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8

Januar 2001

reform

Informationen zur

Zürcher Volksschulreform

journal

Unsere Schule,

unsere Zukunft

Schwerpunkt: Grundstufe


Inhalt

reform journal

2

Impressum

Herausgeberin

Bildungsdirektion des Kantons Zürich

Walchestrasse 21, 8090 Zürich

Telefon 01 259 53 72

Telefax 01 259 51 19

Internet: www.bildungsdirektion.ch

E-Mail: volksschulreform@bid.zh.ch

Redaktion

Lutz Oertel, Urs Meier,

Iwan Raschle

Mitarbeit an dieser Ausgabe

Margot Heyer-Oeschger, Alexander

Egger (Bilder), Gian Vaitl (Bild Seite 17)

Konzeption und Gestaltung

raschle & partner

Atelier für Kommunikation

8626 Ottikon ZH

E-Mail: iwan.raschle@bluewin.ch

3

4

7

10

Editorial

Der Ansatz, Kinder vom Spiel über das lernende Spiel

und das spielerische Lernen hin zum systematischen

Lernen zu führen, ist richtig – das zeigt die erste

«Grundstufen»-Erprobung in Zürich.

Momentaufnahme

Die Vernehmlassung über das neue Volksschulgesetz

ist abgeschlossen. Wer hat sich an ihr beteiligt, und

welches sind nun die nächsten Schritte auf dem Weg

zur neuen Volksschule?

Reformdebatte

Was halten Kinder und Jugendliche von der Volksschulreform?

Im November fand erneut ein Treffen

mit Bildungsdirektor Ernst Buschor statt. Eine Reportage.

Schwerpunkt Grundstufe

Die Einführung der Grundstufe ist kein Märchen, die

Geschichte des Dornröschens aber dient als Anstoss

dazu, über die Grundstufe nachzudenken. Als Denkanstösse

finden Sie in diesem «reformjournal» einen

Hintergrundbericht (Seite 10), eine Reportage aus der

ersten Projektschule (Seite 13) sowie einen Bericht

über eine Tagung des Vereins schweizerischer Lehrerorganisationen

der Primarstufe (Seite 16).

Druck

Fotorotar AG, 8132 Egg

18

Kolumne von Monika Weber


Editorial

Neugierig und begeistert

Neues erproben

3

Seit August des letzten Jahres wird in

Zürich die Grundstufe erprobt – zum

Vorteil der Kinder, wie die ersten

Erfahrungen zeigen.

Unbestrittenerweise stellt der Übergang vom

heutigen Kindergarten in die erste Klasse ein Problem

dar. Im Kanton Zürich beherrscht ein Viertel

der Schulanfängerinnen und -anfänger den

Schulstoff des ersten Halbjahres am Starttag. Bei

zehn Prozent der Kinder beträgt der Vorsprung

gar ein ganzes Jahr.Andererseits werden 15 Prozent

der Kinder später eingeschult, indem sie einer

Kleinklasse A zugewiesen werden oder ein

zusätzliches Jahr im Kindergarten verbleiben.

Und dies, weil sie nicht schulreif sind. Zwar

wurde in den letzten Jahren der Begriff der Schulreife

durch denjenigen der Schulfähigkeit ersetzt;

das Problem zunehmender Heterogenität und

Varianz besteht aber nach wie vor.

Nicht von der Schulfähigkeit eines

Kindes sollte die Rede sein, sondern

von der «Kindfähigkeit» der Schule.

Es erscheint sinnvoller, nicht mehr von der Schulfähigkeit

des Kindes sondern von der «Kindfähigkeit»

der Schule zu sprechen. Die Verschie-

denartigkeit der Kinder ist als Chance für interaktives

Lernen zu sehen. Alle Kinder sind

individuell lernfähig und haben daher immer

einen individuellen Entwicklungs-, Lern- und

Förderbedarf.

Hier setzt die Grundstufe an. Jedes Kind hat Anspruch

auf Förderung seines mitgebrachten Potentials.

Dieses wird angenommen, individuell

aufgegriffen und im sozialen Kontext der Lerngruppe

weiter entwickelt. Dabei wird berücksichtigt,

dass Kinder unterschiedlich lernen, dass sie

unterschiedlich viel lernen, dass sie die Schule

sehr verschieden erleben und verarbeiten, dass

sie gleiche Ziele zu verschiedenen Zeitpunkten

erreichen, dass die einen mehr und die anderen

weniger Unterstützung benötigen. Die dreijährige

Grundstufe bietet dafür den geeigneten Rahmen,

ohne unnötiges Hindernis wie den Übergang

vom Kindergarten in die Schule.

Die Grundstufe Unterstrass liefert Anschauungsmaterial

dafür, dass der Ansatz, Kinder vom Spiel

über das lernende Spiel und das spielerische Lernen

hin zum systematischen Lernen zu führen,

richtig ist. Mit welcher Freude und Motivation

dies geschieht, ist beeindruckend. Wer hier

immer noch vom Schaden spricht, den Kinder

durch die Einführung der Grundstufe erleiden

sollen, vermag in ihren Gesichtern die Neugierde

und Begeisterung nicht zu lesen. Urs Meier


Momentaufnahme

Vernehmlassung und neuer

Gesetzesentwurf

Die Vernehmlassung zum neuen Volksschulgesetz

ist abgeschlossen. Welches

sind nun die weiteren Schritte auf dem

Weg zu einem neuen Volksschulgesetz?

4

Der Regierungsrat ermächtigte im April letzten

Jahres die Bildungsdirektion, über die Entwürfe

des Bildungsgesetzes und Volksschulgesetzes eine

Vernehmlassung durchzuführen. Die beiden Gesetzesentwürfe

und Kommentare wurden im Mai

zusammen mit einem Fragebogen an 285 Vernehmlassungsteilnehmende

verschickt. Weitere

5500 Gesetzesentwürfe und Fragebogen wurden

in den Monaten Juli bis September 2000 auf Bestellung

abgegeben (insgesamt versandte Gesetzesentwürfe:

je 5785). Ausserdem erhielt jede

Lehrperson (inklusive der Kindergärtnerinnen)

über die Schul- und Kindergartenkapitel beide

Gesetzesentwürfe zugestellt.

Bis zum Ende der Vernehmlassung gingen über

300 Antworten ein. In nebenstehender Übersicht

ist der Rücklauf zusammengestellt.

Methode der Auswertung

Der mit den Gesetzesentwürfen versandte Fragebogen

bezog sich im wesentlichen auf die in den

Gesetzesentwürfen vorgesehenen Reformmassnahmen.

Die Vernehmlassungsantworten werden

entlang dieses Fragebogens ausgewertet. Die meisten

Fragen konnten mit «Ja» oder «Nein» beantwortet

werden. Ein grosser Teil der Rückmeldenden

begründete jedoch zusätzlich die

gegebene Antwort mit ausführlichen Argumenten

(ja, weil...) oder relativierte die Zustimmung (ja,

wenn...) bzw. Ablehnung (nein, ausser...), das

heisst: die Antworten wurden mit Bedingungen

verknüpft. Um die daher kompliziert werdenden

Inhalte dieser Stellungnahmen zu erfassen und

die Begründungszusammenhänge wiederzugeben,

werden die Antworten nicht nur quantitativ,

sondern auch qualitativ ausgewertet, das heisst:

es werden unter anderem Antwortkategorien gebildet.An

dieser Art der qualitativen Auswertung

waren mehrere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

im Volksschulamt der Bildungsdirektion beteiligt.

Bericht über die Vernehmlassungsergebnisse

und Überarbeitung der Gesetzesentwürfe

Adressat der Vernehmlassungsergebnisse ist der

Regierungsrat. Die Auswertung der Vernehmlassungsantworten

mündet deshalb in einen Bericht

an den Regierungsrat. Zugleich werden aus den


Vernehmlassungs-Antworten

Absender

Anzahl

• Parteien 7

• Schulbehörden 159

Primarschulpflegen (56)

Gemeindeschulpflegen (54)

Oberstufenschulpflegen (22)

Kreisschulpflegen (6)

Zürich/Winterthur (Stadt- und Schulrat/Schuldepartemente) (4)

Bezirksschulpflegen (12)

Verbände der Schulbehörden (5)

(Vereinigung Zürcherischer Kindergartenbehörden VZKB, Vereinigung der Präsidenten und Aktuare der Bezirksschulpflegen

des Kantons Zürich VPA-BSP, Verband Zürcherischer Schulpräsidentinnen und Schulpräsidenten VSZ, Vereinigung des Personals

Zürcherischer Schulsekretariate VPZS, Vereinigte Schulpsychologinnen und Schulpsychologen im Kanton Zürich VSKZ)

5

• Organisationen der Lehrerschaft und Kindergärtnerinnen 9

Synode, Zürcher Lehrerinnen- Lehrerverband ZLV, Verband des Personals öffentlicher Dienste VPOD, Vereinigung der Schulleiterinnen

und Schulleiter des Kantons Zürich VSL, Vereinigung der Präsidentinnen der Kindergartenkapitel des Kantons

Zürich VPKKZ, SEKZH, Mittelschullehrerverband Zürich MVZ, Schulleiterkonferenz des Kantons Zürich (Mittelschulen) SLK,

Verein der Lehrbeauftragten im Kanton Zürich VLZ

• Fachlehrerinnen- und Fachlehrergruppierungen, Beratungsstellen 15

• Einzelne Lehrpersonen und Kapitel, Schulhauskonvente 16

• Kindergärtnerinnen (Kapitel, Gruppen) 14

• Mittelschulkonvente 14

• Elternorganisationen 21

Vereinigung Elternorganisationen im Kanton Zürich VEZ (1)

Schule & Elternhaus (1)

Lokale und andere Vereine (19)

• Wirtschafts- und Berufsverbände 12

• Aus- und Weiterbildungsinstitutionen 15

• Staatliche Stellen 11

• Privatschulverbände und Privatschulen 15

• Andere (Private Gruppierungen und Personen) 17

Total 325


Die Reformabsichten werden von weiten Kreisen unterstützt.

Gleichwohl werden aufgrund der Rückmeldungen

verschiedene gesetzliche Regelungen anzupassen sein.

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Vernehmlassungsergebnissen Schlussfolgerungen

gezogen für die Überarbeitung der beiden Gesetzesentwürfe.

Berichterstattung und Überarbeitung sollen Ende

Januar/Anfang Februar abgeschlossen sein. Sobald

der Regierungsrat darüber in Kenntnis gesetzt

worden ist, wird die Bildungsdirektion über

den neuen Stand der Volksschulreform öffentlich

informieren.

Ohne Ergebnisse vorwegnehmen zu wollen, zeigt

die bisherige Auswertung der Vernehmlassung,

dass die meisten Reformabsichten der Regierung

von weiten Kreisen unterstützt werden. Gleichwohl

wird es aufgrund der Rückmeldungen in der

Vernehmlassung nötig sein, verschiedene gesetzliche

Regelungen anzupassen.

rätlichen Kommission beginnen, deren Ausgang

natürlich noch offen ist. Nach der Verabschiedung

der Gesetze im Kantonsrat wird erwartet, dass in

der ersten Hälfte des Jahres 2002 die Volksabstimmung

stattfindet.

Das zuvor beschriebene Vorgehen ist die politische

Seite der Volksschulreform; parallel dazu

wird die praktische Seite weiterverfolgt, und

diese betrifft die Umsetzung der Volksschulreform.

Die Vorbereitungsarbeiten sind dazu im

Gange. Nach dem Beschluss des Regierungsrats

wird auch über die genaueren Vorstellungen einer

etappenweisen Umsetzung der Reform, über die

dafür notwendigen Unterstützungsaufgaben des

Kantons sowie über den Bedarf an Weiterbildung

informiert, voraussichtlich (unter anderem) im

nächsten «reformjournal».

Lutz Oertel

Weiteres Vorgehen

Der Regierungsrat wird voraussichtlich über die

Gesetzesentwürfe bis Ende März 2001 entscheiden

und sie dann dem Kantonsrat unterbreiten.

Danach werden die Beratungen in der kantons-


Reformdebatte

«Könnte ich dann noch ein

Autogramm haben?»

7

Was halten Kinder und Jugendliche von

der Volksschulreform? Im November

fand erneut ein Treffen mit Bildungsdirektor

Buschor statt. Eine Reportage.

An den Wänden verschiedene «Parolen», davor

die Zuschauerränge, zwei Bänke für die Wortführenden

der Interessengruppen – und im Zentrum

des Geschehens, natürlich, die Stehpulte für die

Streithähne ersten Ranges, des Namens Professor

Ernst Buschor, Bildungdirektor, Martin Wendelspiess,

Chef des Volksschulamtes (auf der einen

Seite), sowie Ruedi Balderer, Schulleiter der

Oberstufe «Eichi» in Niederglatt, und Ernst Pfister,

Schulpflegepräsident (auf der anderen Seite).

Sie alle stehen bereit zur grossen Debatte

über die Volksschulreform, und auch die Wortführerinnen

und Wortführer der grössten Partei – der

Schülerinnen und Schüler – haben sich zusammen

mit ihrer Gefolgschaft pünktlich eingefunden.

Die Übertragung könnte beginnen – die

berühmte «Arena», ohne Zweifel –, fehlten nicht

jene Personen, ohne die eine solche Sendung niemals

zum Spektakel würde: die Kameraleute. Sie

bleiben selbst zum Sendebeginn aus, der – nun

wird die Persiflage deutlich – nicht am Freitagabend

um zwanzig Uhr auf dem Terminplan steht,

sondern am Donnerstagmorgen um acht Uhr –

nicht in einem Studio des Schweizer Farbfernsehens,

sondern im Saal der Oberstufenschule

«Eichi» in Niederglatt.

Sie hätten das Ganze bloss «ein bisschen arenamässig

aufgezogen», wird Schulleiter Ruedi Balderer

einige Minuten später das Rätsel lächelnd

und mit durchaus berechtigtem Stolz auflösen,

vorerst aber ist es an Schulpräsident Ernst Pfister,

die Verwirrung der Anwesenden noch etwas zu

verstärken. Er wählt dazu das Mittel der erneuten

Irritation und begrüsst Publikum wie Kontrahenten

– in englischer Sprache. «So etwa», meint er,

unerwartet zur eigentlichen Amtssprache wechselnd,

«könnte die Begrüssung an unserer Schule

bald tönen, wenn die Volksschulreform umgesetzt

wird». Englisch seien ihm die ersten Worte

der Ansprache deshalb über die Lippen gekommen,

weil Niederglatt, insbesondere die Schule

«Eichi», gerne einen Schritt voraus sei, weil Reformen

hier auf einen fruchtbaren Boden stiessen.

Englisch sei ein wichtiges Reformelement,

die Förderung der deutschen Sprache aber ebenso

(deshalb der Sprachwechsel), und nicht zuletzt

sei Spontaneität gefragt, Lebendigkeit, daher

werde die «Sendung» nun – Weltsprache hin,

Amtssprache her – in Mundart geführt.

So, wie sich früher Könige inkognito unters Volk

gemischt hätten – unlängst soll dies sogar ein

ägyptischer Herrscher getan haben –, diese Art

der Tuchfühlung bleibe Ernst Buschor leider ver-


wehrt, fährt Schulleiter Ruedi Balderer fort: «Er

ist zu bekannt.» Die Freude in Niederglatt sei

aber auch dann gross, wenn er sich offiziell darum

bemühe, den Dialog mit Schulen zu pflegen,

mit Kindern und Jugendlichen insbesondere. Die

Schule «Eichi» stehe den Reformen keineswegs

unkritisch gegenüber, es seien bereits «Nachbesserungen»

vorgeschlagen worden, und ganz besonders

wünsche sich hier niemand eine Reform

nach dem Reifegesetz der Banane: «Das Produkt

sollte nicht erst beim Konsumenten reifen.»

deln genauso wenig, sondern wollen von ihrem

berühmten Gegenüber erst einmal wissen, was

ihn denn überhaupt dazu getrieben habe, all diese

Reformen einzuleiten. Die Schule, wird ihnen

nun erklärt, habe Kinder und Jugendliche auf das

Leben vorzubereiten. Das geschehe zwar bereits

heute, gleichwohl müsse sie sich aber darum

bemühen, veränderten Anforderungen gerecht zu

werden, zum Beispiel im Bereich der Fremdsprachen

– Stichwort Englisch –, aber auch im Bereich

der neuen Lernformen – Stichwort Lernen mit

8

Fast wie in der richtigen «Arena»:

Schülerinnen und Schüler aus Niederglatt

im Gespräch mit Bildungsdirektor

Professor Ernst Buschor

und während der anschliessenden

«Autogrammstunde» (Bild ganz

rechts).

Genug der Begrüssungsworte, der Austausch

kann beginnen. Ein Austausch, der auf das erste

Schülerinnen- und Schülerforum zurückgehe,

erinnert Ernst Buschor, auf eine im letzte März

durchgeführte Impulstagung zur Volksschulreform.

Damals seien erstmals Kinder und Jugendliche

zu den Reformvorhaben befragt worden,

und diesen Dialog wolle die Bildungsdirektion

pflegen, das sei ihm «sehr wichtig».

Die Schülerinnen und Schüler, eingeladen ihre

Schule «zu loben wie zu tadeln, Kritik zu üben

wie auch Wünsche anzubringen», nehmen das

Angebot war, loben aber zu Beginn nicht und ta-

dem Computer. «Wer von euch», fragt der Bildungsdirektor

in die Runde, «hat einen Internetanschluss

zu Hause?», um den Stellenwert des

Computers wohl selbst erstaunt zur Kenntnis zu

nehmen: rund 90 Prozent der Kinder strecken

ihre Hand in die Höhe.

«Zu einer guten Bildung gehört

auch das Musische.»

In Sachen Englisch und Computer, das wird deutlich,

gehen die Schülerinnen und Schüler mit

ihrem «obersten Chef» einig, ja sie fordern gar

noch mehr: 40 Computer für 150 Schülerinnen


9

und Schüler seien zu wenig, kritisieren sie, Französisch

könne man doch gleich ganz weglassen,

überdies wäre auch die Weltsprache Spanisch unbedingt

zu unterrichten. Ernst Buschor verweist

auf den Stellenwert des Französischen in der

mehrsprachigen Schweiz, ermuntert die Schülerinnen

und Schüler, mit Landsleuten aus der Romandie

erst einmal das Gespräch in der französischen

Sprache zu suchen, und erinnert daran, der

Französischunterricht werde durch das neue

Lehrmittel «Envol» wesentlich verbessert. Auch

dem Wunsch, hauswirtschaftliche und gestalterische

Fächer abzubauen, weil sich manche

Schülerinnen und Schüler auf Leistungfächer beschränken

wollen, «auf eine optimale Berufsvorbereitung»,

vermag der Bildungsdirektor nicht zu

entsprechen. Seine Anwort: «Zu einer guten Bildung

gehört auch das Musische, ihr dürft den

Stellenwert dieser Fächer nicht unterbewerten.»

Die «Arena» neigt sich ihrem Ende zu, zumindest

ihre erste Hälfte, zur Sprache kommen nun noch

die vielen «Ufzgi», der hohe Zeitaufwand für die

Schule, aber auch alldies, was die Schule zusätzlich

oder vermehrt anzubieten hätte. «Was würdet

ihr denn zugunsten dieser Fächer fallen lassen»,

fragt Ernst Buschor die Jugendlichen,

worauf zahlreiche Vorschläge auf ihn nieder prasseln:

Weniger Geografie könnte unterrichtet

werden, heisst es, weniger Chemie und Physik,

weniger Gestalten mit Ton – was der Bildungsdirektor

treffend zusammenfasst: «Das ist beinahe

wie in der Politik: Alle sind sich darin einig, es

müsse etwas abgebaut werden, aber alle wollen

die Einsparungen woanders erzielen.»

Nach einer kurzen Pause, in dieser Zeit unterhalten

sich die Lehrerinnen und Lehrer mit dem

Besuch aus Zürich, folgt der «Arena» zweiter

Teil. Geladene Gäste sind nun die Kinder der Mittelstufe.Auch

sie wünschen sich «kei Ufzgi», auch

sie würden die englische der französischen Sprache

vorziehen, auch sie fordern mehr Computer.

Anders als die Schülerinnen und Schüler der

Oberstufe wünschen sie sich aber (noch) kein

Schwimmbad, keine Cafetieria und keinen Schulbeginn

erst um neun Uhr, sondern zusätzliche

Reckstangen, neue Fussbalgoals, mehr Turngeräte,

einen Schiedsrichter, «der fair pfeift», und –

weil die Lehrerinnen und Lehrerinnen längst davon

profitierten, «jeden Donnerstag ein Znüni».Wie

ihre Kolleginnen und Kollegen der Oberstufe

finden freilich auch sie keinen gemeinsamen

Nenner bezüglich jener Fächer, die beispielsweise

zugunsten zusätzlicher Turnstunden oder, auch

das wird gewünscht, zusätzlicher Mathelektionen

abzubauen wären.

Die Schülerinnen und Schüler befürworten

Ernst Buschors Effort, die

Schule zu erneuern.

Fazit der «Arena»-Sonderausgabe: Die Schülerinnen

und Schüler antworten auf die Frage, ob

sie gerne zur Schule gingen, zwar nicht mit Applaus,

bestätigen den Bildungsdirektor aber darin,

dass dies notwendig sei. Und sie befürworten

seinen Effort, die Schule zu erneuern. Nachdem

ein Mädchen «eine Stunde freies Lernen» pro

Woche fordert, wünscht ein anderes zum Schluss

nur noch dies: «Könnte ich dann bitte noch ein

Autogramm haben?». Der prominente Gast

kommt diesem Begehren nach, und nicht nur deswegen

stehen sich die «Kontrahenten» am Ende

der «Sendung» wohlgesinnt gegenüber. (i.r.)


Schwerpunkt: Grundstufe

Dornröschen ist

aufgewacht

Die geplante Einführung der Grundstufe

ist kein Märchen, die Geschichte des

Dornröschens aber dient als Anstoss

dazu, über die Grundstufe nachzudenken.

10

Sie alle kennen das Märchen vom Dornröschen.

Eine der dreizehn weisen Frauen im Land wird

nicht zum Fest geladen, weil der königliche Haushalt

nur zwölf goldene Teller hat. Die Folge ist ein

tödlicher Fluch, der nur durch den Wunsch der

zwölften weisen Frau in einen hundertjährigen

Schlaf abgeschwächt werden kann. Und so geschieht

es dann auch. Nach 100 Jahren wird die

Prinzessin von einem mutigen Prinzen wachgeküsst,

und mit ihr wacht auch der gesamte Hofstaat

auf.

Der Kindergarten und die Einschulung sind durch

die Diskussion um die Grund- und um die Basisstufe

ins Blickfeld der pädagogischen und der

öffentlichen Diskussion gerückt. Ziele, Rahmenbedingungen,

mögliche und sinnvolle Veränderungen

sind Gesprächsthemen an Tagungen, in

der Presse, in Elternvereinigungen und im Lehrerzimmer.

Die Diskussion wird nicht nur im Kanton

Zürich geführt, sondern hat einen Grossteil

der Deutschschweizer Kantone erfasst. Das allein

ist ein Erfolg, der nicht hoch genug gewichtet werden

kann.

Aber mit dem Wachwerden allein ist es nicht getan.

Im Märchen wird detailliert beschrieben, wie

der königliche Haushalt genau dort wieder weiter

macht, wo er vor 100 Jahren aufgehört hat:

«...die Tauben auf dem Dach zogen das Köpfchen

unterm Flügel hervor, sahen sich um und flogen

ins Feld; die Fliegen an den Wänden krochen weiter;

das Feuer in der Küche erhob sich, flackerte

und kochte das Essen;..» Die Hochzeit zwischen

Dornröschen und dem Prinzen wird mit aller

Pracht gefeiert und am Schluss heisst es: «...und

sie lebten vergnügt bis an ihr Ende.»

Weitermachen wie bisher, das steht

nicht zur Diskussion

So einfach ist es für die Grundstufe nicht. Weitermachen

wie bisher steht nicht zur Diskussion.

Öffentlichkeitsarbeit alleine verändert allenfalls

die Einstellung einzelner Menschen, nicht aber

die Rahmenbedingungen. Eine genaue Analyse

der Situation ist als erster Schritt angesagt.Wenn

wir die Fehler der Vergangenheit nicht wahrnehmen,

dann wiederholen sie sich in der einen oder


11

Die Lehrpersonen als Beispiel

Die Gelder, die wir heute für die steigende Zahl

von Kleinklassen und für die höheren Kosten der

Primarstufe ausgeben, werden im Modell Grundstufe

für die vorgesehenen 150 Lehrstellenprozente

verwendet. Hier sind Forschungsergebnisse

leitend, die belegen, dass die Klassengrösse nicht

allein zu den entscheidenden Faktoren für den

Schulerfolg gehört, aber dass die Belastung der

Lehrpersonen ständig steigt. Da die 150 Stellenanderen

Form. Die Metapher vom Ausschluss einer

der weisen Frauen, weil nicht genügend goldene

Teller vorhanden sind, kann als Denkanstoss

dienen. Wofür haben wir nicht genügend Ressourcen,

für die kognitive Förderung, für den Kindergarten

als Ganzes, für Kinder, welche die Normen

für die Einschulung nicht erfüllen? Was

meinen wir mit Ressourcen, Geld, Fähigkeiten?

All das sind Themen, mit denen wir uns auseinandersetzen

müssen. Und wir müssen diese

Diskussionen auf breiter Basis und öffentlich

führen, wir müssen uns mit Argumenten für und

gegen Veränderungen auseinandersetzen.

Bei der Diskussion um die Notwenigkeit von Veränderungen

können wir auf vielfältige Angaben

und Forschungsergebnisse zurückgreifen. Allein

die Tatsache, dass über 15 Prozent der Kinder

nicht altersgemäss eingeschult werden und

gleichzeitig 10 Prozent der Kinder der ersten

Klasse dem Schulstoff um ein Jahr voraus sind,

gibt zu denken. Sie zeigt, dass die Institution

Schule – trotz des Wissens um die Entwicklungsunterschiede

bei Kindern – auf den gesetzten

Normen beharrt. Kindern, die nicht in diesen

Raster passen, werden eine ganze Reihe von Sondermassnahmen

angeboten: Rückstellung, Einschulung

über eine Kleinklasse, vorzeitige Einschulung

und das Überspringen der ersten Klasse.

Bei all diesen Massnahmen geht die Institution

Schule aber von einem individualpsychologischen

Ansatz aus, wir untersuchen und testen das

Kind, Eltern müssen Anträge stellen, das Kind

und seine Familie sowie die einzelne Lehrperson

müssen mit dem Sonderstatus einer Rückstellung

oder eines Überspringens umgehen lernen.

Die altersgemischten Gruppen der

Grundstufe mindern den Leistungsdruck,

lassen die Kinder ihre Kontakte

und ihre Aktivitäten über weite

Strecken und ihren Fähigkeiten und

Neigungen entsprechend frei wählen.

Die Grundstufe akzeptiert Entwicklungsunterschiede

als gegeben. Sie geht von einem systemischen

Ansatz aus und stellt flexible Strukturen

zur Verfügung. Sie bietet individuell unterschiedlich

lange Zeiträume für das Erlernen der Grundlagen

im Lesen, Schreiben und Rechnen an. Kinder

können die Grundstufe in zwei, drei oder vier

Jahren durchlaufen. Die altersgemischten Gruppen

der Grundstufe mindern den Leistungsdruck,

lassen die Kinder ihre Kontakte und ihre Aktivitäten

über weite Strecken und ihren Fähigkeiten

und Neigungen entsprechend frei wählen. Die

Grundstufe bietet aber im Gegenzug viel früher

eine breitere Palette von Tätigkeiten auch im kognitiven

Bereich an und fördert und fordert gezielt

die Auseinandersetzung der Kinder mit Mensch,

Natur und Kultur.


12

prozente zwingend den zeitweisen Einsatz von

mindestens zwei Personen pro Gruppe bedeuten,

erreichen wir mit der Grundstufe auch, dass die

Kinder nicht nur zu sozialem Verhalten untereinander

angehalten werden, sondern dass sie auch

durch Lernen am Modell wichtige soziale Fähigkeiten

von ihren Lehrkräften übernehmen können.

Für die Lehrpersonen ist die Arbeit im Team eine

der grössten Herausforderungen im Konzept der

Grundstufe. Unser Bild von der idealen Lehrkraft

ist immer noch stark geprägt von der Vorstellung,

dass diese Lehrkraft für eine Klasse allein verantwortlich

ist und über ein breites Spektrum von

Fähigkeiten verfügen muss. Dazu gehört der Unterricht

in Sport, in Musik, in bildnerischem Gestalten,

Zusammenarbeit mit Eltern, Behörden,

Fachinstitutionen und selbstverständlich auch

der immer breiter werdende Kanon der klassischen

Schulfächer, die in der Primarschule neben

Deutsch und Mathematik, Mensch und Umwelt

sowie Französisch neu auch Englisch und Lernen

mit dem Computer umfassen wird.

Die Diskussion geht heute in zwei Richtungen:

eine Reduktion der Unterrichtsinhalte

auf der einen, eine Steigerung

der pädagogischen Verantwortung und

Zusammenarbeit auf der anderen Seite.

Das ist ein Anforderungskatalog, den niemand in

einer professionell akzeptablen Form erfüllen

kann. Die Diskussion geht heute deshalb in zwei

Richtungen: eine Reduktion der Unterrichtsinhalte

auf der einen, eine Steigerung der pädago-

gischen Verantwortung und Zusammenarbeit auf

der anderen Seite. Konkret sieht das so aus, dass

in Zukunft Lehrpersonen bereits in der Grundausbildung

Schwerpunkte bilden können; dass

vor Ort Fächer abgetauscht werden können und

dass die pädagogische Verantwortung über die eigene

Klasse auf das Schulhaus ausgedehnt wird.

Die Zusammenarbeit im Unterricht ist eine neue

Entwicklung, die im Projekt Grundstufe einen besonderen

Schwerpunkt bildet. Wir haben jedoch

bereits Vorerfahrungen im Mundartunterricht

und im Projekt RESA. Dort werden zunehmend

integrierte Formen angewendet, bei denen die

Sonderpädagogin in der Regelklasse zusätzlich

zur Klassenlehrerin anwesend ist und in Absprache

mit ihr mit einzelnen Kindern oder Kindergruppen

spezielle Fragestellungen oder Themen

aufgreift und bearbeitet.

Grosser Bedarf an Entwicklungsarbeit

Hier wartet aber auch ein grosser Bedarf an Entwicklungsarbeit

auf uns, der an den Pilotschulen

in Zusammenarbeit mit Fachkräften aus verschiedenen

Richtungen geleistet werden muss.

Diese Erfahrungen und Anregungen zur Teamarbeit

müssen gemeinsam mit einer Didaktik der

Grundstufe und einem Rahmenlehrplan zur

Verfügung stehen, bevor die Generalisierung mit

der Nachqualifikation der Lehrpersonen beginnt.

Selbstverständlich muss diese Entwicklungsarbeit

auf den bewährten Grundlagen der bisherigen

Kindergarten- und Schulpädagogik basieren,

und dazu gehört unter anderem Dornröschen

aus dem grossen Schatz unserer traditionellen

Märchen.

Margot Heyer-Oeschger


Schwerpunkt: Grundstufe

Die ersten Erfahrungen

sind vielversprechend

13

Besuchen

Seit einigen Monaten wird in der Zürcher

Gesamtschule Unterstrass die Grundstufe

erprobt. Zur Begeisterung aller

Beteiligten. Eine Reportage.

sie den Kindergarten? Besuchen sie die

erste Klasse der Unterstufe? Klein sind sie alle,

die neben uns auf der Bank sitzenden Kinder, und

Fragen mögen sie wohl noch keine beantworten,

der Tag ist noch zu jung dazu. Noch hat sie keine

Glocke zur Pflicht gerufen, noch steht wohl

manch eines der Kinder mit einem Fuss zu Hause,

während der andere bereits einen «Finken»

übergestreift erhält. Im Kindergarten, in der

Schule? Zu Hause. In einem anderen Zuhause

wohl als dem Elternhaus, an einem Ort jedoch,

der den Kindern ebenso das Gefühl gibt, «zu

Hause» zu sein. So schmiegt sich die kleine

Paula (alle Namen mit Ausnahme jener der Lehrerinnen

sind geändert) an der Eingangstüre an

Catherine – an die Lehrerin Catherine Müller, die

an diesem Morgen die «Auffangzeit» betreut, diese

knappe Stunde vor dem eigentlichen Unterrichts-

oder eben «Chindsgi»-Beginn. Und Catherine,

sie wird von den Kindern geduzt wie alle

Lehrerinnen und Lehrer an der Gesamtschule

Unterstrass, Catherine Müller also hat ein Ohr für

Paula, findet dazwischen Zeit für einen kurzen

Schwatz mit Ernst, dem Vater eines andern

Mädchens, sie braut den Besuchern, dem Bezirksschulpfleger

und dem Team des «reformjournal

einen Kaffee, dann will auch schon

Lukas angehört werden, holt sich Katrin ihre

kleine Streicheleinheit, und schliesslich treffen

sie alle ein: Linda, Philipp, Barbara, Jan und wie

sie alle heissen: 16 (von 20) Schülerinnen und

Schülern oder «Kindergärtlerinnen» und «Kindergärtlern»

– Kinder, die selber keine Trennlinie

zu ziehen wissen zwischen dem Einen und Andern,

zwischen Kindergarten und Schule. Sie alle

besuchen die Grundstufe der Gesamtschule Unterstrass,

sie alle treffen sich an einem Ort, der ein

Kindergarten ist und doch auch eine Schule, an

einem Ort, wo gespielt wird und gesungen, gebastelt

und musiziert. Aber auch gelesen und gezählt,

geschrieben und Hochdeutsch gesprochen.

Es ist Donnerstag, und donnerstags trifft sich stets

die ganze Schule im neuen Pavillon der Grundstufe

zu einer Art Wochenritual, zum gemeinsamen

Singen und Musizieren. Dieses verbindet

Kinder und Lehrpersonen ebenso wie das Mittagessen,

in dieser gemeinsamen Stunde zerfliesst


14

nicht nur die Grenze zwischen Kindergarten und

Unterstufe, sondern auch jene zu den Anschluss-

Stufen. Zwar ist den Kleinsten manches Lied zu

schwierig und mögen den Grösseren manche

«Liedli» zu langweilig erscheinen, gleichwohl finden

sich «Klein» und «Gross», wird begeistert gesungen,

musiziert – und applaudiert. Dann zum

Beispiel, wenn ein Schüler oder eine Schülerin

das eigene Instrument (und die Kunst, darauf zu

spielen) präsentiert.An diesem Morgen ist Lukas

an der Reihe. Er glänzt am Klavier mit einem

Stück von Mozart und weiss hernach (mit Hilfe

einer Lehrerin) das Instrument auch zu erklären.

Kinder werden in der Grundstufe

keinesfalls «verschult».

Kaum eine Stunde ist verstrichen, und bereits ist

deutlich geworden, was Unterstufen-Lehrerin Catherine

Müller und Kindergärtnerin Sibylle Pfiffner

wenig später im Gespräch betonen: Kleine

Kinder dürften mit «schwierigen» Liedern gefordert

(oder auch überfordert) werden, älteren

Kindern seien im Gegenzug auch einmal eher

belächelte «Liedli» zuzumuten. Momente der

Überforderung und der Unterforderung, vielmehr:

Momente, in denen Kinder herausgefordert

werden, und andere, die sie eher passiv – als

bereits «Wissende» – miterleben, diese beiden Situationen,

so die beiden Grundstufenlehrerinnen,

«sollten sich in der Grundstufe möglichst die

Waage halten».

Dass die gemeinsame Singstunde den Beteiligten

Spass bereitet, kleinen wie grossen Kindern (und

wohl auch den Lehrpersonen), steht nach dem

Wochenritual ausser Zweifel, und keine Zweifel

bestehen auch daran, dass der Kindergarten

durch die Grundstufe keinesfalls «verschult»

wird.Vielmehr scheint – zumindest an dieser ersten

Erprobungsschule – das Eine mit dem Anderen

zu verschmelzen: Während die einen Kinder

in der Spielecke Polizist, Pferd und Gefangener

spielen (und den Besuchern eine saftige Busse

von 10 Rappen aufbrummen, weil diese einen

Stuhl belegt haben, der offenbar dem Ordnungshüter

vorbehalten war), während also die einen

friedlich spielen, üben sich einige andere Kinder

im Zählen und Buchstaben-Erkennen, und nebst

alledem finden Catherine Müller und Sibylle

Pfiffner auch noch Zeit, sich um ein Kind mit

Down-Syndrom zu kümmern. Er, ein kleiner,

fröhlicher Junge, sitzt inmitten der anderen Kinder,

sortiert Holztierchen, trommelt wenig später

heiter-drängelnd mit dem Zeigefinger auf einem

Pult herum, weil Sibylle Pfiffner sich gerade mit

den Besuchern unterhält, wo sie ihre Aufmerksamkeit

doch ihm zu schenken hätte, er also

scheint sich wohl zu fühlen und wird, wie die Lehrerinnen

sagen, von den anderen Kindern «voll

akzeptiert».

Nicht erst nach drei Stunden staunen die Besucher

– der Bezirksschulpfleger nicht weniger als

die Vertreter des «reformjournals». Staunen darüber,

wie sich Spielen, Gestalten und Singen mit

dem Lernen vereinbaren lässt, staunen darüber,

dass selbst eigentliche «Erstklässler» vor allem

dem Spiel frönen dürfen – wie Alexander, der das

Spielen mit anderen Kindern kaum kennt, weil er

sich zu Hause vor allem mit Computer-Games beschäftigt.Andere

Kinder wiederum, die eigentlich

dem Kindergarten zuzuordnen wären, üben sich

bereits im Zählen, Lesen und Schreiben – oder

sitzen als wache Beobachterinnen und Beobachter

neben den «Grossen» und machen sich mit


Selbst eigentliche «Erstklässler» dürfen

vor allem dem Spiel frönen.

dem Schulstoff bereits etwas vertraut. Sanfter

Druck wird nur bei älteren Kindern ausgeübt, bei

solchen also, die das Spielen gegenüber dem Lernen

bevorzugen und im Vergleich mit dem heutigen

Schulmodell eher im «Verzug» sind. So darf

Alexander zwar seine Leidenschaft ausleben, er

hat sich aber immer wieder auch hinzusetzen und

zu lernen, andernfalls würde er den Anschluss

verpassen.

als «Glücksfall», so schätzen sie beide den intensiven

Austausch, die regelmässigen, wöchentlich

stattfindenden Standortbestimmungen, die Gespräche

darüber, wie sich der Kindergarten (und

die erste Klasse) gemeinsam gestalten lassen.

15

Catherine Müller und Sibylle Pfiffner, sie teilen

sich die für die Grundstufe vorgesehenen 150

Stellenprozente, wobei Sibylle Pfiffner – die Kindergärtnerin

– zu 100 Prozent arbeitet, die beiden

Grundstufen-Lehrerinnen leisten eine beachtliche

Arbeit. Wären sie von diesem Modell

nicht begeistert, erschiene ihnen die Arbeitsbelastung

bisweilen wohl als zu hoch. Schon einige

Male hätten sie sich gefragt, «worauf wir uns

da eingelassen haben», lachen sie im Gespräch,

immer aber hätten sie sich davon überzeugen

können, den richtigen Weg eingeschlagen zu haben.

So bezeichnen sie die Zusammenarbeit mit

ihrer Partnerin beide (unabhängig voneinander)

Ohne Begeisterung keine Grundstufe? Sibylle

Pfiffner und Catherine Müller wissen um ihre

Pionierrolle, und beide wünschen sich, ihre Nachfolgerinnen

und Nachfolgern könnten dereinst

auf Hilfestellungen zurückgreifen, die sie sich

selber erarbeiten mussten (und noch immer müssen).

Solche, glauben sie, würde es vielen Lehrpersonen

erleichtern, die Vorzüge der Grundstufe

zu erkennen, sich selber begeistern zu lassen. Begeistern

zu lassen, um das Eine nicht mehr gegen

das Andere ausspielen zu müssen. Das Eine und

Andere, das die Kinder an diesem Morgen als ein

Ganzes erleben: Spielen und Singen, Basteln und

Zählen, Malen und Schreiben liegen für sie näher

beieinander, als viele Erwachsenen glauben; so

nahe wohl wie Elternhaus und Schule, wie das

eine und andere Zuhause.

Iwan Raschle

Musizieren, Lernen und Spielen: Das

Eine schliesst das Andere nicht aus,

wie die Erfahrungen der Grundstufe

Unterstrass zeigen.


Schwerpunkt: Grundstufe

«Diese wohl einmalige Chance

müssen wir packen»

16

Ende November lud der Verein schweizerischer

Lehrerorganisationen der Primarstufe

(PSK) zu einer Tagung zum Thema

Grundstufe. Ein Stimmungsbericht.

Der November, wir wissen es, ist ein grauer Monat.Auch

dieser Samstagmorgen ist es, da im grossen

Saal des Schulhauses Hirschengraben eine Tagung

stattfindet zum Thema Grundstufe. Kein

Sonnenstrahl lädt zum Spaziergang durch den

Herbstwald, kein lauer Wind zum Verweilen in

der Altstadt. So haben sich unzählige Lehrerinnen,

Lehrer und Kindergärtnerinnen im Schulhaus

Hirschengraben eingefunden, um mehr über

ein Thema zu erfahren, das sich – dem Volksmund

und der Farbenlehre nach zu schliessen – ebenso

grau präsentiert wie der November: Ist von der

Grundstufe die Rede, von der im Kanton Zürich

geplanten Verschmelzung von Kindergarten und

Unterstufe also, wird meistens schwarzweiss gemalt,

sind düstere – eben graue – Bilder zu betrachten.

Novemberbilder. Mit ebendiesen Farben

– mit Schwarz und Weiss – beginnt die

Tagung, eröffnet Dr. phil. Margot Heyer-Oeschger,

wissenschaftliche Mitarbeiterin der Bildungsdirektion,

ihr Referat. Sie habe den Tagungstitel

«Basis- und Grundstufe – eine Chance

für die Volksschule?» leicht abgeändert, sagt sie,

sie wolle der Frage nachgehen, ob die Zusammenlegung

von Kindergarten und Grundstufe

bloss ein Ärgernis sei, immerhin eine Herausforderung

oder sogar eine Chance. Sagt es – und

nennt zu Beginn gleich die beiden Farben, die

beiden Extrempositionen: «Was Hänschen nicht

lernt, lernt Hans nimmermehr» und «Das Gras

wächst nicht schneller, wenn man daran zupft.»

Kindern «nicht den Kopf verbieten»

Der November ist mitnichten ein ausschliesslich

grauer Monat, unweit des (keineswegs düsteren)

Vortragssaals scheint an diesem Morgen beispielsweise

die Sonne, und grau sieht bekanntlich

auch, wer Farben vermischt, sie einzeln nicht

wahrzumehmen vermag. So lässt sich das für

viele düster erscheinende Modell der Grundstufe

(oder auch der Basisstufe) als durchaus farbenprächtiges

Bild schildern, vorausgesetzt, die

Bunttöne wollen gesehen werden. Margot Heyer-

Oeschger meint, die Wahrheit liege wohl zwischen

den beiden erwähnten Zitaten, sie nennt

Heinrich Pestalozzi beim Wort und erinnert daran,

dass Bildung, Kopf, Hand und Herz gleichermassen

erfordere.Weshalb es keinen Grund gebe,

zumindest nicht im Sinne Pestalozzis, lernwilligen

Kindern im heutigen Kindergartenalter «den

Kopf zu verbieten».Vorausgesetzt, der Gebrauch

desselben gehe nicht zu Lasten von Hand und

Herz. Genau dies hingegen geschehe nicht, wenn

die Grundstufe im Kanton Zürich eingeführt werde.

Die neue Regelung des Übergangs vom Kin-


17

dergarten in die Unterstufe sehe einzig vor, lernwilligen

Kindern das Lesen und Schreiben beibringen

zu dürfen, ausserdem werde – heute in

der ganzen Schweiz ein häufig beklagtes Defizit

– endlich ein verbindlicher Rahmenlehrplan auch

für diese Schulstufe geschaffen.

«Enorm positive Erfahrungen»

Dass die von Margot Heyer-Oeschger aufgegriffene

Schwarzmalerei tatsächlich auf ein farbenprächtiges

Bild zurückgeht (oder vielmehr zu einem

solchen führt), machen Sybille Lüssi, lic.

phil, Kindergärtnerin, und Dieter Rüttimann, lic.

phil., Primarlehrer, von der Gesamtschule Unterstrass

(Zürich) deutlich. Sie beide erproben zusammen

mit ihrem Team sei einigen Monaten das

Modell der Grundstufe an ihrer Schule und präsentieren

eindrückliche Erfahrungen, die ebenfalls

weit weg führen vom Schwarzweiss-Bild

Grundstufe: Vor allem das Team-Teaching, die Zusammenarbeit

einer Kindergarten- und einer Unterstufenlehrperson,

werten die beiden als «eine

enorm positive Erfahrung», die Erweiterung des

Kindergartens um die Kulturtechniken Lesen,

Schreiben und Rechnen stosse bei den Kindern

auf grosses Interesse – und diese entwickelten

«sich sehr stark». Auch das Interesse der Eltern,

betonen die beiden, sei «unvorstellbar gross»,

manche würden «fast wütend», wenn sie erführen,

dass alle Grundstufen-Plätze für die nächsten

drei Jahre ausgebucht seien.

Platz im Grundstufenmodell der Gesamtschule

Unterstrass (siehe auch Reportage auf den Seiten

13-15 dieser Ausgabe) finden auch Kinder mit besonderen

Bedürfnissen. So gehört der Grundstufenklasse

– die nicht unterteilt ist in Kindergarten

und Unterstufe – beispielsweise auch ein Kind

mit Down-Syndrom an. Um dieses, sagen Sybille

Lüssi und Dieter Rüttimann, kümmerten sich sogar

die Kinder, was dem Lernziel Sozialkompetenz

entspreche, überdies beschäftigten sich die

Lehrpersonen damit, individuelle Förderungsmöglichkeiten

(auch für andere Kinder) zu finden.

«Das stärkste Element» der Grundstufe, betonen

die Vertreterin und der Vertreter der

Gesamtschule Unterstrass, sei für sie indes das

Team-Teaching. «Diese Chance», sagt Dieter

Rütimann, «müssen wir packen, ein solches Angebot

kommt vielleicht nie wieder.»

In der anschliessenden Podiumsdiskussion, die

eher einer Fragestunde gleichkommt, melden sich

Lehrpersonen der Unterstufe wie des Kindergartens

zu Wort, fragen verschiedene Male nach der

Entlöhnung, nach der Pensenaufteilung – und

auch danach, ob denn ein Grundstufenkind nun

eigentlich ein «Znünitäschli» oder einen «Thek»

mit in die Schule bringen sollte (Antwort: «Das

überlassen wir den Kindern.»). Einspruch gegen

das Reformvorhaben wird an diesem Samstag

nicht erhoben – zu überzeugend, so scheint es,

waren die Ausführungen der Referentin, zu begeistert

klangen die Erfahrungsberichte.Auch das

EDK-Modell der Basisstufe wird nicht gegen die

Grundstufe ausgespielt. Auf eine entsprechende

Frage, was denn in andern Kantonen vorgesehen

sei im Bereich Kindergarten/Unterstufe, verweist

LCH-Vertreter Claude Bollier auf die Romandie

und auf das Tessin, wo im Kindergarten schon lange

«schulische Aktivitäten» Platz fänden, und

Margot Heyer-Oeschger plädiert dafür, «sich

nicht in dieser Modelldiskussion zu erschöpfen.»

Um diese grosse Arbeit bewältigen zu können,

betont sie, «brauchen wir jeden Kopf, jede Hand

und jedes Herz – im ganzen Land». Iwan Raschle

Einspruch gegen das Reformvorhaben

wird nicht erhoben – zu überzeugend

waren die Ausführungen

der Referierenden.


Kolumne

Einen fliessenden

Übergang ermöglichen

18

Stadträtin Monika Weber, Vorsteherin

des Schul- und Sportdepartements der

Stadt Zürich, über die Familienfreundlichkeit

der Schule.

Die Zürcher Volksschulreform nimmt mehr und

mehr Gestalt an. Der Zürcher Stadtrat (und mit

ihm die städtischen Schulbehörden) begrüssen

die Reformvorschläge der Kantonsregierung

weitgehend, auch wenn im Hinblick auf einzelne

gesetzliche Bestimmungen Nachbesserungen

notwendig sind.

Ein wichtiger Grund für die Zustimmung zur

Reform liegt in den auf Stadtebene bereits eingeleiteten

Entwicklungen, insbesondere hin zu

Blockzeiten für die Schulwoche, zu geleiteten

Schulen und zum Lernen mit dem Computer, die

alle auch Teil der zukünftigen Reform sein

werden. Ein zweiter wichtiger Grund, die Volksschulreform

zu befürworten, besteht in übereinstimmenden

Zielsetzungen. So kommt die vorgesehene

Grundstufe (zusammen mit Blockzeiten,

die hier als Beispiel dienen können) der vom

Stadtrat deklarierten Zielsetzung entgegen, die

städtischen Schulangebote familienfreundlich zu

gestalten. Für die ebenfalls im Gesetzentwurf

vorgestellte Variante «Kindergarten plus» kann

sich der Stadtrat nicht erwärmen.

Familienfreundliche Schulen gehen auf die Bedürfnisse

der Bevölkerung ein. Eine Grundstufe

mit Blockzeiten bietet einerseits Müttern und

Vätern eine verlässliche Zeitdauer, während der

sie die Kinder in der Schule gut aufgehoben wissen.

Andererseits ermöglicht die Grundstufe es

«Familienfreundliche

Schulen gehen auf die

Bedürfnisse der Bevölkerung

ein.» Monika Weber

besser als bisher, die familiären Voraussetzungen

der Kinder zu berücksichtigen. Diese Voraussetzungen

beinflussen die Bereitschaft der Kinder

und den Zeitpunkt, mit schulischem Lernen zu

beginnen, wesentlich. So ergibt sich ein fliessender

Übergang von der Kindergarten- in die

Schulwelt.

Insgesamt ist es daher nur konsequent, wenn sich

der Stadtrat und die Schulbehörden für einen Erfolg

der Volksschulreform einsetzen. Dazu gehört

es auch, weiterhin Vorleistungen zu erbringen,

wie beispielsweise die Blockzeiten oder die geleiteten

Schulen, und diese allenfalls auszubauen.

Dies wird schliesslich einem Drittel aller Schülerinnen

und Schüler des Kantons in unserer weltoffenen

Stadt Zürich zu Gute kommen.

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