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A dv e n t s k a l e n d e r

mit Texten von

Prälat Bertram Meier

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Adventspredigt Prälat Dr. Bertram Meier / Seite 2

Hochzeitssaal

Dann wird es mit dem Himmelreich sein wie

mit zehn Jungfrauen, die ihre Lampen nahmen und dem Bräutigam

entgegengingen.

Fünf von ihnen waren töricht und fünf waren klug.

Die törichten nahmen ihre Lampen mit,

aber kein Öl,

die klugen aber nahmen außer den Lampen noch Öl in Krügen mit.

Als nun der Bräutigam lange nicht kam,

wurden sie alle müde und schliefen ein.

Mitten in der Nacht aber hörte man plötzlich laute Rufe: Der Bräutigam

kommt! Geht ihm entgegen!

Da standen die Jungfrauen alle auf und

machten ihre Lampen zurecht.

Die törichten aber sagten zu den klugen:

Gebt uns von eurem Öl, sonst gehen unsere Lampen aus.

Die klugen erwiderten ihnen:

Dann reicht es weder für uns noch für euch; geht doch zu den Händlern

und kauft, was ihr braucht.

Während sie noch unterwegs waren,

um das Öl zu kaufen, kam der Bräutigam;

die Jungfrauen, die bereit waren, gingen mit ihm

in den Hochzeitssaal und die Tür wurde

zugeschlossen.

Später kamen auch die anderen Jungfrauen und riefen:

Herr, Herr, mach uns auf!

Er aber antwortete ihnen: Amen, ich sage euch: Ich kenne euch nicht.

Seid also wachsam! Denn ihr wisst weder den Tag noch die Stunde.

Mt 25,1-13

Das Öl ist das Lebenselixier der modernen Wirtschaft. Ohne Öl stehen die

Motoren still. Ohne Öl gehen die Lichter aus. Ohne Öl dreht sich kein Rad

mehr. Manche werden sich noch an die Ölkrise der Siebzigerjahre erinnern,

als die Autos an einigen Sonntagen in der Garage bleiben mussten. Nach

wie vor ist Öl die Antriebskraft, ohne Öl wäre uns die Grundlage für ein

geordnetes Leben entzogen. Bis heute kommt den Treibstoffvorräten eine

wichtige Bedeutung zu.

Auch im Gleichnis von den klugen und den törichten Jungfrauen spielt das

Öl eine zentrale Rolle. In dieser Geschichte über das Himmelreich geht es

ebenfalls um eine Ölkrise – freilich in einem viel grundsätzlicheren Sinn.


Adventspredigt Prälat Dr. Bertram Meier / Seite 3

Als Jesus dieses Gleichnis erzählte, haben die Zuhörer sicher die Ohren gespitzt,

denn die Rede von einer Hochzeit lässt bei jedem das Herz höher

schlagen.

Im Orient ist es Brauch, dass die Hochzeit im Haus des Bräutigams stattfindet.

Dort wird oft noch bis zum letzten Moment über den endgültigen

Ehevertrag gefeilscht. Die Braut muss zu Hause warten, bis der Bräutigam

sie abholt, und sie schickt ihm ihre besten Freundinnen entgegen mit Fackeln,

die mit Olivenöl getränkt sind. Und wenn sich die Verhandlungen

hinziehen, dann kann es tatsächlich Nacht werden, bis der Bräutigam seine

Braut abholen kommt.

Nacht – das ist die Zeit, in der das Gleichnis spielt. Die Hochzeit wird nicht

am Tag gefeiert, sondern in der Nacht. Es ist keine heiße Liebesnacht, sondern

die kalte Nacht des Wartens auf den ausbleibenden Bräutigam. Wenn

wir uns selbst ein wenig in diese Nacht hineinversetzen, dann spüren wir,

wie es uns fröstelt beim Gedanken an die Kälte und das Dunkel, denen die

Freundinnen der Braut ausgesetzt sind. Die Lampen spenden zwar äußeres

Licht für die Augen, doch wie steht es um das innere Licht des Herzens?

Nicht von ungefähr haben alle Jungfrauen – nicht nur die törichten! – mit

dem Schlaf zu kämpfen.

Es gibt nicht nur eine Nacht, die von außen zu uns kommt, sondern auch

eine Nacht, die sich von innen her über uns breitet. Eine solche Nacht

kann schlimmer sein als das dunkelste Tunnel und der einsamste Pfad. Diese

Nacht auszuhalten ist schwer. Manche können ein Lied singen von der

Nacht der Zweifel und der Depressionen, der Nacht der Ratlosigkeit und

der Rastlosigkeit, der Nacht der Trostlosigkeit und der Ohnmacht. In der

Nacht braucht der Mensch ein Licht. Ohne Licht ist alles tot. Ohne Licht

gibt es kein Leben.

So hält das Gleichnis eine tröstliche Botschaft für uns bereit: Vielleicht ist

es gerade die Nacht, die uns sensibel machen kann für die wahren Lichtblicke

des Lebens. Vielleicht müssen wir manch schwere Nacht gerade deshalb

bestehen, um das wahre Licht in unserem Leben zu suchen und für

andere ein Licht zu werden.

Aus dem Licht wird Leben. In der Litanei für die Verstorbenen finden wir

eine Bitte, die uns beim ersten Hinhören stutzig macht: „Von der Angst

vor dem Leben: Herr und Gott, befreie uns!“ Ist das nicht paradox? Leben

wollen wir doch alle!

Ich möchte diese Angst vor dem Leben erläutern mit der Legende von der

Kerze, die nicht brennen wollte: Eines Tages kam ein Streichholz zu einer

schönen, schlanken Kerze, die ihren weißen Docht aufrecht in den Himmel


Adventspredigt Prälat Dr. Bertram Meier / Seite 4

streckte. Das Zündholz sagte zur Kerze: „Ich habe den Auftrag, dich anzuzünden“.

„O nein“, jammerte die Kerze, „nur das nicht. Wenn ich erst einmal

brenne, sind meine Tage gezählt, und niemand mehr wird meine makellose

Schönheit bewundern“. Da fragte das Streichholz: „Willst du denn

dein ganzes Leben lang kalt und hart bleiben? Was ist das für ein Leben?“

„Aber brennen tut doch weh und zehrt an meinen Kräften“, flüsterte die

Kerze unsicher und voller Angst. „Das ist wahr“, entgegnete das Streichholz.

„Aber das ist das Geheimnis unserer Aufgabe: Wir sollen Licht sein.

Was ich dabei tun kann, ist wenig. Ich bin dazu da, Feuer in dir zu entfachen.

Du bist eine Kerze, die für andere leuchten und Wärme schenken

soll. Was du dabei an Kraft hergibst, wird in Licht verwandelt. Du gehst

nicht verloren, wenn du dich für andere hingibst. Andere werden dein Feuer

weitertragen. Wenn du nicht brennen willst, wirst du auch nicht leben“.

Da streckte die Kerze dem Streichholz voller Erwartung ihren Docht entgegen:

„Bitte, zünde mich an!“ Und ein warmes Licht umgab sie.

„Bitte, zünde mich an!“ – Wo Licht ist, da ist Leben. Doch was macht das

Eigentliche am Leben aus? Seit jeher haben sich die Ausleger des Gleichnisses

Gedanken darüber gemacht, was wohl mit dem Öl gemeint sei. Manche

sahen im Öl die guten Werke, die zum Glauben – dafür stehen die

Lampen – hinzukommen sollen.

Mir gefällt eine Deutung besonders gut, die der hl. Augustinus gegeben

hat. Das Öl ist für ihn das Bild der Liebe. Wenn wir das Öl als Liebe deuten,

dann wird auch klar, warum man die klugen Jungfrauen nicht tadeln

sollte, wenn sie den törichten von ihrem Öl nichts abgegeben haben. Vieles

kann man teilen, Brot, Wasser und Wein, Geld und Besitz. Doch wahre

Liebe – zu Gott ebenso wie zu einem Menschen – ist so einmalig, dass

man sie nicht teilen kann und darf. Für das Wachstum der Liebe ist jeder

und jede selbst verantwortlich. Bei der „Kultur der Liebe“ können wir uns

nicht vertreten lassen. Liebe gibt es übrigens auch nicht auf Sparflamme.

Und so lässt sich die religiöse Ölkrise nicht lösen durch „ein bisschen mehr“

an Glaube, Hoffnung und Liebe.

Warum verweisen eigentlich die klugen Jungfrauen die törichten auf die

Händler, bei denen sie das Öl kaufen sollen? Das ist blanke Ironie. Denn in

der Nacht sind die Läden geschlossen. Das bedeutet: Im entscheidenden

Augenblick können wir nicht kaufen, was wir vorher nie in uns gepflegt

und entwickelt haben. Am helllichten Tag müssen wir besorgen, was uns

den Weg leuchten soll durch die Nacht.

Auch wenn es schon immer Nachtlokale gab, die wahre Liebe lässt sich

dort nicht kaufen. Sie muss in uns wachsen. An der Liebe müssen wir


Adventspredigt Prälat Dr. Bertram Meier / Seite 5

arbeiten, damit sie unser alltägliches Handeln immer mehr bestimmt.

Das ist die Klugheit der fünf Jungfrauen, die am Tag für das Öl der Liebe

gesorgt haben.

Wo Licht ist, da ist Leben. Und wo Leben ist, da ist Liebe. Auf diese

Weise mischt sich in den ernsten Ton der Wachsamkeit die Vorfreude auf

das Kommen des Herrn, der unser Bräutigam sein will. Er feiert jetzt mit

uns Eucharistie, ein festliches Bankett mit seiner Braut, der Kirche. Und ich

hoffe, dass er mir – wenn mein Weg auf dieser Erde einmal zu Ende geht –

entgegenkommt und mit mir Festmahl hält. Immer wenn ich die

hl. Messe feiere, bemühe ich mich, über diese Feier hinauszudenken und

hinauszuglauben auf das Fest ohne Grenzen, das uns alle erwartet, und

ich bete darum, dass ich in meinem Leben genügend für das Öl der Liebe

sorge, die ausstrahlt und den mir Anvertrauten Licht und Leben spendet.

Martin Gutl hat das treffend ausgedrückt:

Wenn Gott uns heimführt

aus den Tagen der Wanderschaft,

uns heimbringt

aus der Dämmerung in sein beglückendes Licht,

das wird ein Fest sein!

Da wird unser Staunen von neuem beginnen.

Wir werden Lieder singen,

Lieder, die Welt und Geschichte umfassen.

Wir werden singen, tanzen

und fröhlich sein:

Denn er führt uns heim

aus dem Hasten in den Frieden,

aus der Armut in die Fülle.

Wenn Gott uns heimbringt

aus den engen Räumen,

das wird ein Fest sein!

Und die Zweifler werden bekennen:

Wahrhaftig, ihr Gott tut Wunder!

Er macht die Nacht zum hellen Tag.

Er lässt die Wüste blühen!

Wenn Gott uns heimbringt

aus den schlaflosen Nächten,

aus dem fruchtlosen Reden,

aus den verlorenen Stunden,

aus der Jagd nach dem Geld,

aus der Angst vor dem Tod,

aus Kampf und aus Gier,


Adventspredigt Prälat Dr. Bertram Meier / Seite 6

wenn Gott uns heimbringt,

das wird ein Fest sein!

Keine Grenze zieht Er uns mehr.

Wer liebt, wird ewig leben!

Wir werden einander umarmen

und zärtlich sein.

Der Sand unserer irdischen Mühsal

wird leuchten.

Die Steine, die wir zusammentrugen

zum Bau unserer Welt,

sie werden wie Kristalle glänzen.

Wir werden uns freuen wie Schnitter

beim Ernten.

Wenn Gott uns heimbringt

aus den Tagen der Wanderschaft,

das wird ein Fest sein.

Ein Fest ohne Ende!

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