Bern – Bogotá – Brasilia

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rey gab nicht nur ihr rotes Käppi v - ZwygArt

aussenpolitik

wahrzeichen Aussenministerin Micheline

Calmy-Rey besichtigt zwischen zwei offiziellen

Terminen die Kathedrale von Brasilia.

Geiselbefreiung. IKRK-

Emblem. Gute Dienste. Bei

der Südamerika-Reise von

micheline calmyrey

gab nicht nur ihr

rotes Käppi viel zu reden.

Bern Bogotá Brasilia

Gut bewacht Zwei Polizisten begleiten die Bundesrätin in der

Gondel sie schweben über einem Armenviertel von Medellín.

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aussenpolitik

«Abends nehme ich keine

Verpflichtungen an lieber gehe

ich früh zu Bett» Micheline Calmy-Rey

Text christine zwygart

Fotos monika flückiger

Zwei Länder, vier Minister, ein

Staatschef. Die Südamerika-Reise

von Micheline Calmy-Rey hats in

sich. In nur sechs Tagen besucht die Aussenministerin

vier Städte in Kolumbien

und Brasilien, diskutiert auf höchster

politischer Ebene, trifft aber auch ehemalige

Guerilla-Kämpfer und Vertriebene.

Von morgens bis abends steht sie dabei

im Mittelpunkt, ist umgeben von ihrer

Delegation und wird ständig bewacht

von Sicherheitskräften.

«Ich muss immer voll konzentriert

sein. Schon aus Respekt meinen Gesprächspartnern

gegenüber», sagt die

63-jährige Genferin. Damit sie das gedrängte

Programm durchsteht, hat sie

sich eine eiserne Regel auferlegt: «Abends

keine Verpflichtungen, stattdessen gehe

ich früh zu Bett.» Da sei sie streng mit

sich selber, denn sie brauche ihren Schlaf,

um all die Informationen am nächsten

Tag wieder aufnehmen und verarbeiten

zu können.

In der Guetsli-Fabrik in Medellín

riechts verführerisch. Rhythmisch stampfen

die Maschinen, Säcke mit Mehl stehen

parat, Kartons mit Eiern. Waffeln mit

Vanille-Crème-Füllung werden hier

hergestellt und zwar im Auftrag der

kolumbianischen Regierung. Micheline

Calmy-Rey verkneift sich auf der Besichtigungstour

eine Kostprobe, sie schenkt

ihre Aufmerksamkeit lieber den Angestellten.

Die Hälfte der Arbeiter hier kämpfte

bis vor ein paar Jahren noch auf Seiten

der illegalen paramilitärischen Verbände.

«Mein Leben machte keinen Sinn mehr»,

berichtet ein Betroffener der Bundesrätin.

Dank der Arbeit in dieser Fabrik habe

sich sein Leben nun aber total geändert.

«Ich glaube wieder an eine Zukunft.» Seine

Waffen gab er ab und stellte sich der

Justiz. Dank dem Job hier kann sich der

Arbeiter nun ein neues Leben mit seiner

Familie aufbauen.

Rund 30000 ehemalige Kämpfer

haben ihre Waffen niedergelegt, seit die

Regierung im Jahr 2003 mit der Demobilisierung

der illegalen Gruppen begann.

Doch noch immer sind in Kolumbien verschiedene

Rebellen-Verbände wie die

Farc am Werk. Diese finanzieren sich mit

Drogenhandel, Schutzgelderpressung

oder sie entführen Menschen, die nur gegen

Lösegeld wieder freikommen. Daraus

ergeben sich bewaffnete Konflikte, vor

denen bis zu vier Millionen Kolumbi- u

augenblick Ausserhalb von

Medellín gönnt sich Calmy-

Rey ein paar Minuten Ruhe in

einer kleinen Kapelle.

ehemalige opfer Frauen kämpfen in Medellín für

Frieden und gegen Gewalt Calmy-Rey ist berührt.

Künstliche Metropole Botschafter Rudolf Bärfuss

zeigt der Bundesrätin das Zentrum von Brasilia.

offizielle gespräche Kolumbiens Staatspräsident Álvaro Uribe (l.) mit Calmy-Rey.

ehemalige kämpfer In der Guetsli-Fabrik in

Medellín haben einstige Rebellen Arbeit gefunden.

Volksnah Die Bundesrätin kauft an einem Stand ein paar Mango-Schnitze für ihre Begleiter.

verhandlung Micheline Calmy-Rey und Brasiliens

Aussenminister Celso Amorim im Ministerium.

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aussenpolitik

«In Bern ist einiges einfacher.

Da kann ich mich auch mal

zurückziehen» Micheline Calmy-Rey

u aner innerhalb ihres eigenen Landes

flüchten. Die Regierung bemüht sich,

dauerhaft Frieden zu schaffen, und

die Schweiz unterstützt sie auf diesem

Weg.

In Kolumbiens Hauptstadt Bogotá

trifft die Aussenministerin Staatschef

Álvaro Uribe. Bei der Begrüssung im

Palast wird ganz nach europäischer

Sitte dreimal geküsst. «Das letzte Mal

sahen wir uns am Zürcher Flughafen»,

plaudert Micheline Calmy-Rey mit dem

Präsidenten. «Sie waren damals krank,

und ich schenkte Ihnen Bonbons.» Uribe

nickt und erklärt: «Das war schrecklich.

Ich hatte damals hohes Fieber und konnte

nicht schlafen.»

Bei den anschliessenden Verhandlungen

im Salon Protocolario bringt die

Schweizer Diplomatin den Missbrauch

des IKRK-Emblems bei der Befreiung von

Ingrid Betancourt zur Sprache. Im Gegenzug

glätten sich die Wogen, die wegen

der umstrittenen Kontakte des Schweizer

Vermittlers Jean-Pierre Gontard zu

den Farc-Rebellen entstanden sind. «Die

Probleme sind aus dem Weg geräumt»,

sagt die Bundesrätin nach dem Treffen.

Modisches Accessoire oder politisches

Statement? «Neutral» prangt in

weisser Schrift auf dem roten Käppi, das

Micheline Calmy-Rey an diesem Nachmittag

trägt. Darauf angesprochen, will die

Aussenministerin nichts von politischem

Kalkül wissen: «Damit schütze ich mich

nur gegen die Sonne oder den Regen.»

Sie schmunzelt, fügt dann an: «Ganz abgesehen

davon ist die Schweiz sehr wohl

ein neutrales Land.» Den gleichen Hut

hat die Bundesrätin übrigens auch ohne

Schriftzug dabei. Uni rot. Und ganz ohne

Interpretationsmöglichkeiten für politische

Beobachter.

Wer auf Besuch geht, bringt ein Geschenk

mit. Micheline Calmy-Rey überreicht

ihren Gastgebern jeweils eine

Musikspieldose. «Dieses Präsent ist ein

Kunsthandwerk, mit seiner Präzision

ganz typisch schweizerisch und der

Musik zuzuhören ist doch wunderbar!»

Medellín war einst ein heisses

Pflaster. Die kolumbianische Metropole

galt lange als Drogenhauptstadt der Welt.

In den Strassen tobten Bandenkriege,

Morde gehörten zur Tagesordnung. Heute

ist diese Gegend so sicher, dass hier

sogar eine Bundesrätin spazieren kann.

Micheline Calmy-Rey schlendert mit

Bürgermeister Alonso Salazar durch die

Gassen, kauft an einem Stand Mango-

Schnitze für sich und ihre Mitarbeiter.

Aus der Drogenhölle ist eine Vorzeigestadt

geworden nicht zuletzt dank der

Luftseilbahn, die das Zentrum mit einem

der ärmsten Stadtteile verbindet. Die

Bundesrätin ist von der Idee begeistert,

ein öffentliches Transportmittel gleichzeitig

als Sozial- und Integrationsprojekt

zu nutzen. «Ausserdem verschwendet

die Bahn keinen Platz am Boden», sagt

sie, steigt in die Gondel und beobachtet

auf der Fahrt, wie Frauen ihre Wäsche

aufhängen und Kinder in den Hinterhöfen

spielen.

Je höher die Gondel steigt, desto ärmlicher

werden die roten Backsteinhäuser.

Bis vor einigen Jahren war das Viertel fest

in den Händen der Farc, kein Polizist

wagte hier einzugreifen. Seit aber die

Luftseilbahn 2004 installiert wurde,

herrscht hier Recht und Ordnung.

Nach zwei intensiven Tagen in

Kolumbien reist Micheline Calmy-Rey

weiter nach Brasilen. Hier wartet der Höhepunkt

der einwöchigen Reise auf die

Aussenministerin: Mit ihrem Amtskollegen

Celso Amorim unterzeichnet sie in

der Hauptstadt Brasilia ein «Memorandum

of Understandig» darin halten die

beiden Länder fest, ihre Beziehung auf

politischer und wirtschaftlicher Ebene

sowie in der Entwicklungshilfe zu stärken

und zu vertiefen. Ein Privileg, das normalerweise

nur grösseren Ländern zusteht.

Nebst den offiziellen Terminen bleibt

der Bundesrätin in Brasilia Zeit für einen

kurzen Besuch der Sehenswürdigkeiten:

der Kongress, die Kathedrale, die Ministerien

dabei hat sie ihr Handy immer

griffbereit. Die Arbeit im Bundeshaus

bleibt auch während einer Auslandsreise

nicht liegen. «Telefonieren, Akten lesen,

die nächsten Geschäfte vorbereiten. Das

gehört halt dazu», erklärt Micheline

Calmy-Rey. Denn sobald sie wieder in

der Schweiz ist, geht es nahtlos weiter

mit Terminen, Gesprächen, Regierungsgeschäften.

«Nur ist daheim einiges einfacher.»

Die Bundesrätin schmunzelt.

«Da kann ich auch mal die Bürotür

schliessen und mich für fünf Minuten

zurückziehen.»


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