Lawinenunfälle beim Touren- und Variantenfahren - BfU
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fu–Gr<strong>und</strong>lagen<br />
<strong>Lawinenunfälle</strong> <strong>beim</strong><br />
<strong>Touren</strong>- <strong>und</strong> <strong>Variantenfahren</strong><br />
Autoren: Bern 2012<br />
Monique Walter, Othmar Brügger<br />
bfu – Beratungsstelle für Unfallverhütung
fu-Gr<strong>und</strong>lagen<br />
<strong>Lawinenunfälle</strong> <strong>beim</strong><br />
<strong>Touren</strong>- <strong>und</strong> <strong>Variantenfahren</strong><br />
Unfall-, Risiko- <strong>und</strong> Interventionsanalyse<br />
Autoren: Bern 2012<br />
Monique Walter, Othmar Brügger<br />
bfu – Beratungsstelle für Unfallverhütung
Impressum<br />
Herausgeberin bfu – Beratungsstelle für Unfallverhütung<br />
Postfach 8236<br />
CH-3001 Bern<br />
Tel. +41 31 390 22 22<br />
Fax +41 31 390 22 30<br />
info@bfu.ch<br />
www.bfu.ch<br />
Bezug als PDF auf www.bfu.ch/bestellen, Art.-Nr. 2.095<br />
Autoren Monique Walter, Beraterin Sport, bfu<br />
Othmar Brügger, MSc ETH Bew.-wiss., Teamleiter Forschung Sport <strong>und</strong> Haus/Freizeit, bfu<br />
Projektteam Hansjürg Thüler, Leiter Sport, bfu<br />
Fränk Hofer, ehemaliger Leiter Sport, bfu<br />
Regina Münstermann, Sachbearbeiterin Sport, bfu<br />
Abteilung Publikationen/Sprachen, bfu<br />
© bfu 2012 Alle Rechte vorbehalten; Reproduktion (z. B. Fotokopie), Speicherung, Verarbeitung <strong>und</strong> Verbreitung<br />
sind mit Quellenangabe (s. Zitationsvorschlag) gestattet.<br />
Zitationsvorschlag Walter M, Brügger O. <strong>Lawinenunfälle</strong> <strong>beim</strong> <strong>Touren</strong>- <strong>und</strong> <strong>Variantenfahren</strong>: Unfall-, Risiko- <strong>und</strong><br />
Interventionsanalyse. Bern: bfu – Beratungsstelle für Unfallverhütung; 2012. bfu-Gr<strong>und</strong>lagen.<br />
Aus Gründen der Lesbarkeit verzichten wir darauf, konsequent die männliche <strong>und</strong> weibliche<br />
Formulierung zu verwenden.
Inhalt<br />
I. Zusammenfassung/Résumé 5<br />
1. <strong>Lawinenunfälle</strong> <strong>beim</strong> <strong>Touren</strong>- <strong>und</strong> <strong>Variantenfahren</strong> 5<br />
2. Accidents d'avalanches dans la pratique de la randonnée à ski et du hors-piste 9<br />
II. Einleitung 13<br />
1. Ausgangslage <strong>und</strong> Ziele 13<br />
2. Glossar 13<br />
3. Rechtliche Situation 14<br />
III. Sportgeschehen 16<br />
1. Sportausübung 16<br />
2. Geschlecht <strong>und</strong> Alter 16<br />
3. Gefahrenstufe <strong>und</strong> Hangneigung 16<br />
4. Organisationsform 16<br />
IV. Unfallanalyse 17<br />
1. Unfallausmass 17<br />
2. Tödliche <strong>Lawinenunfälle</strong> 17<br />
V. Risikoanalyse 19<br />
1. Lawinengefahrenstufe 19<br />
2. Gelände 20<br />
3. Verhältnisse 20<br />
4. Wissen über Lawinengefahr 20<br />
5. Risikoverhalten 22<br />
6. Verschüttung/Rettung 23<br />
7. Übersicht Risikofaktoren 24<br />
VI. Interventionsanalyse 25<br />
1. Präventionsmöglichkeiten 25<br />
2. Präventionsempfehlungen 27<br />
VII. Fazit 32<br />
Quellenverzeichnis 33<br />
bfu-Gr<strong>und</strong>lagen Inhalt 3
Anhang: Medienmitteilung vom 24.1.2012 34<br />
Annexe: Communiqué de presse du 24.1.2012 35<br />
4 Inhalt bfu-Gr<strong>und</strong>lagen
I. Zusammenfassung/Résumé<br />
1. <strong>Lawinenunfälle</strong> <strong>beim</strong> <strong>Touren</strong>- <strong>und</strong><br />
<strong>Variantenfahren</strong><br />
1.1 Ausgangslage<br />
<strong>Touren</strong>- <strong>und</strong> <strong>Variantenfahren</strong> wird immer beliebter.<br />
<strong>Lawinenunfälle</strong> <strong>beim</strong> Skifahren <strong>und</strong> Snowboarden<br />
abseits der gesicherten Abfahrten <strong>und</strong> Routen sind<br />
aber ein bedeutendes Problem im Alpenland<br />
Schweiz: Jährlich sterben dabei r<strong>und</strong> 20 Schnee-<br />
sportler. Lawinenprävention hat bei uns eine lange<br />
Tradition. Das expositionsbezogene Risiko für tödli-<br />
che <strong>Lawinenunfälle</strong> hat in den letzten Jahrzehnten<br />
deutlich abgenommen, ist aber immer noch (zu)<br />
hoch.<br />
In diesem Bericht werden ausgehend vom Un-<br />
fallgeschehen die Relevanz von ausgewählten Risi-<br />
kofaktoren <strong>und</strong> die Wirksamkeit von Präven-<br />
tionsmöglichkeiten abgeschätzt. Die daraus abge-<br />
leiteten empfehlenswerten Massnahmen könnten<br />
dazu beitragen, das Risiko für <strong>Lawinenunfälle</strong> in<br />
der Schweiz weiter zu senken.<br />
Abbildung 1<br />
Unfallschwerpunkte bei <strong>Lawinenunfälle</strong>n<br />
Wer?<br />
Männer<br />
Selbst organisierte Sportler<br />
Ausländische Gäste<br />
Wie?<br />
Verschüttung<br />
Ersticken<br />
Polytrauma<br />
1.2 Unfallanalyse<br />
Durchschnittlich sterben jährlich r<strong>und</strong> 20 Personen<br />
durch Lawinen <strong>beim</strong> <strong>Touren</strong>- <strong>und</strong> Varian-<br />
tenfahren im freien Gelände. 84 % der Todes-<br />
opfer sind Männer.<br />
R<strong>und</strong> 80 % der Verunfallten sind selbst orga-<br />
nisiert unterwegs, r<strong>und</strong> ein Drittel sind auslän-<br />
dische Gäste.<br />
R<strong>und</strong> 20 % der von Lawinen erfassten Personen<br />
sterben, mehrheitlich durch Ersticken, oft aber<br />
auch durch die Verletzungen, die sie sich <strong>beim</strong><br />
Lawinenniedergang zugezogen haben.<br />
Was?<br />
<strong>Touren</strong>fahren<br />
<strong>Variantenfahren</strong><br />
bfu-Gr<strong>und</strong>lagen Zusammenfassung/Résumé 5
1.3 Risikoanalyse<br />
Vielen Schneesportlern fehlt es an Risikokompe-<br />
tenz. Dazu gehört einerseits das Gefahren-<br />
bewusstsein: Die Wahrnehmung der Gefahren<br />
ist mangelhaft, die Beurteilung der Situation nicht<br />
korrekt <strong>und</strong> es werden die falschen Schlüsse gezo-<br />
gen. Ursache hierfür sind unter anderem mangeln-<br />
de oder fehlende Ausbildung <strong>und</strong> Erfahrung. Zu-<br />
dem fehlen die nötigen Selbststeuerungsfähig-<br />
keiten: Es werden falsche oder nicht sicherheits-<br />
orientierte Entscheidungen gefällt oder es wird<br />
nicht entsprechend gehandelt.<br />
63 % der Unfälle ereignen sich in Hängen mit einer<br />
Neigung von 36-45°, mehrheitlich in den Hang-<br />
expositionen Nordwest-Nord-Nordost-Ost <strong>und</strong><br />
in kammnahem, muldenförmigem oder fels-<br />
durchsetztem Gelände.<br />
Die meisten Todesopfer verunfallen bei der Lawi-<br />
nengefahrenstufe 3 «erheblich» (53 %) oder bei<br />
Stufe 2 «mässig» (32 %). <strong>Touren</strong>fahrer verunfallen<br />
häufig bei den Gefahrenstufen 3 «erheblich»<br />
Abbildung 2<br />
Risikoanalyse: Hauptrisikofaktoren bei <strong>Lawinenunfälle</strong>n<br />
Intrinsisch<br />
Mangelnde Wahrnehmungs- <strong>und</strong><br />
Beurteilungskompetenz<br />
Mangelnde Entscheidungs- <strong>und</strong><br />
Handlungskompetenz<br />
(48 %) <strong>und</strong> 2 «mässig» (36 %), Variantenfahrer<br />
vor allem bei Gefahrenstufe 3 «erheblich» (61 %).<br />
Kommt es zu einer Erfassung durch eine Lawine,<br />
erhöht sich die Überlebenschance deutlich, wenn<br />
die verunfallte Person nicht ganz verschüttet wird.<br />
2 von 5 ganzverschütteten Personen sterben. Die-<br />
ses Verschüttungsrisiko kann durch einen Lawi-<br />
nen-Airbag vermindert werden.<br />
Bei einer Lawinenverschüttung ist eine effiziente<br />
Kameradenrettung wichtig, denn die Über-<br />
lebenschancen sinken nach 15 Minuten rapide ab.<br />
Deshalb sollte man nicht allein unterwegs sein <strong>und</strong><br />
die nötige Notfallausrüstung mit sich führen sowie<br />
den Umgang damit kennen <strong>und</strong> geübt haben.<br />
Extrinsisch<br />
Hangneigung 36–45°<br />
Nördliche Hangexposition<br />
Kammnah, muldenförmig, felsdurchsetzt<br />
Lawinengefahrenstufen 2 <strong>und</strong> 3<br />
Fehlender Lawinenairbag<br />
Ineffiziente Kameradenrettung<br />
6 Zusammenfassung/Résumé bfu-Gr<strong>und</strong>lagen
1.4 Interventionsanalyse<br />
Leider weiss man zu wenig darüber, warum sich<br />
die verunfallten Schneesportler in Bereichen mit<br />
hohem Risiko aufgehalten haben. Die Exposi-<br />
tionszeit <strong>und</strong> das Verhalten in Abhängigkeit von<br />
Hangsteilheit oder Lawinengefahrenstufe sind in<br />
der Forschung kaum untersucht worden.<br />
Der Hauptfokus der Prävention muss darauf gelegt<br />
werden, die <strong>Touren</strong>fahrer <strong>und</strong> Freerider dazu zu<br />
bringen, risikoreiche Situationen zu meiden. An<br />
den Verhältnissen selbst kann kaum etwas geän-<br />
dert werden. Das Gefahrenbewusstsein muss<br />
erhöht werden. Durch Ausbildung <strong>und</strong> Erfahrung<br />
kann die Wahrnehmungs- <strong>und</strong> Beurteilungs-<br />
kompetenz verbessert werden. Dabei sollten ver-<br />
mehrt einfache Hilfsmittel für Planung <strong>und</strong> Be-<br />
urteilung zur Verfügung gestellt werden. Die<br />
Selbststeuerungsfähigkeiten für richtige Ent-<br />
scheidungen <strong>und</strong> sicherheitsorientierte Handlungen<br />
sollen so verbessert werden, dass die Schneesport-<br />
ler willens <strong>und</strong> fähig sind, ihr Risiko zu senken <strong>und</strong><br />
gefährliches Gelände zu meiden.<br />
Abbildung 3<br />
Interventionsanalyse: bfu-Präventionsempfehlungen<br />
Alternativ können sich Schneesportler ohne ent-<br />
sprechende Kompetenzen Profis oder erfahrenen<br />
Personen anschliessen. Deren Ausbildung für die<br />
Führung von Personen in lawinengefährdetem<br />
Gelände sollte verbessert werden, so dass die Si-<br />
cherheit weiter erhöht wird.<br />
Bergbahnunternehmen sollten mehr gesicherte<br />
Abfahrtsrouten anbieten. Auch für <strong>Touren</strong>fahrer<br />
sollte ein Schonraum geschaffen werden. Uner-<br />
fahrene sollten den angebotenen Schonraum<br />
dann auch nutzen.<br />
Sollte es doch zu einer Lawinenerfassung mit Ver-<br />
schüttung kommen, kann ein Airbag eine Ganz-<br />
verschüttung möglicherweise verhindern, zudem<br />
kann der effiziente Umgang mit der Not-<br />
fallausrüstung die Überlebenschancen erhöhen.<br />
Zur Umsetzung der Massnahmen braucht es das<br />
Weiterführen der bereits bestehenden Zusam-<br />
menarbeit aller involvierten Partner <strong>und</strong> den<br />
internationalen Austausch, damit auch die aus-<br />
ländischen Gäste erreicht werden können.<br />
Forschung Ausbildung Beratung Kommunikation Kooperation<br />
Unfallforschung<br />
Wissensmanagement<br />
Wahrnehmung <strong>und</strong><br />
Beurteilung<br />
Selbststeuerung<br />
Führung von Personen<br />
Schonraum<br />
Planungs- <strong>und</strong><br />
Beurteilungshilfen<br />
Gefahrenbewusstsein<br />
bfu-Gr<strong>und</strong>lagen Zusammenfassung/Résumé 7<br />
Airbag<br />
Notfallausrüstung<br />
Zusammenarbeit mit<br />
Partnern<br />
Internationaler<br />
Austausch
1.5 Fazit<br />
<strong>Touren</strong>- <strong>und</strong> <strong>Variantenfahren</strong> wird immer beliebter.<br />
Dabei besteht die Gefahr eines Lawinenunfalls.<br />
Um dieses Risiko reduzieren zu können, ist es emp-<br />
fehlenswert, prioritär defensives Verhalten (Einbau<br />
einer Sicherheitsreserve) zu fördern. Dazu sind vor<br />
allem die folgenden Massnahmen umzusetzen:<br />
� Gefahrenbewusstsein erhöhen<br />
� Entscheidungs- <strong>und</strong> Handlungskompetenz ver-<br />
bessern<br />
Einsteiger, Unerfahrene, Unk<strong>und</strong>ige, also Personen,<br />
die keine Lawinen-Ausbildung besucht <strong>und</strong> keine<br />
oder nur wenige Kenntnisse in Lawinenk<strong>und</strong>e ha-<br />
ben sollen sich einer lawinenk<strong>und</strong>igen Leitung<br />
anschliessen oder das lawinengefährdete Gelände<br />
meiden <strong>und</strong> sich in einem Schonraum bewegen.<br />
Das erfordert<br />
� die Erhöhung der Sicherheit in geführten Grup-<br />
pen, indem die Risikokompetenz der Führenden<br />
durch Ausbildung weiter verbessert wird,<br />
� die Schaffung von entsprechendem Schonraum<br />
(Abfahrtsrouten, Verzeichnis von <strong>Touren</strong> mit<br />
geringem Lawinenrisiko).<br />
Ob <strong>und</strong> wie die empfohlenen Massnahmen um-<br />
gesetzt werden, hängt von der Bereitschaft der<br />
Partner <strong>und</strong> der betroffenen Schneesportler ab.<br />
8 Zusammenfassung/Résumé bfu-Gr<strong>und</strong>lagen
2e Accidents d'avalanches dans la pra-<br />
tique de la randonnée à ski et du<br />
hors-piste<br />
2.1 Introduction<br />
La randonnée et le hors-piste sont de plus en plus<br />
populaires. Mais les accidents d'avalanche qui se<br />
produisent lorsque le ski et le snowboard sont<br />
pratiqués hors des pistes et itinéraires sécurisés<br />
représentent un problème important en Suisse qui,<br />
chaque année, coûte la vie à une vingtaine de per-<br />
sonnes. La prévention des avalanches a une longue<br />
tradition dans notre pays. Le risque d'accidents<br />
d'avalanche mortelle lié à l'exposition a nettement<br />
diminué au cours des dernières décennies, mais<br />
reste encore (trop) élevé.<br />
Le présent rapport évalue l'importance de facteurs<br />
de risque choisis sur l'accidentalité et l'efficacité de<br />
possibilités préventives. Les recommandations qui<br />
en découlent pourraient contribuer à diminuer<br />
encore le risque d'accidents d'avalanche en Suisse.<br />
Illustration 1<br />
Points noirs des accidents d'avalanche<br />
Qui?<br />
Hommes<br />
Sportifs autonomes<br />
Touristes étrangers<br />
Comment?<br />
2.2 Analyse des accidents<br />
Chaque année, en moyenne, quelque 20 per-<br />
sonnes perdent la vie en pratiquant la randonnée<br />
et le hors-piste à l'écart des pistes et itinéraires<br />
sécurisés. 84 % des victimes sont des hommes.<br />
80 % env. des accidentés s'étaient organisés eux-<br />
mêmes et près d'un tiers étaient des touristes<br />
étrangers.<br />
Ensevelissement<br />
Asphyxie<br />
Polytraumatisme<br />
Près de 20 % des victimes d'avalanches meurent,<br />
principalement par asphyxie, mais souvent aussi<br />
suite aux blessures causées par l'avalanche.<br />
Quoi?<br />
Randonnée à ski<br />
Hors-piste<br />
bfu-Gr<strong>und</strong>lagen Zusammenfassung/Résumé 9
2.3 Analyse des risques<br />
De nombreux adeptes de sports de neige n'ont pas<br />
de compétences en matière de risque, dont la<br />
conscience des dangers fait partie. En effet, la<br />
perception des dangers est lacunaire, l'évalu-<br />
ation de la situation n'est pas correcte et les con-<br />
clusions tirées sont fausses. Les causes en sont,<br />
entre autres, une formation et une expérience<br />
lacunaire ou absente. De plus, ils n'ont pas les<br />
capacités nécessaires pour se gérer seuls: ils pren-<br />
nent de mauvaises décisions ou des décisions qui<br />
ne tiennent pas compte de la sécurité, ou n'agis-<br />
sent pas en conséquence.<br />
63 % des accidents ont lieu sur des pentes d'une<br />
déclivité comprise entre 36° et 45° majoritairement<br />
exposées nord-ouest/nord/nord-est/est et dans des<br />
terrains proches des crêtes, rocheux ou dans<br />
des cuvettes.<br />
La plupart des victimes sont accidentées lorsque le<br />
degré de danger d'avalanche est de 3 «mar-<br />
qué» (53 %) ou de 2 «limité» (32 %). Les randon-<br />
neurs sont souvent accidentés lorsque le degré de<br />
danger est de 3 «marqué» » (48 %) et de 2 «limi-<br />
té» (36 %), ceux qui font du hors-piste surtout<br />
lorsque le degré de danger est de 3 «marqué»<br />
(61 %).<br />
En cas d'avalanche, les chances de survie sont net-<br />
tement meilleures si la personne accidentée n'est<br />
pas totalement ensevelie. Sur cinq personnes tota-<br />
lement ensevelies, deux décèdent. Un airbag<br />
d'avalanche permet de réduire le risque d'enseve-<br />
lissement.<br />
Illustration 2<br />
Analyse des risques: principaux facteurs de risque des accidents d'avalanche<br />
intrinsèques<br />
Manque de compétences de perception et<br />
d’évaluation<br />
Manque de compétences de décision et d’action<br />
Les chances de survie diminuant rapidement après<br />
15 minutes, l'intervention efficace des cama-<br />
rades est cruciale. Il ne faudrait donc pas partir<br />
seul, être muni de l'équipement de secours néces-<br />
saire et être familiarisé avec son utilisation.<br />
extrinsèques<br />
Déclivité 36-45°<br />
Pente exposée au nord,<br />
proche des crêtes, cuvettes, terrain rocheux<br />
Degrés de danger d’avalanche 2 et 3<br />
Absence d’airbag d’avalanche<br />
Inefficacité des secours par les camarades<br />
10 Zusammenfassung/Résumé bfu-Gr<strong>und</strong>lagen
2.4 Analyse des interventions<br />
Sur bien des points, la recherche est encore très<br />
lacunaire. On ne sait pas pourquoi, par exemple,<br />
les victimes d'avalanche se trouvaient dans des<br />
zones à haut risque. De même, le temps d'expo-<br />
sition et le comportement en fonction de la déclivi-<br />
té ou du degré de danger d'avalanche n'ont<br />
presque pas été étudiés.<br />
L'objectif principal de la prévention est d'arriver à<br />
ce que les randonneurs et les adeptes du hors-piste<br />
évitent les situations à risque. Les conditions elles-<br />
mêmes pouvant difficilement être changées, il faut<br />
augmenter la conscience des dangers. Les com-<br />
pétences en matière de perception et d'évalua-<br />
tion peuvent être améliorées par la formation et<br />
l'expérience. Il faudrait mettre davantage d'outils<br />
simples à disposition pour la planification et<br />
l'évaluation. Il faut améliorer les capacités per-<br />
mettant la gestion de soi, c'est-à-dire de prendre<br />
les bonnes décisions et d'agir en fonction de la<br />
sécurité de manière à ce que les sportifs soient<br />
d'accord et capables de réduire leur risque et d'évi-<br />
ter les terrains dangereux.<br />
Illustration 3<br />
Analyse des interventions: les recommandations préventives du bpa<br />
Pour les sportifs ne disposant pas des compétences<br />
nécessaires, l'alternative consiste à s'adjoindre des<br />
professionnels ou des personnes expérimentées.<br />
Pour continuer à augmenter la sécurité, la forma-<br />
tion de ces personnes en tant que guides dans des<br />
terrains menacés d'avalanches doit être améliorée.<br />
Les entreprises de remontées mécaniques devraient<br />
proposer davantage d'itinéraires sécurisés. Pour les<br />
randonneurs, il faudrait aussi créer un espace pro-<br />
tégé que les personnes inexpérimentées devraient<br />
utiliser.<br />
En cas d'ensevelissement par une avalanche, un<br />
airbag peut éventuellement éviter un ensevelis-<br />
sement total. De plus, une utilisation efficace de<br />
l'équipement de secours peut augmenter les<br />
chances de survie.<br />
La mise en œuvre des mesures nécessite la pour-<br />
suite de la collaboration de tous les partenaires<br />
impliqués et l'échange international pour aussi<br />
atteindre les touristes étrangers.<br />
Recherche Formation Conseil Communication Coopération<br />
Recherche<br />
accidentologique<br />
Gestion des<br />
connaissances<br />
Perception et évaluation<br />
Gestion de soi<br />
Conduite de personnes<br />
Espace protégé<br />
Aides à la planification<br />
et à l’évaluation<br />
Conscience des dangers<br />
Airbag<br />
Equipement de secours<br />
Collaboration avec les<br />
partenaires<br />
Echange international<br />
Recherche Formation Conseil Communication Coopération<br />
bfu-Gr<strong>und</strong>lagen Zusammenfassung/Résumé 11<br />
Recherche<br />
Perception et évaluation<br />
Espace protégé Conscience des dangers Collaboration avec les<br />
accidentologique<br />
partenaires<br />
Gestion des<br />
Aides à la planification<br />
Airbag
2.5 Conclusion<br />
La popularité croissante de la randonnée et du<br />
hors-piste va de pair avec le risque d'accident<br />
d'avalanche.<br />
Afin de réduire ce risque, il faut, prioritairement,<br />
encourager un comportement défensif (marge de<br />
sécurité) en appliquant en particulier les mesures<br />
suivantes:<br />
� augmenter la conscience des dangers<br />
� améliorer les compétences de décision et d'ac-<br />
tion<br />
Les débutants, les sportifs inexpérimentés et toutes<br />
les personnes qui n’ont pas suivi de formation sur<br />
les avalanches ou qui n’ont que peu ou pas de<br />
connaissances en la matière devraient s'adjoindre<br />
les services de professionnels ou éviter les terrains<br />
exposés et rester dans un espace protégé. Pour<br />
cela, il faut:<br />
� continuer à augmenter la sécurité en améliorant<br />
les compétences des professionnels en matière<br />
de risque par le biais de la formation<br />
� créer des espaces protégés (itinéraires, réper-<br />
toire de courses à faible danger d'avalanche)<br />
La mise en pratique des mesures recommandées<br />
dépend de la volonté des partenaires et des sportifs<br />
concernés.<br />
12 Zusammenfassung/Résumé bfu-Gr<strong>und</strong>lagen
II. Einleitung<br />
1. Ausgangslage <strong>und</strong> Ziele<br />
Immer mehr Personen bewegen sich im Winter im<br />
freien Gelände. Beim Skifahren <strong>und</strong> Snowboarden<br />
abseits der gesicherten Abfahrten <strong>und</strong> Routen<br />
droht jedoch Lawinengefahr. <strong>Lawinenunfälle</strong> sind<br />
ein bedeutendes Problem im Alpenland Schweiz.<br />
Jährlich sterben so r<strong>und</strong> 20 Schneesportler. 2 von 5<br />
Wintersportlern, die ganz von einer Lawine ver-<br />
schüttet werden, finden den Tod.<br />
Lawinenprävention hat in der Schweiz eine lange<br />
Tradition. So setzt sich z. B. das WSL-Institut für<br />
Schnee- <strong>und</strong> Lawinenforschung SLF seit über 75<br />
Jahren für die Prävention ein. Das expositions-<br />
bezogene Risiko für tödliche <strong>Lawinenunfälle</strong> hat in<br />
den letzten Jahrzehnten deutlich abgenommen.<br />
Viele der bereits heute realisierten Präven-<br />
tionsmassnahmen haben eine grosse Bedeutung<br />
<strong>und</strong> es gilt, diese weiterzuführen.<br />
Im vorliegenden Bericht werden ausgehend vom<br />
Unfallgeschehen in der Schweiz <strong>und</strong> von den Er-<br />
kenntnissen aus der wissenschaftlichen Literatur<br />
die Relevanz von ausgewählten Risikofaktoren <strong>und</strong><br />
die Wirksamkeit von potenziellen Prä-<br />
ventionsmassnahmen abgeschätzt. Die empfeh-<br />
lenswerten Massnahmen könnten dazu beitragen,<br />
das Risiko für <strong>Lawinenunfälle</strong> in der Schweiz weiter<br />
zu senken. Es wird dabei auf Massnahmen fokus-<br />
siert, die die Erfassung <strong>und</strong> Verschüttung durch<br />
eine Lawine verhindern (primäre Prävention) <strong>und</strong><br />
erst in zweiter Priorität auf Rettungsmassnahmen<br />
nach einer Erfassung. Ob <strong>und</strong> wie die hier vorge-<br />
schlagenen Massnahmen realisiert werden können,<br />
hängt von mehreren Faktoren wie den vorhande-<br />
nen Ressourcen oder der Bereitschaft der Partner<br />
bfu-Gr<strong>und</strong>lagen Einleitung 13<br />
ab.<br />
2. Glossar<br />
Schneesportabfahrten (kurz: Abfahrten) sind<br />
Pisten, Abfahrtsrouten <strong>und</strong> Wege, die von den<br />
verkehrssicherungspflichtigen Betreibern vor alpi-<br />
nen Gefahren gesichert werden. Pisten werden<br />
markiert, hergerichtet, unterhalten <strong>und</strong> kontrolliert.<br />
Abfahrtsrouten werden markiert, aber weder<br />
hergerichtet noch kontrolliert. Wege sind Teile von<br />
Abfahrten oder verbinden solche untereinander [1].<br />
Freies Schneesportgelände (kurz: freies Gelände)<br />
ist alles, was nicht als markierte Abfahrt bereitge-<br />
stellt wird, einschliesslich Varianten, «wilde Pisten»<br />
<strong>und</strong> dem Bereich zwischen Pisten [2].<br />
<strong>Variantenfahren</strong>/Freeriden: Abfahren abseits<br />
der markierten <strong>und</strong> gesicherten Pisten <strong>und</strong> Ab-<br />
fahrtsrouten mit Ski oder Snowboard. Der Aus-<br />
gangspunkt wird mit einem Lift, einer Bahn oder<br />
mit dem Helikopter erreicht.<br />
<strong>Touren</strong>fahren/<strong>Touren</strong>gehen: Aufstieg aus eige-<br />
ner Kraft mit Ski oder Schneeschuhen <strong>und</strong> an-<br />
schliessend Abfahrt mit Ski oder Snowboard ab-<br />
seits von markierten Abfahrten, in der Regel eher<br />
weiter weg vom Schneesportgebiet als <strong>beim</strong> Free-<br />
riden.
Lawinenbulletin: Lawinenlagebericht, den das<br />
WSL-Institut für Schnee- <strong>und</strong> Lawinenforschung<br />
SLF in Davos im Winter täglich veröffentlicht.<br />
Lawinengefahrenstufe(n): Das WSL-Institut für<br />
Schnee- <strong>und</strong> Lawinenforschung SLF in Davos<br />
schätzt die Lawinengefahr anhand einer europa-<br />
weit verwendeten 5-stufigen Lawinengefahren-<br />
skala ein:<br />
� 1 = gering<br />
� 2 = mässig<br />
� 3 = erheblich<br />
� 4 = gross<br />
� 5 = sehr gross<br />
Schneesportler-Lawine: Lawine, die durch<br />
Schneesportler (Skifahrer, Snowboardfahrer,<br />
Schneeschuhläufer) ausgelöst wird <strong>und</strong>/oder durch<br />
welche Personen im freien Gelände erfasst werden<br />
(Hang-)Exposition: Himmelsrichtung, in die ein<br />
Hang abfällt. Ein Nordhang fällt z. B. nach Norden<br />
ab.<br />
Letalität: Kennwert für die Schwere von Unfällen<br />
(Anzahl Getötete pro 10 000 Personenschäden)<br />
3. Rechtliche Situation<br />
Im freien Gelände bewegen sich die Schneesportler<br />
ausschliesslich auf eigenes Risiko, aber nicht in<br />
einem rechtsfreien Raum. Das Fehlverhalten von<br />
Freeridern <strong>und</strong> <strong>Touren</strong>fahrern kann zivil- <strong>und</strong> straf-<br />
rechtliche Konsequenzen haben. Die Versicherung<br />
kann im Schadenfall Leistungen kürzen, z. B. wenn<br />
ein Unfall auf ein Wagnis zurückgeht, d. h. wenn<br />
sich der Versicherte einer besonders grossen Ge-<br />
fahr aussetzt, ohne die Vorkehren zu treffen oder<br />
treffen zu können, die das Risiko auf ein vernünfti-<br />
ges Mass beschränken. So muss mit einer Kürzung<br />
der Versicherungsleistungen rechnen, wer unter<br />
schwerwiegender Missachtung der üblichen Regeln<br />
oder Vorsichtsgebote Schneesport-Aktivitäten ab-<br />
seits markierter Pisten betreibt, indem er z. B. War-<br />
nungen, Markierungen <strong>und</strong> Absperrungen im<br />
Schneesportgebiet ignoriert.<br />
Ein generelles Verbot von Aktivitäten im freien<br />
Gelände kommt kaum in Frage, weil es dem ver-<br />
fassungsmässigen Gr<strong>und</strong>recht der persönlichen<br />
Freiheit, insbesondere der Bewegungsfreiheit (Art.<br />
10 Abs. 2 BV), widersprechen würde. Gr<strong>und</strong>rechte<br />
können zwar eingeschränkt werden, aber nur im<br />
Rahmen der Verhältnismässigkeit. Ein Verbot müss-<br />
te also nicht nur im öffentlichen Interesse gerecht-<br />
fertigt sein, sondern auch geeignet <strong>und</strong> erforder-<br />
lich. In diesem Fall wären z. B. das öffentliche Inte-<br />
resse an einer Reduzierung der Anzahl Verletz-<br />
ter/Toter einerseits <strong>und</strong> an einem umfangreichen<br />
touristischen Angebot <strong>und</strong> genügend Bewegung<br />
andererseits gegeneinander abzuwägen. Die Erfor-<br />
derlichkeit eines generellen Verbots könnte kaum<br />
plausibel begründet werden, insbesondere wenn<br />
nur eine geringe Lawinengefahr herrscht. Die zu-<br />
ständigen Behörden sind jedoch berechtigt, im<br />
öffentlichen Interesse zum Schutz von Leib <strong>und</strong><br />
Leben bei ausgeprägten Lawinengefahrensituatio-<br />
nen Verbote zu erlassen. Solche Verbote müssen in<br />
zeitlicher, örtlicher, persönlicher <strong>und</strong> sachlicher<br />
Hinsicht verhältnismässig sein.<br />
Kommerziell angebotene Schneesportaktivitäten im<br />
freien Gelände fallen künftig unter den Gel-<br />
tungsbereich des «B<strong>und</strong>esgesetzes über das Berg-<br />
führerwesen <strong>und</strong> das Anbieten von Risiko-<br />
aktivitäten» <strong>und</strong> erfordern eine Bewilligung. In<br />
einigen Kantonen gibt es Richtlinien für Lehrper-<br />
sonen. J+S-Leiter Schneesport dürfen ab Lawinen-<br />
14 Einleitung bfu-Gr<strong>und</strong>lagen
gefahrenstufe 3 «erheblich» die markierten Ab-<br />
fahrten nicht verlassen [3].<br />
Die Seilbahnunternehmungen haben gemäss den<br />
Richtlinien von Seilbahnen Schweiz (SBS) betref-<br />
fend «Verkehrssicherungspflicht für Schnee-<br />
sportabfahrten» [2] <strong>und</strong> den «Richtlinien für Anla-<br />
ge, Betrieb <strong>und</strong> Unterhalt von Schnee-<br />
sportabfahrten» der Schweizerischen Kommission<br />
für Unfallverhütung auf Schneesportabfahrten<br />
SKUS [1] die markierten <strong>und</strong> geöffneten Abfahrten<br />
(Pisten <strong>und</strong> Abfahrtsrouten) vor Lawinengefahr zu<br />
sichern <strong>und</strong> lawinengefährdete Abfahrten unver-<br />
züglich zu sperren. Zudem müssen sie die Schnee-<br />
sportler ab Lawinengefahrenstufe 3 «erheblich»<br />
mit Tafeln <strong>und</strong> Lawinenwarnleuchten im Schnee-<br />
sportgebiet vor Lawinengefahr im freien Gelände<br />
warnen.<br />
bfu-Gr<strong>und</strong>lagen Einleitung 15
III. Sportgeschehen<br />
1. Sportausübung<br />
«Ski-, Snowboardtouren, Schneeschuhlaufen» wird<br />
gemäss der Studie «Sport Schweiz 2008» von<br />
2,5 % der Bevölkerung, also knapp 150 000 Per-<br />
sonen, insgesamt 5,9 Mio. St<strong>und</strong>en jährlich betrie-<br />
ben [4,5]. Die Veränderung von 2000–2008 be-<br />
trägt + 1,4 %. 78 % der <strong>Touren</strong>geher sind mindes-<br />
tens an 6 Tagen pro Jahr unterwegs. Die mittlere<br />
Häufigkeit der Ausübung beträgt 10 Tage pro Jahr<br />
(Median), jeweils 4 St<strong>und</strong>en lang.<br />
Gemäss der jüngsten «Mach Consumer»-Studie<br />
gibt es 330 000 Skitourengeher, davon 130 000<br />
regelmässige Sportler. 1992 wies die Studie noch<br />
210 000 <strong>Touren</strong>geher aus – also eine Steigerung<br />
um r<strong>und</strong> 50 % in den letzten 20 Jahren [6]. Die Art<br />
der Befragung weicht jedoch von der erstgenann-<br />
ten Studie ab, deshalb sind die Zahlen nicht ver-<br />
gleichbar.<br />
Zum Freeriden gibt es keine Expositionszahlen, da<br />
Freerider sich oft nur während eines Teils des<br />
Schneesporttages im freien Gelände bewegen.<br />
Auch nach Ansicht von Experten machen immer<br />
mehr Personen <strong>Touren</strong> oder Variantenabfahrten.<br />
Dies kann teilweise belegt werden (Steigerung der<br />
Parkplatzbelegung an Startpunkten, Erhöhung des<br />
Absatzes entsprechender Ausrüstung usw.).<br />
2. Geschlecht <strong>und</strong> Alter<br />
Der Frauenanteil beträgt bei «Ski-, Snowboard-<br />
touren, Schneeschuhlaufen» 53 % [5]. Beim Pis-<br />
tenskifahren (48 %) <strong>und</strong> Snowboardfahren (47 %)<br />
liegt er etwas tiefer. Das Durchschnittsalter bei<br />
«Ski-, Snowboardtouren, Schneeschuhlaufen» liegt<br />
bei 49 Jahren [4]. Beim Pistenskifahren beträgt das<br />
Durchschnittsalter 44 Jahre, <strong>beim</strong> Snowboarden<br />
26 Jahre. Es kann also davon ausgegangen wer-<br />
den, dass das Durchschnittsalter <strong>beim</strong> Freeriden<br />
deutlich tiefer ist als <strong>beim</strong> <strong>Touren</strong>fahren.<br />
3. Gefahrenstufe <strong>und</strong> Hangneigung<br />
Die Aufenthaltsdauer der Schneesportler im freien<br />
Gelände in Abhängigkeit von Hangsteilheit oder<br />
Lawinengefahrenstufe ist nicht bekannt. Übliches<br />
Skigelände abseits der markierten Abfahrten ist<br />
zwischen 25° <strong>und</strong> 35° steil, Hänge mit durchge-<br />
hender Steilheit von mehr als 40° werden selten<br />
befahren [7]. Im Aufstieg sind im <strong>Touren</strong>gelände<br />
über 30° oft Spitzkehren nötig, weshalb dieses von<br />
einigen <strong>Touren</strong>fahrern gemieden wird. Zum Ver-<br />
gleich: Der grösste Teil des Pistenbereichs ist eher<br />
flacher, rote Pisten dürfen mit Ausnahme von kur-<br />
zen Teilstücken im offenen Gelände eine Neigung<br />
von 22° nicht übersteigen [1,2].<br />
4. Organisationsform<br />
Bei «Ski-, Snowboardtouren, Schneeschuhlaufen»<br />
sind 69 % «ungeb<strong>und</strong>en» unterwegs, 23 % in<br />
einer festen Gruppe <strong>und</strong> 8 % im Verein [5]. Free-<br />
riden wird wohl fast nur «ungeb<strong>und</strong>en» betrieben,<br />
denn <strong>beim</strong> Pistenskifahren beträgt der Anteil der<br />
«Ungeb<strong>und</strong>enen» 93 %, <strong>beim</strong> Snowboardfahren<br />
94 %.<br />
16 Sportgeschehen bfu-Gr<strong>und</strong>lagen
IV. Unfallanalyse<br />
1. Unfallausmass<br />
Jährlich verunfallen r<strong>und</strong> 570 <strong>Touren</strong>skifahrer<br />
[8].<br />
Von den verletzten Schneesportlern, die nach<br />
einem Unfall von den Pistenrettungsdiensten<br />
geborgenen wurden, befanden sind r<strong>und</strong> 3 %<br />
(3,2 % der Ski- resp. 2,4 % der Snowboard-<br />
fahrer) im freien Gelände [9]. Da sich nicht alle<br />
Seilbahnunternehmungen an der statistischen<br />
Erfassung der Verletztentransporte beteiligen,<br />
können keine Aussagen über die Gesamtzahl der<br />
verletzten Freerider in der Schweiz gemacht<br />
werden.<br />
Durchschnittlich verunfallten in den letzten 11<br />
Jahren jährlich 29 <strong>Touren</strong>- oder Variantenfahrer<br />
in der Schweiz tödlich, davon 19 in Lawinen <strong>und</strong><br />
9 bei einem Sturz aus der Höhe (Absturz oder<br />
Sturz in Spalten) (Tabelle 1).<br />
Tabelle 1<br />
Getötete bei <strong>Lawinenunfälle</strong>n im freien Gelände nach Unfallhergang,<br />
Unfallort Schweiz, Schweizer Wohnbevölkerung <strong>und</strong><br />
ausländische Gäste, Ø 2000–2010, N=323<br />
Tödl. Verunfallte<br />
total<br />
davon in Lawinen<br />
davon durch<br />
Absturz<br />
davon anderer<br />
Hergang<br />
<strong>Touren</strong>skifahren<br />
15<br />
11<br />
Quelle: : bfu, Statistik der tödlichen Sportunfälle<br />
<strong>Variantenfahren</strong><br />
14 (davon<br />
9 Skifahrer)<br />
8 (davon<br />
6 Skifahrer)<br />
Total<br />
4 5 9<br />
0 1 1<br />
29<br />
19<br />
2. Tödliche <strong>Lawinenunfälle</strong><br />
Die Anzahl Todesopfer in Schneesportler-<br />
Lawinen nahm in den 30 Jahren von 1977–2006<br />
ab [10] (Tabelle 2), trotz vermuteter Zunahme<br />
der Exposition. Dabei sind insbesondere die töd-<br />
lichen <strong>Touren</strong>unfälle rückläufig, die Anzahl To-<br />
desopfer <strong>beim</strong> <strong>Variantenfahren</strong> ist hingegen<br />
leicht gestiegen.<br />
In denselben 30 Jahren starben total r<strong>und</strong> 20 %<br />
der von Lawinen erfassten <strong>und</strong> verunfallten Per-<br />
sonen [11] (Tabelle 3).<br />
R<strong>und</strong> 40 % der Ganzverschütteten überlebten<br />
nicht. Neben Ersticken können auch Verletzun-<br />
gen durch Steine, Kollision mit Bäumen oder ein<br />
Absturz durch die Lawine zum Tod führen.<br />
84 % der Todesopfer waren Männer [12].<br />
Verunfallte Variantenfahrer waren im Durch-<br />
schnitt jünger als <strong>Touren</strong>fahrer. Der Mittelwert<br />
liegt bei <strong>Touren</strong>fahrern bei 44 Jahren, bei Vari-<br />
antenfahrern bei 31 Jahren, wobei die verunfall-<br />
ten Snowboarder jeweils r<strong>und</strong> 10 Jahre jünger<br />
waren als die Skifahrer [12].<br />
Tabelle 2<br />
Getötete bei <strong>Lawinenunfälle</strong>n im freien Gelände pro Jahr<br />
Getötete <strong>Touren</strong>- oder Variantenfahrer/Jahr<br />
Ø 1977–1991 27<br />
Ø 1992–2006 20<br />
Quelle: WSL-Institut für Schnee- <strong>und</strong> Lawinenforschung SLF<br />
bfu-Gr<strong>und</strong>lagen Unfallanalyse 17
Von den getöteten Schneesportlern waren 65 %<br />
in der Schweiz wohnhaft, 35 % waren ausländi-<br />
sche Gäste. Bei den Variantenfahrern war der<br />
Anteil der ausländischen Gäste höher als bei den<br />
<strong>Touren</strong>fahrern (Tabelle 4).<br />
Verunfallte <strong>Touren</strong>fahrer in geführten Gruppen<br />
(mit Bergführern oder <strong>Touren</strong>leitern) machten<br />
seit Anfang der 90er-Jahre r<strong>und</strong> 20 % der Ver-<br />
unfallten aus [11]. In den 80er-Jahren waren es<br />
noch 40 %. Zudem hat auch die absolute Zahl<br />
der Todesopfer auf geführten <strong>Touren</strong> deutlich<br />
abgenommen. Unfälle, bei denen Experten<br />
(Bergführer, <strong>Touren</strong>leiter) beteiligt waren, kamen<br />
bei Gefahrenstufe 2 «mässig» am häufigsten vor<br />
[13].<br />
Tabelle 3<br />
Lawinen mit Personenerfassung, ∑ 1977-2006<br />
Lawinen Erfasste Personen Getötete<br />
Anzahl 1619 3434 703 (20 %)<br />
Quelle: : WSL-Institut für Schnee- <strong>und</strong> Lawinenforschung SLF<br />
Tabelle 4<br />
Anteil der Getöteten bei <strong>Lawinenunfälle</strong>n im freien Gelände<br />
nach Sportart <strong>und</strong> Wohnland, 2000–2010<br />
Sportart Wohnland<br />
Schweiz<br />
Wohnland<br />
Ausland<br />
18 Unfallanalyse bfu-Gr<strong>und</strong>lagen<br />
Total<br />
<strong>Touren</strong>fahren 69 % 31 % 100 %<br />
<strong>Variantenfahren</strong> 60 % 40 % 100 %<br />
Total 65 % 35 % 100 %<br />
Quelle: bfu, Statistik der tödlichen Sportunfälle
V. Risikoanalyse<br />
1. Lawinengefahrenstufe<br />
Die Lawinengefahrenstufe berücksichtigt die<br />
Schneedeckenstabilität, die Auslösewahrschein-<br />
lichkeit, die Verbreitung der Gefahrenstellen <strong>und</strong><br />
die Grösse <strong>und</strong> Art der Lawinen in einer Region<br />
[13]. Je höher die Gefahrenstufe,<br />
� desto instabiler ist die Schneedecke,<br />
� desto mehr Gefahrenstellen sind vorhanden,<br />
� desto geringer ist die benötigte Belastung für<br />
eine Auslösung,<br />
� desto mehr <strong>und</strong> grössere Lawinen sind zu er-<br />
warten.<br />
Von den Todesopfern <strong>beim</strong> <strong>Touren</strong>- <strong>und</strong> Varianten-<br />
fahren im freien Gelände, bei denen die Lawinen-<br />
gefahrenstufe bekannt ist, verunfallten 6 % bei der<br />
Lawinengefahrenstufe 1 «gering», 32 % bei Stufe<br />
2 «mässig», 53 % bei Stufe 3 «erheblich», 10 %<br />
bei Stufe 4 «gross» <strong>und</strong> 0 % bei Stufe 5 «sehr<br />
gross» [14] (Abbildung 4).<br />
Abbildung 4<br />
Prozentuale Verteilung der Lawinenopfer nach Gefahrenstufe<br />
<strong>und</strong> Sportart, 1987/88–2005/06<br />
70%<br />
60%<br />
50%<br />
40%<br />
30%<br />
20%<br />
10%<br />
0%<br />
8%<br />
6%<br />
2%<br />
36%<br />
24%<br />
32%<br />
48%<br />
61%<br />
53%<br />
14%<br />
10%<br />
7%<br />
1 gering 2 mässig 3 erheblich 4 gross 5 sehr gross<br />
Anteil getöteter <strong>Touren</strong>fahrer Anteil getöteter Variantenfahrer Anteil Total<br />
Quelle: : WSL-Institut für Schnee- <strong>und</strong> Lawinenforschung SLF<br />
Die meisten Todesopfer verunfallen also bei den<br />
Gefahrenstufen 3 «erheblich» <strong>und</strong> 2 «mässig». Das<br />
ist nicht überraschend, wenn berücksichtigt wird,<br />
dass an 81 % der Tage im Winter diese beiden<br />
Lawinengefahrenstufen gelten [15] (Abbildung 5).<br />
Da aber die Expositionszeiten nach Gefahrenstufe<br />
nicht bekannt sind, kann kein Risiko berechnet<br />
werden. Die Gefahrenstufe 5 «sehr gross» kommt<br />
sehr selten vor <strong>und</strong> an diesen wenigen Tagen sind<br />
die Schneesportaktivitäten allgemein einge-<br />
schränkt, da teilweise bereits die Anfahrt ins Gebiet<br />
kaum möglich ist. Diese Gefahrenstufe kann bei<br />
Schneesportler-Lawinen vernachlässigt werden.<br />
<strong>Touren</strong>fahrer verunfallten häufig bei den Gefah-<br />
renstufen 3 «erheblich» (48 %) <strong>und</strong> 2 «mässig»<br />
(36 %) tödlich, Variantenfahrer vor allem bei Ge-<br />
fahrenstufe 3 «erheblich» (61 %).<br />
Abbildung 5<br />
Prozentuale Häufigkeit der Lawinengefahrenstufen,<br />
1997/98–2008/09<br />
bfu-Gr<strong>und</strong>lagen Risikoanalyse 19<br />
60%<br />
50%<br />
40%<br />
30%<br />
20%<br />
10%<br />
0%<br />
17%<br />
48%<br />
33%<br />
2%<br />
0.2%<br />
1 gering 2 mässig 3 erheblich 4 gross 5 sehr gross<br />
Quelle: WSL-Institut für Schnee- <strong>und</strong> Lawinenforschung SLF
2. Gelände<br />
Die meisten Lawinen ereignen sich in den Hang-<br />
expositionen Nordwest-Nord-Nordost-Ost [13]. In<br />
diesen schattigeren Hängen sind die Pulverschnee-<br />
verhältnisse im Winter oft besser.<br />
In 80 % der Lawinenniedergänge ist das Gelände<br />
kammnah, muldenförmig oder felsdurchsetzt [10].<br />
Je steiler ein Hang ist, desto grösser ist die Auslöse-<br />
wahrscheinlichkeit einer Schneebrettlawine. Ab<br />
r<strong>und</strong> 30° ist das Gelände potenziell lawinen-<br />
gefährdet. Unter 30° sind kaum Schneebrett-<br />
lawinen auslösbar, sie können aber in steilerem<br />
Gelände (fern-)ausgelöst werden <strong>und</strong> dann bis in<br />
flaches Gelände vordringen (Auslaufbereich). 35 %<br />
aller <strong>Lawinenunfälle</strong> ereignen sich bei Hangnei-<br />
gungen von 36–40°, 44 % bei einer Hangneigung<br />
steiler als 40° [15] (Abbildung 6).<br />
3. Verhältnisse<br />
Ein Vergleich von typischen Lawinenunfalltagen<br />
(Tage mit mehr als 3 Unfällen) mit Daten von<br />
Schnee- <strong>und</strong> Wetterstationen zeigt einen starken<br />
Zusammenhang der Unfallhäufigkeit mit den Fak-<br />
toren Neuschnee, Wind, Temperatur <strong>und</strong> Schnee-<br />
Abbildung 6<br />
Prozentuale Verteilung der <strong>Lawinenunfälle</strong> mit Personenbeteiligung<br />
im freien Gelände nach Hangneigung, 1970/71 bis<br />
2008/09<br />
40%<br />
35%<br />
30%<br />
25%<br />
20%<br />
15%<br />
10%<br />
5%<br />
0%<br />
4%<br />
17%<br />
35%<br />
28%<br />
12%<br />
≤ 30° 31-35° 36-40° 41-45° 46-50° >50°<br />
Quelle: : WSL-Institut für Schnee- <strong>und</strong> Lawinenforschung SLF<br />
4%<br />
decke [10]. 63 % aller Unfälle geschehen bei der<br />
Kombination von mehr als 20 cm Neuschnee in<br />
3 Tagen <strong>und</strong> starken Winden. Bei den übrigen<br />
Unfällen sind entweder grosse Neuschneesummen<br />
alleine, eine Temperaturerhöhung am Unfalltag<br />
oder eine ungünstig aufgebaute Schneedecke zu<br />
beobachten.<br />
R<strong>und</strong> die Hälfte der Lawinen im Variantengelände<br />
wird in Hängen mit bereits vorhandenen Spuren<br />
ausgelöst [10]. Vorhandene Spuren sind dem-<br />
zufolge kein verlässliches Beurteilungskriterium für<br />
die Lawinengefahr.<br />
4. Wissen über Lawinengefahr<br />
Lawinen können nicht präzise vorausgesagt wer-<br />
den. Mit verschiedenen Methoden wird versucht,<br />
das Risiko einzuschätzen <strong>und</strong> mit angepasstem<br />
Verhalten zu reduzieren. Zur Beurteilung dient das<br />
Schema 3x3: In 3 Phasen (bei der Planung, vor Ort<br />
<strong>und</strong> im Einzelhang) werden 3 Faktoren (Ver-<br />
hältnisse, Gelände <strong>und</strong> Mensch) beurteilt [16].<br />
Um die Schlüsselfaktoren erkennen <strong>und</strong> verknüp-<br />
fen zu können, ist entsprechendes Wissen nötig,<br />
im Minimum die Kenntnis des aktuellen Lawinen-<br />
bulletins des WSL-Instituts für Schnee- <strong>und</strong> Lawi-<br />
nenforschung SLF. Das Internet ist dafür mit Ab-<br />
stand der wichtigste Kanal. Smartphones haben<br />
sich rasch verbreitet <strong>und</strong> erlauben auch im Gelände<br />
den Zugriff auf die wichtigsten Informationen im<br />
Internet.<br />
Variantenfahrer werden ab Gefahrenstufe 3 «er-<br />
heblich» an den Zubringerstationen der Seilbahn-<br />
unternehmungen mit Lawinenwarntafeln (Abbil-<br />
dung 7, S. 21) <strong>und</strong> Lawinenwarnleuchten vor der<br />
erhöhten Lawinengefahr im freien Gelände ge-<br />
20 Risikoanalyse bfu-Gr<strong>und</strong>lagen
warnt <strong>und</strong> teilweise aufgefordert, auf den markier-<br />
ten <strong>und</strong> geöffneten Abfahrten zu bleiben. Zudem<br />
wird in einigen Stationen an Freeride Checkpoints<br />
über die aktuelle Lawinengefahrenstufe <strong>und</strong> die<br />
Verhaltensregeln informiert. Die Pisten- <strong>und</strong> Ret-<br />
tungsdienste können ebenfalls angefragt werden.<br />
Für Informationen über das Gelände auf der vorge-<br />
sehenen Tour oder Abfahrt dienen <strong>Touren</strong>führer<br />
<strong>und</strong> Routenbeschreibungen, Freeride- <strong>und</strong> <strong>Touren</strong>-<br />
karten mit Informationen wie Höhenlage, Steilheit,<br />
Schwierigkeit, Exposition usw. Auf den Karten sind<br />
Hänge mit einer Neigung von mehr als 30° zum<br />
Teil eingefärbt. Elektronische Versionen von Kar-<br />
ten, die die Hangneigung anzeigen, sind im Inter-<br />
net verfügbar. Zudem kann im Gelände (mit Ski-<br />
stöcken) oder auf einer Karte (mit Hangnei-<br />
gungsmesser) die Hangneigung einfach geschätzt<br />
bzw. gemessen werden.<br />
Verschiedene Smartphone-Apps unterstützen die<br />
Schneesportler bei der Planung <strong>und</strong> im Gelände<br />
mit Checklisten, Hangneigungsmesser, GPS-Funk-<br />
tionen usw. Merkblätter <strong>und</strong> Schriften über Lawi-<br />
nenk<strong>und</strong>e sind in grosser Zahl vorhanden.<br />
Eine rechtzeitige Planung der vorgesehenen Tour<br />
oder Abfahrt ist also möglich. Variantenfahrer, die<br />
spontan entscheiden, die Pisten zu verlassen, kön-<br />
Abbildung 7<br />
Lawinenwarntafel<br />
nen sich auch noch vor Ort informieren.<br />
Trotzdem: Eine Befragung der Suva zeigte, dass ein<br />
grosser Teil der Variantenfahrer weder Ahnung von<br />
den herrschenden Lawinenverhältnissen noch<br />
Kenntnis vom aktuellen Lawinenbulletin hatte<br />
(Suva: Check the risk. Abseits markierter Pisten.<br />
Schulungsunterlagen zum Thema Lawinen. 2001).<br />
In einer bfu-Befragung 2003 bei über 1000 Ski-<br />
<strong>und</strong> Snowboardfahrern auf der Piste konnten we-<br />
niger als die Hälfte (47 %) der Befragten die Frage<br />
korrekt beantworten, ob die Lawinengefahrenstufe<br />
«erheblich» auf eine höhere Lawinengefahr hin-<br />
weist als die Stufe «gross» [17]. Seit dieser Befra-<br />
gung ist die Information über die Gefahrenstufen<br />
verbessert worden, meist wird gleichzeitig mit dem<br />
Begriff auch die Gefahrenstufe in Zahlen von 1 bis<br />
5 genannt. Zudem werden Piktogramme verwen-<br />
bfu-Gr<strong>und</strong>lagen Risikoanalyse 21<br />
det.<br />
Die Frage nach dem Einfluss von starkem Wind auf<br />
die Lawinengefahr konnten immerhin 76 % der<br />
Befragten korrekt beurteilen.<br />
96 % der Befragten waren sich bewusst, dass<br />
Fahrspuren in einem Hang nicht bedeuten, dass<br />
keine Lawinengefahr besteht.
5. Risikoverhalten<br />
Die Auslösewahrscheinlichkeit von Lawinen hängt<br />
unter anderem von der Gefahrenstufe <strong>und</strong> von der<br />
Hangneigung ab. Je tiefer die Gefahrenstufe, desto<br />
steilere Hänge können bei gleichem Lawinenaus-<br />
löserisiko befahren werden. Abbildung 8 stellt die-<br />
sen Zusammenhang vereinfacht grafisch dar. Das<br />
Risiko kann z. B. auf den «grünen Bereich» reduziert<br />
werden, wenn je nach Gefahrenstufe bestimmte<br />
Hangsteilheiten gemieden werden. Dabei ist zu<br />
beachten, dass die Übergänge fliessend sind <strong>und</strong><br />
das Risiko auch von weiteren Faktoren wie Hang-<br />
exposition, Höhenlage, Geländeform, Hanggrösse,<br />
Gefahrenmuster, Gruppengrösse usw. abhängt.<br />
Von den dem SLF bekannten 441 Lawinen in 10<br />
Jahren (Winter 1998/99–2008/09, ohne Winter<br />
2006/07, Spezialauswertung bfu auf Datenbasis<br />
SLF, Abbildung 9), bei denen Personen erfasst wur-<br />
den, wurden bei Gefahrenstufe 2 «mässig» 80 %<br />
in Hängen von mehr als 35° ausgelöst, also aus-<br />
serhalb des grünen Bereichs. Bei «erheblich» wur-<br />
den 98 % in Hängen von über 30° <strong>und</strong> damit aus-<br />
serhalb des grünen Bereichs ausgelöst.<br />
Abbildung 8<br />
Risiko für die Auslösung einer Lawine nach Gefahrenstufe <strong>und</strong> Hangneigung<br />
Hangneigung<br />
Extrem steil<br />
Abbildung 9<br />
Scheesportler-Lawinen nach Anteil pro Gefahrenstufe (GS) <strong>und</strong><br />
Hangneigung (Spezialauswertung bfu auf Datenbasis SLF<br />
1999–2009)<br />
GS 1 GS 2 GS 3 GS 4<br />
> 40° 23% 39% 35% 52%<br />
36-40° 46% 41% 43% 35%<br />
31-35° 31% 17% 20% 13%<br />
< 31° 0% 3% 2% 0%<br />
100% 100% 100% 100%<br />
Es ist nicht bekannt, ob sich die erfassten Personen<br />
bewusst oder unbewusst im roten bzw. gelben<br />
Bereich aufgehalten haben.<br />
Ein geringes Risiko bleibt im alpinen Raum auch im<br />
grünen Bereich, ein Nullrisiko gibt es nicht. Die<br />
Wahrscheinlichkeit einer Lawinenauslösung kann<br />
zwar abgeschätzt, die tatsächliche Auslösung einer<br />
Lawine jedoch nicht vorausgesagt werden. Die<br />
Tatsache, dass auch erfahrene <strong>und</strong> gut ausgebil-<br />
dete Personen verunfallen, zeigt, dass gute Kennt-<br />
nisse <strong>und</strong> Erfahrung allein kein Schutzfaktor sind.<br />
Werden alle Personenerfassungen durch Lawinen<br />
den Risikostufen gemäss Abbildung 8 zugeordnet,<br />
so zeigt sich, dass sich die Personen in 10 % aller<br />
Gefahrenstufe 1 gering 2 mässig 3 erheblich 4 gross<br />
>45°<br />
41–45°<br />
Sehr steil 36–40°<br />
Steil 31–35°<br />
Mässig steil<br />
26–30°<br />
Fälle im grünen Bereich bef<strong>und</strong>en haben, in 27 %<br />
im gelben <strong>und</strong> in 64 % im roten Bereich<br />
(Abbildung 10 <strong>und</strong> Abbildung 11).<br />
Diese Auswertung deckt sich mit derjenigen von<br />
Munter, der berechnet hat, dass bei Verzicht auf<br />
die rote Zone im langjährigen Durchschnitt r<strong>und</strong><br />
2/3 der Unfälle vermieden worden wären [16].<br />
6. Verschüttung/Rettung<br />
Teil- oder nicht verschüttete Personen haben eine<br />
grössere Überlebenschance als Ganzverschüttete<br />
[11]. Wenn noch Teile der Verschütteten sichtbar<br />
sind, liegt der Anteil der Todesopfer zwischen 10<br />
<strong>und</strong> 20 %. Ein Lawinen-Airbag oder Lawinenballon<br />
erhöht die Chance, an der Oberfläche zu bleiben<br />
<strong>und</strong> durch sichtbare Teile gef<strong>und</strong>en zu werden.<br />
Heute sterben immer noch r<strong>und</strong> 40 % aller Ganz-<br />
verschütteten, während es Ende der 70er-Jahre<br />
sogar noch 60 % waren. Sowohl bei Kameraden-<br />
rettung wie auch bei organisierter Rettung ist ein<br />
signifikanter Rückgang der Letalität festzustellen.<br />
Wenn die Ganzverschütteten durch <strong>beim</strong> Unfall<br />
anwesende Kameraden gef<strong>und</strong>en werden, liegt die<br />
Letalität bei 20 %, bei organisierter Rettung, die<br />
erst noch am Unfallort eintreffen muss, bei 70 %<br />
Abbildung 10<br />
Schneesportler-Lawinen total nach Risikostufe<br />
64%<br />
10%<br />
27%<br />
geringes Risiko erhöhtes Risiko hohes Risiko<br />
[11]. Die Letalität von Personen, die von Kame-<br />
raden mit dem Lawinenverschüttetensuchgerät<br />
(LVS) gef<strong>und</strong>en wurden, ist von 60 % in den 90er-<br />
Jahren auf heute 30 % gesunken. Die LVS-Rettung<br />
ist also effektiver geworden, es stirbt aber noch<br />
immer fast jeder Dritte. Die grösste Chance, eine<br />
Ganzverschüttung zu überleben, besteht in den<br />
ersten 15 Minuten, schnelles Handeln von Kame-<br />
raden ist also zentral. Die durchschnittliche Ver-<br />
schüttungszeit von Ganzverschütteten ist in den<br />
letzten 30 Jahren zwar deutlich zurückgegangen,<br />
liegt aber mit etwa 30 Minuten immer noch in<br />
einem kritischen Bereich.<br />
Abbildung 11<br />
Schneesportler-Lawinen total nach Gefahrenstufe (GS) <strong>und</strong><br />
Hangneigung<br />
GS 1 GS 2 GS 3 GS 4 total<br />
>45° 0% 3% 4% 1% 8%<br />
41-45° 1% 11% 16% 2% 29%<br />
36-40° 1% 15% 24% 2% 42%<br />
31-35° 1% 6% 11% 1% 19%<br />
26-30° 0% 1% 1% 0% 2%<br />
7. Übersicht Risikofaktoren<br />
Die folgenden Risikofaktoren sind <strong>beim</strong> Varianten-<br />
<strong>und</strong>/oder <strong>Touren</strong>fahren bedeutsam. Bei Unfällen ist<br />
meist von einer Kombination von verschiedenen<br />
Risikofaktoren auszugehen (Multikausalität). Der<br />
Einfluss einzelner Faktoren führt zu Überlagerungs-<br />
effekten, die nicht abgegrenzt werden können.<br />
Trotzdem wurde versucht, die Bedeutung einzelner<br />
Risikofaktoren auf das Unfallgeschehen (Unfallrele-<br />
vanz) zu bestimmen.<br />
Tabelle 5<br />
Bedeutsamkeit der Risikofaktoren für <strong>Lawinenunfälle</strong> <strong>beim</strong> <strong>Touren</strong>- <strong>und</strong> <strong>Variantenfahren</strong><br />
Nr. Risikofaktor Unfallrelevanz<br />
1<br />
extrinsische Risikofaktoren (auf das Umfeld oder andere Personen bezogen)<br />
Lawinengefahrenstufe 2 <strong>und</strong> 3 bei <strong>Touren</strong> (total 84 % der tödlich verunfallten <strong>Touren</strong>fahrer, davon 36 %<br />
bei Stufe 2 <strong>und</strong> 48 % bei Stufe 3)<br />
�����<br />
2 Hangneigung über 35° (79 % aller Lawinen mit Personenerfassung) �����<br />
3 Kammnahes, muldenförmiges oder felsdurchsetztes Gelände (80 % der Lawinen) �����<br />
4 Lawinengefahrenstufe 3 bei Variantenabfahrten (61 % der tödlich verunfallten Variantenfahrer) ����<br />
5 Hangexposition Sektoren Nordwest-Nord-Nordost-Ost (Mehrzahl der <strong>Lawinenunfälle</strong>) ����<br />
6 Viel Neuschnee <strong>und</strong> Wind (63 % der Lawinen im Variantenbereich) ����<br />
7 Fehlender Lawinen-Airbag (Ganzverschüttung wahrscheinlicher) ���<br />
8<br />
9<br />
10<br />
Ineffiziente Kameradenrettung (fehlende Notfall-Rettungsausrüstung, alleine unterwegs, mangelnder Umgang<br />
mit der Notfallausrüstung)<br />
intrinsische Risikofaktoren (auf den verunfallten Mensch bezogen)<br />
���<br />
Mangelndes Gefahrenbewusstsein (Wahrnehmungs- <strong>und</strong> Beurteilungskompetenz) ������<br />
Mangelnde Selbststeuerungsfähigkeiten (Entscheidungs- <strong>und</strong> Handlungskompetenz) (z. B. falsche oder nicht<br />
sicherheitsorientierte Entscheide, nicht adäquates Verhalten, hohe Risikobereitschaft)<br />
������<br />
11 Ungenügende Ausbildung, fehlendes Wissen ����<br />
12 Ungenügende Erfahrung ���<br />
Anteil der Getöteten in % Skala Unfallrelevanz<br />
� >50 % ������<br />
� >30–50 % �����<br />
� >20–30 % ����<br />
� >10–20 % ���<br />
� ≤10 % ��<br />
24 Risikoanalyse bfu-Gr<strong>und</strong>lagen
VI. Interventionsanalyse<br />
1. Präventionsmöglichkeiten<br />
Bei der Prävention von <strong>Lawinenunfälle</strong>n kann we-<br />
nig an den Verhältnissen geändert werden, von<br />
präventiven Lawinensprengungen (vor allem in der<br />
Nähe der Schneesportgebiete) abgesehen. Der<br />
Hauptfokus der Prävention muss also darauf gelegt<br />
werden, <strong>Touren</strong>fahrer <strong>und</strong> Freerider davon abzu-<br />
halten, sich in risikoreiche Situationen zu begeben,<br />
<strong>und</strong> sie dazu zu bewegen, Gefahrenstellen zu mei-<br />
den. Dafür müssen sie die aktuellen Informationen<br />
über die Lawinengefahr (Lawinenbulletin) <strong>und</strong> die<br />
entsprechenden angepassten Verhaltensweisen<br />
kennen, das Gelände (Hangneigung, Exposition)<br />
<strong>und</strong> die Verhältnisse richtig beurteilen können <strong>und</strong><br />
dann für ihre Tour oder Abfahrt ein möglichst si-<br />
cheres Gelände wählen. Ein geringes Risiko bleibt<br />
im Gebirge immer bestehen <strong>und</strong> kann nur durch<br />
vollständigen Verzicht auf alle Aktivitäten eliminiert<br />
werden. Mit hoher Risikokompetenz ist aber ein<br />
angemessener Aktivitätsspielraum bei geringem<br />
Risiko möglich. Bei allen Präventionsmassnahmen<br />
sollten insbesondere die männlichen Schneesport-<br />
ler (84 % der Todesopfer) angesprochen werden.<br />
Ausgehend von der Risikofaktorenanalyse werden<br />
im Folgenden Präventionsmöglichkeiten aufgelistet,<br />
die einen Beitrag zur Reduktion dieser Risiken leis-<br />
ten könnten. Jede Massnahme wird hinsichtlich<br />
ihrer Wirksamkeit (Reduktion des Risikos bei In-<br />
krafttreten der Massnahme), Effizienz (Kosten-<br />
Nutzen-Verhältnis) <strong>und</strong> Umsetzbarkeit (Akzeptanz,<br />
Machbarkeit) überprüft <strong>und</strong> bewertet. Basierend<br />
auf dieser Bewertung erhält jede Präventionsmög-<br />
lichkeit ein Prädikat von «sehr empfehlenswert» bis<br />
«nicht empfehlenswert», wobei die 3 bewerteten<br />
Faktoren nicht miteinander «verrechnet» werden<br />
können, sondern eine qualitative Beurteilung vor-<br />
genommen wird. Eine Massnahme kann in der<br />
Theorie noch so wirksam sein, wenn sie nicht um-<br />
setzbar ist, kann sie auch nicht empfohlen werden.<br />
bfu-Gr<strong>und</strong>lagen Interventionsanalyse 25
.<br />
Tabelle 6<br />
bfu-Bewertung von Möglichkeiten zur Prävention von <strong>Lawinenunfälle</strong>n <strong>beim</strong> <strong>Touren</strong>- <strong>und</strong> <strong>Variantenfahren</strong><br />
Nr. Risikofaktor Präventionsmöglichkeiten Bewertung<br />
extrinsische Risikofaktoren<br />
1 Lawinengefahrenstufe 2 <strong>und</strong> 3 bei<br />
<strong>Touren</strong><br />
Kein <strong>Touren</strong>fahren ab Gefahrenstufe 2 «mässig»<br />
26 Interventionsanalyse bfu-Gr<strong>und</strong>lagen<br />
Wirksamkeit<br />
Effizienz<br />
Umsetzbarkeit<br />
+ ++ -- 4<br />
2 Hangneigung über 35° Hangneigungen über 35° generell meiden +- ++ - 3<br />
3 Kammnahes, muldenförmiges oder<br />
felsdurchsetztes Gelände<br />
4 Lawinengefahrenstufe 3 bei Variantenabfahrten<br />
5 Hangexposition Sektoren NW-N-<br />
NE-E<br />
Kammnahes, muldenförmiges <strong>und</strong> felsdurchsetztes Gelände meiden + ++ -- 4<br />
Kein <strong>Variantenfahren</strong> ab Gefahrenstufe 3 «erheblich»<br />
Hänge der nördlichen Expositionen NW-E meiden<br />
6 Viel Neuschnee <strong>und</strong> Wind Verzicht auf Aktivitäten im freien Gelände in den Tagen nach starken<br />
Schneefällen mit Wind<br />
+- ++ - 2<br />
+ ++ -- 4<br />
+- ++ - 3<br />
7 Fehlender Lawinen-Airbag Verwendung eines Lawinen-Airbags +- - +- 2<br />
8 Ineffiziente Kameradenrettung Notfallausrüstung (LVS, Schaufel, Sonde) immer mitnehmen, LVS<br />
einschalten <strong>und</strong> kontrollieren<br />
9<br />
intrinsische Risikofaktoren<br />
Mangelnde Risikokompetenz<br />
Mangelnde Wahrnehmungskompetenz<br />
Mangelnde Beurteilungskompetenz<br />
10 Mangelnde Entscheidungskompetenz<br />
Mangelnde Handlungskompetenz<br />
11 Ungenügende Ausbildung, fehlendes<br />
Wissen<br />
+- +- +- 2<br />
Nicht allein unterwegs sein - ++ +- 2<br />
Umgang mit Notfallausrüstung üben - + - 2<br />
Sensibilisierung für Gefahren <strong>und</strong> Risiken, Risikocheck vor der Tour<br />
oder Abfahrt<br />
Wissen aneignen, Ausbildung in Lawinenk<strong>und</strong>e absolvieren, Erfahrung<br />
erwerben auf geführten <strong>Touren</strong> <strong>und</strong> Abfahrten<br />
Risiko reduzieren durch Beschränkung auf den «grünen» Bereich<br />
(Abbildung 5) oder Meidung des «roten» Bereichs<br />
Laufende Überprüfung der Entscheide <strong>und</strong> des Verhaltens mit<br />
Checklisten, Partnercheck <strong>und</strong> technischen Hilfsmitteln, Risiko<br />
reduzieren durch Beschränkung auf den «grünen» Bereich (Abbildung<br />
5) oder Meidung des «roten» Bereichs<br />
Wissen aneignen, Ausbildung in Lawinenk<strong>und</strong>e absolvieren<br />
+- ++ +- 1<br />
+- ++ +- 1<br />
+ ++ +- 1<br />
+ ++ +- 1<br />
+- + - 1<br />
12 Ungenügende Erfahrung Erfahrung erwerben auf geführten <strong>Touren</strong> <strong>und</strong> Abfahrten - + - 2<br />
Skala Prädikat Skala Bewertung<br />
1 sehr empfehlenswert ++ = sehr hoch<br />
2 empfehlenswert + = hoch<br />
3 bedingt empfehlenswert +- = mittel<br />
4 nicht empfehlenswert - = tief<br />
-- = sehr tief<br />
Prädikat
2. Präventionsempfehlungen<br />
Die Präventionsmassnahmen, die als «sehr emp-<br />
fehlenswert» oder «empfehlenswert» eingeschätzt<br />
wurden (Prädikat 1 oder 2), werden nachfolgend<br />
genauer beschrieben.<br />
2.1 Kein <strong>Variantenfahren</strong> ab<br />
Gefahrenstufe 3 «erheblich»<br />
Die Empfehlung, ab Gefahrenstufe 3 «erheblich»<br />
auf das <strong>Variantenfahren</strong> zu verzichten, ist in den<br />
SKUS-Richtlinien enthalten <strong>und</strong> wird teilweise in<br />
den Schneesportgebieten kommuniziert. Diese<br />
Gefahrenstufe wird mit einer Lawinenwarnleuchte<br />
angezeigt <strong>und</strong> ist deshalb für die Variantenfahrer<br />
leicht erkennbar. Sie gilt nur an r<strong>und</strong> einem Drittel<br />
der Tage eines Winters <strong>und</strong> die Liebhaber von nicht<br />
präpariertem Schnee haben die Möglichkeit, mar-<br />
kierte <strong>und</strong> gesicherte Abfahrtsrouten zu benützen.<br />
Die Einschränkungen sind also zumutbar. Anderer-<br />
seits wird an den Tagen nach Neuschneefällen die<br />
Gefahr oft als «erheblich» (Stufe 3) eingestuft <strong>und</strong><br />
gerade dann ist der frische Pulverschnee besonders<br />
reizvoll. Wenn die Gefahr auf die Stufe 2 «mässig»<br />
sinkt, sind die meisten Variantenhänge längst ver-<br />
fahren. Zudem gibt es auch bei Gefahrenstufe 3<br />
Bereiche, die ohne Lawinengefahr befahren wer-<br />
den können, z. B. solche zwischen roten oder<br />
blauen Pisten, die mangels Steilheit nicht als lawi-<br />
nengefährlich gelten. Deshalb wird diese Empfeh-<br />
lung teilweise nicht akzeptiert.<br />
2.2 Verwendung eines Lawinen-Airbags<br />
Teil- oder Nichtverschüttete haben eine wesentlich<br />
höhere Überlebenschance bei einer Lawinen-<br />
erfassung als Ganzverschüttete. Ein Lawinen-<br />
Airbag kann dazu beitragen, dass die erfasste Per-<br />
son an der Oberfläche der Lawine bleibt. Lawinen-<br />
Airbags sind relativ teuer <strong>und</strong> schwer, deshalb<br />
werden sie vor allem auf <strong>Touren</strong> (noch) selten ver-<br />
wendet. Im Variantenbereich sind sie empfehlens-<br />
wert. Einige der Lawinenopfer sterben an den Ver-<br />
letzungen, die sie <strong>beim</strong> Lawinenabgang erleiden,<br />
<strong>und</strong> nicht durch Ersticken. Deshalb kann ein Airbag<br />
niemals die primärpräventiven Massnahmen zur<br />
Verhinderung einer Lawinenerfassung ersetzen,<br />
sondern nur sek<strong>und</strong>är helfen, die Folgen zu min-<br />
bfu-Gr<strong>und</strong>lagen Interventionsanalyse 27<br />
dern.<br />
2.3 Notfallausrüstung (LVS, Schaufel,<br />
Sonde) immer mitnehmen<br />
Wenn eine Person von einer Lawine erfasst wird, ist<br />
es wichtig, dass die Rettung durch Kameraden<br />
möglichst rasch <strong>und</strong> effizient einsetzt. Fehlt ein Teil<br />
der Notfallausrüstung, kann rasche Kameraden-<br />
rettung nicht gewährleistet werden. Auf Skitouren<br />
ist die Mehrheit der Aktiven mit einem LVS ausge-<br />
rüstet, teilweise fehlen aber Schaufel <strong>und</strong> insbe-<br />
sondere Lawinensonde. Die Notfallausrüstung ist<br />
relativ teuer, kann aber auch gemietet werden.<br />
Beim <strong>Variantenfahren</strong> ist sie noch weniger verbrei-<br />
tet. Das Bewusstsein der Gefahr ist in Anbetracht<br />
bereits vorhandener Spuren manchmal nicht vor-<br />
handen oder der Entschluss zum Verlassen der<br />
Piste wird spontan gefällt. Auch sind in vielen Fil-<br />
men Freerider zu sehen, die aus einer Lawine hin-<br />
ausfahren konnten, was den Eindruck verstärkt,<br />
dass man im Falle einer Lawinenauslösung bei rich-<br />
tiger Reaktion nicht unbedingt verschüttet wird.<br />
Variantenfahrer sollten deshalb noch vermehrt auf<br />
die Gefährlichkeit einer Verschüttung hingewiesen<br />
werden. Eine LVS-Teststation bei der Einfahrt ins<br />
Freeride-Gebiet könnte z. B. auf die nötige Ausrüs-<br />
tung hinweisen.
2.4 LVS einschalten <strong>und</strong> kontrollieren<br />
Ein LVS nützt nur, wenn es auch eingeschaltet ist<br />
<strong>und</strong> funktioniert. Der Aufwand dafür ist relativ<br />
klein. Meist handelt es sich um ein Vergessen,<br />
wenn das LVS getragen, aber nicht eingeschaltet<br />
wird. Auf geführten Skitouren ist ein LVS-Grup-<br />
pencheck üblich, bei <strong>Touren</strong> mit Kollegen wird das<br />
aber nicht immer gemacht. Auch hier könnte ein<br />
Hinweis am Ausgangspunkt oder eine LVS-<br />
Teststation gute Dienste leisten.<br />
2.5 Nicht allein unterwegs sein<br />
Wer allein unterwegs ist, kann seine Einschätzung<br />
der Gefahr <strong>und</strong> seine Entscheide mit niemandem<br />
besprechen, ist aber auch Faktoren wie Gruppen-<br />
druck oder höheres Sicherheitsgefühl in der Grup-<br />
pe nicht ausgesetzt. Negativ für Alleingänger sind<br />
bei einer Lawinenerfassung die fehlenden Beglei-<br />
ter, da es bei der Rettung auf jede Minute an-<br />
kommt <strong>und</strong> meist nur die Kameraden in nützlicher<br />
Frist retten können. Wenn ein Unfall nicht beo-<br />
bachtet wird oder niemand aus der unmittelbaren<br />
Umgebung reagieren <strong>und</strong> die Suche einleiten kann,<br />
verstreicht oft zu viel überlebenswichtige Zeit.<br />
2.6 Umgang mit Notfallausrüstung<br />
üben<br />
Die beste Ausrüstung nützt nichts, wenn man nicht<br />
effizient damit umgehen kann. Richtige, rasche<br />
Suche mit LVS <strong>und</strong> Lawinensonde sowie effizientes<br />
Schaufeln sind für die Überlebenschancen eines<br />
Opfers entscheidend. Die LVS-Geräte der neueren<br />
Generationen sind zwar bedienerfre<strong>und</strong>licher,<br />
trotzdem muss die Suche <strong>und</strong> Rettung regelmässig<br />
geübt werden, um in einer Notsituation angemes-<br />
sen agieren zu können.<br />
2.7 Risikokompetenz verbessern<br />
Die Risikokompetenz kann aufgeteilt werden in<br />
Wahrnehmungs-, Beurteilungs-, Entscheidungs-<br />
<strong>und</strong> Handlungskompetenz. Die Sportler sollten also<br />
lernen, die Gefahrenstellen richtig wahrzunehmen,<br />
die Situation richtig zu beurteilen <strong>und</strong> eigenver-<br />
antwortlich so zu entscheiden, dass das Risiko<br />
möglichst gering ist. Diese Entscheide sollten dann<br />
auch durch zielgerichtetes Handeln umgesetzt<br />
werden. Alle Teilkompetenzen sind wichtig <strong>und</strong><br />
können durch Ausbildung <strong>und</strong> Erfahrung verbes-<br />
sert werden. Dies bedingt, dass <strong>Touren</strong> <strong>und</strong> Ab-<br />
fahrten sorgfältig geplant <strong>und</strong> vorbereitet werden.<br />
In jeder der 3 Phasen (1 Planung, 2 Entscheid im<br />
Gebiet, 3 Entscheid im Einzelhang) <strong>und</strong> in allen<br />
Bereichen (Verhältnisse, Gelände, Mensch) muss<br />
eine passende Methode (Reduktionsmethode [16],<br />
Muster [18] usw.) angewandt werden. Alle Phasen<br />
können durch Sinnestäuschungen, Wahrneh-<br />
mungsfallen <strong>und</strong> mangelnde Kommunikation be-<br />
einträchtigt werden [19,20]. Deshalb ist diesen<br />
Faktoren entsprechend Rechnung zu tragen.<br />
Wichtige Tipps zur Risikominderung <strong>und</strong> damit zu<br />
sicherem Verhalten sind unter anderem:<br />
� <strong>Touren</strong>- <strong>und</strong> <strong>Variantenfahren</strong> nie bei schlechter<br />
28 Interventionsanalyse bfu-Gr<strong>und</strong>lagen<br />
Sicht<br />
� Keinen fremden Spuren folgen, die in unbe-<br />
kanntes Gelände führen<br />
� Genaue Beobachtung <strong>und</strong> Beurteilung von<br />
Schneebeschaffenheit, Schneeverfrachtungen,<br />
frischen Schneebrettlawinen <strong>und</strong> Anrisszonen<br />
� Schlüsselstellen einzeln befahren; anhalten auf<br />
«sicheren Inseln»<br />
� Kameraden beobachten <strong>und</strong> reaktionsbereit<br />
sein<br />
� Im Aufstieg bei den steilsten Passagen Ent-<br />
lastungsabstände einhalten
� Felsdurchsetztes Steilgelände <strong>und</strong> Couloirs so-<br />
wie steilste Hangpartien meiden<br />
� Frische Triebschneeansammlungen kritisch be-<br />
urteilen<br />
� Die Erwärmung im Lauf des Tages beachten<br />
Die Schneesportler sollten fähig <strong>und</strong> willens sein,<br />
gefährliches Gelände zu meiden. Empfehlungen<br />
zum Verzicht auf gefährliches Gelände müssen<br />
einen angemessenen Spielraum offenlassen, damit<br />
sie akzeptiert werden. Ein genereller Verzicht auf<br />
Hänge über 30° oder auf Skitouren ab Gefahren-<br />
stufe 2 «mässig» ist zu einschränkend <strong>und</strong> deshalb<br />
kaum umsetzbar.<br />
Die sogenannte «Grafische Reduktionsmethode»<br />
[21] (Abbildung 8), die heute in der Lawinenprä-<br />
vention allgemein anerkannt ist, hilft insbesondere<br />
bei der Planung einer Tour, das Lawinenrisiko ein-<br />
zuschätzen. Es wird empfohlen, auf den «roten»<br />
Bereich mit hohem Risiko zu verzichten. Die Aus-<br />
wertung der <strong>Lawinenunfälle</strong> zeigt, dass damit r<strong>und</strong><br />
zwei Drittel der Unfälle hätten vermieden werden<br />
können. Unter Berücksichtigung der Anzahl Tage,<br />
an denen die verschiedenen Gefahrenstufen gel-<br />
ten, <strong>und</strong> der Steilheit des Geländes von häufig<br />
begangenen <strong>Touren</strong> bleiben trotz dieses Verzichts<br />
noch viele Möglichkeiten offen. Ein Verzicht auf<br />
den gelben Bereich bereits bei der Planung redu-<br />
ziert das Risiko nochmals um ein Viertel. Damit<br />
wird eine Sicherheitsreserve eingebaut, was vor<br />
allem für Unerfahrene sehr empfehlenswert ist.<br />
Wenn bei der <strong>Touren</strong>planung die «gelben» Berei-<br />
che nach der grafischen Reduktionsmethode nicht<br />
bereits ausgeschlossen werden, so müssen auf der<br />
Tour bei diesen Stellen genügend günstige, d. h.<br />
Risiko mindernde Faktoren vorhanden sein, damit<br />
der konkrete Hang trotzdem mit geringem Risiko<br />
begangen oder befahren werden kann <strong>und</strong>/oder es<br />
müssen entsprechende Vorsichtsmassnahmen ge-<br />
troffen werden (steilste Stellen meiden, einzeln<br />
fahren, Triebschnee meiden usw.). Dazu ist viel<br />
Erfahrung <strong>und</strong> Kenntnis der entsprechenden Me-<br />
thoden nötig.<br />
Den <strong>Touren</strong>fahrern <strong>und</strong> Freeridern sollten mehr<br />
einfache <strong>und</strong> zielgruppengerechte Hilfsmittel zur<br />
Verfügung stehen, um den «grünen» Bereich ge-<br />
mäss grafischer Reduktionsmethode bestimmen zu<br />
können. Dies können Karten mit optischen Hang-<br />
neigungsangaben, interaktive Tools zur Bestim-<br />
mung des Risikobereichs von <strong>Touren</strong>, Checklisten<br />
usw. sein.<br />
Wichtig ist eine konsequente Umsetzung der ge-<br />
planten Massnahmen. Viele Unfälle ereignen sich<br />
bei Schneesportlern, die das nötige Wissen <strong>und</strong> die<br />
Erfahrung zwar haben, um richtig entscheiden zu<br />
können, aber dann trotzdem anders entscheiden<br />
oder handeln. Deshalb sollten die Entscheide <strong>und</strong><br />
das Verhalten laufend überprüft werden, z. B. mit<br />
entsprechenden Checklisten, technischen Hilfsmit-<br />
teln oder durch gegenseitige Kontrolle (Partner-<br />
check).<br />
2.8 Wissen aneignen, Ausbildung in<br />
Lawinenk<strong>und</strong>e absolvieren<br />
Wer ohne Ausbildung <strong>und</strong> Wissen selbstständig im<br />
freien Gelände unterwegs ist, setzt seine Ges<strong>und</strong>-<br />
heit fahrlässig aufs Spiel. Die Schneesportler sollten<br />
vermehrt für die Gefahren <strong>und</strong> die Notwendigkeit<br />
einer Ausbildung sensibilisiert werden. Es sollten<br />
niederschwellige Kursangebote zur Verfügung ste-<br />
hen. Die Ausbildungen müssen dem Zielpublikum<br />
angepasst sein. Der Vermeidung einer Lawi-<br />
nenerfassung sollte mehr Gewicht zugemessen<br />
bfu-Gr<strong>und</strong>lagen Interventionsanalyse 29
werden als der Suche nach Verschütteten <strong>und</strong><br />
deren Rettung. Alle nötigen aktuellen Informatio-<br />
nen (Wetter, Lawinensituation, Gelände, Verhält-<br />
nisse) sollten möglichst einfach <strong>und</strong> überall zu-<br />
gänglich sein.<br />
2.9 Erfahrung erwerben<br />
Viele geführte <strong>Touren</strong> oder Abfahrten unternom-<br />
men zu haben, führt noch nicht zu Erfahrung. Erst<br />
die genaue Beobachtung der Verhältnisse <strong>und</strong> die<br />
Reflexion des Erlebten führen zu nützlichen Er-<br />
kenntnissen. Erfahrung allein bietet aber keine<br />
Sicherheit, denn eine erfolgreiche Tour oder Ab-<br />
fahrt kann auch einfach bedeuten, dass man dies-<br />
mal Glück gehabt hat, <strong>und</strong> nicht unbedingt, dass<br />
man die Verhältnisse richtig eingeschätzt hat. Da<br />
eine Lawinenerfassung potenziell immer tödlich ist,<br />
kann man aus diesen Erfahrungen dann oft nicht<br />
mehr lernen ... Mehr Erfahrung kann also teilweise<br />
nur zu einer vermeintlich besseren Einschätzung<br />
<strong>und</strong> damit sogar zu einer höheren Risikobereit-<br />
schaft führen.<br />
2.10 Weitere Präventionsempfehlungen<br />
Verantwortung abgeben<br />
Das Risiko, ohne entsprechende Ausrüstung <strong>und</strong><br />
Kenntnisse im freien Gelände von einer Lawine<br />
erfasst oder gar getötet zu werden, ist beträchtlich.<br />
Deshalb sollten sich <strong>Touren</strong>- <strong>und</strong> Variantenfahrer<br />
ohne die entsprechenden Voraussetzungen Profis<br />
(Bergführer, Schneesportlehrer) oder erfahrenen<br />
Personen anschliessen, die ihnen die Risikobeur-<br />
teilung abnehmen <strong>und</strong> die Entscheide für sie fällen.<br />
Dazu sollte die Ausbildung der Leiterpersonen ver-<br />
bessert werden, denn unter Berücksichtigung des<br />
Anteils Schneesportler, die in geführten Gruppen<br />
(mit Bergführer oder <strong>Touren</strong>leiter) unterwegs sind,<br />
ist ihr Anteil an den Verunfallten nicht der Erwar-<br />
tung entsprechend tief. Bei der Ausbildung ist der<br />
Verbesserung der Handlungskompetenz besondere<br />
Beachtung zu schenken, so dass das vorhandene<br />
Wissen <strong>und</strong> die bekannten Massnahmen auch<br />
konsequent umgesetzt werden. Bei Personen, die<br />
Verantwortung für andere übernehmen, sollte die<br />
Risikobereitschaft entsprechend tief sein. Der Um-<br />
gang mit Erwartungen der Teilnehmenden <strong>und</strong><br />
schwierigen Situationen sollte vermehrt themati-<br />
siert werden.<br />
Mit Inkrafttreten des «B<strong>und</strong>esgesetzes über das<br />
Bergführerwesen <strong>und</strong> Anbieten weiterer Risikoakti-<br />
vitäten» wird das gewerbsmässige Anbieten von<br />
<strong>Touren</strong> <strong>und</strong> Abfahrten im freien Gelände – also<br />
ausserhalb des Verantwortungsbereichs von Be-<br />
treibern von Skilift- <strong>und</strong> Seilbahnanlagen – bewilli-<br />
gungspflichtig. Es müssen alle Massnahmen getrof-<br />
fen werden, die nach der Erfahrung erforderlich,<br />
nach dem Stand der Technik möglich <strong>und</strong> nach<br />
den gegebenen Verhältnissen angemessen sind,<br />
damit Leben <strong>und</strong> Ges<strong>und</strong>heit der Teilnehmerinnen<br />
<strong>und</strong> Teilnehmer nicht gefährdet werden.<br />
Schonraum nutzen bzw. anbieten<br />
Alternativ können Freerider die markierten Ab-<br />
fahrtsrouten benützen. Diese sind nicht präpariert,<br />
aber gesichert. Den Betreibern von Schneesport-<br />
gebieten wird empfohlen, vermehrt solche gesi-<br />
cherten Abfahrtsrouten anzubieten, um das Be-<br />
dürfnis nach sicherem Tiefschneefahren befriedi-<br />
gen zu können.<br />
Das Bedürfnis nimmt zu, Skitouren zu machen,<br />
ohne sich dafür vorzubereiten oder die Aktivität<br />
30 Interventionsanalyse bfu-Gr<strong>und</strong>lagen
detailliert planen zu müssen. Das zeigt auch das<br />
Phänomen des Skitourengehens auf Pisten. Des-<br />
halb sollte auch für <strong>Touren</strong>fahrer ein «Schonraum»<br />
geschaffen werden. Eine Möglichkeit sind mar-<br />
kierte <strong>und</strong> gesicherte Aufstiegsrouten im Schnee-<br />
sportgebiet mit Abfahrt über die Pisten <strong>und</strong> Ab-<br />
fahrtsrouten, eine andere wäre ein <strong>Touren</strong>führer<br />
mit «grünen» <strong>Touren</strong>, die ausser bei Lawinen-<br />
gefahrenstufe 4 oder 5 mit geringem Lawinenrisiko<br />
begangen werden können.<br />
bfu-Gr<strong>und</strong>lagen Interventionsanalyse 31
VII. Fazit<br />
Das Unfallgeschehen bei <strong>Lawinenunfälle</strong>n im freien<br />
Gelände ist gut dokumentiert. Vieles zu potenziel-<br />
len Risikofaktoren ist bekannt, entweder aus der<br />
Unfallanalyse oder durch die wissenschaftliche<br />
Literatur. Leider fehlen repräsentative Untersu-<br />
chungen zur Expositionszeit <strong>und</strong> zum Verhalten in<br />
Abhängigkeit von Hangsteilheit oder Lawinen-<br />
gefahrenstufe, so dass keine Risikoabschätzungen<br />
möglich sind. Hier besteht noch Forschungsbedarf.<br />
Lawinenprävention hat in der Schweiz eine lange<br />
Tradition. Dennoch besteht Bedarf an neuen Ideen<br />
oder Vorgehensweisen zur weiteren Reduktion der<br />
Anzahl der Getöteten.<br />
Die in diesem Bericht von der bfu empfohlenen<br />
Präventionsmassnahmen können in der Ausbil-<br />
dung, Beratung <strong>und</strong> Kommunikation umgesetzt<br />
werden. Die Koordination mit allen involvierten<br />
Partnern ist dabei sehr wichtig. Diese gehören<br />
grösstenteils dem Kernausbildungsteam (KAT) La-<br />
winenprävention Schneesport an, das vom WSL-<br />
Institut für Schnee- <strong>und</strong> Lawinenforschung SLF<br />
geführt wird.<br />
Prioritär ist defensives Verhalten (Einbau einer Si-<br />
cherheitsreserve) zu fördern. Dazu sollen folgende<br />
Massnahmen umgesetzt werden:<br />
� Gefahrenbewusstsein erhöhen<br />
� Entscheidungs- <strong>und</strong> Handlungskompetenz ver-<br />
bessern<br />
Einsteiger, Unerfahrene, Unk<strong>und</strong>ige, also Personen,<br />
die keine Lawinen-Ausbildung besucht <strong>und</strong> keine<br />
oder nur wenige Kenntnisse in Lawinenk<strong>und</strong>e ha-<br />
ben, sollen sich einem lawinenk<strong>und</strong>igen Leiter oder<br />
einer lawinenk<strong>und</strong>igen Leiterin anschliessen oder<br />
das lawinengefährdete Gelände meiden <strong>und</strong> sich in<br />
einem Schonraum bewegen. Dafür muss<br />
� die Sicherheit in geführten Gruppen weiter<br />
erhöht werden, indem die Risikokompetenz der<br />
Leitenden durch Ausbildung verbessert wird,<br />
� entsprechender Schonraum geschaffen werden<br />
(Abfahrtsrouten, Verzeichnis von <strong>Touren</strong> mit<br />
geringem Lawinenrisiko).<br />
Die bfu hat im Winter 2012 eine Medienmitteilung<br />
veröffentlicht, in der sie darauf hinweist, wie<br />
schwierig die Einschätzung der Lawinengefahr ist,<br />
<strong>und</strong> dazu aufruft, eine Sicherheitsreserve einzupla-<br />
nen (Anhang 1).<br />
Die bfu plant zudem, ein Verzeichnis von «Plaisir-<br />
<strong>Touren</strong>» zu erstellen, d. h. «grüne» <strong>Touren</strong>, die<br />
ausser bei Lawinengefahrenstufe 4 oder 5 mit ge-<br />
ringem Lawinenrisiko begangen werden können.<br />
Im Kernausbildungsteam Lawinenprävention<br />
Schneesport werden neue Hilfsmittel diskutiert <strong>und</strong><br />
evaluiert, um die Selbststeuerungsfähigkeiten zu<br />
verbessern.<br />
32 Fazit bfu-Gr<strong>und</strong>lagen
Quellenverzeichnis<br />
[1] Schweizerische Kommission für Unfallverhütung auf Schneesportabfahrten SKUS. Richtlinien für<br />
Anlage, Betrieb <strong>und</strong> Unterhalt von Schneesportabfahrten. Bern: Schweizerische Kommission für Unfallverhütung<br />
auf Schneesportabfahrten SKUS; 2010.<br />
[2] Seilbahnen Schweiz (SBS). Die Verkehrssicherungspflicht für Schneesportabfahrten: Richtlinien mit<br />
Erläuterungen. Bern: SBS; 2006.<br />
[3] Dannenberger D, Mathys H-W. Sicherheit <strong>und</strong> Umwelt im Schneesport. Magglingen: B<strong>und</strong>esamt für<br />
Sport BASPO; 2006. Zugriff am 01.03.2012.<br />
[4] Lamprecht M, Fischer A, Stamm H. Sport Schweiz 2008: Das Sportverhalten der Schweizer Bevölkerung.<br />
Magglingen: B<strong>und</strong>esamt für Sport BASPO; 2008.<br />
[5] Lamprecht M, Fischer A, Stamm H. Sport Schweiz 2008: Factsheets Sportarten. Magglingen: B<strong>und</strong>esamt<br />
für Sport BASPO; 2009.<br />
[6] Ladner B. Schritt für Schritt aufwärts. Schweizer Sport <strong>und</strong> Mode. 2011;4:30–31.<br />
[7] Berther A, Wicky M. Schneesport Schweiz: Varianten <strong>und</strong> <strong>Touren</strong>. Belp: SWISS SNOWSPORTS<br />
Association; 2010.<br />
[8] UVG-Statistik der Sammelstelle für die Statistik der Unfallversicherung UVG (SSUV): Spezialauswertung<br />
bfu. Bern: bfu - Beratungsstelle für Unfallverhütung; 2012.<br />
[9] Niemann S. Verletztentransporte im Schneesport 2009/2010: Ski- <strong>und</strong> Snowboardunfälle im Vergleich.<br />
Bern: bfu - Beratungsstelle für Unfallverhütung; 2011. bfu - Gr<strong>und</strong>lagen.<br />
[10] Harvey S, Rhyner H, Ammann WJ. Vom weissen Rausch zum schwarzen Tag: Lawinenrisiko <strong>beim</strong><br />
<strong>Variantenfahren</strong>. Fd snow, Fachzeitschrift für den Skisport. 2002;22:28–33.<br />
[11] Harvey S, Zweifel B. Weniger Todesopfer: neue Trends in der Lawinenunfallstatistik. Die Alpen.<br />
2008;12(24):27<br />
[12] bfu - Beratungsstelle für Unfallverhütung. bfu-Statistik der tödlichen Sportunfälle. 2000-2010. bfu.<br />
http://www.bfu.ch/German/statistik/Seiten/Statistik.aspx. Zugriff am 31.07.2012.<br />
[13] Harvey S. Lawinen <strong>und</strong> Bulletin: Facts aus Schweizer Datenbank. Berg<strong>und</strong>steigen. 2002;4(48):52<br />
[14] WSL-Institut für Schnee- <strong>und</strong> Lawinenforschung SLF. <strong>Lawinenunfälle</strong>. Lawinenopfer pro Gefahrenstufe.<br />
http://www.slf.ch/praevention/lawinenunfaelle/index_DE. Zugriff am 13.01.2012.<br />
[15] Etter HJ, Zweifel B, Dürr L. Schnee <strong>und</strong> Lawinen in den Schweizer Alpen. Hydrologisches Jahr<br />
2008/09. Davos: WSL-Institut für Schnee- <strong>und</strong> Lawinenforschung SLF; 2011.<br />
[16] Munter W. 3 x 3 Lawinen. Entscheiden in kritischen Situationen. Garmisch-Partenkirchen: Agentur<br />
Pohl & Schellhammer; 1997.<br />
[17] Brügger O, Walter M, Sulc V. Unfallprävention im Schneesport: Kenntnisse, Einstellungen <strong>und</strong> Verhalten<br />
der Schneesportler <strong>und</strong> Ausbildner. Bern: bfu - Beratungsstelle für Unfallverhütung; 2005.<br />
bfu-Report 56.<br />
[18] Harvey S. Lawinensituation als Muster erkennen. Berg<strong>und</strong>steigen. 2012;4(11):58–69.<br />
[19] Utzinger C. Zur Rolle von Wahrnehmung <strong>und</strong> Risiko bei <strong>Lawinenunfälle</strong>n. Berg<strong>und</strong>steigen.<br />
2003;(4):38–43.<br />
[20] Utzinger C. Heuristische Fallen bei <strong>Lawinenunfälle</strong>n. Berg<strong>und</strong>steigen. 2004;(1):51–57.<br />
[21] Kern-Ausbildungsteam "Lawinenprävention Schneesport". Achtung Lawinen. Kern-<br />
Ausbildungsteam "Lawinenprävention Schneesport". Zugriff am 01.03.2012.<br />
bfu-Gr<strong>und</strong>lagen Quellenverzeichnis 33
Anhang: Medienmitteilung vom 24.1.2012<br />
34 Anhang: Medienmitteilung vom 24.1.2012 bfu-Gr<strong>und</strong>lagen
Annexe: Communiqué de presse du 24.1.2012<br />
bfu-Gr<strong>und</strong>lagen Annexe: Communiqué de presse du 24.1.2012 35
Sicher leben: Ihre bfu.<br />
Die bfu setzt sich im öffentlichen Auftrag für die Sicherheit<br />
ein. Als Schweizer Kompetenzzentrum für Unfallprävention<br />
forscht sie in den Bereichen Strassenverkehr, Sport sowie<br />
Haus <strong>und</strong> Freizeit <strong>und</strong> gibt ihr Wissen durch Beratungen,<br />
Aus bildungen <strong>und</strong> Kom munikation an Privatpersonen<br />
<strong>und</strong> Fachkreise weiter. Mehr über Unfall prävention auf<br />
www.bfu.ch.<br />
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<strong>und</strong> Verbreitung sind mit Quellenangabe (s. Zitationsvorschlag) gestattet; gedruckt auf FSC-Papier<br />
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Tel. +41 31 390 22 22, Fax +41 31 390 22 30, info @ bfu.ch, www.bfu.ch<br />
2.095.01 – 03.2012