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Gambiarra_Essay_Neubauer

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von Hannes Neubauer, Brasilien, 2013

1


Einleitung

Auf der A9 zwischen Hof und Leipzig merkte ich, dass mein Auspuff endgültig abzubrechen

droht. Zwar hatte ich einen Plastikriemen, aber ein Auspuff wird ziemlich heiß... Ein naher

gelegener Supermarkt mit hitzebeständigen Silikonbackformen für je 1,99.- war die Rettung.

Zwei davon passten sich gut dem Auspuff an … und der machte sogar letztlich noch mehrere

tausend Kilometer ohne dass die Konstruktion schmolz. Eine gelungene ….hmm, eine

gelungene …ja was? „Improvisation“? „Notlösungsreparatur“? „ Ad-Hoc-Lösung-mit-

Sachen-die-gerade-zur-Hand-sind“? Es gibt kein adäquates deutsches Wort.

Gleich am Anfang meines Aufenthaltes in Belo Horizonte, Brasilien, bin ich dann auf den

Begriff der „Gambiarra“ gestoßen. Im ursprünglichen Sinne ist eine „Gambiarra“ eine

spontane, schnelle und improvisierte Lösung für ein technisches Problem. Eine direkte

Übersetzung ins Deutsche gibt es dafür nicht, wohl aber äquivalente Begriffe in anderen

Sprachen, insbesondere in den sogenannten „Dritte-Welt- und Schwellenländern“.

Mir wurde aber klar, dass eine komplette Übersicht über diesen kulturellen Begriff mehr oder

weniger unmöglich ist. Dies hängt vor allem damit zusammen, dass der Begriff der Gambiarra

auch verschieden Interpretiert wird, einem Wandel unterliegt und mittlerweile mehr als ein

bloßes „schnelles kreativ-reparieren“ beschreibt. Im Laufe der letzten Jahre wird er in

Brasilien mit künstlerischen Strategien, kultureller Identität und sogar politischer „Taktik“

assoziiert wird.

"Quem não tem cão caça com gato" 1

(Wenn du keinen Hund hast, jage mit der Katze)

2


Begriffserklärung mit Beispielen

Im ursprünglichen Sinne beschreibt der Begriff eine improvisierte Lösung für ein materielles

Problem, die sich spontan und aus einer Not heraus entwickelt hat. Dabei gibt es keine Regeln

oder festgelegten Strategien. Alles ist sozusagen erlaubt, um möglichst schnell und direkt das

bestehende Problem zu lösen. Häufig bezieht sich der Begriff auf improvisierte Reparaturen,

aber auch komplett neue „Produkte“ werden dabei entwickelt um ein momentanes Bedürfnis

zu stillen. Ebenso geht es nicht um eine dauerhafte Lösung, sondern insbesondere um ein

alltägliches Problem spontan und für und in diesem Moment zu beheben.

Der Begriff selbst ist auch im (brasilianischen) portugiesisch nicht eindeutig definiert.

Selbst einschlägige Lexika liefern kaum aufschlussreiche Definitionen.

In einer Definition, die aus der Masterarbeit „A questão da gambiarra“ von stammt und auch

im portugisischen Wikipedia Einzug fand, beschreibt Rodrigo Bouffleur Gambiarra als

alternative Intervention zur technischen Wiederaneignung vom Materialien, beispielsweise

durch Improvisation, Adaption und Transformation und vor allem für und in einem

spezifischem Moment:

"gambiarra é o procedimento necessário para a configuração de um

artefato improvisado. A prática da gambiarra envolve sempre uma

intervenção alternativa, o que também poderíamos definir como uma

“técnica” de re-apropriação material: uma maneira de usar ou constituir

artefatos, através de uma atitude de diferenciação, improvisação,

adaptação, ajuste, transformação ou adequação necessária sobre um

recurso material disponível, muitas vezes com o objetivo de solucionar uma

necessidade específica. Podemos compreender tal atitude como um

raciocínio projetivo imediato, determinado pela circunstância

momentânea." 2

Daneben gibt es allerdings eine Vielzahl andere Beschreibungen des Begriffes, welche zwar

auch die Improvisation als Grundlage nutzen, aber auch weiterführende Hinweise liefern,

beispielsweise auf der Internetpräsenz von „Mutgamb“. Das brasilianische Kollektiv

beschreibt die Gambiarra als eine kulturelle Praxis für alle Arten von Ad-hoc-Lösungen bei

alltäglichen Problemen mit jedem Verfügbarem Material und definiert sie als Bereitschaft,

sich kreativ die Technik zu erkunden.

Gambiarra - expressão brasileira que define qualquer desvio informal de

conhecimentos técnicos. É uma prática cultural composta por todos os tipos

de soluções improvisadas para os problemas cotidianos, viabilizadas com

qualquer material disponível. É uma boa definição para a vontade de

transformar criativamente o que se quer ou precisa, explorando a

tecnologia.

3


Um sich dem Begriff und seiner Vielzahl an Interpretationen zu nähern, ist insbesondere eine

einfache Bildersuche im Internet sehr empfehlenswert.

Zahlreiche Bilder, von humorvollem bis halsbrecherisch gefährlichen Lösungen für schnelle

Reparaturen, vor allem aber auch dem Umfunktionieren diverser elektronischer (Haushalts-)

Gegenstände geben dabei Aufschluss über den kreativen Umgang der Brasilianer mit ihrer

gegenständlichen Umwelt:

3

4 5

So unterschiedlich Gambiarras und auch ihre Definitionen sein können, in ihrer

ursprünglichen Bedeutung haben sie fast alle folgende Eigenschaften gemeinsam.

Sie entstehen meist

- spontan aus dem Moment und für den Moment

- aus einem momentanen Bedürfnis / aus der Not heraus

- aus Dingen und Artefakten aus der unmittelbarer Umgebung

- durch rekombinatorische und kreative „Aneignung“ von Produkten

4


(Un-)möglichkeiten der Begriffsübersetzung

Gambiarra sind natürlich keine brasilianische Erfindung. Auch in anderen Sprachen,

insbesondere in „Dritte Welt-„ und „Schwellenländern“ lassen sich ähnliche Beschreibungen

finden. In Mexico spricht man von à la Mexicana, in Australien von der Bush Mechanic, in

Indien von Jugaar und in afrikanischen Staaten von AfriGadgets.

Die englische Sprache hält mehrere Begriffe dafür bereit: Jerry rigging, makeshift, yankee

ingenuity, quick fix, kludging.

„There is no exact translation for 'gambiarra' so we initially used kludge

which means (from Wikipedia): 'a workaround, a quick-and-dirty solution, a

clumsy or inelegant, yet effective, solution to a problem, typically using parts

that are cobbled together. 6

Außer allgemein „Improvisation“ gibt es keine deutsche Übersetzung (oder besser gesagt

Entsprechung) des Begriffs, außer verschiedene umgangssprachlichen Wörter oder

Dialektwörter. Allerdings weisen fast alle diese Begriffe eine negative Konnotation auf und

beschreiben eine qualitativ minderwertige ausgeführte handwerkliche Arbeit, z.B.

„Geknaube“, „Geschnuddel“, „Schlonz“ oder Gepfusch“.

Trotz der Möglichen für Übertragungen des Begriffs in andere Kulturen / Sprachen ist das

Phänomen Gambiarra in Brasilien in seiner Gesamtheit eine kulturelle Einzigartigkeit, vor

allem da sich die Assoziationen damit einer stetigen Wandlung befinden und mittlerweile sehr

viel mehr beinhaltet als eine schnelle kreative Notlösung.

5


Die Gambiarra im kulturellen Kontext Brasiliens

Im Laufe der letzten Jahre wird die Gambiarra in Brasilien immer mehr mit künstlerischen

Strategien und kultureller Identität assoziiert. Dies ist auch eines der Hauptgründe, warum es

zu dem Begriff keine feststehende Definition gibt. Daneben gibt es zwei andere Gründe:

Zum einen werden Begrifflichkeiten allgemein nicht so feststehend und objektiv verwendet,

wie man es in Deutschland gewohnt ist / es gelehrt wird. Dies zeigt sich beispielsweise im

alltäglichem Umgang der Sprache an einem einfachen Beispiel: Ein Brasilianer antwortet sehr

selten mit einem klaren „Não“ (=Nein) sondern fast immer mit einem „Acho que não“ (Ich

denke / glaube nicht). Dabei wird häufig das nasal gesprochene „não“ zögerlich und zu einem

fast schon nach katzenhaften miauendem „Nããooo“ verlängert, was so klingt, als würde der

Antwortende noch während des Sprechens über diverse Alternativen nachdenken. Es könnte

ja zu einem späteren Zeitpunkt doch noch „Sim“ (Ja) draus werden.

Zum anderen spiegelt der Begriff der Gambiarra auch das direkte subjektive Empfinden zum

Verhältnis der eigenen Kultur der Brasilianer wider. Dieses Empfinden bezieht sich häufig

mehr auf das individuelle momentane und emotionale Empfinden als auf festgelegte rationale

Denkmuster wie beispielsweise politische Programme oder wissenschaftliche Theorien. Dass

zeigt sich beispielsweise an dem (wahrscheinlich am häufigsten benutztem) Verb „gostar“ 7 :

Sehr viele Gespräche, auch im offiziellen oder politischen Kontext, beziehen sich

insbesondere darauf, was einem gerade gefällt / worauf man gerade Lust hat (oder worauf

eben nicht).

Je nach Assoziation mit dem Begriff entstehen auch verschiedene Konnotationen dazu:

So kann die Gambiarra beispielsweise in einem Moment die noch immer sehr ärmlichen und

dadurch negativ behafteten Verhältnisse in den brasilianischen Favelas symbolisieren,

gleichzeitig aber auch mit starker kultureller Identität und sogar einzigartigem kollektivem

Wissen verbunden werden. Dieses Phänomen spiegelt sich beispielsweise wider, wenn die

Gambiarra mit dem „jeithino brasiliero“ 8 assoziiert wird. Jeithino heißt wörtlich übersetzt so

viel wie kleiner Ausweg und beschreibt die List und Strategie, Alltagsprobleme wie

bürokratische Angelegenheiten aber auch Probleme im Geschäftsleben auf unkonventionelle

und kreative Weise zu lösen. Dabei wird meistens der stark ausgeprägte Gesellschaftssinn der

Brasilianer für das eigene Interesse genutzt (im deutschen würde man von „klüngeln“,

„Vitamin B“ etc. sprechen). Die Grenzen zwischen „freundschaftlicher schneller

Hilfeleistung“ bis hin zu krimineller Korruption sind allerdings sehr fließend und werden

auch sehr unterschiedlich subjektiv interpretiert. Von daher kann der „Jeithinho“ als auch die

Gambiarra, wenn mit ihm assoziiert, je nach Situation unterschiedlich verstanden und

bewertet werden.

Vor allem spiegelt die Gambiarra sehr deutlich zwei Eigenarten der brasilianischen Kultur

wider: Zum Einen das allgemeine spontane Wesen sowie dem prozesshaftem Denken der

Brasilianer, wie sie fast allen Südamerikanern inne liegt. Denn obwohl es kein portugisisches

Verb zu dem Nomen gibt (die Handlung wird mit „fazer uma gambiarra“ = eine Gambiarra

6


machen beschrieben), wird die Gambiarra vor allem auch als Prozess verstanden, nicht als

Lösung, bzw. als eine hybride Form aus zielorientierter und prozesshafter Handlung:

Gambiarra é uma solução edificada entre o limite do "temporário" e do

"definitivo". Entre seus processos estão tentar, observar, aprender e tentar

novamente. Uma condição instável, que permite grandes doses de inovação

espontâne.” 9

Zum anderen wird durch die Gambiarra auch die lange Tradition in der Kunst der Aneignung

sichtbar: Diese kulturell bedingte Wissen spiegelt sich direkt und indirekt wider. So wird die

Gambiarra vor allem auch als „Hacking“ beschrieben, wie beispielsweise von dem

Gambiologisten Fred Paulino, der das Phänomen einer tiefen Verwurzelung in seiner Kultur

zuschreibt:

“I 'd say it is a specific kind of hacking - it's the proposal of hacking not only

electronics or codes, but objects as well. It's about using things (or bits,

maybe) in functions they were not initially proposed to. Modify them or join

them in improvised and creative ways so they'll not accomplish the original

task anymore. Using parts that were not supposed to be together to create a

distressing whole. In our case it's also deeply linked to Brazilian folk

culture” 10

Tatsächlich beschreibt dieses „Hacking“ in höherem Sinne kulturgeschichtliche Hintergründe

Brasiliens und es lassen sich vom besagten Hacking von Objekten leicht Parallelen zum

Hacking anderer Kulturen ziehen: Die relativ junge und ehemals kolonialisierte Kultur

Brasiliens, unterlag und unterliegt noch heute einem verhältnismäßig schnellem stetigen

Wandel als Schwellenland, hervorgerufen durch ein Wechselspiel zwischen stetiger

Aneignung anderer Kulturen und dem gleichzeitigem Aufbau der eigenen kulturellen

Identität.

So postulierte beispielsweise schon die kulturrevolutionäre Antrophagie-Bewegung von der

Grupo dos Cinco ("Gruppe der Fünf") Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts den Leitsatz

"Statt das Fremde wegzuschieben, das Fremde fressen": Der Reinlichkeit,

Wissenschaftlichkeit und dem "europäischen Verlangen nach Differenz" setzten sie "das

tropische Wuchern, Aneignung, Naivität, Wildheit und Poesie" entgegen. 11 Um sich von der

Kolonialmacht Europa abzusetzen bedienten sie sich ironisch und sarkastisch den

Menschenfresser-Mythos der Tupi-Indianer Brasiliens. Diese fraßen ihre Feinde um sich ihre

Stärken anzueignen.

Oswald de Andrade, Mitbegründer der Gruppe und Verfasser des „Antropophagischen

Manifestes“ schrieb in der ersten Ausgabe der Zeitung „Revista Antropophágica“, was seiner

Meinung nach eines der Besonderheiten der brasilianischen Kultur ist:

“...a capacidade de deglutição de todo e qualquer material constituinte do

ambiente, com senso crítico e capacidade seletiva, e a habilidade inata para

transformar isso em algo novo, com traços da identidade nacional. Tudo com

um caráter irreverente, panfletário e, ao mesmo tempo, poético.” 12

7


Auch später wurde das Thema von der Tropikalia-Bewegung,

insbesondere von der Kannibalistisch-Tropikalistischen Phase

des Cinema Novos in den 70er Jahren aufgegriffen wie

beispielsweise in dem Film „Como Era Gostoso Meu Francais“

von Nelson Pereira dos Santos. Basierend auf den

Erlebnisberichten des deutschen Hans Staden, der im 17Jh.

Von den Tupi-Indianern verspeist wurde, erzählt die schwarze Komödie von einem

Franzosen, der von den Tupi gefangen genommen wird. Diese adaptieren sein Wissen und

auch er gliedert sich in die Gesellschaft ein. Am Schluss wird er verspeist.

Die „Kunst der Aneignung von Objekten“ bei der Gambiarra spiegelt also deutlich die

Kulturentwicklung durch „Aneignung von Kultur“ wider. Diese Aneignung ist eine Aktion als

Reaktion auf die bestimmten (äußeren) Umstände und so kann die Gambiarra auch als als

politische Handlung betrachtet werden:

Gambiarra–ing is undoubtedly a political activity. Political not only in the

sense of activism (or a support for activism), but because the very practice

itself is a political statement. And, whether consciously or not, gambiarra–

ing can often negate the productivelogic of capitalism, stop a gap, fill a lack,

balance the precarious, reinvent production, offer utopian glimpses of a new

world, stir a revolution, or simply try to heal the open wounds of the system,

bringing comfort or a voice to the dispossessed. The gambiarra is itself a

voice, a cry—of freedom, of protest—or,simply, of existence, the affirmation

of an innate creativity.” 13

Dieses Handlungen des Konsumenten wurde auch sehr ausführlich in den Theorien von

Michel de Certeaus beschrieben: In seinem Hauptwerk „Die Kunst des Handelns“ bezeichnet

er dies als politische „Taktik“ im Gegensatz zur Strategie:

„Im Gegensatz zur Strategie (...)bezeichne ich als Taktik ein Handeln aus

Berechnung, das durch das Fehlen von etwas Eigenem bestimmt ist. (…) Sie

muss mit dem Terrain fertig werden, dass ihr so vorgegeben wird (...) Sie

macht einen Schritt nach dem anderen. Sie profitiert von „Gelegenheiten“

und ist von ihnen abhängig; (...) Sie muss wachsam die Lücke nutzen, die sich

in besonderen Situationen der Überwachung durch die Macht der

Eigentümer auftun. Sie wildert darin und sorgt für Überraschungen.“ 14

Auch Felipe Fonseca beschreibt im Ausstellungskatalog zur Ausstellung „Gambiologos“

treffend die Relevanz des Wissens um die Gambiarra im Hinblick auf das heutige

Wirtschaftssystem:

“It is an ancient knowledge, which until recently appeared spontaneously in

Brazilian cultures as a result of precariousness. The fortuitous optimistic

trends on economic growth, income redistribution and increased supply of

manufactured goods cannot let us forget this increasingly necessary wisdom

in a world of economic crises, environmental collapses and demand for

creativity.” 15

8


Gambiarra als zeitgemäße künstlerisch-kulturelle Ausdrucksform

Seit einigen Jahren dient das Konzept der Gambiarra auch als Ausgangspunkt für diverse neue

künstlerische Strategien, bzw. ist deutlich spürbar, dass sich viele Künstler diesem

„kulturellem Wissen“ bewusst werden und es offen postulieren. Eine eindeutige Linie lässt

sich allerdings kaum feststellen da einerseits die Grenzen zwischen der ursprünglichen

Gambiarra zum Stillen eines Bedürfnisses zur modernen und mit mehreren tieferen

symbolischen Ebenen aufgeladenen Kunst sehr fließend sind.

“Mais do que isso, porém, a gambiarra tem um sentido cultural muito forte,

especialmente no Brasil. É usada para definir uma solução rápida e feita de

acordo com as possibilidades à mão. Esse sentido não escapou à esfera

artística, com várias criações no terreno próprio das artes plásticas. É dessa

seara que podemos captar mais alguns conceitos reveladores da natureza da

gambiarra e seu significado simbólico–cultural.” 16

Auch ist es nicht einfach, Grenzen zwischen europäischen Theorien und Strömungen zu

ziehen, wie beispielsweise zur Bricolage des Ethnologen Claude Lévi-Strauss („nehmen und

verknüpfen, was da ist“), welcher die nicht vordefinierte Reorganisation von unmittelbar zur

Verfügung stehenden Zeichen bzw. Ereignissen zu neuen Strukturen postulierte. 17 Auch

Verbindungen zu den Kinetikern, wie beispielsweise Jean Tinguely oder den Schweizer

Installationskünstlern Fischli/Weiss mit ihrem Film „The way things go“, in welchem eine

Art Dominospiel mit vorgefundenen Gegenständen aus dem Atelier inszeniert wurde 18 ,

wären leicht herzustellen. Wenn man rein auf die Werke blickt. Ein unterscheidendes

Kriterium dazu aber ist der Kontext: Während sich die Gambiarra, also die Aneignung und

Umfunktionierung von Objekten in direktem Sinne und vor allem basierend auf

Notwendigkeiten in einem Kolonial- (und lange Zeit) „Dritte-Welt-Land“ entwickelte, hatten

die europäischen Künstler die Möglichkeit, konzeptionell und vor allem basierend auf

Möglichkeiten (und nicht aus der Not heraus) ihre Strategien entwickelt.

“Acima de tudo, para entender a gambiarra não apenas como prática,

criação popular, mas também como arte ou intervenção na esfera social, é

preciso ter emmente alguns elementos quase sempre presentes. Alguns deles

seriam: a precariedade dos meios; a improvisação; a inventividade; o diálogo

com a realidade circundante local, com a comunidade; a possibilidade de

sustentabilidade; o flerte com a ilegalidade; a recombinação tecnológica

pelo reúso ou novo uso de uma dada tecnologia,entre outros...” 19

9


Ein Beispiel für eine eindeutige Verbindung von Gambiarra und Kunst ist die Künstlergruppe

„Gambiologia“ aus Belo Horizonte, Minas Gerais, welche sich insbesondere der

künstlerischen Gambiarra mit modernen elektronischen Medien widmet. Dafür erhielt die

Gruppe einen Sonderpreis bei der „Ars Electronica 2010“, einem weltbedeutenden

Kunstfestival für neue Medien.

20 iPhone 6 – smartphone der Gruppe Gambiologia, 2008

Auch der Filmemacher Cao Guimarães aus Belo Horizonte, der seit 2002 ein Foto- und

Filmarchiv für ästhetische Gambiarras anlegt, betrachtet die Gambiarra als ästhetisches

künstlerisches Sujet. Er geht sogar noch einige Schritte weiter: Für ihn ist die Beschäftigung

mit dem Thema sogar grundlegendes menschliches und göttliches Sein:

Gambiarra is the synthesis of what we call ‘Human Being’. Unfinished being,

thank God! Each of us finding our own way to survive. Gambiarra is

philosophy, religion, and art. Gambiarra also means finding that tiny little

branch when you’re falling into the abyss. Gambiarra means constant

reinvention, it means redesigning the laws of nature. Gambiarra is God when

He made the world. 21

10


Nachweise:

1 Brasilianisches Sprichwort: “ Wenn du keinen Hund hast, jage mit einer Katze“

2 Boufleur, Rodrigo. A questão da gambiarra: formas alternativas de produzir artefatos e suas relações com o

design de produtos. Dissertação de mestrado. São Paulo, FAU-USP, 2006.

3 Bildnachweis: Hannes Neubauer 2013

4 Bildnachweis: http://pedecogumelo.com/blog/fotomelo/a-arte-da-gambiarra-1/ , 2013

5 Bildnachweis: http://streetlanguage.blogspot.com.br/2011/04/como-se-diz-gambiarra-fazer-uma.html, 2013

6 Fred Paulino, Interview auf Webseite http://we-make-money-not-art.com, 2013

7 gostar = mögen / gefallen, gostoso = schmackhaft / Lustvoll

8 wörtliche Übersetzung: „der brasilianische kleine Weg“

9

http://mutgamb.org, 2013

10 Fred Paulino, Interview auf http://we-make-money-not-art.com, 2013

11 Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Oswald_de_Andrade, 2013

12 1. Ausgabe “Revista Antropofágica”, Sao Paolo, Mai 1928

13 Ricardo Rosa: “Gambiarra – alguns pontos para se pensar uma tecnologia”, Sao Paolo, ca. 2005

14 Vgl. Michel de Certeau, „Die Kunst des Handelns“, Merve Verlag, 1989

15

Felipe Fonseca in “catalogue gambiologistas”, Belo Horizonte, 2010

16 Ebd.

17 Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Claude_Levi-Strauss, 2013

18 Vgl. http://fischli-weiss.com/, 2013

19 Ricardo Rosa: Gambiarra –alguns pontos para se pensar uma tecnologia”, Sao Paolo, ca. 2005

20 Bildnachweis: „iPhone6: smartphone da Armadura“, Daniel Mansur, 2008 in „FACTA – Revista de

Gambiologia”, S.21, 2010

21 “Gambiarras – make do” von Michael Asbury, Essay über Cao Guimarães’ Ausstellung im Pharos Centre of

Contemporary Arts, in Cyprus – Griechenland, 2008

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