Mann mit W

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Er kennt die Armenhäuser dieser Welt Im ... - ZwygArt

EINSATZ FÜR DIE

SCHWÄCHSTEN Im kleinen

Dorf Bori, im Zentrum

Benins, sind Besuche aus

dem reichen Norden selten.

Deza-Chef Walter Fust

wird neugierig begutachtet

und liebevoll belagert.

Er kennt die Armenhäuser dieser Welt Im westafrikanischen Benin umringen ihn

Kinder. Frauen kochen, Männer singen – und empfangen wird er hier stets mit Trommelschlägen

und Tänzen. Deza-Chef Walter Fust, 60, ist der oberste Entwicklungshelfer der Schweiz.

Mann mit W


eltformat


AUDIENZ BEIM

KÖNIG Fust spricht mit

Seiner Exzellenz von

Allada. Der König ist

hier eine traditionelle

Autoritätsperson – und

der Deza-Chef erweist

ihm seine Reverenz.

DER KÖNIG VON ALLADA Ein Leben zwischen Plüsch-

VON CHRISTINE ZWYGART (TEXT)

UND HERVÉ LE CUNFF (FOTOS)

Es ist heiss und drückend. Und andächtig

still. Nur die Ventilatoren an

der Decke des Audienzsaals surren

leise. Plötzlich wird die Holztüre neben

der Tribüne aufgerissen, «Sa Majesté,

le Roi!», kündet eine Dienerin an. Die

Gäste erheben sich von ihren Polstersesseln,

die Einheimischen werfen sich zu

Boden. Und dann tritt er durch die

Holztüre. Was für eine Erscheinung! Der

König von Allada – mit weissem Gewand

und goldenem Zepter. Würdig schreitet

er zu seinem Thron, vorbei an den

Plüsch-Leoparden, nickt den Gästen zu

und gebietet den Seinen mit einer Handbewegung,

sich zu erheben. Hektik entsteht

bei den Dienerinnen. Sie hantieren

mit Fächer und Schirm um ihn herum.

Der heutige Gast des Königs ist ein

Mann mit Weltformat. Über 100 Länder

hat er bereist, unzählige Kulturen kennen

gelernt und viel Elend gesehen. Walter

KAMPF GE

80 SCHWEIZER ILLUSTRIERTE

HOFFNUNG GEBEN Fust weiht in der Nähe von Allada ein Ges


Leoparden und Armut

GEN DAS ELEND

undheitszentrum ein.

sieben Millionen Einwohner, ist dreimal

so gross wie die Schweiz. Und mausarm.

Auch der König von Allada hat

schon bessere Zeiten erlebt. Bis die Demokratie

im Land Einzug hielt, regierte

seine Familie in dieser Region. Heute ist

der Reichtum verflossen, nicht jedoch

das Ansehen. Seine Majestät ist eine Respektsperson,

was sie sagt, hat Gewicht.

«Wenn wir den König von einer Idee

überzeugen, dann wird er seine Leute entsprechend

beraten», sagt Walter Fust. Das

ist mit ein Grund, wieso er solche Audil

LÄNDER Die Direktion für Entwicklung

und Zusammenarbeit (Deza)

arbeitet auf allen Kontinenten. Mit Sonderprogrammen

und humanitärer Hilfe

ist sie in 44 Ländern und Regionen aktiv.

l PROJEKTE Die Bekämpfung der

Armut und die nachhaltige Entwicklung

gehören zu den Hauptaufgaben der Deza.

Sie engagiert sich deshalb in Bereichen

wie Gesundheit, Ernährungssicherheit,

Wirtschaft, Ausbildung, Korruptionsbekämpfung

und Friedensentwicklung.

l GELD Im Budget sind für dieses

Jahr 1,29 Milliarden Franken vorgesehen.

Fust, 60, der oberste Entwicklungshelfer

der Schweiz. Er ist Chef der Deza, der Direktion

für Entwicklung und Zusammenarbeit,

und Herr über ein Budget von

knapp 1,3 Milliarden Franken pro Jahr –

«und trotzdem sage ich im Tag mindestens

30 Mal Nein». Nein zu Projekten, die

er nicht unterstützen kann. Wünschbares

hat keinen Platz, nur wirklich Notwendiges.

Wo es Hilfe braucht, schickt der

Toggenburger seine Leute hin – oder

schaut selber vorbei. So wie in Benin,

einem kleinen Land in Westafrika. Es hat

SCHWEIZER ILLUSTRIERTE 81


enzen wahrnimmt. Mit seiner tiefen

Stimme hält der König eine Rede, spricht

über Schweizer Banken und die Regierung.

Walter Fust hört zu, und der Monarch

lächelt. Fast ein bisschen kindlich.

So wie der aufgenähte Leopard, der seinen

Rock schmückt.

BESUCH BEI DEN

NOMADEN Fust

nimmt auf dem

einzigen Stuhl

Platz. Das Volk der

Peulh lebt einsam.

Der heutige Gast der Nomaden ist ein

Mann ohne Vorurteile. Die Peulh leben

am Rande der Gesellschaft, isoliert von

den anderen. Sie sind muslimische Viehzüchter

aus dem Nordwesten und ziehen

mit ihren Herden von Ort zu Ort. Walter

Fust sitzt auf dem einzigen Stuhl, den

es hier gibt. «Sind alle gesund?», fragt er

in die Runde. Kopfnicken. «Wie ist die

Qualität eurer Kuhmilch?» Eine Frau

zeigt ihm einen weissen Käselaib. Dann

schleppen die Peulh Blechtöpfe und

Plastikschalen heran. Hirse, Honig und

Milch. Das sind die Zutaten für die Stärkung,

die der Deza-Chef gleich bekommen

wird. Vor seinen Augen mischen

und rühren die Frauen den Brei – et

volià. Der oberste Entwicklungshelfer

nimmt tapfer die hölzerne Kelle. Und

kostet. Wie es der Anstand verlangt.

«Ich bin auf all meinen Reisen noch

nie krank geworden», erzählt Walter Fust.

Sein Wundermittel heisst Artemisia –

eine Heilpfanze, deren Wirkstoff sogar

gegen Malaria helfen soll. Er bereist pro

Jahr drei bis vier Schwerpunktländer der

Deza, «denn ich will sehen, was wir bewirken».

Oft muss er sich in Bern für die

Ausgaben der Deza rechtfertigen, Fust hat

viele Neider. Und noch mehr sind unzufrieden,

weil sie von ihm kein Geld erhalten.

Droht dem Chef mal der Kragen

zu platzen, geht er in den Wald und

spricht mit den Bäumen. «Die hören wenigstens

zu.» Auch die Kritiken aus dem

Parlament können frustrieren, und so ist

es denn auch sein innigster Wunsch, «dass

sich die Politiker die Realität anschauen».

Fust ist seit zwölf Jahren im Amt

und somit der amtsälteste Entwicklungs-

AM RANDE DER GESELLSCHAFT Die

Chef der Industrieländer. Das schafft Vertrauen

– zumindest im Ausland. «Die

Schweiz hat in der Entwicklungshilfe ein

hohes Ansehen», sagt er. Man zählt auf

ihre Verlässlichkeit und ihre Kontinuität

– das sei oft wichtiger als die Höhe der

Beiträge. 11 Millionen Franken fliessen

dieses Jahr als Schweizer Hilfe nach

Benin. Handwerker und Bauern werden

damit ausgebildet, Frauen der Zugang zu

Krediten erleichtert, das Gesundheitssystem

besser verwaltet, für Bildung gesorgt

– und gegen Analphabetismus

gekämpft. Über 75 Prozent der Frauen

können nicht lesen und schreiben.

Der heutige Gast der Schülerinnen ist

ein Mann mit breitem Wissen. Fust hat

die Matura gemacht, Ökonomie studiert

und ist 1975 in den diplomatischen

Dienst eingetreten. Die Mädchen in den

Bankreihen vor ihm werden im Normal-

VOM MINISTER BIS ZUR BIERBRAUERIN

BÜROKRAM BEIM

MINISTER Walter Fust

wagt sich auch in die Teppichetagen

der Regierungen.

So spricht er auch

mit Benins Finanz- und

Wirtschaftsminister

Cosme Sehlin (l.). Fust:

«Es ist wichtig, dass wir

unsere Anliegen ganz

oben einbringen können.»

BIERBRAUEN BEI

DEN FRAUEN Der Deza-

Direktor hat keine

Berührungsängste. In

einem Dorf bei Djougou

rührt er in einem Gebräu,

aus dem später Hirsebier

entsteht. Fust: «Ich mag

Bier – aber eigentlich

nur auf Reisen in

tropischem Klima.»

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GESCHÄFT

MIT KINDERN

ABGEGEBEN Diese Kinder sind im Heim von

Terre des hommes in Cotonou gestrandet.

HANDEL Kinder sind in Benin oft billige

Arbeitskräfte, die teilweise auch ins benachbarte

Ausland verschachert werden. Werden die Kleinen

von der Polizei aufgegriffen, kommen sie ins Heim

von Terre des hommes. HEIMAT Hier versuchen

die Mitarbeiter die Dörfer und Familien der Kinder

zu finden. Die Zusammenführung mit den Eltern

wird begleitet, die Zukunft besprochen.

Nomaden leben in Benin isoliert

fall mit 15 Jahren verheiratet, vorher helfen

sie ihren Müttern – da bleibt wenig

Zeit für eine Ausbildung. Die Deza fördert

deshalb die Einschulung der Mädchen

in Bori und anderen Dörfern. «Was

möchtet ihr nach der Schule mal werden?»,

fragt Fust in die Runde. «Krankenschwester»,

«Hebamme», «Bäuerin»,

«Minister». Die Mädchen haben Französisch

gelernt – die offizielle Landessprache,

die ausserhalb der Städte jedoch

kaum verbreitet ist. Fust hört ihnen zu,

befragt auch die Eltern. Denn selbst die

Frauen drücken hier nachmittags die

Schulbank, lernen rechnen, lesen und

schreiben. «Seid ihr Männer damit einverstanden?»,

will der Deza-Chef wissen.

Kopfnicken in jeder Bankreihe.

Man lernt nie aus. Walter Fust ist im

Frühling 60 Jahre alt geworden, doch von

Amtsmüdigkeit ist nichts zu spüren. Er ist

kompetent, charmant, macht den Frauen

Komplimente für ihre kunstvoll geflochtenen

Frisuren. Ein schöner Job. «Solange

ich gesund bleibe, möchte ich weitermachen.»

Er freue sich jedoch auch auf

die Zeit danach, auf die freien Stunden

daheim im solothurnischen Bucheggberg.

Seine Frau und die drei Kinder

haben in den vergangenen Jahren oft auf

ihn verzichten müssen – «es kommt auf

die Qualität, nicht auf die Quantität an»,

kontert er. «Das ist die Ausrede, in die ich

mich bei diesem Thema stets flüchte.»

Aus Benin nimmt der Deza-Chef

viele Eindrücke heim. «Hier leben humorvolle

Menschen, die gerne von ihrem

Leben erzählen.» Die Arbeit seiner Leute

vor Ort sei gut verankert, «aber es gibt

noch viel zu tun». Er hat hier die Ärmsten

getroffen, aber auch bei den Ministern

Halt gemacht. Und selbst mit dem König

hat er diskutiert. Walter Fust, ein Diplomat,

ein Schweizer mit Weltformat. p

BALLSPIELEN BEI

DEN SCHÜLERN Fust

übergibt Djamilath Ali,

17, die mitgebrachten

Souvenirs für die

Kinder aus Bori. In

dieser Schule werden

Mädchen bevorzugt

behandelt. Fust: «Für

ihre Zukunft ist Bildung

enorm wichtig.»

BEWUNDERUNG BEI

DER WEBERIN Von der

Deza hat Adéline Zoglobossou,

23, Unterstützung

für ihr eigenes

Weber-Geschäft erhalten.

Von diesem Einkommen

kann sie nun leben. Fust:

«Dieses Hemd gefällt mir

ausgezeichnet – ich

kaufe es ihr gern ab.»

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