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A dv e n t s k a l e n d e r

mit Texten von

Prälat Bertram Meier

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Adventspredigt Prälat Dr. Bertram Meier / Seite 2

Es kommt ein Schiff geladen

Kennen Sie die Sängerin Lale Andersen? Im Zweiten Weltkrieg hat sie

Weltberühmtheit erlangt durch das wehmütige Liebeslied „Lili Marleen“.

Nach dem Krieg konnte sie noch einmal einen großen Erfolg landen mit

dem Schlager: Ein Schiff wird kommen. Darin besingt Lale Andersen ein

Mädchen von Piräus, das Abend für Abend am Hafen steht und auf das

Schiff wartet, das eines Tages den bringen wird, der sie glücklich macht.

Wunderschön zu Herzen gehend beschreibt das Lied ihre Sehnsucht und

ihre Hoffnung auf das Kommen dessen, der ihrem Leben Inhalt gibt:

Ein Schiff wird kommen,

und das bringt mir den einen,

den ich so lieb wie keinen,

und der mich glücklich macht.

Ein Schiff wird kommen,

und meinen Traum erfüllen

und meine Sehnsucht stillen,

die Sehnsucht mancher Nacht.

Dieses Lied könnte eine Art anonymes Adventslied sein, denn ohne

davon zu sprechen, besingt es die Hoffnung, dass einer kommen wird,

der die große Liebe bringt und glücklich macht: das Traumschiff mit

dem Traummann an Bord!

Schon im 14. Jahrhundert hat einer das Lied von einem Schiff angestimmt,

das eine teure Last trägt, dessen Segel die Liebe und dessen Mast der

Heilige Geist ist: „Es kommt ein Schiff, geladen bis an sein höchsten Bord“.

Dieses Lied zählt zu den ganz alten und besonders geheimnisvollen

Gesängen zum Advent. Wenn im Gotteslob steht, ein gewisser Daniel

Sudermann habe den Text bearbeitet, dann weist diese Notiz darauf hin,

dass er die Vorlage eines anderen benutzt hat. Wer war der eigentliche

Autor?

Die Forschung fand heraus, dass es ein Dominikanerpater aus dem Elsass

war: Johannes Tauler. Er wurde um 1300 in der Nähe von Straßburg

geboren. Am 15. Juni 1361 starb er im Nonnenkloster St. Nikolaus zu den

Unden, ebenfalls in Straßburg. Sein Grabstein steht bis heute in der

dortigen Predigerkirche. Über dem Leben des Johannes Tauler steht das

Motto: „Gott wohnt in ihm als ein süßes Saitenspiel.“ Das Lied dieses

großen Mystikers wurde zunächst von der Geschichte verschluckt, ehe es

Daniel Sudermann im Jahre 1626 zwischen anderen Manuskripten erneut

ans Tageslicht hob. Nach eingehender Bearbeitung veröffentlicht er es mit

der Bemerkung: „Ein uralter Gesang, gefunden unter den Schriften des

Herrn Tauler, etwas verständlicher gemacht.“


Adventspredigt Prälat Dr. Bertram Meier / Seite 3

„Es kommt ein Schiff, geladen bis an sein höchsten Bord.“ Diese Beschreibung

löst in mir weitere Assoziationen aus: Beladen sind an den Samstagen

im Advent die Frauen und Männer auf den Einkaufsmeilen unserer Städte.

Schwer bepackt mit Tüten und Taschen schleppen sie ihre Geschenke nach

Hause, damit an Heiligabend die Bescherung schön wird. Andere denken

an die „schönen Bescherungen“, die ihnen das Leben aufgebürdet hat:

wahrgenommene und unbewusste, ausgesprochene und totgeschwiegene

Lasten und Sorgen. Selbstgeschnürte und von außen auferlegte Päckchen

und schwere Pakete tragen wir mit uns herum. Gerade im Advent ist unser

Lebensschiff schwer beladen: Ungeklärtes, Unerledigtes, Belastendes im

wahrsten Sinne des Wortes.

Geladen bis an sein höchsten Bord, voll bis an den Rand kommt auch

das Schiff daher, das wir im Lied besingen. Der gebürtige Straßburger

Johannes Tauler hat sicher mehr als ein Schiff auf dem Rhein fahren sehen.

Denn sowohl in Köln, wo er Philosophie und Theologie studiert hat,

als auch in Basel, wo er sich gezwungenermaßen einige Jahre niederlassen

musste, prägte der Rhein das Straßenbild entscheidend mit. So wird er die

Schiffe beobachtet haben, die in den Hafen einliefen, beladen mit Stoffen,

Silber, Gewürzen und edlen Hölzern. Dieser spannende Augenblick, wenn

die Handelsschiffe anlegen, hat ihn angeregt, das Lied zu dichten.

Das Schiff, geladen bis an sein höchsten Bord: Wir wissen, wen der Mystiker

damit gemeint hat. Das Schiff steht für Maria, die hochschwanger ist.

Sie trägt den Sohn Gottes in ihrem Leib. Der Schiffsrumpf, beladen mit

einer kostbaren Fracht, ist die Mutter Gottes. So ist das Lied vom Schiff

eigentlich ein Marienlied. Dass Johannes Tauler das Schiff und den

Mutterleib miteinander in Verbindung bringt, verwundert nicht, wenn

man bedenkt, dass der Priester und Dichter den größten Teil seines Wirkens

in Frauenklöstern zugebracht hat. Gerade bei den Ordensschwestern

konnte er mit diesem Vergleich auf offene Ohren und tiefes Verständnis

im Herzen rechnen.

Schon in der zweiten Strophe weitet sich die Botschaft des Liedes über die

Marienverehrung hinaus. Auf einmal kommt ein ganz anderes Schiff ins

Spiel: das Schiff der Kirche, das „des Vaters ewig’s Wort“ durch den Fluss

der Geschichte transportiert und ins Meer der Welt trägt. Denn wo anders

sollte gelten, dass die Liebe das Segel und der Mast der Heilige Geist ist,

als in der Kirche?

Zu Lebzeiten Taulers war dieses Schiff zu stillerer Fahrt gezwungen,

deshalb singen wir nicht ohne Grund: „Das Schiff geht still im Triebe.“

Warum? Zwei Fürsten stritten sich um die Kaiserwürde: Ludwig der Bayer

und Friedrich der Schöne. Der Papst stand auf der Seite von Friedrich dem


Adventspredigt Prälat Dr. Bertram Meier / Seite 4

Schönen mit der Konsequenz, dass er über alle Gebiete, die den Bayern als

Kaiser anerkannten, den Bann (Interdikt) verhängte. Wir können uns heute

kaum vorstellen, was das für die Menschen damals bedeutet hat: Auf Anweisung

des Papstes schwiegen die Glocken, der öffentliche Gottesdienst

war untersagt. Nur die Sterbesakramente wurden gespendet. Das religiöse

Leben brach de facto zusammen. Zu diesen Gebieten gehörte auch

Straßburg. So verließ Johannes Tauler die turbulente Stadt und zog für einige

Jahre ins stille Basel. Statt stolz auf große Fahrt zu gehen, dümpelte das

Schiff der Kirche gemächlich vor sich hin: es ging eben wirklich „still

im Triebe“.

Doch mit einem Mal ist es aus mit der stillen Triebsamkeit: Das Schiff geht

vor Anker. Die kostbare Ladung kommt von Bord. Das Lied wechselt seinen

Charakter: Nun beschäftigt es sich nicht mehr mit Maria und bewegt

sich auch nicht mehr auf der Ebene der Kirche. Das Bild wird Wirklichkeit:

„Das Wort will Fleisch uns werden, der Sohn ist uns gesandt.“ Wie aus dem

Marienlied ein Kirchenlied wurde, so wandelt es sich nun von der adventlichen

Erwartung zur weihnachtlichen Erfüllung: „Zu Bethlehem geboren im

Stall ein Kindelein. Gibt sich für uns verloren: Gelobet muss es sein.“

Gott wird Mensch! Als Johannes Tauler sein Lied dichtete, hatte er nicht

nur Handelsschiffe im Blick. Denn 1348 wütete im Rheingebiet die Pest.

Allein in Straßburg wurden 16.000 Menschen vom „schwarzen Tod“

dahingerafft. Was hat das Schiff geladen? So hat Tauler sich gefragt. Waren

es Totenschiffe, mit Pestleichen gefüllt? Mit seinem Lied vom Schiff

gibt er eine Antwort, die aufhorchen lässt: Das Schiff hat nicht den Tod

an Bord, sondern das Leben in Fülle. Doch dieses Leben in Fülle ist schon

überschattet von Leiden und Tod. Die Schatten des Karfreitags fallen

bereits in den Stall von Bethlehem. Das Kind in der Krippe ist nur zu

begreifen von seinem Ende her, von Jesus am Kreuz. Deshalb genügt es

nicht, den holden Knaben im lockigen Haar zu umarmen und zu küssen.

Wer ehrlich Weihnachten feiern will, „muss vorher mit ihm leiden groß

Pein und Marter viel“. Gerade dieser Gedanke ist den Menschen seiner

Zeit sicher zu Herzen gegangen: Sie wussten, was Leid und Tod bedeutet.

Sie kannten die Spannungen zwischen Papst und Kaiser. Einfache Leute

wurden dadurch zerrieben, wenn sie von den Sakramenten ausgeschlossen

waren; und sie hatten erfahren, wie unbarmherzig eine Epidemie plötzlich

eingreifen kann ins Leben. Doch das ist nicht alles: Das Schiff bringt nicht

den Tod, sondern Leben. Im Blick auf Jesus dichtet Tauler, dass wir mit ihm

„geistlich auferstehn, das ewig Leben erben, wie an ihm ist geschehn.“


Adventspredigt Prälat Dr. Bertram Meier / Seite 5

So schließt sich unser Bogen, der sich aufgespannt hat von Maria zur

Kirche. Es kommt ein Schiff geladen bis an sein höchsten Bord: „Jesus ist

unser Bruder, das liebe Kindelein.“

Der Traum von Lale Andersen ist also längst in Erfüllung gegangen: vor

zweitausend Jahren. Irgendwie war Lale Andersen spät dran, als sie sang:

Ein Schiff wird kommen,

und das bringt mir den einen,

den ich so lieb wie keinen,

und der mich glücklich macht.

Ein Schiff wird kommen,

und meinen Traum erfüllen

und meine Sehnsucht stillen,

die Sehnsucht mancher Nacht.

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