Ausstellungen und Messen im Herbst

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NRW-Forum: Alain Biebers Ego Updates

Erika Kiffls Atelier-Besuche

Kunst oder Klimbim: Danh Võ in Köln

Terminkalender:

Ausstellungen und Messen im Herbst

VERLAGSBEILAGE


inhalt

Kunstspecial 09 / 2015

4

Schutz oder Haft?

Die Politik plant ein neues

Kulturgutschutzgesetz. Das

bedeutet das Ende des Kunsthandels

– sagen Sammler und

Galeristen.

SEITE 14

KAUFEN ODER NUR GUCKEN ?

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»Dann steht plötzlich

die Ampel auf Grün«

Uecker, Beuys, Ai Weiwei –

Erika Kiffl hatte sie alle. Nun

zeigt das Museum Kunstpalast

ihre Künstler- und

Atelierfotografien.

14

Kaufen und Gucken

Kunstmessen im Herbst

eine Auswahl

Marina Abramovic: Artist Portrait with a Rose, 2013. Copyright Marina Abramovic, Courtesy Marina Abramovic Archives, Galerie Krinzinger Vienna.

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Der Spaßmacher

Im Gespräch mit Alain

Bieber: Düsseldorfs jüngster

Museumsdirektor verrät, was

er mit dem NRW-Forum

Düsseldorf vorhat.

Wer ist hier der Nächste?

Caritas früher und heute

– eine Ausstellung über

Nächstenliebe im Diözesanmuseum

Paderborn

Sentimentale Eichen

Voltaire schmähte, Heine

bewunderte sie: Wahrheiten

über Westfalen im MKK

Dortmund

Versierter Arrangeur

Danh Võ ist schwer zu

fassen: Macht er Kunst oder

Klimbim? Eine Suche nach

Antworten.

Der Herbst und

seine Ausstellungen

und Messen

Eine internationale Auswahl

Runter vom Sofa

Viele Werke aus NRW-Museen

sind auch online zu

finden. Nun erweitert nrwmuseum.de

sein Angebot.

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Schau dich um!

Was der Herbst beim

Nachbarn bringt: Die besten

Ausstellungen in Belgien und

den Niederlanden

Hingeschaut!

Was steht denn da? Eine

Webseite dokumentiert die

Kunst im öffentlichen Raum

in ganz NRW.

K.WEST 09/15

KUNSTSPECIAL

3


Schutz oder Haft?

TEXT ULRICH DEUTER

Von C. D. Friedrich sind sechs eher weniger bedeutende Werke im »Verzeichnis national wertvollen Kulturguts« eingetragen, der »Mönch am Meer« von 1810 (Berlin, Schloss

Charlottenburg) aber nicht.

Beltracchi fälscht, WDR und Westspiel verhökern –

Kunst ist Ware und der Kunstmarkt einer

der ungeregeltsten. Doch nun tut sich was: NRW-

Kulturministerin Schäfer kündigt einen »Kodex

zum Umgang mit Kunst« an, ihre Bundeskollegin

Grütters legt ein neues Kulturgutschutzgesetz

vor. Um dieses aber ist ein heftiger Streit entbrannt:

Sammler und Galeristen beschwören das Ende

des deutschen Kunsthandels herauf.

4 KUNSTSPECIAL

K.WEST 09/15


Das klassische Tableau sieht den Geist wider zwei

Kontrahenten fechten: die Macht und das Geld.

Idealerweise vielleicht richtig, doch in der unidealen

Wirklichkeit sind die Rollen manchmal überraschend

verwischt – wie jetzt in der Auseinandersetzung

um das neue Kulturgutschutzgesetz. Künstler

wie Baselitz, Gerhard Richter oder Uecker fürchten

um ihre Milliönchen, während eine Staatsministerin

antritt, um das Geistige in der Kunst vor dem Markt

zu retten. Was ist da los?

Fakt ist, EU und UNESCO fordern seit längerem

von Deutschland, den Kulturgutschutz zu verbessern;

auch die Bundesländer wünschen sich von

Berlin eine Verbesserung des Abwanderungsschutzes.

Zwar ist Kultur Ländersache, doch verpflichtet

das Grundgesetz in Artikel 73 »ausschließlich« den

Bund zur »Gesetzgebung über den Schutz deutschen

Kulturgutes gegen Abwanderung ins Ausland«.

Schon seit 1955 besteht daher ein Bundes-»Gesetz

zum Schutz deutschen Kulturgutes« (KultgSchG),

das all das benennt, worüber jetzt – als sei es völlig

neu – heftigst gestritten wird: ein »Verzeichnis national

wertvollen Kulturgutes«, in das »Kunstwerke

und anderes Kulturgut (…), deren Abwanderung

(…) einen wesentlichen Verlust für den deutschen

Kulturbesitz bedeuten würde«, eingetragen werden.

Sowie das staatliche Recht, die Ausfuhr eingetragenen

Kulturgutes »zu versagen, wenn bei Abwägung

der Umstände des Einzelfalles wesentliche Belange

des deutschen Kulturbesitzes überwiegen.«

vom

16.-18.Okt.

2015 in

Hamm

/ Westf.

Veranstaltungsort

Alfred Fischer Halle

Sachsenweg 10 - 59073 Hamm

www.artexpo.nrw

internationale Kunstmesse auf 1.500 m und

internationale Fachhandelsmesse auf 3.000 m

2

2


Diese Liste »national wertvollen Kulturgutes« wird

von den Bundesländern geführt, sie haben hierzu

einen Sachverständigen-Ausschuss zu bilden und zu

hören, in dem neben Hochschullehrern unter andrem

auch private Sammler und Kunsthändler vertreten

sein müssen. Womit das Spektrum derer, die mit

Kunst zu tun haben und die mit Kunst handeln, vorbildlich

abgedeckt ist. Weswegen auch in den 60 Jahren

seither kaum Klagen zu hören waren. (Höchstens,

dass diese Liste schlecht geführt sei, was man am nicht

zu verhindernden Verkauf der Warhols aus dem Besitz

der Westspiel in NRW sehen konnte.)

Seit Staatsministerin für Kultur und Medien Monika

Grütters (CDU) aber die in ihrem Haus erarbeitete

Novelle des KultgSchG vorgelegt hat – bzw. eine

erste Fassung an die Presse durchgestochen wurde

–, seit Mai also schreien zwar nicht die Museumsdirektoren

und Kunsthistoriker, wohl aber die Sammler

und Händler Mordio. Sowie auch bemerkenswerterweise

manche Künstler. Vergleiche mit DDR

und Nazizeit werden gezogen. Von Enteignung ist

die Rede. Erkennbar ist: Den Protestlern geht’s ums

Geld. Sie fürchten nicht den Wert-, sondern den

Preisverfall ihrer Kunst. Sie haben, wie Baselitz,

geschickt durch Verleih an öffentliche Museen den

Wert ihrer Werke erhöht und fürchten nun das Verkaufsverbot.

Denn nach dem Willen des neugefassten

Gesetzes muss künftig für jedes Kulturgut oberhalb

der Schwelle von 70 Jahren und 300.000 Euro

(Erstfassung: 50 Jahre und 150.000 Euro) bei dessen

Ausfuhr, auch ins EU-Ausland, eine staatliche Genehmigung

eingeholt werden. Im Zuge dieses Verfahrens

prüfen die Landesbehörden, ob das Objekt

bereits nationales Kulturgut ist oder in die Liste aufgenommen

wird. Wenn ja, darf das Werk nur noch

in Deutschland verkauft werden. Die gewaltigen

Summen etwa des New Yorker Marktes sind dann

für den, der seinen Picasso oder Holbein an Oligarchen

verkaufen will, nicht mehr drin. Schon hat

der adlige Privatbesitzer eines Goldpokals aus dem

17. Jahrhundert das Objekt (Schätzwert zehn Millionen

Euro) noch vor der Prüfung durch die zuständige

Mainzer Landesregierung husch-husch nach

London verbracht, was bislang nicht verboten ist.

Und von dort vermutlich nach New York. So dass

das Trinkgefäß Kaiser Rudolfs II. wohl demnächst

einem Scheich zum Wohle dient.

Wofür alle deutschen Kunsthändler gemeinsam fast

ein ganzes Jahr lang schuften, 700 Millionen Dollar,

das setzt Christie’s in New York an einem Tag um.

Also warnt der heimische Kunstmarkt: Vom deutschen

Handel allein können wir nicht leben. Wir

haben ohnehin mit 19-prozentiger Mehrwertsteuer

zu kämpfen (eine EU-Richtlinie), mit den Abgaben

für Künstlersozialkasse und dem »Folgerecht« (das

Künstler und deren Erben ein Scherflein vom Wiederverkauf

ihrer Werke abgibt). Diese Tränenflut

stammt jedoch zum Gutteil vom Krokodil. Erwirtschaftet

doch der deutsche Kunsthandel 80 Prozent

seines Umsatzes mit dem Verkauf zeitgenössischer

Kunst. Und die wird weder derzeit von der Nationalkulturgutschutzliste

erfasst, noch wird sie es künftig

sein. Laut Auskunft der Staatsministerin befindet

sich auf dem 2700 Positionen umfassenden Verzeichnis

nur ein einziges zeitgenössisches Werk, von

Uecker. Warum also das Geschrei?

Neben der Ausfuhr will Grütters’ Gesetz auch die Einfuhr

stärker regeln, zum Schutz gegen den illegalen

Handel mit Kulturgut etwa aus Kriegsgebieten; das

findet auch der Kunsthandel prima. Aufregung hingegen

verursacht dito die Absicht, nicht nur öffentliche

Sammlungen generell unter Verkaufs-Schutz zu

stellen, sondern auch die dort gezeigten Leihgaben.

Was Georg Baselitz zum sofortigen Abzug der Seinen

aus Museen in Dresden, München und Chemnitz

bewog. Hätten ihm doch die Dollarzeichen im Auge

nicht die Sicht getrübt! Denn die geplante Regelung

dient dem Schutz der Leihgaben (etwa bei Diebstahl)

und erlischt beim Ende der Leihe. Man kann auch

missverstehen wollen.

Im Herbst soll das Gesetz im Bundestag beraten

werden, 2016 in Kraft treten. Viel wird darauf ankommen,

wie der Begriff »national bedeutendes

Kulturgut« definiert wird. Die Praxis der Kulturstiftung

der Länder, die mit genau diesem Begriff seit

Jahren operiert, lässt allerdings kaum Raum für

Befürchtungen: In die »Schutzhaft« des nationalen

Ranges gerät nur sehr Weniges.

ZWEI STATEMENTS AUS DEM MARTA IN HERFORD UND DER ART COLOGNE

6 KUNSTSPECIAL

K.WEST 09/15


Der junge Trier

Hann Trier zum 100. Geburtstag

31.7. – 1.11.15


Gutes Gesetz

Roland Nachtigäller, wären die Warhols aus dem Besitz

der Westspiel letztes Jahr nicht versteigert worden,

wenn es das neue Kulturgutschutzgesetz schon gegeben

hätte? – Eine Frage, die der Direktor des Museums

Marta Herford verneint: »Da die Altersgrenze auf 70

Jahre angehoben wurde, hätte es wohl nichts genutzt.

Allerdings hätte es wahrscheinlich eine ganze andere

Debatte über Kunst im öffentlichen Besitz gegeben.

Das ist das Gute an der Gesetzesnovelle: Wir reden

engagiert über Kultur und ihren Schutz. Panik ist

völlig unangebracht. Ebenso die teils ausufernde Begriffswahl.

Das wird auch Frau Grütters nicht gerecht,

die eine kluge Akteurin ist.« Den Begriff des national

Wertvollen im Gesetz erstmals definieren zu wollen,

begrüßt Nachtigäller, auch wenn er keine Formulierungsvorschläge

machen möchte. »Dafür bin ich als

Marta-Direktor auch zu wenig davon betroffen. Wir

sind ja ein Haus der zeitgenössischen Kunst. Aus der

Museumsperspektive liegt mir aber die Frage am Herzen,

was Sammeln grundsätzlich bedeutet. Wie entsteht

so etwas wie Geschichtsschreibung im Museum,

was sollen wir bewahren, darf es Verkäufe geben?

Gut ist:

Wir debattieren über

Kunst im öffentlichen

Besitz.

Wie kann man den internationalen Leihverkehr von

Kulturgütern sinnvoll gestalten, ohne ausstellungsverhindernde

Hürden und Auflagen? Und: Zu welchen

finanziellen Bedingungen ist das überhaupt noch

möglich usw.?« Nicht ganz geklärt ist bislang, ob im

neuen Gesetz öffentliche Sammlungen generell unter

Kulturgutschutz gestellt werden (wie der erste Entwurf

es vorsieht) oder erst auf Antrag. Letzteres würde

Nachtigäller sehr begrüßen: »Das großartige Documenta-Archiv

in Kassel wäre beispielswiese für mich

eine Sammlung, die es wert wäre, als Ganzes geschützt

zu werden. Damit nicht eines Tages begehrte Einzelstücke

herausgelöst und veräußert werden.« Generell

erhofft er sich Positives vom Gesetz: »Ich bin optimistisch

und stelle mir vor, dass es immer wieder, nämlich

bei Beratungen über eine Aufnahme in die Liste,

zu produktiven Diskussionen in der Öffentlichkeit

kommt. Über unser kulturelles Gedächtnis, über die

Kunst- und Kulturproduktion in diesem Land. Das ist

eine Frage, die gerade in Zeiten neoliberaler Öffnung

der Märkte all zu oft untergeht.«

Schlechtes Gesetz

Der Direktor der Art Cologne, Daniel

Hug, hingegen verbindet mit dem neuen

Gesetz die schlimmsten Befürchtungen:

»Das Problem ist, dass der Staat, dass

Bürokraten künftig festlegen wollen, was

von nationalem Wert ist und was nicht.«

Der Staat will Kunst

definieren?

Hug sieht nicht ein, warum Deutschland

dem schlechten Beispiel Italien folgen

müsse, dessen Kulturgutschutzgesetz

zur Folge hatte, dass Händler italienische

Nachkriegskunst vor Erreichen der

Altersgrenze von 50 Jahren (wonach sie

nicht mehr ins Ausland verkauft werden

dürfte) nach London exportierten und

so den heimischen Markt lahmlegten:

»Frau Grütters will Kulturgut schützen,

aber ihr Gesetz bewirkt das Gegenteil.

Ich befürchte, dass die meisten deutschen

Sammler ihre Sammlungen vor

Inkrafttreten des Gesetzes

ins Ausland verfrachten, in Zollfreilager

nach Luxemburg und in die Schweiz.

Am Ende haben wir

weniger Kunst.

Am Ende hat Deutschland weniger Kunst

als jetzt.« Und die Zahl gefälschter Provenienzen

werde zunehmen. Wenn schon

eine Altersgrenze gezogen werden müsse,

dann auf jeden Fall deutlich mehr als 70

Jahre: »Alles vor dem 20. Jahrhundert

ginge. Die erste Gutenberg-Bibel, klar,

nationales Kulturgut. Aber 70 Jahre, das

bedeutet 1945. Alles davor wäre blockiert.

Die NS-Zeit ist ein Minenfeld, da muss

die kleinste Möglichkeit, Werke zurückund

zusammenzuführen, offengehalten

werden. Wir sollten es wie in England

regeln, wo der Staat ein Zeitfenster von

sechs Monaten hat, um ein Kunstwerk,

das ins Ausland gehen soll, selbst zu kaufen.

Das ist genug Zeit, um das Geld dafür

aufzutreiben.«

8 KUNSTSPECIAL

K.WEST 09/15


LVR-LandesMuseum Bonn

5. September 2015 –

3. April 2016

REVOLUTION

jung S TEINZEIT

ARCHÄOLOGISCHE

LANDESAUSSTELLUNG

NRW

www.revolution-jungsteinzeit.de

kleinundneumann.de

Rheinisches Landesmuseum für Archäologie,

Kunst- und Kulturgeschichte

Colmantstraße 14-16, 53115 Bonn

Telefon 0228 2070-351

www.landesmuseum-bonn.lvr.de

Öffnungszeiten

Di-Fr und So 11-18 Uhr

Sa 13-18 Uhr

Mo geschlossen

Anmeldung/Buchung

von Führungen

info@kulturinfo-rheinland.de

Telefon 02234 9921-555

Tickets im Vorverkauf

inkl. VRS-Fahrausweis

www.bonnticket.de bzw. www.koelnticket.de

Ticket-Hotline 0228 502010


»Dann steht plötzlich die

Ampel auf Grün«

TEXT KATJA BEHRENS

Wie anders sähe die Geschichtsschreibung der rheinischen Kunstszene aus, hätten nicht

in den letzten 50 Jahren die Fotografen aus der zweiten Reihe unsere Aufmerksamkeit

auf die Ereignisse und ihre Köpfe gelenkt? Erika Kiffl ist einer dieser Chronisten. Sie hat

mit ihren Künstler- und Atelierbildern ein Stück Kunstgeschichte bewahrt, die jetzt in

einer Ausstellung im Museum Kunstpalast noch einmal lebendig wird.

Besen statt Pinsel: 1977 fotografiert Erika Kiffl Gotthard Graubner bei der Arbeit an seinem Documenta-Beitrag. Das Atelier war zu klein,

deshalb hatte der Künstler sein Quartier im Museum Kunstpalast verlegt. Museum Kunstpalast, AFORK, Düsseldorf. © Erika Kiffl, 2015.

© VG Bild-Kunst, Bonn, 2015.

10 KUNSTSPECIAL

K.WEST 09/15


Gotthard Graubner steht mit langem Besen in der

Hand vor ein paar großen, an einen Pfeiler gelehnten

Leinwänden. Auf dem Boden ausgebreitet: Papierbögen,

Lappen, Farbdosen, eine Flasche – Terpentin vielleicht.

Zur Vorbereitung seines Documenta-Beitrags

war der Maler 1977 in die Halle A5 umgezogen, den

Ausstellungsraum des alten Düsseldorfer Kunstpalastes.

»Ein wunderbarer Ort«, erinnert sich Erika Kiffl.

Beim Gespräch in einem Café in der Düsseldorfer Innenstadt

möchte sie mit dem Blick zum Raum Platz

nehmen – »sonst bin ich abgelenkt, weil ich dauernd

schaue, wer vorbeikommt.« Sie fängt sofort an zu

erzählen, von ihrem Aufwachsen »im böhmischen

Wald«, ihrem Ankommen im Rheinland, von ihren

Begegnungen mit den Künstlern in Düsseldorf oder

den Problemen und der Unterstützung, die sie als Fotografin

erfuhr. Sie hat den Katalog zu ihrer aktuellen

Ausstellung mitgebracht – Erinnerungen steigen hoch.

Damals hatte die Stadt dem Maler Graubner die Halle

A5 des Kunstpalastes zeitweise überlassen, denn »sein

Atelier war ja viel zu klein für die Formate. Als ich

das sah, das war die Initialzündung für mich«. Kiffl

hat Graubner seinerzeit mit ihrer Kamera begleitet.

Künstlerporträts hatte sie schon vorher gemacht, nun

aber erkannte sie die Bedeutung des Arbeitsumfelds

für die Entstehung von Kunst. Ein Motiv im Übrigen,

das Künstler selbst schon seit Jahrhunderten immer

wieder beschäftigt: In ihren Selbstbildnissen zeigen

sie sich gerne bei der Arbeit im Atelier, umgeben von

Staffelei, Pinsel- und Farbbehältern, von Objekten, die

Bildrequisiten oder Inspirationsquelle sind, mitunter

ist auch eine schöne Muse zugegen. Kiffl jedenfalls

ist begeistert von Graubner, seinem Besenpinsel und

dem großen Raum.

Noch im selben Jahr ist sie bei Gerhard Richter zu

Besuch, darf auch ihm bei der Arbeit zuschauen und

dabei fotografieren. Schon 1967 hatte sie den Maler

bei der Ausführung seiner Serie »Diana« fotografieren

können. Entstanden sind Fotos, die wohl eine so starke

Präsenz und Authentizität besitzen, weil die Fotografin

tatsächlich im Hintergrund blieb – sozusagen aus dem

Hinterhalt geschossen hat. Ohne großen Aufwand:

kein Kunstlicht, keine Inszenierung, noch nicht einmal

unbedingt ein Gespräch – »einfach so«, sagt sie.

In Richters Fall arbeitete sie ausnahmsweise in Farbe.

Sonst sind Kiffls Fotografien allermeist schwarz-weiß,

immer analog, nie bearbeitet. »Ich bin keine Künstlerin,

ich bin Fotografin«, stellt sie klar. Und, »ich mache

auch keine Künstlerporträts. Ich will schließlich keine

Hofberichterstattung machen. Mich interessiert das

»work in process«, der Arbeits- und Entstehungsprozess,

deshalb meine Serien, deshalb der Blick ins Atelier.

Oft sagt ja auch der Raum selbst genug aus über

die Menschen, die hier arbeiten.«

und auf über 1.000 qm in Köln-Lövenich!

AUKTION 77 - am 21. November 2015.

Wir freuen uns auf Ihre Einlieferung.

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K.WEST 09/15

KUNSTSPECIAL

11


Als die Schlagzeilen noch fern waren. 1995 besuchte Erika Kiffl den 38-jährigen Ai Weiwei in

seinem Atelier in Peking. Museum Kunstpalast, AFORK, Düsseldorf. © Erika Kiffl, 2015. © Ai

Weiwei, 2015.

Erika Kiffl, Gerhard Richter in seinem Atelier, Düsseldorf, 1977, Silbergelatine auf Baryt,

Museum Kunstpalast, AFORK © Erika Kiffl, 2015 © Gerhard Richter, 2015

MUSEUM KUNSTPALAST, DÜSSELDORF

»ERIKA KIFFL – FOTOGRAFIE. VON AI WEIWEI BIS GERHARD RICHTER«

BIS 18. OKTOBER 2015

TEL.: 0211 566 42 100

Aus Anlass ihres 75. Geburtstags richtet ihr das Museum

Kunstpalast nun, ein kleines bißchen verspätet,

eine retrospektive Ausstellung aus, mit Fokus

auf ebenjenen Atelierbildern. Das Hauptkonvolut

stammt aus der Sammlung des AFORK, dem Archiv

künstlerischer Fotografie der rheinischen Kunstszene,

das die Fotografin vor zwölf Jahren mitgegründet

hat. Gemeinsam mit den Kollegen Benjamin Katz,

Manfred Leve und dem Kurator Stephan von Wiese

war Kiffl damals eine treibende Kraft hinter der

Archivgründung. Und, »sie ist auch heute noch eine

der Säulenheiligend des AFORK«, sagt Museumsdirektor

Beat Wismer.

Die Ausstellung zeigt etwa hundert von insgesamt

tausend Kiffl-Bildern des Archivs, beginnend mit

der ersten Serie 1964 im Bahnhof Rolandseck. Die

Präsentation folgt mehr oder weniger chronologisch

den verschiedenen Kapiteln ihres Werdegangs,

sortiert nach Künstlern, nach Orten, nach

Ereignissen.

Kiffl wurde 1939 im böhmischen Karlsbad geboren,

ist in Österreich aufgewachsen, großbürgerlich mit

der entsprechenden kulturellen Prägung. Mit elf Jahren

ist sie mit Mutter und Stiefvater nach Düsseldorf

gekommen. Nach Studien an der Werkkunstschule

Krefeld geht sie an die Kunstakademie Düsseldorf,

sitzt mit Hilla und Bernd Becher zusammen in einer

Klasse, bricht jedoch bald ihr Studium ab, um als

Layouterin für die Modezeitschrift »Elegante Welt«

zu arbeiten. Sie arrangiert Fotos, arbeitet selbst als

Modell, pflegt die Kontakte und Freundschaften der

Akademiezeit: Anna und Bernhard Blume, Dorothee

und Konrad Fischer, Günther Uecker, Konrad Klapheck,

Graubner ...

1963, so erinnert sie sich gern, »bin ich dann zusammen

mit meiner Cousine mit geliehenen 2000 Mark

nach New York geflogen. Für 800 habe ich mir einen

Fotoapparat gekauft, der Rest ging für den Flug

drauf. Alle waren sie an Bord, Künstler und Galeristen,

wenn die Maschine abgestürzt wäre, hätte die

Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts wohl anders

ausgesehen. Kricke hat die ganze Zeit getrunken und

randaliert, Szeemann war da, Arnold Rüttlinger, in

den hatte ich mich sofort verliebt.«

In New York gelingt ihr dann ein Glückstreffer: Riesige

Dinosaurierfiguren für die Weltausstellung im

folgenden Jahr in New York wurden den Hudson

River hinaufbefördert, es sah so aus als würden sie

schwimmen. »Der ›Stern‹ hat mir gleich die Bilder

abgekauft, da hatte ich die Reisekosten wieder raus.«

Nach der Arbeit für das Modemagazin, vor der Kamera

und im Layout, ist sie einige Zeit in einer Werbeagentur,

später im Kunsthandel tätig. »Damals

habe ich schon Künstler und Kunst fotografiert, das

12 KUNSTSPECIAL

K.WEST 09/15


war ja auch naheliegend.« Dann das Schlüsselerlebnis

mit Graubner und seither immer wieder Künstler

bei der Arbeit, beim Ausstellungsaufbau, im Atelier:

Günther Uecker, Joseph Beuys, Jan J. Schoonhoven,

Arnulf Rainer, Lothar Baumgarten, Karl Prantl, Joannis

Avramidis, Miroslaw Balka, Bogomir Ecker, Ai

Weiwei ...

Kiffl ist unermüdlich, sie nutzt ihre Kontakte aus

Akademiezeiten, bittet die Künstler selbst, sie weiterzureichen.

Oft sei es aber auch Zufall gewesen, wenn

etwas klappte: »Du versuchst etwas und versuchst,

und dann steht plötzlich die Ampel auf Grün.« Beim

Durchblättern des Katalogs fällt auf, dass ihre Bilder

häufig besonders gut als Paare funktionieren. Joseph

Beuys in persona oder vertreten durch Gehstock,

Filz, Rucksack, ganz egal.

Ulrike Rosenbachs verrückte Performance »Meine

Macht ist meine Ohnmacht« von 1978 in einem

hängenden Netz im Museum Kunstpalast ist ein bekanntes

und viel reproduziertes Bild. 1985 wird es

noch einmal aufgerufen, wenn Martin Honert zum

Akademierundgang im zentralen Treppenhaus seine

Schwimmer im luftigen Netz umherpaddeln lässt.

Kiffl hat beide Arbeiten fotografiert und überlässt alles

Weitere dem Betrachter.

Im Laufe der Jahre hat sie immer wieder in umfangreichen

Serien fotografiert, hat zehn Jahre lang, von

1979 bis 1989, die Akademierundgänge fotografiert

oder die Treibhaus-Ausstellungen im Kunstmuseum

Jahr für Jahr begleitet. 1980 rief sie das Internationale

Fotosymposium ins Leben, das viele Jahre auf

Schloss Mickeln stattfand. Sie fotografierte in Polen

und Österreich und in China. »Das ist der Videokünstler

Zhang Peih«, Kiffl zeigt auf einen Mann auf

einem Foto. »Er hat mich einst gefragt, ob ich wohl

wisse, wie er reich und berühmt werden könne. Ich

habe ihm den Tipp gegeben, Kontakt zu Sony aufzunehmen

– die waren die Sponsoren von Nam June

Paik. Heute ist Peih einer der berühmtesten chinesischen

Videokünstler, er ist gerade in Marl zu sehen«,

bemerkt sie zufrieden.

Und so reiht sich Geschichte an Geschichte. Jedes

Bild steht für eine Erinnerung.

Auf die Frage nach Künstlerinnen und deren Ateliers

allerdings antwortet die Fotografin etwas zerknirscht:

»Das ist ein kritischer Punkt. Meine ersten

Künstlerkontakte waren alles Männer. Richter,

Klapheck, Graubner, Uecker... Später dann habe ich

selbstverständlich auch Künstlerinnen getroffen und

fotografiert, Katharina Sieverding, Isolde Wawrin,

Ulrike Rosenbach ...« Sehr viele Frauen lassen sich

allerdings nicht finden, doch das könnte ja durchaus

auch die damalige Wirklichkeit abbilden. »Künstlerinnen

waren einfach nicht so sichtbar.«

Sie ist die älteste Kunst-Messe Deutschlands und findet unter der ideellen

Trägerschaft des KD (Kunsthändlerverband Deutschland) statt. Die renommierten

Aussteller der 60. Kunst-Messe München präsentieren ein erstklassiges Angebot

aller klassischen Sammelgebiete von der Antike bis zur Kunst der Gegenwart. Ein

Besuch dieser internationalen Messe ist für den kundigen Sammler musealer Kunst

ebenso lohnend wie für Neueinsteiger.

25. Oktober bis

1. November 2015

täglich 11–19 Uhr

Wredestraße 10

an der Hackerbrücke

www.kunstmesse-muenchen.com

K.WEST 09/15


Gucken

und kaufen

in NRW

Julian Opie: Architect. © DavisKlemmGallery. Auf der C.A.R. präsentiert von DavisKlemmGallery, Wiesbaden.

14 KUNSTSPECIAL

K.WEST 09/15


Kunstmessen im

Herbst – eine Auswahl

Anzeige_Schein_1/2 hoch_K.WEST_Layout 1 24.08.15 20:32 Seite 1

TEXT ALEXANDRA WACH

ÜBERALL IM

BUCHHANDEL

ERHÄLTLICH

Art.Fair

24. bis 27. Sept. 2015

koelnmesse,

Halle 1 und 2, Köln

Mit der letzten Ausgabe rückte die Messe

für moderne und aktuelle Kunst der

Art Cologne auf die Pelle, in die legendären

Hallen 1 und 2 der Kölnmesse.

Den 13. Auftritt der Art.Fair zieht man

nun vom Oktober in den September vor.

Zu den Highlights der »Kunstmesse für

Einsteiger«, die ihr Angebot mit Malerei,

Skulptur und Medienkunst, aber auch

gehobenem Nippes und Kinkerlitzchen

bestreitet, gehört die Taiwan Contemporary

Art Show. Neun Galerien gewähren

einen Einblick in das Kunstgeschehen

des Landes, das gerne auf poppigen Geschmackspfaden

zwischen Manga und

Horror wandelt. Interesse für die dänische

Kunst möchte die Galleri Franz

Pedersen wecken, etwa mit Michael Kvium,

der sich in seinen Aquarellen der

skurrilen Seite der menschlichen Spezies

widmet. Die Nachkriegs-Moderne deckt

die Galerie & Kunsthandel Draheim

mit Papierarbeiten von Karl Otto Götz,

Sigmar Polke und Günther Förg ab. Die

Amsterdamer Rademakers Gallery setzt

ebenfalls auf Bewährtes und bringt mit

Henrik Kerstens einen Fotografen mit,

der mit seinen dramatisch ausgeleuchteten

Porträts nahtlos an alte holländische

Meister anschließt.

D O I N A T A L M A N N ( H G . )

ONISIM COLTA

Onisim Coltas Kunst ist ein

kontinuierlicher und strukturierter

Diskurs über Erinnerung, Sinn,

Zentrum, Epiphanie.

Marcel Tolcea

EXPERIENCE & EMERGENCE heißt die dreisprachige Serie

von Kunstbüchern über die zeitgenössische rumänische

Kunst, die vom Klartext Verlag herausgegeben wird. In der

Reihe erscheinen jährlich zwei Monografien, jeweils ein Band

über eine arrivierte Künstlerpersönlichkeit und ein Band zu

einem jungen Künstler. So wird die kulturelle Brücke, die

mit dem ersten im Jahr 2012 erschienenen Band begann,

erweitert.

➜ EDITION EXPERIENCE BAND 03, 160 Seiten,

zahlr. farb. Abb., Festeinband, Großformat, 19,95 €,

ISBN 978-3-8375-1385-1

BIS JETZT ERSCHIENEN:

CIPRIAN CIUCLEA

EDITION EMERGENCE BAND 00, ISBN: 978-3-8375-0713-3

MAURICE MIRCEA NOVAC

EDITION EXPERIENCE BAND 01, ISBN: 978-3-8375-0831-4

CIPRIAN PALEOLOGU

EDITION EMERGENCE BAND 02, ISBN: 978-3-8375-1199-4

www.klartext-verlag.de

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KUNSTSPECIAL

15


2x2

Forum For Outsider Art

1. bis 4. Oktober 2015

Kunsthaus Kannen, Münster

Seit Biennale-Kurator Massimiliano Gioni

2013 in Venedig den Schwerpunkt auf

die Kunst von Außenseitern legte, drängen

Laien anscheinend zunehmend in

den Kunstbetrieb. Kasper König widmet

sich gemeinsam mit Falk Wolf etwa dem

Thema im Folkwang Museum. Er zeigt

ab Oktober in der Schau »Der Schatten

der Avantgarde« Werke von Autodidakten

wie Henri Rousseau oder Bill Traylor.

Zeitgleich nimmt sich die Kunsthalle in

Düsseldorf des Themas »Avatar und Atavismus«

an. Da kommt die Outsider-Messe

in Münster, die seit 2009 stattfindet, gerade

zur richtigen Zeit. 22 Kunstprojekte,

Galerien, Hochschulen und Museen aus

Europa werden im Kunsthaus Kannen erwartet,

um ihre Konzepte zu zeigen und

Werke zum Verkauf anzubieten, die vor

allem im Kontext der Psychiatrie entstanden

sind. Das Kunsthaus befindet sich auf

dem Klinikgelände der Alexianer und beherbergt

ein Outsider-Archiv, das neben

der »Sammlung Prinzhorn« in Heidelberg

als eines der umfangreichsten gilt.

Artexpo.nrw

16. bis 18. Okt. 2015

Alfred Fischer Halles, Hamm

Als eine Kombination aus Fachhandelsund

Kunstmesse versteht sich die artexpo.

nrw. Das Stelldichein der 90 Aussteller aus

Ländern wie Brasilien, Korea oder Monaco

findet in der Alfred Fischer Halle zum

ersten Mal statt. »No Limits«, nach diesem

Motto sind die Organisatoren bei der Zulassung

von Ausstellern und Ausstellungsstücken

vorgegangen. Das Fachpublikum

findet Unternehmen aus unterschiedlichsten

Bereichen des Kunsthandels mit

Produkten wie Passepartout-Schneider,

Glas, Leisten oder Vergolderrahmen. Wer

Kunst kaufen will, kann sich im qualitativ

recht gemischten Angebot der Galeristen,

Verleger, Produzenten und Kunsthändler

umsehen. Da räkeln sich Sirenen am

Strand, Blumen-Arrangements strahlen in

Regenbogenfarben, und selbst für Lokalpatrioten

ist gesorgt – mit quadratischen

Tintendrucken, die das Dortmunder U

oder den Drachenfels vor knallbuntem

Hintergrund inszenieren.

C.A.R.

30. Okt. bis 1. Nov. 2015

Welterbe Zollverein, Essen

Zum neunten Mal wendet sich die contemporary

art ruhr auf der Essener

Welterbe-Zeche Zollverein vor allem

an ein junges Publikum, das internationale

Aussteller und luftige Stellwände

zu schätzen weiß. Das Angebot reicht

von Malerei und Skulptur bis zu Video

und Performance. Gleich mehrfach ist

Rumänien vertreten, etwa mit der SEN-

SO Art Gallery aus Bukarest. Mit Ana

Andronic Rublev präsentiert man eine

Position an der Grenze zur Illustration,

die in ein von Gewalt heimgesuchtes

Märchenland entführt. Nicht zu übersehen

ist auch der Fokus auf Südkorea.

Die Galerie White Birch reist bereits

zum dritten Mal an, im Gepäck die

Acrylmalerei von Young Jea Kim, die

zwischen Computer-Ästhetik und psychedelischem

Farbrausch oszilliert. In

der Sektion C.A.R. Talente überrascht

Gerd Paulicke mit einem Totentanz ganz

in weiß. Jede Menge Kontraste also und

vielleicht auch hier und da eine Entdeckung.

Diejenigen, die selbst mal entdeckt

werden wollen, können sich bei

»folkwang inside«, einer Beratungsplattform

der Folkwang Universität, über den

Weg zum Ruhm informieren.

Cologne Fine Art

18. bis 22. November 2015

koelnmesse, Halle 11, Köln

Ana Ștefania Andronic (Buzu): Rublev, Pomegranate, Religion, 2015.

Auf der Art.Fair präsentiert von SENSO Art Gallery, Bukarest/ Rumänien.

Auch an der traditionsreichen Kunst- und

Antiquitätenmesse in Köln geht der Boom

der zeitgenössischen Kunst nicht vorbei.

Erst 2011 integrierte die Cologne Fine Art

das Feld der Papierarbeiten in ihr breites

Spektrum, das gerne mit einem unorthodoxen

Crossover aus Epochen und Stilen

in unmittelbarer Nachbarschaft lockt: von

alter und außereuropäischer Kunst über

Antiquitäten, Kunsthandwerk und Design

bis zur Kunst der Klassischen Moderne

und der Nachkriegszeit. Nach nur wenigen

Jahren kam zwar das Aus für »Kunst

auf Papier«. Dafür versucht man es jetzt

mit COFA Contemporary, repräsentiert

durch dreißig Galerien und Projekträume

aus dem Rheinland. Dass man nach Alten

Meistern zuletzt konzentrierter Ausschau

halten musste, änderte nichts daran, dass

der eine oder andere Händler trotzdem

gut bestückt war. Ob die Teilnehmer des

neuen Bereichs mit dem Niveau der Konkurrenz

auf der Art Cologne mithalten

können, wird sich zeigen. Die Neuerung

des »Young Collectors Room«, ein Gemeinschaftsstand

der Aussteller, die sich

ganz auf die nachwachsende Klientel konzentrieren,

bleibt indes erhalten. Die Preisgrenze

liegt hier bei maximal 5000 Euro.

16 KUNSTSPECIAL

K.WEST 09/15


Der rote Faden

Ordnungen des Erzählens

Rebecca Horn Berlin Earthbound 1994 © VG Bild-Kunst, Bonn 2015

KOLUMBA

K.WEST 09/15

Kunstmuseum des Erzbistums Köln | 15. September 2015 bis 22. August 2016 | www.kolumba.de

KUNSTSPECIAL

17


Der

Spaßmacher

INTERVIEW STEFANIE STADEL

Er will das NRW-Forum Düsseldorf

nicht neu erfinden – er will

es auf heute bringen. Dafür holt

sich Alain Bieber demnächst

Verstärkung bei Cyborgs, Fakes

und Avataren. Im Gespräch mit

k.west gibt der neue Chef im

Forum Auskunft über seine Themen

und Rezepte. Über schwere

Kost in leichter Verpackung.

MC Fitti © M ASLAN

NRW-FORUM, DÜSSELDORF

»EGO UPDATE. DIE ZUKUNFT DER DIGITALEN IDENTITÄT«

18. SEPTEMBER BIS 17. JANUAR 2016

TEL.: 0211.8926690

18 KUNSTSPECIAL

K.WEST 09/15


Mit dem neuen Herrn des Hauses geht es erst einmal einige

Stufen hinab. Denn Alain Biebers Büro steckt halb in der Erde.

Durch die Souterrain-Fenster schaut man direkt auf den Gehsteig,

hört das Rauschen der vierspurigen Straße. Es hallt im

Raum, sobald man spricht.

k.west: Fühlen Sie sich wohl hier unten?

Bieber: Wir haben Fenster, ich bin oft unterwegs. Und zwischendurch

ist das hier zum konzentrierten Arbeiten okay. Man macht

den Job ja auch nicht wegen der Räumlichkeiten. Früher habe

ich mal bei Gruner + Jahr gearbeitet und in einem super Büro

– komplett verglast, mit Blick auf den Hamburger Hafen. Trotzdem

ist mir dieses Büro lieber, weil das hier mein Traumjob ist.

k.west: Traumjob? Redakteur beim Kunstmagazin

»Art« und »Arte« sind doch auch nicht schlecht.

Bieber: Ich wollte eigentlich das, was ich jetzt tue, immer machen.

Ich wollte kuratieren und Ausstellungsprojekte realisieren.

Ich empfinde es als Luxus, dass ich mich drei, vier Monate in ein

Thema vertiefen kann. Nicht von einem Artikel zum nächsten

wechseln muss wie im Magazin-Journalismus. Hinzu kommt,

dass man als Journalist kaum Feedback bekommt. Ganz anders

jetzt im NRW-Forum Düsseldorf, wo ich mit den Menschen direkt

in Kontakt komme. Den intellektuellen Diskurs finde ich

sehr gut und wichtig.

k.west: Konnten Sie trotzdem etwas mitnehmen ins NRW-Forum

Düsseldorf aus Ihrer journalistischen Vergangenheit?

Bieber: Ja, da gibt es einige Gemeinsamkeiten – nicht umsonst

werden Journalisten heute gelegentlich als »Newskuratoren« bezeichnet.

Man behandelt ein Thema. Man erzählt Geschichten

– als Journalist und auch als Ausstellungsmacher. Beide informieren

und unterhalten das Publikum.

k.west: Neben dem journalistischen Hauptberuf haben Sie

sich einige kleine, oft kuriose Projekte einfallen lassen: Einen

Online-Kiosk für ausgefallene Kleinstmagazine, einen internationalen

Sticker-Award oder die Ausstellungsreihe »Parasites«

an neuen Kunstorten – ein Baumarkt war auch dabei.

Was reizt Sie daran, und wollen Sie solche Nebenbeschäftigungen

als Leiter des NRW-Forums fortführen?

Bieber: Jetzt in meinem neuen Job mache ich alles hauptberuflich,

was ich vorher versucht habe, nebenher hinzukriegen: Veranstaltungen,

Publikationen, Ausstellungen, ein Magazin...

k.west: Als Sie angefangen haben in Düsseldorf, hörte man

Sie wiederholt von »Spaßkultur« sprechen. Sie wollen Spaß

haben und Spaß bringen, so Ihr Credo. Es klingt ganz so, als

hätten Ihnen die ersten vier Monate als Leiter des NRW-Forums

Düsseldorf Spaß gebracht.

Bieber: Klar, klar, klar. Aber zu dem Begriff »Spaßkultur« möchte

ich noch etwas anmerken. Der klingt immer ein bisschen negativ.

Aber ich meine das gar nicht im Sinne einer hedonistischen

Spaßkultur. Ich will sagen, dass Kultur auch Spaß machen

kann. Eine gute Ausstellung ist wie ein guter Film oder ein gutes

Musikalbum – die müssen mich auch unterhalten, emotional

berühren. Ich finde, dass ein Museumsbesuch nicht in Arbeit

ausarten muss.

HAnne

DArBoven

Zeitgeschichten

bis 17. Januar 2016 in Bonn

Hanne Darboven, Kinder dieser Welt (Ausschnitt), 1990–1996 © Hanne Darboven Stiftung, Hamburg / VG Bild-Kunst, Bonn 2015, Foto: Simon Vogel

JApAns LieBe zum

impressionismus

Von Monet bis Renoir

8. Oktober 2015 – 21. Februar 2016 in Bonn

Claude Monet, Im Boot (Ausschnitt), 1887, Öl auf Leinwand © The National Museum of Western Art, Tokio. Matsukata Collection

Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland

Museumsmeile Bonn, Friedrich-Ebert-Allee 4, 53113 Bonn, T +49 228 9171-200

www.bundeskunsthalle.de


k.west: Sie wollen also eher in die Richtung Entertainment

gehen?

Bieber: Ich würde sagen: Edutainment. Inhalte sind und bleiben

immer das wichtigste, aber die Verpackung muss auch stimmen.

Deshalb arbeite ich an einer leichten, poppigen Vermittlung. Dabei

ist auch das Ausstellungsdesign super wichtig – und immer

wichtiger geworden in den letzten paar Jahren.

k.west: Ein weiteres Ihrer Schlagwörter lautet »Ideenfabrik«.

Sie wollen das NRW-Forum in eine »Ideenfabrik« verwandeln.

Zur Zeit läuft hier noch die Ausstellung »China 8«, ein

eher konventionelles Produkt. Macht Ihnen das Spaß?

Bieber: Mit »China 8« habe ich nichts zu tun, diese Ausstellung

habe ich geerbt. – das wissen Sie schon? Um auf die »Ideenfabrik«

zurück zu kommen – im Laufe meines Werdeganges habe ich

immer mehr hingefunden zur zeitgenössischen Kunst, weil mich

die Ideen begeistern. Ich denke, dass Kunst, Kultur, Subkultur der

wichtigste Nährboden für unsere Gesellschaft sind. Mich persönlich

bereichert jeder Ausstellungsbesuch, weil ich Sachen sehe, die

ich noch nicht kannte – das gilt auch für »China 8«.

Alain Bieber, Foto: Ondro Ovesny

Alain Bieber ist 1978 in Wesel

geboren. Der Sohn einer Französin

und eines Deutschen

studierte in Tübingen und

Paris Rhetorik, Kommunikations-

und Politikwissenschaft,

Neuere Deutsche Literatur

und Soziologie. Bei der Zeitschrift

»Max« hat er volontiert,

beim Kunstmagazin »Art« und

beim Sender »Arte« als Redakteur

gearbeitet. Seit April 2015

leitet Bieber das NRW-Forum

Düsseldorf als jüngster Museumsdirektor

in der Stadt. Mit

seiner Frau und dem kleinen

Sohn lebt er in Düsseldorf.

k.west: Demnächst nun werden Sie Ihr erstes eigenes Fabrikat

präsentieren. In der Schau »EGO UPDATE« geht es um Selfies

und um digitale Identität – das Thema zeugt von mehr Einfallsreichtum.

Wie sind Sie darauf gekommen?

Bieber: Ich habe mir vorgenommen, in meinen Ausstellungen

aktuelle gesellschaftliche Phänomene aufzugreifen. Das Phänomen

Selfie ist eines der momentan wichtigsten überhaupt, und

Düsseldorf ist die deutsche »Selfie-Hauptstadt«. Das »Time Magazine«

hat das Ranking gemacht und dafür Sefies auf sozialen

Netzwerken gezählt. Dabei landete Düsseldorf weit vor Berlin

oder Hamburg. Es ist also für die Stadt wie auch für die Fotografie

interessant. Und auch im Digitalen ist es natürlich ein großes

Thema.

k.west: Sie zeigen also Beispiele dieser in sozialen Netzwerken

so verbreiteten Form des fotografischen Selbstporträts.

Bieber: Ja, aber Selfie allein wäre mir zu wenig. Ich fasse es etwas

breiter – es geht mir um die digitale Identität, um die Frage, wie

sich das Selbstverständnis unter dem Einfluss digitaler Medien

ausprägt und verändert. Erscheinungen wie Cyborgs, Avatare

und Fakes spielen da auch hinein.

Da ist zum Beispiel LaTurbo Avedon, eine virtuelle Künstlerin,

die nur im Netz existiert. Oder Kurt Caviezel, der seit 15 Jahren

Webcams anzapft von Leuten, die vergessen haben, die Dinger

auszuschalten. Herausgekommen sind ungeheuer intime Blicke

in das Heim dieser Menschen. Amalia Ulman ist dabei. Sie hat

vier Monate lang im Netz eine scripted reality gelebt. Es war eine

Instagram-Performance, bei der selbst ihre Freunde nicht mehr

wussten, ob das real ist. Sehr spannend auch Heather Dewey-Hagborg,

eine Bio-Hackerin, die eigentlich in einem Forschungsinstitut

arbeitet. Sie hat Haare, Zigarettenstummel und so weiter

gesammelt. Anhand der DNA konnte sie Physiognomien rekonstruiert

und Masken bauen. Eine sehr unheimliche Arbeit.

k.west: All das spricht dafür, dass Sie bei Ihrer Ausstellung

eine recht junge, Computer-affine Zielgruppe ins Auge fassen.

Befürchten Sie nicht, konservativere Besucher zu vergraulen?

Bieber: Nein, kulturell interessierte Menschen sind meiner Erfahrung

nach generell offen. Und das ist auch keine Frage des

Alters, es kommt darauf an, wie jung man im Kopf ist. Mir ist

natürlich auch klar, dass man mit Namen wie LaTurbo Avedon

keine Massen ins Museum lockt. Deshalb haben wir bewusst

auch ein paar prominentere Künstler berücksichtig – Martin

Parr etwa, mit einer Fotoserie, für die er sich in unterschiedlichen

Fotostudios mit irgendwelchen trashigen Dingen hat ablichten

lassen.

k.west: Sie wollen in der Schau ja untersuchen, wie sich das

Selbstbild unter dem Einfluss der digitalen Medien verändert?

Sehen Sie da vielleicht schon Ergebnisse?

Bieber: Ein Fazit habe ich noch nicht. Für mich ist es eine Art

Forschungsprojekt, das jetzt anrollt. Wir arbeiten dabei mit den

Goethe-Instituten in Südwesteuropa und dem Slow-Media Institut

aus Bonn zusammen, das zur Finissage im NRW-Forum

einen großen Kongress organisieren.

k.west: Werner Lippert und Petra Wenzel, Ihre Vorgänger, haben

in Düsseldorf sehr erfolgreiche Arbeit geleistet. Wollen

Sie dem Haus mit Projekten wie »EGO UPDATE« ein neues

Profil geben?

Bieber: Nein gar nicht. Sie haben das Ding aufgebaut und groß

gemacht. Ich versuche, ihre Arbeit nun weiterzuführen und auf

heute zu bringen. Es ist wahrscheinlich genau das, was Lippert

machen würde, wenn er hier wäre und vielleicht zehn Jahre

jünger.

20 KUNSTSPECIAL

K.WEST 09/15


Stoßen Sie mit uns auf

die neue K.WEST an!

10 Mal K.WEST frei Haus lesen und Wunschgeschenk sichern

1

2

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Hugo ist

sein Name

Eine Flasche Prosecco aus

Treviso und feinster

Holunderblütensirup für

den Aperitiv-Klassiker.

Wein und

Schokolade

Eine Flasche Carignan Vieilles

Vignes – vollmundig,

beerig und rund. Kombiniert

mit einem Paket französischer

Schokoladentrüffel

Brotzeit

auf Französisch

Eine Flasche Merlot aus

Frankreichs sonnigem Süden.

Dazu zwei Wildterrinen

für einen Abend Savoir-vivre.

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Weitere K.WEST-ABO-Prämien unter www.kulturwest.de/abo


Wer ist hier der

Nächste?

TEXT MARTIN KUHNA

Caritas – heute kennt man sie als

institutionalisierte katholische

Wohlfahrt. Eine Ausstellung im

Paderborner Diözesanmuseum

erinnert auf nahezu beschämende

Weise daran, welch zentrale

Rolle die Caritas bei den frühen

Christen spielte und wie allumfassend

damals die Nächstenliebe

gedacht und gepredigt wurde.

Weiße Madonna: Vanessa Beecroft, Weiße Madonna mit Zwillingen, aus der Sudan-Serie

2006, Courtesy Galleria Lia Rumma

Brennende Flüchtlingsheime, Hassausbrüche im Internet – um

die Nächstenliebe ist es derzeit nicht so gut bestellt in Deutschland.

Die freundlichste Erklärung wäre noch, dass die christlich-jüdisch-abendländisch

bewegten Fremdenfeinde das Wort

einfach missverstanden haben: als ob man nur die Menschen

lieben sollte, die einem besonders nahe stehen. Wären diese

pegiden Mitbürger lernfähig, müsste man ihnen dringend den

Besuch der Paderborner Ausstellung empfehlen. Dann würde

ihnen Matthäus 25 in den Ohren dröhnen, Jesu Rede vom Weltgericht:

»Ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich nicht

aufgenommen . . . Was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan

habt, das habt ihr auch mir nicht getan. . . «

Die Bibelworte zum elementaren christlichen Doppelgebot der

Gottesliebe und der Nächstenliebe, caritas dei und caritas proximi,

treffen den Besucher am Eingang der Ausstellung mit vielleicht lang

nicht empfundener Wucht. Paulus’ erster Brief an die Korinther

etwa, in der ältesten bekannten Abschrift in griechischer Sprache

auf einem oberägyptischen Papyrus von etwa 200 n. Chr.: ». . . und

hätte ich die Liebe nicht . . . Die Liebe hört niemals auf . . . Nun aber

bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die

Größte unter ihnen.« Das »Hohelied der Liebe«, bei vielen Hochzeiten

Anlass zu »widerwärtigsten Sentimentalitäten«, wie schon

1920 ein Kirchenhistoriker schrieb. Dabei geht es in dem Text nicht

um die romantische Liebe, sondern um die »tätige Liebe« – modern:

das soziale Engagement – aller Menschen für alle Menschen,

ausnahmslos, als Pendant der Liebe zu Gott, dessen Kinder alle

Menschen sind, die folglich alle Geschwister sind.

22 KUNSTSPECIAL

K.WEST 09/15


Eine allgemein verpflichtende, demütige Hinwendung zu allen

Schwachen und Armen, das war trotz vergleichbarer Ideen beim

Judentum in der damaligen Welt ziemlich unerhört; was etwa die

Römer unter Wohltätigkeit verstanden, hatte mit dem allumfassenden

Konzept der christlichen Caritas wenig zu tun. Die, so

lernt man in der Ausstellung, war entscheidender Faktor beim

Erfolg der neuen Religion: Charisma durch Caritas.

Die Ausstellung verschweigt nicht, dass die konsequente, fast

naive Idee der Liebe aller für alle bald nagenden Zweifeln ausgesetzt

war. Nicht anders als zuvor die jüdischen Rabbiner fragten

sich Christen, ob mit dem »Nächsten« denn wirklich jeder gemeint

sein könne oder nicht doch nur »Wir«. So weiß man bei

mittelalterlichen Texten oft nicht, ob von »Fremden« die Rede

ist oder aber von »Pilgern«, die bei aller Fremdheit denn doch in

vertrauter Sache unterwegs waren. Dass Feindesliebe ein heikles

Thema war, versteht sich fast von selbst.

Die neue Wertschätzung der Armen kam unter Druck von

gleich mehreren Seiten: Als Objekt tätiger Nächstenliebe konnten

Arme als Gegengabe für das Seelenheil des Wohltäters beten

– eine damals lebenswichtige Sache. Doch damit war die geforderte

Selbstlosigkeit der Nächstenliebe in Frage gestellt. Ohne

diese respektable Gegenleistung wurden Arme jedoch stärker

daraufhin beäugt, ob sie wirklich bedürftig waren – oder bloß

faul. Daraus entwickelte sich vielerorts schon früh der so spießbürgerlich

klingende Grundsatz: »Wer nicht arbeitet, soll auch

nicht essen« – mit Ausnahme derer, die nicht arbeiten konnten

und auf die sich tätige Nächstenliebe denn auch zunehmend

fokussierte: Kranke, Gebrechliche, Alte, Witwen, Kinder. Noch

grundsätzlicher war der innere Widerspruch, dass man mit

Befolgung des Nächstenliebe-Gebots die eigenen Chancen auf

ewige Glückseligkeit verbesserte, wodurch wiederum leicht das

Gebot der Selbstlosigkeit ausgehebelt war und eine Art religiösen

Kurzschluss provozierte. Ein Dilemma, das später nur für

einen Teil der Christenheit aufgelöst wurde: weil nach Luther

gute Werke keinen Einfluss auf das Seelenheil haben.

Trotz derlei Anfechtungen blieb die Caritas als größte Tugend

über viele Jahrhunderte im Christentum präsent, das zeigt die

Ausstellung eindrucksvoll. Man sieht, wie im Mittelalter praktizierte

Nächstenliebe gleichsam zur Stellenbeschreibung der

Bischöfe und Päpste gehörte, Beispiel: Gregor der Große, und

wie sich dies dann auf die christlichen Herrscher übertrug,

Beispiel: Karl der Große. Vorbilder wie Martin von Tours oder

Elisabeth von Thüringen werden in Bild und Text lebendig. Die

Wirkmächtigkeit einschlägiger Bibeltexte über das Mittelalter

hinaus zeigt die Ausstellung leitmotivisch mit Darstellungen des

»Barmherzigen Samariters«, vom Holzschnitt aus dem späten

15. Jahrhundert bis zu Arbeiten von Barlach, Kirchner, Liebermann.

Ähnlich breit angelegt die Präsentation von Caritas-Allegorien

als nährende Mutter.

Ein dritter Erzählstrang berichtet von der institutionalisierten

christlichen Nächstenliebe. Sie wird schon in der Apostelgeschichte

beschrieben: Da wählen die Zwölf sieben aus ihrer Mitte,

denen die Armenfürsorge in Jerusalem übertragen wird. Daraus

entstand das frühchristliche Amt des Diakons, dessen karitative

Befugnisse dann auf den Bischof übergingen. Man begegnet dem

karitativen Engagement der Klöster, »Xenodochien« (Fremdenheimen),

»Hospitales«, Krankenhäusern und Heimen aller Art

und verfolgt, wie die neuzeitliche Entwicklung immer rascher in

diese Richtung verläuft, so dass heute die einschlägigen Begriffe

»Caritas«, »Diakonie« und »Samariter« primär für etablierte Institutionen

des modernen Wohlfahrtssystems stehen und ihr religiöser

Hintergrund stark verblasst ist.

An ihrem zeitgeschichtlichen Ende leistet sich die Ausstellung

ihre einzige offensichtliche Schwäche: Aus der Zeit des NS, dessen

Führer Hitler »unbarmherzig« so gern im Munde führte, berichtet

die Schau nur über die Euthanasie an Behinderten, der

Klientel christlicher Wohlfahrtsorganisationen. Sie schweigt vollständig

über den millionenfachen Mord an Juden und anderen

Mitmenschen – und darüber, dass sie allzu vielen Christen und

Kirchenführern damals nicht »Nächste« genug waren, sich ihrer

zu erbarmen.

Was übrigens zündelnde Fremdenhasser angeht, endet Matthäus

25 so: »Und sie werden weggehen und die ewige Strafe erhalten.«

BIS 13. DEZEMBER

CARITAS. NÄCHSTENLIEBE VON DEN FRÜHEN CHRISTEN

BIS ZUR GEGENWART. ERZBISCHÖFLICHES DIÖZESANMUSEUM

UND DOMSCHATZKAMMER PADERBORN

WWW.CARITAS-AUSSTELLUNG.DE

Thomas Virnich

Helter Skelter

24.10.2015 – 21.2.2016

Hirschstraße 12 · 42285 Wuppertal · 0202 47898120

skulpturenpark-waldfrieden.de

K.WEST 09/15

KUNSTSPECIAL

23


Sentimentale

Eichen

TEXT VOLKER K. BELGHAUS

Das Land hinter dem Bindestrich

wird 200 Jahre alt – das Dortmunder

Museum für Kunst und

Kulturgeschichte zeigt Westfalen

als ein Land zwischen Tradition

und Moderne. Heimatkunde mit

alten Bekannten und neuen Entdeckungen.

200 JAHRE WESTFALEN. JETZT!

MUSEUM FÜR KUNST UND KULTURGESCHICHTE, DORTMUND

BIS 28. FEBRUAR 2016

WWW.200JAHREWESTFALEN.JETZT

Stur, herzlich, wortkarg, fleißig, humorlos, zupackend – diese

vermeintlich westfälischen Charakterzüge hat man vorsichtshalber

direkt auf die Rückseite des Kataloges gedruckt. Affirmativ-ironisch,

damit keiner auf falsche Gedanken kommt; jedes

Wort versehen mit einem Hashtag, was beim Ausprobieren

aber lediglich die Erkenntnis bringt, dass es in Großbritannien

Energydrinks namens »Stur« gibt, die aussehen wie Shampooflaschen.

Natürlich ist man schnell bei den Klischees von

karger Provinz mit ebenso kargen Menschen, die in typografisch

reizvollen Städten wie Höxter, Ochtrup, Vlotho, Netphen oder

Anröchte wohnen. Typen wie Franz Müntefering, der Tommy

Lee Jones aus Arnsberg – kantig und sympathisch sprachfaul.

Der Westfale als solcher funktionierte schon immer gut als einfach

gestrickte Witzvorlage – nicht nur bei Kabarettisten mit

Rentnerbrille und Bauernkittel. Schon Voltaire ätzte in einem

Brief an Friedrich den Großen äußerst menschen- und pumpernickelfeindlich:

»Majestät, in großen Hütten, die man Häuser

nennt, sieht man Tiere, die man Menschen nennt. Die leben auf

einträchtige Weise mit den anderen Haustieren durcheinander.

Ein gewisser trockener, schwarzer und klebriger Stein, bestehend,

wie man sagt, aus einer Art Roggen, ist die Nahrung.«

Heinrich Heine hingegen charakterisierte die Westfalen in seinem

Wintermärchen liebevoller: »Sie fechten gut, sie trinken

gut, / Und wenn sie die Hand dir reichen / Zum Freundschaftsbündnis,

dann weinen sie; / Sind sentimentale Eichen.«

Aus feierfreudig-rheinischer Sicht ist dieses Westfalen immer

noch ein merkwürdiges Anhängsel hinter dem Bindestrich, es

besteht aber selbst aus mutwillig zusammengeklumpten Bevölkerungsgruppen

und Mentalitäten, aus Sauer- und Siegerländern,

Ostwestfalen, Münsterländern (nicht die Hunde, Herr Voltaire!)

und den Menschen am östlichen Ruhrgebietsrand. Vor 200 Jahren,

ab dem Jahr 1815, wurden diese Landstriche zur preußischen

Provinz Westfalen vereinigt und dem preußischen Königreich zugeschlagen.

Westfalen war eines der Ergebnisse des Wiener Kongresses

und kam nur durch zähes Ringen zustande. Männer wie

der Reformer Freiherr Karl von Stein und Ludwig von Vincke als

1. Oberpräsident schufen damals die grundlegenden Strukturen

des heutigen Westfalen.

Das Dortmunder Museum für Kunst und Kulturgeschichte inszeniert

die vergangenen Jahrhunderte unter dem Titel »200

Jahre Westfalen. Jetzt!« als »performative Ausstellung«, die in

sechs Bereiche aufgeteilt ist – Prolog, Gewächshaus, Siedlung,

Straße, Horizont und Territorium. Letzteres versteht sich als

wandlungsfähiger Ort und wird während der Laufzeit mehrfach

umgebaut, um Platz für neue Themen zu schaffen. Das

Ausstellungskonzept will mit Geschichten Geschichte erzählen

und anhand von historischen Gegenständen, Bildern und Dokumenten

der Kultur Westfalens nachspüren. Die Kuratoren

haben darauf verzichtet, die Historie des Landes zu einem eindeutigen

Bild zusammenzufassen – stattdessen ergänzen sich

die unterschiedlichen regionalen Lebenswelten und Besonderheiten

zu 200 Jahren Kulturgeschichte. Im Gewächshaus

wächst westfälisches Grünzeug, daneben wird ein Bentheimer

Landschwein musealisiert – Grundlagen für die rustikale Esskultur

aus westfälischem Schinken, Schwerter Senf, Pfefferpotthast,

Dortmunder Salzkuchen, Pumpernickel und flüssigem

Getreide in Form von Bier und Korn zum Runterspülen.

Besonders deutlich wird der radikale Wandel vom Bauern- zum

24 KUNSTSPECIAL

K.WEST 09/15


Backparadies für Voltaire: Die Traditions-Bäckerei Fischer am Dortmunder Rathaus gibt es seit 1848. Foto: Stefan Grey

Industrieland. Das Aquarell »Wiege des Bergbaus« zeigt den

Blick ins grün-idyllische Wittener Ruhrtal, wo bereits die ersten

Schlote rauchen; ein weiteres Bild die teilweise geschleifte

Burg Wetter, die der Unternehmer Harkort dem Grafen von

Mark abkaufte, um seine Fabrik direkt auf die alte Burgruine

zu setzen. In Rekordzeit wurden die Köln-Mindener Eisenbahn

gebaut, Flüsse und Kanäle schiffbar gemacht und zur Energiesicherung

die Möhnetalsperre errichtet. Neue Technologien

schufen Wachstum, das erste Drei-Liter-Auto wurde in den

1950er Jahren in Arnsberg produziert – der »Kleinschnittger

Typ F-125« hatte Sechs PS, keinen Rückwärtsgang und eine

Karosserie aus einer Leichtmetalllegierung. Der Motor musste

wie bei einem Rasenmäher mit einem Seilzug gestartet werden,

was eine schwere Batterie unnötig machte. Von 1950 bis 1957

liefen 3000 Autos vom Band. Ohne den sauerländischen Unternehmer

Carl Berg und seinen Zeppelin hätte es kein flugfähiges

Luftschiff gegeben. Aluminiumknöpfe wurden bis nach China

geliefert. Westfalen globalisierte sich.

Stur, herzlich, wortkarg, fleißig, humorlos, zupackend – vielleicht

brauchte es gerade diese unpopulären Eigenschaften,

um das Land wirtschaftlich und kulturell nach vorne zu bringen.

Während der Westfale sich zum Weltmarktführer tüftelte,

saß der Rheinländer schon beim Kölsch. Avantgardistisch

gereimtes Liedgut hat auch der Westfale, wie das »Sauerlandlied«

von Reiner Hänsch und seiner Band »Zoff«. Darin heißt

es: »Sauerland, mein Herz schlägt für das Sauerland, / begrabt

mich mal am Lennestrand. / Wo die Misthaufen qualmen, da

gibt’s keine Palmen.« Nein, Palmen bestimmt nicht. Aber sentimentale

Eichen.

1. Oktober 2015, 20 Uhr

St. Marien, Dortmund

Vokalakademie Berlin

Ltg. Frank Markowitsch

Alessandro Scarlatti: Marienvesper

2. Oktober 2015, 20 Uhr

St. Marien, Dortmund

SWR Vokalensemble Stuttgart

Ltg. Rupert Huber

Frisch komponiert: Neue Chormusik

Karten unter www.reservix.de

und an der Abendkasse,

Reservierung unter tickets@chor.com

Das gesamte Konzertprogramm der

chor.com finden Sie auf:

www.chor.com

Dortmund, 1. – 4. Oktober 2015

2. Oktober 2015, 22 Uhr

St. Reinoldi, Dortmund

Audi Jugendchorakademie,

Die Singphoniker,

Ensemble Mixtura

Ltg. Martin Steidler

Aus der Tiefe der Zeit –

Chorinstallation für 85 Stimmen

und zwei Instrumente

3. Oktober, 22 Uhr

Jazzclub domicil

Quan Họ Chor, Klapa Berlin,

La Caravane du Maghreb u.a.

Moderation: Jochen Kühling

Heimatlieder aus Deutschland

K.WEST 09/15

KUNSTSPECIAL

25


Versierter Arrangeur

TEXT STEFANIE STADEL

Danh Võ: We The People, Armpit, 2011–13. Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln / Britta Schlier. © Danh Võ.

26 KUNSTSPECIAL

K.WEST 09/15


Er hat’s raus. Museen hofieren ihn, in Venedig bespielt er den dänischen

Biennale-Pavillon. Und auf dem Kunstmarkt räumt er ab wie

kaum ein anderer. Dabei scheint Danh Võ durchaus nicht allseits

geliebt. Während die einen vom Tiefgang seiner Kunst schwärmen,

sehen andere darin den reinsten Klimbim. Was macht dieses Werk

so speziell – und so streitbar? Auf der Suche nach Antworten hat

k.west sich umgesehen. In Võs Vita, im Werk und in seiner aktuellen

Einzelausstellung im Museum Ludwig.

Schwer fallende Gewandfalten über einem vielfach

verschraubten Stahlrohrgerüst. Über zwei Tonnen

wiegt der Koloss – und das ist nur ein Teil des Ganzen.

Danh Võ hat die amerikanische Freiheitsstaue

in Shanghai komplett, aber stückchenweise nachbauen

lassen, um die 250 Einzelteile in alle Welt zu

verkaufen. Was nun im extrahohen Heldensaal des

Museum Ludwig überwältigt, ist bloß eine Schulter.

Innen hohl, macht sie es dem Besucher leicht, allerlei

Bedeutung hineinzuladen. Es etwa als Sinnbild zu

identifizieren für die Brüchigkeit der Freiheit oder

für die Zerbrechlichkeit von Hoffnungen.

www.colognefineart.de

Koelnmesse GmbH, Tel. +49 1806 018 550*

* 0,20 Euro/Anruf aus dem dt. Festnetz; max. 0,60 Euro/Anruf aus dem Mobilfunknetz


Gut möglich, dass es zeigen soll, wie schwer der

Begriff von Freiheit doch zu fassen ist, und dass er

wahrscheinlich für jeden, der ein Stückchen Statue

gekauft hat, etwas anderes meint. Aber ist Freiheit

überhaupt käuflich? Ist sie einfach zu haben, oder

muss sie in anstrengender Gemeinschaftsarbeit zusammengeschweißt

werden? Hier im Heldensaal

gelingt mühelos, was sonst oft nur mit Hilfe unflätiger

Werktitel und ausufernder Zusatzinformationen

ins Rollen gebracht wird. Etwa wenn Võ dem

mittelalterlichen Torso eines Gekreuzigten ein sehr

langes, extrem anstößiges Zitat aus dem Gruselklassiker

»Der Exorzist« als Titel beigibt.

Unter den Arbeiten ist die Schulter der Freiheitstatue

das größte und wohl auch stärkste Stück in Võs Kölner

Schau, mit der Yilmaz Dziewior seinen Einstand

als neuer Direktor im Museum Ludwig gibt. Er kennt

Võ gut, hat einige Projekte mit ihm unternommen,

bevor der Künstler so groß wurde. Ohne dies wäre

es Dziewior wohl kaum gelungen, den Star mit nur

einem Jahr Vorlauf zur deutschlandweit ersten musealen

Einzelausstellung nach Köln zu lotsen - so superbeschäftigt

wie Võ zu sein scheint.

Zweifellos ist er der Künstler der Stunde. Bei der

Biennale in Venedig repräsentiert der gebürtige

Vietnamese seine dänische Heimat und kuratiert

gleichzeitig im Museum der Punta della Dogana für

den sammelnden Milliardär François Pinault eine

Ausstellung mit fremden und eigenen Werken. Das

kann Võ. Das intelligente Arrangieren liegt ihm. Er

beweist es auch in Köln, wo der Künstler die eigenen

Arbeiten mit ruhigen Schwarzweiß-Fotos des

1987 verstorbenen, zu Unrecht wenig bekannten

US-Fotografen Peter Hujar kombiniert.

Neben den Freiheits-Koloss hängt er etwa das kleine

Foto des Transgender-Stars Candy Darling auf

dem Totenbett an die weite Wand. Ihr Gesicht ist

schneeweiß geschminkt wie eine Maske. Allein und

umgeben von Blumengrüßen zeigt sich Darling –

gefeiert, doch verlassen. Verletzt wie die zerlegte

Skulptur und enttäuscht wie alle, deren Traum von

Freiheit zerbrochen ist.

Für die Vieldeutigkeit seiner Arbeit wird Võ hochgelobt

und hochgeschätzt von Sammlern wie Spekulanten.

So sehr, dass sie bereit sind, vor Gericht

zu ziehen, um an ein Werk von ihm zu kommen.

Wie jüngst der niederländische Geschäftsmann

Bert Kreuk, dem Võ ein Stück versprochen, aber

nicht geliefert haben soll. Als Verlierer im Prozess

muss sich der Künstler nun notgedrungen an die

Arbeit machen. Sein Vorschlag: ein Schriftzug an

der Wand in Kreuks Wohnung. »Shove it up your

ass, you faggot« – in etwa zu übersetzen mit »Schieb

es dir in den Arsch, du Schwuchtel« – wollte Võ

dort anbringen lassen. So etwas sorgt natürlich für

viel Wind. Doch bei Danh Võ darf man dahinter

mehr vermuten als bloß einen geschickten Publicity-Schachzug.

Das gewitzte Spiel mit Markt und

Medien ist Teil seines Konzepts. Er lässt es auch

durchblicken im Popo einer antiken Statue, die der

Künstler zersägt hat, um besagtes Hinterteil in eine

hölzerne Milchkiste zu packen. Dank Võs ungemein

wertsteigernder Wirkung würde dieses Ensemble

auf dem Markt garantiert ein Vielfaches von

dem einbringen, was die unversehrte Statue ohne

Võs Dazutun gekostet hat.

So etwas sieht ihm ähnlich. Nicht groß, schlank,

fast schmächtig wirkt Võ. Gerade mal 40 Jahre ist er

jung und blickt zurück auf eine Vita, die ihm jede

Menge interessanter, ja brisanter Referenzpunkte beschert:

Er war noch ein Kleinkind, als seine Familie

sich in einem vom Vater gezimmerten Boot auf die

Flucht aus Vietnam in die Vereinigten Staaten begab.

Es ging schief, doch glücklicherweise fand ein

dänischer Frachter die verzweifelten Flüchtlinge und

nahm sie an Bord. So wuchs Võ in Kopenhagen auf.

Als homosexueller Migrant und Sohn einer Mutter,

die Horrorfilme liebte und schon den Siebenjährigen

mitschauen ließ, weil es ihr allein zu unheimlich war.

Bleibende Erinnerungen, die jetzt in Köln immer

wieder hochkommen. Auch im Ausstellungstitel

»Ydob eht ni mraw si ti«, der rückwärts gelesen

einen Satz aus dem Film zitiert: »It is warm in the

body«. Der Körper, seine Verletzlichkeit, die Vergänglichkeit

sind wiederkehrende Themen in der

Ausstellung, die zwar nicht rückwärts, aber immer

wieder in Rätseln spricht. Und die sind selten leicht

zu lösen. Wer allein die Kunst betrachtet, kommt

hier kaum weiter. Denn ohne erklärende Worte

können die wenigsten Werke bestehen.

Võ schafft einnehmende Arrangements, er kombiniert

gekonnt und legt intelligente Fährten. Allein

verzaubern kann er nicht – dazu braucht er schon

die Hilfe von Kollegen wie Peter Hujar.

MUSEUM LUDWIG, KÖLN

»DANH VÕ. YDOB EHT NI MRAW SI TI«

BIS 25. OKTOBER 2015

TEL.: 0221 22126165

28 KUNSTSPECIAL

K.WEST 09/15


Internationale

Kunstmessen

im Herbst – Eine

Auswahl

Andy Warhol: Single Dollar, 1982. Bei Gerald Hartinger Fine Arts, Wien.

AMSTERDAM

Pan Amsterdam

22. bis 29. Nov. 2015

Amsterdam RAI

Europaplein 8

pan.nl

B A S E L

Basel Ancient Art

13. bis 18. Nov. 2015

Wenkenhof

baaf.ch

B E R L I N

Berliner Liste

fair for contemporary

art

17. bis 20. Sep. 2015

Kraftwerk Berlin

Köpenicker Straße 70

berliner-liste.org

H A M B U R G

Affordable Art Fair

19. bis 22. Nov. 2015

Messe Hamburg

Messeplatz 1

affordableartfair.com

L O N D O N

Frieze Art Fair

14. bis 1w7. Okt. 2015

Regent’s Park

friezelondon.com

M Ü N C H E N

Kunst-Messe München

25. Okt. bis 1. Nov. 2015

Postpalast

Wredestraße 10

kunstmesse-muenchen.com

Highlights

Internationale

Kunstmesse München

7. bis 15. Nov. 2015

Residenz München

Residenzstraße 1

munichhighlights.com

P A R I S

FIAC

22. bis 25. Okt.2015

Grand Palais & Hors Les

Murs

Avenue Winston Churchill

fiac.com

Paris Photo

12. bis 15. Nov. 2015

Grand Palais, Paris

Avenue Winston Churchill

parisphoto.com

T U R I N

Artissima

6. bis 8. Nov. 2015

Oval – Lingotto Fiere

Via Nizza, 294

artissima.it

Kunst-Messe München

Ein rundes Jubiläum steht an: Zum 60sten Mal geht die

Kunst-Messe München dieses Jahr an den Start, damit ist sie

Deutschlands wohl traditionsreichste Kunst- und Antiquitätenmesse.

Zum Geburtstag kommen gut 30 Aussteller nach

München in den Postpalast. Ihr Angebot reicht vom antiken

Teppich aus dem Kaukasus über die Biedermeierkommode bis

zu Andy Warhols signiertem Siebdruck. Richtig alte Kunstwerke,

aber mittlerweile auch nicht ganz so alte Klassiker der Moderne sind

zu haben. Doch selbst, wenn man nicht kaufen will oder kann, ist die

Messe einen Besuch wert.

csm_Rolfing-k.west _92,5x127_92x 128 20.08.15 12:40 Seite 1

Rita Rohlfing

Das Virtuelle im Konkreten

13.9.2015–10.1.2016

W I E N

viennacontemporary

24. bis 27. Sep.2015

Marx Halle

Karl-Farkas-Gasse 19

viennacontemporary.at

Gefördert von

www.clemens-sels-museum-neuss.de

K.WEST 09/15

KUNSTSPECIAL

29


Runter vom

Sofa

TEXT KATRIN PINETZKI

Seit 2006 macht die Webseite

nrw-museum.de Lust auf Werke

aus den hiesigen Sammlungen,

Hintergrund- und Künstlerinfos

inklusive. 2013 gab’s den Grimme

Online Award für das Angebot

des Kultursekretariats NRW.

Nun wird die digitale Plattform

analog.

Ein Freitagabend mit einigen Freunden und viel Wein. Die Rede

kommt auf Industriekultur, auf zeitgenössische Fotografie, und

plötzlich ist man sich einig: Man muss unbedingt mal wieder die

Werke von Bernd und Hilla Becher sehen – und all derer, die

von ihnen beeinflusst wurden: Candida Höfer, Andreas Gursky,

Thomas Ruff... Aber eine solche Ausstellung läuft gerade in keinem

Museum. Da zückt jemand sein Smartphone. Kurze Zeit

später steht die Tour für den nächsten Tag.

Möglich macht’s die »museumsplattform nrw«, eine Art digitaler

Führer durch die Sammlungen der Kunst der Moderne im

Land. Fotografien der Bechers, die Industriekultur fotografierten

wie Insektenforscher ihre Gliederfüßler abbilden, finden

sich in Siegen, Bochum und Düsseldorf, wie die Abfrage unter

nrw-museum.de ergibt. Gursky, erfährt man, gibt es in Bonn,

Krefeld, Bochum und Düsseldorf. Candida Höfer ist in Bochum

und Düsseldorf vertreten. Thomas Ruff in Bochum, Düsseldorf

und Krefeld, Thomas Struth in Bochum. Die größte Schnittmenge

also: Bochum und Düsseldorf.

So könnte man vorgehen, wenn man sich eine Tour zusammenstellen

möchte, und es ist noch ein wenig umständlich. Vollständig

ist der Überblick auch nicht: Keines der Kölner Museen dabei,

nicht das Marta in Herford. Doch im neunten Jahr seines Bestehens

soll der virtuelle Sammlungsüberblick immerhin interaktiver

werden – und realer. Demnächst wird es möglich sein, die

selbst zusammengestellte Tour zu den Bechers & Co. auf der Plattform

anderen Nutzern zur Verfügung zu stellen, sie also zu teilen.

Zudem gibt es Gelegenheit, diese anderen Nutzer im realen Leben

zu treffen: bei der ersten Bustour der museumsplattform nrw.

Schon heute bietet die Museumsplattform Kunstfreunden neben

Neuigkeiten zu Ausstellungen und Veranstaltungen auch kuratierte

Touren, allerdings rein virtuell: 15 Themen sind inzwischen

zu finden, die immer wieder Lust machen, neue Häuser

und Werke entlang eines Oberbegriffs zu entdecken. Das Thema

»Licht und Bewegung« etwa überrascht mit der Erkenntnis, dass

die Ruhr-Universität Bochum eine veritable Kunstsammlung hat

und dass man am Kunstmuseum Gelsenkirchen in punkto kinetischer

Kunst kaum vorbei kommt. Das Thema »Stadt und Raum« hat

auch die Skulpturen und Installationen im öffentlichen Raum im

Blick, und wer sich für künstlerischen Auseinandersetzungen mit

Geschlechterrollen interessiert, kann sich in die Positionen von Valie

Export, Marina Abramovic und anderen zum Thema »Sex und

Gender« vertiefen.

Allein, der Mensch ist träge und bleibt trotz bester, in Weinlaune

gefasster Vorsätze am Morgen nach dem virtuellen Stöbern womöglich

doch daheim. Daher erweitert die Museumsplattform

ihren Service nun in die reale Welt und bietet eine organisierte

Bustour zu Arbeiten aus den 1960er Jahren ins Kunstmuseum Bochum

und das Museum Ostwall im Dortmunder U. Und auch am

Aufbau der virtuellen Sammlung mit seinen derzeit etwa 700 Arbeiten

von fast 400 Künstlern aus 26 Museen wird weiter gearbeitet,

verspricht das Kultursekretariat.

TIPP

SONNTAG, 27. SEPTEMBER: BUSTOUR AB WUPPERTAL

INS KUNSTMUSEUM BOCHUM UND

INS MUSEUM OSTWALL IM DORTMUNDER U.

START: 10 UHR AM P+R-PARKPLATZ AM BAHNHOF

WUPPERTAL-VOHWINKEL.

KOSTEN: 40 EURO/PERSON, ERMÄSSIGT 30 EURO.

ANMELDUNG BIS 13. SEPTEMBER UNTER:

INFO@NRW-KULTUR.DE

30 KUNSTSPECIAL

K.WEST 09/15


Drei Fragen an Dr. Christian Esch,

Direktor des NRW-Kultursekretariats

Dr. Christian Esch. Foto: Sven Pacher

Vor zwei Jahren erhielten

Sie den Grimme Online

Award für die virtuelle

Museumsplattform NRW.

Woher kam die Idee?

Sie entstand im Gespräch mit Kunsthistorikerinnen.

Ein Grund war, dass die Museen noch großes

Entwicklungspotential im Digitalen haben. Wir wollten

und wollen auch den zunehmend wichtigen Teil des Publikums

gewinnen, der sich ganz selbstverständlich in

den digitalen Medien bewegt.

Für wen ist die Museumsplattform

denn gedacht –

für Museumsgänger oder

gerade für Nicht-Gänger?

Für beide. Sie hat einen wissensbasierten Anteil,

der sich überwiegend an Kunstinteressierte mit Vorkenntnissen

wendet, aber auch viele kreative und spielerische

Elemente, die wir noch ausbauen. Damit wollen

wir Menschen erreichen, die auf Social Media anspringen

und Lust haben, ihre eigenen Touren zu den Werken

ihrer Wahl zu gestalten. Als nächstes wird man dann

»seine« Kunstsammlung mit anderen Nutzern teilen

können. So entsteht eine kunstaffine Online-Community,

die sich demnächst auch in der realen Welt treffen

kann – zum Beispiel bei unseren Bus-Touren.

Gab es Bedenken, dass ein

virtuelles Museum weitere

Besucher abziehen könnte?

Die gab es, das spürte man. Und die gibt es jetzt

kaum mehr. Heute ist allen klar: Wenn man den Umgang

mit Kunst auch im Netz gestaltet, wird es umso interessanter,

die Arbeiten real zu sehen. Es braucht aber dafür

auch den Einsatz der beteiligten Museen.

benelux

18. 09. – 24.10. 2015

www.muensterlandfestival.com

part

8

MusiK

Kunst

DialoGe

Veranstalter

Über 50

VeranstaltunGen

– auch in ihrer nähe –

pop Jazz KlassiK

GraphiKprojeKt

Ausstellungen

exKursionen

K.WEST 09/15

KUNSTSPECIAL

31


Schau dich um!

TEXT KATJA BEHRENS

Was der Herbst beim Nachbarn

bringt: Die besten Ausstellungen

in Belgien und den Niederlanden

A M S T E R D A M

Rijksmuseum

»Asia in Amsterdam«

17. Oktober 2015 bis 17. Januar 2016

Amsterdam im Asien-Fieber. Weil die

niederländische Ostindien-Kompanie

ihre Handels- und Streifzüge im Fernen

Osten immer weiter ausgedehnt hatte,

waren im 17. Jahrhundert die niederländischen

Städte mit exotischen Luxusgütern

gut eingedeckt. Die Ausstellung

zeigt neben Gemälden rund 170 Objekte,

Lackarbeiten, Elfenbein, Seide, Ebenholz,

Juwelen und Porzellan. Dinge, mit denen

die zunehmend wohlhabenden Bürger

ihre Wohn- und Esszimmer schmückten.

Auf den Gemälden dieser Zeit hat man

solche Preziosen schon oft gesehen, jetzt

sind sie auch live zu entdecken.

Stedelijk Museum

»Isa Genzken: Mach Dich hübsch!«

29. November 2015 bis 6. März 2016

Das Stedelijk Museum lockt im Herbst mit

einer umfassenden Werkschau der 1948 in

Schleswig-Holstein geborenen Bildhauerin

Isa Genzken. Es ist die größte Retrospektive,

die je in den Niederlanden gezeigt

wurde. Zu sehen gibt es das ganze Paket:

frühe Filme, Zeichnungen, Ellipsoide und

Beton-Skulpturen, Collagen und Assemblagen

aus Alltagsobjekten. Arbeiten aus

jüngerer Zeit sowie die am Computer entworfenen

Minimal-Skulpturen aus den

70ern. Werke, die immer auch Kommentare

zu den Themen Moderne, Körper,

urbane Kultur und Architektur sind – Betrachtungen

der Welt, in der wir leben.

Van Gogh Museum

»Munch: Van Gogh«

Bis 17. Januar 2016

In der wohl einzigartigen Ausstellung

werden die Parallelen im Werk von Vincent

van Gogh (1853-1890) und Edvard

Munch (1863-1946) untersucht. In der

Konfrontation soll es nicht nur um die

Gemeinsamkeiten, sondern auch um

die Spezifika der jeweiligen Arbeitsweise

oder den Einfluss der Pariser Avantgarde

gehen. Es ist die erste Schau, die den beiden

Künstlern gemeinsam gewidmet ist.

R O T T E R D A M

Kunsthal

»Keith Haring. The Political Line«

Bis 7. Februar 2016

Eine große Schau zu Leben und Werk des

amerikanischen Künstlers und Aktivisten

Keith Haring (1958-1990). »The Political

Line« – wie ihr Titel schon sagt, befasst sich

die Ausstellung vornehmlich mit den sozialen

und politischen Themen in Harings

Werk. 120 Arbeiten gewähren Einblick in

diesen Aspekt seines Schaffens. Die klaren

Standpunkte und die klare Sprache seiner

von der Street Culture, von Graffiti, Comics,

Musik und Popkultur inspirierten

Arbeiten machen immer noch Spaß.

Kunsthal

»Red Prosperity.

Soviet Designs 1950-1980«

Bis 14. Februar 2016

Die Schau zeichnet die Geschichte des

sowjetischen Designs nach und startet

1959, als eine Moskauer Schau den verdutzten

Genossen erstmals den »American

Way of Living« vorstellte. Retro-Design-Fans

und Nostalgiker werden dabei

sicher auf ihre Kosten kommen.

ISA GENZKEN IST ZU SEHEN

IN AMSTERDAM.

Isa Genzken: Schauspieler, 2013. Syz Collection, Genève. © Photo courtesy the artist and Galerie Buchholz, Cologne/Berlin/New York.

32 KUNSTSPECIAL

K.WEST 09/15


Keith Haring: Untitled, 1985. © Keith Haring Foundation.

T I L B U R G

Museum DePont

»Charlotte Dumas. Work Horse«

10. Oktober 2015 bis 10. Januar 2016

Ihre Motive sind Arbeitstiere: Polizeihunde

und -pferde, Armeepferde in

Rom, Tempeltiger, Wölfe. In der Serie

»Anima« porträtierte Dumas Begräbnispferde

in Arlington, Virginia, während

ihrer Ruhezeit. »Mich interessiert

vor allem die Verbindung zwischen

Mensch und Tier und die umfangreiche

Geschichte, die diese begleitet. Und Delacroix

und Géricault sind meine Vorbilder«,

erklärt die 1977 in Amsterdam

geborene Fotografin. Ihr eigenwilliges,

ernsthaftes Werk macht voller Empathie

die Verletzlichkeit, aber auch die Stärke

der Kreatur zum Thema. Wundervolle

Bilder intimer Begegnungen.

V E N L O

Museum van Bommel van Dam

»Herman de Vries 1960 – 1995«

Bis 10. Januar 2016

Mit Künstlerbüchern, Collagen, Textbildern

und Videos ehrt das Museum

den niederländischen Künstler Herman

de Vries zu seinem 85. Geburtstag.

Ursprünglich Gärtner, hatte de Vries

Mitte der 1950er Jahre erst informelle

Bilder gemalt, ging bald aber zu gänzlich

weißen Collagen über. Die Nähe

zur ZERO-Gruppe ist unverkennbar.

Auch aus dem öffentlichen Raum ist der

Künstler bekannt – er war unter anderem

in Arnheim, Düsseldorf, Amsterdam,

New York und bei den Skulptur

Projekten in Münster aktiv.

KEITH HARING SIEHT MAN IN ROTTERDAM.

BELGIEN

26.09.2015

– 03.04.2016

ZENTRUM FÜR

INTERNATIONALE

LICHTKUNST UNNA

CENTRE FOR

INTERNATIONAL

LIGHT ART UNNA

WWW.LICHTKUNST-UNNA.DE

¡ DARK!

LINDENPLATZ 1 – 59423 UNNA

Anthony McCall - UK

Diana Ramaekers - NL

Lucinda Devlin - US

Regine Schumann - DE

Vera Röhm - DE


B R Ü G G E

Verschiedene Orte – Indoor und in

der Altstadt

»Triennale Brugge 2015«

Bis 18. Oktober 2015

Was würde geschehen, wenn alle fünf

Millionen Touristen, die jährlich Brügge

besuchen, sich auf einmal entscheiden

würden, dort zu bleiben – und die

idyllische Kleinstadt zu einer Megapolis

würde? Mit diesem Szenario konfrontiert,

suchen Künstler, Architekten und

Stadtplaner gemeinsam mit Brügger

Schülern nach Konzepten, wie mit der

Herausforderung umgegangen werden

könnte.

B R Ü S S E L

Koninklijke Musea voor Schone

Kunsten van Belgie

»2050. A Brief History of the future«

Bis 24. Januar 2016

Zusammen mit dem Louvre wurde ein

einzigartiges Projekt realisiert, bei dem

über 70 zeitgenössische Künstler unsere

Zukunft befragen. Soziale Themen kommen

dabei ebenso zur Sprache wie Konsum,

globale Konflikte, Ausbeutung der

natürlichen Ressourcen, ökonomische

Ungleichheit oder die Veränderung unseres

Menschseins. Eine eindrucksvolle

Künstlerliste lässt aufhorchen! Die komplementäre

Ausstellung im Louvre (bis

4. Januar 2016) antizipiert die Zukunft

aus der Vergangenheit. Beide Ausstellung

sind inspiriert von Jacques Attalis

Buch »A Brief History of the Future«.

M O N S

Mons – Kulturhauptstadt Europa 2015

Museum Mons + WIELS

»Atopolis«

Bis 18. Oktober 2015

Das Kulturhauptstadt-Programm geht

natürlich auch in der zweiten Jahreshälfte

weiter. Zum Beispiel mit der Ausstellung

»Atopolis«. Präsentiert werden

Werke, die sich mit dem Phänomen der

Zirkulation befassen – mit Diaspora

und kulturellen Verschiebungen. Mons

und die Borinage waren ein Epizentrum

der frühen Industrialisierung und der

damit einhergehenden Arbeitsmigration.

Kulturelle und soziale Vermischungen

waren eine Option auf dem Weg der

Globalisierung – fließende Identitäten,

Austausch und kosmopolitische

Offenheit. 23 Künstler installieren ihre

Vorschläge für eine ideale Stadt, offen,

verbunden und radikal egalitär.

WIELS. Contemporary Art Centre

»Stan Douglas: Interregnum«

9. Oktober 2015 bis 10. Januar 2016

Die Film-Installationen des kanadischen

Künstlers Stan Douglas (Jg. 1960) sind

elaborierte Inszenierungen und Montagen,

die vom Zufall handeln und von

den verlorenen Utopien des 20. Jahrhunderts.

Im WIELS hat seine Video-Installation

»The Secret Agent« Premiere.

Ein bemerkenswertes Werk und sicher

eine sehenswerte Schau, in der auch

der kürzlich entstandene Film »Luanda-Kinshasa«

zu sehen ist.

Yang Yongliang: A Cloud on the Horizon, 2008.

YANG YONGLIANG

IST ZU SEHEN IN BRÜSSEL

34 KUNSTSPECIAL

K.WEST 09/15


Hingeschaut!

TEXT STEFANIE STADEL

Die Website lenkt den Blick

auf die oft übersehenen Kunststücke

im öffentlichen Raum.

WWW.NRW-SKULPTUR.DE

NRW steckt voll davon. Doch oft schaut man vorbei an der

Kunst auf Plätzen, in Parks, am Straßenrand. Weil man es eilig

hat, weil sie einem nicht auffällt. Und sicher nicht zuletzt,

weil so schwer Informationen zu finden sind über die großen

und kleinen Skulpturen, Objekte, Wand- und Platzgestaltungen,

Klang-, Licht- oder Videoinstallationen. Wie kommt

die neue Insel in den Fluss, wer hat die roten Kästen oben

an die Laternenmaste montiert, und was soll die rote Stange

an der Autobahnauffahrt? Die schöne, gut sortierte Website

des Kultursekretariats NRW Gütersloh gibt in Text und Bild

Antwort auf solche Fragen.

Kurz und informativ macht sie bekannt mit den vielen, allzu

oft übersehenen Schätzen in Stadt und Land. Ein kompetent

besetztes Team hat die Auswahl der Arbeiten in 86 NRW-Städten

von Aachen bis Wuppertal übernommen. Und nur die

lohnendsten herausgepickt – immerhin 600 Kunststücke, die

meisten stammen aus den vergangenen rund 70 Jahren. Von

der »Diskokugel«, die Sandra Silbernagel in Everswinkel an

den Straßenrand setzte, bis zu Heimo Zobernigs Wandgestaltung

aus Aluminium in einem Kölner U-Bahnhof.

26. SEPTEMBER 2015 –– 3. APRIL 2016.

ZENTRUM FÜR INTERNATIONALE LICHTKUNST, UNNA.

WWW.LICHTKUNST-UNNA.DE

Lichtstreifzüge

Das Zentrum für Internationale Lichtkunst

in Unna hellt das Dunkel auf

Es geht um Lichtkunst. Doch der Ausstellungstitel

verheißt Dunkelheit: »Dark« nennt sich die neue

Schau im Zentrum für Internationale Lichtkunst

in Unna. In den alten Gewölben der ehemaligen

Lindenbrauerei bringt sie vier Künstler zusammen,

deren Werke erst in der Finsternis lebendig werden.

Allen voran Anthony McCall – längst ein Star, der

mit seinen überaus einnehmenden Lichtskulpturen

große Museen und wichtige Messen bestückt hat.

Immer wieder arbeitet der 1946 geborene Brite mit

Projektionen: Im Stockfinsteren zieht gleißendes

Licht seine bewegten Bahnen durch den Raum.

Dabei sorgt Nebel aus der Maschine dafür, dass sich

das Licht bricht und sichtbar wird auf seinem Weg

von der Quelle zur Projektionsfläche. So erscheint es

gleichsam als fließende Wand, durch die man sich

überall hindurch bewegen und dabei den Boden unter

den Füßen verlieren kann.

In Unna sollen Besucher nicht nur gucken. Sie können

jede der vier Installationen betreten, durchwandern.

Regine Schumanns labyrinthische Installation

aus wellenförmigen Acrylglasplatten in

phosphoreszierenden Farbtönen. Oder jenen Wald

aus rund 20 durch leuchtende Schriftzüge erhellten

Kuben, den Vera Röhm im Säulenkeller angelegt

hat. Auch Diana Ramaeker bezieht uns ein. Die 1970

geborene Niederländerin baut ihr Lichtkunstwerk

aus drei großen Theaterscheinwerfern und zwei beweglichen

Spiegeln. Das wie bei McCall durch Nebel

materialisierte Licht tastet sich langsam durch den

Raum, an den Wänden, dem Boden und der Decke

entlang. Es verändert seine Form, wenn es hier und

da den Betrachter streift – der damit selbst zum

Lichtbildner wird.

Regine Schumann: Jump! (2012 / 2014). © Flo Fetzer.

36 KUNSTSPECIAL

K.WEST 09/15


Tempel mit Ohren

Als Preisträgerin des Sparda-Kunstpreises NRW

schuf Leiko Ikemura einen »Hasentempel« für

Recklinghausen

Eine eigenartige Erscheinung. Mitten im Verkehrstrubel, nahe

dem Bahnhof in Recklinghausen soll sie sich bald zeigen. Fast

vier Meter hoch wird das Wesen aus dem Teich dort ragen und

wohl wirken wie aus einer fernen Welt. Es hat die Gestalt einer

Frau mit weitem Glockenrock. Doch aus ihrem Kopf wachsen imposante

Ohren, die denen eines aufhorchenden Hasen gleichen.

»Hasentempel« so lautet auch der Titel, den Leiko Ikemura ihrer

zwischen Rätsel, Magie und Komik schwankenden Figur gab. Sie

konnte sich durchsetzten: Aus dem Wettbewerb mit Kollegen wie

Markus Karstieß, Gereon Krebber, Alicja Kwade und Vera Lossau

ging Ikemura als Siegerin des Sparda-Kunstpreises NRW hervor

und wird am 20. September zugegen sein, wenn die Sparda Stiftung

ihr Werk als Geschenk an die Stadt übergibt.

Der »Hasentempel« fügt sich recht gut ins Œuvre der1951 in Japan

geborenen Künstlerin. Ikemura hatte ihre Heimat früh verlassen,

um in Spanien zu studieren. Sie ist in Europa geblieben, lebt heute

in Köln und Berlin, wo sie auch als Professorin an der Universität

der Künste lehrt. Unverkennbar ist über die Jahrzehnte hinweg

ihre Verbindung zu japanischen Traditionen geblieben, die sich

in ihren Arbeiten – Zeichnungen, Gemälden, Skulpturen – auf eigentümliche

Weise mit westlichen Einflüssen vermischen. Immer

wieder lässt sie dabei die Grenzen zwischen Mensch, Tier, Pflanze

verschwimmen. In Recklinghausen kommt nun noch ein weiterer

Aspekt hinzu. Das menschliche Wesen mit den tierischen Ohren

kann, wie der Titel schon sagt, auch als Tempel gesehen werden.

Ein weit geöffneter Schlitz im Rock der teilweise hohlen Hasenfrau

macht die Figur begehbar. Was in Recklinghausen allerdings

einigen Umstand mit sich brächte – denn vor dem Tempelgang

läge dort das Bad im Bahnhofsteich.

Fotomontage »Hasentempel«. Copyright: Leiko Ikemura, 2014. VG Bild-Kunst Bonn, 2015.

EINWEIHUNG

20. SEPTEMBER 2015, 12 UHR

EUROPAPLATZ, RECKLINGHAUSEN

K.WEST 09/15

KUNSTSPECIAL

37


Bewegte Bilder auf

Schwarzdornwänden

In Bad Rothenfeld startet im

September die fünfte Ausgabe der

»lichtsicht«-Biennale

Mit Einbruch der Dunkelheit beginnt das Schauspiel. Abend für Abend gehen gut fünfzig

lichtstarke Beamer an und werfen bewegte Bilder an die alten Gradierwälle in Bad

Rothenfelde. Einst gehörten diese Bauwerke aus aufgesteckten Schwarzdornzweigen zu

den Salzfabriken des niedersächsischen Ortes. Heute bieten sie der »lichtsicht«-Biennale

eine beeindruckende Projektionsfläche – rund elf Meter hoch und einen laufenden

Kilometer lang. Nun schon zum fünften Mal werden sie genutzt für diese in ihrer Art

einzige Open-Air-Ausstellung.

Zu den Stars der 2015 erstmals von Peter Weibel kuratierten Schau zählt Robert Wilson.

Zeigen will der US-amerikanische Allroundkünstler und Regisseur in Bad Rothenfelde

einige seiner »Video Porträts«, für die er Prominenz von Lady Gaga bis Brad Pitt ins

Visier genommen hat. Ebenfalls dabei ist William Kentridge mit einer Art Schattenriss-Prozession,

die an Massenprotest oder Totentanz erinnern könnte.

Spannung verspricht auch Holger Förterers interaktiver »Feuerwall«. Mit einer App

kann sich jedermann visuell einbringen – kann Fotos vom eigenen Smart-Phone auf

die »brennende« Schwarzdornwand projizieren. In der Inszenierung fangen sie Feuer,

verbrennen und werden gleichzeitig aus dem Handy-Speicher gelöscht. »Diese Arbeit

hat mit Abschied und Loslassen zu tun«, so der Künstler. Er möchte damit die Lust am

digitalen Vergessen und am persönlichen Erinnern anregen.

18. SEPTEMBER 2015 –– 2. FEBRUAR 2016, BAD ROTHENFELDE

WWW.LICHTSICHT-BIENNALE.DE

©Foto Franz Wamhof Projektion William Kentridge »More Sweetly Play the Dance« 2015

lichtsicht_k_west_125x95mm_20150818-1.indd 1 18.08.15 16:51

38 KUNSTSPECIAL

K.WEST 09/15


URBANE KÜNSTE RUHR

2015 7 / 7

OKTOBER

U R B A N

L I G H T S

R U H R

URBANEKUENSTERUHR.DE

HAGEN

MEHR LICHT

09 / 10

BIS

25

/

10

Regionalverband Ruhr

7 /

URBAN LIGHTS RUHR BELEUCHTET

HAGEN. FÜR EINEN MOMENT LENKEN

KÜNSTLERISCHE EINGRIFFE UNSEREN

BLICK AUF LICHT UND STADT UND

BIETEN NEUE PERSPEKTIVEN AUF DAS

VERTRAUTE. DIE INTERVENTIONEN

BILDEN EINEN LICHTPARCOURS, DER

ZUM FLANIEREN, ENTDECKEN UND

ZUM AKTIVEN MITGESTALTEN EINER

VIELSCHICHTIGEN STADT EINLÄDT.

FOTO ROMAN MENSING

K.WEST 09/15

KUNSTSPECIAL

39

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