unterwürfiger Charakter oder gibt es da<br />
auch eine sexuelle Komponente?<br />
Bestimmt ist es beides. Zunächst will<br />
er zwar nur Ruhe und Frieden haben, aber<br />
wenn er dann so was Süßes, Nettes bei sich<br />
hat, sagt er natürlich nicht Nein. Doch er<br />
behandelt dieses scheue Mädchen immer<br />
respektvoll, und das berührt wiederum<br />
Aminta, denn sie zeigt bei aller Komödie,<br />
die sie ihm vorspielt, doch auch ernsthafte<br />
Gefühle.<br />
Bei Ihrer Münchner Zerbinetta haben<br />
sie unglaubliche Entertainerqualitäten an den<br />
Tag gelegt. Können sie dieses komödiantische<br />
Talent auch jetzt wieder ausspielen?<br />
Gerade bei »Die schweigsame Frau«<br />
muss man vorsichtig sein, denn dieses Stück<br />
ist bei aller Turbulenz nicht uneingeschränkt<br />
lustig. Jede Komödie hat ja zwei Seiten und<br />
das Spiel, das mit Morosus getrieben wird,<br />
ist zum Teil auch ganz schön grausam. Die<br />
Rolle ist ungemein schwierig zu singen, zumal<br />
Strauss die Stimme mit einem extrem<br />
lauten Orchester fast zudeckt. Im dritten<br />
Akt ist das im wahrsten Sinne des Wortes als<br />
Krach komponiert und über diesem Orchesterkrach<br />
muss Aminta hoch virtuose Sachen<br />
singen, hat aber keine wirklichen Soloszenen,<br />
nach denen die Leute Bravo schreien — jedenfalls<br />
nicht in der Qualität einer Arie wie<br />
bei Zerbinetta.<br />
Neben einem Weibsteufel wie Aminta<br />
singen und spielen sie auch die eher fragilen,<br />
ätherischen Damen wie Gilda, ophélie oder<br />
Lucia. Welche seite entspricht mehr Ihrer<br />
Persönlichkeit?<br />
Ich bin ein aktiver Mensch, rede gern,<br />
brauche Bewegung und Kommunikation,<br />
aber wie jeder Mensch habe auch ich meine<br />
stillen Seiten. Übrigens: Mit etwas mehr<br />
Courage, weniger Passivität wäre es sicher<br />
Lucia oder Gilda ebenfalls besser gegan -<br />
gen und sie hätten sich anders entwickeln<br />
können.<br />
Während der Münchner opernfestspiele<br />
werden sie auch einen Liederabend gestalten,<br />
allerdings nicht mit Klavier-, sondern mit<br />
harfenbegleitung. Was reizt sie an solch einem<br />
eher ungewöhnlichen Projekt?<br />
Die Harfe hat ganz andere klangliche<br />
und dynamische Ausdrucksmöglichkeiten als<br />
das Klavier, kann viel nuancierter sein, viel<br />
leiser spielen. Mit der Stimme kann man sich<br />
da wunderbar anpassen und noch viel feinere<br />
Farben in den Gesang mischen. Trotzdem<br />
ist es auch möglich, richtig loszulegen, genau<br />
wie mit dem Klavier. Ein spannendes und<br />
künstlerisch erfüllendes Projekt.<br />
Florian heurich ist Autor und Musikjournalist.<br />
Er arbeitet für diverse Kulturpublikationen,<br />
schreibt und produziert unter anderem<br />
Hörfunkfeatures für BR-Klassik und<br />
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052 — Erfüllung<br />
DoN’T BE A DANCER,<br />
BE AN ARTIsT!<br />
Fotos — Wilfrid hösl<br />
»Artifact« ist ein stück über Ballett. seit seiner Uraufführung 1984 in Frankfurt am Main hat<br />
es sich zum Klassiker entwickelt. Mit der Premiere von »Artifact« im April 2010 setzte das<br />
<strong>Bayerische</strong> staatsballett die Auseinandersetzung mit dem Werk von William Forsythe fort. Die<br />
Bilder auf diesen seiten entstanden bei den Proben. Die Tänzer testen aus, wie weit sie die<br />
klassischen Bewegungen ins Extrem treiben, ins Unendliche verlängern können — das Faszinosum<br />
an Forsythes system. Eine hommage an den großen Choreografen und Erneuerer des Balletts<br />
Musikalischer sein als die Musik ...<br />
—<br />
Im Bild von links: Emma Barrowman, Karen Azatyan,<br />
Emma Barrowman, Stephanie Hancox, Leonard Engel,<br />
Vittorio Alberton, Elena Karpuhina<br />
—<br />
Forsythes Werke sind als Aufführungstext, als eine<br />
Art »lebender Organismus« zu betrachten, in dem<br />
sich sinnlicher Charakter und intellektuelle Durchdringung<br />
vereinigen<br />
—
Für die Tänzer und Tänzerinnen des Staatsballetts ist es keine neue Begegnung mit<br />
einer Arbeit William Forsythes. Dennoch: Sich ein Stück wie »Artifact« anzueignen und zu<br />
verinnerlichen, ist jedes Mal eine Herausforderung<br />
—<br />
Im Bild von links: Zoltan Mano Beke,<br />
Mai Kono, Matej Urban, Mia Cooper,<br />
Marie-Astrid Casinelli, Ilia Sarkisov,<br />
Gregory Mislin, Marcella Zambon<br />
—<br />
Forsythe tanzen heißt vor allem, Verantwortung übernehmen für das Stück. Mit Forsythes Worten: Don’t be a dancer, be an artist!<br />
—
056 — Erfüllung<br />
gangSter der BÜHne<br />
Kinomythen statt Götterwelten: Choreograf Terence Kohler und Regisseur Johannes Müller<br />
über den Einfluss des Films auf ihre Inszenierungen »série Noire« und »Intrigo internazionale (KV 492)«<br />
interview — Michael Althen<br />
Fotos — Kuba Świetlik<br />
herr Kohler, herr Müller, sie beide inszenieren bei den opernfestspielen.<br />
Der eine ein Ballett namens »série Noire«, der andere verwandelt<br />
Mozarts »Le nozze di Figaro« unter dem italienischen Titel von<br />
hitchcocks »Der unsichtbare Dritte«: »Intrigo internazionale«. Warum<br />
sind die klassischen Künste plötzlich vom Kino infiziert?<br />
Terence Kohler: Früher sind die Leute ins Theater gegangen,<br />
wenn sie sich unterhalten wollten. Diese Funktion hat das Kino<br />
übernommen. Wir werden heute mit so vielen Bildern bombardiert,<br />
die wir gar nicht alle verdauen können, aber Kino und Fernsehserien<br />
sind eben das, worüber sich Menschen heute verständigen. Über<br />
eine Serie wie »Lost« reden wir auch im Ballettsaal. Das führt natürlich<br />
auch dazu, dass Opern heute nicht mehr fünf, sechs Stunden<br />
lang sind, weil die Aufmerksamkeitsspanne schrumpft. Das gilt natürlich<br />
nicht für die Kenner, aber unsere Aufgabe ist ja auch, ein<br />
neues Publikum ins Theater zu bringen und Zugang zu ihm zu<br />
finden. Das heißt auch, dass zum Beispiel die Exposition nicht mehr<br />
fünf, sondern nur noch zwei Minuten dauern darf, aber in dieser<br />
Zeit zum Punkt kommen muss. Solche Erkenntnisse sind vermutlich<br />
der größte Einfluss, den das Kino auf mich hat.<br />
Johannes Müller: Ich finde es gerade bei Musiktheater interessant,<br />
mit Filmen zu arbeiten, weil das die neuen Mythen sind. Früher<br />
wussten die Leute in der Oper, worum es ging, denn das ganze griechische<br />
Götterpersonal hatten sie aus dem Effeff drauf. Mit diesen<br />
Kenntnissen arbeitete die Oper jahrhundertelang, aber darauf kann<br />
sie sich heute nicht mehr verlassen. Und Filme sind da ein Ersatz, an<br />
den man andocken kann, weil das Publikum mit ihnen vertraut ist.<br />
Entsteht so etwas Ähnliches wie ein kinematografisches Ballett?<br />
Kohler: Nein, schließlich ist Ballett eine eigene Kunstform,<br />
aber unter Umständen gewinnt es dadurch, dass es sich auf dem<br />
Umweg übers Kino auf bestimmte Qualitäten besinnt. Und auch da<br />
hilft der Blick auf die Klassiker. Denn wenn man Filme wie »2012«<br />
oder »Avatar« sieht, dann enttäuscht mich der Mangel an Interesse<br />
für die Geschichten. Es gibt dort tolle Effekte, aber wenn man das<br />
mal mit Hitchcock vergleicht, wie der sie einsetzte, um Emotionen<br />
zu erzeugen, dann erkennt man, wie sehr er die Zuschauer durch<br />
seine Inszenierung lenkt. Und das kann das Ballett auch: Es kann<br />
Zuschauer dazu bringen, sich total unwohl zu fühlen oder aber sich<br />
zurückzulehnen und die Szenerie zu genießen. Auch die Bühne hat<br />
diese Kraft, Leute zu bewegen, und zwar nicht nur emotional, sondern<br />
sie auch geistig auf eine Reise zu schicken.<br />
Müller: Stimmt. Man muss sich der Unterschiede immer bewusst<br />
bleiben und sich auf die eigenen Mittel besinnen. Ich gehe<br />
eigentlich viel öfter ins Kino als ins Theater, aber das hat eben auch<br />
damit zu tun, dass Filme so eine Mischung aus Sog und Distanz<br />
bieten, für die man als Zuschauer weniger tun muss als im Theater.<br />
Kino ist mitreißend und doch kann man sich gleichzeitig zurücklehnen.<br />
Dass Theater abstrakter ist und mehr fordert, ist gar nicht<br />
negativ gemeint. Im Theater muss man sich hineindenken, das Kino<br />
fliegt einem ohne Vorankündigung ins Gesicht.<br />
Und wie muss man sich den Einfluss des Kinos auf Ihre Arbeiten<br />
konkret vorstellen? haben sie sich für »série Noire« tatsächlich alte<br />
Gangsterfilme aus hollywood angesehen, herr Kohler?<br />
Kohler: »Série Noire« ist eigentlich nur eine Verlegenheitslösung.<br />
Eigentlich sollte das Stück »Secret Agents« heißen, aber die<br />
Rechte am Titel waren vergeben. Und »Série Noire« klang dunkel<br />
und provokativ, was dem nahekam, was wir machen wollten.<br />
Und haben sie für »Intrigo internazionale« hitchcocks »Unsichtbaren<br />
Dritten« analysiert, herr Müller?<br />
Müller: »Intrigo internazionale« ist eigentlich auch nur ein<br />
Titel, auf den ich zufällig gestoßen bin. Mit Hitchcock hat das gar<br />
nicht so viel zu tun, sondern eher ganz wörtlich mit den Intrigen,<br />
denn um nichts anderes geht es ja im »Figaro«. Was bei Spionagefilmen<br />
des Kalten Kriegs auf Staaten und Ideologien ausgeweitet ist,<br />
das ist im »Figaro« quasi private Geheimdienstarbeit. Verkleiden,<br />
Briefchen zuspielen, das ist im Kleinen, was das Kino im Großen<br />
durchspielt. Dort geht es darum: Was denkt der Feind, wenn ich<br />
ihm eine Information zuspiele? Bei Mozart ist es ähnlich: Wenn wir<br />
dem Grafen einen Brief schreiben, wird er dann kommen? Wird er<br />
denken, ich liebe ihn? So stellen wir eine Verbindung her zwischen<br />
den Geheimdiensten im Kino und den Privatmenschen bei Mozart.<br />
Diese Seite: Choreograf Terence Kohler. Nächste Seite: Regisseur Johannes Müller<br />
—
059 — Erfüllung<br />
Das ist heute umso aktueller, als das, was früher nur den spionen<br />
zur Verfügung stand, heute fast schon Allgemeingut geworden ist:<br />
handyortung, Richtmikrofone, Vaterschaftstests.<br />
Müller: Ja, das ist ja das Absurde, wie sich die Geheimdienstarbeit<br />
ins Private fortpflanzt. Da eignen sich Filme als Quelle ganz<br />
gut für die große Weltintrige. Von Hitchcock stammt nur die Dramaturgie,<br />
dass sechs Personen einem Koffer nachjagen, dessen Inhalt<br />
nicht wirklich wichtig ist, weil es eher darum geht, wie sich ihre<br />
Loyalitäten und ihre amourösen Verbindungen dauernd verschieben.<br />
Aber das ist ja auch Hollywood: dass sich alle drei Minuten eine<br />
verblüffende Wendung ergibt und keiner ist, wer er zu sein scheint.<br />
Kohler: Bei mir waren es eher die Fernsehserien, die den Knoten<br />
zum Platzen gebracht haben. Seit zwei Jahren spukt mir das<br />
Stück nun schon im Kopf herum, in dem eine Ballett-Company ein<br />
Stück aufführt, das erst zweimal gezeigt wurde, weil jedes Mal bei<br />
der Premiere die Primaballerina gestorben ist, einmal im 19. Jahrhundert<br />
in Sankt Petersburg, einmal Mitte des 20. Jahrhunderts in Paris.<br />
Welche Fernsehserie war das?<br />
Kohler: Ich sah eine Folge von »Mord ist ihr Hobby« mit<br />
Angela Lansbury. Sie wies mir den Weg, wie ich aus diesem Cluedo-<br />
Spiel etwas machen könnte, bei dem den Zuschauern erst nach und<br />
nach enthüllt wird, was das Geheimnis ist. Denn ich wollte nicht,<br />
dass die Geschichte, wie beim Ballett üblich, von A nach Z erzählt<br />
wird, sondern endlich mal weniger linear. Man muss sich doch nur<br />
mal eine Serie wie »Lost« ansehen, die ihre Fans die letzten fünf,<br />
sechs Jahre mit der Frage in Atem hielt, was zuerst da war: das Huhn<br />
oder das Ei. Das kann man im Ballett natürlich nicht machen, aber<br />
ich wollte eine Struktur finden, die das Publikum herausfordert, indem<br />
es erst am Ende herausfindet, was die drei Zeitebenen verbindet.<br />
Und welche Kinofilme haben sie inspiriert?<br />
Kohler: Vor allem die Comic-Verfilmung »Sin City«, in der<br />
fast alles Schwarz-Weiß war, mit nur wenigen Akzenten in Rot.<br />
Müller: Ich hätte als Quellen noch »Duplicity« mit Julia Roberts<br />
und Clive Owen zu bieten. Und »Die drei Tage des Condor«<br />
mit Robert Redford. Oder Hitchcocks »Eine Dame verschwindet«,<br />
—<br />
»Kino und Fernsehserien sind das, worüber sich Menschen<br />
heute verständigen. über eine serie wie ›Lost‹ reden wir auch im<br />
Ballettsaal. Unsere Aufgabe ist ja auch, ein neues<br />
Publikum ins Theater zu bringen und Zugang zu ihm zu finden«<br />
Terence Kohler, Choreograf<br />
wo eine Geheimdienstnachricht in einer Arie versteckt ist. Das ist<br />
fürs Musiktheater natürlich ein gefundenes Fressen. Wir beziehen<br />
uns aufs echte Leben unter Zuhilfenahme filmischer Erzählmuster.<br />
haben sie nicht die Befürchtung, dass all die mannigfaltigen<br />
Bezüge aufs Kino am klassischen opernpublikum vorbeigehen?<br />
Kohler: Kann sein, aber wir gewinnen neue Zuschauer, denn<br />
wir können uns nicht immer aufs Abonnement verlassen. Die respektieren<br />
wir natürlich sehr, besonders hier an der <strong>Staatsoper</strong>. Aber<br />
das klassische Ballett hat sich auch immer dadurch entwickelt, dass<br />
es mit den Konventionen brach.<br />
Müller: Wichtig ist nur, dass man erkennt, dass unsere Arbeit<br />
eine Collage aus verschiedenen Quellen ist. Was das im Einzelnen<br />
ist, spielt gar keine so große Rolle. Da kann durchaus ein Chart-Hit<br />
neben einer Mozart-Arie stehen. Ich finde es in der Oper immer ein<br />
bisschen öde, wenn etwa der ganze »Figaro« auf Biegen und Brechen<br />
in ein Genlabor versetzt wird, dann aber genauso gespielt wird, wie<br />
man es immer schon gesehen hat. Deswegen versuchen wir, aus<br />
Kino, Broadway und Oper einen neuen Kontext zu bauen.<br />
Michael Althen ist Filmkritiker der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung«<br />
in Berlin.<br />
—<br />
séRIE NoIRE — EIN ChoREoGRAPhIsChER KRIMI<br />
Choreografie: Terence Kohler. Musik: Philip Glass.<br />
Premiere am 22. Juni, weitere Vorstellungen am 23. und 25. Juni 2010<br />
um 19.30 Uhr, Prinzregententheater.<br />
—<br />
INTRIGo INTERNAZIoNALE (KV 492)<br />
Text und Inszenierung: Johannes Müller. Ausstattung: Philine Rinnert.<br />
Premiere am 7. Juli 2010 um 20 Uhr, Pavillon 21 MINI opera space.<br />
Weitere Termine im spielplan ab seite 115.
060 — Erfüllung 061 — Erfüllung<br />
dAvid clAerbout:<br />
riverside<br />
Ein Film gibt ein Versprechen, das — falls es nicht eingehalten wird — die Zuschauer rebellieren lässt.<br />
Wo der belgische Videokünstler Erfüllung sucht<br />
übersetzung — Laura schieferle<br />
stills — Courtesy of David Claerbout und den Galerien: Rüdiger schöttle, hauser & Wirth, Yvon Lambert, Micheline szwajcer, Jörg Johnen<br />
Filmstills einer Zwei-Kanal-Videoinstallation, in Farbe und stereoton<br />
über Kopfhörer, jeweils 25 Minuten und 20 sekunden.<br />
Die linken Seiten stellen die Geschichte einer Frau dar, die rechten<br />
Seiten die eines Mannes.<br />
In einem Tal, durch das ein kleiner Fluss strömt, bewegen sich<br />
beide Personen unbewusst aufeinander zu, vollkommen eingenommen<br />
von ihrer eigenen Geschichte.<br />
Sie bleiben getrennt, sowohl geografisch als auch zeitlich —<br />
genau wie die beiden Projektionsflächen, auf denen sie zu sehen sind<br />
und ihre Reise zu beobachten ist.<br />
Er bewegt sich von Ost nach West entlang des Flusses, ihre<br />
Reise geht in die entgegengesetzte Richtung.<br />
Zu gegebenem Zeitpunkt queren der Mann und die Frau den<br />
Fluss an der gleichen Stelle, wo ein Baumstamm ihn überbrückt.<br />
Genau in dem Moment, in dem die Landschaft die beiden<br />
Personen geografisch zusammenbringen würde, werden wir gewahr,<br />
dass sich der Mann und die Frau zwar im selben Tal befinden, am<br />
selben Ort, aber nicht zur gleichen Zeit. Die einzige Verbindung ist<br />
das Rauschen des Flusses, das uns zum subtilen Protagonisten der<br />
Arbeit geleitet.<br />
Während des 25-minütigen Trips ist bei beiden Filmen je ein<br />
Audiokanal »kaputt«. Bei ihrem Film funktioniert der rechte Audiokanal<br />
nicht, bei ihm fehlt der Ton auf dem linken Audiokanal. Hier,<br />
im gedruckten Medium, ist dieses »Problem« durch die Verwendung<br />
von Farbe dargestellt. Der linke und der rechte Audiokanal werden<br />
in Blau beziehungsweise Rot wiedergegeben.<br />
Sobald sich beide Personen langsam auf dieselbe Stelle zu bewegen,<br />
einen Stamm, der über dem Fluss liegt, verwandelt sich ihr<br />
jeweiliger Ein-Kanal-Ton kurzfristig in Stereofonie. Das Geräusch<br />
des Wassers, das bis zu diesem Zeitpunkt nur auf einer Seite zu hören<br />
war, entfaltet sich für einen Augenblick zu einem »open space« in<br />
unserem Gehirn, das Rauschen fließt von einer Seite auf die andere.<br />
»Riverside« verlagert unsere Vorstellung von Epiphanie, die<br />
etwas Wesentliches plötzlich begreifbar macht, vom Erzählerischen<br />
(Psychologischen) zum Phänomenologischen (Akustischen). Und<br />
zwar genau in dem Moment, in dem wir erwarten, dass Ersteres<br />
»bedient« wird.<br />
Erfüllung — auf so coole Art serviert — empfinden viele Zuschauer<br />
als nicht ausreichend. Vielleicht weil die Geschichte nicht<br />
zu Ende erzählt wird oder weil wir Stereoton grundsätzlich voraussetzen.<br />
Doch ich hatte immer schon eine Vorliebe für ungewöhnliche<br />
Protagonisten wie Wind, Licht — und jetzt eben das Fehlen akustischer<br />
Vollkommenheit.<br />
dAvid clAerbout:<br />
riverside<br />
A film makes a promise which — if not fulfilled — will have the audience up in arms.<br />
A Belgian video artist explores the notion of completion<br />
text — David Claerbout<br />
stills — Courtesy of David Claerbout and galleries: Rüdiger schöttle, hauser & Wirth, Yvon Lambert, Micheline szwajcer, Jörg Johnen<br />
stills from a two-channel video installation, in colour and stereo over<br />
headphones, 25 minutes and 20 seconds each.<br />
The left pages depict the story of a woman, the right pages that of<br />
a man.<br />
Set in a valley with a small river down below, both characters<br />
unconsciously move towards each other, engulfed in their individual<br />
stories.<br />
They remain separated both geographically and in time, just<br />
like the projection screens on which they appear and make their<br />
journey.<br />
He is moving from the east to the west along the river, whereas<br />
her journey starts from the opposite direction.<br />
At one point the woman and the man cross the river at the<br />
same location, marked by a tree trunk across the river.<br />
Precisely at the point where the landscape would geographically<br />
bring the two characters together, we realize with certainty that the<br />
man and the woman are in the same valley, in the same place, but at<br />
different moments in time. There is no reconciliation but for the sound<br />
of the river, which brings us to the subtle protagonist of the work.<br />
During the 25-minute journey, each film has a ‘broken’ audio<br />
channel. Her film lacks the right audio channel, while his lacks<br />
the left audio channel. Here, in print, this ‘handicap’ is conveyed<br />
through colour: the left and right audio channels are coloured blue<br />
and red respectively.<br />
As both characters slowly move towards the same location — a<br />
branch above the river — their individual mono-channel sound is<br />
briefly transformed into stereophony. The sound of the river, which<br />
until then was confined to one side of our hearing, briefly unfolds<br />
like an open space in our brain, effectively flowing from one side to<br />
the other.<br />
“Riverside” shifts the notion of epiphany (a sudden comprehension<br />
of an essence) from the narrative (the psychological) into<br />
the phenomenological (the aural) precisely at the moment when the<br />
former is expected to ‘deliver’.<br />
Fulfilment — served so cool — strikes many a viewer as not<br />
enough, perhaps because of the lack of narrative resolution, or because<br />
we take stereophony for granted. But then, in my work, I always<br />
had a preference for unlikely protagonists such as wind, light, and<br />
now the absence of aural completion.
073 — Erfüllung<br />
iM anfang War daS WOrt<br />
Die Geschichte Israels liest sich wie ein Epos aus Verzweiflung, hoffnung, hass und hingabe. Ist der Judenstaat<br />
das verheißene »Gelobte Land« oder ein frevelhafter Eingriff in Gottes Plan? Ein Traktat über Menschen, die<br />
ihr schicksal selbst in die hand nehmen, und warum mit der Erfüllung eines Traums die Probleme erst anfangen<br />
text — Rakefet Zalashik<br />
Fotos — Daniel Josefsohn<br />
Seit vielen Jahrhunderten beten Juden auf der ganzen Welt am<br />
Seder abend, dem Auftakt des jüdischen Pessach-Festes, die Worte:<br />
»Nächstes Jahr in Jerusalem« (be’Shana ha’Ba’a be’Jerushala’im<br />
ha’Bnuya). Dieses Gebet drückt die Sehnsucht nach dem Land Israel<br />
aus, laut biblischer Überlieferung das »Gelobte Land«, das Gott<br />
dem jüdischen Volk schenkt.<br />
Und so warten die Juden auf die Ankunft des Messias und<br />
den Bau eines dritten Tempels, um nach 2000 Jahren Exil in ihre<br />
Heimat zurückkehren zu können.<br />
Es war jedoch keine religiös motivierte Kraft, die schließlich<br />
zur Errichtung des Judenstaates führte, sondern der in Budapest geborene<br />
Journalist Theodor Herzl, dessen 150. Geburtstag in diesem<br />
Jahr gefeiert wird. 1896 veröffentlichte Herzl das Buch »Der Judenstaat«<br />
und darin den Satz: «Wenn ihr wollt, ist es kein Märchen.«<br />
Damit wurde er zur treibenden Kraft, die zur Einwanderung der<br />
Juden nach Palästina und letztendlich zur Gründung des Staates<br />
Israel im Mai 1948 führte.<br />
Zwischen den beiden Sätzen »Nächstes Jahr in Jerusalem« und<br />
»Wenn ihr wollt, ist es kein Märchen« liegen Welten. Der erste beschreibt<br />
eine religiös motivierte, passive Hoffnung, die nicht an eine<br />
konkrete Handlungsaufforderung geknüpft, sondern in Gottes<br />
Hand gelegt wurde. Irgendwann, so Gott will ...<br />
Der zweite ist eine politische Parole mit dem Ziel, die Massen<br />
zu mobilisieren, ein Aufruf an das jüdische Volk, nicht erst irgendwann,<br />
sondern »jetzt!« in seine historische Heimat zurückzukehren.<br />
Sie gab dem modernen politischen Zionismus eine Mission.<br />
Die orthodoxen Juden jedoch sahen in der erfolgreichen Gründung<br />
eines jüdischen Heimatlandes eine ketzerische, von Menschen<br />
gemachte Beschleunigung der Geschichte, quasi einen Eingriff in<br />
den göttlichen Heilsplan. Das daraus resultierende theologische Dilemma<br />
wirkt bis heute fort.<br />
Der Zionismus hatte eine laizistische Gesinnung, er wollte<br />
mit der Religion und dem Leben in der Diaspora brechen. Doch der<br />
Ursprung der Bewegung war eben doch religiös. Diese Wurzeln treten<br />
noch immer auf viele Arten in Erscheinung. Angefangen damit,<br />
dass die Bewegung den Begriff »Zion« wählte — religiös-poetische<br />
Umschreibung für Jerusalem und zugleich Ort der kommenden<br />
Offenbarung des Gottes Israels — und auch den Ausdruck »Alija«<br />
(Aufstieg) verwendete, der neben seiner religiösen Bedeutung auch<br />
den Immigrationsakt der Zionisten nach Palästina bezeichnet, bis<br />
hin zur Einführung jüdischer Symbole wie Davidstern und Menora<br />
als den beiden wichtigsten offiziellen Symbolen des Staates Israel.<br />
Von Anfang an betonten zionistische Vordenker die lineare<br />
Kontinuität zwischen den biblischen Zeiten und der Gegenwart —<br />
mit dem Ziel, den politischen Anspruch des jüdischen Volkes auf<br />
das Land Israel im 20. Jahrhundert geschichtlich zu legitimieren.<br />
Als am 14. Mai 1948, an einem Freitag, noch vor Beginn des<br />
Sabbats, der Jüdische Nationalrat im Stadtmuseum von Tel Aviv<br />
(dem einstigen Wohnhaus des Zionisten Meir Dizengoff) zusammenkam,<br />
um die Gründung Israels zu proklamieren, verlas David<br />
Ben Gurion die Unabhängigkeitserklärung unter einem Porträt<br />
Theodor Herzls. Die Errichtung des Staates Israel, so Ben Gurion,<br />
erfolge kraft des »natürlichen und historischen Rechts des jüdischen<br />
Volkes und aufgrund des Beschlusses der UNO-Vollversammlung«.<br />
Die Vision der Zionisten war Wirklichkeit geworden, das jüdische<br />
Volk und die Überlebenden der Shoah hatten ihre Heimstatt bekommen.<br />
Wie nun hat die Erfüllung jener wichtigsten religiösen Verheißung,<br />
nämlich die Rückkehr ins »Gelobte Land«, nach Zion, die<br />
israelische Gesellschaft und Politik in den 62 Jahren seit der Staatsgründung<br />
beeinflusst?<br />
Die Kernidee, jüdische Einwanderer nach Israel als »Rückkehrer<br />
in ihre Heimat« anzusehen, wurde in einem Gesetz verankert,<br />
mit dem die Knesset die Einwanderung 1950 regelte. Das<br />
Rückkehrgesetz (Chok ha’Shvut) ermöglicht jedem Juden, nach<br />
Israel einzuwandern.<br />
Dieses Gesetz propagierte nicht nur den Staat Israel als jüdisches<br />
Heimatland, sondern zielte auch darauf ab, ihn zu einem<br />
Zufluchtsort der Juden in Gefahr und Verzweiflung zu machen —<br />
die Erfüllung einer zentralen zionistischen Vision. Dazu wurde die
074 — Erfüllung<br />
075 — Erfüllung<br />
religiöse Prämisse von Zion als dem »Gelobten Land« im Sinne der<br />
Heimat für alle Juden ausgelegt.<br />
Dass die Einwanderer zu »Rückkehrern« erklärt wurden, erwies<br />
sich als identitätsstiftendes Element, vor allem während der Massenimmigration<br />
in den 50er-Jahren. Damals kamen über 600 000 Juden<br />
aus Europa, Asien und Nordafrika nach Israel, was das demografische<br />
Profil der zuvor relativ homogenen jüdischen Gesellschaft<br />
veränderte.<br />
Während also einige Immigranten durch die zionistische<br />
Ideologie motiviert waren, an die nationale Heimstätte des jüdischen<br />
Volkes zu kommen, gab es auch viele, vornehmlich aus arabischen<br />
Ländern, die auf die religiöse Verheißung bauten. Für sie galt<br />
das Gebet »Nächstes Jahr in Jerusalem« und nicht das vom Laizismus<br />
bestimmte nationale Streben, dem das Einwanderungsgesetz<br />
dienen sollte.<br />
Der Staat Israel in seinen Grenzen von 1948 entsprach jedoch<br />
nicht den Grenzen des biblischen Landes Israel. Viele heilige Stätten<br />
des Judentums, einschließlich Jerusalem, lagen außerhalb der Landesgrenzen<br />
und standen unter jordanischer Herrschaft. Juden war es<br />
nicht erlaubt, das alte jüdische Viertel in Jerusalem zu betreten, um<br />
an der Klagemauer zu beten.<br />
Das änderte sich 1967, als die israelische Regierung beschloss,<br />
die während des Sechstagekriegs besetzten Gebiete zu behalten<br />
(Milchemet Sheshet ha’Yamin). Israel hatte die Golanhöhen, das<br />
Westufer des Jordans, die sogenannte Westbank, den Gazastreifen<br />
und die Halbinsel Sinai beschlagnahmt und damit sein Staatsgebiet<br />
verdreifacht.<br />
Direkt nach Kriegsende forderten einige Kreise gemäß der<br />
messianischen Erwartung die Inbesitznahme der heiligen Stätten<br />
des Judentums; darunter sogar Mitte links orientierte Politiker —<br />
auch sie im Rausch des wundersamen Sieges der israelischen Verteidigungskräfte.<br />
In seiner Siegesrede vom 12. Juni 1967 fand der damalige Ministerpräsident<br />
Levi Eshkol für die ewige, unlösbare Verbindung<br />
zwischen dem jüdischen Volk und dem Land Israel die Worte:<br />
»Die Wurzeln des Volkes von Israel in diesem Land sind so tief, wie<br />
die Erde alt ist. Über Generationen hinweg hat Israel in all seiner<br />
Zersplitterung die Verbindung zu diesem Land gehalten und gleichzeitig<br />
hat das Land den Glauben an uns bewahrt, an uns, nicht an<br />
irgendein anderes Volk. Unser historisches und spirituelles Recht<br />
wurde in internationales Recht gegossen und auf dem Amboss der<br />
Realität geschmiedet. Heutzutage weiß die gesamte Welt, dass keine<br />
Macht unsere Wurzeln aus diesem Land herausreißen kann. Dieser<br />
besondere Charakter unseres Volkes und die besondere Verbindung<br />
zwischen uns und dem Land sind einmalig in der Geschichte der<br />
Menschheit. Vielleicht wird die Art und Weise, wie wir den drei uns<br />
aufgezwungenen Kriegen (Unabhängigkeitskrieg 1948, suezkrieg 1956<br />
und sechstagekrieg 1967, Anm. d. Red.) standgehalten haben, endlich<br />
auch diejenigen überzeugen, die sich immer geweigert haben, diese<br />
fundamentale Wahrheit anzuerkennen: Unsere Verbindung zu dem<br />
Land ist tiefer als der Ozean. Ohne das Land haben wir kein Leben.«<br />
Der israelische Sieg galt Eshkol als Beweis gegenüber der internationalen<br />
Gemeinschaft und den arabischen Nachbarn, dass die<br />
Juden ein Anrecht auf dieses Land hätten. Und dass dieses Recht<br />
auf der uralten und tiefen Verbindung zum Land selbst und auf dem<br />
jüdischen Glauben beruhe.<br />
Doch Israel umfasste auch nach dem Sieg im Sechstagekrieg<br />
immer noch nicht das ganze »Gelobte Land«, wie es im »Bund Abrahams«<br />
(Genesis 15) geschrieben steht. Die im Krieg erbeuteten Territorien<br />
und im Besonderen die Frage des Zugangs zu den heiligen<br />
Stätten des Judentums schufen in der Folge die Bedingungen für die<br />
Entstehung des messianischen, radikal rechten »Gush Emunim«.<br />
Der »Block der Getreuen«, gegründet 1974, wurde zum Vorreiter<br />
der ideologischen Siedlerbewegung. »Gush Emunim« forderte das<br />
»vollständige Land Israel« (Eretz Israel ha’Shlema), außerdem sollte<br />
das von Gott gegebene jüdische Recht, die Halacha, und nicht das<br />
Gesetz der demokratisch gewählten Regierung im Land Israel gelten.<br />
Premierminister Yitzhak Rabin wurde 1995 von einem jungen<br />
rechtsradikalen Juden ermordet, weil er im Zuge seiner Friedenspolitik<br />
Teile des »Gelobten Landes« (Teile der Westbank, Anm. d. Red.)<br />
—<br />
Theodor herzl, der Begründer des Zionismus,<br />
hatte mit Religion nichts im sinn<br />
Daniel Josefsohn lebt in Berlin. Ihn zieht es immer wieder in das Land seiner Eltern, wo er junge Israelis zwischen Militärdienst und<br />
Lebensgier fotografiert. Die Bilder stammen aus seiner Serie »Jewing Gun«<br />
—
076 — Erfüllung<br />
—<br />
selbst wenn sie nicht religiös sind, setzen auch heute viele<br />
Israelis die Rückgabe besetzter Gebiete mit der Aufgabe des<br />
Landes Israel als Ganzes gleich<br />
»weggab« — des Landes, das den Juden von Gott versprochen war.<br />
In den Augen der Radikalen verriet er das Volk.<br />
Selbst wenn sie nicht religiös oder politisch rechts orientiert<br />
sind, setzen auch heute viele Israelis die Rückgabe besetzter Gebiete<br />
und dem Judentum heiliger Stätten mit der Aufgabe des Landes Israel<br />
als Ganzes gleich. Obwohl sie nur selten — wenn überhaupt — die<br />
heiligen Stätten des Judentums besuchen, so ist doch deren symbolische<br />
Bedeutung tief in ihrer Identität als Juden verankert.<br />
Im April 2010 hat Elie Wiesel, Überlebender des Holocaust<br />
und Nobelpreisträger, in den wichtigsten amerikanischen Tageszeitungen<br />
einen offenen Brief an Präsident Barack Obama veröffentlicht.<br />
Eine Reaktion auf den wachsenden Druck des Weißen<br />
Hauses auf Israel, die Errichtung jüdischer Bauten in Ostjerusalem<br />
einzustellen.<br />
Wiesel erklärt »als der Jude, der ich bin«, Jerusalem stehe »über<br />
der Politik. Jerusalem gehört dem jüdischen Volk und ist viel mehr<br />
als eine Stadt: Jerusalem ist das, was alle Juden in einer Weise aneinander<br />
bindet, die nach wie vor schwer zu erklären bleibt. Wenn<br />
ein Jude zum ersten Mal nach Jerusalem kommt, ist es nicht das<br />
erste Mal — er kommt nach Hause. Jerusalem ist das Herz unserer<br />
Herzen, ist die Seele unserer Seelen.«<br />
Auch für Wiesel, der weder orthodoxer Jude ist noch je in Israel<br />
gelebt hat, besitzt also die Erfüllung der Weissagung von der<br />
Rückkehr nach Zion eine mächtige Bedeutung. Eine Bedeutung,<br />
die weit über den Zionismus hinausgreift und in der Verwurzelung<br />
jedes einzelnen Juden in dem Land, in der Erde Israels verortet wird.<br />
Dass sich hier die Grenzen zwischen Religion und Politik<br />
verwischen, besonders seit sich nach 1967 die Verheißung vom<br />
»Gelobten Land« zu erfüllen schien, übt einen wachsenden Einfluss<br />
auf den israelisch-palästinensischen Konflikt aus. Die Fronten verhärten<br />
sich. Heute mehr denn je. Politische Erfordernisse und Überzeugungen<br />
werden mit religiösen Erwartungen vermischt, um den<br />
Anspruch des jüdischen Volkes auf das Land Israel zu untermauern.<br />
Indem gar der Besitz bestimmter Landesteile mit einer religiösen<br />
Weissagung und nicht mit politischen, rechtlichen oder ökonomi-<br />
schen Gesichtspunkten begründet wird, ist der Spielraum für Kompromisse<br />
eng geworden und eine tragfähige politische Lösung in<br />
weite Ferne gerückt.<br />
So kristallisiert sich in der Existenz des Staates Israel seit<br />
nunmehr 62 Jahren der Satz Herzls: »Wenn ihr wollt, ist es kein<br />
Märchen.« Und dennoch spricht jeder Jude, ob in Israel oder in der<br />
Diaspora, am Sederabend bis heute die Worte des Gebets: »Nächstes<br />
Jahr in Jerusalem«. Nicht aus Tradition, sondern weil nach dem<br />
Verständnis des Judentums das jüdische Volk sich erst dann in Jerusalem<br />
versammeln und wahrhaft vereinen kann, wenn der Tempel<br />
wieder aufgebaut ist. Erst dann, mit dem Bau des dritten Tempels<br />
und der Ankunft des Messias, wird sich die göttliche Verheißung<br />
erfüllen. Irgendwann, so Gott will ...<br />
Rakefet Zalashik ist Gastprofessorin am Ben Gurion Lehrstuhl für<br />
Israel- und Nahost-Studien an der Hochschule für Jüdische Studien<br />
und dem Historischen Seminar der Universität Heidelberg.<br />
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078 — Erfüllung<br />
»WIR sIND ZEITREIsENDE«<br />
Ganz München kennt die 22-Jährige und ihre vielen Gesichter. In dieser spielzeit hingen die Plakate der<br />
<strong>Bayerische</strong>n staatsoper mit Motiven des Amsterdamer Fotografen hendrik Kerstens in der ganzen stadt.<br />
Die Frau, die von den Plakaten blickt, ist immer dieselbe: Paula Kerstens, seine Tochter. Wir sprachen mit dem<br />
Fotokünstler und Paula, die per Telefon aus London zugeschaltet war<br />
interview — Yvonne Gebauer, Anne Urbauer<br />
Foto — hendrik Kerstens, Plakate: hendrik Kerstens, courtesy of Witzenhausen Gallery<br />
seit wann porträtieren sie Ihre Tochter?<br />
Hendrik Kerstens: Als sie fünf Jahre<br />
alt war, entstand das erste Foto von Paula,<br />
das einen künstlerischen Rang hat. Damals<br />
war es ein Spiel. Heute arbeitet Paula entscheidend<br />
an den Bildern mit.<br />
Paula, wie ist es, Tochter zu sein und als<br />
Tochter zugleich ein Kunstwerk?<br />
Paula Kerstens: Ich will nicht so tun,<br />
als wäre das alles völlig normal, aber es war<br />
nie merkwürdig oder unangenehm. Mein<br />
Vater macht Porträts von mir und ich mag<br />
das. Diese Arbeit ist ein Teil von mir.<br />
Hendrik Kerstens: Natürlich ist der<br />
Familie bewusst, welchen Rang die Bilder<br />
inzwischen in der Kunstwelt einnehmen.<br />
Das bedeutet aber nicht, dass wir im Zentrum<br />
der Aufmerksamkeit stehen wollen.<br />
Wir leben ziemlich normal und an erster<br />
Stelle steht unser Familienleben. Wir achten<br />
darauf, dass wir es nicht an die Öffentlichkeit<br />
verlieren. Wie die Welt auf die Bilder<br />
reagiert, verändert unser Leben nicht. Paula<br />
ist damit immer sehr nüchtern umgegangen.<br />
In Ihrer Zeit als kommerzieller Fotograf<br />
haben sie sich immer mit den Auftraggebern<br />
überworfen. Nun haben sie doch wieder einen<br />
Auftrag übernommen und alle Plakate für<br />
diese spielzeit fotografiert. Wie war’s?<br />
Hendrik Kerstens: Es war auch für<br />
mich eine Premiere. Mit der Oper zu arbeiten,<br />
ist zwar etwas anderes als die freie<br />
Kunst, aber ich dachte: Warum machst du<br />
es nicht einfach? Mich interessiert der Austausch<br />
mit anderen Menschen und anderen<br />
Kunstgattungen. Ich glaube an das Neue,<br />
an die Zukunft. Das hole ich mir sonst aus<br />
Zeitschriften. Heute würde ich sagen: Jeder<br />
Künstler sollte hin und wieder eine Auftragsarbeit<br />
machen. Dieser Auftrag war auch<br />
eine große Ermutigung für mich.<br />
Wie sind die Bilder entstanden?<br />
Paula Kerstens: Am Anfang steht die<br />
Idee für das Bild. Hendrik macht erste Fotos,<br />
dann fällt mir etwas dazu ein. Es ist ein<br />
Dialog, der deswegen so gut funktioniert,<br />
weil wir Vater und Tochter sind, also ganz<br />
genau wissen, was der andere meint.<br />
Wie haben sie die Personen erarbeitet,<br />
die sie auf den Plakaten verkörpern?<br />
Paula Kerstens: Ich recherchiere die<br />
Geschichte des Stückes. Manchmal weiß ich<br />
auch, wie das Bühnenbild aussehen wird.<br />
Das alles lasse ich mir durch den Kopf gehen.<br />
Ich schaue in die Kamera, als würde<br />
ich die Aufführung sehen. Manchmal ist<br />
der Ansatz auch, mich ganz in eine Person<br />
zu versetzen: Wie würde ich aussehen, wenn<br />
ich die handelnde Person wäre oder wenn<br />
ich eine ganz bestimmte historische Situation<br />
erleben würde?<br />
Hendrik Kerstens: Als wir das Plakat<br />
für »Dialogues des Carmélites« fotografieren<br />
sollten, hatten wir uns schon seit Längerem<br />
mit Religion befasst. Wir saßen in einem<br />
Restaurant in New York und spielten mit<br />
Ideen. Ich nahm die große weiße Serviette<br />
und setzte sie Paula ins Haar. Sie sah mit<br />
einem Mal aus wie eine Nonne aus dem<br />
Stück. Die Idee für das Plakat war geboren.<br />
Paula Kerstens: Dabei spielt natürlich<br />
eine Rolle, dass wir über Aussehen und<br />
Schönheit ganz anders denken, als es in<br />
Modeheften oder anderen Magazinen geschieht.<br />
Denn die Schönheit liegt im Unperfekten,<br />
nicht wahr?<br />
sie versuchen also nicht, Ihre Tochter<br />
aussehen zu lassen wie scarlett Johansson in<br />
dem Vermeer-Film »Das Mädchen mit dem<br />
Perlenohrring«?<br />
Hendrik Kerstens (lacht): Nein. Aber<br />
es wird Sie nicht verwundern, dass sie meine<br />
Lieblingsschauspielerin ist.<br />
Paula, was machen sie beruflich?<br />
Paula Kerstens: Ich studiere Kulturwissenschaften<br />
und will als Nächstes ein<br />
Praktikum in einer Galerie machen, vielleicht<br />
in Berlin. Später will ich in einem<br />
Museum arbeiten und mit 40 meine eigene<br />
Galerie eröffnen. Aber das kann sich auch<br />
wieder ändern.<br />
Die Fotos, die sie machen, gehören inzwischen<br />
auch zu großen sammlungen. Gibt<br />
es eine direkte Verbindung zwischen Ihrem<br />
studium und der Arbeit mit Ihrem Vater?<br />
Paula Kerstens: In einer Gender-Vorlesung<br />
gab es eine Diskussion über Sally<br />
Mann, die ihre Kinder fotografiert — auch<br />
nackt. Als Kind eines Fotografen denke ich,<br />
wenn die Kinder einverstanden sind und<br />
nicht manipuliert werden, ist es okay. Es ist<br />
ein Unterschied, ob die Mutter fotografiert<br />
oder jemand, der nicht Teil der Familie ist.<br />
Ich habe aber nichts über meine Arbeit mit<br />
meinem Vater erzählt, weil ich nicht die<br />
Diese Seite: Wer unangepasst lebt, kann sich leichter in andere Zeitalter versetzen — Hendrik Kerstens<br />
hat die Plakate aller Opernpremieren dieser Spielzeit fotografiert. Nächste Seite: Dreimal Paula Kerstens,<br />
fotografiert von ihrem Vater Hendrik<br />
—
ganze Aufregung auf mich lenken wollte.<br />
Man weiß nie, wie Leute reagieren.<br />
Hendrik Kerstens: Viele Kinder werden<br />
nun mal für Fotos ausgebeutet und missbraucht,<br />
aber das ist nicht die Regel. Ich<br />
wehre mich dagegen, dass gesagt wird, man<br />
könne nicht mit seinen Kindern arbeiten,<br />
weil andere ihre Kinder ausbeuten.<br />
Paula Kerstens: Ich bin jetzt erwachsen.<br />
Kleine Kinder können die Situation nicht<br />
einschätzen, sie brauchen den Schutz der<br />
Eltern. Den hatte ich. Wir haben immer<br />
über alle Fotos geredet. Wenn mir irgendetwas<br />
nicht passte, wurde es nicht gemacht.<br />
Paula, sind sie Muse oder Ko-Artist?<br />
Paula Kerstens: Ich bin eher Muse als<br />
Künstler.<br />
sie stellen zeitgenössische Frauen ebenso<br />
glaubwürdig dar wie Figuren, die an Vermeer<br />
erinnern. Wie machen sie das?<br />
Hendrik Kerstens: Wir sind als Familie<br />
sehr unangepasst. Wir richten uns nach<br />
keiner Mode. Ich habe zwar noch nie einen<br />
Strafzettel bekommen, aber wir geben gesellschaftlichem<br />
Druck nicht nach. Ich fand<br />
es immer dumm, wenn Leute kommentieren,<br />
ob ein Kind in einem gewissen Alter ausreichend<br />
reden oder laufen kann. Alles fügt<br />
sich, wenn der richtige Moment da ist. Nonkonformismus<br />
erleichtert diese Zeitsprünge.<br />
Natürlich gehen wir ins Museum und betrachten<br />
Bilder. Aber wir sind Zeitreisende.<br />
Wie man Vergangenheit und Gegenwart<br />
verbindet, ist auch in der oper ein Thema.<br />
Hendrik Kerstens: Ich will nicht alt-<br />
modische Bilder machen. Auch keine Imitate.<br />
Was passiert, ist in meinem Kopf. Der<br />
Rest ist Wunder, Zauber. Das ist sehr wichtig<br />
in der Kunst. Für mich ist Kunst Intuition,<br />
eine Art Gefühl. Man kann sich dem intellektuell<br />
annähern, einverstanden. Aber am<br />
Anfang steht nun einmal die Empfindung.<br />
Ein guter Künstler legt das auf den Tisch,<br />
was in ihm ist.<br />
hatten sie früher Angst davor, auf den<br />
Tisch zu legen, was in Ihnen ist?<br />
Hendrik Kerstens: Sehr große Angst.<br />
Aber man muss einfach den Versuch wagen<br />
und die Reaktion akzeptieren. Ich habe<br />
mich nicht so sehr vor den anderen gefürchtet,<br />
ich habe mir selbst nicht vertraut. Jetzt<br />
habe ich das Publikum, die Aufmerksamkeit,<br />
die Anerkennung. Dabei mache ich<br />
nichts anderes als früher. Verrückt.<br />
Also nicht nachgeben?<br />
Hendrik Kerstens: Ich arbeite viel an<br />
Details und mir wird immer wieder gesagt:<br />
Das sieht doch keiner. Aber ich weiß, dass<br />
es da ist. Und ich kann ohne das nicht leben.<br />
Weil ich an Details glaube — ganz<br />
ohne Grund. Denn es gibt für nichts einen<br />
Grund. Oder vielleicht doch ...<br />
Welche Details sind Ihnen wichtig?<br />
Hendrik Kerstens: Es ist die Komposition<br />
der Fotos und das Gefühl, das ein Bild<br />
vermittelt. Die Sängerin Elisabeth Schwarzkopf<br />
sagte: Es geht nicht nur darum, schön<br />
zu singen, es geht um den Ausdruck. Um<br />
die Menschen um dich herum. Man macht<br />
nichts ganz für sich. Man ist immer Expo-<br />
nent der Situation, in der man ist. Nur der<br />
eigene Geist gehört einem allein, die eigenen<br />
Ideen — und dafür trägt man die Verantwortung.<br />
haben sie je darüber nachgedacht, wann<br />
sie die serie beenden?<br />
Hendrik Kerstens: Ich dachte, dass das<br />
enden würde, wenn Paula einen Freund hat,<br />
weil es ihn vielleicht überfordern würde.<br />
Den hat sie jetzt, seit zwei Jahren ...<br />
Paula Kerstens: ... zweieinhalb, Papa.<br />
Hendrik Kerstens: Gut, zweieinhalb.<br />
Aber Jeroen kommt damit sehr gut klar. Das<br />
ist gar nicht selbstverständlich, nicht jeder<br />
junge Mann findet es gut, dass Bilder seiner<br />
Freundin an der Wand hängen, wenn er in<br />
New York in eine Galerie geht.<br />
Wer macht bei Ihnen die ganz normalen<br />
Familienfotos — an Geburtstagen, Weihnachten<br />
oder im Urlaub?<br />
Paula Kerstens: Die Erinnerungsfotos<br />
bei Familienfeiern machen ich, meine Mutter<br />
oder unsere Freunde.<br />
Yvonne Gebauer ist Bilddramaturgin an der<br />
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Tourismus reduziert Bewegung auf ein Ziel. Wahres Reisen dagegen folgt niemals vorgegebenen Wegen.<br />
Im Nicht-Ankommen liegt die eigentliche Erfüllung<br />
text — Ilija Trojanow<br />
bilder — Kahn & selesnick, courtesy of AERoPLAsTICs contemporary, Brüssel<br />
»Wer sein heimatland liebt, ist noch ein zarter Anfänger; derjenige,<br />
dem jeder Fleck Erde so viel gilt wie der, auf dem er selbst geboren<br />
wurde, hat es schon weit gebracht; reif ist aber erst der, dem die ganze<br />
Welt zu einem fremden ort geworden ist.«<br />
hugo von st. Viktor, christlicher Theologe (um 1097 – 1141)<br />
Ein jeder von uns ist unterwegs. Wir suchen das Unbekannte und<br />
landen oft im schmerzlich Vertrauten: Blechlawinen auf Autobahnen<br />
und Ringstraßen; Parkplätze, dichter besetzt als je ein Friedhof; kilometerlange<br />
Warteschlangen vor Seilbahnen und Museen. Kaum<br />
ein Fleck der Erde ist vor unserer Mobilität sicher. Wo die Sonne<br />
hinscheint, steht schon eine Liege bereit. Wie die Heuschrecken<br />
schwärmen wir über jeden paradiesischen Garten aus. Wenn es uns<br />
abenteuert, tauchen wir zu Schiffswracks hinab, schweben in Heißluftballons<br />
über die Savanne oder brechen uns einen Weg durch das<br />
nicht mehr ganz so ewige Eis. Wir sind viel unterwegs, aber reisen<br />
wir überhaupt noch? Begnügen wir uns beim Reisen mit einer Veränderung<br />
der Lokalität oder streben wir nach metaphysischer Erkenntnis,<br />
als gelte auch für uns das alte maurische Sprichwort, nur<br />
wer reise, kenne den wahren Wert des Menschen? Sind wir unterwegs<br />
als Getriebene oder suchen wir den Schatz von Eldorado — so<br />
vergeblich wie vor uns unzählige andere?<br />
Einst beinhaltete die Reise — als Metapher wie auch als Realität<br />
— ein hohes Maß an Läuterung und Wandlung. In den meisten<br />
Religionen galt das Reisen als rechte Lebensführung, als Instrument<br />
der Katharsis, als Mittel zur Erleuchtung. In dem hinduistischen<br />
Lehrbuch »Aitareya Brahmana« steht etwa geschrieben: »Es gibt<br />
kein Glück für den Menschen, der nicht reist. In Gesellschaft von<br />
Menschen wird auch der Beste zum Sünder ... also brich auf. Des<br />
Wanderers Füße sind wie eine Blume: seine Seele wächst, erntet<br />
Früchte; seine Mühen verbrennen seine Sünden. Also brich auf!<br />
Wenn du rastest, rasten auch deine Segnungen; sie stehen auf, wenn<br />
du aufstehst, sie schlafen, wenn du schläfst, sie regen sich, wenn du<br />
dich regst. Gott ist der Freund der Reisenden. Also brich auf.« Ähnlich<br />
den christlichen Wandermönchen von einst ziehen noch heute<br />
die indischen Asketen, Sadhus genannt, durch das Land. Die orthodoxeren<br />
unter ihnen verbringen keine zwei Nächte am selben Lagerplatz.<br />
Denn die Sesshaftigkeit birgt alle Sünden in sich, ob Gier,<br />
Egoismus oder Gewalt. Wer aber in die Sesshaftigkeit hineingeboren<br />
ist, kann das Reisen nur als einen seltenen Ausstieg erleben, als Auszeit<br />
von seinem All- und Eintag.<br />
So betrachtet, bleiben dem Menschen zwei Alternativen: Er<br />
kann ins unentwegte Reisen und somit zugleich aus dem, was landläufig<br />
als »geordnetes Leben« gilt, aussteigen, was religiös konnotiert<br />
heutzutage respektiert, darüber hinaus aber meist müde belächelt<br />
wird (der sich dahintreiben lassende Weltenbummler ist gewiss kein<br />
Vorbild); oder er kann einmal im Jahr die Rolle des Pilgers einnehmen,<br />
um zu erfahren, dass alle Ziele, die er das restliche Jahr über<br />
verfolgt, sinnlos sind. Das führt keineswegs zur Schizophrenie,<br />
sondern vielmehr zu der Erkenntnis, dass der Mensch verschiedene<br />
Realitäten leben kann. Oft hat man Pilger als Suchende missverstanden,<br />
dabei verdankt sich die enorme, ungebrochene Popularität<br />
der Pilgerreise gerade jenem Urlaub von der Zielorientierung, der<br />
ihr innewohnt — zwar wartet am Ausgang Santiago de Compostela,<br />
doch selbst ein flüchtiger Leser von Hape Kerkeling weiß, dass es<br />
keineswegs darum geht, dort anzukommen. Das wäre mit Germanwings<br />
billiger und bequemer zu haben.<br />
Das höchste Ideal des Reisens ist wohl die profunde Veränderung<br />
des Reisenden. Reisen, die solchen Ansprüchen genügen, sind<br />
aufwendig und anstrengend, sie erfordern Zeit und Mühsal, sie<br />
fordern den Einzelnen heraus — und haben wenig gemein mit Tourismus.<br />
Was die touristische Branche als pauschale oder individuelle<br />
Reise verkauft, ist oft die Vermeidung von wahrem Reisen. So wie<br />
das Monatsgehalt meist wenig zum Lebensinhalt beiträgt. Der Sinn<br />
des Reisens ist auf den Kopf gestellt: Anstatt sich der Fremde auszusetzen<br />
und somit Umwege auf sich zu nehmen, zahlt man Geld, um<br />
ihr zu entgehen. Der Tourismus reduziert Bewegung auf ein Ziel.<br />
Bevor man aufbricht, weiß man schon, wie es heißt und welche<br />
Ausfahrt zu ihm führt. Derart gewappnet, können wir uns niemals<br />
verirren, und das ist keine schöne Vorstellung.<br />
Reisen bedeutet immer auch Aufbruch in die Welt der eigenen Vorstellung. So wie auf den hier gezeigten Bildern. Das Künstlerduo<br />
Kahn & Selesnick ist dafür bekannt, unsere Fantasie mit fiktiven Expeditionen anzuregen<br />
—
084 — Erfüllung<br />
085 — Erfüllung<br />
Diese Seite: Currency Balloon (from series »Eisbergfreistadt«, 2008, archival pigmented print, 25 x 183 cm, limited edition).<br />
Nächste Seite: The Lake of Dreams (from series »The City of Salt«, 2001, archival pigmented print, 46 x 183 cm, limited edition)<br />
—<br />
—<br />
Wir sind viel unterwegs, aber reisen wir überhaupt noch?<br />
Die Fehler, die wir beim Reisen begehen, hängen mit solchen<br />
Wägbarkeiten zusammen. Wir nehmen Gepäck mit, viel zu viel Gepäck.<br />
Für viele bedeutet unterwegs sein, das eigene Gepäck —<br />
Sinnbild des kurzfristig verlassenen Alltags und Schutzwall vor der<br />
Fremde zugleich — gegen allgegenwärtige Gefahr zu verteidigen.<br />
Aber wenn die Bewegung dem Reisenden nach dem Gepäck trachtet,<br />
liegt es da nicht nahe, sich des Gepäcks zu entledigen? Und<br />
schleppen wir nicht allein deswegen so viel Gepäck mit uns, weil wir<br />
davon ausgehen, es irgendwo abstellen und einschließen zu können?<br />
Selbst die Kleidungsstücke, die wir tragen, stören in der Fremde. Sie<br />
stellen alle möglichen Behauptungen auf, gegen die man sich nicht<br />
wehren kann, da man selten die Gelegenheit hat, der allgemeinen<br />
oberflächlichen Einordnung etwas Persönlicheres, Differenzierteres<br />
entgegenzuhalten, kleiden uns in die Vorurteile der anderen, schotten<br />
uns wiederum ab vor der Fremde, den Fremden. Man bekommt<br />
fast überall auf der Welt all das, was man — zumindest für<br />
das jeweilige Land — zum Überleben braucht. Wer mit leichtem<br />
Gepäck reist, der verringert das Maß der Sorgen, der Vorurteile, der<br />
Enttäuschungen.<br />
Ähnlich schwer, wie ohne Gepäck zu reisen, fällt es uns Beschleunigten,<br />
langsamer zu treten. Wer kennt nicht Brechts Gedicht<br />
»Der Radwechsel«: »Ich sitze am Straßenhang. / Der Fahrer wechselt<br />
das Rad. / Ich bin nicht gern, wo ich herkomme. / Ich bin nicht gern,<br />
wo ich hinfahre. / Warum sehe ich den Radwechsel / Mit Ungeduld?«<br />
Weil wir einer Sehenswürdigkeit entgegeneilen. Das fatale Diktat<br />
dieses Begriffs treibt uns zu immer dichteren Reiserouten. Es gilt<br />
geradezu als verschroben, wer sich in seinem Urlaub nur mit einem<br />
Fleck, einer Altstadt oder einem See etwa, beschäftigt. Oder wer es<br />
genießt, irgendwo stecken zu bleiben, innehalten zu müssen, macht<br />
sich des Müßiggangs verdächtig. Unterwegs sein bedeutet, mit dem<br />
Zufall zu tanzen, und nicht, ihn mit hohem technischem Aufwand<br />
möglichst auszuschalten, nur um festzustellen, dass ein läppischer<br />
Vulkan einem schon einen Strich durch alle derartigen Flugberechnungen<br />
machen kann. Geradezu als völlig verrückt muss jener gelten,<br />
der zu Fuß aufbricht.
086 — Erfüllung<br />
087 — Erfüllung<br />
Dabei fördert die Fußreise eine Wachheit, die den Reisenden<br />
wie eine Bogensehne spannt. Er ist einer Wirklichkeit ausgesetzt,<br />
die sich mit kleinen, spitzen Steinen durch die Sohlen drückt, die<br />
schwer an den Riemen des Rucksacks hängt, die sich durch schmerzende<br />
Glieder, Schweiß und Dreck bei jedem Schritt aufdrängt. Wer<br />
mit dem Auto, dem Bus, dem Zug oder dem Motorrad durch die<br />
Landschaft fährt, sieht mit den Augen — mehr oder weniger. Wer<br />
sie aber zu Fuß durchstreift, der sieht mit dem ganzen Körper. Und<br />
er ist den Einheimischen gleichgestellt, er fällt in die tradierte Kategorie<br />
des müden Wanderers, dem Menschen weltweit mit den Mitteln<br />
der vertrauten Gastfreundschaft begegnen. Durch die Windschutzscheibe<br />
betrachtet, schaut die Fremde aus, als sei sie schlecht in die<br />
eigene Sprache übersetzt.<br />
Natürlich kann sich keiner von uns bei jeder Reise völlig nackt<br />
machen und es ist nicht vorstellbar, dass Milliarden von Menschen<br />
Eigenwege nehmen. Aber es lohnt sich, seine Aufbrüche zu hinterfragen,<br />
um das Lohnenswerte am Reisen wiederzuentdecken. Dazu<br />
muss man nur das Risiko eingehen, die eigenen Wahrnehmungen<br />
und Prägungen über den Haufen zu werfen. Denn wahre Reisen<br />
führen nicht von der Heimat in die Fremde und wieder zurück, sondern<br />
verwandeln Fremde in Heimat. »Unternimm eine Reise, mein<br />
Freund«, sang einst der Sufi-Dichter Rumi, »vom Ich zum Selbst.«<br />
So eine Reise verwandelt die Welt in eine Goldmine. So eine Reise<br />
folgt niemals vorgegebenen Wegen, sondern unserem jeweils eigenen<br />
Weg. Und sie kennt kein Ziel.<br />
Ilija Trojanow, 44, stammt aus einer Opernfamilie: Sein Großvater<br />
war Chefregisseur an der Oper in Sofia. Trojanow selbst schrieb<br />
2005 das Libretto für die afrikanische Oper »Masque« mit Musik<br />
von Hans Huyssen. Der vielfach ausgezeichnete Autor lebt zurzeit<br />
als Schriftsteller in Wien. Vor allem aber ist er auf Reisen für Bücher<br />
wie »Der Weltensammler« (2006) und »Der entfesselte Globus«<br />
(2008). Im November dieses Jahres kuratiert er das neue Münchner<br />
Literaturfestival.<br />
—<br />
Die sesshaftigkeit birgt alle sünden in sich,<br />
ob Gier, Egoismus oder Gewalt
102 — Agenda<br />
kulturtipps<br />
Was die Mitarbeiter der Oper machen, wenn sie nicht bei der Oper mitarbeiten<br />
—<br />
Kunst<br />
Magdalena Jetelová<br />
Von Ivan Liška, Ballettdirektor<br />
Ein Kulturtipp ist mir fremd, aber einen Kunsttipp<br />
gebe ich gern ab: Magdalena Jetelová. Sie hat es<br />
länger in Prag ausgehalten als ich — fast 20 Jahre.<br />
Schon als junge Kunststudentin arbeitete sie an<br />
diesen riesigen Baumstämmen. Ich kann mich an<br />
ein frühes Foto erinnern, ich glaube, es war in<br />
der Zeitschrift »Art«. Es zeigte Magdalena neben<br />
einem dieser gigantischen, rauen, behauenen<br />
Baumstämme, die aussahen wie verletzte Riesen.<br />
Aus ihnen schlug Magdalena Formen heraus,<br />
mit Beil und Axt. Unwirtliche, ungemütliche, riesengroße<br />
und ungefüge Sitzmöbel entstanden, nicht<br />
zum Sitzen geeignet, nicht gedacht, damit zu leben.<br />
Massiv und wie ein Stück Natur, das sich in die<br />
Zivilisation verirrt hatte, standen sie dann in den<br />
artifiziellen, rechtwinkligen, aseptischen Ausstellungshallen.<br />
Fremdkörper, über die man stolperte,<br />
die einen einschüchterten. Ähnlich wie Rückriems<br />
gigantische Granitstelen, gewaltsam aus der Landschaft<br />
herausgerissen und von Menschen mühsam<br />
bearbeitet. Mich haben diese Arbeiten damals tief<br />
verstört und seitdem habe ich Magdalena Jetelová<br />
und ihre Arbeit nicht mehr aus den Augen gelassen.<br />
1985 erhielt sie ein Stipendium in München und<br />
blieb mit ihren Kindern im Westen. Heute lebt sie<br />
in Düsseldorf und Prag. Sie ist Professorin an<br />
der Münchner und der Prager Kunstakademie. Ihre<br />
Werke stehen in den großen Museen der Welt,<br />
im New Yorker MoMA, in der Tate Gallery oder im<br />
Centre Georges Pompidou.<br />
Walter Storms, WahlMünchner wie Magdalena und<br />
ich, entdeckte die junge Tschechin einst in Prag in<br />
der Akademie und blieb ihr seitdem auf den Fersen.<br />
In seiner Galerie kann man ihre neuesten Arbeiten<br />
regelmäßig sehen. Heute arbeitet sie sehr fein mit<br />
Licht, zaubert Installationen in die Natur, zeichnet<br />
fernen isländischen Landschaften geheimnisvolle<br />
Wege und Linien ein, magische Leuchtpfade, die<br />
ins Nichts führen. Viele ihrer Arbeiten sind politische<br />
Statements einer Künstlerin, die sich ihre Freiheit<br />
hart erkämpft hat und deshalb weiß, was sie wert<br />
ist. Wer Lust hat, fährt in die Kunsthalle nach<br />
Mannheim. Exklusiv entwickelt Jetelová dort auf fast<br />
1000 Quadratmetern eine interaktive LichtGroßinstallation<br />
zum Thema Menschenrechte und Selbstwahrnehmung.<br />
Kunsthalle Mannheim, Friedrichsplatz 4, Mannheim,<br />
17. 7. bis 10. 10. 2010, Dienstag bis sonntag 11 – 18 Uhr,<br />
Mittwoch bis 20 Uhr, www.kunsthalle-mannheim.de<br />
—<br />
architeKtur<br />
Quinta da regaleira in sintra, Portugal<br />
Von silke holzach, Leitung der Videoabteilung<br />
Wer hat Lust, sich verzaubern zu lassen? Eine Reise<br />
zu unternehmen, bei der man nicht ganz sicher<br />
ist, ob hinter der nächsten Ecke ein Rankgewächs<br />
freundlich die Hand reicht oder geflügelte Zwerge<br />
kichernd davonhüpfen? Man fühlt sich wie ein<br />
neugieriges Kind auf Entdeckertour durch opulente,<br />
verwunschene Gärten und verblüffende Bauwerke.<br />
Unzählige Pfade schlängeln sich von einem prachtvollen<br />
Türmchen zur nächsten romantischen Kapelle.<br />
Über winzige Stufen, gerade groß genug für Puppenfüße,<br />
führt der Weg zu einem Brunnen, Wasserfall<br />
oder einer giftgrünen Grotte. Der dichte Bewuchs<br />
lässt kaum ahnen, was man als Nächstes entdecken<br />
wird. Wer den Mut hat, in die rätselhaften, düsteren,<br />
unterirdischen Tunnel vorzudringen, kann aus dem<br />
dunklen Schoß der Erde die Stufen des atemberaubenden,<br />
27 Meter tiefen »Initiationsbrunnens« zum<br />
Licht erklimmen. Jeder Schritt wird von dem weichen<br />
Moos gedämpft, das sich im Laufe der vielen Jahre<br />
über jeden Stein gelegt hat.<br />
Mich hat Quinta da Regaleira förmlich aufgesogen.<br />
Anfangs war es nur ein Spaziergang durch einen<br />
hübschen Park, doch die Faszination wuchs mit<br />
jeder Entdeckung und jedem Blick, der sich einem<br />
bietet. An der Wende zum 20. Jahrhundert konnte<br />
nur ein Bühnenbildner wie der Italiener Luigi Manini<br />
diese grandiose Mischung aus symbolbeladener<br />
Zuckerbäckerarchitektur und Fantasielandschaften<br />
erschaffen — für den brasilianischen Kaffeemogul<br />
António Augusto Carvalho Monteiro. Heute ist es<br />
UNESCOWeltkulturerbe. Ich würde liebend gerne<br />
dort verloren gehen ...<br />
Rua Barbosa du Bocage 5 – 9, sintra, Portugal,<br />
www.whc.unesco.org/en/list/723<br />
Illustration Cicero-Titel 5/2010: Michele Costi<br />
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104 — Agenda<br />
—<br />
roMan<br />
lion Feuchtwanger: »erFolg«<br />
Von Roland schwab, Geschäftsführender Direktor<br />
Eigentlich ist er eine klassische Pflichtlektüre: Lion<br />
Feuchtwangers Roman »Erfolg. Drei Jahre Geschichte<br />
einer Provinz«, entstanden zwischen 1927 und 1930.<br />
Pflichtlektüre für jeden Bayern zur kritischen Introspektion<br />
unerklärlicher Befindlichkeiten, für jeden<br />
der nach Bayern zieht und sich auf die Spezies<br />
vorbereiten muss — und vor allem auch für jene, die<br />
in der bayerischen Verwaltung ihren Dienst tun<br />
oder tun wollen. Nicht nur die noch immer existenten<br />
Örtlichkeiten, die Firmen und Menschen, deren<br />
Nachfolger und Nachkommen in Bayern immer noch<br />
eine Rolle spielen, sind wie ein Stadt und Personenführer<br />
zu lesen — auch die bedrückende Beobachtung<br />
der Umstände, die zu der Massenbegeisterung<br />
für Adolf Hitler in der Hauptstadt der Bewe <br />
gung führten, sind so präzise eingefangen, dass<br />
einem noch 80 Jahre später das Lachen im Hals<br />
stecken bleibt. Und wer hätte Ludwig Thoma besser<br />
geschildert als Feuchtwanger in der Figur des<br />
Dr. Lorenz Matthäi: »War der Lorenz nicht einmal ein<br />
Rebell gewesen? […] Es waren tapfere Verse gewesen,<br />
den Gegner mit photographischer Akribie<br />
treffend. Jetzt war er fett geworden, wir wurden<br />
wohl alle fett, sein Witz war verstumpft, seine Zähne<br />
fielen aus.«<br />
Zudem gibt es ein wunderbares Hörbuch mit dem<br />
unvergessenen, großartigen Jörg Hube und der<br />
Biermösl Blosn, die kongenial musikalischsatirisch<br />
Feuchtwangers Untersuchungen im heutigen Bayern<br />
fortführen. Seit meinem Studium, für das ich mir<br />
als Statist und Kleindarsteller an den Münchner<br />
Kammerspielen etwas dazuverdiente, habe ich ihn<br />
bewundert — und dass er in den vergangenen Jahren<br />
zusammen mit der Biermösl Blosn in unserer<br />
»Fledermaus«Produktion als Frosch auf der Bühne<br />
stand, das war genauso spannend wie die Tatsache,<br />
dass er mit seiner eigenen knorrigen Art Feuchtwangers<br />
Roman in unsere Gegenwart geholt hat.<br />
Lion Feuchtwanger: »Erfolg. Drei Jahre Geschichte einer<br />
Provinz«, 878 seiten, Aufbau Taschenbuch Verlag, 12,95 €;<br />
Audiobook: »Erfolg«, sprecher: Jörg hube,<br />
Musik: Biermösl Blosn, 2 CDs, 130 Minuten, Der Audio<br />
Verlag, 19,99 €<br />
—<br />
ausFlug<br />
Fraueninsel<br />
Von Emma Barrowman, Tänzerin, <strong>Bayerische</strong>s<br />
staatsballett<br />
Ich komme aus Kanada. Dieses Land hat großzügige,<br />
weite Landschaften. Manchmal suche ich sie hier in<br />
Bayern.<br />
Ein Wochenende reicht nicht, um die wunderbaren<br />
Landschaften und Berge des Chiemgaus kennenzulernen.<br />
Aber ein kleines Stück davon kann ich sogar<br />
bei einem Sonntagsausflug erobern. Man fährt, am<br />
besten mit einem frühen Regionalzug, eine Stunde<br />
bis Prien am Chiemsee und mit dem historischen,<br />
mit Kohle betriebenen Kleinzug – die Einheimischen<br />
nennen ihn »Bockerl« – noch zehn weitere Minuten<br />
bis zum Hafen in Stock. Dort erwarten einen die<br />
Passagierschiffe der ChiemseeSchifffahrt Fessler,<br />
eines ist sogar einem MississippiSchaufelrad<br />
dampfer nachempfunden! Ich kaufe eine Fahrkarte<br />
zur Frauen insel, mit etwas mehr als 200 Einwohnern<br />
die kleinste Gemeinde Bayerns, die eigentlich<br />
Frauen chiemsee heißt. Vom Schiff aus hat man freie<br />
Sicht auf Hochfelln, Hochgern und Kampenwand,<br />
manchmal gar bis zu den steilen Zacken des<br />
Zahmen und des Wilden Kaisers. Man passiert die<br />
berühmte Herreninsel mit dem Schloss König<br />
Ludwigs II.; die Krautinsel, die unbewohnt ist und<br />
auf der angeblich auch heute noch jeden Sommer<br />
Schafe grasen, lässt man rechts liegen und legt<br />
nach 15 Minuten am Hauptsteg der Fraueninsel an.<br />
Autos gibt es hier keine. Zu Fuß mache ich mich<br />
auf den Uferweg, um die Insel in 20 Minuten zu<br />
umrunden. Ich schlendere von einem Fischer zum<br />
anderen, jedes Haus hat seinen eigenen kleinen<br />
Anleger; überall duftet es nach frisch geräucherten<br />
ChiemseeRenken oder dem noch feineren Saibling.<br />
Oder ich gehe die kleinen Spazierwege kreuz und<br />
quer und von einem privaten Garten zum anderen,<br />
denn die wenigen Häuser stehen nicht in Reih und<br />
Glied, sondern verstreut über die Insel, die dominiert<br />
wird vom Kloster und Klostergarten der Benediktinerinnen.<br />
Besonders schön ist das im Frühjahr<br />
und Sommer, denn die wilden, bunten Bauerngärten<br />
sind legendär. Dank eines milden Mikroklimas<br />
gedeihen hier Blumen besser als anderswo, eine<br />
üppige Blüten und Düftemischung, die einen<br />
alle paar Meter verzaubert stehen bleiben lässt. Die<br />
kleine mittelalterliche Kirche und der Friedhof des<br />
Klosters Frauenwörth mit seinen schmiedeeisernen<br />
Grabkreuzen bieten Gelegenheit zum stillen Innehalten<br />
und Nachdenken über Anfang und Ende,<br />
über unsere Reise auf diesem Planeten ... Wenn<br />
einen dann die Melancholie gehörig gepackt hat,<br />
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106 — Agenda<br />
geht man vielleicht hinüber in die »Linde«, im Sommer<br />
in den herrlichen Garten, im Winter in die Stubn,<br />
und isst dort, gut gewärmt vom Kachelofen, die<br />
berühmte Fraueninsler Fischsuppe oder – eine<br />
ganz besondere Spezialität – köstliche Schratzenfilets.<br />
Schratzen, das sind kleine Barsche, im<br />
baye rischen Volksmund meint das Wort aber auch<br />
die kleinen Kinder.<br />
In meiner Heimat Kanada ist die Natur überall groß<br />
und weit, auch dort gibt es diese Landschaften mit<br />
Wasser und Bergen – Bayern erinnert mich daran,<br />
es ist wie eine Miniaturausgabe davon. Auch deshalb<br />
habe ich mich hier schnell eingelebt.<br />
www.frauenwoerth.de, Tel. 0 80 54 – 90 70<br />
www.linde-frauenchiemsee.de, Tel. 0 80 54 – 9 03 66<br />
www.chiemsee-schifffahrt.de, Tel. 0 80 51 – 60 90<br />
—<br />
FrühsPort<br />
der englische garten, Johnny* und ich<br />
Von Katja Dietzel, orchesterdisponentin<br />
Weckerklingeln kurz vor sechs. Nein, noch mal<br />
rumdrehen geht nicht. Johnny wartet. Wir haben<br />
eine Verabredung. Also: runter von der Matratze,<br />
rein in die Laufschuhe. Die Stöpsel in die Ohren,<br />
auf dem Weg durchs Treppenhaus noch die<br />
Ent scheidung, ob Johnnys »American« Vol. IVI oder<br />
doch wieder der selbst kreierte »Johnny Forever«<br />
Mix. Die Straße runter, rechts den kleinen Weg<br />
hinab, über die Brücke ... und da sind wir schon:<br />
Johnny und ich im Englischen Garten. Wir laufen<br />
Richtung Kleinhesseloher See. Am See haus immer<br />
dasselbe Bild: Biertische schräg auf Bierbänken<br />
harren nach abendlichen Gelagen des neuen<br />
Tages. Hier biegen wir am Wochenende immer in<br />
den Nordteil des Parks ab, haben dann endlos Zeit.<br />
In der Woche pressiert’s. Deshalb nehmen wir<br />
mit den Wiesen diesseits des Seehauses vorlieb.<br />
Danach geht’s unbedingt am Chinesischen Turm<br />
vorbei, der nie schöner ist als an einem frühen<br />
Sommermorgen, wenn es noch nach vielen Maß<br />
unterm Sommernachtssternenhimmel riecht ...<br />
Weiter dann zum Monopteros ... bis ganz rauf. Oben<br />
drehen wir sehr langsam eine Runde durch<br />
den Tempel und beim Blick auf die Silhouette des<br />
großen Dorfs München — Achtung, kitschig! —<br />
hüpft unser Herz ... jedes Mal ... und wenn wir von<br />
hier sehen, dass ein dicker Nebelstreifen über<br />
dem Eisbach liegt, bekommen wir immer Lust, auf<br />
dem Rückweg mittendurch zu laufen ... Johnny<br />
hat für alle Eindrücke die passenden Songs parat.<br />
Und wenn ich dann doch manchmal fremdgehe,<br />
weil ich denke: »Es kann doch nicht immer Johnny<br />
sein«, dann fühlt es sich nicht so gut an. Und am<br />
nächsten Morgen ist dann wieder alles beim Alten:<br />
der Englische Garten, Johnny und ich.<br />
Anmerkung: Johnny Cash war einer der einflussreichsten<br />
Us-amerikanischen sänger und songschreiber.<br />
—<br />
literatur<br />
Johannes voM Kreuz: »die dunKle nacht«<br />
Von Thomas Rott, Leitung Elektroakustik / Video<br />
Nein, dem immensen Kultur und Freizeitangebot in<br />
und um München habe ich hier nichts hinzuzufügen.<br />
Aber nachdem ich selbst immer dankbar bin für eine<br />
Literaturempfehlung aus dem unüberschaubaren<br />
Buchangebot, möchte ich »Die dunkle Nacht« von<br />
Johannes vom Kreuz vorstellen.<br />
Johannes vom Kreuz lebte von 1542 bis 1591 in<br />
Spanien. Er war Theologe und Ordenspriester im<br />
Umkreis von Teresa von Avila. Aufgrund von<br />
Richtungsstreitigkeiten innerhalb des Ordens wurde<br />
er in den 1580erJahren gefangen genommen,<br />
gefoltert und eingekerkert. In dieser Zeit entwickelte<br />
er die Grundlagen seiner christlichen Lebensanschauung<br />
und Philosophie.<br />
Das Buch besteht aus drei Teilen, die anhand von<br />
acht Gedichtstrophen abgehandelt werden: Der<br />
erste Teil behandelt die Loslösung des Geistes von<br />
sinnlichen Zwängen und Unzulänglichkeiten. Der<br />
zweite Teil beschreibt den Weg des Geistes aus<br />
dem Dunklen hin zum transzendentalen Ich, zu einer<br />
persönlichen Gotteserfahrung. Der dritte Teil ist<br />
ein Gedichtzyklus, der zweifelsohne zum Schönsten<br />
gehört, was die spanische Literatur hervorgebracht<br />
hat. Wie er mit ganz einfachen Worten und wunderbarer<br />
Poesie in die Tiefe menschlichen Seins vorstößt,<br />
ist atemberaubend.<br />
Obwohl Johannes vom Kreuz den Mystikern zugerechnet<br />
wird, habe ich mehr den Bezug auf die<br />
Scholastiker wie Thomas von Aquin und den Bezug<br />
zu buddhistischen Ganzheitserfahrungen herausgelesen.<br />
Für uns heute zeigt dieses Buch einen<br />
möglichen Weg zu einer neuen gesellschaftlichen<br />
Unabhängigkeit und geistigen Freiheit. Ab vierzig.<br />
Johannes vom Kreuz: »Die dunkle Nacht«, 255 seiten,<br />
Johannes Verlag Einsiedeln, 14,50 €<br />
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Zwei unentbehrliche<br />
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Der „Europa Gourmet City Guide 2010/11“ empfiehlt Hotels,<br />
Restaurants, Bistros, Bars, Kneipen und Szenelokale in den<br />
40 angesagtesten Städtereisezielen Europas. Der perfekte Cicerone<br />
durch das immer neue „Alte Europa“. Maße: ca. 20 x 12,5 cm, 600 Seiten.<br />
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Der „Hotel & Restaurant Guide<br />
2010“ ist die informativste<br />
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den Nachbarländern. Er führt<br />
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Art.-Nr.: 5658
108 — Agenda<br />
kiss the sky<br />
Der Bau auf dem Marstallplatz ist nicht nur ein spektakel fürs Auge: Die Architekten von Coop himmelb(l)au<br />
bauten für die <strong>Bayerische</strong> staatsoper und mit Unterstützung von MINI ein kleines Wunder der Akustik: 3-D-Musik<br />
Fotos — Wilfried hösl<br />
Während der Festspiele wird der Marstallplatz zum Schauplatz künstlerischer Experimente: Christoph Schlingensiefs »Via Intolleranza II«<br />
kommt hier auf die Bühne, ebenso Johannes Müllers »Intrigo internazionale (KV 492)«. Das Foto zeigt den Beginn der Bauarbeiten<br />
—<br />
109 — Agenda<br />
Die Westfassade ist nach innen geneigt,<br />
reflektiert Umgebungsgeräusche nach oben und<br />
verneigt sich auch vor Olafur Eliassons<br />
Spiegelinstallation<br />
—
110 — Agenda<br />
Klanglandschaft: Form und Außenhaut des Pavillons 21 MINI Opera Space wurden so entwickelt, dass sich der Geräuschpegel der Großstadt<br />
in der Umgebung des Pavillons merklich reduziert. Der Kristallbau schluckt Lärm. So entsteht ein akustisches »schwarzes Loch«, das die<br />
Sinneswahrnehmung rund um den Bau spürbar verändert<br />
—<br />
111 — Agenda<br />
Im Inneren des Pavillons 21 MINI Opera<br />
Space haben bei den Aufführungen rund<br />
300 Zuschauer Platz<br />
—<br />
Der Pavillon 21 MINI Opera Space wurde<br />
in wenigen Wochen erbaut. Großen<br />
Dank an alle, die das Projekt möglich<br />
machten, nicht zuletzt die Bauarbeiter!<br />
—
112 —<br />
Agenda<br />
Im August wird der Bau wieder<br />
verschwunden sein — er lässt<br />
sich in Seecontainer verpacken<br />
und an anderen Orten wieder<br />
aufbauen. Er passt perfekt zu<br />
Musiktheater, Performances,<br />
Videokunst und — Festen.<br />
Vielleicht begegnen Sie ihm<br />
bald: in Paris, Tokio,<br />
London ...<br />
—<br />
Die genaue Form der Zacken, der »Spikes« auf der Außenhaut, wurde mit einem komplexen 3-D-Verfahren errechnet und soll Musik als Raum<br />
darstellen. Architekt Wolf Prix nennt sie »gefrorene Musik«. Sie bilden eine Sequenz aus Jimi Hendrix’ »Purple Haze« ab:<br />
...’Scuse me while I kiss the sky ...<br />
—
Production photo © Karin Cooper<br />
DER<br />
DES NIBELUNGEN<br />
Conductor Donald Runnicles, “clearly<br />
among the most insightful, potent Wagnerians of<br />
our day” (Sunday Times, London), leads a stellar cast in<br />
Francesca Zambello’s critically acclaimed production.<br />
Francesca Zambello Mark Delavan Nina Stemme Ian Storey<br />
DAVID GOCKLEY<br />
General Director<br />
NICOLA LUISOTTI<br />
Music Director<br />
Ring Festival: Summer 2011<br />
CYCLE 1 June 14, 15, 17 & 19<br />
CYCLE 2 June 21, 22, 24 & 26<br />
CYCLE 3 June 28 & 29, July 1 & 3<br />
Cast<br />
Nina Stemme<br />
Brünnhilde<br />
Mark Delavan<br />
Wotan<br />
Ian Storey<br />
Siegfried<br />
Gordon Hawkins<br />
Alberich<br />
Anja Kampe<br />
Sieglinde<br />
Heidi Melton<br />
Sieglinde (6/29)<br />
Brandon Jovanovich<br />
Siegmund, Froh<br />
Larissa Diadkova<br />
Fricka<br />
David Cangelosi<br />
Mime<br />
Stefan Margita<br />
Loge<br />
Gerd Grochowski<br />
Gunther<br />
Andrea Silvestrelli<br />
Hagen, Fasolt<br />
Daniel Sumegi<br />
Fafner, Hunding<br />
Production<br />
Conductor<br />
Donald Runnicles<br />
Director<br />
Francesca Zambello<br />
Set Designer<br />
Michael Yeargan<br />
Costume Designer<br />
Catherine Zuber<br />
Lighting Designer<br />
Mark McCullough<br />
Projection Designer<br />
Jan Hartley<br />
Dramaturg<br />
Cori Ellison<br />
Choreographer<br />
Lawrence Pech<br />
Complete Cycles On Sale Now!<br />
sfopera.com • +1 415 864 3330<br />
115 — Agenda<br />
sPiElPlan<br />
24. Juni bis 31. Juli 2010<br />
BMW München<br />
OPER<br />
TOsca<br />
Giacomo Puccini<br />
Musikalische Leitung Fabio Luisi (28.6. / 2. / 7. / 10.7.);<br />
Marco Armiliato (15. / 19.7.)<br />
Inszenierung Luc Bondy<br />
Karita Mattila, Jonas Kaufmann, Juha Uusitalo,<br />
Christian Van Horn, Enrico Fissore, Kevin Conners,<br />
Rüdiger Trebes, Christian Rieger, Tölzer Knabenchor<br />
28. Juni: Festspiel-Premiere – 19 Uhr<br />
2. / 7. / 15. / 19. Juli – 19 Uhr<br />
10. Juli – 20 Uhr<br />
Einführungsmatinee zur Neuinszenierung<br />
20. Juni – 11 Uhr, Moderation: Nikolaus Bachler<br />
gefördert durch den<br />
BMW München<br />
MEdEa in cORinTO<br />
Giovanni Simone Mayr<br />
Musikalische Leitung Ivor Bolton<br />
Inszenierung Hans Neuenfels<br />
Alastair Miles, Alek Shrader, Nadja Michael,<br />
Ramón Vargas, Elena Tsallagova, Kenneth Roberson,<br />
Francesco Petrozzi, Laura Nicorescu<br />
29. Juni – 19 Uhr<br />
sponsored by<br />
dOn GiOvanni<br />
Wolfgang Amadeus Mozart<br />
Musikalische Leitung Kent Nagano<br />
Inszenierung Stephan Kimmig<br />
Mariusz Kwiecien, Phillip Ens, Anja Harteros,<br />
Pavol Breslik, Maija Kovalevska, Alex Esposito,<br />
Laura Tatulescu, Levente Molnár<br />
3. / 6. / 8. Juli – 19 Uhr<br />
RObERTO dEvEREux<br />
Gaetano Donizetti<br />
Musikalische Leitung Friedrich Haider<br />
Inszenierung Christof Loy<br />
Edita Gruberova, Paolo Gavanelli, Sonia Ganassi,<br />
José Bros, Francesco Petrozzi, Steven Humes, John Chest<br />
30. Juni / 4. Juli – 19 Uhr<br />
dialOGuEs dEs<br />
caRMéliTEs<br />
Francis Poulenc<br />
Musikalische Leitung Kent Nagano<br />
Inszenierung Dmitri Tcherniakov<br />
Alain Vernhes, Susan Gritton, Bernard Richter,<br />
Felicity Palmer, Soile Isokoski, Susanne Resmark,<br />
Hélène Guilmette, Heike Grötzinger, Anaïk Morel,<br />
Kevin Conners, Ulrich Reß, John Chest, Christian Rieger,<br />
Levente Molnár, Rüdiger Trebes<br />
9. / 13. Juli – 19 Uhr<br />
diE TRaGödiE<br />
dEs TEufEls<br />
Peter Eötvös (Musik) / Albert Ostermaier (Text)<br />
Musikalische Leitung Peter Eötvös; Christopher Ward<br />
Inszenierung Balázs Kovalik<br />
Cora Burggraaf, Ursula Hesse von den Steinen,<br />
Topi Lehtipuu, Georg Nigl, Julie Kaufmann,<br />
Elena Tsallagova, Heike Grötzinger, Annamária Kovács,<br />
Kevin Conners, Christoph Pohl, Nikolay Borchev,<br />
Christian Rieger, Wolfgang Bankl<br />
12. Juli – 19 Uhr<br />
Mit freundlicher Unterstützung der<br />
lE nOzzE di fiGaRO<br />
Wolfgang Amadeus Mozart<br />
Musikalische Leitung Juraj Valcuha<br />
Inszenierung Dieter Dorn<br />
Mariusz Kwiecien, Barbara Frittoli, Anna Bonitatibus,<br />
Ildebrando D’Arcangelo, Camilla Tilling, Donato Di Stefano,<br />
Heike Grötzinger, Ulrich Reß, Kevin Conners, Alfred Kuhn,<br />
Evgeniya Sotnikova<br />
14. / 17. Juli – 19 Uhr<br />
dOn caRlO<br />
Giuseppe Verdi<br />
Musikalische Leitung Marco Armiliato<br />
Inszenierung Jürgen Rose<br />
René Pape, Ramón Vargas, Simon Keenlyside,<br />
Paata Burchuladze, Christian Van Horn, Olga Guryakova,<br />
Nadia Krasteva, Lana Kos, Francesco Petrozzi,<br />
Kenneth Roberson, Elena Tsallagova, Todd Boyce,<br />
John Chest, Levente Molnár, Christian Rieger,<br />
Christoph Stephinger, Rüdiger Trebes<br />
18. / 22. Juli – 18 Uhr<br />
diE schwEiGsaME<br />
fRau<br />
Richard Strauss<br />
Musikalische Leitung Kent Nagano<br />
Inszenierung Barrie Kosky<br />
Franz Hawlata, Catherine Wyn-Rogers, Nikolay Borchev,<br />
Toby Spence, Diana Damrau, Elena Tsallagova,<br />
Christian Rieger, Christoph Stephinger, Steven Humes<br />
20. Juli: Festspiel-Premiere – 19 Uhr<br />
23. / 26. / 30. Juli – 19 Uhr<br />
Prinzregententheater<br />
gefördert durch
l’ElisiR d’aMORE<br />
Gaetano Donizetti<br />
Musikalische Leitung Juraj Valcuha<br />
Inszenierung David Bösch<br />
Nino Machaidze, Rolando Villazón,<br />
Fabio Maria Capitanucci, Ambrogio Maestri,<br />
Angela Brower<br />
21. / 24. Juli – 19 Uhr<br />
27. Juli – 19.30 Uhr<br />
sponsored by<br />
cOsì fan TuTTE<br />
Wolfgang Amadeus Mozart<br />
Musikalische Leitung Ivor Bolton<br />
Inszenierung Dieter Dorn<br />
Sally Matthews, Christine Rice, Levente Molnár,<br />
Shawn Mathey, Laura Tatulescu, Thomas Allen<br />
23. / 26. Juli – 19 Uhr<br />
lOhEnGRin<br />
Richard Wagner<br />
Musikalische Leitung Kent Nagano<br />
Inszenierung Richard Jones<br />
Günther Groissböck, Robert Dean Smith, Anja Harteros,<br />
Wolfgang Koch, Waltraud Meier, Evgeny Nikitin,<br />
Francesco Petrozzi, Kenneth Roberson, Todd Boyce,<br />
Il Hong, Tölzer Knabenchor<br />
25. / 29. Juli – 18 Uhr<br />
gefördert durch den<br />
BMW München<br />
TannhäusER<br />
Richard Wagner<br />
Musikalische Leitung Kent Nagano<br />
Inszenierung David Alden<br />
Hans-Peter König, Peter Seiffert, Christian Gerhaher,<br />
Ulrich Reß, Christian Van Horn, Kenneth Roberson,<br />
Christoph Stephinger, Petra-Maria Schnitzer, Petra Lang,<br />
Tölzer Knabenchor<br />
28. Juli – 18 Uhr<br />
31. Juli – 16 Uhr<br />
PavillOn 21<br />
Mini OPERa<br />
sPacE<br />
REMdOOGO –<br />
via inTOllERanza ii<br />
Konzept und Regie Christoph Schlingensief<br />
Brigitte Cuvelier, »Kandy« Mamounata Guira,<br />
Kerstin Grassmann, Claudia Sgarbi, Olivia Stahn,<br />
Isabelle Tassembedo; Jean Marie Gomzoubou Boucoungou,<br />
Jean Chaize, Issoufou Kienou, Stefan Kolosko,<br />
Amado Komi, Johannes Lauer, Ahmed Soura,<br />
Nicolas Ulrich Severin Tounga, Abdoul Kader Traore,<br />
Wilfried Zoungrana<br />
24. Juni: Festspiel-Premiere – 20 Uhr<br />
26. / 27. Juni – 20 Uhr<br />
naRREnschiffE<br />
Konzept und Komposition Lucia Ronchetti<br />
Vier musikalische Umzüge für Schauspieler,<br />
Soloinstrumente, Brass Band, Herrenchor und Passanten<br />
29. Juni / 6. / 13. / 20. Juli<br />
Umzüge: Beginn jeweils 18.45 Uhr<br />
Treffpunkt: Max-Joseph-Platz<br />
Festspielvorträge im Anschluss an die Umzüge:<br />
Beginn ca. 20 Uhr<br />
29. Juni Verfluchte Körper I: Zorn<br />
Rednerin Jutta Limbach<br />
6. Juli Verfluchte Körper II: Ermüdung<br />
Rednerin Shirin Ebadi<br />
13. Juli Gerettete Seelen I: Gleichmut<br />
Redner Bazon Brock<br />
20. Juli Gerettete Seelen II: Entzücken<br />
Redner wird noch bekannt gegeben<br />
inTRiGO inTERnaziOnalE<br />
(Kv 492)<br />
Johannes Müller / Philine Rinnert<br />
Komposition Tobias Schwencke<br />
Inszenierung Johannes Müller<br />
Laura Nicorescu, Jill Emerson, Hauke Heumann,<br />
Todd Boyce, Il Hong, Kirsten Burger, Eun Hye Jung<br />
7. Juli: Festspiel-Premiere – 20 Uhr<br />
8. / 9. / 11. Juli – 20 Uhr<br />
fOOTwashinG<br />
fOR ThE sOlE<br />
Performance Adrian Howells<br />
13. bis 18. Juli und 20. bis 24. Juli – jeweils 15 Uhr,<br />
16 Uhr, 17 Uhr, 18 Uhr, 19 Uhr und 20 Uhr<br />
25. Juli – 10 Uhr, 11 Uhr, 12 Uhr, 13 Uhr, 14 Uhr & 15 Uhr<br />
GOlGOTha<br />
Performance Steven Cohen<br />
17. / 18. Juli – 20 Uhr<br />
abOuT us!<br />
Konzept, Komposition, Regie Elliott Sharp<br />
22. Juli: Festspiel-Premiere – 20 Uhr<br />
23. / 24. Juli – 19 Uhr<br />
25. Juli – 15 Uhr<br />
sTuMMfilM: ThE<br />
PhanTOM caRRiaGE<br />
Musik Peter Rehberg und Stephen O’Malley<br />
2. Juli – 20 Uhr<br />
TOscaPiRaTEn<br />
10. Juli<br />
Videocontest: Screening der zehn besten Filme<br />
und Preisverleihung – 18 Uhr<br />
VJs präsentieren ihr Material zur Live-Übertragung der<br />
»Tosca« aus dem Nationaltheater – 19 Uhr<br />
in aRT dREaMs cOME<br />
TRuE<br />
Videozyklus Katarzyna Kozyra<br />
14. Juli – ab 20 Uhr<br />
Pavillon 21<br />
MINI Opera Space presented by<br />
Co-Sponsoren<br />
Kuratorium<br />
Nachmann Rechtsanwälte<br />
gefördert von<br />
Medienpartner<br />
Gesellschaft zur Förderung<br />
der Münchner Opernfestspiele<br />
ballETT<br />
Dr. h.c. Irène Lejeune<br />
Botschafterin des <strong>Bayerische</strong>n Staatsballetts<br />
aRTifacT<br />
William Forsythe<br />
Musik Eva Crossman-Hecht, Ferruccio Busoni /<br />
Johann Sebastian Bach, William Forsythe<br />
Solisten und Ensemble des <strong>Bayerische</strong>n Staatsballetts<br />
Kate Strong, Nicholas Champion, Margot Kazimirska<br />
16. Juli – 19.30 Uhr<br />
100 JahRE ballETs<br />
RussEs<br />
Mikhail Fokine / Bronislawa Nijinska / Terence Kohler<br />
Shéhérazade<br />
Mikhail Fokine<br />
Musik Nikolai Rimski-Korsakow<br />
Les Biches<br />
Bronislawa Nijinska<br />
Musik Francis Poulenc<br />
Once Upon An Ever After<br />
Terence Kohler<br />
Musik Peter I. Tschaikowsky<br />
Musikalische Leitung Valery Ovsianikov<br />
Solisten und Ensemble des <strong>Bayerische</strong>n Staatsballetts<br />
1. Juli – 19.30 Uhr<br />
anna TanzT v<br />
Bei mir oder bei dir?<br />
Künstlerische Leitung Ruth Geiersberger<br />
Idee Bettina Wagner-Bergelt<br />
Lenka Flory<br />
Ein choreografisches Generationenprojekt des <strong>Bayerische</strong>n<br />
Staatsballett mit 90 Schülern der 8. Jahrgangsstufe<br />
des Münchner Städtischen St. Anna Gymnasiums, des<br />
München Kollegs und Damen und Herren über 65<br />
28. Juli – 11 und 19 Uhr<br />
29. Juli – 15 und 19 Uhr<br />
Muffathalle<br />
Leidenschaft<br />
für unsere Kunden<br />
Oliver Wyman ist eine internationale Managementberatung<br />
mit weltweit 2.900 Mitarbeitern in mehr als 40 Büros.<br />
Gemeinsam mit unseren Kunden entwickeln und realisieren<br />
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K O n z E R T<br />
d u O R E c i T a l<br />
Claude Debussy, Richard Strauss, Leoš Janáček,<br />
Ludwig van Beethoven<br />
4. Juli – 11 Uhr<br />
Allerheiligen Hofkirche<br />
Violoncello Peter Wöpke; Klavier Oliver Triendl<br />
KaMMERKOnzERT i<br />
Richard Strauss und andere<br />
11. Juli – 20 Uhr<br />
Cuvilliés-Theater<br />
Bläsersolisten des <strong>Bayerische</strong>n Staatsorchesters<br />
KaMMERKOnzERT ii<br />
Richard Strauss, Ludwig van Beethoven, Antonín Dvoˇrák<br />
12. Juli – 20 Uhr<br />
Cuvilliés-Theater<br />
Münchner Klaviertrio:<br />
Violine Michael Arlt; Violoncello Gerhard Zank<br />
Klavier Donald Sulzen<br />
KaMMERKOnzERT iii<br />
Richard Strauss, Hans Pfitzner<br />
16. Juli – 20 Uhr<br />
Cuvilliés-Theater<br />
Violine Markus Wolf, So-Young Kim<br />
Viola Stephan Finkentey; Violoncello Allan Bergius<br />
Klavier Julian Riem<br />
KaMMERKOnzERT iv<br />
Richard Strauss, Johannes Brahms, Arnold Schönberg<br />
18. Juli – 11 Uhr<br />
21. Juli – 20 Uhr<br />
Allerheiligen Hofkirche<br />
Sopran Annegeer Stumphius; Flöte / Piccolo Andrea Ikker<br />
Klarinette / Bassklarinette Jürgen Key<br />
Violine / Viola Arben Spahiu; Violoncello Peter Wöpke<br />
Klavier Sophie Raynaud; Leitung Kent Nagano<br />
KaMMERKOnzERT v<br />
Richard Strauss, Anton Webern, Josef Suk,<br />
Wolfgang Amadeus Mozart<br />
23. Juli – 20 Uhr<br />
Cuvilliés-Theater<br />
Violine So-Young Kim, Guido Gärtner<br />
Viola Tilo Widenmeyer<br />
Violoncello Benedikt Don Strohmeier; Klavier So-Jin Kim<br />
KaMMERKOnzERT vi<br />
Richard Strauss, Gustav Mahler<br />
24. Juli – 20 Uhr<br />
Cuvilliés-Theater<br />
Violine Susanne Gargerle, Isolde Lehrmann<br />
Viola Stephan Finkentey<br />
Violoncello Dietrich von Kaltenborn<br />
Kontrabass Stefan Rauh; Flöte Paolo Taballione<br />
Oboe Heike Steinbrecher; Klarinette Andreas Schablas<br />
Fagott Moritz Winker; Horn Johannes Dengler<br />
Schlagzeug Thomas März, Pieter Roijen<br />
Celesta / Harmonium Nicolai Krügel; Klavier Roberta Ropa<br />
KOnzERT anGEla<br />
dEnOKE & band<br />
Kurt Weill, Friedrich Holländer, Peter Kreuder,<br />
Theo Mackeben, Birger Heymann und Bronislaw Kaper<br />
25. Juli – 20 Uhr<br />
Prinzregententheater<br />
Sopran Angela Denoke; Klavier Tal Balshai; Bass Jan Roder<br />
Saxofon Robert Nagel; Schlagzeug Michael Griener<br />
KOnzERT dER<br />
ORchEsTERaKadEMiE<br />
Anton Webern, Ernest Bloch, Gustav Mahler /<br />
Arnold Schönberg, Franz Schreker<br />
22. Juli – 20 Uhr<br />
Cuvilliés-Theater<br />
Die Orchesterakademie des <strong>Bayerische</strong>n Staatsorchesters<br />
Violoncello Nicolas Defranoux; Bariton John Chest<br />
Leitung Kent Nagano<br />
Hauptsponsor<br />
der Orchesterakademie<br />
KOnzERT dEs<br />
OP E R n sTudiOs<br />
Gaetano Donizetti, Georges Bizet, Jules Massenet,<br />
Ruggero Leoncavallo<br />
28. Juli – 20 Uhr<br />
Cuvilliés-Theater<br />
Das Opernstudio der <strong>Bayerische</strong>n <strong>Staatsoper</strong><br />
liEdERabEndE:<br />
diana daMRau<br />
Lieder mit Harfenbegleitung<br />
4. Juli – 20 Uhr<br />
Prinzregententheater<br />
Harfe Xavier de Maistre<br />
anJa haRTEROs<br />
Franz Schubert, Hugo Wolf, Johannes Brahms,<br />
Richard Strauss<br />
11. Juli – 20 Uhr<br />
Pianist Wolfram Rieger<br />
KRassiMiRa<br />
sTOyanOva/<br />
vEssElina KasaROva<br />
Vincenzo Bellini, Gaetano Donizetti, Charles Gounod,<br />
Giacomo Puccini, Antonín Dvoˇrák, Peter I. Tschaikowsky<br />
und Sergej Rachmaninow<br />
20. Juli – 20 Uhr<br />
Pianist Jendrik Springer<br />
aGnEs balTsa<br />
Griechische Lieder von Mikis Theodorakis,<br />
Stavros Xarhakos, Manos Hadzidakis, Vassilis Tsitsanis<br />
und Spiros Peristeris<br />
24. Juli – 20 Uhr<br />
Prinzregententheater<br />
Pianist Achilleas Wastor<br />
JOnas KaufMann<br />
Robert Schumann und Gustav Mahler<br />
30. Juli – 20 Uhr<br />
Pianist Helmut Deutsch<br />
OPER fÜR allE<br />
Eintritt frei dank des<br />
BMW München<br />
fEsTsPiElKOnzERT<br />
Claude Debussy, Richard Strauss<br />
26. Juni – 20 Uhr<br />
Max-Joseph-Platz<br />
<strong>Bayerische</strong>s Staatsorchester<br />
ATTACCA – Jugendorchester des <strong>Bayerische</strong>n<br />
Staats orchesters<br />
Leitung Kent Nagano<br />
TOsca<br />
Giacomo Puccini<br />
10. Juli – 20 Uhr<br />
Max-Joseph-Platz<br />
Audiovisuelle Live-Übertragung auf Groß-Videowand aus<br />
dem Nationaltheater<br />
unicREdiT<br />
fEsTsPiElnachT<br />
Fünf Höfe, HVB Forum, Pavillon 21,<br />
Filiale Altstadt der HypoVereinsbank,<br />
Kardinal-Faulhaber-Straße<br />
27. Juni – 20 Uhr<br />
Eintritt kostenlos<br />
www.unicredit-festspiel-nacht.de<br />
fEsTsPiEl<br />
GOTTEsdiEnsT<br />
Wolfgang Amadeus Mozart<br />
27. Juni – 10 Uhr<br />
St. Michael, Neuhauser Straße<br />
Mitglieder und Solisten der <strong>Bayerische</strong>n <strong>Staatsoper</strong> und<br />
des <strong>Bayerische</strong>n Staatsorchesters<br />
Musikalische Leitung Kent Nagano<br />
In Zusammenarbeit mit der Erzdiözese München und<br />
Freising<br />
Soweit nichts anders angege ben, finden alle<br />
Veranstaltungen im Nationaltheater statt.<br />
KaRTEn<br />
Tageskasse der <strong>Bayerische</strong>n <strong>Staatsoper</strong><br />
Marstallplatz 5<br />
80539 München<br />
T 089 – 21 85 19 20<br />
tickets@st-oper.bayern.de<br />
www.staatsoper.de<br />
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Apartments & Hotel<br />
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Hochbrückenstraße 18<br />
80331 München<br />
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Das Maximilian Munich – eine Oase der Ruhe im Herzen von<br />
München. Schlafen wie in Romeos Armen in unmittelbarer Nähe<br />
zu Schauspielhaus und <strong>Staatsoper</strong> – 54 stilvoll eingerichtete<br />
Studios und Suiten sowie das italienische Restaurant „D´Aversa“<br />
mit gemütlichem Winter- und Biergarten warten auf Sie.<br />
Herzlich Willkommen!
120 — Adieu<br />
Endloses Ende: Der Künstler Daniel Blaufuks hat unzählige Filmenden abfotografiert.<br />
Für ihn sind sie »keine Enden, sondern Anfänge«.<br />
—