Der Erste und der Einzige

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Der Erste und der Einzige - Manuela Pfann, Journalistin

Der Erste und der Einzige

Mit Gründerpfarrer Anselm Jopp durch sein 50. und letztes Jahr in der

kath. Kirchengemeinde Frickenhausen / Großbettlingen

2012 - eine Dokumentation in Wort und Bild


Vorwort und ein kurzer Blick zurück

Das Jahr 2012 ist ein ganz besonderes für Anselm Jopp: Ende des Jahres geht er mit 80 Jahren als letzter

aktiver Pfarrer seines Weihejahrgangs und als zweitältester der ganzen Diözese Rottenburg-Stuttgart in

den Ruhestand. Noch im September desselben Jahres feierte er das 50-jährige Gründungsjubiläum mit

der Kirchengemeinde Frickenhausen / Großbettlingen im Dekanat Esslingen-Nürtingen.

Diese Kirchengemeinde ist seine Kirchengemeinde. Anselm Jopp selbst hatte sie 1962 gegründet. Bevor

der aus Wellendingen im Kreis Rottweil stammende Jopp ins sogenannte „Neuffener Täle“ kam, existierte

dort über Jahrhunderte kein katholisches Leben; seit der Reformation gab es in dieser Region des Albvorlandes

keinen katholischen Priester mehr. Die Situation änderte sich erst in den Nachkriegsjahren, als

nach und nach Hunderte Vertriebene katholischen Glaubens aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten

eintrafen.


Eine Aufnahme, die um das Jahr 1960 gemacht wurde:

Katholiken auf dem Kelterplatz in Linsenhofen treffen sich vor

der „Fahrenden Zeltkirche“ der niederländischen

Prämonstratenser-Patres.

Seit 1947 bis Mitte der 60-er Jahre zogen holländische

Prämonstratenser-Patres mit ihren auch "Kapellenwagen"

genannten umgebauten Sattelschleppern durch die deutschen

Diaspora-Gebiete, zur Seelsorge an heimatvertriebenen und

umgesiedelten Katholiken.

Am 21. Juli 1963 verliest Kurat Anselm Jopp die Urkunde zur

Grundsteinlegung der Klaus-von-Flüe-Kirche Frickenhausen.

Fotos: Archiv Rudolf Heinz

Knapp zwei Jahre später wurde das Bauwerk in den Kelterwiesen

fertiggestellt, am 1. Mai 1965 erfolgte die Weihe der

Kirche.

Am 1. Mai 1967 schließlich wurde aus der „Seelsorgestelle“

Frickenhausen offiziell eine „Kirchengemeinde“, von da an

durfte Anselm Jopp sich als „Pfarrer“ bezeichnen.


Die Geschichte der katholische Kirchengemeinde Frickenhausen ist noch aus anderer Perspektive eine

außergewöhnliche: Anselm Jopp war der erste und einzige Priester, den die heute 3300 Katholiken der

fünf Teilgemeinden als Gemeindeleiter kennenlernten. Und er war dazu noch einer, dessen Haltung in

Sachen „Kommunionempfang“ schon kurze Zeit nach Dienstbeginn 1962 ins Wanken geriet. Die Seelsorgesituation

vor Ort ließ ihn zweifeln: „Es war furchtbar für mich erleben zu müssen, wie ein Großteil der

Paare von der Kommunion ausgeschlossen war – nichteheliche Lebensgemeinschaften, nur standesamtlich

Getraute, evangelisch kirchlich Getraute und wiederverheiratete Geschiedene. Wozu haben wir Kirchen

gebaut, um viele abzuweisen? Wozu bin ich Pfarrer geworden, um den Leuten den Zugang zu Christus zu

verweigern? - Meine Gemeinde hat mich bekehrt, unsere Kirche ist erbauet auf Jesus Christ allein.“

So ist es nicht verwunderlich, dass Jopps Antwort auf die Frage nach den für ihn bedeutendsten Jahren

seiner langen Dienstzeit lautet: „Die Diözesansynode 1985/86, das war mein Lebensereignis!“

Damals Dekan von Nürtingen, gab die Synode ihm die nötige Plattform, um seine Überzeugung zum

Thema „Kommunionempfang für wiederverheiratete Geschiedene“ darzulegen.

Hinzustehen, wenn man anderer Überzeugung ist, das hatte Anselm Jopp schon in der Kindheit zu Hause

in Wellendingen erlebt; sein Vater war im 1200-Seelen-Dorf ein engagierter Katholik, der sich öffentlich

gegen das Naziregime aussprach und seine beiden Söhne ganz bewusst sonntags in die Kirche und nicht

zur Hitlerjugend schickte. „Diese Gottesdienste, zumal unter diesen Umständen, haben meinen Glauben

stark gemacht“, sagt der 80-jährige im Rückblick. In seinem ganzen weiteren Leben hat Anselm Jopp bis

auf ein einziges Mal, als er mit 40 Fieber im Bett lag, keine sonntägliche Eucharistiefeier versäumt, sei es

als Gottesdienstbesucher oder als Zelebrant.


20. Dezember 2011

Der Tröster

„Sie dürfen mir glauben: Gott ist bei den Schwachen und bei all denen,

die nach ihm rufen“.

Weihnachtlicher Gottesdienst im Altenheim Maisch, Großbettlingen


31. Dezember 2011

Der Demütige

„In Gott’s Namen“.

„Mit diesen Worten habe ich mein Leben lang schon das neue Jahr begonnen; es waren die

Worte, die auch mein Vater, ein Landwirt, wählte – nicht nur in der Silvesternacht,

sondern jeden Morgen.“

„Wenn wir morgens um 4 Uhr gemeinsam aufs Feld sind, dann hat er in die Hände

gespuckt und ‚In Gott’s Namen‘ gesagt. Sehr oft haben wir bis nachts um elf gearbeitet.

Das war hart, aber es war ein Training fürs Leben. Das hat mir die Kraft gegeben zum

Durchhalten.“

Silvesternacht, Klaus-von-Flüe-Kirche, Frickenhausen


1. Januar 2012

Der Gerechtigkeit Fordernde

„Ihr müsst für Eure Rechte einstehen und für die Rechte aller Kinder, ihr müsst dafür

kämpfen! Genau so wie es dieses Jahr das Motto aller Sternsinger ist: klopft an Türen, pocht

auf Rechte.

Geht hinaus, ich wünsche Euch gute Begegnungen in den Häusern.

Ihr tut es für diejenigen, die Eure Hilfe brauchen.“

Zentraler Aussendungsgottesdienst der Gemeinde für die rund 60 Sternsinger, Großbettlingen


18. Januar 2012

Der Katechet

„Hier, an diesem Tisch, da hast auch Du einen Platz. Genau so, wie Du bist.“

„Den Kommunionunterricht, den halte ich schon immer zu einem großen Teil selbst.

Ich möchte die jungen Menschen in meiner Gemeinde kennenlernen. Das sind seit jeher

gute Stunden, wenn es auch manchmal etwas unruhig zugeht.“

Vorbereitung auf die Erstkommunion, Großbettlingen


17. Februar 2012

Der Narr

„Die Oma die ist umgefalln, umgefalln, umgefalln, die Oma die ist umgefalln, um-ge-falln!“

„Seit Mitte der 70er Jahre bin ich bei jeder Schülerfasnet im Omni und im Panti

auf der Bühne. Das gehört einfach dazu.“

Schülerfasnet, Großbettlingen


4. April 2012

Der Versöhner

„Ich bringe die Kommunion an einem ganz gewöhnlichen Wochentag, nicht an einem

Festtag. Es ist ihr Alltag im Rollstuhl und Sie haben’s schwer, das weiß ich. Aber ihr Leiden

ist keine Strafe, Sie dürfen befreit sein, Sie müssen keine Angst haben.

Christus leidet mit ihnen, jeden Tag.“

„Ich weiß, dass Sie viele Jahre auf den Besuch eines Pfarrers gewartet haben. Nun bin ich

gekommen. Und ich komme noch einmal wieder in diesem Jahr“.

Krankenkommunion, Neuffen


4. April 2012

Der Büroleiter

„Frau Nohe, bitte bringen Sie mal den Kalender. Wir müssen die Termine nochmal

abgleichen, damit wir alles haben.“

„Ich führe meinen Kalender von Hand und schreibe meine Ansprachen auf der Schreibmaschine.

Mit dem Computer möchte ich mich nicht mehr befassen. Aber ich habe alles im

Blick. Das ist nicht immer einfach.

Seit dem Jahr 2000 gehört neben der Kirchengemeinde Frickenhausen mit ihren fünf

Gemeinden auch die Kirchengemeinde Neuffen mit ihren vier Gemeinden zu meiner

Seelsorgeeinheit. Wir sind rund 5500 Katholiken. Von Beuren am einen Ende bis nach

Raidwangen am anderen Ende brauche ich mit dem Auto gut 20 Minuten.“

Pfarrbüro, Frickenhausen


6. April 2012

Der Frohlockende

„Wir dürfen befreit sein. Wir sind weg von diesen grausigen Aussagen, Jesus wurde als

Lamm Gottes geopfert. Er ist nicht für unsere Sünden gestorben. Gott muss nicht versöhnt

werden; streichen wir das Wort „Versöhnung“ aus unserem Wortschatz! Er ist gestorben

weil er ganz Mensch war und auferstanden, weil er ganz Gott war. Wir dürfen uns freuen!“

Karfreitag, Kreuzverehrung mit Blumen, Großbettlingen


13. Mai 2012

Der Marienverehrer

„Ob Maria jungfräulich war? Das interessiert mich nicht. Es geht uns auch nichts an. Wir

haben heute weit wichtigere Themen zu besprechen. Ich jedenfalls verehre die Mutter

Gottes, aber einen Kult um sie machen, wie es in manchen Wallfahrtsorten geschieht –

nein, da graust es mir.

Bei Maria halte ich es mit den Worten von Meinrad Limbeck, der sagt: „Maria verstehe ich

nur, wenn ich mir selber bewusst bin: ich bin diese Maria! Ich bin ein Hörender auf Gottes

Wort. Ich bin diese Maria, der, wie sie, Jesus in seinem Inneren trägt. Maria wurde Mutter

Jesu unter dem Kreuz ihres Kindes.“

Marienandacht, Großbettlingen


23. Mai 2012

Der Spendensammler

„Die Camposchule, das ist ein ganz wichtiges Projekt. Wir waren schon mehrfach vor Ort in

dieser Schule mit etwa 100 Kindern. Sie liegt in einer der ärmsten Gegenden Argentiniens.

Jedes Jahr überweisen wir rund 3000 Euro für die Schulspeisung. Von diesem Geld bereiten

die Eltern ehrenamtlich eine Mahlzeit zu - meist ist es für diese Kinder die einzige Mahlzeit

des Tages.“

„In meinen 50 Jahren in Frickenhausen habe ich sicher mindestens fünf Millionen Euro an

Spenden und Erlösen von Saukirben, Flohmärkten und anderen Aktionen erhalten.

Dies haben wir verwendet zur Finanzierung unserer Bauten und für unsere Sozial-Projekte,

vor allem in Südamerika.“

Scheckübergabe durch die Rektorin der Grundschule Großbettlingen, der Betrag wurde bei einem Sponsoren-Lauf

der Schülerinnen und Schüler gesammelt.


4. Juni

Der Bauherr

„Das ist mein erstes, mein letztes und mein wichtigstes Bauprojekt. Denn mit dem Kindergarten

dürfen wir etwas Wunderbares erfüllen: Es ist ein großes Geschenk, Kinder in ihren

ersten Jahren begleiten zu dürfen, sie spüren zu lassen, dass jedes von ihnen ein einmaliges

Geschöpf Gottes ist und von ihm so angenommen wird, wie es ist.“

„Als ich 1962 in die Gemeinde kam, war der Großbettlinger Panti-Kindergarten 1964 das

erste Objekt, das ich bauen durfte. Ich hatte eigentlich gar nie vor, einen Kindergarten zu

bauen. Aber als ich damals auf’s Rathaus ging und mich vorstellte, da sagte der evangelische

Bürgermeister Fronmüller zu mir: ‚Wenn Sie da oben bauen, dann bauen Sie dort

auch einen Kindergarten. Ich werde ihr Gemeindezentrum finanziell fördern. Denn ich

möchte, dass die vielen heimatvertriebenen Katholiken, die zu uns kommen, sich seelsorglich

betreut erfahren und hier wieder Heimat finden‘. Diese Worte werde ich nie vergessen!

Nun schließt sich mit der Sanierung des Kindergartens der Kreis.“

Segnung zum Beginn der Umbauarbeiten im Kindergarten Panti, Großbettlingen


4. Juni

Der Gärtner

„Meine Pflanzen wachsen alle so gut, weil ich jede einzelne von Ihnen segne. Und natürlich

weil sie im Schatten der Kirchtürme wachsen. So jedenfalls sag ich’s immer den Leuten“.

„Die Grünanlagen um die Kirchen und Gemeindehäuser hab ich immer selbst gepflegt

und jedes Jahr Blumen aus eigener Zucht gesetzt. Pfarrgärten sind einfach etwas

Wunderbares!“

Im Pfarrgarten, Frickenhausen


10. Juni, Fronleichnam

Der Ungehorsame

„Wir bringen in Brot und Wein unsere Welt zu Dir. Die Eucharistie ist unser Mittelpunkt, wir

feiern ein gemeinsames Mahl.“

„Dazu sind auch künftig bei uns konfessionsverschiedene Paare ebenso wie wiederverheiratete

Geschiedene eingeladen. Das ist so seit 40 Jahren und das bleibt so, auch

wenn ich gehe. Bei uns sind 80% der Ehen konfessionsverschieden, wenn die nicht zur

Kommunion gehen würden, dann wäre unsere Kirche tot! Jeder von uns ist allein seinem

eigenen Gewissen verpflichtet und keiner Obrigkeit. Es ist ein Gott und Vater, ein Jesus, ein

Getaufter und ein Abendmahl! Wir gehören alle an den einen Tisch des Herrn!“

Fronleichnamsprozession Frickenhausen


11. Juni, 06.00 Uhr

Der Reiseleiter

„Reisen schafft Gemeinschaft und weitet den Horizont. Das ist erfahrene Bildung, die tiefe

Spuren zieht.“

„Viele Reisen haben wir in der Gemeinde gemacht! Ich glaube es waren allein 50 außerhalb

von Europa. Es waren immer große Erlebnisse. Wir haben christliche Stätten besucht und

waren an Schauplätze der Weltreligionen. Wir sind nach China, Indien und Japan gereist,

waren im Iran und der Türkei. In Griechenland, Assisi, Rom und Flüelen. Und natürlich in

Israel: 23 Mal war ich dort. Und sieben Mal bei unseren Freunden in Südamerika.“

Abfahrt zur 4-tägigen Reise nach Thüringen, Frickenhausen


17. Juni 2012

Der Laien-Förderer

„Ich bin stolz und zuversichtlich heute Morgen. Diese Frauen machen das glänzend; sie sind

verständig, haben Ideen und sind unbeschwert. Sie könnten allesamt Priesterinnen sein.

Aber sie sollen lieber bleiben, was sie sind: total fähig - ‚Wir sind Kirche‘!

Wir sollten mal den Papst nach Frickenhausen und Großbettlingen einladen und nicht nach

Regensburg.“

Mitfeier eines Familiengottesdienstes in Frickenhausen, geleitet von einer Gruppe Frauen, dem „Famigo-Team“


17. Juni 2012

Der unter ihnen

“Amen – so sei es.”

Kommunionempfang durch einen seiner Eucharistiehelfer, Familiengottesdienst Frickenhausen


17. Juni 2012

Der Bauernsohn

„Ja, so wie hier bei meinem Neffen Anselm war’s früher bei uns auch. Meine Eltern bewirtschafteten

in Wellendingen einen Hof mit 12 Hektar. Über mehrere Jahre hinweg, als meine

Eltern schon alt waren, habe ich die Landwirtschaft über die Sommermonate geleitet. Der

Vorsitzende des Bauernverbandes sagte zu mir, als ich endgültig Abschied nahm und ins

Priesterseminar ging: „Schade, dass Du gehst. Du wärst der beste Bauer hier gewesen!“

Kommunionausflug in die Heimat, auf den Hof seines Neffen Anselm Jopp in Wellendingen, Landkreis Rottweil


17. Juni 2012

Der Netzwerker

„Nehmt Abschied Brüder ungewiss…“

„Das ist sehr oft mein Schlusslied wenn wir irgendwo auseinandergehen. Aber wir gehen

als Gemeinschaft auseinander, der Herr geht mit uns; in ihm bleiben wir verbunden.“

Schlusskreis zum Abschluss des Kommunionausflugs nach Wellendingen


9. Juli 2012

Der Gemeindeleiter

„Um diese Gemeinde mache ich mir keine Sorgen wenn ich gehe. Als Gemeindeleiter war

meine Arbeit nie konzentriert auf das Gremium Kirchengemeinderat. Der Kirchengemeinderat

unterstützt und fördert die Tätigkeit der Ausschüsse. Wir haben seit jeher Ausschüsse,

die weithin eigenverantwortlich arbeiten: Ministrantenrat, Zeltlagerausschuss, Liturgiekreis,

die Teams der Gemeindehäuser, Familiengottesdienstkreise und noch einige mehr.

Gemeinde ist Gemeinschaft von Gemeinschaften.“

Kirchengemeinderatssitzung, Großbettlingen


15. Juli 2012

Der Trödler

Der 12. Flohmarkt ist eröffnet!”

„Beim ersten Flohmarkt vor zwölf Jahren hab ich noch gesagt: Da mach ich nicht mit,

wir verkaufen keinen Kruscht und Müll!“

„Aber heute steh ich voll und ganz hinter diesem Großereignis: bis zu 800 Besucher

haben wir, 1000 Portionen Essen aus der Gemeindehaus-Küche und dem Grillzelt und

einen Gewinn immer um die 10.000 Euro.

Die Flohmarkt-Einnahmen sind ganz wichtig für unsere Arbeit in Südamerika.“

Eröffnung des 12. Südamerika-Flohmarkts in Großbettlingen


19. August 2012

Der Paradies-Finder

„Als ich damals, 1970, hier stand, dachte ich: Das ist ein Paradies!

Hier soll unser Zeltlager Platz finden“.

„Ich bin nur zufällig hergekommen auf der Suche nach einem neuen Platz für unser Gemeinde-

Zeltlager. Aus meiner Zeit als Vikar in Bad Waldsee wusste ich um die Schönheit des Oberlandes,

hier wollte ich einen Lagerplatz suchen. Ich fand den Besitzer der Wiese, die direkt an den Weiher

angrenzt, Alois Bott. Aber der sagte mir: ‘ Ihr seid nicht die ersten, die hier zelten wollen, ihr könnt

gleich wieder gehen‘. Ich hab ihm dann erzählt, dass ich ein Landwirts-Sohn bin und weiß, wie

man mit Wiesen umgeht. Und dass ich Pfarrer bin und in meinem Lager geht es ordentlich zu. Und

ich habe gesagt, dass wir gleich zahlen. Daraufhin meinte er: ‚Dann könnt ihr kommen‘.“

„Mit diesem Paradies ist aber auch die dunkelste Stunde meines Lebens und der ganzen Kirchengemeinde

verbunden: in diesen Tagen jährt es sich zum 25. Mal; der schreckliche Verkehrsunfall in

Bad Wurzach als drei unserer Lagerteilnehmerinnen 1987 ums Leben kamen.

Das dürfen wir nie vergessen.“

Der letzte Besuch im Sommer-Ferienlager, Bad Wurzach-Weitprechts


22. August 2012

Der Jubilar

„Durch die Gnade Gottes bin ich, was ich bin“ (1 Kor 15,10)

Der Arzt sagte meiner Mutter, sie würde die Geburt eines zweiten Kindes nicht überleben. Sie

bekam trotzdem ein zweites Kind. Mich. Am 22. August 1932. Mein Leben ist verdankt, das habe

ich schon früh gespürt. Meine Eltern hätten dies ohne ihren tiefen Glauben nie geschafft.“

„Diese Kerze auf dem Altar mit der Zahl 80, die hat mir die Frau eines ehemaligen Blutreiters

geschenkt. Ich bin viele Jahre mit ihrem Mann geritten, bevor er an Krebs gestorben

ist. Im letzten Jahr vor seinem Tod, er war schon zu schwach zum Reiten, haben wir eine

Stunde zusammengesessen. Dieses Gespräch war so gut, das werde ich nie vergessen. In

seinem Testament hat er vermerkt, dass sein Pferd nicht den Gnadentod sterben darf; er

schrieb: ‚Solange es geht, soll „Leila“ von Pfarrer Jopp beim Blutritt geritten werden – das

ist mein Wunsch und bezeugt meinen tiefen Glauben an das Blut Jesu‘.“

Eucharistiefeier zum 80. Geburtstag, Frickenhausen


9. September 2012

Der Ökumene-Freund

„Das ist wieder einmal ein Gottesdienst genau zum richtigen Zeitpunkt: Wir unterstützen

diese neue Initiative „Ökumene jetzt!“ Sie tun das Richtige, die beiden Kirchen müssen noch

viel mehr zusammenwachsen. Bei uns hier ist das schon sehr weit, aber wir können noch

mehr tun“.

„Ich suche schon immer ganz aktiv die Ökumene, mit meinem evangelischen Kollegen vor

Ort tausche ich immer wieder die Kanzel. Was mich ganz persönlich freut: dem evangelischen

Pfarrer-Ehepaar in unserer Gemeinde habe ich zur Investitur eine weiße Stola aus

Israel geschenkt – diese tragen die beiden jedes Jahr in der Osternacht.“

Pfarrer Anselm Jopp und sein evangelischer Kollege Andreas Stiehler, Beuren, beim ökumenischen Gottesdienst

zum Beurener Brunnenfest.


16. September 2012 – 50. Gründungstag der Kirchengemeinde

Der Gründer, der bekehrt wurde

„Quae pacis sunt sectemur 1963 – Lasst uns nach dem streben, was dem Frieden dient“

(Innschrift auf der der Grundsteintafel im Altarraum der Klaus-von-Flüe-Kirche)


16. September 2012 – 50. Gründungstag der Kirchengemeinde

„Hinter dieser Tafel ist die Urkunde zur Grundsteinlegung eingemauert worden,

das war im Juli 1963.

Etwa ein Jahr zuvor kam ich nach Frickenhausen. Diesen Tag werde ich nie vergessen: Als

ich am Vorabend des 3. September 1962 mit meinem VW-Käfer eintraf, da war hier gar

nichts: keine Kirche, kein Pfarrhaus, kein Ansprechpartner. Das war grausam für mich.

Niemand hatte mich erwartet; ich traf auf eine völlig verwahrloste Seelsorgesituation.

Kein Mensch hatte sich so richtig um die über 2000 Katholiken gekümmert, fast allesamt

waren sie Heimatvertriebene aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten.

Sie wussten gar nicht, dass ein Pfarrer kommen sollte und wir ab dem 3. September eine

eigenständige Seelsorgestelle werden sollten. Ich bin in der Hauptstraße ausgestiegen und

habe mich durchgefragt, bis ich den ersten Katholiken traf.“


16. September 2012 – 50. Gründungstag der Kirchengemeinde

„In den folgenden Wochen hörte ich immer wieder, dass Leute in der Umgebung von

Frickenhausen als dem „sündigen Dorf“ sprachen. ‚Ja‘, sagte ich, ‚den Eindruck habe ich

auch‘. Viele konfessionsverschiedene-Ehen und wiederverheiratete Geschiedene.

Doch ich änderte bald meine Meinung. Es waren wunderbare Menschen, auf die ich in

meiner Gemeinde getroffen bin. Die hatten schon lange bevor ich da war begonnen, für

einen Kirchenbau zu sammeln. Sie haben alle mitangepackt.

Nachdem ich zwei Jahre hier gelebt hatte schrieb ich einen Brief nach Rottenburg und fragte:

‚Warum habe ich zwei Kirchen gebaut, wenn keiner hier zur Kommunion gehen darf?

Diese Kirchen sind tot‘!

Meine Gemeinde hat mich bekehrt. Unsere Kirche ist erbauet auf Jesus Christ allein. Wir

leben bewusst eine Alternative. Unser Glaube ist ein Weg. Der Weg von einer toten

Ideologie hin zu einem Glauben der Befreiung. Wir sind alles andere als ungehorsam!“

Am Abend des Festtags zum Gründungsjubiläum, Klaus-von-Flüe-Kirche, Frickenhausen


14. Oktober 2012

Der Nachwuchs-Förderer

„Seid gesegnet für diesen Dienst. Ich freue mich, dass ihr diesen Ruf gehört habt. Es ist eine

gute Entscheidung, Ministrant zu werden. Das werdet ihr nicht bereuen.

Viele, auch Prominente wie Thomas Gottschalk, erzählen immer wieder von ihrer Zeit als

Ministrant. Ministrant zu sein, das ist eine Auszeichnung fürs Leben!“

„Wenn ich von hier weggehe, haben wir 85 Ministranten in der Kirchengemeinde. Das ist

herrlich!“

Segnung und Aufnahme der neuen Ministranten, Hl.-Geist-Kirche Großbettlingen


3. November 2012

Der Privatmann

„Frau Schubert begleitet mich als Pfarrhausfrau nun schon seit 23 Jahren. Und das wird auch so

bleiben. Wer will schon mit 80 Jahren anfangen, alleine zu leben?

Unsere Zeit im Pfarrhaus geht zu Ende. Eine Wohnung ist gekauft, auch schon die ersten Möbel.

Frau Schubert hofft, dass ich dann zur Ruhe komme. Aber das werden wir sehen.

Was ich im Ruhestand tun werde? Darüber mache ich mir jetzt noch keine Gedanken. Auf jeden

Fall aber möchte ich mir Zeit nehmen, mich mit geistlichen Schriften zu befassen. Mit Schriften

zum Gottesbild in Beziehung zu den Naturwissenschaften und mit Schriften zu den aktuell

bedrängenden Fragen unserer kirchlichen Praxis - wie ich sie schon zu Zeiten unserer Diözesansynode

Mitte der 80er Jahre aufgriff und damals viel erreicht habe.

Nicht das Kirchenrecht ist mein Leitbuch, sondern die Bibel mit ihrer orientierenden,

befreienden, ermutigenden Botschaft!“

Beim Nachmittagskaffee im Pfarrhaus, Frickenhausen


4. November 2012

Der Visionär

„Wohin die Reise unserer Kirche geht? Ich sehe das gar nicht so dramatisch. Ich bin gar

nicht so traurig, wenn es eine Zeit nur mit wenigen Priestern gibt. Wir lernen wieder was es

bedeutet, Kirche des Evangeliums zu sein; dabei ist die Heilige Schrift unsere „Urkunde des

Glaubens“. Wir kommen der Ur-Kirche wieder näher. Wir sind Kirche!“

„Für meine Gemeinde hier wünsche ich mir, dass die Gruppen und Ausschüsse weiterhin

selbständig arbeiten, aber nicht eigenmächtig handeln. Ich wünsche mir, dass sie noch

mehr erkennen, welche Bedeutung der Glaube heute hat.

Unsere Kirche ist keine Kirche des Rechtes. Sie ist eine Kirche der Liebe!“

Beim Einweihungsfest zur Eröffnung des Panti-Kindergartens, Großbettlingen


10. November 2012

Der an Wunder glaubt

„Annuntio vobis gaudium magnum: habemus parochum“

„Das ist ein Wunder, unglaublich!

Niemals hätte ich das für möglich gehalten. Ich habe damit gerechnet, dass die Gemeinde

sicher zwei Jahre ohne Pfarrer bleiben wird.

Gott hat uns beschenkt. Nun gehe ich natürlich viel leichter! Das ist mein schönster Tag in

diesem Jahr! Und welcher Pfarrer da kommt; es hätte kein Besserer sein können!

Das hat meine Gemeinde verdient!“

Am 2. November erfährt Anselm Jopp zunächst, wer der Gemeinde in der Vakanz als Administrator vorstehen wird.

Am 9. November erhält Jopp einen Brief des Dekans mit der Information, dass bereits ab März 2013 die Pfarrstelle

neu besetzt wird. Der Name des künftigen Priesters: Dr. Achille Mutombo-Mwana. Der aus Afrika stammende

Priester war zuvor 20 Jahre Gemeindepfarrer in Pliezhausen. Am Abend des 10. November, nach dem traditionellen

Martinsritt in Großbettlingen, verkündet Jopp diese Neuigkeiten, überwältigt und voll Freude, unter dem Jubel

seiner Gemeinde. Spontan lässt er die Glocken läuten und stimmt „Großer Gott wir loben Dich“ an.

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