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1 Das moderne

1 Das moderne Anforderungsprofil des Fußball-Torwarts 1.1 Grundannahmen Als mitspielender Torwart leitet der moderne Torhüter als erster Angreifer das Aufbauspiel bzw. den Konter der eigenen Mannschaft ein und verhindert durch effektive Abwehraktionen Torchancen des Gegners bereits in der Entstehung. Es sind fußballerische Fähigkeiten gleichermaßen gefragt wie intelligentes Spielverständnis und Übersicht. Insbesondere das Mitspielen hinter einer Abwehrkette verlangt der neuen Torwartgeneration à la Manuel Neuer ein hohes Maß an technischen und taktischen Fähigkeiten ab, insbesondere Fähigkeiten eines guten Feldspielers. „Im Zuge einer Dreier- oder Viererkette übernimmt der Torhüter quasi die Funktion eines ‚Ersatz-Liberos‘, indem er Steilpässe abläuft, eine Anspielstation nach hinten ist (vor allem bei konsequentem Pressing des Gegners) und seine Vorderleute mit klaren Kommandos dirigiert. Die Zeiten, in denen ein Torhüter auf der Torlinie oder kurz davor verharren und sich auf die nächste ‚torhüterspezifische‘ Aktion konzentrieren konnte, sind längst vorbei. Stattdessen muss eine heutige Nummer 1 in fast jeder Situation ‚mitspielen‘ und – mit kalkulierbarem Risiko – weit vor seinem Tor agieren“ 2 . Zahlreiche aktuelle Statistiken und Spielanalysen zum Torwart, insbesondere aus Süddeutschland, Baden-Württemberg spricht z. B. bei der Gegenüberstellung von Defensiv- zu Offensivaktionen gar vom „Torspieler“ und hebt somit den scheinbaren Gegensatz von Feldspieler und Torwart auf, untermauern diesen Trend zum sogenannten mitspielenden Torwart, der sich jedoch bei genauerer Betrachtung als schon lange bekannte Erkenntnis erweist: Der Torhüter hat im Spiel eine weitaus höhere Anzahl von Offensiv- als Defensivsituationen zu bewältigen. In Zahlen formuliert bedeutet dies ungefähr 70 % Offensivzu 30 % Defensivaktionen 3 . Schon Roland Loy kommt bei seiner umfassenden und bekannten Auswertung von Handlungen eines Torwarts bei Profi- und Amateurspielen im Fußball jedoch bereits Ende der 80er bzw. Anfang der 90er Jahre zu der Erkenntnis, „dass von den 2.906 beobachteten Aktionen in 45 exemplarisch untersuchten Spielen 1.920 (66,1 %) auf die Offensive und 986 (33,9 %) auf die Defensive entfielen. Demzufolge bezog sich die Mehrzahl aller ballgebundenen Spielhandlungen der Schlussleute auf den Spielaufbau 4 . Sicherlich hat sich die Qualität der mitspielenden Elemente im Vergleich zu früher sehr gewandelt bzw. sind in ihrem Anspruch an den Torwart gestiegen (z. B. höheres Tempo der Spieleinleitung oder neue Abschlagtechniken wie der Hüftdrehstoß) doch „auch wenn die Aktionsdichte der Defensiv- gegenüber der Offensivaktionen insgesamt geringer ausfällt, ist die qualitative Bedeutung für den Spielausgang keinesfalls geringer, sondern wenigstens gleichwertig oder sogar höher einzuschätzen, da eine defensive Fehlaktion den Spielerfolg unmittelbar beeinflusst“ 5 . Wesentlich innovativer und bisher kaum berücksichtigt sind in diesem Zusammenhang hingegen die wissenschaftlichen Erkenntnisse und Statistiken zur räumlichen Verteilung von Torschüssen und Torerfolgen sowie die vernetzte Betrachtungsweise in Bezug auf den Standpunkt des Schützen. Von welchen Standpunkten aus fallen die meisten Tore? Aus welcher Entfernung werden die meisten Torschüsse ausgeführt? Welche Schüsse kommen fast gar nicht vor? Wo schlagen die Bälle im Tor genau ein? Zum einen sind diese Analysen so spannend, da sie bisher noch keinen nachhaltigen Platz in die Trainings- und Spielphilosophien des Torhüters in Form eines ganzheitlichen Modells gefunden haben und zum anderen, weil seine ursprüngliche Aufgabe und Pflicht auch weiterhin darin bestehen wird, durch eine exzellente Torverteidigung Gegentore zu verhindern. Auch Frans Hoek kommt ähnlich wie oben Jörg Daniel zu der Erkenntnis, dass „sich der Aktionsradius des Torhüters bis weit über den Strafraum ausgedehnt hat, jedoch seine vorrangige Aufgabe bestehen bleibt, nämlich Tore zu verhindern“ 6 . Aus dieser Sicht heraus wäre es doch ein fataler Irrtum, die Statistik zu den Offensivund Defensivaktionen rein quantitativ auf die Inhalte der Torwartausbildung bzw. des Torwarttrainings eins zu eins zu übertragen, d.h. zu 70 % Offensivak- 6 2 DFB 2005:18 3 vgl. DFB 2011 4 Loy 2006:422 5 Ferrauti et al. 2009:16 ff. 6 Hoek 1998:7

Interessant ist auch, dass fast alle Tore (86,64 Prozent) innerhalb des 16-Meter- Raumes entstehen.“ tionen und nur zu 30 % Tor- und Raumverteidigungsaktionen zu trainieren. Keine Frage, der moderne Torhüter ist ein mitspielender Torhüter, dennoch sind die unter qualitativen Aspekten entscheidenden Situationen im Spiel die „30 % Aktionen“, wo es darum geht, ein Tor zu verhindern. Ein Torhüter wird nur halb so viel für seine Mannschaft wert sein, wenn er das, was er sich nach vorne hin aufgebaut hat, nach hinten hin wieder einreißt. Unter normalen Bedingungen hat der Torwart im Spiel, insbesondere im Vergleich zu den Feldspielern, nur relativ wenige Aktionen in größeren zeitlichen Abständen zu bewältigen. Aber genau diese sind entscheidend. Qualität in den technischen Bewegungsabläufen ist ebenso gefragt wie automatisierte Handlungssicherheit bei allen taktischen Handlungsmustern. Dass moderne Torhüter und Torhüterinnen also mitspielen müssen, hat sich mittlerweile herumgesprochen und es gibt eine Unmenge an neuen Ansätzen für Training und Wettkampf zu diesem Thema. Rückpässe verarbeiten, erster Blick in die Tiefe, Konter einleiten, Steilpässe abfangen, den Rücken der Viererkette sichern usw. Was jedoch fehlt, ist ein anhand des Wettkampfes und den daraus resultierenden Erkenntnissen entwickeltes neues Torverteidigungstraining. Grundlage unserer Überlegungen sind zahlreiche wissenschaftlich fundierte, statistische Untersuchungen und Studien der letzten Jahre und Jahrzehnte, in denen nicht nur zusammen genommen weit mehr als 1.000 Spiele ausgewer- tet wurden, sondern auch sämtliche Alters- und Leistungsbereiche differenziert in die Endbetrachtungen eingeflossen sind. Beispielhaft seien hierbei die Untersuchungen von Roland Loy (Buch: Taktik und Analyse im Fußball Band 1 und 2), Rainer Vollnhals (Diplomarbeit: Anwendung von zeitlichen und räumlichen Modellen in der Sportstatistik) sowie Michael Rechner/Daniel Memmert (Fachartikel: Das technisch-taktische Anforderungsprofil des modernen Fußballtorwarts) genannt. Ergänzt wurden diese Analysen mit Auswertungen des Autors aus zahlreichen Aus- bzw. Fortbildungsveranstaltungen mit nationalen und internationalen Experten sowie eigenen Beobachtungen im Kontext der Ausbildung von Torhütern im Nachwuchs-Leistungszentrum von Fortuna Düsseldorf. Die Basis unseres gesamten Ansatzes und Trainingskonzeptes bildet die Haupterkenntnis aller Un- tersuchungen: „Man erkennt, dass die meisten Tore aus der Zone zwischen fünf und elf Metern entstehen. Interessant ist auch, dass fast alle Tore (86,64 Prozent) innerhalb des 16-Meter- Raumes entstehen“ 7 . Das oft zu beobachtende Torschusstraining im Rahmen des Mannschaftstrainings, welches leider immer noch eher von außerhalb des Strafraumes stattfindet, ist daher sowohl aus Sicht der Feldspieler als auch insbesondere des Torwarts weder Spiel nah noch Torwart spezifisch. Auch Ivankovic kommt in seiner umfassenden Analyse der WM 2014 zu dem Ergebnis, dass 88,8 % aller WM-Tore durch Abschluss-Aktionen innerhalb des Strafraums erzielt wurden 8 . Wie sollte demnach das richtige Verhalten von Torhütern im Strafraum aussehen? Wo und wie sollte er sein Stellungsspiel positionieren? Mit welchen Techniken und Handlungen hat er in welchen Situationen die größten Chancen, ein Gegentor zu verhindern? Schon Grehaigne und Taiana 9 haben in ih- rer Untersuchung mit dem Titel „Étude du placement des gardiens de but en fonction de l’origine du tir en football“ da- mals revolutionär „das Problem des richtigen Stellungsspiels des Torhüters 10 “ aufgegriffen. Schon vor über 20 Jahren kamen die beiden zu dem Ergebnis, dass das Stellungsspiel bei fast 70 % der Schüsse aus einem Abstand von 5,5 –11 m viel zu tief in der Nähe der eigenen Torlinie war (weniger als 3,7m von der Torlinie entfernt). „Aus den Ergebnissen haben die Autoren gefolgert, dass es notwendig erscheint, die ‚therorie traditionelle du placement des gardiens‘ (…) zu überdenken“ 11 . Dies ist bis dato leider immer nur in Ansätzen ohne die Entwicklung eines nachhaltigen Modells erfolgt. An diesem Punkt möchten wir unsere eigenen Überlegungen ansetzen. Einerseits soll die Theorie des optimalen Stellungsspiels auf neue Säulen gestellt werden, andererseits soll im weiteren Verlauf darauf aufbauend ein kombiniertes Trainingskonzept 7 Rechner und Memmert 2010:34 ff 8 vgl. Ivankovic 2014 9 Grehaigne und Taiana 1988 10 Loy 2006:419 11 Loy 2006:420 7

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