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A dv e n t s k a l e n d e r

mit Texten von

Prälat Bertram Meier

2


Adventspredigt Prälat Dr. Bertram Meier / Seite 2

Wachet auf, ruft uns die Stimme

Ich möchte Sie in den nächsten Minuten mit auf eine Reise nehmen.

Vergessen Sie für eine kleine Weile, dass Sie in der Marienkathedrale von

Augsburg sitzen und folgen Sie mir in eine Kleinstadt in Westfalen.

Ich lade Sie ein zu einem Ausflug in die Stadt Unna.

Wir schreiben das Jahr 1597. Ein lauer Sommerabend. Pfarrer Philipp

Nicolai sitzt in seiner Stube. Draußen in den Gassen der Stadt ist es ruhig

und dunkel geworden. Hier von seinem Fenster aus blickt er direkt auf

den Friedhof, der die große Stadtkirche von Unna umgibt.

Auf einmal hört er Lärm, Schritte, Stimmen, ein Schrei. Fünf, sechs oder

sieben Menschen eilen herbei, andere folgen. Es pocht an seiner Tür.

Philipp Nicolai springt auf: „Haben Sie es schon gehört, Herr Pfarrer,

wissen Sie es auch schon? Gott steh uns bei …! Der Stadtgraben liegt

voll mit toten Ratten.“

Betretene Gesichter, immer mehr Menschen kommen in der Gasse zusammen.

Tote Ratten im Stadtgraben – was das bedeutet, weiß jeder hier.

Der schwarze Tod ist im Anmarsch, die Pest. Seit mehr als 100 Jahren

zieht sie quer durch Europa, schickt ihre Vorboten: Zuerst sterben immer

die Tiere.

Philipp Nicolai will es nicht glauben, noch nicht, nicht so schnell. Er läuft

los, will es mit eigenen Augen sehen, vielleicht hat nur jemand Panik gemacht.

Aber nein: Es gibt keinen Zweifel. Wenige Sekunden später sieht er

es selbst: Der Stadtgraben liegt voll mit toten Ratten. Jetzt ist alles andere

nur eine Frage von Tagen. Wenige Wochen später schreibt Pfarrer

Nicolai an seinen Bruder:

„Die Pest wütet furchtbar hier in der Stadt; täglich werden zwischen 14 und

20 Menschen beerdigt. Meinem lieben Kollegen habe ich vor ein paar Tagen

die Leichenpredigt gehalten. Der Küster besucht die Kranken und ich

predige. Ich bin durch Gottes Gnaden noch ganz gesund, wenn ich gleich

von Häusern, die von der Pest angesteckt sind, fast umlagert bin und auf

dem Kirchhof wohne. Beinahe 800 Menschen hat die Pest in dieser Stadt

schon getötet.“

Es vergehen viele Wochen. Ein Drittel der Bevölkerung Unnas, etwa 1400

Menschen, rafft die Pest in jenem Winter 1597/98 hinweg. Wie können

Menschen das aushalten? Mütter, Väter, Ehepartner, Freunde, …? Wie

geht damit ein Pfarrer um, der über Wochen hinweg jeden Tag zwanzig

Menschen beerdigen muss? Woher kommt Trost in solchen Zeiten?


Adventspredigt Prälat Dr. Bertram Meier / Seite 3

Philipp Nicolai ist 41 Jahre alt. Er hat schon viel durchgemacht in seinem

Leben, musste sich mehr als einmal durchbeißen: damals nach dem frühen

Tod seiner Mutter, dann später im Studium, wo er sich das Essen für die

nächste Woche oft selbst verdienen musste. In Unna starb seine Schwester,

unmittelbar nachdem er dort als Pfarrer eingeführt wurde: die Schwester,

die ihn – einen ursprünglich ehelos lebenden evangelischen Pfarrer –

versorgt hatte.

Neben diesen Schicksalsschlägen prägen Pfarrer Nicolai die Glaubenskämpfe

unter den Christen verschiedener Konfessionen. Lutheraner,

Reformierte und Katholiken sind sich spinnefeind, sie bekämpfen sich bis

aufs Blut. Pfarrer Nicolai bleibt nicht außen vor. Er nimmt kein Blatt vor

den Mund. Er streitet für die Lehre Luthers, attackiert seine Gegner

heftig und nicht immer fair. So macht er sich viele Feinde – bis dahin, dass

er steckbrieflich als „Papst-Hasser“ gesucht wird.

Dennoch: Die Monate, in denen Nicolai die Pest-epidemie mit den Bewohnern

der Stadt Unna durchstehen musste, übersteigen alles, was er bis dahin

erlebt hatte. Des Streitens ist er müde geworden. Nicolai geht in sich.

Abende und Nächte verbringt er bei Kerzenschein in seiner Studierstube.

Er liest in der Bibel; dort findet er Halt und Trost. Er fängt zu schreiben an:

ein Büchlein mit dem Titel „Freudenspiegel des ewigen Lebens“ (1599).

Nicolai hatte weder Musik noch Poesie studiert. Über seine polemischen

Streitschriften redet heute niemand mehr, aber die beiden einzigen Lieder

aus dem „Freudenspiegel des ewigen Lebens“ sind zum ökumenischen

Liedgut geworden: „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ und „Wie schön

leuchtet der Morgenstern“. Lauschen wir noch einmal hinein in die

Melodie des Liedes!

Die Lust am Streiten war dem Pfarrer bei seinem schweren Dienst vergangen.

Stattdessen entdeckt er neu, was der Kern des christlichen Glaubens

ist. Als die Not am größten ist, kommt Gott ihm am nächsten. Philipp

Nicolai muss erst die tiefsten Tiefen durchmessen, bevor er wegkommt von

den konfessionellen Streitigkeiten und inspiriert wird zu den „königlichen“

Liedern, die bis heute Genera-tionen von Menschen trösten.

Hier erschließt sich uns das Grundgesetz des Glaubens an Gott, der im

Kommen ist: Nie ist die Kirche mehr eine singende und musizierende als

in Not und Bedrängnis. Je mehr Sterbende Pfarrer Nicolai bis an das Tor

zur Ewigkeit begleiten und je mehr Hinterbliebene er trösten muss, umso

mehr weitet sich der Blick auf das himmlische Jerusalem. „Zion hört die

Wächter singen, das Herz tut ihr vor Freude springen, sie wachet und steht

eilend auf.“


Adventspredigt Prälat Dr. Bertram Meier / Seite 4

In dem Lied „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ hat Nicolai übrigens eine

Widmung versteckt: Die Anfangsbuchstaben der drei Strophen, von der

dritten zur ersten gelesen, ergeben „GZW“. Das sind die Initialen für „Graf

zu Waldeck“. Der Graf zu Waldeck war ein Junge, den Nicolai als Lehrer zu

erziehen hatte. Dieser junge Mensch, der dem evangelischen Pfarrer ans

Herz gewachsen war, starb mit 13 Jahren. Nicolai selbst hatte keine Kinder.

Er heiratete erst viel später die Witwe eines Pfarrerskollegen und starb mit

52 Jahren. Um den jungen Grafen trauerte er wie um einen eigenen Sohn.

Aber „Leid ist ein heiliger Engel“ (Adalbert Stifter). Nicolais Glaube war so

gereift, dass er den Jungen als einen Menschen sah, der schon weiter war

als er selbst: als einen, der in die Auferstehung vorausgegangen war, für

den Advent Ernstfall und Wirklichkeit in einem wurde.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht. Aber ich spüre, dass die Worte und auch

die Töne dieses Liedes mich schon hier und jetzt berühren und verändern.

Dieser Aufbruchsstimmung kann ich mich nicht entziehen. Spätestens in

der dritten Strophe keimt etwas auf von der endzeitlichen Freude und vom

Jubel in meinem Herzen, ruft es auch in mir: „Gloria sei dir gesungen.“

Das ist mein Wunsch für uns alle in diesem Advent am Ende eines für die

Kirche so bewegten und bewegenden Jahres. Suchen wir gerade in diesem

Advent nach den Zeichen des Lebens! Hört hin, schaut hin, wacht auf! Vergrabt

euch nicht in der Trübsal, sondern entdeckt die kleinen Strahlen der

Hoffnung direkt vor eurer Haustür. Entdeckt die Sterne der Zuversicht, die

dort aufgehen, wo niemand sie erwartet. Pater Alfred Delp hat ähnliche

Erfahrungen wie Pfarrer Philipp Nicolai. Die Worte, die er mit gefesselten

Händen in der Gefängniszelle schrieb, lesen sich wie eine Deutung unseres

Liedes: „Wir wollen nicht müde werden, dem Stern der Verheißung zu folgen

und den singenden Engeln ihr Gloria zuzugestehen, sei es auch in unseren

dunkelsten Nächten, unter Leiden, Schmerzen und Tränen. Der Herr

hat durch sein Hereintreten in unsere Armut alle menschliche Not auf sich

genommen, unser Leid geadelt.“

Wir wissen für den Advent im Kalender und in unserem persönlichen Leben:

Leiden und Tod haben nicht das letzte Wort. Das letzte Wort ist Leben.

„Des jauchzen wir und singen dir das Halleluja für und für.“

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