JESUS UND DER ISLAM

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JESUS UND DER ISLAM

7-Teilige Dokumentationsreihe von Gérard Mordillat und Jérôme Prieur

Dienstag, 8. dezember 2015 um 20.15 UHR

Mittwoch, 9. dezember um 22.20 UHR

Donnerstag, 10. dezember um 21.45 Uhr

Kommentar zum Koran von Tabari, persisches Manuskript, 6. Jhd. der Hidschra (13. Jhd.)

Foto: François Catonné © Archipel 33


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JESUS UND DER ISLAM 1

JESUS UND DER ISLAM

EINE DOKUMENTATIONSREIHE VON

Gérard Mordillat und Jérôme Prieur

EINE Koproduktion vON ARTE France und ARCHIPEL 33

Frankreich 2015, 7 x 52 MIN.

Erstausstrahlung

Es mag überraschen:

Jesus, Gründerfigur des Christentums,

ist im Koran eine herausragende Gestalt.

Warum? Und wie?

Diesen Fragen gehen die Autoren der Dokumentationsreihen

«Corpus Christi » und «Die Geburt des Christentums», Gérard Mordillat

und Jérôme Prieur, nach und analysieren mit Hilfe von 26 Wissenschaftlern

aus der ganzen Welt die Entstehung des Islam.

Sira von Ibn Hischam, Biographie des Propheten,

Manuskript, 6. Jahrhundert der Hidschra (13. Jhd)


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JESUS UND DER ISLAM 2

Vorwort

der FILMEMACHER

Die außergewöhnliche und umfangreiche

Fersehdokumentation vereint

zum ersten Mal die internationale

Elite der Religionswissenschaftler,

darunter eine Reihe renommierter

Islamwissenschaftler. Gemeinsam mit

ihnen untersuchen wir die Predigten

Mohammeds im Koran und in den

Schriften der Islamischen Literatur.

Fast niemand - weder unter den

Muslimen noch unter den Christen -

weiß, welch bedeutende Stellung Jesus

und Maria im Koran haben. Wie konnte

aus dem Juden aus Galiläa, der zum

Religionsgründer des Christentums wurde,

Anfang des 7. Jahrhunderts unserer

Zeitrechnung, «der Messias», «Sohn

der Maria» im Koran und zum letzten

Propheten vor Mohammed werden?

Ausgehend von der minuziösen Analyse

jedes einzelnen Wortes der Verse

157 und 158 der Koransure 4, die von

der «scheinbaren» Kreuzigung Jesu

berichten, erörtert die Dokumentationsreihe

nach und nach alle Fragen,

die diese beiden Verse sowohl in

theologischer, als auch in literarischer

und historischer Hinsicht aufwerfen.

Die Dokumentationsreihe arbeitet

die Gemeinsamkeiten der drei großen

monotheistischen Religionen heraus

und zeigt die Kontinuität ihrer Entwicklung

vom Judentum Moses’ über

Kommentar zum Koran von Tabari,

persisches Manuskript,

6. Jahrhundert der Hidschra (13. Jhd.)


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JESUS UND DER ISLAM 3

das Christentum Jesu auf. Sie befasst

sich mit der Entstehung des Islam in

einer heidnischen Region, die seinerzeit

stark von biblischen Einflüssen und

den christlichen Gemeinden Syriens

geprägt war.

Wie auch in unseren vorherigen Dokumentationsreihen

betrachten wir die

Textquellen als einzig verlässliche

Zeitzeugen. Dies ist der Grund,

warum wir uns bei unserer Analyse

ausschließlich auf diese stützen.

Die kritische Auseinandersetzung mit

den Schriften und mit der Geschichte

verlangt vor allem den Wissenschaftlern

Islamischer Tradition Mut ab, wenn

es darum geht, Glaubensinhalte von

historischen Fakten zu trennen. Wie

die abendländischen Forscher mussten

sie die Texte in einen größeren Kontext

einordnen. Dazu mussten dogmatische

Ansätze und falsche Gewissheiten über

Bord geworfen werden. Denn wie

bei der Bibelexegese gibt es auch hier

keine definitiven Antworten, sondern

lediglich Fragen, die den Reflexionsprozess

vorantreiben. Manche Hypothesen

führen zu einem Konsens, während

andere kontrovers, manchmal sogar

polemisch diskutiert werden. Denn

zwischen den gängigen Vorstellungen

über den Islam und den Erkenntnissen

der Wissenschaft besteht manchmal eine

tiefe Kluft.

Gérard Mordillat - Jérôme Prieur

Kommentar zum Koran von Tabari,

persisches Manuskript,

6. Jahrhundert der Hidschra (13. Jhd.)


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JESUS UND DER ISLAM 4

Dienstag, 8. Dezemberum

Um 20.15 Uhr

FOLGE 1

DIE KREUZIGUNG

IM KORAN

Die Verse 157 und

158 der Koransure

4 handeln von der

Kreuzigung Jesu,

die hier jedoch ganz

anders dargestellt

wird als in der

christlichen Tradition:

Dem Text

zufolge schien es

allen Zeugen der

Kreuzigung nur so,

als sei Jesus getötet

worden. Waren

somit alle, die der

Szene beiwohnten,

einer Illusion erlegen?

Wurde jemand

anderes an Jesu

Stelle gekreuzigt?

Ist Jesus wirklich

am Kreuz gestorben?

FOLGE 2

DIE LEUTE

DES BUCHES

In der 4. Sure des

Koran erheben «die

Leute des Buches»,

wie in diesem Fall

die Juden in Medina

genannt werden,

den Anspruch, für

den Tod Jesu verantwortlich

zu sein.

Entgegen den

historischen Tatsachen

bezichtigen

sie sich, den Messias

gekreuzigt zu haben.

Warum dieser

Widerspruch, warum

diese Selbstbeschuldigung?

Warum

ist der Koran

der biblischen Überlieferung

gegenüber

einmal treu und an

anderer Stelle polemisch?

Folge 3

DER SOHN

MARIAS

Der Koran gesteht

Maria große Bedeutung

zu: Sie ist die

einzige Frau, die

mit Namen genannt

wird. Warum wird

Jesus im Koran

systematisch als

«Sohn Marias»

bezeichnet? Welche

Folgen hat diese

Bezeichnung, die

die «gewaltige

Verleumdung»

abzulösen scheint,

derer Maria Opfer

wurde? Und warum

wird Maria

als Aarons und

Moses’ Schwester

angesehen, obwohl

diese mehr als ein

Jahrtausend vorher

lebten?

Sira von Ibn Hischam, Biographie des Propheten,

Manuskript, 6. Jahrhundert der Hidschra (13. Jhd.)


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JESUS UND DER ISLAM 5

MITTwoch, 9. DezEMBEr

Um 22.20 Uhr

Donnerstag, 10. DezEMBER

Um 21.45 Uhr

FOLGE 4

DAS eXIL

DES PROPHETEN

Der Koran geizt

nicht mit Auskünften

über Jesus, die

Person Mohammeds

hingegen bleibt

schwer fassbar. Über

Mohammed verliert

der Koran erstaunlich

wenig Worte.

Welche Berichte

über Mohammed

sind historisch

belegt? Erklären

seine Aufrufe zum

Monotheismus sowie

seine Ankündigungen

der Endzeit

und des Jüngsten

Gerichts, dass er von

Mekka nach Medina

zog? Warum markiert

dieses Ereignis,

die sogenannte

Hidschra, den Beginn

der Islamischen

Zeitrechnung?

Ermöglicht es

die Unterscheidung

zwischen mekkanischen

Suren - denen,

die in Mekka offenbart

wurden - und

medinesischen Suren

- jenen, die in Medina

offenbart wurden?

Ist es möglich,

die Entstehung und

Abfolge der Koransuren

chronologisch

zu rekonstruieren?

FOLGE 5

MOHAMMED

UND DIE BIBEL

Der Koran nimmt

vielfach Bezug auf

den Tanach sowie

auf christliche Schriften,

insbesondere

die apokryphen

Evangelien. Woher

bezog Mohammed

dieses Wissen? Woher

kamen seine Bibelkenntnisse?

Hatte

er möglicherweise

einen oder mehrere

Informanten, wie es

der Koran nahelegt?

Die muslimische Tradition

betont, dass

der Islam aus einem

heidnischen Kontext

hervorgegangen

ist, doch deutet die

Erwähnung Jesu im

Koran nicht auch auf

jüdisch-christliche

Einflüsse hin?

FOLGE 6

DIE RELIGION

ABRAHAMS

Wollte Mohammed

eine neue Religion

gründen? Warum

gilt der Islam als

Religion Abrahams?

Warum situiert sich

Mohammed in der

langen Reihe der

Propheten gleich

nach Jesus? Stehen

die Namen von

Mohammed und

Jesus deshalb beide

auf dem Felsendom

in Jerusalem?

Warum wurde der

Islam als häretische

Strömung

des Christentums

betrachtet?

FOLGE 7

DAS BUCH

DES ISLAM

Im Koran wird

Mohammed

als Analphabet

vorgestellt, als

alleiniger Überbringer

der unverfälschten,

göttlichen

Botschaft des

Erzengels Gabriel.

Wie aber wurde der

Text dann verfasst?

Wie vollzog sich

der Schritt von der

mündlichen Überlieferung

zur schriftlichen

Aufzeichnung?

Wie kann

Mohammed also

als Autor des Koran

betrachtet werden?

Sira von Ibn Hischam, Biographie des Propheten,

Manuskript, 6. Jahrhundert der Hidschra (13. Jhd.)


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JESUS UND DER ISLAM 6

Stabliste

Buch und Regie .................. Gérard Mordillat und Jérôme Prieur

Produzent ............................. Denis Freyd

Eine Koproduktion ............. ARCHIPEL 33

ARTE France

Unité Société et Culture

Martine Saada

Beratung

Bernard Comment

Redakteur ARTE France

Mark Edwards

Redakteur ARTE G.E.I.E.

Prof. Peter Gottschalk

Kamera.................................... Paco Wiser, François Catonné a.f.c.

Ton ........................................... Frédi Loth

Manuela Morgaine

Schnitt..................................... Sophie Rouffio

Regieassistenz ..................... Roy Arida

Schnittassistenz .................. Jérémie Rouffio

Produktionsleitung ............ Aude Cathelin, Fatma Tarhouni

Postproduktionsleitung ....... Véronique Troyas

Mit den Stimmen von........ Nina Hoss und Hansi Jochmann

Übersetzung.......................... Claudia Preuschoft

Künstlerische Beratung..... Agnes Karow

Wissenschaftliche

Beratung................................. Dr. Ines Weinrich

................................................... Prof. Holger Zellentin

Mit freundlicher Unterstützung

des Centre national de la cinématographie et de l’image animée

von Procirep und Angoa und

der Bibliothèque nationale de France

et de la Bibliothèque municipale de Lyon

Koran, Manuskript,

1. Jahrhundert der Hidschra (7.-8. Jhd.)


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JESUS UND DER ISLAM 7

DIE WISSENSCHAFTLER

Aziz Al-Azmeh

Central European University,

Budapest, Ungarn

Mohammad Ali Amir-Moezzi

École Pratique des Hautes Études,

Paris, Frankreich

Mehdi Azaiez

Theologische Fakultät und Institut für

Religionswissenschaften, KU Leuven, Belgien

Dominique Cerbelaud

Abtei Boscodon, Frankreich

Jacqueline Chabbi

Université Paris VIII, France

Abdelmajid Charfi

Universität Manouba, Tunesien

Patricia Crone

Institute for Advanced Study, Princeton, USA

François Déroche

Collège de France, Paris

Hichem Djaït

Kunst- und Wissenschaftsakademie Beit al-

Hikma,

Karthago, Tunesien

Guillaume Dye

Freie Universität, Brüssel, Belgien

Emran El-Badawi

University of Houston, USA

Claude Gilliot

Université d’Aix-Marseille, Frankreich

Sidney H. Griffith

The Catholic University of America,

Washington, USA

Asma Hilali

The Institute of Ismaili Studies, London, UK

Frédéric Imbert

Université d’Aix-Marseille, Frankreich

David Kiltz

Berlin-Brandenburgische Akademie der

Wissenschaften, Deutschland

Yousef Kouriyhe

Freie Universität Berlin, Deutschland

Michael Marx

Berlin-Brandenburgische Akademie der

Wissenschaften, Deutschland

Suleiman Ali Mourad

Smith College, Northampton, USA

Angelika Neuwirth

Freie Universität Berlin, Deutschland

François-Xavier Pons

EEChO, Civilisations proches-orientales,

Frankreich

Gabriel Said Reynolds

University of Notre Dame, USA

Christian Julien Robin

CNRS, Akademie der Inschriften und Literatur,

Paris, Frankreich

Guy Stroumsa

Hebrew University of Jerusalem,

Israel & University of Oxford, UK

Shawkat M. Toorawa

Cornell University, Ithaca, USA

Holger Zellentin

The University of Nottingham, UK

Manuskript, 9. Jahrhundert der Hidschra, Iran (16. Jhd.)


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JESUS UND DER ISLAM 8

SURE IV

Vers 157 und 158

Ausgangspunkt der Untersuchung von Gérard Mordillat und Jérôme Prieur zur

Entstehung des Islam sind die Verse 157 und 158 der Koransure 4. Sie werden immer

wieder in arabischer Sprache zitiert. Zum besseren Verständnis finden Sie hier zwei

Übersetzungsvarianten dieser beiden Verse:

Hartmut Bobzin

Der Koran. Aus dem Arabischen

neu Übertragen von Hartmut

Bobzin unter Mitarbeit von

Katharina Bobzin

(CH Beck 2010)

(157) ...und weil sie sprachen: «Wir

haben Christus Jesus, den Sohn Marias,

den Gesandten Gottes, getötet!» Aber

sie haben ihn nicht getötet und haben

ihn auch nicht gekreuzigt. Sondern es

kam ihnen nur so vor. Siehe, jene, die

darüber uneins sind, sind wahrlich über

ihn im Zweifel. Kein Wissen haben sie

darüber, nur der Vermutung folgen sie.

Sie haben ihn nicht getötet, mit Gewissheit

nicht, (158) vielmehr hat Gott ihn

hin zu sich erhoben. Gott ist mächtig,

weise.

RUDI PARET

Der Koran

(Kohlhammer 2007)

(157) ...und (weil sie) sagten: «Wir haben

Christus Jesus, den Sohn der Maria und

Gesandten Gottes, getötet.» - Aber sie

haben ihn (in Wirklichkeit) nicht getötet

und (auch) nicht gekreuzigt. Vielmehr

erschien ihnen (ein anderer) ähnlich

(so daß sie ihn mit Jesus verwechselten

und töteten). Und diejenigen, die über

ihn (oder: darüber) uneins sind, sind im

Zweifel über ihn (oder: darüber). Sie

haben kein Wissen über ihn (oder: darüber)

gehen vielmehr Vermutungen nach. Und

sie haben ihn nicht mit Gewißheit getötet

(d.h. sie können nicht mit Gewißheit sagen,

daß sie ihn getötet haben).

(158) Nein, Gott hat ihn zu sich (in den

Himmel) erhoben. Gott ist mächtig und

weise.

Koran, Manuskript, 8. Jahrhundert der Hidschra,

Spanien oder Maghreb (15. Jh.)


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JESUS UND DER ISLAM 9

EIN GESPRÄCH mit

GÉRARD MORDILLAT UND JERÔME PRIEUR

ZU IHRER NEUEN DOKUMENTATIONSREIHE

konkreten Fall um die Verse 157 und 158 der

Koransure 4. Diese Aufgabe erfordert ganz

spezielle Fähigkeiten. Und es musste eine

gemeinsame Wellenlänge da sein. Das heißt

nicht, dass man zwangsläufig der gleichen

Meinung sein sollte, nein, aber man sollte

während der Dreharbeiten gemeinsam diskutieren

können.

Wie sind Sie auf die Idee zu diesem Projekt

über Jesus und den Islam gekommen?

G.M. : Wer sich eingehender mit dem Koran

beschäftigt, wird zu seiner Überraschung

feststellen, dass Jesus darin nicht nur

erwähnt wird, wie die meisten von uns ja

mehr oder weniger wissen, sondern einen

sehr großen Raum einnimmt. Das war für uns

eine Überraschung, als wir vor nunmehr fast

vier Jahren mit den Vorbereitungen zu dieser

Reihe begannen.

J.P. : In den letzten Jahren wurden wir ständig

gefragt: «Wann beschäftigt ihr euch mit

dem Koran?» Und wieder gab uns die Figur

Jesus den Anstoß. Sie war der Grund für uns,

eingehender zu recherchieren. Und zwar

nicht zum Islam selbst – die Reihe sollte sich

ja nicht um die Vielfalt des Islam drehen, das

wäre ein völlig übertriebenes Vorhaben

gewesen – sondern zur Entstehung des Islam,

wobei wir uns sehr eng an den Wortlaut

des Koran hielten.

Wie haben Sie Ihre Gesprächspartner ausgewählt?

G.M. : Zunächst einmal haben wir sehr viel

gelesen. Anschließend haben wir mit den

Forschern persönlich gesprochen und dabei

versucht, einzuschätzen, inwiefern unsere

Gesprächspartner der höchst sensiblen

Aufgabe gewachsen waren, laut zu denken.

Sie sollten schließlich keine Vorlesung halten,

sondern anhand einiger Worte, die wir den

Forschern vorlegten, eigene Gedanken entwickeln

und formulieren. Dabei ging es im

J.P. : Heute stehen sich in der Koranwissenschaft

zwei Gruppen fast unversöhnlich gegenüber:

die Traditionalisten und die seltsamerweise

sogenannten «Revisionisten». Mit

diesem irreführenden Begriff werden vor allem

Islamforscher der amerikanischen Schule

bezeichnet, die der Auffassung sind, dass

sich die Geschichte des Koran nicht

ausschließlich aus indigener Perspektive

verstehen lässt. Unter diesen Forschern findet

man einige der intelligentesten Köpfe,

die sich nicht mit populärwissenschaftlichen

Erläuterungen zufrieden geben und die intellektuelle

Debatte bereichern.

G.M. : Es war uns wichtig, dass unsere Gesprächspartner

aus der ganzen Welt stammen.

Wir wollten damit verdeutlichen, dass

die Islamwissenschaft nicht nur auf einem

Kontinent, sondern überall auf der Welt betrieben

wird. Diese Reichweite wiederum

sollte und musste sich in unseren Augen in

der Stimmenvielfalt widerspiegeln. Darauf

haben wir großen Wert gelegt. Zumal sich

durch die Gegenüberstellung von Sprachen

viele interessante Aspekte ergeben. Deshalb

war es auch beim Schnitt wichtig, das richtige

Gleichgewicht zwischen den einzelnen Sprachen

zu finden.

J.P. : Anders als wir zunächst vermuteten -

denn anfangs waren wir ja vergleichsweise

unwissend - fanden wir uns vor vier Jahren,

als wir mit dem Projekt begannen, in einer

Art «Goldenem Zeitalter» wieder, was die

Reflexion über den Koran und die Ursprünge

des Islam angeht. Zur Zeit gibt es einige

hochbegabte Senior-Wissenschaftler, die

schon seit vielen Jahren tonangebend sind.

Doch es gibt mittlerweile in der ganzen Welt

auch eine Reihe junger Forscher, die sich

dem Thema mit einer absolut faszinierenden

intellektuellen Verve nähern. Unter ihnen

gibt es - wenn man dies mit den Experten

des Christentums vergleicht - viele Frauen.


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JESUS UND DER ISLAM 10

G. M.: Da ist eine ganze Generation junger

Forscher und Historiker am Werk. Einige

von ihnen kommen selbst aus der muslimischen

Kultur, sind vielleicht sogar bekennende

Muslime, das weiß ich nicht genau.

Der Islam leidet sehr darunter, dass er

sich ohne jede Kritik entwickelt und seine

Perspektive deshalb nicht erweitert hat. Die

textkritische oder historisch-kritische Arbeit

– die im Übrigen nicht das Geringste mit

Glaubensfragen zu tun hat – erfordert, dass

man den Koran wie einen herkömmlichen

Text liest und dann versucht die historischen

Umstände zu erforschen und zu verstehen,

die zur Entstehung dieses Textes geführt

haben.

Welcher dokumentarischen Hilfsmittel

bedienen Sie sich?

J. P.: Als wir vor 20 Jahren mit «Corpus

Christi» unsere gemeinsame Arbeit über Religion

begannen, beschlossen wir auf alles zu

verzichten, was mit Illustrationen und bildhaften

Darstellungen zu tun hat, und uns

ausschließlich auf die Reflexion, das Wort

und die Porträtierkunst zu beschränken. Wir

interessieren uns beide sehr dafür, Forscher

aus der ganzen Welt zu filmen und erschaffen

so eine Art imaginäre Gemeinschaft, die

nur in unseren Filmen existiert. Dabei gehen

wir so vor, dass wir alle Forscher nach einem

gemeinsam entwickelten, vorab festgelegten

Raster befragen, um ein und dieselbe Fragestellung

auf möglichst unterschiedliche

Art und Weise und aus möglichst unterschiedlichen

Blickwinkeln beleuchten zu

können.

G. M.: Von dem Moment an, als wir die Verse

157 und 158 der 4. Koransure als Forschungsobjekt

festgelegt hatten, wurden die Dinge

klarer. Wir analysierten jedes einzelne Wort

und konnten so das Ganze steuern. So wird

der Name Jesu in dieser Sure auf eine bestimmte

Weise geschrieben, obwohl man

meinen könnte, dass er ganz anders geschrieben

werden müsse. Warum? Jedes einzelne

Wort war wichtig und ermöglichte die

Entwicklung eines neuen Gedankengangs.

Und genau das haben wir mit den Forschern

gemacht. Wir haben versucht, sie dazu zu

bewegen, laut über den Text und nur über

den Text nachzudenken, und zwar so ausführlich

wie möglich. Wenn ich sage nur über

den Text meine ich damit nicht nur den Koran,

sondern auch andere Texte. Denn natürlich

muss man die Spur zu späteren muslimischen

Texten verfolgen bzw. in der christlichen Literatur

und in den Apokryphen forschen, um

Vergleichselemente zu finden, die helfen, die

Entstehung des Ganzen besser zu verstehen.

J. P.: Es ist immer faszinierend zu sehen, dass

selbst bei einem vorgegebenen Gesprächsraster

jeder Dreh eine gewisse Spannung in

sich birgt, die den vorgegebenen Rahmen

zwangsläufig sprengt. Dann nehmen die

Dreharbeiten den Schnitt in gewisser Weise

auch vorweg. Die Geschichte, die in jedem

der Filme erzählt wird, entsteht buchstäblich

im Verlauf der einzelnen Gespräche. Je nachdem,

welche Antworten man erhält, kann

man bei den Dreharbeiten sehr viel weiter

gehen, als man zuvor gedacht hätte. «Wer

ist der Verfasser des Koran?», ist beispielsweise

eine Frage, die die Fachwelt entzweit.

Unsere Vorgehensweise ermöglicht es, den

sensationslüsternen Aspekt eines Gesprächs

über dieses Thema auszuklammern. Denn es

handelt sich nicht einfach nur um ein Frageund-Antwort-Spiel,

sondern um eine wissenschaftliche

Auseinandersetzung, die die

einzelnen Forscher dazu bringt, weiter zu

denken, als sie vielleicht zuvor bereit waren.

Wir hätten nie eine Art TV-Debatte gewollt,

bei der mehrere Personen sich gemeinsam

über ein Thema streiten. Als ob die Summe

unterschiedlicher Standpunkte eine absolute

Wahrheit hervorbringen könnte. Das kann

nicht funktionieren, denn meistens hat derjenige

das Wort, der rhetorisch am stärksten

ist. Trotzdem zeigen auch unsere Filme

Debatten, Diskussionen und Streitgespräche.

Doch jeder Forscher erhält die Zeit, die er

braucht und wird getrennt von den anderen

Forschern befragt. Für jedes Gespräch nehmen

wir uns etwa einen Tag Zeit.

Was ist an dem Thema „Entstehung des

Islam» so besonders?

G. M.: Mit dieser Reihe haben wir uns natürlich

eines sehr heißen Eisens angenommen.

Warum? Weil der Koran dogmatisch als «unnachahmlich»

gilt, er kann nur kommentiert

werden. Man darf ihn nur rezitieren, sodass

aus theologischer – oder sagen wir politischtheologischer

– Sicht das Lesen des Koran

als herkömmlichen Text und der Versuch einer

textkritischen Analyse, um zu verstehen,

woher der Koran oder ein bestimmter Teil

davon stammt, wie er aufgebaut ist und wie

sich das Ganze darstellt, aus Sicht des muslimischen

Dogmas zwangsläufig als Blasphemie

gedeutet wird. Aus diesem Grund ist es

natürlich ein brisantes Thema, doch zugleich

glaube ich, dass wir auf diese Weise genau

diese Mauer des Unwissens einreißen können,

die von Fundamentalisten in aller Welt immer

weiter verstärkt wird. Egal ob Muslime,

Katholiken, Juden oder welche Glaubensgemeinschaft

auch immer – man stellt es immer

so dar, als sei Intelligenz der natürliche Feind

des Glaubens.


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JESUS UND DER ISLAM 11

J. P.: Tatsächlich liegt heutzutage über dem

Koran eine Art bleierner Mantel, der es

erschwert, aus historischer Sicht darüber

zu sprechen. Wir ergreifen mit unserer Arbeit

weder Partei für noch gegen den Islam.

Unser Ziel ist nicht apologetischer Natur. Es

geht uns nur darum, über die Geschichte

eines Textes nachzudenken, zu verstehen,

welche Bedürfnisse er erfüllt, wie er genutzt

wurde, welche Einflüsse sich darin niedergeschlagen

haben. Man muss stets versuchen,

den Text aus seiner jeweiligen Zeit heraus zu

verstehen. Es liegt uns fern, irgendwelche

Wahrheiten zu postulieren. In dieser Serie

werden – wie in den vorangehenden Serien

auch – deutlich mehr Fragen aufgeworfen

und Hypothesen aufgestellt als Gewissheiten

verkündet: Hypothesen, die es zu prüfen

gilt, Arbeitshypothesen, einander widersprechende

Hypothesen, denn die befragten

Forscher kommen nicht nur aus unterschiedlichen

Ländern und Religionsgemeinschaften,

sondern auch aus unterschiedlichen wissenschaftlichen

Disziplinen und Kulturen. In

dieser Serie kommen Experten für islamische

Frühgeschichte, Philologen, Experten für die

Geschichte des rabbinischen Judentums, Experten

für die Geschichte des östlich-orthodoxen

Christentums, Epigraphisten, Koranhistoriker

und viele andere zu Wort.

Koran, persisches Manuskript,

9. Jahrhundert der Hidschra (16. Jhd.)

Dank ihrer Hilfe können wir zeigen, wie reich

der Text des Koran ist und was er uns über

das Leben im Arabien des 7. Jahrhunderts

verrät. Dass wir Filmemacher geworden sind,

liegt schließlich auch daran, dass wir uns so

sehr für Texte interessieren.

Das Interview führte Roy Arida

DIE AUTOREN

UND REGISSEURE

Gérard Mordillat

UND Jérôme Prieur

haben gemeinsam mehrere

Dokumentationen realisiert:

› Die wahre Geschichte von Artaud

le Mômo - 1993 - 170 Min.

› Corpus Christi - 1997/98 - 12 x 52 Min.

› Die Geburt des Christentums

2003 – 10 x 52 Min.

› Die Apokalypse - 2008 - 12 x 52 Min.

Gérard Mordillat und Jérôme

Prieur arbeiten jedoch nicht nur als

Filmemacher, sondern sind auch die

Autoren verschiedener Bücher:

› Corpus Christi, enquête sur les

évangiles, 1997, Mille et une nuits /

ARTE éditions

› Jésus contre Jésus, 1999, Seuil

et Points Seuil

› Jésus, illustre et inconnu, 2000,

Desclée de Brouwer et Albin Michel

› Jésus après Jésus, essai sur l’origine

du christianisme, 2004, Seuil et

Points Seuil

› Jésus sans Jésus, la christianisation

de l’Empire romain, 2008, Seuil /

ARTE éditions et Points Seuil

› Jésus selon Mahomet, in Arbeit

Seuil / ARTE éditions


DIE DVD ZUR DOKU-REIHE ist ab dem

2. DEZEMBER 2015 im Handel Erhältlich.

JESUS UND DER ISLAM

Sprache: Französisch, Englisch, Deutsch

Preis: ca. 40 Euro

In Arbeit

jésus selon mahomet

Ein Buch in französischer Sprache von

gérard mordillat und jérôme prieur

coédition ARte éditions/ le seuil

280 Seiten, ca. 21 EURO

Mehr zum Thema finden Sie zeitgleich zur Ausstrahlung auf INFO.ARTE.TV. Neben Hintergrundinformationen

und Videos zum Thema Christentum und Islam wird dort eine Auswahl

der Werke von Gérard Mordillat und Jérôme Prieur aus ihren vorherigen Dokumenationsreihen

«Corpus Christi», «Die Geburt des Christentums» sowie «Die Apokalypse» zum kostenlosen

Streaming bereit gestellt.

arte geie

4 quai du chanoine winterer

67000 strasbourg

PRESSEKONTAKT:

Vera BERGER

Vera.Berger@ARTE.TV

Tel. 0033 388 14 24 18

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