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A dv e n t s k a l e n d e r

mit Texten von

Prälat Bertram Meier

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Adventspredigt Prälat Dr. Bertram Meier / Seite 2

Gemeinschaft der Heiligen –

Gemeinschaft am Heiligen

Stellen Sie sich vor, unser Herr Bischof würde einen Hirtenbrief schreiben

und ihn so beginnen: „An die Geheiligten in Jesus Christus, berufen als

Heilige zu leben, die den Namen Jesu Christi, unseres Herrn, überall

anrufen, bei ihnen und bei uns“ (vgl. 1 Kor 1,2). Was würden Sie dabei

denken? Sieht sich der Bischof in den Fußstapfen des hl. Paulus?

In der Tat hat Paulus sich nicht gescheut, die Mitglieder der ersten Christengemeinden

als Heilige zu betiteln. Die Epheser schreibt er an als

„Paulus, durch den Willen Gottes Apostel Jesu Christi, an die Heiligen in

Ephesus, die an Jesus Christus glauben“ (Eph 1,1). Der unermüdliche

Reisende in Sachen Christus weiß sehr wohl, dass die Adressaten seiner

Briefe nicht unbedingt Heilige zum Vorzeigen waren. Ganz zu schweigen,

ob sie einen Heiligsprechungsprozess nach unseren Maßstäben bestanden

hätten. Die Urkirchenromantik kannte ja durchaus dramatische Züge. Die

biblische Forschung weiß, dass in der oft idealisierten Urgemeinde nicht

alles Gold war, was glänzte. Dafür sind die Verflochtenheit in vorchristliche

Lebensstile, die Versuchung durch heidnische Götzen, der Druck der

römischen Besatzungsmacht, aber auch ganz menschliche Spannungen

und Konflikte ebenso wie die Sündhaftigkeit und die mangelnde innere

Stabilität der Christen verantwortlich. Trotzdem spricht Paulus von der

Gemeinschaft der Heiligen: eine Formulierung, die seit dem Beginn des

5. Jahrhunderts in die Endfassung des Apostolischen Glaubensbekenntnisses

eingegangen ist.

„Ich glaube (an) die Gemeinschaft der Heiligen.“ Wenn wir uns zur

Gemeinschaft der Heiligen bekennen, sind damit nicht so sehr die von der

Kirche mit Brief und Siegel bestätigten Heiligen gemeint, sondern das ganze

Volk Gottes, die einzelnen Kirchen und Gemeinschaften. Deshalb wäre

es zwar ungewohnt, aber durchaus angebracht, wenn unser Herr Bischof

einen Hirtenbrief an „die Geheiligten in Jesus Christus“ adressierte, die

„berufen sind, als Heilige zu leben“. Mit Taufe und Firmung ist die Grundlage

gelegt zur Heiligkeit. Jede Lebensform, die der Schöpfungsordnung

Gottes entspricht, ist Berufung. In jeder Lebensform können wir heilig

werden.

Der Glaube an die Gemeinschaft der Heiligen setzt übrigens einen ökumenischen

Akzent, wird er doch in den Ostkirchen besonders betont.

„Communio sanctorum“ ist nicht nur Gemeinschaft der Heiligen, sondern

auch Gemeinschaft am Heiligen, Teilhabe an heiligen Dingen, d.h. vor


Adventspredigt Prälat Dr. Bertram Meier / Seite 3

allem an der Eucharistie. Besteht nicht aller Grund zur Dankbarkeit, dass

wir Katholiken hier in Augsburg, eingebunden in die globale Gemeinschaft

der Heiligen, jeden Sonntag Gemeinschaft haben können am eucharistischen

Leib, sei es hier im Dom oder in der Gemeinschaft der Heiligen vor

Ort, der Pfarrgemeinde!

Der altkirchliche Schriftsteller Niketas von Remesiana (ca. 350-414) bindet

diese Gedanken treffend zusammen: „Was ist die Kirche anders als die

Versammlung von Heiligen? Seit dem Anfang der Welt bilden die Kirche

Patriarchen, Propheten, Märtyrer und alle anderen Gerechten, die gelebt

haben oder jetzt oder in Zukunft leben werden, da sie durch einen

Glauben und eine Lebensführung geheiligt und durch einen Geist besiegelt

und so zu einem Körper gemacht worden sind, als dessen Haupt Christus

erklärt ist, wie die Schrift sagt. Außerdem sind die Engel und die himmlischen

Kräfte und Mächte in dieser Kirche miteinander verbunden“

(zit. n. Theodor Schneider, Was wir glauben, Düsseldorf 1985, 400).

Diese theologischen Überlegungen gilt es nun, herunter zu brechen auf

uns, versammelt um den Altar, um Gemeinschaft zu haben am Heiligen.

Wenn wir den Leib Christi empfangen, werden wir selbst Christi Leib, Gemeinschaft

der Heiligen. So sind Heilige keine Solisten, die ihre eigene Partitur

abspielen. Heilige fügen sich in eine Gemeinschaft ein, auch wenn sie

dort keine heile Welt vorfinden. Denn die Gemeinschaft der Heiligen, die

heilige Kirche Gottes, ist nicht immer heil. Auch in ihr gibt es Verletzungen

und Verwundungen, Starke und Schwache, Wortgewaltige und Schweigsame.

So wird es gerade für den Leitungsdienst darauf ankommen,

möglichst allen Gliedern in der Gemeinschaft mit Wertschätzung zu

begegnen und ihnen einen Platz zuzuweisen.

Dietrich Bonhoeffer, ein kostbares Glied in der Gemeinschaft der Heiligen,

die über den katholischen Tellerrand hinausreicht, schreibt: „Es kommt in

einer christlichen Gemeinschaft alles darauf an, dass jeder Einzelne ein

unentbehrliches Glied einer Kette wird. Nur wo auch das kleinste Glied fest

eingreift, ist die Kette unzerreißbar. Eine Gemeinschaft, die es zulässt, dass

ungenutzte Glieder da sind, wird an diesen zugrunde gehen. Es wird darum

gut sein, wenn jeder Einzelne auch einen bestimmten Auftrag für die

Gemeinschaft erhält, damit er in Stunden des Zweifels weiß, dass auch er

nicht unnütz und unbrauchbar ist. Jede christliche Gemeinschaft muss

wissen, dass nicht nur die Starken die Schwachen brauchen, sondern dass

auch die Starken ohne die Schwachen nicht sein können. Die Ausschaltung

der Schwachen ist der Tod der Gemeinschaft“ (Der Dienst, 1938). Die

Gemeinschaft der Heiligen zeichnet sich dadurch aus, dass sie auch Platz


Adventspredigt Prälat Dr. Bertram Meier / Seite 4

hat für Schwache, für Gebrechliche ebenso wie für Glieder, deren Leben

Brüche aufweist. Eine(r) trage des/der anderen Last! Dann erfüllt ihr

Christi Gesetz (vgl. Gal 6,2).

Noch etwas macht Gemeinschaft der Heiligen aus. Auch die Heiligen

kannten Krisen und Kämpfe. Sie waren vertraut mit den Schwierigkeiten

und Versuchungen, die uns Menschen anhaften. Aber es ist ihnen

gelungen, „den alten Menschen abzulegen und den neuen anzuziehen“

(Eph 4,22).

Mit unserem regelmäßigen Empfang der Sakramente wollen auch wir ein

Zeichen setzen: „Auch ich will ein neuer Mensch sein. Ich möchte mich

von Gott anziehen, von ihm formen lassen.“ Der hl. Bonaventura, der

große Franziskanertheologe, hat das in ein anschauliches Bild gekleidet,

wenn er die Formung des neuen Menschen mit dem Werk eines Bildhauers

vergleicht: Der Bildhauer macht nicht etwas, sondern sein Werk ist

„ablatio“, Entfernen des Uneigentlichen. Auf diese Weise, durch die

„ablatio“ entsteht die „nobilis forma“, die edle Gestalt. So muss auch der

heilige Mensch sich immer wieder reinigen lassen vom göttlichen Bildhauer,

der ihn von jenen Schlacken befreit, die das Eigentliche seiner Persönlichkeit

verdunkeln. Mensch, werde wesentlich!

Dies trifft auch zu für die Gemeinschaft der Heiligen, für die Kirche im

Großen wie im Kleinen. Wahre Erneuerung ist ablatio, Wegnahme,

damit congregatio, Gemeinschaft wachsen kann. Es ist heute so viel die

Rede von Reform. Was müssen wir tun, um die Kirche aufzufrischen, zu

verjüngen? Die Reform der Kirche als rein organisatorische Frage zu

verstehen, wäre verfehlt. Wir werden weder neu noch heilig, wenn wir

noch mehr Betriebsamkeit entwickeln, wenn wir noch mehr Gremien

schaffen, wenn wir noch mehr Veranstaltungen und Events auf die Beine

stellen, wenn wir uns noch besser im Internet und in den Medien

präsentieren, wenn wir noch mehr Nabelschau machen. Wir werden heilig,

Gemeinschaft der Heiligen, wenn wir gemeinsam zu einem Fenster werden,

das den Blick frei gibt für die Weite und Fülle des Lebens, das die Freundschaft

mit Jesus schenkt. Heilige stellen nicht sich selbst dar; sie versuchen,

einen Aspekt des Evangeliums darzustellen, das Jesus Christus gelehrt und

gelebt hat.

Wir feiern Allerheiligen als Fest der Gemeinschaft aller Heiligen. Dazu

gehören auch wir. Persönlichkeiten, nicht Prinzipien verändern die Welt.

Die Kirche verwandeln nicht Scheinheilige, sondern Heilige.

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