Das Erbe der Weltenspringer (Leseprobe 167 Seiten)

autor.klaus.hartmann

Klaus Hartmann

Das Erbe der

Weltenspringer


Copyright © 2015 Klaus Hartmann

Siedlung 4

17099 Datzetal

E-Mail: autor.klaus.hartmann@t-online.de

Alle Rechte vorbehalten

ISBN: 978-3-7386-1746-7

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Inhalt

Prolog 7

Erwachen 11

Training 47

Berufung 99

Seide 145

Detektiv 169

Jagdsaison 203

Sphäre 277

Kommission 301

Unglück 347

Harmonie 403

Geisterstunde 415

Verlust 465

Apokalypse 511

Neubeginn 529

Erzfeind 581


Prolog

»Sie werden mir kein Wort glauben«, sagte Frank zu Majok Wintherberg

und schaute ihm tief in die Augen. Hinter den Gläsern seiner trapezförmigen

Brille wirkten sie wie kleine braune Murmeln. Obwohl Wintherberg

ein selbstbewusster, weltmännischer Typ war – Frank meinte, eine

Spur Arroganz in seiner Mimik zu erkennen –, konnte er Franks Blick

kaum standhalten. Franks Ausstrahlung hatte eine fast greifbare Präsenz,

gütig und gewinnend einerseits, aber auch abgeklärt und auf eine

unbestimmte Art geheimnisvoll.

Frank hatte Wintherberg als Ghostwriter für seine Memoiren gewinnen

können. Einige Biografien namhafter Menschen aus Medienrummel

und Politikzirkus waren unter Wintherbergs Feder schon entstanden. In

diesem Bereich kam man an seinem Namen nicht vorbei. Es gab noch

einen anderen, privaten Grund, weshalb die Wahl auf ihn gefallen war,

den Frank aber gerne für sich behielt, um die Objektivität des Schreibers

nicht zu beeinträchtigen.

Wintherberg dachte daran, wie sich vor ein paar Tagen dieser Niemand

bei ihm gemeldet hatte, dessen Name ihm überhaupt nichts sagte.

Das einzig Besondere an ihm war sein Reichtum. Er hatte nicht mal einen

Eintrag bei Wikipedia, und Google spuckte nur zwei kuriose Geschichten

über ihn aus. Die eine ging um seine Millionen. Demnach hatte er im Jahr

2015 bei der Ziehung am Freitag bei Eurojackpot einen Volltreffer

gelandet und gleich am Samstag darauf den Lotto-Jackpot abgeräumt.

Irgendwie war bekannt geworden, dass beide Hauptgewinne an dieselbe

Person gegangen waren, was für reichlich Wirbel gesorgt hatte. Es

konnten jedoch keine Unregelmäßigkeiten nachgewiesen werden. Also

bitte! Zweimal den Jackpot an zwei aufeinanderfolgenden Tagen? Unmöglich!

Bei meinen Eiern: Da ist genial getrickst worden!

Und die andere Headline lautete: Multimillionär spielt Astronaut. Er

hatte sich in einen voll funktionsfähigen Raumanzug stecken lassen, weil

er immer Astronaut werden wollte, so, wie andere Jungs halt Baggerfahrer

sein wollen. Aber schon nach ein paar Minuten hatte er sich wieder

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ausholen lassen – wahrscheinlich Platzangst. Ziemlich dekadent, diese

Sache. Aber sonst gab es nichts über ihn. Er musste ein richtiger Langweiler

sein!

Erst hatte Wintherberg den Auftrag ablehnen wollen, doch die Arbeit

an der Biografie von Senator von der Kothe zog sich, aufgrund ständiger

Abwesenheit, ewig hin. Da hatte er sich gedacht, er könne so einen stinkreichen

eitlen Clown noch schnell dazwischenschieben. Er würde ein

bisschen über wilde Partys mit diversen Weibergeschichten, verwandtschaftliche

Beziehungsdramen und dunkle Finanzgeschäfte über

Schweizer Banken schreiben und dafür ein beachtliches Sümmchen

einstreichen.

Nun saß er hier in einer noblen Villa in Berlin Lichterfelde einem alten

Mann gegenüber, der ihn völlig in seinen Bann zog. Der leger in

sandfarbene Hanfhose und weißes Seidenhemd gekleidete weißhaarige

Greis schien mit seinen tiefblauen Augen direkt in seine Seele zu blicken.

Ein Mensch, dem man die Lebenserfahrung ansah; dem man nichts

vormachen konnte. Die gelangweilte Leere und die tiefe Traurigkeit, die

Wintherberg außerdem in diesen Augen zu sehen glaubte, standen in

krassem Gegensatz dazu. Frank Brechtberg ließ sich nicht so ohne

Weiteres einordnen. Vielleicht war er doch nicht so uninteressant, wie er

angenommen hatte?

Wintherberg schreckte hoch. Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass er

die ganze Zeit wie hypnotisiert in diese unergründlichen Saphire gestarrt

hatte. »Bitte? Was sagten Sie?« Er hob die dezente Brille mit der linken

Hand ein wenig an, griff mit Daumen und Mittelfinger der rechten Hand

in seine Augenecken und führte die beiden Gliedmaßen über die Nasenwurzel

streichend zusammen. Dann rieb er noch einmal nacheinander

über die Augen und setzte die Brille wieder auf die Nase.

Frank lehnte sich zu ihm herüber und sagte betont: »Ich sagte, Sie

werden mir nicht glauben, was ich zu erzählen habe. – Sie müssen mir

schon zuhören, wenn Sie für mich schreiben wollen.«

»Entschuldigung. Das wird nicht wieder vorkommen. Wenn Sie erlauben,

werde ich ab jetzt alles aufzeichnen.« Er beugte sich seitlich über

die umlaufende Lehne des kastanienbraunen Clubsessels, dessen Sitzpolster

diese Aktion mit einem Seufzen begleitete, und angelte seine

naturlederne Aktentasche vom Perserteppich. Die antiquierte Tasche

wollte so gar nicht zu seinem feinen grauen Anzug und den schwarzen

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Lackschuhen passen. Dafür passte sie um so besser zu dem altenglischen

Herrenzimmer mit der hohen Zimmerdecke aus Eichekassetten mit

sternförmigen Ornamenten. Ein dreitüriger Chesterfield Bücherschrank

aus Mahagoni mit wabenförmigen Scheiben stand, seitlich versetzt,

hinter der kleinen Sitzgruppe. Die Tür daneben war mit rotbraunem

Leder gepolstert und mit gut einem Dutzend lederbezogener Knöpfe

abgesteppt. Auch die Lehnenpolster der beiden Ledersessel waren an den

Innenseiten mit Knöpfen tief gesteppt. Vor den schräg zueinandergerückten

Sitzmöbeln stand ein rundes Mahagoni-Tischchen mit

schnörkellosen Beinen, die im unteren Drittel einer quadratischen

Ablage Halt boten.

Frank streckte seinen Arm nach dem Quast am Zugschalter der mittig

hinter den Sesseln wachenden Stehlampe aus. Der auf einer gedrechselten

Holzsäule thronende, mit Fransen geschmückte Schirm ließ ein

heimelig warmes Leuchten über die Sitzmöbel fließen.

Der Ghostwriter ließ sich wieder ins Polster sinken, welches stöhnend

ausatmete. Er öffnete die Mappe auf seinem Schoß und entnahm ihr ein

Diktiergerät, das aussah wie ein altmodisches Handy zur Jahrtausendwende.

Er schaltete es ein, startete die Aufnahme und legte es auf den

Tisch neben die Porzellan-Etagere mit filigranem Blumenmuster in Rot

bis Rosé, in der sich edles Konfekt befand.

Frank reckte den schrumpeligen Hals und starrte irritiert auf das

Display, auf dem die Sekunden zu zählen begonnen hatten. Sollte der

Profi etwa so alter Technik vertrauen?

»Keine Angst, Herr Brechtberg«, erriet Wintherberg die kritischen

Gedanken seines Gastgebers. »Mit diesem Gerät mache ich nur eine

zweite Aufzeichnung – zur Sicherheit.« Er tippte auf seinen Armband-

Kommunikator und sprach akzentuiert und übertrieben laut: »Tonaufzeichnung

ein.« Der Com interagierte mit der Datenbrille, die in

Wintherbergs Fall gleichzeitig eine Korrektur-brille für Kurzsichtigkeit

war, und blendete links oben im Sichtfeld kurz Audio ein, gefolgt von

einem rot blinkenden Punkt. Nun hatte er zwei Aufzeichnungen laufen,

falls die Technik doch einmal versagen sollte, wobei die Aufzeichnung auf

dem antiken Gerät mehr als zweifelhaft erschien. Das beunruhigte Frank

jedoch nicht, denn der Com war äußerst zuverlässig und fiel praktisch

nie aus. Deshalb verbuchte Frank das Gehabe mit dem alten Ding als

Marotte.

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»Herr Brechtberg, bitte nennen Sie zunächst Ihre persönlichen Daten,

bevor Sie mit Ihrer Lebensgeschichte beginnen.«

»Natürlich. Ich heiße Frank Brechtberg, bin am 12.05.1990 in Berlin

geboren und werde nächsten Monat zweihundert Jahre alt. Ich bin …«

»Momeeent«, stoppte Wintherberg Franks gerade begonnenen Redefluss.

»Niemand wird zweihundert Jahre alt, wenn ich Ihnen das auch

gönnen würde. Wenn Sie am 12. Mai 1990 geboren sind, dann werden

Sie … zweiundsiebzig Jahre alt, was man Ihnen übrigens nicht ansieht.«

»Danke, junger Mann«, sagte Frank Brechtberg. »Sie haben recht, ich

sehe jünger aus. Vielleicht wie einundsiebzigeinhalb.« Er zwinkerte seinem

Gegenüber schelmisch zu. »Mir ist klar, dass Sie mir zweihundert

Jahre nicht abnehmen. Sie werden mir vieles nicht glauben, wie ich

bereits erwähnte. Dennoch ist alles wahr, auch das Alter. Es ist nur eine

Frage des Zusammenrechnens.«

»Aber …«

»Glauben Sie, dass Sie schon einmal gelebt haben?«

»Ach so meinen Sie das. Sie glauben an die Wiedergeburt.«

»Wiedergeburt? Nein. Ich wurde, so weit ich weiß, nur einmal geboren

– wenngleich, wenn ich so darüber nachdenke, kann ich mir nicht

sicher sein.«

»Sie sprechen in Rätseln.«

»Haben Sie bitte Geduld mit mir. Sie werden es am Ende verstehen.«

»Ich will es versuchen. Machen wir also bei den Daten weiter, bitte.«

»Wenn Sie gestatten, beginne ich jetzt lieber dort, wo es interessant

wird. Alles andere werden Sie ganz nebenbei erfahren. Meine Erinnerung

ist übermächtig und sucht nach einem Ventil, besonders jetzt, da ich

mich schon darauf eingestellt habe, alles noch einmal zu erleben. Ja,

noch ein weiteres Mal …« Franks Blick rückte in weite Ferne. Er hatte sich

im Sessel zurückgelehnt und wirkte total entspannt. Jetzt schloss er auch

noch die Augen und seinem Gast blieb gar nichts anderes übrig, als zuzustimmen.

Einen langen Moment war es totenstill im Raum, während sich

die Erinnerungen verdichteten und eine längst vergangene Zeit auferstehen

ließen. Dann begann Frank leise zu sprechen:

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Erwachen

»Es begann an dem Tag, als ich im Park erwachte. Im Volkspark Hasenheide

war es, hier in Berlin. Es war ein kalter nebliger Morgen im März.

Ich wähnte mich in meinem Bett und hätte noch fast zwei Stunden

schlafen können, bevor ich zur Arbeit müsste, doch irgendetwas in

meinem Unterbewusstsein holte mich aus meinem Traum. Wie durch

Watte drang eine Geräuschkulisse in mein erwachendes Bewusstsein.

Geräusche, wie ich sie in meinem Schlafzimmer nicht erwarten würde.

Fernes Hundegebell; eine Fahrradklingel; Gesprächsfetzen; Schritte auf

knirschendem Untergrund. Ich hielt den Atem an und lauschte. Wieso

war es so kalt? Ich rollte mich ganz eng zusammen. Da ertönte eine

verhaltene Frauenstimme dicht bei mir: ›Hallo …?‹ Dann fordernder:

›Hallo! Was ist mit Ihnen?‹ Jemand rüttelte zaghaft an meiner Schulter.

Das konnte kein Traum mehr sein! Blinzelnd öffnete ich meine Lider und

blickte direkt in die großen, dunkel getuschten Augen einer etwa 35-

jährigen Frau mit leicht rundlichem Gesicht, die vor mir herabgebeugt

auf einer von Raureif überzogenen Wiese hockte.

Ich zuckte mit einem erschreckten Laut zurück, als blickte ich in das

aufgerissene Maul eines angreifenden Tigers. Mit einem geschmeidigen

Satz kam ich auf die Füße. Von meiner heftigen Reaktion erschreckt,

wich die Frau mit einem spitzen Schrei ebenfalls zurück. Dabei stolperte

sie über eine hochstehende Baumwurzel und landete beinahe auf ihrem

kleinen Westi, der wie verrückt zu bellen begann. Sie zog das kläffende

Hündchen zu sich heran und musterte mich auffällig von oben bis unten.

Wieso guckte die so? Als ich es bemerkte, fuhr mir der Schreck in die

Glieder. Ich war splitternackt! Meine Hände flogen nach unten vor meine

Blöße, was mich – im Nachhinein betrachtet – sicherlich lächerlich

erscheinen ließ. Ich spürte, wie das Blut warm in mein Gesicht schoss

und zumindest dort die Eiseskälte vertrieb. Mit den Händen im Schritt

drehte ich mich hektisch im Kreis. Die weitläufige Wiese knisterte dabei

frostig unter meinen nackten Füßen. Mein Kopf flog hin und her und

meine Augen erfassten in Sekunden alle Details um mich herum. Das

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schimmernde Weiß war einige Meter hinter der Frau von einem unbefestigten

Weg mittig durchzogen. Wenige ausladende, noch kahle Eichen

und Linden lockerten die ansonsten leer daliegende Fläche auf. In der

nebligen Dämmerung bildeten die im Hintergrund stehenden mächtigen

Laubbäume und das dichte Unterholz ringsherum eine unregelmäßige

schwarze Wand. Aus dieser Schwärze schälten sich in mehreren kleinen

Grüppchen bunt gekleidete Schulkinder heraus, die, herumalbernd und

sich gegenseitig schubsend, von rechts heranschlenderten.

Ich stand unter einer alten Eiche, die mir, zusammen mit dem ganzen

Gelände, trotz des schwachen Dämmerlichtes merkwürdig bekannt vor

kam. Plötzlich hatte ich Gewissheit. Meine umherirrenden Augen hatten

ein Herz mit Initialen entdeckt, eingeritzt in den borkigen Stamm des

stattlichen Baumes. K+F prangte da akkurat herausgearbeitet, und Amors

Pfeil hatte das Herz durchbohrt. Das war unser Platz! Ich stand an jenem

Platz im Volkspark Hasenheide, an dem ich mich früher oft mit meiner

ersten langjährigen Liebe Karin zum Klönen getroffen hatte. Gerade

hatte ich doch von ihr geträumt, oder? Seit einem Jahr war Schluss

zwischen uns. Sie hatte sich in einen anderen verliebt, zum Glück nicht

aus meinem kleinen Freundeskreis. Sie brauchte immer etwas Action

und wollte dumme Sachen machen, doch ich war für Karin einfach zu

bodenständig und langweilig. Die strenge und religiöse Erziehung des

katholischen Heimes, in dem ich als Vollwaise aufgewachsen war, konnte

ich nicht so leicht abschütteln. Ein Wunder, dass es mit uns überhaupt so

lange geklappt hatte.

Meine Finderin war längst wieder auf die Beine gekommen und sprach

mich mehrmals an. Ich registrierte ihren französischen Akzent, aber ihre

Worte drangen nicht in mein Bewusstsein. Das Blut rauschte in meinen

Ohren. Meine Sinne waren vernebelt wie im Fieber. Die Frau sprach in ihr

Handy – es berührte mich nicht. Die stehengebliebenen Passanten

registrierte ich kaum. Nur ein hagerer Mann blieb flüchtig in meinem

Gedächtnis, weil er mich fotografierte. Alles in meinem Kopf drehte sich

nur um eines: Was, in Teufels Namen, mache ich hier, wie kam ich her

und vor allem, wo ist der Ausweg aus dieser unmöglichen Situation? Da

erwachte so etwas wie ein Fluchtinstinkt in mir. Weglaufen! Der Gedanke

gewann an Einfluss. Ich machte einen – zwei Schritte rückwärts und

suchte gehetzt nach der Richtung, in die ich laufen könnte.

›So bleiben Sie doch stehen!‹, rief mir die Schwarzhaarige zu. ›Wohin

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wollen Sie denn, so nackt bei der Kälte? Ich will Ihnen ja nur helfen! – Da

kommt ja auch schon die Polizei.‹

Tatsächlich. Blauen Irrlichtern gleich, zuckten die Lichtkegel eines

herannahenden silberblauen Kleinbusses der Polizei vom Rand der Wiese

durch die dunstige Morgendämmerung. Die Frau hatte ja recht. Wohin

hätte ich laufen sollen? Nach Hause war es viel zu weit, noch dazu nackt!

Da gab ich innerlich auf. Die unglaubliche Anspannung fiel von mir ab.

Wie ein erbärmlich anzusehendes Fragezeichen musste ich wohl ausgesehen

haben, als ich so mutlos dastand. Jegliche Kraft hatte mich verlassen.

Zu allem Überfluss begann ich auch noch zu heulen wie ein

kleiner Junge.

›Ach Sie Armer‹, sagte die Fremde und hielt mir ein Taschentuch hin.

Ich nahm es und tupfte meine Augen trocken. Dass dabei meine Hände

nicht mehr dort waren, wo sie eigentlich sein sollten, bemerkte ich in

diesem Moment gar nicht.

Als meine Augen wieder klar waren, sah ich sie zum ersten Mal ohne

Panik offen an. Da geschah etwas Merkwürdiges. Unsere Blicke trafen

sich und ich versank in ihren erdbraunen Augen. Ein Schauer lief über

meinen Rücken, der nicht von der Kälte herrührte. Es war ähnlich wie bei

einem Déjà-vu. Ich hatte auf einmal das starke Gefühl, diese Frau mit

dem verschwenderisch unter ihrer grauen Vliesmütze hervorquellenden,

schwarz gelockten Haar zu kennen, mit ihr auf irgendeine Weise verbunden

zu sein. Es war so krass, dass für einen Augenblick die Zeit

stillzustehen schien und ich alles um mich herum vergaß. Und ich sah in

ihren Augen, dass es ihr ähnlich ging. Da war mehr als oberflächliche

Fürsorge für einen fremden jungen Mann in ihrem Blick. Sie sah mich an

wie einen guten Freund, ich möchte fast sagen, mit Liebe. Heute weiß

ich, was uns damals verband.«

Franks Augen wurden feucht.

»Sie war meine Halbschwester. Ich sah Amélie danach nur noch ein

einziges Mal lebend – jedenfalls in diesem Leben.«

Majok Wintherberg rollte unwillkürlich mit den Augen, war dann aber

froh, dass sein Kunde nicht darauf geachtet hatte.

»Es war ausgerechnet in einem Moment, in dem ich selbst dem Tod

ganz nahe war. Ich habe es überlebt, aber sie … Ich konnte sie nicht

retten.«

Frank ergriff das Taschentuch, welches Wintherberg bei der ersten

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sichtbaren Träne aus seiner Ledertasche gefischt hatte und ihm über den

Tisch reichte.

»Aber die eigentliche Tragik war …« Er tupfte die Tränen von den

Wangen. »Die eigentlich Tragik war, dass sie selbst – unwissentlich – die

Rettung vereitelt und damit viele Menschen mit in den Tod gerissen hat,

und beinahe auch mich.«

Geräuschvoll schnäuzte sich Frank, nachdem er erneut die Tränen

weggewischt hatte. Unvermittelt schlug er mit der Faust auf den Tisch.

Der Ghostwriter zuckte zusammen und schaute ihn irritiert an.

Mit schneidend erhobener Stimme presste Frank heraus: »Schuld

daran war dieser ignorante und einfältige Pope! Der Teufel soll ihn

holen!« Kaum hörbar fügte er hinzu: »Aber er ist ja auch nur ein Produkt

der Umstände …«

Während Frank erst einmal durchatmete und sich sein Blutdruck

wieder normalisierte, wurde die Tür geöffnet und der Bedienstete – er war

gekleidet wie ein englischer Butler – schob einen Servierwagen herein.

Mit seinen weißen Handschuhen stellte er zwei zur Etagere passende

Gedecke sowie ein Milchkännchen, eine Zuckerdose mit Würfelzucker

und silberner Zange sowie eine Schale mit Gebäck vor den beiden Männern

auf den Tisch. »Wünschen Sie noch etwas, Sir?«, fragte der Butler

steif und förmlich, den linken Arm hinter dem Rücken angewinkelt

haltend.

»Danke James, ich brauche Sie heute nicht mehr.«

»Aber Sir. Sie werden doch noch etwas zu Abend zu sich nehmen,

hoffe ich.«

»Wir werden hier noch lange sitzen, James. Ich kümmere mich dann

selbst um das Essen.«

»Das kommt gar nicht infrage«, widersprach James gar nicht mehr so

förmlich. »Ich werde das Abendessen im kleinen Speisesaal anrichten.

Schließlich haben Sie einen Gast.« Ohne eine Antwort abzuwarten, verließ

er, empört vor sich hinmurmelnd, das Herrenzimmer. Wintherberg

schaute seinen Gastgeber fragend an.

»Er heißt gar nicht James, aber er besteht darauf, so genannt zu

werden. Auch auf das Outfit will er nicht verzichten. Ich hab ihm einmal

vorgeschlagen, sich doch etwas bequemer zu kleiden. Da hat er die Nase

gerümpft und etwas gemurmelt, so wie eben auch. Es war irgendwas mit

Berufsehre, und ich schwöre, das Wort Banause herausgehört zu haben.

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Er hat so seine Eigenheiten, aber er ist eine Seele von Mensch. Ohne ihn

wäre ich ein noch griesgrämigerer Eremit geworden, als ich es ohnehin

schon bin. Er hat mir viel Zerstreuung gebracht und ich glaube, ich ihm

auch. Wir haben schon viel zusammen gelacht. So steif ist er nicht immer

und ich ersetze ihm leidlich seine Familie, so wie er es für mich tut.

Melissa, meine Tochter, kann ja nicht immer bei mir sein. Und Sandra …«

Er sprach nicht aus, was ihn bewegte. »Um so mehr tut es mir weh, James

bald im Stich zu lassen. Vielleicht nimmt ihn ja Melissa bei sich auf. Sie

hat ein großes Herz.«

Schon wieder war Frank schwermütig geworden, wie so oft im letzten

Jahr. Er gab sich einen Ruck. Er konnte sich jetzt nicht fallen lassen und

sich seinen Depressionen hingeben – nicht jetzt. »Probieren Sie die Florentiner«,

ermunterte er seinen Gast stattdessen. »Die sind ein Traum.«

»Danke.« Ohne mit der Wimper zu zucken, legte sich Wintherberg

gleich drei verschiedene kleine Gebäckstücke auf seinen Teller und

schenkte sich einen Kaffee ein. Er bemerkte, wie ihn Frank beobachtete

und fragte: »Essen Sie nicht? Kann ich Ihnen auch einen Kaffee

eingießen?«

»Danke«, sagte Frank, und schob seine Tasse etwas näher heran.

»Einen Kaffee nehme ich. Essen mag ich jetzt nichts. Alte Männer

brauchen nicht mehr so viel.«

Er hat merkwürdige Tischsitten. Oder, überlegte Frank weiter, hatte

Wintherberg jegliche Maske abgelegt und leistete sich den Luxus, einfach

nur authentisch zu sein?

Die Gedanken verdrängend, nippte er vorsichtig an seinem schwarzen

Kaffee und lehnte sich dann wieder zurück. Mit der rechten Hand auf

seinem Amulett, welches er unter dem Hemd auf der Brust trug, vertiefte

er sich wieder in seine Erinnerungen.

»Zwei Polizisten brachten mich, in eine kratzende Decke gehüllt, auf das

Revier. Während der kurzen Fahrt machten sie sich einen Spaß daraus,

die Good-Cop-bad-Cop-Nummer mit mir zu spielen, was mir allerdings

gar keinen Spaß machte. Polizeimeister Pollaczeck war ein Kerl wie ein

Schrank und riesengroß. Er meinte, wenn ich tatsächlich über so eine

lange Strecke geschlafwandelt sei, müsste ich doch schon von der Kälte

aufgewacht sein. Ich sähe auch gar nicht so erfroren aus. Der untersetzte

Haferbeck näselte durch seine unglaubliche Hakennase, ich sei nie und

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nimmer acht Kilometer nackt durch die Stadt gewandelt, was ich mir

ehrlich gesagt selbst auch nicht vorstellen konnte und was, wie ich bald

entdeckte, ja auch nicht so war. Ich sei sicherlich mit öffentlichen Verkehrsmitteln

gefahren und hätte mich im Park entkleidet, um mich

anderen Menschen nackt zu zeigen, urteilte Haferbeck. Meine Sachen

hätte ich da irgendwo versteckt. Ich protestierte. Der Hüne meinte, dann

hätte ich mich ja nicht irgendwo abseits hingelegt, wo eine Entdeckung

gar nicht sicher wäre. Hakennase wiederum führte aus, ich hätte das

vielleicht absichtlich so gemacht, damit ich nicht gleich als Exhibitionist

erkannt würde. Ich protestierte erneut, aber er sagte nur, ich sei nicht der

erste Perverse, den sie aufgegriffen hätten.

Ich war völlig demoralisiert, als mir Haferbeck im Hof des Polizeireviers

die hintere Tür öffnete, mich fest am Arm griff und in das

Gebäude führte. So ungefähr musste sich ein unschuldig Verurteilter

fühlen. Fehlten nur noch die Handschellen.

Das Gebäude machte einen altertümlichen Eindruck. Das Erdgeschoss

war aus Sandsteinquadern mit hohen Bogensprossenfenstern und

schmiedeeisernen Gittern. Nachdem Hakennase mit mir die gitterbewehrte

Sicherheitstür passiert hatte, die vom Pförtner elektronisch

geöffnet worden war, lag ein Flur mit ausgetretenen alten Steinplatten vor

mir. In regelmäßigen Abständen wurden die cremefarbenen Wände von

uralten braun lasierten Holztüren mit Ornamenten unterbrochen. Vor

der rechten Wand standen zwischen jeder Tür ebenso uralte Holzbänke

im gleichen Farbton, jedoch mit einem speckigen Glanz, der auf mich

irgendwie abstoßend wirkte. Das warme indirekte Licht, welches mich

vom Farbton an Kerzenschein erinnerte, vollendete den mittelalterlichen

Eindruck.

Auf einer der Bänke saß ein heruntergekommener Mann mit struppigem

halblangem Haar. Er trug einen schmuddeligen Anzug, der einmal

schwarz gewesen sein mochte, und darunter ein Hemd, welches ich nur

noch in die Tonne geworfen hätte. Genau genommen sah es so aus, als sei

es einer solchen entnommen worden. Es hing lose unter dem viel zu

kleinen Jackett heraus und unterstrich damit den erbärmlichen Anblick.

Seine geröteten glasigen Augen verfolgten jeden unserer Schritte. ›Hey

Exhibischonist‹, lallte er mich an, als wir auf seiner Höhe waren.

›Klappe halten, Suffkopp‹, sagte ein untersetzter Herr um die 55 Jahre,

der in diesem Moment, aus dem nächsten Dienstzimmer kommend, den

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Flur betrat. Sein kurzes Haar war graubraun meliert, der Vollbart gepflegt

und auf seiner Knubbelnase saß tief unten eine Lesebrille, über die er mit

wachen Augen hinwegschaute. Zur dunkelgrauen Hose trug er ein

hellbraunes Hemd mit einer im Schottenkaro rot karierten Anzugweste

darüber, aber kein Jackett.

›Na, Thorsten, wen hast du denn da aufgegabelt?‹, fragte er mit leicht

schnarrender Bariton-Stimme.

Haferbeck stellte mich vor und erklärte ihm kurz den Fall, woraufhin

er eine seiner buschigen Augenbrauen hochzog und anordnete, mich in

sein Zimmer zu setzen. Er käme gleich wieder. Haferbeck führte mich in

das Dienstzimmer, welches überraschend hell und modern wirkte. Auf

dem hellbeigen Schreibtisch stand ein Flachbildschirm mit einer Tastatur

davor. Ich hätte nach dem vorherigen Eindruck mit einer alten schwarzen

Schreibmaschine auf einem dunklen Eichensekretär gerechnet.

Ich sollte mich auf einen der beiden Stühle vor dem Schreibtisch

setzen. Als Haferbeck das Zimmer verlassen wollte, hielt ich ihn auf und

bat um Kleidung, die sie doch sicherlich für solche Fälle hätten. Er

versprach, sich darum zu kümmern.

Nachdem seine Schritte auf dem Flur verklungen waren, machte sich

eine unerwartete Stille breit. Mein Blick wanderte über das prall gefüllte

Aktenregal an der gegenüberliegenden Wand, meine Gedanken jedoch

versuchten, sich eine Erklärung für diesen peinlichen Vorfall zurechtzustricken.

Doch schon nach einer Minute näherten sich wieder Schritte.

Der Polizist in zivil von eben kam herein und setzte sich auf seinen

ledernen Chefsessel, was ein furzähnliches Geräusch verursachte.

›Entschuldigung – der Stuhl …‹, sagte er. ›Ich bin Kommissar Gurker.

Sie bekommen gleich Kleidung.‹ Ich bedankte mich.

Herr Gurker zog die Tastatur zu sich heran und tippte eine Weile

schweigend darauf herum, immer nur wenige Tasten. Es dauerte … Ich

wunderte mich, wieso sich ein Kommissar mit mir befasste. Ich dachte

immer, die ermitteln nur bei Verbrechen. So jedenfalls kannte ich es aus

Krimis.

Gerade, als ich dachte, der Kommissar hätte mich vergessen, sagte er

unvermittelt: ›So, Herr Brechtberg. Wir schreiben jetzt ein Protokoll und

dann sind Sie ganz schnell wieder zu Hause.‹

Die Vernehmung lief dann ungefähr so ab:

›Sie heißen also Frank Brechtberg?‹

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›Ja.‹

›Haben Sie noch weitere Vornamen oder einen Titel?‹

›Nein.‹

›Wo wohnen Sie?‹

›Michael-Bohnen-Ring 33.‹

›Hier in Berlin?‹

›Ja.‹

›Welche Postleitzahl ist das?‹

›12057.‹

Die Tür ging auf, ein Beamter mit diverser Kleidung auf dem Arm kam

herein und legte alles auf den freien Sperrholzsitz des Stuhles neben mir.

Er meinte, da müsste was Passendes dabei sein, und verschwand wieder.

›Ziehen Sie erst mal was an‹, sagte Gurker.

Ich stand auf und suchte mir umständlich mit einer Hand eine

Jogginghose, ein T-Shirt und einen warmen Pullover raus, während ich

mit der anderen Hand die Decke zusammenhielt. Unterwäsche gab es

nicht, auch keine Socken. Ich machte Anstalten, die Decke abzulegen.

Der Kommissar starrte mich sekundenlang an. Er wusste mein Zögern

nicht zu deuten, bis bei ihm endlich der Sechser fiel und er sich

demonstrativ umdrehte. Damals war ich übermäßig verschämt. Mit

Nacktheit hatte ich im katholischen Kinder- und Jugendheim nie

umzugehen gelernt.

Die Decke glitt zu Boden und ich schlüpfte in die Kleidung. Bei den

Filzschlappen zögerte ich. Wer wusste, wie viele Käsemauken da schon

vor mir drinnen waren? Aber meine eiskalten Füße ließen mich die

Bedenken vergessen. Fertig angezogen fühlte ich mich selbstsicherer und

nicht mehr so angreifbar und ausgeliefert. Jetzt würde schon alles wieder

gut werden.

›Machen wir weiter‹, sagte Gurker. ›Geburtsdatum?‹

›12. Mai 90.‹

›Also 25 Jahre alt.‹

›Ja.‹

›Mein Sohn ist auch 25.‹

Ich brummte nur ein leises ›Hm.‹ Was interessierte mich sein Sohn?

Ich wollte jetzt endlich nach Hause.

›Geburtsort?‹

›Auch Berlin.‹

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›Beruf?‹

›Mechatroniker.‹

›Autos?‹

›Genau.‹

›Wo arbeiten Sie?‹

›Bei Pit-Stop.‹

›Bei Pit-Stop?‹, fragte er enthusiastisch. ›In der Sonnenallee vielleicht?‹

›Genau dort.‹

›Da ist ein guter Freund von mir. Der Friedrich. Den kennen Sie doch

sicher?‹

Auch das noch! Jetzt würde der dem Friedrich womöglich erzählen,

dass ich nackt in der Hasenheide aufgefunden wurde. Da könnte ich mir

ja gleich einen anderen Job suchen.

›Ja, netter Kerl‹, sagte ich dennoch wahrheitsgemäß. Ich hätte mich

jetzt aber auch nicht getraut, etwas Anderes zu sagen.

›Ja, unbedingt! Mit dem kann man Pferde stehlen! Der hat das hier

aber doch nicht etwa ausgeheckt?‹

Hoffentlich werden wir hier heute noch fertig, dachte ich genervt. Es

war Montag und ich würde noch zu spät zur Arbeit kommen, wenn der so

weiter machte.

›Hören Sie‹, erklärte ich, ›ich weiß nicht, wie das passieren konnte. Ich

erinnere mich an gar nichts.‹

›Haben Sie getrunken gestern? Vielleicht ein bisschen zu viel gefeiert

mit Freunden, vielleicht mit Friedrich sogar? Wissen Sie denn noch, wie

Sie nach Hause kamen?‹

Das schlug dem Fass den Boden aus! Was dachte sich dieser Kerl?

Bestimmt und jedes Wort betonend, antwortete ich: ›Ich war gestern

Abend nicht weg. Ich hab nur ferngesehen und bin dann ins Bett

gegangen.‹

›Wetten dass..?‹

›Wie?‹

›Haben Sie Wetten dass..? gesehen?‹

›Nein. Stirb langsam!‹

›Nackt?‹

›Wie bitte? Ich seh’ doch nicht nackt fern!‹

›Sind Sie nackt zu Bett gegangen?‹

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›Ach so, ja.‹ Auf das Nacktschlafen bin ich während meiner Zeit mit

Karin gekommen. Wer kuschelt schon im Schlafanzug? Aber es war

anfangs nicht leicht für mich, bis ich diese körperliche Nähe zulassen

konnte, die ich bis zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht gekannt hatte.

Dann aber genoss ich es so sehr, dass ich ohne Kuscheln gar nicht mehr

sein konnte.

›Alleine? Oder haben Sie eine Freundin?‹ Gurker holte mich mit

dieser Frage wieder auf den harten Boden der Tatsachen.

›Alleine.‹

›Also keine Freundin?‹

›Nein‹, zischte ich. Der Kerl machte mich wahnsinnig! ›Ist das denn

alles wichtig?‹

›Nun, das kann man jetzt noch nicht wissen. – Wann sind Sie zu Bett

gegangen?‹

›Gegen Mitternacht.‹

›Sind Sie in der Nacht mal aufgewacht? Vielleicht mal auf die Toilette

gegangen?‹

›Nein.‹

›Sie schliefen also die ganze Nacht durch?‹

›Ja.‹

›Und dann sind Sie im Volkspark Hasenheide aufgewacht?‹

›Ja, das wissen Sie doch schon.‹

›Haben Sie was geträumt? Vielleicht vom Park oder dass Sie dort hin

wollten?‹

War da nicht ein Traum gewesen? Könnte unter unserer Eiche gewesen

sein. Ja klar, jetzt fiel es mir wieder ein. Es war ein leicht erotischer

Traum. Karin, die zu diesem Zeitpunkt aber nur noch meine Ex-Freundin

war, hatte sich seitlich auf den Ellenbogen gestützt und ihre Finger

spielten mit den Härchen meiner nackten Brust, wobei sie in meine

Augen sah.

›Ich liebe deine himmelblauen Augen‹, sagte sie und küsste mich

darauf. ›Du hast so ein schönes männliches Gesicht. Der Schwung deiner

Augenbrauen, wie er in deine schöne gerade Nase übergeht‹, hauchte sie

schwärmerisch, wobei sie mit ihren feingliedrigen Fingern ganz zart und

verliebt die Konturen entlang strich. ›Deine sinnlichen Lippen …‹ Mit

einem knurrenden Laut schnappte ich nach ihrem Finger, den sie gespielt

erschreckt zurückzog. ›Ich steh total auf deinen Stoppelbart und das

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Grübchen im Kinn.‹ Ihre Fingerkuppen tasteten sich an meinen Hals

hinunter, wobei ich meinen Kopf wohlig nach hinten streckte. ›Deine

starke Brust … dein straffer flacher Bauch.‹ Sie war jetzt am Bund meiner

dunkelblauen Shorts angekommen. Sie wird mich doch nicht verführen

wollen, hier im Park, dachte ich und spürte, wie mich der Gedanke

gleichsam erregte wie erschreckte.

Dann hatte der Traum aber eine andere Wendung genommen, was an

der Kälte gelegen haben dürfte. Es begann, aus heiterem Himmel zu

schneien. Schnell wurden die Flocken größer und dichter und schon

nach wenigen Sekunden lagen wir auf einer verschneiten Wiese und

froren. Aber was sollte der Kommissar denken, wenn ich das erzählte, wo

ich ja gerade nackt im Park gewesen bin?

›Nein, ich erinnere mich an keinen Traum‹, sagte ich deshalb.

›Sie haben also gar keine Ahnung, wie Sie da hinkamen?‹

›Nein!‹

›Nun gut, an der Geschichte ist zwar was faul, aber ich nehme das jetzt

so zu Protokoll.‹

›Da ist gar nichts faul!‹, protestierte ich.

›Doch‹, sagte Gurker. ›Oder sind Sie in den Park gebeamt? Bei zwei

Grad unter null kann man nicht unbekleidet so weit gehen, ohne

unterkühlt zu sein, noch dazu barfuß und im Schlaf.‹

Ich sagte nichts dazu. Ich konnte mir ja selbst nicht vorstellen, wie das

gehen sollte.

Der Kommissar tippte noch eine ganze Weile auf der Tastatur herum.

Dann bat er mich, einen Moment zu warten, ging hinaus und kam schon

bald mit dem ausgedruckten Protokoll zurück. ›Wenn das alles so richtig

ist, dann unterschreiben Sie bitte hier.‹ Er machte ein Kreuz an der Stelle

und legte das Dokument vor mir auf den Schreibtisch. Ich unterschrieb,

ohne es zu lesen.

›Ich empfehle Ihnen, mal einen Arzt aufzusuchen, wenn Sie wirklich

nicht wissen, wie Sie in den Park gelangten.‹

Genervt fragte ich: ›Kann ich jetzt gehen?‹

›Ja‹, sagte er knapp.

Ich stand auf und wandte mich zum Gehen.

›Aber wie kommen Sie denn in Ihre Wohnung?‹, fragte Gurker, als ich

schon in der Tür stand. ›Sie haben doch keine Wohnungsschlüssel.‹

Richtig. Das hatte ich schon wieder vergessen.

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›Und Geld haben Sie auch nicht. Deshalb bringt Sie jetzt ein Kollege nach

Hause. Da ist doch sicherlich ein Hausmeister erreichbar.‹ Er schickte

mich in den Flur, wo ich auf den Fahrer warten sollte. Der Kerl war ja

ziemlich aufdringlich und penetrant, aber das mit dem Fahren fand ich

ganz nett.

Im Flur ging ich unruhig auf und ab, meinen Gedanken nachhängend,

und steuerte meinen Anteil hinzu, die Steinplatten noch weiter abzunutzen.

Wie viele Füße mochten diese Platten wohl geformt, wie viele

Schicksale sich über sie ergossen haben?

›Hey, Exhi‹, quatschte der immer noch auf der Bank sitzende Säufer in

meine philosophischen Betrachtungen hinein. ›Wieder angezogen?‹

›Halt die Klappe, Suffkopp‹, wiederholte ich die Antwort des Kommissars.

Er hielt sie wirklich.«

»Dieser Kommissar Gurker scheint ja ein komischer Vogel zu sein«,

sagte Wintherberg, als Frank einen Moment schwieg.

»Das dachte ich damals auch. Dennoch wurden wir bald richtig dicke

Freunde. Noch einen Kaffee?«

»Ja gerne.« Majok schob Frank seine Tasse entgegen und Frank füllte

beide Tassen auf.

»Lassen Sie mich von einem richtig komischen Vogel erzählen.« Frank

pustete und schlürfte vorsichtig einen Schluck. Mit der Tasse in der Hand

lehnte er sich wieder zurück. »Herr Schrader, der immer mürrische, dürre

Hausmeister, öffnete widerwillig meine Wohnungstür. Wie immer saß

seine rote Basecap mit der Aufschrift Chef wie angewachsen auf seinem

kurz geschorenen Geierschädel. Sein Chefgebaren lag aber nicht an

diesem Schriftzug, sondern an seinem miesen Charakter. In seinem

unvermeidlichen Blaumann, den er auch privat immer trug, stand er mit

in die Hüften gestützten Armen im Flur und belehrte mich mit rauchiger

Stimme: ›Brechtberg. Du hast die Woche Hausordnung. Ick tu dit

kontrolliern. Nach jede Treppe nimmste frischet Wasser. Ick will dir nich

mit braune Brühe die Treppe wischen sehn, ick reiß dir sonst dein Arsch

uff!‹

Ich rollte nur die Augen. Aus Erfahrung wusste ich, dass man am

besten gar nichts erwiderte, weil er sonst erst richtig loslegen würde.

Mein Chauffeur, der Polizist in zivil, sah Schrader sichtbar missbilligend

und abschätzend an.

›Is wat, Alter?‹, platzte Schrader heraus, doch bevor der Beamte etwas

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entgegnen konnte, drängte ich ihn in meinen Flur und schloss die Tür,

um die Situation zu retten. Schrader musste nicht wissen, dass mich die

Polizei nach Hause brachte, sonst wüsste das bald der ganze Block,

inklusive einiger hinzugedichteter Details über meine angeblichen Verbrechen.

Wie während der Fahrt besprochen, zeigte ich meinen Ausweis vor.

Die Leih-Klamotten sollte ich binnen einer Woche wieder zurückbringen.

›Aber erst waschen‹, sagte der Beamte.

Jetzt hatte ich nur noch zwanzig Minuten Zeit, bevor ich wieder los

müsste zur Arbeit. Schnell machte ich mir einen türkischen Kaffee und

aß lustlos einen Toast mit Erdbeermarmelade, während ich mir erneut

mein Gehirn zermarterte, wie das heute passiert sein könnte. War ich

etwa wirklich im Schlaf in den Park gegangen? Für die Strecke hätte ich

fast zwei Stunden gehen müssen. Da wäre ich blau gefroren und hätte

Blasen an den Füßen. Die Füße! Ich hob die Füße abwechselnd auf die

Knie. Sie waren fast noch sauber. Keine einzige Schramme oder gar

Blasen konnte ich entdecken. Das war dem Kommissar entgangen, dachte

ich jedenfalls zu diesem Zeitpunkt noch. Ich massierte meine Schläfen,

denn mein Kopf pochte plötzlich wie verrückt. Wie sollte ich denn sonst

unter diese Eiche gekommen sein?

Ruckartig stand ich auf, wobei der Stuhl auf dem Terrakottaboden laut

quietschte. Ich ging durch den schmalen Flur in mein Schlafzimmer, um

nachzusehen, wie ich das Bett verlassen hatte. Die Hausschuhe standen

auf dem Teppichboden neben dem Bett. Meine gesamte Kleidung, die ich

am Abend zuvor abgelegt hatte, befand sich ordentlich zusammengelegt

auf dem Stuhl und über der Lehne hängend, wie ich es im Heim Sankt

Johannes gelernt und weiterhin beibehalten hatte. Die Steppdecke lag

ausgebreitet locker auf meinem Bett, als würde ich noch drinnen liegen.

Einer Eingebung folgend strich ich mit der Hand an meinem Hals

entlang. Jetzt erst merkte ich, dass ich wirklich ganz nackt im Park

gewesen war, denn auch mein goldenes Kettchen fehlte. Mit

angehaltenem Atem hob ich die Decke am Kopfende vorsichtig an, bis

das dünne Halskettchen zum Vorschein kam. Es war ein Geschenk von

Karin zu unserem ersten Jahrestag. Mein Herz kam plötzlich mit einem

heftigen zusätzlichen Schlag aus dem Rhythmus, obwohl ich geahnt

hatte, was ich zu sehen bekäme. Das Kettchen war noch geschlossen! Ein

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kalter Schauer lief meinen Rücken herunter. Langsam, fast andächtig,

nahm ich es hoch und betrachtete es. Wie sollte ich das Kettchen vom

Hals bekommen haben? Mit fahrigen Bewegungen versuchte ich das

feingliedrige Goldkettchen über den Kopf zu ziehen, obwohl ich schon

wusste, dass es nicht gehen würde. Es hatte noch nie über den Kopf

gepasst, denn Karin hatte es etwas zu eng gekauft. Ich hatte es fast nie

abgelegt, weil es mir zu umständlich war, den zierlichen Verschluss zu

öffnen, noch dazu vor dem Spiegel. Meine Mechaniker-Hände waren für

Schraubenschlüssel und Schlagschrauber gut und für so feine Dinge

einfach nicht geschaffen. Deshalb nahm ich immer eine Pinzette zur

Hilfe und selbst das war nie ganz einfach.

Aber es war noch geschlossen und hatte im Bett gelegen, da musste es

doch verdammt noch mal über meinen Kopf passen! Wütend schmetterte

ich es auf den Boden, wobei es unter dem Bett landete. Sogleich

bereute ich die Aktion und holte es auf den Knien wieder unter dem Bett

hervor. ›Verdammt, was ist nur mit mir los?‹, sprach ich weinerlich vor

mich hin. Ich war am Ende und zitterte am ganzen Körper. Das Blut

rauschte in meinen Ohren und Tränen rannen hervor. Mit mir war etwas

passiert, was nicht möglich war. Es gab keine Erklärung dafür, konnte gar

keine geben. Ich schloss das Kettchen fest in meine Hand und ließ mich

auf das Bett plumpsen, wo ich mich einrollte und mich weinend vor

Verzweiflung hin und her wiegte, bis ich irgendwann vor Erschöpfung

einschlief.«

»Konnten Sie denn noch herausfinden, wie es passierte?«, interessierte

sich der Ghostwriter, als Frank einen Moment länger als üblich schwieg.

»Oh ja! Sie werden es schon bald erfahren. Ich selbst hatte die

Gewissheit nach wenigen Tagen. Ich ging an dem Tag nicht zur Arbeit.

Dazu war ich nicht mehr in der Lage. Am späten Vormittag suchte ich

meinem Hausarzt auf. Nach anfänglichem Zögern erzählte ich ihm die

ganze Geschichte, wobei ich wiederum ziemlich fertig war. Daraufhin

schrieb er mich die ganze Woche wegen einer psychischen Störung

krank. Meinem Chef sagte ich, ich hätte starke Schmerzen im Schultergelenk.

So konnte ich mich in der Öffentlichkeit sehen lassen, ohne

meinen Job zu riskieren. Also ließ ich es mir ein paar Tage gut gehen und

versuchte, diese komische Sache zu vergessen. Das gelang mir auch ganz

gut, bis ich eines Morgens in einer fremden Umgebung erwachte.

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Verschiedene Anzeichen verrieten mir noch im Halbschlaf, dass ich nicht

in meinem Schlafzimmer war. Sonnenlicht drang durch meine noch

geschlossenen Lider, obwohl ich immer die Gardinen schloss, bevor ich

zu Bett ging. Der Geruch von Desinfektionsmitteln lag in der Luft.

Hallende Schritte wurden lauter, verharrten einen Moment. Eine Tür

öffnete sich, dann wieder die Schritte und klappernde Geräusche, die ich

nicht zuordnen konnte. Jemand berührte mein Handgelenk. Ich begann

zu blinzeln, doch die Lider waren noch zu schwer, um sie öffnen zu

können. Dann sprach eine Frau zu mir:

›Guten Morgen, Herr Brechtberg. Werden Sie endlich wieder wach?

Ich hab Ihnen ein Frühstück gerettet, bevor es zurückgegangen wäre. Ich

bringe es gleich.‹

Unter normalen Umständen hätte ich beunruhigt sein sollen, aber aus

irgendeinem Grund war ich es nicht.

›Warten Sie‹, sagte ich, die Augen reibend. Als ich sie endlich öffnen

und einigermaßen klar sehen konnte, erkannte ich eine weiß gekleidete

brünette Frau vor meinem Bett, die wie eine Krankenschwester aussah.

Ich kniff die Augen zusammen und erkannte den Schriftzug Schwester

Christine auf ihrem Namensschildchen. Verwirrt mustere ich meine

Umgebung. Ich befand mich in einem Zimmer mit weißen Wänden und

weißer Decke. Der Laminat-Fußboden war aus hellem Holz von seidigem

Glanz. In eine Wand waren Schranktüren eingelassen. Ich setzte mich

etwas auf, um besser sehen zu können. In der Ecke bei dem hohen

Fenster stand ein kleiner runder Tisch mit silbrig glänzendem Fuß und

aufgelegter weißer Tischdecke, die im einfallenden Sonnenlicht erstrahlte.

Zwei blaue Stahlrohr-Schwingstühle waren an den Tisch herangeschoben,

einer stand schräg in der anderen Fensterecke. Neben

meinem weiß überzogenen typischen Krankenbett war mit einem

Abstand ein weiteres aber unbelegtes Bett abgestellt, mit je einem

Nachtschränkchen daneben.

›Wo bin ich hier?‹, fragte ich die hübsche, dezent geschminkte Frau,

deren kurze Nase sich keck, aber nicht eingebildet wirkend, gen Himmel

reckte. So erfuhr ich, dass ich im Charité-Klinikum war und unter dem

Einfluss starker Beruhigungsmittel stand, aber nicht warum. Das würde

mir Dr. Drechsler nach dem Frühstück erklären, welches sie gleich

bringen würde. Weg war sie.

Wo war ich denn jetzt wieder hineingeraten? Ich dachte nach, aber

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mein Geist war noch sehr träge. Ich verfiel in eine Art Schlaf mit offenen

Augen. Ein Tagtraum begann vor mir abzulaufen. Aus Nebelschleiern

schälte sich ein Ferrari heraus. Er stand in einem Autohaus zwischen

etlichen anderen Nobelkarossen. Ich kannte den Ort, denn ich war schon

ein paarmal dort gewesen, um mir die fantastischen Autos anzusehen.

Ganz besonders liebte ich diesen Ferrari. Plötzlich war ein Tumult dort.

Ein nackter Mann war vom Stuhl gefallen – nein, ich war es selbst! Ich lag

vor dem Bug des Ferrari und eine adrett gekleidete Frau beschimpfte

mich: ›Harry! Komm schnell! Hier ist ein total bekiffter nackter Typ.

Wieso hat den niemand reinkommen gesehen?‹ Und an mich gewandt:

›Du Arschloch!‹ Sie beschimpfte mich übel, was ihre korrekte Kleidung

als Maske enttarnte. ›Wo hast du den Böller gezündet? Los! Sag schon!‹

Böller? Wovon redete die Frau? Mein Steißbein tat furchtbar weh, weil

ich gerade drauf gefallen war. Bevor ich die Situation überhaupt richtig

erfasste, wurde ich von zwei herbeieilenden, entschlossen dreinblickenden

Männern in dunklen Anzügen gepackt. Brutal drehten sie mir

die Arme auf den Rücken – jeder einen – und zerrten mich durch den

Ausstellungsraum, an den tollen Wagen und einigen entsetzten Kunden

vorbei. In einem kleinen Verkaufsbüro versuchten sie, mich auf einen

Stuhl zu drücken. Ich trat den einen mit aller Kraft mit der Ferse vor das

Schienbein. Mit einem Aufschrei ließ er mich los. Da konnte ich mich

drehen und mich auch von dem anderen Mann losreißen. Den

Überraschungsmoment ausnutzend, rannte ich mit patschenden Fußsohlen

über den Marmor durch die große verglaste Halle, an den teuren

Autos und den erschreckt zurückweichenden Kunden vorbei, der automatischen

Drehtür am Ausgang entgegen. Der eine Verkäufer war mir

dicht auf den Fersen und weiter hinten folgte humpelnd der andere, den

ich getreten hatte. Ich war deutlich schneller. Meine nackten Füße hatten

auf dem glatten Boden wesentlich mehr Haftung als die geölten Ledersohlen

der teuren italienischen Lackschuhe der feinen Verkäufer mit den

unfeinen Manieren.

Gerade noch schlüpfte ich in ein Viertel der Drehtür. Der mich

verfolgende Herr mit grimmiger Mine musste einen Moment warten, bis

sich das gläserne Kreuz so weit gedreht haben würde, dass er das nächste

Viertel betreten konnte. Im Trippelschritt ging ich ungeduldig voran, bis

die Tür auf der anderen Seite die Öffnung für mich freigab. Als ich mich

durch den entstehenden Spalt quetschte, stoppte die Drehung ruckartig

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und schloss meinen Verfolger im Türviertel hinter mir für einige

Sekunden ein, bevor die Tür wieder zu drehen begann. Das verschaffte

mir einen ordentlichen Vorsprung. Ich überquerte den halb besetzten

Parkplatz, wobei einige Leute mit offenen Mündern und ungläubigen

Blicken auf mich aufmerksam wurden. Ein paar kicherten unsicher,

andere zeigen auf mich. Automatisch lief ich einfach weiter und erreichte

die breite vierspurige Straße mit dem bewachsenen Mittelstreifen. Ohne

nachzudenken, rannte ich vor den wartenden Autos über den Fußgängerüberweg,

dessen Ampel eben erst auf Rot gewechselt hatte. Zurückblickend

sah ich, dass mein Verfolger an der Ampel stehen bleiben

musste, weil der Verkehr angerollt war, bevor er sie erreicht hatte.

›Haltet den Mann auf!‹, versuchte er sich wild gestikulierend gegen

den Verkehrslärm durchzusetzen. ›Haltet den nackten Mann auf!‹, doch

die Passanten glotzten nur überfordert. Begleitet von einem Hupkonzert,

bog ich auf den Fußweg ein.

Von den kleinen Split-Steinchen auf dem Asphalt schmerzten meine

Füße. Ich lief den Bürgersteig entlang, vorbei an der Phalanx der

Hausfassaden mit einzelnen Gaststätten und Cafés dazwischen, während

immer wieder Autos hupten und sich Menschen nach mir umdrehten

und mir nachgafften.

Nach einer Weile wurde ich langsamer – immer langsamer – und

schließlich blieb ich stehen. Sekunden starrte ich mit Tunnelblick

geradeaus. Mein keuchender Atem kam mir seltsam fremdartig vor, als

wäre es eine Maschine, mit der ich nichts zu tun hätte. Mein rasendes

Herz war ausschließlich dazu da, dieses Rauschen und Brausen in

meinen Ohren entstehen zu lassen, zu denen kein anderer Laut mehr

vordrang. Apathisch senkte ich den Kopf und betrachtete meinen Körper,

wie den Körper eines Fremden. Ich schaute auf und blickte mich langsam

um. Ich sah Menschen, die seltsam schwebend an mir vorüberglitten –

Autos, die langsam und lautlos dahinrollten – meine Welt war ruhig und

friedlich. Selbst das Rauschen in meinen Ohren war verstummt. Erneut

wanderte mein Blick über diesen Körper. Es war ein schöner männlicher

Körper. Die Brust hob und senkte sich, der straffe Bauch vibrierte leicht

mit dem Herzschlag, die Muskulatur der Oberschenkel zuckte nervös.

Wieder hob ich den Blick. Die Menschen und die Autos wurden

schneller, Lärm, Stimmen und Gelächter drängten sich in meine

friedliche Welt und wie ein Schlag traf mich die Erkenntnis, dass dieser

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nackte Körper zu mir gehörte. Menschen standen um mich herum,

redeten auf mich ein, lachten über mich, sorgten sich um mich, stellten

Fragen, alles durcheinander und immer wieder. Ich drehte mich im Kreis,

Gesichter zogen an mir vorbei, Hände griffen nach mir, ich schlug um

mich, wurde gepackt, auf den Boden gedrückt und festgehalten. Ein

schmerzhaftes Stechen in meiner Armbeuge, Gesichter, die verschwammen,

Nebel, Dunkelheit …

Eine Stimme versuchte, mein Bewusstsein zu erreichen: ›Sind Sie bei

sich? Herr Brechtberg! Träumen Sie?‹

Ein verschwommenes Gesicht gewann an Schärfe. Schwester Christine

gab mir leichte Klapse auf die Wange. ›Sind Sie wieder bei sich?‹, fragte

sie.

›Ja …‹, hauchte ich aus dem Traum gerissen.

›Na Gott sei Dank. Ich wollte schon nach dem Arzt klingeln. Sie waren

völlig abwesend.‹

›Ich hatte einen schrecklichen Traum‹, sagte ich schwach. ›Geht schon

wieder.‹

Das kann an dem Medikament liegen‹, erklärte die Schwester. Sie

sind bald wieder fit, Sie werden sehen.‹

›Hm …‹, brummte ich nur.

Sie zeigte mir, wie ich das Bett verstellen konnte, und stellte gleich mit

der Fernbedienung das Kopfteil hoch, damit ich gut aufrecht sitzen

konnte. Dann rollte sie das ausgeklappte Nachttischchen mit dem Frühstückstablett

vor mich, wünschte guten Appetit und ging flink aus dem

Zimmer.

Müde untersuchte ich das Tablett. Es gab eine Schrippe und eine

Scheibe Graubrot, je eine Scheibe Wurst und Käse, ein Frühstücksei, eine

kleine Kirschmarmelade und Butter. Zusätzlich eine Banane und das

Wichtigste: ein kleines Kännchen Kaffee. Ich goss sogleich die Tasse voll,

als es an der Tür klopfte.

›Herein!‹, rief ich mit halb erstickter Stimme. Ich räusperte mich und

wollte noch einmal lauter rufen, aber der Besucher hatte nicht auf eine

Aufforderung gewartet. Sein Kopf erschien im größer werdenden Türspalt.

Das war doch dieser Kommissar! Auch das noch! Was wollte denn

der hier?

›Guten Tag Herr Brechtberg‹, sagte er von der Tür her. ›Ahnte ich

doch, dass ich Sie wiedersehen würde. Darf ich reinkommen?‹ Wieder

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wartete er nicht auf meine Einladung und schon stand er am Fußende

des Bettes.

›Guten Tag, Herr …‹

›Gurker. Störe ich beim Frühstück? Lassen Sie es sich schmecken.‹

›Wieso ahnten Sie es?‹

›Na, Ihre Geschichte war doch arg merkwürdig. Sie hatten auch gar

keine schmutzigen Füße nach Ihrem Ausflug in den Park. Wie soll das

denn gehen, wenn Ihre Geschichte stimmt? Aber das war ja nichts gegen

Ihr Paradestück von gestern.‹

›Was meinen Sie? Was war gestern?‹ fragte ich und nippte an dem

Kaffee, der natürlich nur lauwarm war. Da nahm ich gleich noch einen

großen Schluck, bevor er ganz kalt würde.

›Na kommen Sie, Sie machen sich über mich lustig. Ihren Auftritt im

Autohaus meine ich natürlich.‹

Ich zuckte zusammen und atmete vor Schreck kurz und heftig ein,

was dazu führte, dass ich Kaffee inhalierte. Sofort setzte der Reflex ein,

die Flüssigkeit wieder loszuwerden, was unweigerlich dazu führen

musste, dass ich den Kaffee in weitem Schwall über das Bett prusten

würde. Ich zwang mich, den Mund geschlossen zu halten, doch den

Reflex konnte ich nicht unterdrücken, sodass ein Teil des Kaffees

geräuschvoll den Weg durch meine Nase nahm und der Rest durch die

Lippen gepresst in meinen schnell vorgehaltenen Händen landete. Dann

schüttelte mich ein nicht endenwollender Hustenanfall, in dessen Verlauf

mir Gurker ein Taschentuch reichte, mit dem ich mir den heruntergelaufenen

Kaffee vom Kinn und den Händen putzte. Nach einem

mächtigen Rülpser folgten noch ein paar kleinere Huster, dann endlich

ließ der Hustenreiz nach und ich musste mich nur noch etwas räuspern.

›Entschuldigung‹, sagte ich und schnäuzte die Nase.

›Geht es wieder?‹, fragte Gurker und hielt mir ein weiteres Papiertuch

hin, mit dem ich meine Hände noch einmal richtig trocken wischte.

›Ja. Danke für die Tücher. Was hatten Sie eben vom Autohaus gesagt?‹

›Sie waren doch gestern in diesem noblen Autohaus und sind dann

weggelaufen. Das werden Sie doch noch wissen.‹ Seine Worte trafen mich

wie eine Faust in den Magen.

›Herr Kommissar, ich hab so was geträumt … Wieso wissen Sie davon?‹

›Geträumt? Sie waren nicht zufällig wieder nackt in dem Traum?‹

Wieder zuckte ich zusammen. ›Es war kein …?‹

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›Traum? Nein. Sie hatten einen Nervenzusammenbruch nach der Sache.

Da haben Sie die Realität wohl verdrängt und für sich in einen Traum

verwandelt. Ein Schutzmechanismus, wenn etwas unerträglich wird. Das

kenne ich auch von Verbrechensopfern.‹

›Dann ist das alles wirklich geschehen?‹

›Kommt drauf an. Ich weiß ja noch nicht, woran Sie sich erinnern.‹

›Ich lag plötzlich nackt vor diesem Ferrari. Ich bin dort hingefallen, als

hätte mir jemand den Stuhl weggezogen. Mein Steißbein …‹ Jetzt, da ich

es erwähnte, registrierte ich auch den Schmerz am Steiß.

›Und dann sind Sie weggelaufen.‹

›Ich wollte das gar nicht. Die haben mich brutal behandelt, dabei

brauchte ich Hilfe. Ich war plötzlich dort und hatte gar keine Orientierung.‹

›Und vorher?‹

›Ich war beim Bäcker und hab einen Kaffee getrunken. Doktor

Brüderle, mein Hausarzt, hatte mich krankgeschrieben, nach der Sache

im Park. Ich war zu verstört, um an die Arbeit gehen zu können. Ich saß

also beim Bäcker und sah dem geschäftigen Treiben im Park Center zu.

Das mache ich immer mal ganz gerne und erfreue mich daran, dass ich

da nicht mitmachen muss.‹ Dass ich auch gerne wegen der unglaublich

süßen Verkäuferin Sandra hinging, die an dem Tag jedoch nicht da war,

verriet ich dem Kommissar aber nicht. Das ging ihn wirklich nichts an.

Sandra schien mich auch zu mögen, denn sie hatte schon öfter bei mir

am Tisch gesessen und mit mir geplaudert, wenn es ihre Zeit zuließ. Aber

diesmal hatte sie wohl freigehabt. Ich beobachtete die Leute, wie sie an

den Tischen vorbei schlenderten oder auch hasteten. Ich sah es jetzt

direkt vor meinem geistigen Auge. Eine dürre aufgetakelte Frau zankte

mit ihrem Mann herum. Es ging um seine Schuhe, die ihr nicht sauber

genug waren. Ein plärrendes Kind wollte die Mutti dazu bewegen, ihm

ein Eis zu kaufen, aber die Mutter blieb stur. Anscheinend war es das an

diesem Eisstand übliche Ritual. Ein schwules Pärchen tänzelte Händchen

haltend vorüber. Einem Mann im schwarzen Ledermantel war keine

Schrippe gut genug: Nein, die nicht, zu dunkel. Diese ist ja so hoch

gegangen, haben Sie keine Schlankeren?

›Und dann?‹, unterbrach Gurker meinen Gedankenfluss.

›Ich schaute also dem Treiben zu, bis ich es irgendwann nicht mehr

bewusst wahrnahm. Ich dachte an meinen Kroatienurlaub und da sah

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ich …‹ Oh mein Gott! Ich lehnte mich schwer in mein Kissen zurück,

tastete nach der Fernbedienung und verstellte die Rückenlehne weiter

herunter.

›Ist Ihnen nicht gut? Sie sind so blass geworden.‹

›Mir ist schwindelig‹, log ich. In Wahrheit wurden mir gerade Zusammenhänge

klar. Unheimliche Zusammenhänge. Als ich im Park unter

dieser Eiche erwacht war, hatte ich zuvor geträumt, mit Karin dort auf der

Wiese zu liegen. Und diesmal hatte ich an genau diesen Ferrari Enzo bei

genau diesem Händler gedacht. Zunächst war ich in Gedanken auf der

winzigen Insel Trogir in Kroatien und erinnerte mich an den Ferrari, der

dort die Küstenstraße entlang röhrte, was irgendwie unwirklich erschien.

Daraufhin war der Ferrari im Ausstellungsraum des Autohauses vor

meinem geistigen Auge erschienen, in dem ich sogar schon einmal sitzen

durfte. Ich hatte ihn genau vor mir gesehen, mit seiner von der Basis der

flach liegenden Frontscheibe entspringenden, nach vorne spitzer werdenden

Nase, den Grübchen daneben, die in aufgewölbte Radkästen mit

tief liegenden Scheinwerfern und den darauf thronenden Rückspiegeln

übergingen, den großen rautenförmigen, fast bis auf den Boden

reichenden Lufteinlässen und den geöffneten, unglaublich extravaganten

Flügeltüren in dem schönsten Rot, das es gibt auf der Welt. Und plötzlich

fiel ich, einfach so, genau vor diesem Traumauto zu Boden, wo ich mich

hingesehnt hatte.

Das muss doch ein Traum gewesen sein, Herr Gurker. Das kann es

nicht geben.‹

›Wie ging es denn weiter, beim Bäcker?‹

›Es ging gar nicht weiter. Ich hatte einen kurzen Schwindelanfall,

keine Ahnung, wie es dazu kam, und dann fand ich mich vor diesem

Ferrari wieder.‹

›Und wann haben Sie sich ausgezogen?‹

›Hab ich gar nicht.‹

›Und wie sind Sie hingekommen?‹

›Daran hab ich keinerlei Erinnerung. Mir war schwindelig, ich fiel aufs

Steißbein, vielleicht hat mir jemand den Stuhl weggezogen. Vielleicht bin

ich ja ohnmächtig gewesen. Das muss es sein. Ich war ohnmächtig und

jemand hat mich ausgezogen und in das Autohaus gebracht. So könnte es

gewesen sein.‹

›Nun machen Sie mal ’nen Punkt! Das glauben Sie doch selbst nicht.‹

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›Was soll ich schon glauben? Mir passieren dauernd so merkwürdige

Sachen! Was soll ich denn glauben?! Was glauben Sie denn?‹

›Ich glaube gar nichts. Für mich zählen Fakten. Die haben es allerdings

in sich. Wissen Sie, was ich hier in der Tüte habe? Das ist Ihre

Kleidung. Und das hier …‹ Er griff in die Innentasche seines Sakkos.

›Hatten Sie das um?‹ Zum Vorschein kam mein Goldkettchen. Ich hatte

es mir am Abend nach dem ersten Zwischenfall wieder umgelegt.

›Wo haben Sie das her?‹, fragte ich, und da erzählte er:

›Es war alles beim Bäcker. Das Parkcenter-Management meldete gestern

genau um 16:02 Uhr einen rätselhaften Fall. Auf einem Stuhl im

Verzehrbereich der Bäckerei war die Kleidung eines Gastes gefunden

worden, der unmittelbar zuvor noch auf diesem Stuhl gesessen hatte, was

eine Verkäuferin bezeugte. Sie wusste sogar, dass der Gast Frank hieß,

weil er mit einer anderen Verkäuferin befreundet sei und öfter käme.‹

Befreundet … Wow.

›Meine fünf Minuten später eintreffenden Kollegen fanden folgende

Situation vor: Ihre Jacke mit Handy und Schlüsselbund in der Innentasche,

und einem kleinen Fotoapparat in der Brusttasche, hing an der

Stuhllehne, was ja durchaus üblich ist. Aber dann: Ihre Socken steckten

in den zugebundenen Schuhen, so, als wäre noch der Fuß drinnen. Das

obere Ende der Socken verschwand in den vom Stuhl baumelnden

Hosenbeinen. Das Oberteil der Hose lag auf der Stuhlfläche, der Gürtel

geschlossen, das Portemonnaie in der Gesäßtasche und die Unterhose im

Inneren. Auch die Oberbekleidung war auf diese Weise hindrapiert.

Natürlich war sie in sich zusammengesunken, aber das Unterhemd

steckte noch in der Hose. Die Halskette, ebenfalls geschlossen, war in das

Unterhemd gerutscht, worüber noch das Sweatshirt gezogen war. Alles

sah so aus, als hätte sich der Besitzer in Luft aufgelöst.‹

Ich konnte nicht verbergen, wie sehr mich Gurkers Schilderung aufwühlte

und fast verrückt machte. Kalter Schweiß stand auf meiner Stirn.

›Unmittelbar vor der Entdeckung Ihrer Kleidung gab es in diesem

Bereich einen explosionsartigen Knall, wie bei einem Schuss oder einem

Knallkörper. Vor allem deshalb wurde die Polizei verständigt. Die Sache

mit Ihrem Verschwinden, welches leider niemand direkt beobachtet

hatte, war zunächst nebensächlich. Doch die fast zeitgleiche Meldung

über einen flüchtigen nackten Mann aus dem Autohaus am anderen

Ende der Stadt machte mich doch stutzig. Besonders auch deshalb, weil

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Sekunden vor seiner Entdeckung ein lauter Knall durch den Ausstellungsraum

hallte, den eine Angestellte für die Explosion eines Böllers

hielt. – Sie werfen doch nicht mit Böllern ums sich, Herr Brechtberg,

oder? – Herr Brechtberg! Haben Sie überhaupt zugehört?‹

›Nein‹, sagte ich schnell und erklärte dann, dass ich mit dem Nein die

Böller meinte. Was hatte der Knall mit mir zu tun? Ich war völlig konfus.

Das Nachthemd klebte an meinem Körper. Ein großer Schweißfleck

zeichnete sich auf meiner Brust ab und das Laken war unangenehm

feucht.

›Was stimmt nicht mit Ihnen, Herr Brechtberg? Was ist Ihr Geheimnis?‹

›Hahaha!‹ lachte ich hysterisch. ›Was soll mit mir nicht stimmen?

Alles in Ordnung. Alles in Ordnung. – Was mit mir nicht stimmt?! Gar

nichts stimmt mit mir! Überhaupt nichts!‹

Gurker sagte, ich solle mich beruhigen.

›Beruhigen soll ich mich?! Könnten Sie sich beruhigen, wenn Sie

dauernd irgendwo nackt auftauchten, wo Sie gar nicht hingegangen

sind?! Könnten Sie sich beruhigen, wenn Sie dauernd ihr Halskettchen

verlieren würden, obwohl es nicht über den Kopf passt?! Könnten Sie sich

beruhigen, wenn Sie sich anscheinend in Luft auflösten?! Könnten Sie

das, Herr Kommissar?! Könnten Sie das?! – Könnten Sie das …?‹ Kraftlos

sank ich in das Kissen zurück. Meine tränenden, um Hilfe flehenden

Augen suchten erneut Gurkers Blick. Während Schwester Christine und

zwei weiß bekittelte Männer eintraten, fragte ich mit weinerlicher

Stimme: ›Wieso passiert mir das? Wieso …?‹

Überfordert drehte sich Gurker zu dem Personal um und hob beschwichtigend

die Hände. Er habe mich wohl zu sehr aufgeregt, wiegelte

er meinen Erregungszustand ab, und ich käme schon wieder in die Spur,

wenn er jetzt ginge. Er legte eine Visitenkarte auf mein Tischchen, ging

zur Tür und wünschte gute Besserung. ›Wird schon werden‹, sagte er.

Ich hörte es kaum noch, denn ich schlief fast augenblicklich total

erschöpft ein.«

Frank trank den letzten Schluck Kaffee aus seiner Tasse, die er noch

immer in der Hand hielt, und verzog angewidert das Gesicht. Er beugte

sich vor und stellte die Tasse auf den Tisch zurück. Dann rutschte er im

Sessel herum, zog ein Knie auf die Sitzfläche und lümmelte sich schräg

in die Biegung der Lehne.

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Der Ghostwriter hüllte sich in Schweigen. Irgendwie kam ihm die ganze

Geschichte merkwürdig vor. Was wollte ihm der alte Mann da sagen?

Doch wohl nicht das, was er vermutete?!

»Doktor Drechsler, der Psychologe, war vom Wesen her wirklich prädestiniert

für diese Arbeit«, erzählte Frank weiter, nachdem er die Augen

wieder geschlossen hatte. »Seine ganze Erscheinung wirkte sanft und

vertrauenerweckend. Er hatte weiche Gesichtszüge, gütige Augen und

auch sein wirr vom halb kahlen Schädel hängendes Haar nahm ihm jede

Strenge. Einzig an seiner fachlichen Kompetenz hatte ich meine Zweifel,

denn er eröffnete mir gerade, ich hätte Anzeichen von Schizophrenie.

Mit ruhiger, angenehm dunkler Stimme erklärte er: ›Sie leiden unter

einer Zwangsstörung, die darin besteht, sich zu entkleiden und die

Kleidung so herzurichten, als wären Sie noch darin. Letzteres tun Sie

möglicherweise in der Annahme, die als schändlich empfundene Zwangshandlung

abzumildern oder zu vertuschen. Dass die beabsichtigte Wirkung

durch das Herrichten der Kleidung nicht zu erreichen ist, spielt

dabei keine Rolle. Wichtig ist allein, dass Sie dabei ein positives Gefühl

haben. Üblicherweise weiß der Betroffene davon und versucht sich

anfangs dagegen zu wehren. Bei Ihnen ist die Angst vor diesem Zwang

und den Folgen daraus aber so groß, dass Sie Ihr Wissen darüber

vollständig verdrängt haben, wahrscheinlich auch aufgrund Ihrer streng

religiösen Erziehung, die solches Handeln nicht erlaubt. Es ist anzunehmen,

dass sich diese Zwangsstörung gerade daraus entwickelt hat, als

Gegenpol zu dieser extremen Keuschheit. Vermutlich haben Sie diese

Störung schon viel länger, ohne dass Sie die Zwangshandlung aber

öffentlich vollziehen mussten, und sind deshalb bisher nicht auffällig

geworden.

Eine massive Ich-Störung in Form einer Derealisation lässt Sie nicht

erkennen, dass Sie es sind, der sich in seiner Nacktheit in der Öffentlichkeit

bewegt, weshalb Sie, wenn die Störung nachlässt und Sie sich selbst

wieder wahrnehmen, nicht wissen, wie Sie an den anderen Ort gelangten.

Diese fehlende Zeit in Ihrem Empfinden lässt Sie annehmen, Sie seien

unvermittelt an einem anderen Ort aufgetaucht und es fehlt Ihnen das

Verständnis, wie es dazu kam.‹

Ich fragte ihn, wie das denn gleichzeitig gehen sollte. Die Zeit, die ich

für den Weg benötigt hätte, fehlte ja nicht nur in meiner Erinnerung.

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Und ich fragte nach einer Erklärung, wieso niemand beobachtet hätte,

wie ich mich ausgezogen und die Kleidung so aufwendig auf dem Stuhl

hergerichtet und nackt das Einkaufcenter verlassen hatte. ›Das geht doch

gar nicht‹, war ich überzeugt, aber der Psychologe sah das anders:

›Vielleicht wollte das ja niemand sehen‹, erklärte er zu meinem

Erstaunen, und es klang auch noch plausibel. ›Menschen sind oft so, dass

Sie sich durch Nichtbeachtung einer Verantwortung entziehen‹, führte er

aus und schob die fehlende Zeit auf einen möglichen Übermittlungsfehler.

Ich würde doch nicht annehmen, ich könnte ihn davon

überzeugen, dass ich tatsächlich unvermittelt an einem anderen Ort

erscheinen könnte, endete er.

›Nein, natürlich nicht …‹, antwortete ich. Ich war mir da aber gar nicht

mehr so sicher. Dass ich jetzt plötzlich schizophren sein und mich nicht

erinnern sollte, wie ich mich viele Kilometer völlig nackt durch die Stadt

bewegte, konnte ich einfach nicht glauben. Obwohl … Hatte ich nicht

auch die Sache nach meiner Ankunft im Autohaus so verdrängt, dass ich

sie für einen Traum hielt? Dennoch, es deuteten so viele Anzeichen auf

eine ganz andere, ungeheuerliche Möglichkeit hin, dass ich einfach nicht

imstande war, sie zu ignorieren. Die Anordnung der Kleidung – die

geschlossene Halskette – die Zeitgleichheit – meine sauberen Füße – die

fehlende Erinnerung an den Weg – und nicht zuletzt die Tatsache, dass

ich plötzlich an genau dem Ort war, an den ich zuletzt gedacht oder von

dem ich geträumt hatte, ließen nur einen einzigen logischen Schluss zu:

Teleportation!

Allein bei der gedanklichen Formulierung des Wortes bekam ich

Gänsehaut.«

»Entschuldigung, Herr Brechtberg. Ich ahnte schon eine Weile, wo es

hingeht. Bei allem Respekt: Sie wollen doch nicht wirklich sagen, Sie

seien teleportiert. Ich bitte Sie …« Wintherberg legte den Kopf schief und

zog die Augenbrauen hoch. Die Lippen waren genervt verkniffen, als

fühlte sich der Zuhörer verschaukelt.

»Etwas Unmögliches schafft man nicht mit Zweifel, Herr Wintherberg.

Man muss an den Erfolg glauben.«

»Ich bin mir sicher, auch dann nicht teleportieren zu können, wenn

ich daran glaubte.«

»Wer weiß …?« Frank lächelte. »Was immer Sie besonders gut

können, schreiben zum Beispiel, könnten Sie nicht, wenn Sie glauben

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würden, Sie könnten es nicht. Sie würden es vielleicht nicht einmal

versuchen. Ich hätte es auch nie versucht, wenn es nicht diese vielen

Hinweise gegeben hätte. Aber diese Indizien waren ebenso gut wie die

Erklärungen von Doktor Drechsler. Was meine Auslegung der Zeichen

unglaubwürdig machte, war lediglich die Tatsache, dass Teleportation

bisher nur aus der Science-Fiction bekannt war. Aber heute ist die Erde

auch keine Scheibe mehr und sie ist mitnichten der Mittelpunkt des

Universums. Galileo Galilei stützte die Ansichten und Berechnungen

Nikolaus Kopernikus und bekam einst ziemliche Schwierigkeiten und er

musste widerrufen. Möchten Sie, dass ich auch widerrufe, Herr

Wintherberg? Möchten Sie, dass ich nach James läute und Ihren Mantel

holen lasse?«

Ihre Blicke trafen sich. Einige Sekunden studierten sich die beiden

Männer. Dann blinzelte Majok Wintherberg und senkte den Blick.

»Nein«, sagte er kleinlaut. Er schaute wieder auf und sah seinen Auftraggeber

an. »Und wissen Sie warum nicht?« Er erwartete keine Antwort

und gab sie sogleich selbst: »Es ist Ihre Ausstrahlung. Sie haben etwas an

sich, was ich noch bei keinem anderen Menschen gespürt habe und ich

hatte und habe weiß Gott mit vielen bedeutenden Menschen zu tun.

Niemand hat dieses Besondere, dieses … dieses … Mysteriöse wie Sie.

Bitte um Entschuldigung. Es fällt mir zwar dennoch schwer, mir vorzustellen,

dass jemand wirklich teleportieren könnte, aber ich werde mir

Ihre Geschichte anhören. Wenn ich diese Geschichte jemandem glauben

könnte, dann Ihnen.«

»Danke. Es genügt schon, wenn Sie es in Betracht ziehen und meine

Geschichte unvoreingenommen niederschreiben. Mehr kann ich nicht

erwarten und verlangen.«

»Das werde ich. Fahren Sie bitte fort.«

»Gut …« Frank sammelte sich einen Moment und ließ das Geschehen

aus seiner Vergangenheit erneut lebendig werden:

»Der Psychologe entließ mich mit dem Hinweis, dass er mich stationär

einweisen müsste, wenn es sich wiederholen und ich wieder so heftig

reagieren würde. Zu meiner eigenen Sicherheit, wie er sagte. Ich sollte

unbedingt die verordneten Medikamente regelmäßig einnehmen und in

vierzehn Tagen noch einmal bei ihm vorstellig werden.

Auf dem Heimweg mit der U-Bahn dachte ich nach, wie so oft in

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letzter Zeit. Ich konnte nicht einfach zur Tagesordnung übergehen und

darauf warten, bis es wieder passieren würde. Nein, es durfte auf gar

keinen Fall noch einmal unkontrolliert geschehen, denn ich würde das

nicht noch einmal ohne psychischen Schaden verkraften. In diesem

Punkt hatte der Psychodoktor schon recht. Ich musste aktiv werden,

musste es gezielt auszulösen versuchen, so verrückt die Idee auch schien.

Doktor Drechsler hätte mich wahrscheinlich gar nicht gehen lassen,

wenn ich ihm von diesem Vorhaben erzählt hätte. Und wenn er doch

recht hätte und ich wirklich verrückt wäre, dann würde es nicht gehen.

Vielleicht fände ich mich aber auch trotzdem irgendwo nackt wieder,

ohne zu wissen, ob es wieder nur so eine Zwangshandlung mit Derealisation

war, wie es der Psychiater genannt hatte. Wie sollte ich es

erkennen, wenn ich es doch nicht realisieren konnte? Ich könnte

plötzlich irgendwo zur Besinnung kommen und denken, es hätte geklappt.

Dann lieferten sie mich ein und ich wüsste wieder nicht, ob ich

bekloppt war oder nicht.

Da kam ich auf die Idee, mich dabei zu filmen, dann hätte ich einen

Beweis. Überhaupt, ich würde mich jetzt immer filmen, zumindest wenn

ich schlafen ginge. In beiden Fällen passierte es, als ich entweder

geschlafen oder aber vor mich hin geträumt hatte. Ich würde die Webcam

meines Laptops auf das Bett ausrichten und die Aufnahmefunktion mit

Bewegungsmelder aktivieren. Da müsste ich halt das Licht anlassen –

egal.

Vielleicht sollte ich mit dem Filmen lieber gleich anfangen? Es könnte

ja sein, dass ich wieder verschwinden würde, einfach so, dann gäbe es

keinen Beweis. Ich nahm das Handy, öffnete den Schieber über dem

Objektiv und wählte die Videofunktion aus. Dann drückte ich den Auslöser

und richtete die Kamera auf mich. Wenn ich jetzt verschwinden

würde, dann wäre es auf der Aufnahme und ich hätte den Beweis. Mit

dem Handy in der Hand am ausgestreckten Arm war ich jetzt wohl

wirklich reif für die Klapse. Jetzt war ich auch noch paranoid, was der

Doktor nicht mal bemerkt hatte. Aber ich war verzweifelt genug, die

Kamera weiterlaufen zu lassen. Ich wollte auf gar keinen Fall noch einmal

irgendwo nackt auftauchen, ohne hinterher Gewissheit zu haben.

Einem plötzlichen Impuls folgend, stieg ich an der U-Bahn-Station

Hermannplatz aus. Ich wollte den ersten Versuch von dem Treffpunkt in

der Hasenheide aus starten. Vielleicht gab es ja einen Bezug zu diesem

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Ort, der für das Gelingen wichtig war. Keinesfalls wollte ich es umgekehrt

wagen, um dann wieder hilflos nackt im Park zu stehen.

Mit gemischten Gefühlen und steigender Erregung suchte ich unseren

Baum auf. Die Wiese war leer, wie das Anfang März trotz Sonnenscheins

nicht anders zu erwarten war. Lediglich auf dem Weg fuhr gerade ein

Radfahrer zügig entlang und ein ergrauter Herr ging mit dem Dackel

Gassi. Ich nahm meinen kleinen digitalen Fotoapparat aus der Brusttasche

und klemmte die Handschlaufe an der Rückseite des dicken

Eichenstammes hinter die Borke. So hing die Kamera zwar total schief,

aber das war unwichtig. Hauptsache, ich würde anschließend sehen, was

geschehen ist. Ich startete die Videoaufnahme, machte ein kurzes Probeliegen

auf der etwas feuchten Wiese, wofür ich die Kapuze meines Sweatshirts

auf den Kopf zog, und überprüfte dann die Aufnahme. Ich war gut

zu sehen, auch mein Gesicht und die Hände. Noch einmal lugte ich

hinter dem Baum hervor und checkte die Lage. Nur vereinzelt kam ab

und zu jemand des Weges, der in gut dreißig Metern Entfernung vorbei

führte. Der Stamm, der von drei Männern vielleicht gerade so umfasst

werden konnte, bot ausreichend Deckung. Erneut startete ich die Videoaufzeichnung.

Jetzt wurde es ernst. Mit klopfendem Herzen atmete ich

noch dreimal tief durch, was meine Nervosität aber nicht sonderlich

milderte. Wieder legte ich mich wie zuvor auf die Wiese, dicht hinter den

Baum. Ich versuchte, alles um mich herum zu vergessen. Ich möchte in

meinem Bett liegen und wünsche mich dorthin, dachte ich. Nichts

passierte. Ich würde mich schon mehr darauf konzentrieren müssen.

Intensiv dachte ich an mein Bett und wie ich darin lag. Immer wieder

versuchte ich es und sah zwischendurch nach, ob ich noch auf der Wiese

lag, obwohl ich den Unterschied ja sicherlich spüren würde.

Auch nach fünfzehn Minuten auf der feuchtkalten Wiese gelang es

noch immer nicht. Wie konnte ich auch an so etwas glauben? Wenn es

das gäbe, hätte es längst jemand vor mir gekonnt. Wie konnte ich mir nur

einbilden, dass ausgerechnet ich, als einziger Mensch der Welt, so eine

besondere Gabe hätte. Ich ärgerte mich über mich selbst, mein Kopf

brummte. Ich war also doch schizophren. Ich musste es akzeptieren.

Es akzeptieren … Vielleicht war es gerade das, woran es mir bei

meinen Versuchen mangelte. Ich glaubte selbst nicht daran, wollte es

aber erzwingen. Das konnte ja nicht gehen. Ich müsste es annehmen, als

Tatsache voraussetzen, ohne zu zweifeln. Okay, noch ein Versuch. Wenn

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der nicht klappt … Nein, das waren ja schon wieder Zweifel. Es wird

funktionieren, weil ja alle Zeichen bewiesen, dass es schon zweimal

geschehen war, sagte ich mir ganz fest. Es wird gehen. Es wird!

Noch einmal wünschte ich mich intensiv in mein Bett. Mein Schlafzimmer

und das Bett stellte ich mir so detailliert vor, wie ich mir bei dem

Sprung ins Autohaus den Ferrari vorgestellt hatte. Bei dem Sprung? Gut

so! Keine Zweifel. Es war ein Teleportersprung!

Ich sah das am Tag vor dieser Sache frisch bezogene Bett genau vor

mir, in dem ich noch nicht einmal gelegen hatte. Die Decke mit dem

Strand- und Palmenmotiv lag ordentlich, in der Mitte einmal gefaltet und

glatt gestrichen, auf dem sandfarbenen Laken. Das dazu passende Kissen

am Kopfende war einmal untergeschlagen. Ich sah vor meinem geistigen

Auge die selbst geschossenen Fotos aus dem Lanzarote-Urlaub in den

schlichten hellen Holzrahmen an der kopfseitigen weißen Wand hängen

und die Designer-Lampe an der Zimmerdecke. Auf dem Nachtschränkchen

stand die kleine antike Tischlampe mit dem marmorierten Glasschirm.

Ich sah mich auf dem Bett liegen, so realistisch, als würde ich als

Zuschauer darüber schweben. Genau so will ich dort liegen. Jetzt!

Ein starkes Schwindelgefühl unterbrach jäh meine Konzentration. Es

fühlt sich an, als würde die Wiese unter mir nachgeben, als wäre sie weich

wie … mein Bett!

Ich war unfähig, die Augen zu öffnen. Meine Hände tasteten das

weiche Material, fühlten meinen nackten Körper, der sich blitzartig mit

Gänsehaut überzog. Das Herz versuchte, aus meiner Brust zu springen.

Ich hielt die Luft an und zwang mich endlich, die Augen zu öffnen. Zuerst

erblickte ich die mir so vertraute Deckenlampe mit den drei ineinander

verschachtelten, milchig verätzten und geschwungenen Glasscheiben

über dem Bett. Mein Schlafzimmer! Mein Bett!

›Es hat geklappt‹, entwich es erstaunt und enthusiastisch meinen

Lippen. Jetzt schrie ich es erfreut heraus: ›Es hat geklappt! Es hat

geklappt! Ha! Es hat geklappt!‹ Ein wahnsinniges Gemisch intensivster

Gefühlsregungen verquickte sich zu einem nie erlebten orgastischen

Rausch der Sinne. Mein Körper kribbelte wie nach einem Bad in Eiswasser,

jedoch ohne zu frieren. Gleichzeitig liefen wohlige Schauer über

die Haut, als würden mich zarte Hände streicheln. Das Glücksgefühl in

meinem Kopf konnte größer nicht sein. Es war so intensiv, dass ich fast in

eine Ohnmacht glitt. Die Freudentränen liefen in Strömen und ich

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konnte ein in Intervallen auftretendes irres Lachen nicht unterdrücken.

Nackt, wie ich angekommen war, tanzte ich durch die Wohnung und

lachte immer wieder und sang dazwischen vor mich hin: ›Ich bin

teleportiert, ich bin teleportiert.‹

Nach kurzer Zeit war die erste Euphorie so abrupt vorbei, als wäre ich

vor eine Wand gelaufen. War ich wirklich teleportiert? In meinem Geiste

entstand übergroß Doktor Drechsler, dicht vor mir stehend, mit erhobenem

Zeigefinger. Wie Hammerschläge zuckten seine Worte durch meinen

Kopf: Schizophren! Derealisation! Ich-Störung! Zwangsstörung! Die

schrecklichen Symbole meines Versagens tanzten Staccato hinter meiner

Stirn und verhöhnten mich. Ich presste die Hände an meine Schläfen.

Hatte ich mir alles nur eingeredet?

›Nein!‹, schrie ich, ungeachtet der Tatsache, dass ich nicht allein im

Block wohnte. Ich rannte zur Wohnungstür und drückte die Klinke

nieder. Abgeschlossen! Der Schlüssel steckte nicht im Schloss. Es war wie

das Erwachen aus einem Albtraum. Der Schlüssel steckte natürlich nicht

im Schloss, sondern in meiner Jackentasche und die Jacke lag im Park

hinter dem Eichenstamm, zusammen mit dem Rest meiner Kleidung,

und die Kamera filmte noch immer. Jetzt war ich mir wieder sicher. Ich

musste schnell in den Park zurück, bevor zufällig jemand meine Sachen

fand und die Kamera mitnahm. An mein Portemonnaie dachte ich gar

nicht. Einzig die Kamera war wichtig. Ohne Videobeweis könnte ich

direkt zu Dr. Drechsler zurückfahren.

Ich werde jetzt einfach wieder in die Hasenheide zurückspringen,

beschloss ich. Einfach … Gestern noch unmöglich und heute einfach?

Jetzt nur nicht abdrehen!

Schnell ging ich ins Schlafzimmer und legte mich auf das Bett. Ich

schloss die Augen und versuchte mich auf den Park zu konzentrieren,

doch ich war viel zu aufgekratzt. Ich musste erst einmal wenigstens eine

Minute tief und gleichmäßig durchatmen und an etwas ganz anderes

denken, bevor ich mich wieder konzentrieren könnte. An etwas

anderes … Wie sollte das jemandem gelingen, der gerade zum ersten Mal

teleportiert war? Ich zwang mich, mein Gedächtnis nach einem

Gedanken zu durchforsten, der gewichtig genug wäre, dass ich daran

hängen bliebe. Es war schwer, angesichts der Flutung meines Hirns mit

dieser ganz neuen Sache, aber dann, zwischen zwei Wellen, hielt ich

mich an Sandra fest. Ich hatte zuvor nicht geahnt, dass der Gedanke an

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sie ein solches Potenzial hatte. Sandra beschwor den Taifun in meinem

Kopf und besänftigte ihn so weit, dass er mich nicht mehr mitreißen

konnte. Jetzt war es möglich, mich wieder zu konzentrieren.

Es entstand das Bild der Wiese im Volkspark Hasenheide, die ich gut

im Gedächtnis hatte. Ich sah die alte Eiche vor mir mit ihren weit

ausladenden kahlen Ästen und dem eingeritzten Herzen im Stamm. In

Gedanken ging ich um den Baum herum und versuchte, mir alle Details

vorzustellen, wie ich sie jetzt vorzufinden erwartete. Ich sah meinen

Fotoapparat an der Schlaufe hängen und wie die Aufnahme-LED rot

blinkte. Meine Kleidung würde auf der Wiese liegen. Die Bluejeans mit

dem schwarzen Ledergürtel und der silbernen Schnalle in Form einer

Kobra, das schlichte schwarze Sweatshirt mit der Kapuze und der kurzen,

ebenfalls schwarzen Jacke darüber, die dunklen Sportschuhe mit den

roten Applikationen. Ich malte mir aus, wie alles da auf der Wiese läge,

als hätte ich mich in Luft aufgelöst, so, wie neulich beim Bäcker. Ich

wünschte mir intensiv, genau auf meiner Kleidung zu liegen, und zwar

jetzt gerade.

Da spürte ich das Schwindelgefühl, genau wie beim ersten Mal.

Gleichzeitig empfing mich die eisige Luft des kalten Märztages, doch der

Schauer, der meinen Rücken herunter lief, hatte eine ganz andere

Ursache. Ich öffnete die Augen in der Gewissheit, nicht mehr in meinem

Bett zu liegen, und schaute in das Geäst der alten Eiche und sah den

Himmel hindurch. Ich war also wirklich zum zweiten Mal bewusst und

gezielt teleportiert!

Mit feuchten Augen checkte ich schnell die Lage. Ich lag genau auf

meiner Kleidung. Punktlandung! Ich linste um den Stamm herum.

Drüben auf dem Weg blickte sich ein älteres Paar verwirrt um. Hatten die

mich etwa gesehen? Schnell wollte ich mich anziehen, was allerdings

nicht so schnell ging, wie ich es wünschte. Jacke, Hose und Schuhe

musste ich erst öffnen, um sie anziehen zu können. Es war so, wie es der

Kommissar beschrieben hatte, nachdem ich aus dem Park Center

verschwunden war.

Mechanisch zog ich mich an, doch meine Gedanken gehörten meiner

neuen Gabe. Ich kann es! Ich kann es wirklich! Am liebsten hätte ich

einen Freudentanz durch den Park veranstaltet. Ich war dermaßen

überwältigt … ich habe keine Worte dafür. Es war, als hätte ich zuvor

nicht gehen können und könnte jetzt plötzlich fliegen, oder als sei ich

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lind gewesen und könnte jetzt in allen Spektren sehen. Ich fühlte mich,

als wäre ich gerade geboren worden und würde erst jetzt anfangen,

wirklich zu leben.

Meine Kamera! Die LED blinkte noch immer, die Aufnahme lief noch.

Ich nahm sie vom Baum ab und drückte den Auslöser, um die Aufnahme

zu stoppen. Mit zittrigen Fingern schaltete ich auf Wiedergabe. Wenn ich

jetzt eine Überraschung erlebte und ich zu sehen bekäme, wie ich mich

entkleidete, würde ich dermaßen zusammenbrechen, dass ich so schnell

nicht mehr aus der Psychiatrie heraus käme. Das wäre dann wohl auch

besser für mich.

Das Bild wackelte erst und war teilweise von meiner Hand verdeckt.

Dann sah ich, wie ich ein Stück rückwärts ging und mich auf die Wiese

legte. Mit dem schnellen Vorlauf übersprang ich den langweiligen Teil,

bis ich auf dem Display erkannte, dass ich kein Gesicht mehr hatte.

Schnell drückte ich die Rücklauftaste, bis das Gesicht wieder da war, und

ließ die Taste los. Nach ein paar Sekunden war meine Kapuze übergangslos

leer. Im selben Moment fiel meine Kleidung schlagartig in sich

zusammen, um sich augenblicklich noch einmal aufzublähen und dann

endgültig wieder zu Boden zu sinken. Ich kann gar nicht mehr sagen, wie

oft ich die Stelle abgespielt hatte, so fasziniert war ich davon. Das

eigenartige Verhalten meiner Kleidung konnte ich dennoch nicht deuten.

Aber eines war nun sicher: Ich war nicht schizophren! Es war wirklich

eine Teleportation gewesen, genau wie ich sie von den fiktiven Teleportern

Tako Kakuta und Ras Tschubai aus den Perry Rhodan Romanen

kannte, die ich lange Jahre gelesen hatte. Allerdings behielten sie bei

ihren Sprüngen immer die Kleidung an, was mir auch wesentlich lieber

wäre. Vielleicht würde ich das ja auch noch hinbekommen …

Ich war dermaßen im Sinnestaumel und so aufgewühlt, dass ich vor

Erregung zitterte. Gleichzeitig war ich verunsichert wie ein Sechsjähriger

bei seiner Einschulung. Alles war neu. Mein ganzes Leben würde sich

drastisch verändern, das fühlte ich. Dabei hatte ich keine Ahnung, keine

Richtung, wo mich mein Schicksal nun hinführen würde.

Wenn ich noch einmal zur Ruhe kommen und mich konzentrieren

könnte, wäre ich gerne noch einmal nach Hause und wieder zurückgesprungen,

oder auch mal woanders hin, aber daran war bei meinem

momentanen Erregungszustand nicht zu denken. Deshalb beschloss ich,

jetzt zur U-Bahn-Station zurückzugehen und nach Hause zu fahren.

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Ich würde gar keine Verkehrsmittel mehr brauchen, wenn ich es

hinbekäme, meine Kleidung am Leib zu behalten. Ich würde nicht

einmal mehr gehen müssen, wenn ich nicht wollte. Wieder packte mich

die Euphorie. Wie im Rausch kam mir meine Umgebung seltsam

fremdartig vor. Jeder würde mir ansehen, dass mit mir etwas nicht

stimmte, dachte ich. Wie in Trance setzte ich einen Fuß vor den anderen.

Tagträume begleiteten mich. Ich sah mich die ganze Welt bereisen,

einfach so, mit einem Fingerschnippen. Ich ahnte, dass heute ein ganz

neuer Lebensabschnitt begonnen hatte, der selbst meine kühnsten

Vorstellungen bei Weitem übertreffen würde. Hätte ich in diesem

Moment schon gewusst, wie es wirklich kommen würde, hätte ich

vielleicht schon damals auf diese Fähigkeit verzichtet.«

Frank gab seine entspannte Sitzposition auf und setzte sich aufrecht.

Wintherbergs Blick löste sich von dem altenglischen Sekretär, der links

und rechts je vier Schubladen hatte, und eine breitere in der Mitte über

dem Freiraum für die Beine. Es war ein schönes altes Möbelstück mit

Beschlägen aus Altmessing. Sehr auffallend war ein rotes Glattleder mit

goldenen Randverzierungen, welches mit wenig Randabstand ganzflächig

in die Schreibplatte eingelassen war. Hinten rechts auf dem

antiken Schreibmöbel stand dekorativ ein kleines gläsernes Tintenfass

mit Feder und daneben lagen eine Stange rotes Siegelwachs und ein

Siegelstempel. Bei der konsequent antiken Einrichtung des Raumes

wirkte das keineswegs kitschig, sondern absolut glaubwürdig. Man wäre

kaum erstaunt, käme ein Mann in weitem Umhang mit gepuderter

Perücke herein, um ein wichtiges Dokument an den König zu verfassen.

»Dann sind Sie also tatsächlich ein Teleporter …« Majok kratzte sich

unbewusst am Kopf. Zwei tiefe Falten hatten sich in seine Stirn gegraben.

»Könnten Sie jetzt einfach so hier verschwinden?«

Frank griff nach der Kaffeekanne. »Auch noch einen Kaffee?«

»Nein, danke.«

Frank goss sich die Tasse voll und schlürfte vorsichtig den ersten

Schluck. »Sie wollen einen Beweis«, sagte er nach einem Moment.

»Natürlich haben Sie Zweifel. Ginge mir genauso. Aber ich muss Sie

enttäuschen. Ich kann jetzt nicht einfach springen.« Er nestelte an

seinem Hals herum und zog an seiner Kette, bis ein handtellergroßes

Amulett aus grauem Metall mit einem Stein in der Mitte zum Vorschein

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kam. Das Material des massiven, kreisrunden Rahmens hatte ein quadratisches

Profil mit gehämmerten Kanten. Dazwischen klemmten zwei

schmalere, augenförmig gebogene Profile – eines waagrecht und eines

senkrecht –, die an den Schnittpunkten wechselweise ineinander verwoben

waren. Der kugelförmige Stein, der wie ein polierter Bernstein

aussah und ein magisches Leuchten abzustrahlen schien, dominierte das

Amulett im Schnittpunkt der beiden Augen. In Wahrheit leuchtete der

Stein nicht von selbst, bei Dunkelheit war er nicht zu sehen. »Ich trage

dieses Amulett. In seinem Einflussbereich kann ich nicht teleportieren.«

»Aber warum …?«

»Warum ich es trage? Das ist eine lange Geschichte und Sie sind der

Erste, der sie erfährt. Ich trug dieses Amulett schon seit meiner frühsten

Kindheit. Diakon Beierle, der Leiter des Kinderheimes, hatte mir immer

eingeschärft, es würde Unglück bringen, wenn ich es ablegen würde. Das

wurde mir immer wieder eingetrichtert und ich stellte das nie infrage.

Diese Kette mit dem gekreuzten Auge – so nenne ich es für mich –, es war

wie ein Teil von mir und so, wie ich meinen Arm nicht einfach ablegen

würde, tat ich es auch mit dem Amulett nicht. Jedenfalls nicht in diesem

Leben, bis auf zwei Ausnahmen. Aber es gab ein anderes Leben, und in

diesem hatte ich es abgelegt. In einem depressiven Moment, in dem ich

mein Aufwachsen im Heim verfluchte, wollte ich auch das letzte Bindeglied

zu dieser Kindheit los werden. Da mich dieser Impuls mitten in der

Stadt ergriff, warf ich es einfach in einen Abfalleimer am Wegrand. Das

war genau fünf Tage vor meinem so unglücklichen Erwachen unter der

besagten Eiche in der Hasenheide. Den Zusammenhang mit meinem

angedachten Glücksbringer erkannte ich aber erst viel später.«

»Sie sprachen wiederholt von mehreren Leben. Wie soll ich das

auslegen?«

»Sie werden es mit dem Fortschreiten der Geschichte verstehen.«

»Dann sind Sie, in diesem Leben, noch gar nicht teleportiert? Und Sie

sind sicher, dass dieses andere Leben nicht nur Ihrer Fantasie entspringt?«

»Ich habe, wie gesagt, in diesem Leben nur zweimal mein Amulett

abgelegt. Einmal nutzte ich meine Fähigkeit aus niederen Beweggründen,

um mich zu bereichern.«

»Die Lottogewinne?« In Wintherbergs Augen blitzte es. Hatte er es

doch gewusst!

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»Richtig. Und das zweite Mal war notwendig, um großes Unheil

abzuwenden. Aber in dem anderen Leben, da nutzte ich die Teleportation

sehr intensiv.«

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Training

Nach einem weiteren Schluck Kaffee sank Frank wieder in das bequeme

Polster des Clubsessels zurück und erzählte weiter:

»Nach langem traumlosem Schlaf erwachte ich am nächsten Morgen

glücklicherweise in meinem Bett, nicht irgendwo anders, wo ich mich

hingeträumt haben könnte. Ich war voller Forschungs- und Tatendrang.

Gestern hatte ich mich nicht mehr getraut, noch weitere Sprünge zu

versuchen, weil ich wirklich nicht mehr ich selbst war und völlig neben

mir stand. Doch jetzt fühlte ich mich fit genug, obwohl die Hochstimmung

von gestern keineswegs verflogen war und meine Konzentration

beeinflussen würde. Da mich der Psychodoktor für die ganze Woche

krankgeschrieben hatte, konnte ich in aller Ruhe meine Fähigkeiten

austesten. Ich wollte mich zu Disziplin zwingen und erst duschen und

frühstücken, aber es juckte mich so sehr in den Fingern, dass ich es

gerade mal aus dem Bett schaffte, bevor ich den ersten Sprung versuchte.

Das Fieber hatte mich gepackt.

Erst einmal wollte ich einen einfachen Sprung vom Schlafzimmer in

die Küche machen. Einen einfachen Sprung? Wurde ich jetzt größenwahnsinnig?

Gestern noch war ich total aus dem Häuschen und jetzt

sollte es nur ein einfacher Sprung sein? Ich musste sehen, dass ich auf

dem Teppich bliebe und nicht total abheben würde. Auf keinen Fall

wollte ich so ein arrogantes Arschloch werden, nur weil ich etwas konnte,

was vermutlich niemand sonst schaffte.

Ich stand vor dem Bett und … Nein nein, das erschien mir zu einfach.

Erst mal die Türen schließen.«

Frank schmunzelte bei der Erinnerung daran.

»Jetzt aber … Ich stellte mir alles genau vor. Den gelaugten und

geölten Holztisch mit den gedrechselten Beinen, die vier ebenfalls

gedrechselten Stühle mit den blauen Polstern, die kleine Küchenzeile aus

dem gleichen Holz mit kleiner Anrichte und integrierter Spüle. Dort

wollte ich jetzt stehen. Eine Minute konzentrierte ich mich darauf und

dann war es auf einmal da, das Schwindelgefühl. Ich taumelte und

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konnte mich gerade noch auf die Anrichte stützen. Hey, das ging diesmal

aber echt gut! Viel schneller als bei den Versuchen gestern. Aber bestimmt

ging es noch schneller.

Wieso wackelte denn die Lamellen-Jalousie am Fenster so? Das

Fenster war geschlossen. Wo sollte da ein Luftzug hergekommen sein? Da

entdeckte ich, wie die Post durcheinander auf der Anrichte lag, als hätte

ich die unvermeidliche Werbung aus dem Postkasten einfach hingeworfen.

Mechanisch raffte ich schnell alles zusammen, stieß die Prospekte

einmal seitlich auf und legte sie ordentlich übereinander an die Seite.

›Ordnung ist das halbe Leben‹, hatte Schwester Maria immer gesagt.

Jetzt konzentrierte ich mich auf einen Sprung ins Schlafzimmer

und … Huch, mein Bett schien sich zu drehen, aber schon war es vorbei.

Oder doch nicht? Wackelte die Deckenlampe? Und die Gardine hatte

sich doch auch bewegt, oder war das nur Einbildung? Falls nicht, könnte

es dann womöglich ein Erdbeben gewesen sein? Es müsste aber sehr kurz

gewesen sein, denn ich merkte jetzt nichts mehr. Aber wie dem auch sei,

der Sprung ging jedenfalls super. Ich hatte mich in Gedanken nur kurz

auf meinem Bett liegen sehen, da war ich auch schon dort. Das war schon

fast ein meisterlicher Sprung. Aber … Ich lag ja im Bett, dabei hatte ich

zuvor in der Küche gestanden! Da war es wieder, dieses Unfassbare, was

mich erschaudern und zugleich jauchzen ließ. Gänsehaut breitet sich an

meinem ganzen Körper aus. Ich hatte im Sprung die Lage geändert,

einfach, weil ich es mir so vorgestellt hatte. Was würde noch alles in mir

stecken? Ein bisschen hatte ich Angst vor mir selbst. Dabei wurde mir

plötzlich bewusst, wie viel Angst wohl andere vor mir haben mussten,

wenn sie damit konfrontiert würden. Wenn ich mir vorstellte, vor mir

würde plötzlich jemand aus dem Nichts erscheinen … das musste echt

krass sein.

Auf der Bettkante sitzend sah ich mein Kettchen auf den Shorts

liegen, unter denen die Hausschuhe hervorschauten. Es waren die

Sachen, die ich beim ersten Sprung eben noch angehabt hatte. Ich legte

die Shorts auf das Bett und schloss die Kette fest in meine rechte Hand.

Mal sehen … In meinem Kopf entstand das Bild meiner Küche und ich

sah mich erneut vor der Anrichte stehen. Oh … schnell griff ich nach der

Stuhllehne rechts neben mir und konnte einen Sturz gerade noch

verhindern. Verdammt, das mit dem Schwindelgefühl war ziemlich

unangenehm.

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Meine Hände waren leer. Als ich nach Halt suchte, hatte ich das Kettchen

wohl fallen gelassen, dachte ich. Oder konnte ich es gar nicht mitnehmen?

Am Boden lag … Ich kniete nieder und da sah ich den

Schlamassel. Das Kettchen war total hinüber. Lauter kleine und kleinste

Stücke lagen auf den Terrakotta-Fliesen verstreut. Einige Kettenglieder

waren an den Rändern wie abgeschnitten. Ich fand auch ein paar

Teilstücke der ohnehin schon winzigen Kettenglieder. Damit hatte ich

natürlich nicht gerechnet. Ich Esel! Warum hatte ich nicht erst einmal

irgendwas Wertloses genommen? Nun musste ich mich damit abfinden.

Ich tröstete mich damit, dass, falls ich mit Sandra von der Bäckerei

zusammenkäme, sie ein Kettchen von der Ex an mir sowieso nicht gerne

sehen würde.

Wenige der restlichen Teile fand ich im Schlafzimmer auf dem

Teppichboden. Sie hatten den Sprung nicht mitgemacht. Wahrscheinlich

waren weitere Teile im Flor verschwunden. Ich sammelte alles ein und

legte es derweil in einen Eierbecher. Schließlich war es ja echtes Gold,

wenn auch nicht viel.

Die Sache zeigte aber, dass prinzipiell ein Transport von Gegenständen

möglich sein könnte. Vielleicht musste es nur von meinem

Körper richtig umschlossen sein. Während ich einen Cent aus meinem

Portemonnaie holte, fiel mein Blick auf die Anrichte. ›Ha!‹ Mein Puls

beschleunigte sich. Die Prospekte auf der Arbeitsplatte lagen erneut wild

durcheinander! Das gibt’s doch gar nicht! Mir fielen die Bewegungen der

Jalousie und der Gardine und die wackelnde Lampe durch vermeintliche

Luftzüge oder Erdbeben ein. Das kam durch die Sprünge!

Meine Gedanken wurden jäh unterbrochen, als es an meiner Wohnungstür

klingelte. ›Moment!‹, rief ich und lief schnell ins Schlafzimmer,

wo ich eine weite bunte Pluderhose aus dem Kleiderschrank nahm und

schnell ohne Unterhose rein stieg. Ich würde ja eh gleich wieder nackt

sein, wenn ich weiter übte.

Ich linste durch den Spion. Da stand meine resolute und immer etwas

frech polternde Nachbarin von der Wohnung gegenüber. Sie hatte die

kurzen, dicken Arme in die runden Hüften gestützt und schaute

ungeduldig. Selbst durch den Spion konnte ich schon erkennen, dass sie

geladen war.

›Guten Tag Frau …‹ Marzahn, hätte ich beinahe gesagt, denn sie

erinnerte mich immer an Cindy aus Marzahn, weil sie vom Typ so sehr

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ähnlich war, dass sie Cindy auch vertreten könnte. Ich hatte Schwein,

dass sie mich nicht ausreden ließ.

›Was ist das hier für ein Krach? Testen Sie hier Bomben oder was?‹

›Ähm, was denn für …‹

›Ich hab genau gehört, dass es aus Ihrer Wohnung kam! Das geht

wirklich zu weit!‹ keifte sie weiter aufgebracht.

›Entschuldigung, Frau Braun, ich weiß nicht, was Sie meinen.‹

›Mich hören Sie doch auch. Also sind Sie nicht taub! Stellen Sie sich

nur nicht dumm! Das zieht bei mir nicht! Sie sind doch sonst immer ein

so netter junger Mann.‹

Sie drehte sich um und ging mit stampfenden Schritten schon wieder

in ihre Wohnung hinein.

›Entschuldigung!‹, rief ich ihr noch nach, da knallte auch schon ihre

Tür ins Schloss. Na, wer macht denn hier wohl Krach?

Die Centmünze in meiner Hand erinnerte mich wieder an mein

Vorhaben. Ich legte sie auf die linke Handfläche, presste die rechte fest

darauf und verdrehte und verschob die Handflächen unter Druck etwas

hin und her, bis ich meinte, das Geldstück müsste absolut dicht eingeschlossen

sein. Dann sprang ich, beinahe schon selbstverständlich, ins

Schlafzimmer. Es ging wirklich fast auf Anhieb. Nur ein kleiner Ausfallschritt,

schon stand ich fest auf dem Boden. Es war fantastisch! Gespannt

löste ich die Hände voneinander. ›Ja! Ja! Ja!‹ Ich hatte einen Gegenstand

mitgenommen! Ich freute mich wie ein kleines Kind, obwohl das Transportgut

wirklich nur eine Kleinigkeit war. Vielleicht könnte ich ja eine

ganz dünne leichte Hose eng gefaltet … Nein, die würde ich unmöglich

zwischen den Handflächen dicht bekommen. Hach, wenn ich nur nicht

immer nackt springen müsste, dann könnte ich … ja was eigentlich? Ich

wusste ja noch gar nicht, wie weit ich springen konnte. Und wie oft ich es

konnte, wusste ich auch noch nicht. Vielleicht wäre ich nach einer

gewissen Strecke erschöpft? Das würde ich alles sehr bald wissen.

Da fiel mir ein, dass ich doch etwas ganz anderes wollte, bevor Frau

Braun bei mir geklingelt hatte. Diese merkwürdigen Wind- und Bebenerscheinungen

wollte ich erforschen. Ich sprang in die zur Küche offene

Sitzecke. Sie bestand aus einer kleinen weinroten Couch und passendem

schlanken Sessel, einem runden Tisch mit gedrechselter Mittelsäule und

profiliertem Fußkreuz, einem Eckschreibtisch mit PC und einem Fernseher

auf einer kleinen hölzernen Kommode. Die Möbel waren alle aus

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Kiefernholz und auf kleinsten Raum gepackt. Die Mieten waren auch

damals schon teuer und ich sparte mir mein Geld lieber für technische

Geräte und ein tolles Auto. Letzteres würde ich aber wohl nicht mehr

brauchen.

Der Sprung gelang schon nach wenigen Sekunden. Über den Schreibtisch

schien ein kräftiger Wind geweht zu haben, denn meine Papiere

lagen kreuz und quer darauf und ein loses Blatt sah ich gerade noch zu

Boden flattern. Wackelte mein Fernseher nicht auch? Ich war nicht

sicher, aber ich würde es ja gleich genauer wissen.

Ich stellte meinen Laptop auf den kleinen Tisch und startete das

System, um mit der eingebauten HD-Webcam, deren Aufnahmemodus

ich gleich aktivierte, einen Sprung aufzuzeichnen. Dann konnte ich es

anschließend gleich auf dem großen Display angucken und alle Einzelheiten

erkennen.

Ich ging … Nein, warum sollte ich gehen? Ich stand zwischen dem

Couchtisch und dem Schreibtisch und stellte mir mein altmodisches

Badezimmer mit den eintönig cremefarben Fliesen vor. Ich sah die Badewanne

mit aufgesetzter beweglicher Spritzschutzwand aus milchigem

Plexiglas und stellte mir vor, wie ich zwischen der Toilette mit Delfin-

Klodeckel und dem Waschbecken mit untergebautem weißen Schränkchen,

darüber hängendem Spiegelschrank und der danebenstehenden

Waschmaschine stehe, und schon war ich dort. Sofort, nachdem ich das

kurze Schwindelgefühl abgeschüttelt hatte, sprang ich wieder zurück

und stoppte die Aufnahme. Der Ordner mit den Videos öffnete sich

automatisch und ich doppelklickte den letzten Clip und schaltete auf

Vollbild um, sobald der Player mit der Wiedergabe begann.

Übergangslos sah ich mich verschwinden. Im gleichen Moment brach

die Hölle los. Die Lautsprecher des Laptops schepperten einen Moment

ganz fürchterlich und auf dem Display sah ich, dass die Papiere auf dem

Schreibtisch wie von einem Sog gepackt wurden und auf die Kamera

zuflogen. Doch sie kamen nicht weit, denn plötzlich wurden sie von

einem Gegendruck erfasst und wieder zum Schreibtisch zurückgewirbelt,

wo sie, völlig durcheinander, wieder zur Ruhe kamen. Zwei Briefe, die von

der Druckwelle ungünstig erwischt wurden, flatterten zu Boden. Das

Ganze ging so schnell, dass es mit dem Auge kaum zu verfolgen war.

Außerdem wackelte zwischendrin auch noch das Bild. Sekunden später

tauchte ich im Bild wieder auf. Erneut überschlugen sich die kleinen

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eingebauten Lautsprecher geradezu, die Papiere wurden wieder wie von

einem starken Luftzug hochgewirbelt, drehten sich vor der rückwärtigen

Wand kurz im Kreis und sanken auf die Schreibtischplatte zurück.

Was in Gottesnamen war das? Ich schaute mir das noch mal an, stellte

aber die Lautstärke weit herunter. Jetzt war deutlich ein Knall zu hören,

als ich auf dem Display verschwand. Eine Explosion! Nein, es musste eine

Implosion sein. Jetzt verstand ich auf einmal alles. Wahnsinn! Ich

erschien wieder auf dem Display und wieder ertönte ein lauter Knall. Es

knallte jetzt aber immer weiter … ach nein, es klopfte wie verrückt an

meiner Wohnungstür! Ich hatte fast den Eindruck, jemand wollte sie

einschlagen. Schnell ging ich hin und öffnete.

›Frau Braun! Tut mir leid, dass ich so laut war. Ich bin jetzt wirklich

ganz leise. Versprochen. Meine Stereoanlage hat heute irgendwie einen

Knall.‹

›Na, wenn es nur die Stereoanlage wäre‹, keifte sie zurück, und

betrachtet mich mit ihren Glupschaugen demonstrativ von oben bis

unten. Scheiße! Ich hatte ja nichts an! Ich spürte, wie das Blut in mein

Gesicht schoss.

›Oh, er kann ja noch rot werden. Na, ich hab schon mehr nackte

Männer gesehen.‹

Sie drehte sich um und ging an ihre noch offene Wohnungstür. Dann

blickte sie noch mal zurück. ›Waren aber nicht alle so knackig.‹

Sie zwinkerte und verschwand in ihrer Wohnung. ›Aber Ruhe jetzt!‹,

brüllte sie hinter der bereits geschlossenen Tür. ›Sonst schick’ ich dir den

Schrader auf den Hals!‹ Ich stand noch wie versteinert da. Verdammt, ich

war so perplex, dass ich nicht mal dran gedacht hatte, meine Hände

vorzuhalten.

Noch einmal sah ich das Video an. Es war ganz klar zuerst eine

Implosion bei meinem Verschwinden und dann eine Explosion bei

meiner Ankunft. Alles ganz logisch. Ich hinterließ ein Luftloch, wenn ich

verschwand und wo ich auftauchte, verdrängte ich die Luft. Jetzt wurde

mir auch klar, wieso der Verdacht aufkam, ich hätte im Autohaus Böller

gezündet.

Auf gar keinen Fall konnte ich weitere Sprungübungen in meiner

Wohnung durchführen. Ich konnte den Knall selbst nicht hören, aber

nach dem zu urteilen, was die Lautsprecher meines Laptops trotz gering

eingestellter Lautstärke so von sich gaben, und wie Frau Marzahn

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eagierte, musste es ein recht ordentlicher Knall sein. Wie sollte ich jetzt

bloß weitermachen? Ich hatte so einen Tatendrang und war ganz

kribbelig, und jetzt so was. Ich brauchte einen Ort, von dem aus ich

ungestört agieren könnte. Ein Übungsgelände wäre nicht schlecht,

irgendwo weit außerhalb und abgelegen, wo niemand hinkam. Aber halt,

wie sollte ich dann hinkommen? Von hier aus springen hatte ich mir ja

gerade verboten und an abgelegene Orte fährt auch keine Bahn. Ideal

wäre ein geschützter Ort gleich hier in der Nähe meiner Wohnung. Ich

wollte ja nicht immer erst eine Reise machen müssen, um dann

teleportieren zu können, das wäre ja doof. Dann hatte ich eine

Eingebung. Vielleicht könnte ich eine der Garagen gleich über die Straße

mieten. Da wäre der Knall zwar auch zu hören, aber wer sollte den schon

lokalisieren können, wenn nicht gerade jemand davor stünde? Ja, das

wäre auf jeden Fall eine Notlösung. Ich zog mich an und beschloss, direkt

ins Büro der Wohnungsbaugesellschaft zu gehen und zu fragen, ob eine

frei ist.

Durch die Tür hörte ich das zarte Stimmchen von Frau Riemenschneider,

der zierlichen Sekretärin, die mich auf mein Klopfen hin zum

Eintreten aufforderte. Ich öffnete die Tür und blickte direkt in zwei mich

feindselig anstarrende, hinterlistig funkelnde Augen. Das zugehörige

schmale Geiergesicht befand sich zwischen einem Blaumann und einer

leuchtend roten Basecap, von deren Stirnplatte mich der Schriftzug

CHEF zu verhöhnen schien. Schrader! Was machte der denn ausgerechnet

gerade jetzt hier?

Schon fing er an, mich blöd anzumachen, ob ick Pfeife schon wieder

den Schlüssel verjessen hätte und dass er jedenfalls nicht schon wieder

mit mir rauf ginge und ob ick denn überhaupt schon die Treppe jeputzt

hätte.

Die blonde Schönheit hinter dem Schreibtisch fuchtelte entsetzt mit

ihren schwarz-weiß lackierten Fingernägeln herum und blickte böse

hinter ihrer schmalen Brille hervor, deren breite Bügel vom Design zu

den Nägeln passten. ›Herr Schrader, das geht zu weit!‹, sagte sie pikiert.

›Was ist das denn für ein Benehmen?‹

Ich redete beschwichtigend auf sie ein, dass ich mich nicht provozieren

ließe, jedenfalls nicht von ihm, wobei ich eine Kopfbewegung in

Schraders Richtung machte. Das Schild der roten Kappe richtete sich

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erneut auf mich. ›Lässt dir wohl lieber een bisscken vonne Frau

Riemenschüttler provoziern?‹, platzte er heraus.

Das war zu viel. Die Sekretärin schnellte aus ihrem Sessel hoch. ›Herr

Schrader!‹, rief sie empört. Der lange, spitze Nagel ihres rechten Zeigefingers

richtete sich wie ein Stilett bedrohlich und leicht zitternd auf

Schraders verdutzte Visage. Ihr sonst so zartes Stimmchen überschlug

sich, als sie ihm ihr Raus! entgegenschmetterte.

Schrader trollte sich tatsächlich wortlos und zog die Tür hinter sich

zu. Wow! Das hätte ich dieser zerbrechlich wirkenden jungen Frau gar

nicht zugetraut.

Nachdem sie sich wieder beruhigt hatte und ihre Gesichtsröte

abgeklungen war, fragte ich endlich nach einer freien Garage. Es war auch

tatsächlich eine frei, nur wollte sie die schon jemand anderem geben.

Wieder gelang es mir ganz spontan, eine so glaubwürdige Lügengeschichte

zu präsentieren, dass ich die Garage bekam, und zwar sofort.

Ich erzählte, ich würde ein Cabrio kaufen, und wenn ich eine Garage

hätte, könnte ich das Verdeck auch mal offen lassen. Ich musste versprechen,

sie einmal mit offenem Verdeck mitzunehmen, wenn ich es

hätte. Dass ich nie eines haben würde, verschwieg ich geflissentlich. Ich

weiß, das war gemein, aber ich brauchte diese Garage jetzt dringend.

Nachdem ich unterschrieben hatte, durfte ich den Schlüssel gleich mitnehmen,

weil ich angeblich schon mal ein paar Sachen einräumen wollte.

Ich entpuppte mich langsam zum Lügenbaron.

Dreißig Minuten später saß ich auf einer Wolldecke in der Garage mit der

Nummer Acht. Ich hatte mich ausgezogen, damit ich mich bei meiner

Rückkehr möglichst schnell wieder anziehen könnte. Mein Laptop stand

aufgeklappt vor mir und zeigte ein ehemaliges Kasernengelände bei

Marienwerder, nördlich von Berlin, auf welches ich durch meine

Internet-Recherchen aufmerksam geworden war. Die Kaserne lag einsam

in einem Waldstück und war von einer hohen Mauer umgeben. Mithilfe

von Google Earth blickte ich auf das Gelände mit dem großen

Exerzierplatz und den alten Gebäuden, die auf dem Display des Laptops

in maximaler Vergrößerung gezeigt wurden, und konzentrierte mich auf

einen Sprung dorthin. Doch so sehr ich mich auch konzentrierte, ein

Sprung zu der Kaserne wollte mir nicht gelingen. Lag das Gelände etwa

außerhalb meines Aktionsradius? Ich vermutete aber, dass meine

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Vorstellung vom Ziel einfach nicht detailliert genug war. Ich sah ja nur

ein schlecht aufgelöstes Bild von oben. Allein die Anordnung der

Gebäude reichte für eine Zielvorstellung anscheinend nicht aus. Leider

konnte ich aber keinerlei Fotos der Anlage finden, wobei ich nicht einmal

wusste, ob ein Foto für eine Zielpeilung überhaupt taugte. Schade, es war

doch schwieriger als ich dachte. Dabei hätte ich gerne auf diesem

Gelände weiter geübt, um noch schneller springen zu lernen und

rauszufinden, was mir noch alles möglich war. Jetzt saß ich hier im

Halbdunkeln und fror. Und erreicht hatte ich auch nichts. Alles nicht so

einfach …

Ich stand auf, um mich wieder anzuziehen. Es war mir echt zu kalt. Zu

kalt … kalt … In meinem Kopf begann sich etwas zu formen. Ein Ort, an

dem es warm war. Eine kleine Bucht mit feinem Sandstrand entstand.

Charakteristische, die Bucht umgebende Felsformationen aus dunklem

Lavagestein zogen an meinem geistigen Auge vorbei, als würde ich mich

einmal um meine Achse drehen. Die Felsen reichten bis in das Wasser

hinein, welches rhythmisch an den Strand schwappte. Aufgrund des

umgebenden Gesteins war dieser Ort nicht leicht zugänglich und so

etwas wie ein Geheimtipp. Deshalb waren da immer nur wenige einzelne

Menschen, meist FKK-Anhänger. Da würde ich nicht auffallen. Da, am

hinteren Strand, gleich vor diesem wie ein Kamel wirkenden Fels wollte

ich jetzt sitzen …

Gleisende Helligkeit drang durch meine geschlossenen Lider und

wohlige Wärme umschmeichelte mich. Blinzelnd sah ich eine kleine

Wolke aus Sandstaub von dannen ziehen und … oh je! Eine nackte Frau

lag am Spülsaum halb im Wasser auf dem Bauch. Sie hatte sich auf ihre

Ellenbogen gestützt und sah direkt zu mir herauf. Ungewollt hektisch

blickte ich mich um. Etwa dreißig Meter links von mir lag ein ebenfalls

nacktes Pärchen seitlich auf einer Decke und betrachtet mich sichtlich

irritiert. Sonst war niemand zu sehen. Mein hastiges Umgucken musste

die Sonnenanbeter wohl überzeugt haben, dass auch ich nicht wusste,

was da gerade so laut geknallt hatte. Allerdings werden sie sich wohl

gewundert haben, warum sie mich nicht schon früher bemerkt hatten

und wieso ich so viel Sand aufgewirbelt hatte. Meine Ankunft hatten sie

wohl nicht direkt beobachtet, sonst hätten sie viel heftiger reagiert.

Ich nahm all meinen Mut zusammen und stand auf, strich mir

mechanisch den Sand vom Po und ging an der schönen Badenixe vorbei

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ins Wasser. Ich wagte nicht zurückzublicken, um zu überprüfen, ob sie

mir nachschaute, und hechtete mich ins tiefer werdende Wasser hinein.

Jetzt erst hatte ich die Zeit, zur Besinnung zu kommen und zu

realisieren, dass ich eine Strecke von weit über dreitausend Kilometer aus

meiner Garage in Berlin an die Playa Caleta del Congrio auf Lanzarote

zurückgelegt hatte, und zwar genau in diese einsame, unzugängliche

Bucht, die ich während meines Urlaubes dort zufällig entdeckt hatte. Ich

wollte gerne schreien vor Freude und konnte es nur mit Mühe unterdrücken,

aber meine Seele schrie lautlos vor Glück. Ich stand bis zur

Brust im leicht gekräuselten Wasser und meine Freudentränen flossen

dermaßen in Strömen, dass zu befürchten stand, der Wasserspiegel

würde ansteigen. Ich schluchzte wie ein kleines Kind. Das konnte ich

nicht verhindern. So viel Glück machte mich direkt fertig. Ich konnte es

kaum verkraften. Es war so unglaublich toll, dass ich jetzt hier sein

konnte, so unverhofft. Ich war der glücklichste Mensch der Welt. So

glücklich, dass es zu viel war für einen einzelnen Menschen. Ich musste

dieses unermessliche Glück mit jemandem teilen, unbedingt und sehr

bald, sonst würde ich glatt irr vor Freude. Womit hatte ich das nur

verdient? Das konnte doch nur ein Irrtum von ganz oben sein. Ich

korrigierte mich sogleich selbst: Die oberste Instanz irrt nicht. Niemals.

Es musste einen Grund geben, dass ausgerechnet ich diese Gabe

bekommen hatte. Würde ich auch erkennen, wofür sie bestimmt war? So

eine besondere Gabe konnte nicht nur dazu da sein, die Welt zu bereisen,

aber ich war so glücklich, dass ich es konnte.

Ich musste aus dem Wasser raus, sonst würde ich noch vor Glück

ertrinken. Die junge Nackte hatte sich inzwischen auf den Rücken

gedreht. Beim Näherkommen saugten sich meine Augen an ihrem

makellosen Körper fest. Sie war wunderschön und es hätte mich nicht

gewundert zu erfahren, dass sie als Model arbeitete. Mein Blick wechselte

ständig zwischen ihren festen Brüsten und dem magischen Punkt

zwischen ihren kilometerlangen Beinen, ohne dass ich eine Kontrolle

darüber hatte. Ich beschleunigte meinen Schritt, um schnell an ihr vorbei

zu kommen, denn ich spürte die wachsende Erregung in meinen Lenden,

ohne jedoch meinen Blick von ihr lösen zu können. Oh nein! Sie hatte

von mir unbemerkt die Augen geöffnet und meine Blicke gesehen. Ich

stolperte und landete zwei Meter neben ihr auf den Knien und fing mich

mit den Händen im heißen Sand ab. Und was machte sie? Sie lachte, war

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sich ihrer Wirkung voll bewusst. Und was für eine erotische Stimme sie

hatte … Schnell weg! Fast im Laufschritt erreichte ich den oberen Strandabschnitt

und legte mich schnell auf den Bauch, bevor die Erregung

offensichtlich wurde. An FKK muss man erst mal gewöhnt sein!

Während die Sonne auf meinen Rücken knallte, fragte ich mich, mit wem

ich mein Glück teilen könnte. Sandra kannte ich noch nicht gut genug,

aber ich dachte ganz oft an sie. Sie hatte so eine liebenswerte natürliche

Art, wirkte völlig unverstellt mit ihrem offenen Blick aus ihren

smaragdgrünen, wachen Augen, die auf mich geradezu hypnotisch

wirkten. Ihr asymmetrisch geschnittenes, rotblondes Haar reichte nur

gerade bis über die Ohren und ein Zipfel hing immer irgendwie schräg

auf ihrer faltenfreien Stirn, was ihr, zusätzlich zu ihrem kessen Auftreten

und den Sommersprossen am Ansatz ihrer Stupsnase, einen kecken

Eindruck verlieh. Mit ihrer hellen, aber nicht grellen, angenehm klaren

Stimme sagte sie immer alles gerade heraus, mit einer Ehrlichkeit, wie ich

sie sonst nur von Kindern kannte. Das hatte mich sehr beeindruckt.

›Du bist süß‹, hatte sie einmal zu mir gesagt, als ich mich über das

Verschwinden der neunjährigen Marie-Claire aufgeregt hatte, deren Foto

in der Bild war, die jemand auf dem Tisch liegen gelassen hatte. Sie war

ein süßer kleiner Fratz mit großen Augen und rotblondem, mittellangem

Haar. Nach der Schule war sie nicht nach Hause gekommen und es gab

keinerlei Hinweise auf ihren Verbleib. Ich hatte mich so in Rage geredet

und einen Fluch auf den mutmaßlichen Entführer gelegt, dass ich vor

Erregung rot angelaufen war. ›Reg dich nicht über Dinge auf, bei denen

du es nicht in der Hand hast, sie zu ändern‹, hatte sie gesagt. ›Konzentriere

dich lieber auf das, was du ändern kannst, und tu es auch. Das

schont deine Nerven und hilft wirklich. Aber ich finde es toll von dir, dass

dir ein Kinderschicksal so zu Herzen geht. Das ehrt dich.‹

Ich war verlegen, dass ich ihr einen so tiefen Blick in meine Seele

gewährt hatte. Das war nicht sehr männlich. Vor allem aber war ich

verblüfft über die klare Wahrheit, die in ihren Worten lag und die sie so

ganz nebenbei formuliert hatte. Recht hatte sie damit, aber ich konnte ja

nicht aus meiner Haut. Bei Kindern reagiere ich nun mal sehr empfindlich.

Keine Ahnung, wieso das bei mir so ist.

Ich nahm mir vor, Sandra am Montag nach der Arbeit mal wieder zu

besuchen, wenn ich auch Angst davor hatte. Sie wusste ja mit Sicherheit

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von ihrer Kollegin, dass ich plötzlich ohne Klamotten verschwunden war.

Wie sollte ich ihr das erklären? Ich konnte ihr unmöglich die Wahrheit

sagen, obwohl – wenn ich sagen würde, ich sei einfach weg teleportiert,

dann würde sie es für einen Scherz halten und denken, dass ich nicht

darüber reden will. Auf keinen Fall wollte ich sie anlügen. Mit Lügen

sollte man keine Beziehung beginnen und mir war längst klar, dass ich

mich in sie verliebt hatte. Trotzdem war es viel zu früh, sie in diese Sache

einzuweihen.

Aber wer käme sonst infrage? Freunde? Hatte ich denn Freunde, oder

doch eher nur Kumpels? Stefan. Ja, Stefan war schon ein richtiger Freund

und Markus auch. Markus fiel hier aber aus, denn er konnte nichts für

sich behalten. Die Freundschaften zu den ehemaligen Mitbewohnern des

Heimes Sankt Johannes bestanden schon lange nicht mehr. Ich wollte

keine Kontakte zu den Mitbewohnern mehr pflegen, um mich endgültig

abzunabeln und diese bisher größte Episode meines Lebens möglichst zu

vergessen. Als sich während eines Einkaufsbummels meine Gedanken

wieder einmal mit dem damaligen Heimleben beschäftigt hatten, ausgelöst

durch eine meinen Weg kreuzende Nonne, hatte ich aus diesem

Grund auch noch die letzte Bindung zum Heim aufgegeben und mein

Amulett, wie schon erwähnt, einfach in eine Abfalltonne geworfen.

Diakon Beierle selbst hatte mir immer eingeschärft, ich dürfte es niemals

ablegen, weil mich sonst großes Unglück ereilen würde. Der Diakon war

immer die vertrauenswürdigste Person in meinem Leben gewesen. Er

verkörperte meinen Vater, hätte ich mir auch einen Vater für mich allein

gewünscht, der all die tollen Sachen mit mir unternehmen würde, die

andere Väter mit ihren Söhnen so machen. Aber bei allen Einschränkungen

hatte ich dennoch eine richtige Vater-Sohn-Beziehung zu ihm

gehabt. Eine durch Strenge, Disziplin und Religion gekennzeichnete

Beziehung zwar, aber ich liebte ihn wie einen leiblichen Vater. Erst als ich

in das schwierige Pubertätsalter kam, begann ich mich etwas von ihm zu

entfernen. Durch den Vergleich mit Außenkontakten erkannte ich mehr

und mehr, wie patriarchalisch er war und wie wenig meiner Liebe von

ihm zurückgegeben wurde. Das gekreuzte Auge verkörperte in meinen

Augen plötzlich das letzte Quäntchen seiner Macht über mich, denn ich

war ja noch immer seiner hörig, indem ich es weisungsgemäß trug. Ich

warf es weg, um endlich frei zu sein. Und nun lag ich hier im Sand und

dachte ernsthaft darüber nach, ob ich mein großes Glück mit Diakon

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Beierle teilen sollte, dem einzigen Menschen, zu dem ich immer vollstes

Vertrauen gehabt hatte. Ich könnte ihm zeigen, dass mich das größte

Glück gerade erst nach dem Ablegen des Amuletts ereilt hatte, dass ich

also auch ohne Talisman nicht ins Unglück stürzte. Ob ihn das freuen

würde? Vielleicht auch nicht, weil es ihm ja seine Fehlbarkeit vor Augen

führen würde. Vielleicht sollte ich das Amulett lieber nicht erwähnen.

Langsam schlich sich eine Traurigkeit in mein Gemüt und legte sich

wie ein Mantel über meine Glückseligkeit. Selbst bei dieser vertrautesten

Person meines Lebens musste ich noch aufpassen, keinen Zorn durch

eine unbedachte Äußerung auf mich zu ziehen.

Entschlossen schüttelte ich diese schwermütigen Gedanken ab und

vertagte die Entscheidung erst einmal. Die Sonne brutzelt erbarmungslos

auf meine Haut. Wahrscheinlich hatte ich schon einen leichten

Sonnenbrand. Und ich hatte Hunger und Durst. Mein Mund war schon

ganz trocken. Also schnell nach Hause in die Garage. Ich schaute mich

unauffällig um, ob ich unbeobachtet springen konnte. Das Pärchen links

von mir lag eng umschlungen einander zugewandt auf der Decke. Ich

bezweifelte fast, dass sie den Knall bei meinem Verschwinden überhaupt

wahrnehmen würden. Die Nixe an der Wasserlinie beobachtete die

beiden mit betont gelangweilter Mine, die auf mich so aufgesetzt wirkte,

dass ich sie ihr nicht abnahm. Von mir völlig unbemerkt, hatte ein

weiteres junges Paar den Weg in die idyllische Bucht gefunden, diesmal

aber in Badekleidung. Im Wasser stehend spielten sie so etwas wie Zweipersonenvolleyball.

Niemand interessierte sich für mich, was mir sehr

zustatten kam. Ich konzentrierte mich auf die Garage und einen Moment

kam mir in den Sinn, dass ich ein echtes Problem hätte, wenn der

Rücksprung jetzt nicht gelingen würde. Aber meine Sorgen waren

unbegründet.

Das vergleichsweise schwache Licht der Energiesparlampe an der

rückwärtigen Garagenwand und die Kühle des deutschen Märztages

nahmen mich in Empfang. Draußen hörte ich es plätschern. Es regnete.

Mit den Händen strich ich überall über meine Haut, um den Sand … ab …

zu … streifen …? Da war nirgends Sand zu finden. Mit leicht gespreizten

Fingern beider Hände fuhr ich von unten nach oben durch das Haar und

kratzte mit den Fingernägeln auch auf der Kopfhaut herum. Nichts.

Nicht ein Sandkorn. Da fand sich überhaupt gar nichts unter meinen

Fingernägeln. Sie waren strahlend weiß, als hätte ich sie eben gerade

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gründlich mit der Nagelbürste geschruppt. Erstaunt betrachtete ich

meine Hände genauer. Sie waren so sauber, wie die Hände eines Babys.

Nicht die kleinste Verschmutzung selbst in den feinsten Hautrissen und

Rillen konnte ich entdecken. Das war ja irre! Weil ich keine Gegenstände

mitnehmen konnte, blieb sogar der Schmutz unter meinen Fingernägeln

zurück und der Sand auf der Haut und im Haar sowieso. Da musste

doch … Ich hob den linken Arm und untersuche die Achselhöhle mit der

rechten Hand. Ja, da hatte sich tatsächlich etwas Sand festgesetzt, ebenso

zwischen den Pobacken. Wenn ich auch nicht gerade auf Sand in

irgendwelchen Hautfalten stand, so war ich doch froh darüber, dass ich

überhaupt etwas mitnehmen konnte. Würde ich überhaupt Plomben in

den Zähnen mitnehmen können? Ich hatte aber gar keine Plomben,

oder? Ich würde jedenfalls vorsichtshalber immer den Mund geschlossen

halten, wenn ich teleportierte. Ich ertappte mich dabei, wie ich mit der

Zungenspitze meine Zähne untersuchte. Blödsinn, ich hatte keine Plomben!

Oder doch …? Hach, ich würde halt mal zum Zahnarzt gehen und

mich erkundigen müssen. Woran man so alles denken muss …

Nachdem ich etwas gegessen und getrunken hatte – ich hatte ja heute

nicht mal gefrühstückt –, war ich schon wieder in der Garage. Ich trug

jetzt einen dunkelblauen Jogginganzug und darüber eine leichte

schwarze Blouson-Jacke, dazu sportliche schwarze Slipper mit grauen

Einsätzen. Dieses Outfit erleichterte mir die ständige Anzieherei.

Ausziehen musste ich mich ja nicht, denn ich sprang buchstäblich aus

dem Anzug. Ich wünschte mir allerdings sehr, die Klamotten beim

Sprung anbehalten zu können. Nackt war ich doch arg eingeschränkt.

Vielleicht könnte ich mir überall auf der Welt geheime Kleiderdepots

einrichten. Dann könnte ich jeweils zum Depot springen, mich anziehen

und von dort mit Verkehrsmitteln an das eigentliche Ziel gelangen.

Zumindest würde ich den Flug und natürlich die Zeit für den Flug

sparen. Aber wo sollte ich die Kleidung deponieren? Es müsste einigermaßen

zentral gelegen sein, damit ich von dort auch mobil wäre. Das war

wohl erst mal eine unrealistische Idee …

Für eventuelle Notfälle, wenn ich mal von irgendwo schnell nach

Hause springen müsste, hatte ich einen kompletten Satz Kleidung

inklusive Schuhe in einer kleinen Wäschewanne mit in die Garage

genommen und in eine Ecke gestellt. So konnte ich jederzeit in die

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Garage springen und mich dort anziehen. Günstig war, dass man die

Garage auch von innen aufschließen konnte. Die Kleidung, die ich zuvor

trug, würde ich dann aber zurücklassen müssen. Wichtige Papiere würde

ich von nun an nicht mehr mitführen und auch nicht viel Bargeld. Das

konnte ich ja alles bei einem Sprung nicht nehmen.

Mit einem Kugelschreiber hatte ich mir einen dicken Strich auf den

Unterarm gemalt. Etliche Male hatte ich hin und her gemalt und kräftig

aufgedrückt. Diesen Strich konnte ich nicht mehr so leicht abwaschen.

Ich wollte testen, ob er nach einem Sprung vollständig weg wäre, oder

nicht. Ich setzte mich auf die Decke und überlegte, wohin ich denn mal

springen könnte. Ein einsamer, mir bekannter Platz sollte es sein. Gut,

dass es nicht mehr regnete.

Meine Gedanken kreisten und kramten in meinem Gedächtnis, bis ein

Bild entstand. Der Igelstein. Ja, das war zwar lange her, aber den würde es

sicher noch unverändert geben. Wir nannten diesen Stein so, weil er

einem Igel glich, nur viel größer. Der etwa zwei Meter lange Monolith

befand sich am Rand einer kleinen Lichtung in einem nicht sehr großen

Kiefernwald in der Nähe meines früheren Heimes, zu der nur ein

schmaler Pfad führte. Nie war mir dort jemand begegnet, obwohl

zwischen den Bäumen teilweise ausgedehnte Flächen mit Heidelbeeren

bedeckt waren, die wir immer pflückten und direkt aßen, was uns wegen

der Gefahr durch Eier des Fuchsbandwurmes eigentlich verboten war.

Ich sah den großen Findling vor meinem geistigen Auge, so als

betrachtete ich ihn aus einer Entfernung von wenigen Metern, und

wünschte mich … Da kitzelte doch was an meiner linken Hand. Ich

drehte den Kopf und öffnete die Augen, als ich gleichzeitig das kurze

Schwindelgefühl bemerkte, welches von dem erfolgten Sprung kündete.

Mein Blick erfasste eine behaarte, dunkelbraune Spinne, die über meine

Finger krabbelte, weiter auf die Wiese in Richtung des Igelsteins, vor dem

ich im regennassen Gras saß.

Was war denn das? Meine Nackenhaare stellten sich auf und ich

bekam Gänsehaut. Die Spinne entfernte sich weiter von mir, während ich

mich aus dem nassen Gras erhob. Hatte ich sie etwa aus der Garage

mitgebracht? Aber sie hatte doch ganz frei auf meiner Hand gesessen!

Oder war sie erst hier auf meine Hand gelangt und das Kitzeln, welches

ich unmittelbar vor dem Sprung zu fühlen glaubte, hatte damit gar nichts

zu tun? Mein Blick suchte den Strich auf meinem Unterarm, doch außer

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einer geröteten Stelle war nichts mehr davon zu sehen. Mir stockte der

Atem. Wenn nicht einmal dieser Strich auf meiner Haut einen Sprung

mitmachte, was war dann gerade mit der Spinne passiert? Ich musste das

sofort testen!

Die Spinne erneut aufzunehmen, hatte ich etwas Scheu. Sie war ganz

schön groß und flink dazu. Ich drehte einen Stein um und entdeckte

zwei Regenwürmer und einen schnell davonkrabbelnden schwarzen

Käfer. Schnell ergriff ich den Käfer mit Daumen und Zeigefinger, doch

der war zu unruhig, blieb nicht auf meiner Hand sitzen und fiel am Rand

einfach wieder herunter. Dann musste halt ein Regenwurm herhalten. Sie

waren schon dabei, sich so schnell wie möglich in ein Loch hineinzubohren.

Ich zog vorsichtig an dem noch herausschauenden Viertel des

größeren der beiden und legte ihn auf meine Handfläche. Jetzt sprang

ich einfach nur ein paar Meter weiter, wodurch mein nasser Hintern auch

gleich wieder trocken war. Ein angenehmer Nebeneffekt. Das Schwindelgefühl

bei meinen Sprüngen wurde immer weniger. Es brachte mich

kaum noch zum Wanken. Und der Wurm? Er schlängelte sich munter auf

meiner Hand herum und strebte dem Rand entgegen. Verrückt!

Weil ich es noch nicht so richtig glauben konnte, legte ich einen

kleinen Stein zu dem Wurm auf die Handfläche und sprang erneut die

paar Meter zum Igelstein zurück. Der Wurm kringelte sich weiterhin und

suchte eine Stelle auf meiner Hand, in die er eindringen könnte, der Stein

aber war weg. Boah! Wahnsinn! Ein ungläubiges freudvolles Kichern

entwich meinem vor Staunen geöffnetem Mund. Ich freute mich wie ein

kleines Kind über seine ersten Schritte. Alle möglichen Gedanken schossen

durch meinen Kopf. Ich könnte ein Reiseunternehmen gründen.

Zeigen Sie mir ein Foto ihrer Wahl, ich bringe Sie hin! Allerdings nur

nackt und ohne Gepäck, aber Sie können Ihren Hund mitnehmen.

Vor mich hin lachend suchte ich enthusiastisch den Boden ab, ob ich

noch andere Lebewesen finden könnte, vielleicht einen Frosch … Da

zuckte ich plötzlich zusammen und erstarrte in der Bewegung.

›Hey! Was treibst du da?‹ ertönte eine forsche Stimme seitlich hinter

mir. Nach einer Schrecksekunde wirbelte ich herum, mein Kopf ruckte

suchend hin und her, bis mein Blick endlich an einer Gestalt hängen

blieb, die bewegungslos zwischen den Bäumen, halb vom Unterholz

verdeckt, am Rand der Lichtung stand. Sein olivgrüner, langer Wachsmantel

mit umgelegter Pelerine über den Schultern und der tief in die

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Stirn gezogene, dunkle Baumwollhut, ließen ihn fast mit dem Wald

verschmelzen. Wenn er nichts gesagt hätte, wäre ich möglicherweise an

ihm vorbeigegangen, ohne ihn zu bemerken. Scheiße! Wie lange stand

der schon da? Hatte er mich etwa springen gesehen? Er löste sich mit weit

ausholenden Schritten vom Waldrand, wobei Zweige unter seinen

Kanada-Boots knackten. Ihm voran schob sich ein Dackel aus dem

Unterholz, den er an der Leine hielt. Wieso hatte der nicht gebellt? Dann

wäre ich gewarnt gewesen und hätte schnell verschwinden können. Ein

Ledergurt verlief von der linken Schulter schräg über die Brust des

Mannes und hinter seiner Schulter ragte etwas neben seinem Kopf

senkrecht heraus. Der Lauf eines Gewehres! Der Mann war Jäger. Mir

wurde mulmig. Wenn er das Gewehr abnimmt, dann springe ich, nahm

ich mir vor. Ich bereitete mich innerlich schon darauf vor.

›Antworte! Was treibst du da?‹ rief er erneut. Fast hatte er mich

erreicht.

Ich stotterte etwas von Natur erkunden und hielt den Regenwurm

hoch, den ich immer noch in der Hand hielt.

›So einen Sittenstrolch wie dich hatte ich hier schon mal in meinem

Wald. Der kommt hier nicht mehr her …‹, sagte er bedeutungsschwanger.

Ach so, sein Wald also. Ich mag so arrogante Menschen nicht. Selbst

wenn es sein Revier war, war es dennoch ein öffentlicher Wald. Außerdem

sehe ich rot, wenn ich geduzt werde, nur um mich herabzusetzen.

›Was haben Sie mit ihm gemacht?‹, frage ich gereizt. ›Etwa erschossen?‹

›Ich habe ihn zur Polizei gebracht, so, wie ich dich jetzt auch hinbringe‹,

sagte er, machte noch einen großen Schritt und packte meinen

Arm, während sein Dackel, den er einfach losgelassen hatte, nun doch zu

kläffen begann.

›Sie bringen mich nirgends hin‹, entgegnete ich. ›Dazu haben Sie kein

Recht.‹

Das werden wir ja mal sehen‹, sagte er forsch, verstärkte seinen Griff

und dreht mir den Arm auf den Rücken. Ich leiste keinen Widerstand.

Stattdessen konzentrierte ich mich auf die Garage und sprang.

Der Griff an meinem Arm lockerte sich und ich konnte mich leicht

umdrehen. Der Waidmann hielt sich an mir fest und schwankte bedenklich

hin und her. Er war jetzt nackt wie ich. Oh Gott! Wie Hammerschläge

pochte mein Herz gegen die Rippen. Ich hatte den Mann mit in

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die Garage genommen! Sekundenlang war ich starr vor Schreck. Zum

Glück brauchte der Jäger recht lange, bis der Schwindelanfall vorbei ging.

Bei mir war es nur ein ganz kurzes schwummriges Gefühl, sodass ich

trotz der langen Schreckstarre früher handlungsfähig war als er.

Ich ergriff nun meinerseits seinen Arm und teleportierte zu der

Lichtung beim Igelstein zurück. Der Dackel, der noch dort war, gab ein

heulendes Geräusch von sich und rannte unsicher ein paar Meter davon,

zu der Stelle, an der die Kleidung und das Gewehr des Herrchens lagen,

den ich noch einen Moment stützen musste. Sobald er halbwegs alleine

stehen konnte, sprang ich in die Garage zurück, nicht, ohne ihn zuvor

losgelassen zu haben. Wow! Was für ein Wahnsinn!

Jetzt, wo es vorbei war, zitterte mein ganzer Körper, so aufgeputscht

war ich. Nur langsam normalisierte sich mein Puls wieder. Eine Spinne

und ein Regenwurm sind was anderes als ein Mensch! Körperlich schien

es ihm nicht geschadet zu haben. Psychisch aber würde er an der Sache

sicherlich lange zu knabbern haben. Das geschah ihm aber auch recht.«

»Meine Herren, das Abendessen ist angerichtet.« James hatte das

Herrenzimmer so leise beteten, dass Wintherberg bei seiner Wortmeldung

zusammenzuckte. »Ich habe im kleinen Saal gedeckt.«

»Danke James«, sagte Frank. Und an Wintherberg gewandt: »Sie

erweisen mir doch die Ehre, Herr Wintherberg? Ich würde mich freuen.«

»Ja, gerne.« Majok Wintherberg erhob sich sogleich, als hätte er schon

darauf gewartet. Frank geleitete ihn in den Rittersaal, wie er den kleinen

Saal viel lieber nannte. Wintherberg fühlte sich geradewegs in eine

andere Zeit versetzt. Die Wände und der Boden waren aus behauenen

Sandsteinblöcken. Eigentlich waren sie nur verblendet, doch das sah man

ihnen nicht an. Von zwei der freiliegenden dunklen Deckenbalken

hingen schwere schmiedeeiserne Kerzenleuchter an groben Ketten

herunter. Sie schwebten über einer vier Meter langen Eichentafel mit je

sechs hochlehnigen Stühlen aus dem gleichen Holz zu beiden Seiten,

und je einem an den Kopfseiten. Der flackernde Kerzenschein der

zweistöckigen Leuchter reflektierte geisterhaft von den vier glänzenden

Ritterrüstungen, von denen an beiden Längswänden je zwei in kleinen

Nischen standen und bedrohlich ihre Schwerter präsentierten. An der

Wand jenseits der Tafel stand eine mittelalterliche Streckbank, die

bisweilen als Buffet diente.

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»Sie haben einen außergewöhnlichen Geschmack, das muss ich schon

sagen. Ich finde es etwas zu düster, aber das macht es sehr authentisch.

Alle Achtung.«

»Danke. Ich kann es etwas heller machen, wenn Sie sich dann wohler

fühlen. Es gibt auch verstecktes elektrisches Licht.«

»Nein nein, das passt schon so. Fehlen nur noch ein paar halb nackte

Weiber, ein Barde und der Hofnarr. Letzteren könnte ich übernehmen.«

Beide lachten herzhaft.

Die beiden hinteren Plätze links und rechst waren eingedeckt. In der

Mitte standen eine Schale mit dampfenden Hühnerkeulen, ein flaches

Körbchen mit verschiedenen Brotsorten und Baguette, diverse Wurstwaren

auf einem ovalen Holzbrett, eine reich bestückte Käseglocke und

eine Karaffe mit Rotwein. Als alkoholfreie Alternative gab es auch noch

Wasser und Fruchtsäfte und auf dem Buffet stand eine große Obstschale.

Sie nahmen Platz und Wintherberg griff ohne Scheu sogleich nach

einer Keule. »Hm, die sind lecker«, sagte er zwischen zwei Bissen und

nahm ein Stück vom Baguette aus dem Korb.

»Das freut mich«, erwiderte Frank. »Ich werde es an James weitergeben.

Einen Wein dazu?« Ohne auf die Antwort zu warten, füllte Frank

das Glas seines Gastes, in der sicheren Annahme, dass dieser nicht

ablehnen würde, bevor er auch seines füllte.

»Ja, danke«, nuschelte der Schreiberling mit halb vollem Mund.

Frank nahm nun auch eine Keule von der Schale, während Wintherberg

bereits den ersten Knochen an den Tellerrand legte. »Sagen Sie …«,

begann er zu sprechen, während er die Käseglocke anhob. »Habe ich das

richtig verstanden? Sie müssen ein Lebewesen nur berühren, um es bei

einem Sprung mitzunehmen?«

»Das ist korrekt. Und später stellte ich sogar fest, dass ich eine ganze

Gruppe von Menschen mitnehmen kann, wenn unter ihnen Körperkontakt

besteht.«

»Und wie viele Menschen können Sie maximal bei einem Sprung

mitnehmen?«

»Keine Ahnung. Ich bin bei meinem Sprüngen bisher an keine Grenzen

gestoßen. Einmal habe ich zwanzig Männer mitgenommen. Mehr

habe ich nie versucht.«

»Zwanzig Männer! Sie hätten wirklich ein Reiseunternehmen gründen

sollen.« Wintherberg lachte.

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»Ja, aber wer will schon unbekleidet und ohne Gepäck reisen? Jedoch

fand ich später Möglichkeiten, das Problem zu lösen, aber ich möchte

lieber der Reihe nach erzählen.«

Wintherberg hatte sich für einen Schimmelkäse entschieden und aß

diesen auf Vollkornbrot. Kauend fragte er: »Wieso geht das mit

Lebewesen, aber nicht mit Gegenständen?« Er spülte den Bissen mit

einem kräftigen Schluck Wein hinunter.

»Es liegt an der Aura, die jedes Lebewesen der Fauna umgibt. Sie liegt

wie eine Haut über dem Körper und umschließt alles, was zu dem

Lebewesen gehört. Teleportiert werden kann nur, was sich innerhalb der

Aura befindet. Wenn sich zwei Auren berühren, verbinden sie sich zu

einer Einheit. Nur deshalb kann ich Lebewesen mitnehmen.«

»Woher wissen Sie das so genau? Eine Aura ist doch eher eine

spirituell angehauchte Annahme. Sie ist nicht nachweisbar und nicht

wirklich wahrnehmbar.«

Frank hatte sich noch eine Hühnerkeule genommen und wollte gerade

hineinbeißen. Er ließ die Hand noch einmal sinken und erklärte: »Ich

kann sie wahrnehmen. Nicht einfach so und jederzeit, aber im Vorfeld

eines Sprunges. Das wurde mir aber erst später bewusst, als ich meine

Aura erstmals für einen besonderen Sprung aufblähte. Es war damals ein

schockierendes Erlebnis für mich. Das geschah aber erst später.« Endlich

biss er in die Keule. »Nehmen Sie auch noch eine, bevor sie kalt sind«,

sagte er etwas undeutlich zwischen zwei Bissen. Wintherberg ließ sich

nicht lange bitten. Er hatte einen Bärenhunger.

Nach dem Essen wechselten sie wieder in das Herrenzimmer. Majok

Wintherberg wollte gerne noch etwas bleiben und den Erzählungen

folgen, wenngleich er sich noch immer nicht sicher war, ob sich dieser

Millionär nicht nur einen Spaß daraus machte, ihm einen riesigen Bären

aufzubinden. Das würde er ihm dann aber sehr übel nehmen. Schließlich

hatten sie sich zuvor nicht gekannt, und einen Unbekannten führt

man nicht derart an der Nase herum. Das würden selbst Freunde übel

nehmen. Aber letztlich wurde er ja gut bezahlt, und wenn es am Ende

eine fiktive Biografie würde, dann wäre es wenigstens gelungene Unterhaltungsliteratur.

Der Schreibtisch hatte sich zwischenzeitlich in eine Bar verwandelt.

Die Whiskyflasche darauf war ein Prunkstück aus Bleikristallglas mit

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Brillantschliff. Wie Bernstein schimmerte sie mit ihrer goldbraunen

Flüssigkeit darin. Dahinter stand ein Eiskübel aus gehämmertem und

verzinntem Aluminium. Neben den klobigen Whiskygläsern standen

zwei feuchtperlende Flaschen Guinness nebst Biergläsern mit Guinness-

Aufdruck bereit.

»Der gute alte James«, sagte Frank. »Wenn ich Gäste habe, reißt er

sich immer noch ein Bein extra aus. Er scheint zu denken, ich hätte nicht

selbst genug Manieren, meinen Gästen etwas anzubieten. Trinken Sie ein

Guinness mit mir?«

»Ich habe nie eines getrunken. Wenn Sie es empfehlen, versuche ich

es gerne mal.«

»Unbedingt! Mit Stefan trank ich oft ein Guinness. Meist nicht nur

eines. – Ich vermisse ihn …«

»Ist er …?«

»Ermordet.« Frank öffnete die beiden Flaschen. »Er war Rechtsanwalt.

Ein Klient, für den er keinen Freispruch erwirken konnte, brachte ihn

um, nachdem er wieder raus war. Vielleicht war er ja unschuldig gewesen,

wer weiß. Jetzt aber ist er nicht unschuldig.« Er reichte Wintherberg, der

neben ihn getreten war, die Flasche.

»Das tut mir leid. Ich trinke gerne ein Guinness mit Ihnen.«

»Sehr freundlich von Ihnen. Danke.« Frank wirkte niedergeschlagen.

»Es geht Ihnen sehr nahe …«

»Er war mein Freund. Ich habe ihn geliebt – so, wie man einen Freund

halt lieben kann.« Franks Augen wirkten gläsern. »Prost Stefan«, sagte er

und hob die Flasche in Richtung des rechten Porträts von den drei, die

über dem alten Schreibtisch hingen. Dann wandte er sich dem Gast zu.

»Prost … äh … Majok. Ich finde, wir sollten uns duzen, wenn wir Bier

zusammen trinken.«

»Prost Frank«, sagte Majok. Sie stießen zusammen an und nahmen

einen tiefen Schluck aus der Flasche.

»Nimm ein Glas«, riet Frank. »Es schmeckt besser aus dem Glas.«

»Die beiden anderen Porträts sind deine Frau und Tochter?«

»Ja.«

»Sehr hübsche Frauen. Wirklich.«

»Ja«, entgegnete Frank erneut knapp. Um von seinem Schmerz abzulenken,

deutete er zu dem großen Ölgemälde an der Wand zur Linken.

»Das hier ist von einem anderen Freund. Von Vincent.«

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Majok sah ihn fragend an.

»Ein berühmter Holländer

»Es ist ein Van Gogh? Ein echter?«

»So ist es. Ein Bekannter, Pascal, schleifte mich mit zu einer Auktion,

bei der nur Gemälde angeboten wurden. Irgendwann meinte er, ich

könnte ruhig auch mal bieten. Ich sei ja langweilig. Ich tat ihm den

Gefallen und schon hatte ich dieses Gemälde erstanden. Ich schaute

Pascal vorwurfsvoll an, doch der meinte, der dümmste Bauer erntet die

dicksten Kartoffeln. Ich hätte ein absolutes Schnäppchen gemacht. Das

Bild sei viel mehr wert. Na ja, nun hängt es hier. Vielleicht wird es meine

Tochter irgendwann verkaufen. Dann profitiert sie davon.

Wollen wir uns nicht setzen? Ich hab gerade so starke Erinnerungen

an Stefan. Mit ihm geht meine Geschichte weiter …«

»Ja, dann mal los. Dafür bin ich ja hier.«

Frank erzählte, sobald er saß und die Augen geschlossen hatte: »Als ich

im Paradiesvogel gut zehn Minuten zu früh eintraf, war Stefan schon da

und winkte mich zu sich. Ich hatte ihn telefonisch dorthin gebeten und

anscheinend sehr neugierig gemacht, denn er war sonst eher unpünktlich.

Ich hatte mich – wie ich vorwegsagen muss – nun doch für Stefan als

heißesten Kandidaten für mein Vertrauen entschieden, nicht für Diakon

Beierle. Irgendwie war mir diese Welt, in der er lebte und in der ich

aufgewachsen war, doch zu fremd geworden. Ja, es war eine Welt für sich,

fernab vom brodelnden Leben hier draußen, irgendwie weltfremd und

die Tatsachen verleugnend. Die Welt besteht nicht aus Gebeten,

Nächstenliebe und Selbstdisziplin. In Wahrheit dominiert die Gier nach

Reichtum und Macht, und nach Stefans Ansicht macht das auch vor der

Kirche nicht halt. Ich hatte es bis dato vermieden, dazu Stellung zu

nehmen, auch für mich selbst, denn für mich wäre das so, als bezichtigte

er mein Elternhaus dieser Untugenden, und das mochte ich einfach nicht

hören. Ein unterschwelliges Gefühl aber sagte mir, dass er damit

vermutlich recht hatte, wie so oft. Stefan hatte meist recht mit seiner

Sicht der Dinge, denn er war sehr gebildet und an allem interessiert. Sein

Spezialgebiet waren aber die Rechtswissenschaften, die er auch studiert

hatte. Darüber hatten wir uns auch fünf Jahre zuvor genau hier

kennengelernt. Ich war mit Markus, der mit mir zusammen in der

gleichen Werkstatt ausgebildet wurde, im Paradiesvogel auf ein Bier-

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chen eingekehrt. Markus hatte eine Abmahnung von einem Abmahnanwalt

bekommen, weil er angeblich irgendeinen Film über ein

Filesharing-Programm zum Download angeboten haben sollte, was

damals noch strafbar war, und wir hatten uns darüber unterhalten. Stefan

hatte am Nachbartisch gesessen, sich in das Gespräch eingeschaltet und

wertvolle Tipps gegeben, wie Markus vorgehen sollte. Dabei hatten beide

die Telefonnummern ausgetauscht. Markus hatte Stefan später zu seiner

Geburtstagsfeier eingeladen, bei der auch ich war, um sich so zu

bedanken, weil er mit Stefans Tipps erfolgreich gewesen war. Seitdem

trafen wir uns öfter, tranken das eine oder andere Bierchen, hatten gute

Gespräche und entdeckten auch gemeinsame Interessen. So kam es, dass

sich Stefan meine Perry-Rhodan-Bücher auslieh, eines nach dem

anderen, und ich las verschiedene Autoren aus seiner Sammlung, zum

Beispiel Isaac Asimovs Foundation-Trilogie.

Nicht nur wegen dieses gemeinsamen Faibles für Science-Fiction

schien mir Stefan die geeignete Person zu sein, mit der ich meine

vergangenen und zukünftigen Erlebnisse teilen wollte. Ob ich letztlich

wirklich die Katze aus dem Sack ließe, würde der Verlauf dieser

Zusammenkunft zeigen. Nach dem Erlebnis mit dem Jäger musste ich

mich jetzt jedenfalls unbedingt jemandem anvertrauen. So viele

fantastische Erlebnisse kann ein Mensch nicht einfach nur für sich selbst

verarbeiten. Ich wollte Glück, Verwunderung und Angst mit jemandem

teilen, weil alles sonst nur halb so schön oder aber doppelt so schwer war.

Vielleicht wollte ich auch ein bisschen bewundert werden, obwohl dieser

Wunsch nicht vordergründig vorhanden war, aber tief in mir drin, wenn

ich ehrlich war, würde mir ein bisschen Anerkennung auch gefallen. Vor

allem aber brauchte ich einen Gefährten an meiner Seite, dem ich mich

uneingeschränkt mitteilen konnte, damit ich nicht tatsächlich verrückt

würde.

Als ich Stefan auf seine ungewöhnliche Pünktlichkeit ansprach,

erzählte er mir von seinem guten Vorsatz, jetzt immer pünktlich sein zu

wollen. Er sei neulich doch tatsächlich zu spät zu einem Gerichtstermin

erschienen. Das sollte sich auf keinen Fall wiederholen. Außerdem

brannte er darauf zu hören, was es denn so Interessantes gäbe.

Mir seien in letzter Zeit einige merkwürdige Dinge passiert, deutete

ich zunächst nur an. Ob ich einen Rechtsbeistand bräuchte, bot sich

Stefan gleich an.

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›Nein‹, stammelte ich etwas unbeholfen. ›Ich brauch eher einen Freund.‹

Da würde er sich gerade mal anbieten, meinte er. Er dachte, wir seien

doch längst schon Freunde. Da stand ich also wieder mal voll im Fettnäpfchen.

›Natürlich sind wir Freunde‹, versicherte ich und fügte hinzu, dass ich

sogar meinte, wir seien sehr gute Freunde, was Stefan auch bestätigte. Ich

bräuchte jetzt aber nicht nur einen guten Freund, ich bräuchte einen

Bruder, einen Gefährten. Einen, dem ich voll und ganz vertrauen könnte,

der verschwiegen wäre, der mir nicht gleich einen Vogel zeigte, wenn ich

ihm unglaubliche Dinge erzählen würde. Ich bräuchte jemanden, mit

dem ich meine Erlebnisse teilen könnte, sonst würde ich platzen. ›Und

ich denke, du bist so ein Freund‹, sagte ich, und dass ich es jedenfalls

hoffen würde.

Stefan war sichtlich gerührt, dass ihm so hohes Ansehen zuteilwurde

und er schien erleichtert, dass der Herr des Hauses an unseren Tisch

kam, weil ihm das schon fast ein bisschen zu intim war. Ich bin mir jetzt

aber nicht sicher, ob ich überhaupt Herr des Hauses sagen darf, denn

Antonio war eine Dragqueen und nannte sich selbst Antonia. Jeder, der

ihn kannte, sprach ihn aber nur mit Toni an.

›Na Ihr zwei Hübschen‹, sagte Toni mit leicht näselnder Stimme und

eindeutig tuntiger Sprechweise mit italienischem Akzent, was echt lustig

klang. ›Ich hab eure schlanken Traumkörper ja schon lange nicht mehr

hier gesehen.‹

Er trug ein schrilles schulterfreies Mieder in roter bis violetter Farbgestaltung.

Dazu ein Tutu aus rosa Tüll, welches viel von seiner glatt

rasierten Brust und seinen ebenso glatten, aber eindeutig männlichen

Beinen zeigte, die aufgrund irgendeiner glitzernden Creme bunte Lichtreflexe

abgaben. In der Perücke mit langem schwarzem Haar trug er eine

riesige rosa Schleife aus dem gleichen Tüll, die mit dem knalligen Rot

seiner Lippen konkurrierte. Zusammen mit seinen scheinbar wahllos

bunt geschminkten Augen und einem Pfund Rouge im Gesicht machte er

dem Namen seines sehr speziellen Restaurants wirklich alle Ehre. Hier

wäre ich aus eigenem Antrieb sicherlich nie eingekehrt, aber Markus

hatte mich damals mit reingeschleppt, weil es echt gutes italienisches

Essen zu erstaunlich moderaten Preisen gab, und Toni war wirklich ein

netter, lustiger und ganz und gar untypischer Italiener. Natürlich gab es

hauptsächlich Szene-Publikum, was uns aber eher belustigte als störte.

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›Toni, du wirst auch immer bunter‹, sagte ich. ›Machst du uns ein

schönes schlankes Blondes?‹

›Naturalmente. Was soll’s denn sein? Männlein oder Weiblein?‹

Tonis Biergläser gab es in Form eines menschlichen Torsos mit Busen

und fraulichen Kurven oder mit vielen Muskeln und Penis.

›Wir bevorzugen Weiblein‹, sagten wir gemeinsam.

›Ihr Langweiler‹, sagte Toni. ›So zwei schnuckelige Dinger wie Ihr

sollten sich nicht an Frauen verschwenden.‹

›Kann ja nicht jeder schwul sein. Wo soll sonst der Nachwuchs

herkommen?‹

›Geschmacksverirrung …‹, sagt Toni und wandte sich zum Gehen. Die

Bude war fast voll und er musste sich um die anderen, oft auch recht

schrillen Gäste kümmern.

Jetzt war ich einen Moment aus dem Konzept. Stefan nahm den Faden

wieder auf und fragte, was für merkwürdige Sachen mir denn nun

passiert seien, wie ich am Telefon angedeutet hatte. Ich wusste gar nicht,

wie ich anfangen sollte, aber Stefan meinte pragmatisch: ›Am besten der

Reihe nach.‹

So erzählte ich ihm also von meinem Erwachen in der Hasenheide bis

zu dem Moment, als ich wieder zu Hause war und mein Halskettchen im

Bett gefunden hatte, und wollte erst einmal einen Kommentar hören,

bevor ich weiter machen würde.

›Hm … das war jetzt kein Traum, wenn ich dich richtig verstanden

hab‹, konstatierte Stefan. ›Ich bin Anwalt, wie du weißt. Wenn du mit der

Geschichte zu mir kämest und ich dich verteidigen sollte, würde ich

ablehnen. Das kann doch so nicht gewesen sein …‹

›Stimmt‹, sagte ich, ›war es aber trotzdem.‹ Ich lächelte und genoss

seine ins Gesicht geschriebene Ratlosigkeit. Warum sollte es ihm besser

ergehen, als es mir ergangen war? Stefan konnte natürlich nicht auf die

Lösung kommen, auf jeden Fall jetzt noch nicht. ›Warte, bis ich die

nächste Geschichte erzählt habe, dann hast du Grund zur Ratlosigkeit‹,

trumpfe ich auf.

›Also …‹, sagte er skeptisch, ›es ist aber nicht nur ’ne Geschichte,

oder?‹

›Nein‹, versicherte ich und gab ihm mein Wort, dass es mir wirklich so

passiert sei.

Toni brachte unser Bier. ›Cin cin, Ihr zwei Zuckerpüppchen‹, sang er

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mehr, als dass er sprach. ›Hach … ich muss gehen, sonst begrapsch ich

euch noch.‹ Das machte er natürlich nicht und das wusste auch jeder,

aber er machte halt immer seine Späße. In Wahrheit hatte er einen

Mann, dem er anscheinend treu war.

Ich erzählte weiter: ›Am Mittwoch ging ich ins Park Center zum

Bäcker. Leider, oder in diesem Fall Gott sei Dank, war Sandra nicht da.‹

›Gott sei Dank?‹, wunderte sich Stefan.

›Jaja, hör nur zu‹, sagte ich. ›Ich träumte so vor mich hin …‹ Ich

erzählte alles bis zur Entlassung aus der Klinik. In Stefans Mimik arbeitet

es während meiner Schilderungen. Da waren alle möglichen Facetten von

Gefühlsregungen zu sehen. Die Stirn legte sich in Falten, die Augenschlitze

verengten sich, ungläubiges Augenrollen und irgendwann überfordertes

Hängenlassen jeglicher Muskulatur. Das ganze Spektrum.

Nachdem ich geendet hatte, herrschte erst einmal Funkstille, fast eine

Minute lang, während ich weiter seine Mimik studierte.

›Frank‹, sagte er dann. ›Wenn sich das wirklich so zugetragen haben

sollte, dann müsstest du teleportiert sein.‹ Ich zuckte merklich zusammen.

Sein scharfer Verstand hatte die einzig mögliche Lösung sofort

erfasst. ›Das wirst du mir ja nicht erzählen wollen.‹ Ich versuchte,

möglichst neutral zu schauen. Es schien zu funktionieren. Stefan hielt

sein Plädoyer: ›Da sehe ich jetzt zwei … nein, drei mögliche Erklärungen.

Erstens: Der Psychologe hat recht, was ich aber nicht glaube und nicht

hoffe.‹

Ich bedankte mich für diese wohlwollende Einschätzung.

›Zweitens: Du bindest mir einen Bären auf, willst vielleicht mal sehen,

wie belastbar unsere Freundschaft ist. Wenn du jetzt sagst, dass du mich

verarscht hast, dann verbuche ich es unter unglaubliche Geschichten.

Unglaublich gute Geschichten. Ich bin dir auch nicht böse.‹

Ich schüttelte nur leicht den Kopf.

›Oder drittens – und das fände ich echt cool – du schreibst ein Buch

und das war eine Szene daraus. Bitte sag mir, dass es das ist. Ist es schon

fertig?‹

Ich verneinte, hielt es aber schon damals für gar keine schlechte Idee.

›Sie haben den Prozess verloren, Herr Rechtsanwalt‹, sagte ich.

›Viertens …? Viertens …?‹, sinnierte er, aber es fiel ihm nichts mehr

ein.

Ich fragte, ob er ein Viertens denn zulassen würde, auch, wenn es

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eigentlich nicht sein könnte. Er müsste es nachvollziehen können, sagte

er, und ein Beweis wäre nicht schlecht. ›Bei Gericht zählen Beweise,

Angeklagter‹, sagte er grinsend. Ich sagte, dass ich ihm Viertens zeigen

würde – morgen, falls er Zeit hätte und mit mir einen Ausflug nach

Marienwerder machen würde. Warum ich es ihm nicht hier und jetzt

sagen würde, wollte er wissen. ›Geht nicht‹, sagte ich. ›Bei Gericht zählen

Beweise, Herr Anwalt.‹ Teleportation hatte er ja praktisch schon ausgeschlossen.

Ich könnte ihn nur durch eine praktische Vorführung überzeugen,

wusste ich. Das würde ein Schock für ihn. Stefan sagte, bei jedem

anderen hätte er schon abgeblockt, aber bei mir hätte er so ein Bauchgefühl,

dass er mit mir da hinfahren sollte. Er würde immer versuchen,

auf sein Bauchgefühl zu hören, das hätte ihm schon oft geholfen. Wir

verabredeten uns also für zehn Uhr und ich bat ihn, seine Videokamera

mitzubringen.

Nervös ging ich am nächsten Morgen kurz vor zehn bei den Garagen auf

und ab. Das erste Mal würde jemand bei einem Sprung dabei sein, von

dem Jäger mal abgesehen. Wie würde Stefan reagieren, wenn ihm nichts

anderes mehr übrig bliebe, als die Teleportation zu glauben? Ich hoffte,

dass er nicht völlig ausflippen würde. Wenn mir jemand beweisen würde,

dass er Gedanken lesen kann, ohne dass ein Trick möglich wäre, würde

mich das schon umhauen. Ich aber kann teleportieren! Das ist noch eine

Kategorie fantastischer. Er muss ja ausflippen, dachte ich, und ich sollte

recht behalten.

Sein roter Opel GT tauchte in der Kurve auf. Es war einer der letzten

aus der 73er-Baureihe, ein uraltes, aber sehr gut erhaltenes Gefährt,

allerdings mit 85kW Austauschmotor aus einem Opel Omega, den ich

mit Markus zusammen bei Pit-Stop eingebaut hatte. Nach Feierabend

durfte ich ab und zu die Werkstatt nutzen, wenn der Meister sowieso

noch da war und ebenfalls private Sachen machte. Ein wunderschönes

Auto, aber natürlich nichts gegen einen Ferrari!

Stefan war pünktlich. Daran würde ich mich erst gewöhnen müssen …

Ich gab ihm meinen durch eine giftgrüne Neoprenhülle geschützten

Laptop, bis ich umständlich in den extrem niedrig liegenden Schalensitz

geklettert war, wobei meine Beine fast waagerecht ausgestreckt unter

dem Armaturenbrett verschwanden.

›Was willst du mit dem Notebook?‹, wollte er wissen.

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›Die Videos drauf ziehen‹, sagte ich und fragte, ob er die Kamera dabei

hätte.

›Na klar!‹, sagte er aufgesetzt entrüstet. Auf ihn sei doch Verlass, was

auch wirklich stimmte. Nachdem ich ihm den Computer wieder abgenommen

hatte, setzte sich der kleine Flitzer röhrend in Bewegung. ›Ich

bin jetzt echt gespannt, was du mit mir vorhast‹, sagte er.

›Solltest du auch‹, machte ich ihn weiterhin neugierig. ›Ist nämlich

was Besonderes.‹

›Mann, Mann, Mann, du machst es vielleicht spannend‹, beschwerte

er sich.

Ich tippte die Koordinaten in sein Navi. Damit kannte ich mich schon

gut aus. Wir machten oft gemeinsame Ausflüge und Stefan hatte mich

auch schon öfter mal fahren lassen, damit ich es nicht verlernte. Tatsächlich

war ich in der Rushhour recht unsicher und musste mich sehr

konzentrieren. Ich hatte ja noch nie ein eigenes Auto gehabt, weil man in

Berlin wirklich keines brauchte.

›Ihre Route wird berechnet‹, tönte es aus dem GPS-Gerät. ›Ihr Ziel

liegt an einer nur eingeschränkt befahrbaren Straße.‹

Stefan hob die Augenbrauen. ›Wo führst du mich hin? Du denkst

hoffentlich daran, wie wenig Bodenfreiheit die Kiste hat. Da ist nicht viel

drin.‹

›Wird schon gehen‹, beschwichtigte ich. Wenigstens schien heute die

Sonne, da könnten wir auch mal ein Stück zu Fuß gehen. Den Winter

über war ich viel zu selten an der Luft gewesen.

Stefan trug den gleichen weinroten, dezent glänzenden Zweiteiler wie

gestern bei Toni. Gleich würde der schicke Anzug auf dem Boden vor der

Kaserne liegen. Ich hätte ihm sagen sollen, dass er was Legeres, nicht gar

zu Empfindliches anziehen soll. Aber dann wäre er ja noch stutziger

geworden, als er es ohnehin schon war.

Ich betrachtete Stefan unauffällig von der Seite. Sein fast schwarzes

Haar lag mit einer großen Tolle über der Stirn ordentlich nach hinten

gekämmt und bedeckte seine auffallend kleinen Ohren nur zu einem

kleinen Teil. Sein kantiges Gesicht mit dem breiten, vorstehenden, von

ganz kurzen Stoppeln bedeckten Kinn wirkte irgendwie gefährlich, fast

brutal. Der Eindruck wurde durch die buschigen Brauen über seinen tief

liegenden dunklen Augen noch verstärkt. Doch diese Äußerlichkeiten

täuschten über sein wahres Wesen hinweg. Dieser Mensch war einfühl-

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sam, unvoreingenommen und hilfsbereit, aber dennoch sehr selbstbewusst,

und er war mein bester Freund. Darüber hatte ich eigentlich nie

nachgedacht. Man nimmt es einfach so, wie es kommt, und hält es für

selbstverständlich, aber das ist es keineswegs.

›Wachsen mir Hörner, oder warum beguckst du mich so?‹, fragte

Stefan und schaute mich grinsend an. War mein Glotzen also doch nicht

so unauffällig gewesen. Aber es war mir nicht peinlich, dass er es gemerkt

hatte. Freunden muss nichts peinlich sein.

›Hörner würden optisch ganz gut zu dir passen‹, erwiderte ich

belustigt und erklärte, ich hätte nur gerade mal über unsere freundschaftliche

Beziehung sinniert. ›Ich denke, dass die noch enger wird, sehr

bald.‹

›Aber nicht, dass wir jetzt noch schwul werden‹, pointierte er meine

Aussage. Wir lachten herzlich. Es tat so gut, zu lachen. Ich hatte in

letzter Zeit selten gelacht, weil ich so unter Stress stand. Stefan hatte

bezüglich des Schwulseins eine richtige Macke. So gut es ihm im

Paradiesvogel auch gefiel – sobald es ihn persönlich auch nur minimal

tangierte, schien er eine regelrechte Panik zu entwickeln. Ich nahm mir

vor, ihn bei Gelegenheit mal zu fragen, ob es da ein Schlüsselerlebnis

gegeben hat, habe es aber dann nie getan.

›Keine Sorge, ich bin in Sandra verliebt‹, beruhigte ich ihn und

brachte ihm gleichzeitig die Neuigkeit dar.

›Echt?‹, sagte er, aber weniger erstaunt, als ich angenommen hätte. Er

ahnte es schon, behauptete er und fragte, ob sie mich auch liebt. ›War da

schon was, wovon ich noch nichts weiß?‹, fügte er noch unverschämt

grinsend an.

›Ich weiß noch nicht, was genau sie für mich empfindet‹, sagte ich

wahrheitsgemäß. ›Ich hoffe es. Ich glaube es. Aber gesagt hat sie es noch

nicht. – Na ja, ich ja auch nicht.‹

Ich sei ein Glückspilz, meinte er und jammerte sogleich, dass er noch

keine abbekommen hatte.

Er dürfe sich halt weniger im Büro verkriechen und Gerichtssäle seien

auch nicht besonders erotisch, stachelte ich ihn an. Er stimmte zu und

sagte, wir müssten öfter wieder was mit Freunden unternehmen, ein

bisschen Party machen, das hätte ziemlich nachgelassen.

›Ja, lass uns das machen‹, sagte ich. Vor meinem geistigen Auge sah

ich, wie ich Stefan und natürlich auch Sandra an die Hand nahm und mit

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ihnen in der ganzen Welt herumreiste. Aber jetzt war erst mal Stefan

alleine dran.

Wir erreichten den Waldrand bei Marienwerder. Das Navi zeigte noch

neunhundert Meter an, als es nicht mehr weiter ging. Eine Pfütze, die fast

über die ganze Breite des unbefestigten Waldweges reichte, und die

immer tiefer werdenden, verschlammten Fahrspuren waren für Stefans

Oldtimer unpassierbar. Es wäre auch eine Schande gewesen, dieses

schicke Fahrzeug so einer Schlammschlacht auszusetzen. Außerdem

stand ein paar Meter weiter ein Schild, welches die Durchfahrt nur für

Forstfahrzeuge gestattete. Stefan setzte ein Stück zurück, parkte in einer

Einbuchtung und wir gingen zu Fuß los. Zu unserer Freude fanden wir

einen Pfad auf sandigem Grund zwischen den Pfützen hindurch oder um

sie herum, sodass wir mit einigermaßen sauberen Schuhen um eine

Wegbiegung kamen, hinter der zwischen hohen Kiefern hindurch die

Ecke eines hohen rotbraunen Gemäuers aus Backsteinen sichtbar wurde.

Stefan wollte wissen, ob das unser Ziel sei und was wir hier wollten,

aber ich ließ ihn zappeln. Etwa zweihundert Meter gingen wir, durch

einen schmalen Waldstreifen getrennt, an der Mauer entlang, bis eine

Abzweigung direkt auf ein vergittertes, breites und im Mauerwerk etwas

zurückgesetztes Tor zuführte. Langsam wurde ich nervös. Stefan wirkte

genervt. Neugierig spähten wir zwischen den senkrechten Gittern

hindurch, doch viel war nicht zu sehen. Das Gelände war ziemlich

verwildert. Hier sorgte niemand mehr für Ordnung. Links und rechts der

breiten Straße aus Betonplatten, die von abgefrorenen, aus den Ritzen

gewachsenen Unkräutern zur Hälfte bedeckt war, versperrten schmutzig

graue Gebäudeblocks mit zumeist leeren Fensterlaibungen die Sicht. Im

Hintergrund endete die Einsicht an einem quer zur abknickenden Straße

stehenden, lang gezogenen Gebäude in ähnlich schlechtem Zustand.

›Sieht ziemlich trostlos aus‹, bemerkte Stefan korrekt. ›Und nun?‹

›Gehen wir rein‹, vollende ich den Satz.

Stefan klang plötzlich gereizt: ›Ach ja?‹, sagte er mit erhobener

Stimme. ›Räuberleiter fällt wohl aus. Die Mauer und das Tor sind viel zu

hoch und dieses Schloss ist sehr massiv. Einen Schlüssel hast du ja wohl

nicht.‹

Mir wurde klar, dass er die Wahrheit längst ahnte, sich aber noch

dagegen wehrte, weil es das nicht geben konnte. Ich platzierte meinen

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Laptop hochkant zwischen den Gitterstäben und bat Frank, die Kamera

ebenfalls dort abzulegen. Da wurde er richtig ungehalten: ›Was soll das?

Wir kommen da nicht rein!‹ War es zu viel für ihn? Ich nahm ihm die

Kamera aus der Hand und legte sie trotzig einen Gitterstab weiter neben

den Computer. So ruhig wie möglich sprach ich zu ihm: ›Stefan. Jetzt

benutze mal deinen scharfen Verstand, den du zweifelsfrei besitzt. Du

weißt es doch schon längst. Du weißt es. Du hast es ja bei Toni schon

selbst gesagt.‹

Nach Worten suchend fuchtelten seine Arme übertrieben theatralisch

herum. Dann brach es aus ihm heraus: ›Das ist doch Unsinn! Du kannst

mir doch nicht so was erzählen! Mir doch nicht!‹ Unruhig wie ein Tiger

im Käfig ging er mit schnellen, kurzen Schritten nur zwei Metern hin

und her. Er kratzte sich am Kopf. ›Was mach ich hier überhaupt? Bin ich

auch schon verrückt, dass ich mit dir hierher fahre?‹ Noch zweimal hin

und her, dann stoppte er abrupt. ›Ich geh jetzt!‹, sagte er bestimmt. Er

drehte sich um und ging mit bockig stampfenden Schritten einfach los.

›Du kannst ja nach Hause teleportieren!‹, rief er, ohne sich umzudrehen.

›Ich komm dann bei dir vorbei!‹

Armer Stefan. Er konnte es nicht akzeptieren, aber da musste er jetzt

durch. Es gab kein Zurück mehr.

›Viertens, Stefan!‹, rief ich ihm nach und konzentrierte mich auf den

Sprung. ›Viertens! – Jetzt!‹ Ich sprang. Höchsten fünf Meter vor ihm

tauchte ich auf. Sein Schrei war nicht leiser als das Echo des Knalles, das

von der zurückliegenden Mauer widerhallte und so auch für mich hörbar

war. Er hatte sich instinktiv geduckt und die Arme hochgerissen, um sein

Gesicht zu schützen. Jetzt gingen die Arme wieder runter und er erblickte

mich. Ein kurzer durchdringender Quieklaut entwich Stefans Kehle.

Zugleich machte er mit nach vorne fliegenden Armen einen Satz zurück,

wobei er stolperte und rückwärts zu Boden stürzte. Ich sehe es noch

genau vor mir, als wäre es erst gestern gewesen. Er stützte sich auf den

linken Ellenbogen hoch. Seinen rechten Arm angewinkelt, mit der Hand

vor dem Hals, den Kopf eingezogen und sich mit den Füßen weiter

zurückschiebend, sah er mich mit Panik in den Augen aus angstverzerrtem

Gesicht an. Ratlos und wirklich mitleidig konnte ich ihm nur

untätig zusehen, sonst hätte ich alles noch schlimmer gemacht. Ich ließ

ihm etwas Zeit, wieder zu sich zu kommen. – Langsam löste sich seine

Anspannung, er setzte sich auf.

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›Stefan …‹, versuchte ich ihn anzusprechen, aber er streckte mir mit einer

ablehnenden Geste die rechte Hand entgegen und sah mich dabei gar

nicht an. Okay, er war noch nicht so weit. Ich hatte ihm ziemlich

zugesetzt. – Dann, nach einer weiteren endlosen Minute, hob er den

Kopf und sah mich an. Sein Blick war wieder klarer.

›Sag mal, bist du bescheuert?‹, brach es aus ihm heraus. ›Ich wär

beinahe gestorben vor Angst! Guck dir nur meinen Anzug an. Wie ich

ausseh!‹

Gott sei Dank! Jetzt hatte er’s verarbeitet. Ich setzte mich neben ihn

und ignorierte die Kälte des Bodens. Er blickte nur vor sich. Ich stupste

ihn mit der Faust am Oberarm an. Er schwankte leicht zur Seite und

wieder zurück. Noch einmal stupste ich ihn, diesmal etwas fester. Er

drehte sich zu mir, lächelte und stupste nun mich ordentlich kräftig an.

Auf einmal lagen wir uns in den Armen und ließen unseren Tränen freien

Lauf. Ich war so glücklich, jetzt nicht mehr allein mit dieser Sache zu

sein.

›Komm, du Schwuli, lass mich wieder los‹, sagte Stefan nach einer

Weile. ›Wenn mich jemand mit einem nackten Mann im Arm erwischt,

ist meine Karriere im Arsch.‹ Stefan hatte jetzt den Schelm im Blick. Er

kramte in seinen Taschen und holte Papiertaschentücher hervor. Eines

nahm er heraus und reichte mir die Packung. Im Duett schnäuzten wir

unsere Nasen, wischten die letzten Tränen weg und lachten herzhaft.

Stefan bestätigte, dass er es die ganze Zeit schon geahnt hatte.

Natürlich hatte er es nicht geglaubt. ›So etwas gibt es doch eigentlich nur

in unseren Büchern‹, hatte er gesagt und er sei sich noch nicht sicher, ob

er es jetzt wirklich glauben würde. Ob ich es denn geglaubt hätte, wenn

es umgekehrt gewesen wäre, wollte er von mir wissen. Ich erzählte ihm

davon, dass ich es nicht mal mir selbst geglaubt und mich gefilmt hatte,

um einen Beweis zu haben.

›Willst du nicht mal wieder was anziehen?‹, fragte Stefan und klopfte

sich nahezu ergebnislos den Schmutz vom Anzug. Ich half ihm dabei,

aber wir verschmierten alles nur.

›Ich zieh mich drinnen wieder an‹, sagte ich und zeigte auf die Mauer.

›Du willst also da rein‹, stellte er fest. ›Was willst du da machen?‹

›Falsch, Stefan, wir wollen da rein.‹ Ich grinste ihn an.

Stefan machte einen Schritt zurück und riss die Augen auf. ›Oh nein!‹,

sagte er bestimmt. ›Schlag dir das mal aus dem Kopf.‹ Nachdrücklich

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schüttelte er mit dem Kopf und winkte heftig ab. ›Das mach ich nicht.

Wie soll das überhaupt gehen? Willst du mich auf den Arm nehmen?‹

›Ich muss dich nur berühren. Du merkst davon gar nichts. Nur ein

ganz kurzes Schwindelgefühl.‹

›Nein nein nein, dabei kann bestimmt was schiefgehen. Am Ende

werd ich noch zur Fliege.‹

Ich machte ihn darauf aufmerksam, dass dies hier die Realität sei,

keine Science-Fiction. Ich erzählte ihm, dass ich schon verschiedene

Lebewesen und auch schon einen Menschen mitgenommen hatte und

dass es dabei keinerlei Probleme gäbe. Die Geschichte mit dem Menschen

wollte er gleich hören.

›Ich erzähl dir alles – da drinnen‹ Mit dem Kopf deutete ich zur

Mauer. Ich wollte ihn da rein bringen, damit er meine Übungen

beobachten und dokumentieren konnte. Ich brauchte Training, damit ich

besser und schneller würde und wer konnte schon ahnen, was ich noch

alles für Überraschungen an meiner neuen Fähigkeit entdecken würde.

Dass ich Lebewesen mitnehmen konnte, hatte ich nur zufällig entdeckt.

Vielleicht hätte Stefan auch noch Ideen, was ich mal versuchen könnte.

Das alles sagte ich ihm, aber er hatte Schiss.

Das ist unheimlich‹, sagte er. ›Es ist was anderes, als ob man es nur

liest …‹

Ich schlug vor, ihm noch mal einen Sprung zu zeigen und ein

Tierchen mitzunehmen, und so suchten wir gemeinsam nach irgendwelchem

Getier. Das musste jetzt bald was werden, denn mir wurde

langsam kalt. Außerdem wollte ich hier nicht noch entdeckt werden.

Bald rief Stefan: ›Ich hab ‘ne Kröte gefunden. Mann, ist das ein fettes

Vieh!‹ Aber er wollte sie nicht anfassen.

›Stimmt ja‹, fiel mir da ein, ›bei dir muss ein Tier schon Fell haben,

damit du es anfasst. Deshalb findest du auch keine passende Frau. War

noch keine mit Fell dabei.‹ Das war die Art Scherze, wie wir sie untereinander

immer so machten.

›Du bist ja doof …‹, sagte er. ›Komm, lass uns jetzt loslegen.‹

Ich konzentrierte mich kurz auf die Stelle hinter dem Kasernentor.

›Geht klar, so will ich dich‹, sagte ich und trat neben ihn. ›Wo ist die

Kröte?‹, fragte ich, obwohl ich sie da sitzen sah. Noch einmal konzentrieren

… Frank zeigte auf sie. Ich griff schnell nach seiner Hand, und ehe

er sie entsetzt wegziehen konnte, sprang ich.

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Stefan schwankte, machte einen Ausfallschritt, ich hielt seinen Arm fest,

bis er wieder sicher stand.

›Sorry, Stefan‹, sagte ich. ›Ich dachte, du machst es sonst bestimmt

nicht.‹ Ich sah Stefans Faust kommen und sprang fast automatisch.

Übergangslos stand ich in vollkommener Dunkelheit.

Wow! Das war schnell! Genau so muss ein Training aussehen.

Der ungeplante Erfolg versetzte mich in Hochstimmung. So etwas wie

Ehrfurcht vor meinen eigenen Fähigkeiten machte sich in mir breit, so

beeindruckt war ich von meinem spontanen Sprung. Da war nur ein

einziger kurzer Gedanke an meine Garage gewesen, schon war ich weg.

Ich verzichtete darauf, die Wand nach dem Lichtschalter abzutasten,

um zu überprüfen, ob es wirklich meine Garage war, und sprang vor das

Kasernentor zurück.

›Wo warst du?!‹, empfing mich Stefan vorwurfsvoll. ›Du bist ganz

schön anstrengend!‹ Er kam mit fuchtelnden Händen an das Gitter

heran. ›Erst schaffst du mich hier rein, gegen meinen Willen, und dann

lässt du mich nackt und eingesperrt zurück. Das kannst du doch nicht

machen!‹

Das waren vielleicht zehn Sekunden‹, wiegelte ich ab. ›Nun mach dir

mal nicht in die … Ach, das geht ja nicht, hast ja keine an.‹

›Ja eben!‹, echauffierte er sich. ›Wieso bist du überhaupt da draußen?

Und wieso bist du überhaupt verschwunden?‹

Ich erinnerte ihn daran, dass er mich gerade schlagen wollte.

Das denkst von mir?‹, fragte er enttäuscht. ›Ich hab doch nur

angetäuscht, weil du mich reingelegt hast.‹

›Ich dachte echt, du wolltest mir eine reinhauen‹, gestand ich.

›Ach Frank‹, sagte er in einem Tonfall, der zum Ausdruck brachte, was

für ein hoffnungsloser Fall ich war. Ob wir Freunde seien oder nicht,

fragte er. Er würde doch einem Freund keins auf die Fresse geben. Ich war

beschämt und trat unbehaglich von einem Fuß auf den anderen. Jetzt, wo

er darüber nachdächte, meinte er dann, hätte ich so einen kleinen Hieb

schon verdient. Seine hochgezogenen Augenbrauen verrieten, dass er es

nicht ernst meinte.

Ich entschuldigte mich für mein Misstrauen. ›Aber weißt du was?‹,

lenkte ich ab. ›Es war gut, dass ich das dachte …‹

›Was? Muss ich das verstehen?‹, fragte er unwissend. Bevor ich das

erklären konnte, stoppte er mich im Ansatz. ›Hol doch bitte erst mal

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meine Klamotten‹, verlangte er. ›Und dein Kleiner verdient jetzt auch

keinen anderen Ausdruck. Ich glaube, du könntest auch ein bisschen

Wärme vertragen.‹

Da hatte er recht, es war frisch. Ich sammelte unsere Sachen ein und

reichte sie Stefan durch das Gitter. ›So, nicht erschrecken, ich komme

rein‹, kündigte ich an und sprang.

›Boah!‹ machte Stefan, als ich knapp hinter ihm auftauchte. Er drehte

sich um und betastete seine Stirn. Dann schaute er seine Finger an, als

erwarte er, daran etwas zu sehen. ›Du bist ja richtig gefährlich!‹, sagte er

und fragte, ob ich ihn geschubst hätte, was ich natürlich nicht getan

hatte. ›Ich bin mit dem Kopf vor das Gitter geknallt‹, sagte er anklagend,

und da ich so entsetzt dreingeblickt haben musste, relativierte er seine

Aussage und gestand, dass er nur leicht dagegen gestoßen sei. ›Aber

geschubst hast du mich doch!‹, beharrte er darauf.

Nach kurzer Überlegung, während wir uns anzogen, wurde mir klar,

was da passiert war. Ich hatte vor ihm durch mein Verschwinden ein

Vakuum erzeugt und hinter ihm einen Überdruck beim Erscheinen. Das

war wie ein Kurzschluss. Die Druckunterschiede wollten sich ausgleichen

und da stand Stefan genau dazwischen. Ich entschuldigte mich dafür,

denn ich hätte es wissen müssen. Stefan hatte recht, ich war gefährlich,

wenn ich die Gefahren nicht vorhersah und entsprechend handelte.

›Schon gut, ist halb so schlimm‹, winkte Stefan ab. Eine kleine Beule

werde ich schon verkraften. Aber weißt du was? Der Knall war diesmal

gar nicht so superlaut und klang auch irgendwie anders, so komisch

brausend. Wie soll ich das beschreiben …?‹

›Siehst du, für solche Beobachtungen brauch ich dich‹, sagte ich.

›Wenn ich nicht jedes Mal irgendwo dagegenfliegen muss …‹,

murmelte er. ›Jetzt lass uns mal die Hightech mitnehmen und das

Gelände erkunden. Wir sind ja nicht zum Vergnügen hier.‹ Stefan zwinkerte

mir zu. ›Und dabei erzählst du mir schön brav alles, was ich noch

nicht weiß. Zum Beispiel, wer dich festhalten wollte und wo du eben

hingesprungen bist und wieso war das gut, dass du dachtest, ich wollte

dich schlagen und bestimmt gibt es noch einiges mehr, was du noch

erzählen könntest. Vielleicht kannst du mir ja verraten, wie man das

macht. Das würde ich nämlich auch gerne können.‹ Stefan grinste wie ein

Lausbub.

›Ach‹, sagte ich erstaunt, ›ich dachte, es wäre dir unheimlich?‹

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›Ist ja auch unheimlich‹, bestätigte er. ›Unheimlich geil!‹ Lachend

nahmen wir unsere Gerätschaften zwischen den Gittern heraus und

wandelten die halb zugewucherte Betonstraße entlang.

Eine ganze Stunde hatten wir das sehr verwilderte Gelände und die

baufälligen Gebäude erkundet. Außer auf den rissigen Betonstraßen

zwischen den Gebäuden, in den Gebäuden selbst und auf dem großen,

vom Tor aus nicht sichtbaren Exerzierplatz, konnten wir uns kaum

bewegen. Viel Buschwerk, aber auch Bäume und Flächen mit mannshohen

dürren Stängeln von Disteln, Brennnesseln und anderen Kräutern,

machten die Erkundung fast unmöglich. Alles erweckte den Eindruck,

als sei diese Anlage in Vergessenheit geraten. Nur eine alte

Feuerstelle und leere Bierflaschen zeugten davon, dass sich hier irgendwann

noch jemand Zutritt verschafft haben musste. Zwischendurch hatte

ich Stefan alles erzählt, was ich im Zusammenhang mit meiner

Teleportation wusste und erlebt hatte.

Dann erweckte ein relativ kleiner, offenstehender Bunker unser

Interesse. Die schräg ansteigende Betonfront war in der Mitte für den

Eingang unterbrochen. Der quadratische Raum mit einer Kantenlänge

von circa fünf Metern war leer.

›Wahrscheinlich ehemals ein Munitionsdepot‹, vermutete Stefan.

Ich versuchte, einer vagen Idee folgend, die verrostete Stahltür zu

schließen, die dabei aber nicht mitspielen wollte. Sie war mit stabilen, in

den Beton eingelassenen Scharnieren angebracht, die protestierend

knarrten und kreischten. Deshalb bat ich Stefan, mir zu helfen.

›Was hast du vor?‹, fragte er, während ich von außen drückte und

Stefan die Türkante von der Innenseite griff und daran zog.

›Weißt du‹, presste ich angestrengt atmend hervor, ›ich dachte

gerade –, es könnte nicht schaden –, einen ausbruchssicheren Raum –

zur Verfügung zu haben. Boah, geht das schwer.‹ Mühsam hatten wir die

störrische Tür zur Hälfte zugeschoben. Wir atmeten erst einmal durch.

›Stell dir mal vor‹, spann ich meine Idee weiter, ›ich würde jemanden mit

einem Sprung da rein bringen und wieder verschwinden. Der könnte sich

daraus niemals selbst befreien.‹

›Frank!‹, brachte Stefan ängstlich heraus. ›Was soll das?‹ Schnell trat

er aus dem Türspalt heraus. ›Ich krieg langsam Angst in deiner Nähe. Ich

hab richtig Gänsehaut.‹

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Ich vermisste Stefans messerscharfe Kombinationsgabe und fragte, ob er

denke, ich würde ihn einsperren wollen.«

Ein Lächeln flog über Franks Gesicht.

»Dann dachte ich, so rein freundschaftlich, ich könnte ja noch mal

einen Finger in die Wunde legen. ›Obwohl …‹, begann ich, ›wenn ich mit

dir da rein springe, dann bleiben deine Klamotten mit dem Autoschlüssel

und der Brieftasche hier draußen liegen. Dann hätte ich ein tolles Auto

und … Au!‹ Ich hatte mir die Kopfnuss wohl verdient, die mir Frank

verpasst hatte, als ich gerade weggeschaut hatte.

›Also jetzt mal Spaß beiseite‹, sagte ich und erklärte Stefan, dass ich

darin Verbrecher unschädlich machen könnte. Würde ich zufällig sehen,

wie irgendein Typ einer Oma die Handtasche entreißt, könnte ich einfach

hinter ihn springen, ihn berühren und ihn sicher im Bunker parken, bis

ihn die von mir gerufene Polizei abholen würde. ›Das wär doch was‹,

sagte ich begeistert.

Das wäre allerdings was‹, brachte Stefan lachend heraus. ›Nackter

Superman bringt Handtasche zurück. Oma stirbt vor Schreck.‹

Da hatte ich nicht dran gedacht. Trotzdem hielt ich an der Idee fest:

›Es könnte ja auch mal so was richtig Wichtiges sein, wo es scheißegal ist,

ob ich was an hab oder nicht‹, sagte ich, nicht ahnend, dass es solche

Situationen später tatsächlich geben würde. ›Da komm ich schnell

angesprungen, ziehe mein Laserschwert und …‹

›Wo ziehst du das denn raus?‹, platzte mir Stefan dazwischen. ›Aus

dem Hintern?‹ Stefan bog sich vor Lachen. Er kriegte sich gar nicht mehr

ein. Er zeigte auf mich und eine weitere Lachsalve schüttelte ihn so sehr,

dass ich einfach mitlachen musste.

›Spielverderber‹, sagte ich gespielt beleidigt, nachdem wir uns wieder

beruhigt hatten. ›Obi-Wan Kenobi wäre auch nackt noch würdevoll.‹

Wieder brach Stefan in Gelächter aus, noch mehr als zuvor. Fast

konnte er sich nicht mehr auf den Beinen halten. ›Obi-Wan –‹, er brachte

nur Bruchstücke heraus, ›zieht das Laserschwert – aus dem A… ›Seine

Stimme versagte einen Moment. ›Er zieht es heraus und sagt: Du kannst

nicht gewinnen, Darth.‹

Ich stellte mir die Szene aus Star Wars Episode IV vor, wie Obi-Wan

nackt vor Darth Vader mit seiner legendären schwarzen Maske steht und

auf die beschriebene Weise das Laserschwert zückt. Prustend stimmte

ich in Franks Lachsalve ein …

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Nachdem wir zwei albernen Kerle uns wieder gefasst hatten, schoben wir

nun aber doch gemeinsam die störrische Tür zu und zwangen wenigstens

einen der beiden Riegel, die über die ganze Türbreite reichten, in die

dafür vorgesehenen, in den Beton eingelassenen, Halterungen. Somit ließ

sich der Bunker nur noch von außen öffnen.

Jetzt wollte ich aber endlich mit dem eigentlichen Training und der

Erforschung der ganzen Sache anfangen. Dazu gingen wir zum Exerzierplatz

zurück.«

Frank rappelte sich kurz auf und trank einen Schluck von seinem Bier.

Dann lehnte er sich schon wieder zurück und vergaß das Hier und Jetzt.

»Ich sehe das gerade so genau vor mir und erinnere mich an nahezu

jedes Wort. Ich werde jetzt im Dialog mit Stefan erzählen.«

»Das ist mir sehr recht«, stimmte Majok zu. »Das macht es

lebendiger.«

»Wir gingen also zum Exerzierplatz und ich hatte schon eine Idee für

meine ersten Tests: ›Als du vorhin vor das Tor gestoßen bist, da sagtest

du, der Knall war nicht laut. Vermutlich lag das an der kurzen

Entfernung. Ich überlege mir gerade, dass es wahrscheinlich immer leiser

wird, je kürzer die Entfernung ist. Das Extrem wäre sozusagen, wenn ich

an den gleichen Platz springe, an dem ich beim Absprung schon stand.

Dann wird das Vakuum im selben Moment wieder gefüllt und es dürfte

gar nichts zu bemerken sein.‹

Das können wir ja testen‹, sagte Stefan, während wir den Rand des

zentralen Platzes erreichten. ›An die Arbeit! Du springst, ich filme. Wir

können aber auch mal die Rollen tauschen.‹ Stefan zwinkerte belustigt.

›Ja, dann streng dich mal an. Also, Kamera klar?‹ Stefan zeigte den

erhobenen Daumen. ›Ich springe erst mal so zwei Meter weit.‹

›Kamera läuft.‹

Zur Sicherheit ging ich ein paar Meter von Stefan weg, damit ihm die

Druckwelle nichts anhaben konnte, und löste die Teleportation aus, was

mittlerweile wie selbstverständlich funktionierte.

Das war viel leiser, noch leiser als vorhin am Tor.‹ Bei der Erwähnung

des Tores fasste sich Stefan an die Stirn, wo sich deutlich eine Beule

abzeichnete.

›Tut es weh?‹

›Nicht viel. Pocht ein bisschen. Ich leide für die Wissenschaft.‹ Er

lächelte gequält.

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›Tut mir echt leid. Ich springe jetzt mal nur ein paar Zentimeter weit.

Filmst du wieder?‹

›Aye aye, Captain! Du weißt schon, dass ich dich jetzt nackt filme?

Kommt nachher alles auf meine Facebook-Seite.‹ Stefan amüsierte sich

prächtig.

›Wird alles von der Kamera gelöscht, sobald es auf meinem Rechner

ist.‹ Ich streckte ihm frech die Zunge raus, drehte mich in Sprungrichtung

von der Kamera weg, fixierte kurz den Platz unmittelbar vor

meinen Füßen und schon stand ich dort, und zwar in Stefans Richtung

blickend.

›Wow, wie hast du das gemacht?‹

›Ich hab es mir einfach so vorgestellt, mehr nicht. Das hab ich schon

mal so gemacht. Da war ich aus dem Stand gesprungen und hatte dann

auf dem Bett gelegen. Hab ich dir vergessen zu erzählen.‹

›Mann, das ist echt mysteriös. Ich krieg ‘ne Gänsehaut. Ich hätte gar

nicht gemerkt, dass du gesprungen bist, wenn du dich nicht umgedreht

hättest.‹

›Und was war mit Geräuschen?‹

›Ich hab nur mal so einen kurzen Zischlaut gehört, aber nicht laut.‹

›Komm, lass mich das mal sehen, damit ich eine Vorstellung davon

bekomme.‹

›Ist dir eigentlich gar nicht schwindelig?‹, fragte Stefan, an der Kamera

hantierend. ›Du stehst ganz sicher, wenn du ankommst.‹

›Jetzt, wo du es sagst … Nein, ich hab mich wohl schon dran gewöhnt.‹

Stefans Kamera hatte ein großes Display, welches er einfach zu mir

herumdrehte. Bei technischen Geräten machte er nie Kompromisse. Er

verdiente als Anwalt aber auch deutlich mehr als ich.

›Du weißt schon, dass ich dich jetzt nackt filme?‹, klang es erstaunlich

naturgetreu aus dem kleinen Lautsprecher. Dass ich einfach so ganz

unbefangen nackt sein könnte, hätte ich mir noch vor ein paar Tagen

nicht vorstellen können. Jetzt bewegte ich mich ganz normal, als sei ich

angezogen, und fühlte mich sogar recht wohl dabei. Es war ein schönes

Körpergefühl, das ich bisher nicht gekannt hatte. Wir beide hatten uns

zwar öfter schon gegenseitig nackt gesehen, beim Duschen nach dem

Squash zum Beispiel, aber das war doch eine ganz andere Situation. Ich

dachte so bei mir, ich könnte direkt FKK-Fan werden, und wenn ich mich

im Video so ansah, wie ich gerade plötzlich wieder frontal im Bild

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erschien … ich konnte mich wirklich sehen lassen. Heute würde ich das

niemandem mehr zumuten. Jedenfalls war es in der Sonne mittlerweile

angenehm warm und ich musste nicht frieren.

Das kurze Video war zu Ende und ich hatte nur ein leises Zischen

gehört, wie es Stefan gesagt hatte. ›Prima! Das war im Vergleich zur

Sprache ziemlich leise. Jetzt versuche ich mehrere Sprünge direkt

hintereinander, so schnell ich kann. Vielleicht kann ich so eine größere

Strecke ohne Knall zurücklegen.‹

›Klingt umständlich.‹

›Wahrscheinlich geht es nicht schnell genug, aber ich versuche es.‹

›Go, Mysteryman.‹

Ich sah wieder direkt vor meine Füße und sprang. Sodann sprang ich

erneut. Fünf kleine Hüpfer machte ich auf diese Weise.

›Wow! Das war echt schnell!‹ Stefan war begeistert.

›Definiere Schnell.‹

›Vielleicht zwei Sekunden für fünf Sprünge, wenn ich das richtig

gesehen hab. Ein leichtes Brausen war zu hören und Staub wirbelte auf.‹

Das ist viel zu langsam. Damit lässt sich noch nichts anfangen. Ich

mach das gleich noch mal.‹

Mit ausgestrecktem Arm richtete Stefan die Kamera auf sich selbst

und machte eine Ansage: ›Meine Damen und Herren, gleich sehen Sie

Mysteryman in Höchstform. Den Trommelwirbel bitte …‹

›Ähm … Stefan, mir wäre es lieber, wenn du bei Frank bleiben

könntest.‹

›Abgemacht! Denn mal los …‹

Um noch schneller zu werden, ging ich zuvor mit dem Blick die

Strecke ab, diesmal quer über den ganzen Platz, und prägte sie mir ein.

Dann schloss ich die Augen und ging die Strecke in Gedanken erneut ab.

Ich stellte mir den Exerzierplatz vor, und wie ich an einer Linie entlang

sprang, in kleinsten Schritten, am besten linear ganz ohne Schritte. Ich

könnte ja versuchen, einen Sprung zu machen und währenddessen an

dieser Linie entlang zu sausen, genau so, wie ich es in Gedanken tat.

Jetzt!

Stefans keuchender Atem war das Erste, was ich wahrnahm, als ich

wieder zu mir kam. ›Frank! Frank! Mach keinen Scheiß! Komm wieder zu

dir!‹ Stefan gab mir Klapse auf die Wangen.

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›Schon gut … ist schon wieder gut. Lass mir nur einen Moment …‹ Ich

setzte mich langsam auf, wobei mir Stefan behilflich war.

›Was war denn? Du bist einfach zusammengesackt. Du kamst hier an

und bist wie bei einem Schwächeanfall langsam zu Boden gegangen. Ich

bin schnell hergerannt.‹

›Und der Sprung? Was hast du gesehen?‹

›Ich hab gar nichts gesehen. Du bist verschwunden und dann hier

angekommen, allerdings ohne Knall. Ich meinte, ein leises Rauschen

gehört zu haben, wie eine leichte Windböe. Kann aber auch Einbildung

gewesen sein. Ich hatte auch den Eindruck, du wärst nicht so plötzlich

verschwunden. Eher so, als seist du verblasst. Das könnte ich mir aber

ebenfalls nur eingebildet haben. Aber jetzt erzähl mal, was passiert ist.

Du hast mir einen ganz schönen Schrecken eingejagt.‹

Das ist schwer zu erklären, weil ich es selbst nicht richtig weiß. Es

ging rasend schnell, aber irgendwie auch wieder nicht, als hätte Zeit

keine Bedeutung. Es war so unheimlich, Stefan, so überwältigend.‹

›Du musst schon genauer werden.‹

›Es war auf jeden Fall ganz anders als bei jedem Sprung zuvor. Du

weißt ja, dass ich in kleinen Schritten springen wollte. Dann hab ich mir

überlegt, damit das möglichst schnell geht, gucke ich mir die Strecke erst

mal an und merk sie mir, um dann ganz schnell an der gedachten Linie

entlangzuspringen. Ich schloss die Augen, sah diese Linie vor mir und

wollte an ihr entlangrasen. Und da passierte es …‹

›Was passierte?‹

›Wenn ich das wüsste … Ich hatte plötzlich keinen Körper mehr.‹ Es

schüttelte mich und meine Härchen stellten sich auf. ›Stefan, das war so

freaky. Meine Moleküle und Atome zerfielen in ihre kleinsten Teile. Ich

konnte es sehen!‹

›Ach du Scheiße …‹ Stefan war blass geworden. ›Bist du sicher? Du

hast deinen Entmaterialisierungsprozess beobachtet.‹

Ich rückte ein Stück zur Seite, denn etwas kribbelte an meinem Po.

Mist, da wuchsen ganz kleine junge Brennnesseln aus der Betonfuge. ›Es

war kein richtiges Sehen, aber ich nahm es irgendwie wahr. Es ging für

mich ganz langsam. Die Atome verloren ihre Bindung untereinander und

zerfielen auch noch in sich. Andere Atome und Moleküle drangen

allmählich zwischen die Teilchen meines zerfallenden Körpers ein.

Wahrscheinlich war es die Luft um mich herum. Meine Wahrnehmung

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erweiterte sich, als würde von Zoom auf Weitwinkel gedreht. Jetzt sah ich

meine Umgebung völlig anders als sonst. Ich erfasste alles auf einmal,

ohne mich umzusehen. Wie auch? Ich hatte ja gar keinen Körper mehr.‹

Das ist ja völlig irre!‹ Stefan hing an meinen Lippen und saugte jedes

Wort auf.

›Dann ging es ganz schnell. Ich bewegte mich über den Platz, wie ich

es mir zuvor gedacht hatte. Am Zielpunkt formierten und verbanden sich

die kleinsten Teilchen wieder zu den Atomen und Molekülen, aus denen

mein Körper besteht. Der Entstehungsprozess war stark genug, die

Luftmoleküle aus der Teilchenwolke zu verdrängen. Plötzlich sah ich

wieder durch meine Augen, aber nur einen kurzen Moment. Dann wurde

mir schwindelig und schwarz vor Augen und dann hockte ein Typ über

mir und misshandelte mein Gesicht.‹

›Hey … ich hab dich ins Leben zurückgeholt.‹ Wir grinsten beide.

›Wie sicher bist du dir mit deinen Wahrnehmungen? Es verging bei

deinem Sprung wirklich nicht viel Zeit, wenn überhaupt. Wie kannst du

das alles wahrgenommen haben? Und Atome sieht man ja bekanntlich

nicht.‹

›Au! Verdammt!‹ Ich stand auf und strich hektisch über meinen Po.

Etwas hatte mich gezwickt. ›Stefan, wenn ich nicht geträumt habe, dann

war es genau so. Zeit war irgendwie bedeutungslos, und dennoch muss es

einen zeitlichen Ablauf gegeben haben. Mein Geist, wenn ich das so

sagen kann, war an die normale Geschwindigkeit nicht gebunden. Mir

kam der Sprung wie Minuten vor. Und frag mich nicht, wieso ich das mit

den Atomen weiß. Für mich war es so, als würde ich es sehen. In

Wirklichkeit kann ich ja nichts gesehen haben, denn ohne Augen sieht

man nicht gerade gut.‹

Das ist total irre! Jetzt wissen wir, wie Teleportation funktioniert.‹

Das würde ich nicht sagen. Wir wissen fast nichts. Dass sich der

Körper irgendwie auflösen würde, konnte man ahnen. Wie es ausgelöst

und gesteuert wird, wissen wir nicht. Außerdem war es ja ganz anders als

sonst. Wie es bei einem normalen Sprung abläuft, wissen wir auch nicht.

Ich weiß noch nicht mal, ob ich das wiederholen kann, aber das lässt sich

ja ändern.‹

›Hast du keine Angst, dass du plötzlich nicht mehr du bist, sondern

nur Luft oder vielleicht ein Baum oder …‹ Stefan schluckte einen

imaginären Klos herunter: ›ein Stein?‹

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›Wenn sich meine Atome vermischen würden, wäre das schon beim

ersten Mal passiert. Ich versuch das jetzt gleich noch mal. Stell dir vor,

ich könnte überall lautlos hinspringen, das wär die Krönung.‹ Ich

konzentrierte mich … auf was eigentlich? Ich musste mir wieder einen

Weg zurechtlegen.

›Warte, Frank, bist du echt sicher? Ich könnte nicht mal auf deine

Beerdigung gehen, wenn du im Nirwana verschollen bist.‹

›Stefan, sei nicht so ängstlich. Das ist doch eher mein Part.‹

›Okay okay, ich wollte nur gewarnt haben, damit ich mir keine

Vorwürfe machen muss, wenn du wiederkommst und einen Ast anstatt

eines Armes hast.‹

Spontan brach ich in Gelächter aus. Es war echt zu komisch, auf was

für Ideen Stefan manchmal kam.

Wieder konzentrierte ich mich. Ich stellte mir den Weg zu Stefans

Auto vor und wollte an der gedachten Linie entlangrasen. Ohne

Anlaufschwierigkeiten wechselte ich in diesen seltsamen Zustand. Mein

Geist schien losgelöst vom Körper zu sein. Wieder sah ich, wie die Atome

ihre Bindungskräfte verloren und zerfielen. Sie lösten sich zu immer

kleineren Teilchen auf, immer und immer wieder. Ich sah nicht, ob es

irgendwann aufhörte, denn meine Aufmerksamkeit galt jetzt meinem

Weg. Je nachdem, wie viel Beachtung ich den Details schenkte, bewegte

ich mich mehr oder weniger schnell, zwischen Stillstand und unfassbarer

Geschwindigkeit. Und in einem Moment, in dem ich gerade alles fließen

ließ und rasend schnell war, geschah das Unglaubliche. Ich durchdrang

das eiserne Gittertor am Eingang. Die Wolke meiner Teilchen floss nicht

einfach um die Gitterstäbe herum. Nein, das Eisen bildete ebenso wenig

Widerstand wie die Luft. Teile meines Körpers befanden sich innerhalb

des massiven Eisens. Einen schrecklich langen Moment dachte ich, einen

furchtbaren Fehler gemacht zu haben, doch ich durchdrang die Gitterstruktur

der Eisenmoleküle mühelos und setze den Weg fort.

Fast war ich bei Stefans Opel GT angekommen. Einfach weil ich dem

Ziel mehr Aufmerksamkeit schenkte, verlangsamte sich der Sprung.

Dabei wusste ich noch nicht, dass der Sprung dadurch nicht länger

dauerte. So hatte ich jedenfalls subjektiv mehr Zeit, eine Situation zu

erfassen, bevor ich endgültig am Ziel ankam, und in diesem Fall war die

Situation so, dass ich besser nicht ankommen sollte, denn gerade

bestaunte ein Spaziergänger mit einem Schäferhund interessiert den

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oten Flitzer. Genau genommen nahm ich nur an, dass er interessiert

guckte, denn ich sah nur ein Standbild, eine Momentaufnahme dieses

Zeitpunktes, an dem der Sprung vonstattenging. Auf keinen Fall wollte

ich jetzt, wie ursprünglich geplant, bei dem Auto auftauchen. Ob ich den

Weg jetzt noch ändern könnte? Ich musste mich nicht umsehen, um ein

neues Ziel auszusuchen, da ich ja alles um mich herum zugleich

wahrnahm. Ich beschloss, ein Stück weit in den Wald einzudringen, was

mir sofort Stefans Vision eines Astes anstelle meines Armes ins

Gedächtnis rief. Aber das Kasernentor hatte ich ja auch überwunden, so

schob ich diesen Gedanken weit von mir und stellte erfreut fest, dass

mein Weg nun tatsächlich in den Wald hinein führte. Ich musste mich

nicht einmal besonders darauf konzentrieren. Instinktiv versuchte ich,

keine besonderen Gefühlsregungen zuzulassen, damit ich die Kontrolle

über den Sprungverlauf nicht doch noch verlieren würde. Hinter einer

wahrlich mächtigen Buche, deren Stamm ich soeben durchdrungen

hatte, rematerialisierte ich.

Wow! Jetzt fiel die Anspannung von mir ab und ich hätte schreien

können vor Freude. Nur der Mann mit dem Hund hielt mich davon ab.

Ich spähte hinter dem Baum hervor und sah, wie der hagere Mann das

Gesicht mit beiden Händen seitlich am Kopf dicht an die Scheibe der

Fahrertür drückte. Er war wohl nur neugierig auf die Aufmachung des

Fahrzeuginneren. Ja, jetzt ging er rückwärts zwei, drei Schritte vor die

Motorhaube und betrachtete den Oldtimer verzückt von vorne. Endlich

drehte er sich um und ging weiter.

Knacks, machte es, als ein dünner Ast unter meinen nackten Füßen

brach. Sofort starrte der Schäferhund mit nach vorn gestellten Ohren in

meine Richtung. Schnell zog ich den Kopf hinter den Stamm zurück, da

schlug der Hund auch schon an.

Okay, ganz ruhig bleiben, kein Grund zur Panik. Ich kann ja jederzeit

springen.

In der Nähe des Autos begann es, am Waldrand zu rascheln. Ich

konzentrierte mich auf einen lautlosen Sprung zur Kaserne zurück und

löste mich buchstäblich auf …

Unmittelbar vor Stefan verlangsamte ich wieder meinen Sprung. Dass

er nicht wirklich langsam war, wurde dadurch deutlich, dass ich wieder

nur ein Standbild sah. Nichts veränderte sich. Zwischen mir und Stefan

hing eine Fliege bewegungslos in der Luft. Ob ich auch langsam springen

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könnte, also so, dass wirklich dabei Zeit verging? Dann könnte ich aus

dem Nichts heraus beobachten. Ob ich dann auch hören könnte? Mein

persönlicher körpereigener … Nein, ohne Körper gibt es nichts Körpereigenes.

Meine innere Uhr – irgendwie musste ich es ja nennen – lief

wahrscheinlich extrem schnell. Deshalb kam mir alles andere extrem

langsam vor. Ältere Menschen sagten ja immer, die Zeit verginge immer

schneller, je älter sie würden. Heute weiß ich, dass es stimmt. Da die Zeit

aber nicht wirklich schneller vergeht, muss die innere Uhr langsamer

gehen, um das Geschehen schneller erscheinen zu lassen. So müsste es

wohl sein. Ich müsste also sehen, ob ich meinen persönlichen Zeittakt

auf ein normales Maß bringen könnte, um meine Umwelt fließend in

normaler Geschwindigkeit wahrnehmen zu können.

Ich dachte daran, einfach auf dem Fleck zu verharren, anstatt vor

Stefan zu rematerialisieren. Stefan stand vielleicht drei Meter vor mir.

Sein Mund war leicht geöffnet und die Zunge etwas angehoben. Wahrscheinlich

sagte er gerade etwas, doch da die Zeit nahezu stillstand, war

kein Laut zu hören. Hören könnte ich, wenn überhaupt, nur dann, wenn

real Zeit verging. Plötzlich war der Sprung beendet. Ich hörte Stefan

sprechen:

›… ist er jetzt wieder … Ah! Verdammt! Was soll das jetzt?‹

Während Stefan erschreckt zwei Schritte rückwärts ging, wurde mir

bewusst, dass der Sprung doch noch nicht beendet war. Ich nahm meine

Umgebung noch immer wie im Sprung wahr. Stefan hob vor sich hin

fluchend die Kamera und filmte in meine Richtung. Er schien mich also

irgendwie zu sehen. Ein guter Mann!

Ich wechselte noch zweimal die Geschwindigkeit, was einfacher ging,

als ich gedacht hatte. Ich musste es einfach nur wollen. Außerdem

änderte ich meine Position, und zwar einmal in einer schnellen und

einmal in einer langsamen Phase. In der langsamen Phase bewegte ich

mich langsam seitwärts zu Stefan, der mich mit der Kamera verfolgte.

Dann wollte ich mich schnell bewegen und wechselte automatisch auch

in den schnellen Zeittakt. Das war alles noch sehr neu für mich. Aber

bald wurde es so selbstverständlich, dass ich mich kaum noch besonders

konzentrieren musste, um eine gewünschte Aktion durchzuführen. Es

wurde für mich so normal wie gehen, wobei ich mich zum Gehen bald

zwingen musste, um keine Muskeln abzubauen. Aber noch war es nicht

so weit.

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›Ha! Du machst mich fertig!‹, polterte Stefan sofort drauflos, als ich den

Sprung beendet hatte. ›Was hast du denn jetzt wieder gemacht?

Mysteryman passt eindeutig besser zu dir als Frank.‹

›Stefan, diese Linear-Sprungtechnik ist echt Wahnsinn.‹

›Diese was?‹

›Na ja, ich springe ja an einer gedachten Linie entlang, also ist es ein

Linearsprung.‹

›Okaaay‹, leierte Stefan lang gezogen heraus. ›Man muss es nur mal

besprochen haben. Alles braucht seinen Namen. Ein Linearsprung ist

nun mal kein Direktsprung.‹ Stefan ergötzte sich an meinem dummen

Gesichtsausdruck. ›Nun schieß mal los, Mystery … Frank. Wie hast du

das mit der Luftspiegelung gemacht?‹

›Da weißt du mehr als ich. Ich hab gesehen, dass du gefilmt hast.

Komm, zeig es mir mal. Und lass uns mal wieder zu meinen Klamotten

rüber gehen. Es kommt auch gleich ein Mann mit einem Schäferhund am

Tor vorbei. Wir sollten also nicht zu laut sein.‹ Ich ließ den verblüfften

Stefan einfach stehen und sprang linear über den Exerzierplatz zu

meinen Klamotten, die ich etwas ausbreitete und es mir darauf, so gut es

ging, gemütlich machte.

›Du fauler Sack!‹, rief er schon von Weitem, als er mich nach einer

Minute fast erreicht hatte. Ich legte einen Finger auf die Lippen und

ermahnte ihn so zur Ruhe. Jetzt flüstert er: ›Woher weißt du das mit dem

Mann?‹

›Flüstern musst du nun auch nicht. Wir sind doch ‘ne ganze Ecke vom

Tor entfernt. Ich hab den Mann gesehen, als er an deinem Auto stand. Da

bin ich nämlich hingesprungen. Keine Angst, er hat es nur mal angeguckt‹,

schob ich schnell nach, als Stefans Stirn Falten schlug. ›Wenn er

weiter geht, kommt er hier vorbei.‹

›Hat er dich gesehen?‹

›Er hätte mich gesehen, wenn diese Linearsprünge nicht so toll

wären.‹ Jetzt wurde ich ganz enthusiastisch: ›Du glaubst ja nicht, was

alles möglich ist! Ich kann Gegenstände durchdringen und den Weg

ändern, während ich springe!‹

›Pst‹, ermahnte mich Stefan nun seinerseits.

›Und ich konnte dich sehen und hören‹, flüsterte ich.

›Du musst nicht flüstern.‹ Stefan streckte mir die Zunge raus, worauf

er meinen Stinkefinger zu sehen bekam. ›Ich konnte dich auch sehen.‹

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›Ich hab es mir schon gedacht, als du zu filmen anfingst. Los, zeig mal.‹

Stefan drückt zwei, drei Knöpfchen, dann sah ich es. Eine mannshohe

durchscheinende Erscheinung in ungefährer Körperform, wie sehr dünner

Nebel, kaum zu sehen leicht flimmernd. Die Kamera hatte Probleme

mit der Fokussierung gehabt. Sie hatte mehrfach den gesamten Schärfebereich

durchgespielt, weshalb ich nur zweimal beinahe scharf zu sehen

war.

›Wie die Cam, konnte ich dich auch mit meinen Augen nicht richtig

scharf sehen. Es war ganz merkwürdig, als wäre ich besoffen. Wie hast du

das gemacht?‹

Ich erzählte Stefan alles ausführlich, während mir die Frühlingssonne

warm auf den Bauch schien.

Das ist echt cool.‹

›Stimmt. Und ganz besonders, dass ich jederzeit die Richtung ändern

kann. Da riskiere ich nicht, in der Nähe von irgendjemandem aufzutauchen.

Ich werde wohl nur noch linear springen. Jetzt muss ich aber

noch testen, ob ich dabei auch jemanden mitnehmen kann.‹

›Vergiss es! Ich mach nicht das Versuchskaninchen. Wage es nicht,

mich wieder einfach mitzunehmen.‹

›Ich such mir irgendein Tier. Sollte mit einem Sprung recht schnell zu

machen sein.‹

›Wie denn?‹

›Na, ich seh’ ja alles um mich herum zugleich, ohne selbst gesehen zu

werden. Zumindest, wenn ich im schnellen Modus bleibe. Da werde ich

sicherlich schnell fündig.‹

›Du bist echt unglaublich. Ein richtiger Superman.‹

›Nun übertreib mal nicht gleich‹, wehrte ich bescheiden ab. Aber

eigentlich stimmte es schon. Mit diesen Fähigkeiten ließ sich schon

einiges anfangen.

Auf der Suche nach einem Tier sprang ich ein bisschen ziellos herum.

Da fielen mir die Vögel auf, die auf dem Dach eines der Gebäude saßen,

gerade zur Landung ansetzen oder soeben abgeflogen waren. Sie schienen

regungslos in der Luft zu hängen und auf mich zu warten. Das Dach

war nicht sehr steil. Ich steuere meinen Sprung ansteigend durch die Luft

auf das Dach hinauf und rematerialisierte nur knapp einen halben Meter

vor einem Spatz in seiner Flugrichtung. Sofort ergriff ich ihn mit beiden

Händen, ehe er auch nur die kleinste Chance zum Reagieren hatte. Doch

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evor ich mich über meine schnelle Aktion freuen konnte, verlor ich auf

der Dachschräge das Gleichgewicht. Da ich den Vogel mit beiden Händen

hielt, konnte ich nicht mit den Armen rudern und mich nicht ausbalancieren.

Bevor ich stürzen und vom Dach rutschen würde, machte

ich schnell einen Sprung aufs Geratewohl, einfach ein Stück nach vorne.

Wieder zerfiel mein Körper und zusammen mit meinen Händen löst sich

auch der Sperling auf. Nach einer Korrektur meiner willkürlichen

Sprungrichtung entstand ich vor Stefan scheinbar aus dem Nichts,

zusammen mit dem Vogel, der ängstlich piepste.

Stefan machte große Augen. ›Du hast einen Vogel gefangen?‹

›Ja, sogar im Flug. War ganz einfach.‹ Ich öffnete die Hände und ließ

ihn wieder fliegen.

›Mensch Frank, ich verkrafte nicht noch mehr.‹

›Dabei wollte ich dir gerade noch was zumuten.‹

Mein verschmitztes Lächeln machte Stefan neugierig. ›Sag schon …‹

›Wir könnten ein Stündchen Urlaub machen, irgendwo im Süden.‹ Ich

grinste breit.

Stefans Mimik war zum Schreien komisch. Erst erhellte sich seine

Mine, um gleich darauf blankem Entsetzen Platz zu machen. Mehrmals

innerhalb weniger Sekunden wechselten sich die Empfindungen ab, als

könne sich sein Gemüt nicht entscheiden, ob Angst oder Freude das

Zepter übernehmen sollte. Die Angst hatte einen knappen Sieg errungen,

als sie Stefan in Worte fasste: ›Du willst einen Linearsprung mit mir

machen.‹

›Du hast doch den Vogel gesehen. Er ist quicklebendig davongeflogen.‹

›Wir könnten doch einen Direktsprung machen.‹

›Da fallen wir gleich auf – denk an den Knall. Außerdem kann ich

beim Linearsprung vor der Rematerialisation die Lage checken.‹

›Rematerialisation! Wie das schon klingt! Es bedeutet, dass zuvor eine

Entmaterialisierung stattgefunden hat. Das heißt, man ist nicht mehr.‹

›Stefan, ich mach das andauernd. Außerdem dürfte es bei einem

Direktsprung ähnlich sein.‹

›Und wenn ich dabei was sehe, so wie du?‹

›Na und? Das ist toll!‹

›Ich verkrafte das nicht. Ich muss dann in die Klapse.‹

›Blödsinn. Außerdem siehst du wahrscheinlich gar nichts, weil du

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kein Teleporter bist. Wenn du es sehen könntest, dann könntest du es

wahrscheinlich auch steuern. Da du aber nicht teleportieren kannst,

wirst du auch nichts steuern und nichts sehen können. Denk einfach mal

an den tollen Sandstrand, warmes Meerwasser und schöne Mädchen. Das

vertreibt die Angst.‹

›Schöne Mädchen, das klingt gut. Aber wir kommen da nackt an. Was,

wenn ich da …, du weißt schon, wenn sich was regt …?‹

›Na, ich leg mich einfach auf den Bauch‹, sagte ich lachend.

›Na los, dann nimm mich schon mit, bevor ich’s mir wieder anders

überleg.‹

Ich schnappte Stefans leicht zitternde Hand, und ehe er noch einen

neuen Gedanken fassen konnte, sprang ich einfach los …«

Majok räusperte sich. Er hatte sein Bier längst schon ausgetrunken.

Franks Guinness war noch halb voll und abgestanden. Er hatte sich beim

Erzählen kaum einmal im Sessel aufgerichtet. Meist waren seine Augen

geschlossen gewesen und er hatte alles noch einmal erlebt, als geschah es

eben gerade. Jetzt öffnete er sie und rutschte im Sessel nach hinten,

damit er aufrecht saß. »Oh, es ist spät geworden«, sagte er mit Blick auf

seinen Com am Handgelenk. »Hoffentlich hab ich dich nicht gelangweilt.«

»Keineswegs. Es ist eine wirklich spannende Geschichte. Ich wünschte

aber, ich wäre mir sicher, dass es eben nicht nur eine Geschichte ist.

Nicht, dass ich dich für einen Geschichtenerzähler halte«, schob er

schnell nach. »Mein Gefühl sagt mir, dass du nicht lügst. Mein Verstand

rebelliert aber dagegen. Versteh’ mich nicht falsch, aber du warst doch

nach eigener Erzählung selbst der Meinung, nur ein Beweis sei geeignet,

die Sache glaubhaft zu machen.«

»Stimmt. Ich sehe, du hast jedenfalls nicht geschlafen, während

meiner Erzählung. Okay, du bekommst deinen Beweis.«

Majoks Gesichtsausdruck erhellte sich.

»Bist du damit einverstanden, wenn ich den Beweis erst zum Schluss

erbringe? Ich gebe dir mein Wort. Bis dahin kannst du dich ja damit

trösten, dass ich dich fürs Zuhören und Schreiben gut bezahle.« Frank

lächelte Majok schelmisch an.

»Ich hab natürlich nicht das Recht, auf eine sofortige Demonstration

zu bestehen, aber warum nicht gleich? Du kannst das Amulett ablegen

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und einfach einen kleinen Sprung machen. Dann hätte ich eine ganz

andere Motivation.« Jetzt war es an Majok, schelmisch zu grinsen.

»Lass uns doch mal gedanklich die Rollen tauschen. Wir kennen uns

seit ein Paar Stunden, du kannst teleportieren und erzählst mir davon,

was schon ziemlich gewagt ist. Würdest du mir das gleich vorführen?

Hättest du so viel Vertrauen, dass du dir sicher wärst, dass ich es nicht

gleich meinem besten Kumpel erzähle?«

Majok machte ein betroffenes Gesicht.

»Ich möchte mir diesbezüglich sicher sein«, erklärte Frank seinen

Standpunkt. »Wenn du mir das Manuskript zum Gegenlesen vorgelegt

hast und ich meine Unterschrift daruntergesetzt habe, dann ist der

Zeitpunkt gekommen. Es wird die Zeit des Abschieds sein. Ich werde

diese Bühne verlassen, und du wirst Zeuge eines Sprunges sein. Wenn du

willst, mache ich einen Sprung mir dir zusammen an einen Ort deiner

Wahl. Bis es so weit ist, bin ich nur ein durchgeknallter Geschichtenerzähler,

dem niemand glauben wird. Kannst du das akzeptieren, bitte?

Kannst du dich so lange gedulden?«

Niedergeschlagen schaute Majok zu Boden. »Ich muss ja … Okay,

abgemacht!« Er stand auf und streckte Frank die Hand entgegen. »Ich

muss jetzt ins Bett. Wann kann ich wiederkommen?«

Frank erhob sich ebenfalls, steif vom langen Sitzen, und drückte seine

Hand. »Wann kannst du?«

»Morgen leider nicht. Aber übermorgen. Ab vierzehn Uhr?«

»Gut. Ich werde hier sein.«

Majok tippte den Com an und sagte: »Tonaufzeichnung stopp.« Das

Kommando wurde im Brillenglas bestätigt. »Termin«, sprach er sogleich,

solange der Com noch aktiviert war. »Mittwoch, vierzehn Uhr, Frank

Brechtberg, open end.« Das Datum musste er nicht nennen, denn so war

automatisch der nächste Mittwoch ausgewählt. Nach der Bestätigung in

der Brille gab er einen weiteren Befehl: »Taxi.« Mehr musste er nicht

sagen. Der Com stellte eine Verbindung zum favorisierten Taxiunternehmen

her, übermittelte die geografischen Koordinaten und orderte das

Taxi für sofort. Majok packte noch sein antikes Diktiergerät in seine

Aktentasche und Frank brachte ihn an die Tür. In der geöffneten Tür

stehend drehte sich Majok zu Frank um und machte ein ernstes Gesicht.

»Mit dem Abtreten von der Bühne wolltest du aber keinen Selbstmord

andeuten, oder

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»Oh nein, du kannst ganz beruhigt schlafen gehen. Ich plane ein ganz

großes Abenteuer, welches mich vielleicht Jahrhunderte beschäftigen

wird. Vielleicht erzähle ich dir mal davon. Da kommt dein Taxi.«

»Du bist schon ein verrückter Kerl, aber liebenswert verrückt. Tschüss

bis Mittwoch!« Mit diesen Worten ging er und stieg in das Taxi.

»Gute Nacht!«, rief ihm Frank hinterher, bevor die Wagentür lautlos

zu glitt und sich das Taxi kaum hörbar summend in Bewegung setzte.

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Berufung

Der Ghostwriter betrat das Herrenzimmer am Mittwoch an der Seite von

James zwei Minuten vor der Zeit. Durch das dreigeteilte Rundbogenfenster

mit Sprossen im Bogenbereich fiel strahlender Sonnenschein

herein. Vereinzelte Schönwetterwolken schmückten den azurblauen

Himmel. Majok ging auf Frank zu, der sich aus dem Sessel erhob, und

begrüßte ihn mit Handschlag.

»Ein wunderschöner Tag – hier drinnen. Wenn man bedenkt, dass es

draußen regnet. Ich bin immer wieder verblüfft, wie echt das wirkt. Sogar

die Schatten hier drinnen stimmen. In dieser Perfektion sehe ich das

nicht oft.«

Das Fenster war klar, wenn der Weatherscreen abgeschaltet war. Jetzt

aber war er auf Sunshine geschaltet. Die Szene draußen wurde optisch

erfasst und vom Computer aufbereitet so dargestellt, wie an einem

sonnigen Sommertag zur tatsächlichen Uhrzeit. Bei guten Weatherscreens

war nicht feststellbar, dass es sich um eine Projektion handelte.

Das Bild wurde in Echtzeit dreidimensional perspektivisch korrekt dargestellt.

Ein Weatherscreen – er wurde so genannt, weil er für Wettersimulationen

entwickelt wurde – konnte auch als Monitor für jedwede

bildgebende Anwendung genutzt werden.

»Wie es draußen ist, wollte ich gar nicht wissen. Ich hatte es fast

vergessen.«

»Sorry. Ich wollte dich nicht desillusionieren.«

»Schon gut. Was möchtest du trinken?«

»Ein Glas Wasser wäre nett.«

James, der in Erwartung dieser Frage neben der Tür stehen geblieben

war, ging zum Sekretär. Er griff nach der linken mittleren Schublade und

Majok beobachtete erstaunt, wie die ganze linke Front aufklappte und

einen kleinen Kühlschrank enttarnte.

»Das ist ja raffiniert! Das sind gar keine Schubladen.«

»Auf der anderen Seite schon«, erklärte Frank. Die linke Seite war

wohl für Aktenordner gedacht. Ich ließ einen Kühlschrank installieren.

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Schreibarbeiten mache ich hier sowieso nicht. Dafür habe ich ein

Arbeitszimmer.«

James goss Majok das Glas voll – er hatte es einer Schublade der

rechten Seite entnommen – und stellte die Flasche dazu. Frank hatte

bereits ein Glas Apfelschorle vor sich stehen.

»Ich bringe den Kaffee um drei«, kündigte James an. Und an Majok

gewandt: »Ich könnte Pflaumenkuchen dazu reichen, wenn es recht ist.«

»Ja, für mich gerne.«

Frank äußerte sich nicht. James wusste auch so, dass Frank für

Pflaumenkuchen sprichwörtlich töten würde.

Nachdem James gegangen war, erzählte Majok von Zweifeln, die ihn

vorgestern während der Heimfahrt geplagt hatten: »Als ich im Auto saß,

musste ich erst ein paarmal tief durchatmen, um wieder in die Realität zu

finden. In meine Realität, wie sie für mich bisher selbstverständlich war –

ohne Teleportation. Ganz ehrlich, ich fragte mich, ob du dich nur über

mich lustig machst, fand aber keinen Grund dafür. Du wirst lachen – ich

hatte sogar in Erwägung gezogen, dass dich jemand gekauft haben

könnte, der meinen guten Ruf zerstören möchte, verwarf diese Idee aber

gleich wieder. Ich bin nicht empfänglich für Verschwörungstheorien und

ich wüsste auch gar nicht, wer mir mit so großem Aufwand schaden

wollen könnte. Außerdem müsstest du ein verdammt guter Schauspieler

sein, um mir so eine Geschichte dermaßen glaubwürdig und detailreich

näherbringen zu können. Du wirkst auf mich so überzeugend, dass ich

dir jede mögliche Geschichte geglaubt hätte, wenn du sie ebenso

einfühlend und mitreißend erzählt hättest. Nur liegt darin auch das

Problem: Deine Geschichte gehört nicht zu den möglichen Geschichten.

Mein Bauch will sie glauben, aber mein Kopf rebelliert dagegen.«

Majok hatte Frank die ganze Zeit beobachtet und versucht, seine

Mimik zu lesen, aber Frank ließ sich nicht in die Karten blicken und

wirkte fast unbeteiligt.

»Ich hatte schon beschlossen, dich am Morgen anzurufen und den

Vertrag zu annullieren, als ich spontan an einer Bar anhalten ließ. Ich

brauchte einen Drink. Es wurden dann drei Drinks daraus, während derer

ich gedanklich eher bei meiner Ex war, als bei dir. Ich war irgendwie

abwesend und auch müde geworden, und als ich aus dem Sekundenschlaf

hochschreckte, fiel mir nichts anderes als ein Ferrari ein.«

Jetzt lächelte Frank.

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»Ja Frank, in dem Moment war mir wieder bewusst, dass ich dir doch

glaube, so verrückt es auch scheinen mag. So eine Geschichte kann sich

niemand ausdenken und sie dann so überzeugend mit so viel Gefühl

nicht nur erzählen, sondern regelrecht erleben, wie du es tust. Es muss

einfach stimmen. Wenn es doch nicht stimmt, dann bist du dermaßen

schizophren, dass du wirklich glaubst, es so erlebt zu haben. So schizo

kann man gar nicht sein. Das wollte ich dir mit meiner langen Rede nur

versichern. Ich möchte, dass du das weißt …«

»Ich freue mich, dass du so offen zu mir bist«, sagte Frank. »Und

natürlich freue ich mich auch, dass du mich nicht als Lügner siehst. Es

fällt mir sehr viel leichter, all diese persönlichen Sachen zu erzählen,

wenn ich weiß, dass ich nicht für verrückt gehalten werde. Danke,

Majok.«

»Dann lass uns loslegen.«

»Gerne. Wo waren wir am Montag stehen geblieben?«

»Du warst mit deinem Freund irgendwohin gesprungen, wo es warm

ist.«

»Richtig.« Frank lehnte sich bequem zurück und Majok startete

schnell die Tonaufzeichnung, bevor Frank zu erzählen begann:

»Der Sonntag war wirklich ein aufregender Tag gewesen. Ich hatte so

viele neue Seiten meiner unglaublichen Fähigkeit entdeckt, dass ich auch

am Montag noch immer wie im Rausch war. Ich steckte voller Tatendrang

und fast platzte vor Spannung, wusste aber gar nicht so recht, was ich

Sinnvolles anfangen könnte, außer natürlich die FKK-Strände der Welt zu

besuchen. Mit Stefan war ich auf der Insel Saint Martin gewesen, die zu

den Kleinen Antillen in der Karibik gehört. Wo genau wir waren, hatte

ich erst anschließend anhand von Karten festgestellt. In Geografie bin ich

zwar sehr gut, aber so genau wusste ich es doch nicht. Ich war mit Stefan

an der Hand einfach Richtung Karibik gerast, hatte die Inselgruppe

ausgesucht und Ausschau nach einem FKK-Strand gehalten, an dem wir

nicht auffallen würden. Stefan hatte von dem Sprung nichts mitbekommen,

wie ich es vermutet hatte. Es war für ihn wie bei einem Direktsprung,

einschließlich des Schwindelgefühls, welches ich überhaupt

nicht mehr verspürte.

Nun war meine Krankmeldung abgelaufen und ich musste erstmals

wieder an die Arbeit seit meinem ersten Sprung im Schlaf in den Park vor

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einer Woche. Friedrich und die anderen benahmen sich wie immer, also

hatte Kommissar Gurker dem Friedrich nichts von meinen Nacktausflügen

erzählt. Da hätte ich mich nämlich vor lauter dummen

Sprüchen nicht retten können.

Die Arbeit ging mir heute schlecht von der Hand. Ich war in Gedanken

ständig ganz woanders. Ob es noch mehr Menschen gäbe, die so etwas

können? Oder vielleicht ganz was Anderes? Man liest ja immer wieder

mal von Gedankenübertragung und Telekinese, vor allem in Science-

Fiction- und Fantasy-Büchern. War da vielleicht doch ein Fünkchen

Wahrheit dran? Wieso entdeckte ich meine Fähigkeit erst jetzt im Alter

von 25 Jahren? Und wie genau geht das überhaupt? Beim Linearsprung

hatte ich wenigstens eine Idee davon, weil ich dabei vieles wahrnahm.

Aber wie ein Direktsprung funktioniert, war mir noch völlig rätselhaft.

Sprang ich vielleicht durch den Hyperraum, wie in der Science-Fiction?

Würde ich meine Fähigkeit womöglich wieder so plötzlich verlieren, wie

sie gekommen war? So viele Fragen beschäftigten mich und niemand

würde sie beantworten können. Dass ich mich in diesem Punkt irrte und

sich die Frage nach dem Warum-erst-jetzt schon bald klären würde,

ahnte ich nicht. Aber auch alle anderen Fragen würden mir noch beantwortet

werden, und zwar aus äußerst berufenem Munde. Aber dazu

komme ich erst später.

Nach dem Arbeitstag wollte ich nur noch schnell nach Hause. Am

liebsten wäre ich gesprungen, aber ich musste ja mein Fahrrad mitnehmen

und meine Klamotten konnte ich auch nicht einfach zurücklassen.

Während der Fahrt dachte ich mir aus, einen kompletten Satz

Kleidung in meinem Spind zu deponieren. Dann könnte ich morgens in

den Umkleideraum springen und mich anziehen und abends könnte ich

mich ausziehen und nach Hause springen. Ich müsste es ja nicht immer

so machen, damit es nicht auffiele. Zumindest, wenn ich mal spät dran

wäre, würde sich das anbieten.

Während ich so nachdachte, kam das Park Center in Sicht. Da fiel mir

ein, dass mein Kühlschrank fast leer war und ich ein paar Lebensmittel

einkaufen müsste. Ich könnte auch gleich eine Currywurst essen, die

schmeckte dort immer so lecker.

Meine Gedanken waren überall, nur nicht beim Verkehr. Deshalb war

der Schreck besonders groß, als plötzlich hinter mir Reifen quietschten.

Vor Schreck verriss ich den Lenker und machte einen gefährlichen

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Schlenker, konnte mich aber noch abfangen. Ein harter scheppernder

Knall ließ mich zusammenzucken. Ich kam zum Stillstand und drehe

mich zitternd um. Hinter mir war ein weißer Transporter rückwärts aus

einer Parklücke vor Stern Getränke gefahren und auf die Straße

eingebogen. Der kreidebleiche Fahrer stieg aus und rannte um das

Fahrzeug herum. Ich schob, wahrscheinlich nicht minder bleich, mein

Rad ebenfalls um den Kastenwagen herum, da sah ich das Ausmaß des

Unfalls. Ein roter Polo II war voll in die rechte hintere Ecke des

Transporters geknallt und hatte sich ordentlich zusammengefaltet.

Dampf quoll unter der in der Mitte hochgeknickten Motorhaube hervor.

Ein Gemisch aus Scheibenwaschwasser, Kühl- und Bremsflüssigkeit lief

unter dem Auto heraus. Die linsenartigen Glasstückchen des Sicherheitsglases

der zerstörten Front- und Seitenscheiben hatten sich großflächig

verteilt. Da musste eine ganz schöne Geschwindigkeit gefahren

worden sein. Vielleicht wollte der Fahrer, ein älterer Mann, noch schnell

über die Ampel kommen. Ich hörte sein Wimmern. Er blutete im

Gesicht. Das alte Auto hatte noch keinen Airbag. Wahrscheinlich war er

aufs Lenkrad geknallt.

An Helfern fehlte es nicht, sie bekamen aber die Fahrertür nicht auf.

Von der Beifahrerseite versuchten sie, ihn rauszuziehen. Der Verletzte

quittierte es mit heftigen Schreien. Ein Fuß war eingeklemmt, wie ich

den Äußerungen der Helfer entnehmen konnte.

Auf einmal durchzuckte mich die Erkenntnis wie ein Blitz. Ich könnte

ihn rausholen. Ich müsste ihn nur berühren und könnte ihn direkt ins

Krankenhaus bringen. Plötzlich eröffneten sich mir die sinnvollen

Einsatzmöglichkeiten, nach denen ich bereits gesucht hatte, als hätte

jemand einen Vorhang vor meinem Geist weggezogen. Heute Morgen erst

hatte ich mich gefragt, was ich mit der Teleportation, außer zu reisen,

noch anfangen könnte. In diesem Moment wusste ich es. Niemand

konnte Menschen so effektiv retten wie ich. Das war meine Bestimmung!

Endlich erwachte ich aus meiner Starre. Handeln war angesagt. Alles

lag klar vor mir. Ich schwang mich auf mein Rad und fuhr schnell auf den

Parkplatz des Holländers, dem Blumenhändler gegenüber des Park

Centers. Da standen immer etliche Transporter und der Track des

Händlers. Ich konnte mich zwischen den Fahrzeugen verstecken. Das

Rad ließ ich einfach liegen und verschwand zwischen zwei dicht nebeneinander

parkenden Kleintransportern, wo meine Kleidung sicherlich

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nicht sofort entdeckt würde. Schon sprang ich buchstäblich aus den

Klamotten. Es war ein merkwürdiges Bild, meine herrenlose Kleidung

mit meinen besonderen Sinnen bewegungslos in der Luft hängen zu

sehen. Sie würden, aus meiner Sicht, erst zu Boden fallen, wenn ich mich

nicht mehr zeitlos bewegte.

Ich lenkte meinen Sprung zum Unfallort. Es hatten sich viele

Passanten eingefunden, überwiegend Gaffer. Diejenigen, die helfen wollten,

waren machtlos, solange der Mann eingeklemmt war. Wahrscheinlich

war er jetzt ohnmächtig, denn sein Kopf hing kraftlos herunter. Ein

langhaariger Mann mit Rauschebart, der so aussah, wie man sich den

Weihnachtsmann vorstellt, hatte sich durch die inzwischen geöffnete

Beifahrertür zu dem Verletzten hinein gebeugt. Die Fahrerseite war frei,

bis auf etliche Schaulustige, die mit wenig Abstand zum Unfallfahrzeug

auf der Straße herumstanden. Es war ein seltsames Gefühl, mich in dieser

bewegungslosen Kulisse zwischen Menschen wie im Wachsfigurenkabinett

zu bewegen. Ich sprang direkt vor die Fahrertür und rematerialisierte

dort mit dem Gesicht zum Auto, dicht vor den Schaulustigen.

Schnell streckte ich meine Hand nach der Stirn des Bewusstlosen aus.

Der Mann an der Beifahrerseite blickte mich fassungslos mit offenem

Mund an. Einen kurzen Moment nur trafen sich unsere Blicke, dann

verblasste meine Erscheinung schon wieder, zusammen mit dem

Verletzten. Wieder im Linearsprung, erreichte ich die Charité-Klinik. Die

Notaufnahme war nicht schwer zu finden. Unter einer Überdachung mit

der Leuchtschrift Notaufnahme standen zwei Rettungswagen.

Ich drang in das Foyer der Notaufnahme ein, wo ein reges Treiben

herrschte. Nur circa drei Meter vor einer Ärztin entstand mein Körper

erneut, wobei ich ihr den Rücken zukehrte, damit sie mein Gesicht nicht

sehen konnte. Die Rematerialisation des Unfallopfers versuchte ich so zu

steuern, dass der Mann liegend über einer an der Wand stehenden Trage

mit ausgeklapptem Fahrgestell ankäme, während ich seinen Kopf und

Oberkörper stützen wollte. Das gelang leider nicht ganz. Begleitet von

dem spitzen Schrei der Notärztin plumpste der Verletzte aus rund zehn

Zentimeter Höhe auf die Trage, wobei ich wenigstens die Kopf- und

Schulterpartie abfangen und sanft ablegen konnte. Ich konnte nur

hoffen, dass der Ruck keine negativen Folgen hatte. Das musste ich

unbedingt noch üben. Schließlich wollte ich Verletzte retten und nicht

noch mehr schädigen.

104


Ich widerstand der Versuchung, mich zur Ärztin umzublicken, und

flüchtete sofort wieder in die relative Nichtstofflichkeit der Teleportation.

Um den Mann musste ich mir jetzt keine Sorgen mehr machen.

Schneller hätte er nicht in eine Klinik kommen können. Allerdings würde

sein plötzliches Auftauchen für erhebliche Verwirrung sorgen. Daran

teilhaben könnte ich nur, wenn ich durch extreme Verlangsamung

meines inneren Zeittaktes zuließe, dass auch für mich die äußere Zeit

normal schnell verginge. Dann wäre ich aber als flimmernde Wolke

wahrnehmbar, was für weitere Aufregung sorgen würde. Deshalb verzichtete

ich darauf. Damals wusste ich noch nicht, dass ich auch aus

festen Gegenständen heraus beobachten konnte, wenn ich in sie

eindrang.

Aber an der Unfallstelle konnte ich mich wenigstens umsehen. Dort

würde man nicht weniger ratlos sein. Also sprang ich erst mal zu meiner

Kleidung zurück. Doch was war das? Da klaute doch tatsächlich gerade

einer mein Rad! Der schätzungsweise dreißigjährige hagere Typ mit Drei-

Millimeter-Stoppelhaarschnitt saß bereits auf dem Rad und war auch

schon in Fahrt. Dabei war ich doch nur ganz kurz weg gewesen. Der

musste ja fast schon drauf gewartet haben.

Na warte, dir werd’ ich’s zeigen!

Drei Meter seitlich versetzt vor dem Dieb, tauchte ich plötzlich aus

dem Nichts auf. ›Wohin so eilig?‹, fragte ich, wobei ich eine Hand mit

gespreizten Fingern auf mein Gesicht legte, um nicht erkannt zu werden.

›Verpiss dich, Freak!‹, spuckte er mir seine Verachtung vor die Füße.

Ich griff nach seinem Handgelenk, da trat er auch noch nach mir.

Doch der Tritt ging ins Leere, denn ich sprang schnell auf die andere

Seite und packte zu.

›Ah!‹, machte er. Wenn er zuvor nicht gerafft hatte, wo ich so plötzlich

hergekommen war, so glaubte er jetzt wohl an einen Geist. Ehe er zu einer

weiteren Handlung fähig war, hatte ich ihn schon in einen Sprung

einbezogen.

Der Eingang des Park Centers auf der anderen Straßenseite schien mir

als Strafe angemessen zu sein. Ironischerweise standen davor auch jede

Menge Fahrräder. Vielleicht fühlte er sich dort ja wohl. Schadenfroh

grinste ich, ähm … ich hätte gegrinst, wenn ich materiell wäre. In der

zeitlosen Sprungphase dachte ich mir noch ein besonderes Schmankerl

für den Dieb aus. Ich würde, nachdem ich ihn abgesetzt hätte, mit einem

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Direktsprung verschwinden. Das würde dem plötzlich aufgetauchten

Nackedei ein Plus an Aufmerksamkeit bringen. Für unser Erscheinen

wählte ich die Ecke rechts neben dem Eingang, mit dem Gesicht zur

Granitsäule. Zur Übung versuchte ich, den Fahrraddieb anders herum

und in der Hocke zu platzieren, was im Prinzip auch gelang. Allerdings

fehlte ihm das Gleichgewicht und das Schwindelgefühl hatte er ja auch

noch, was dazu führte, dass er auf den Allerwertesten fiel. Ich wartete

seine weitere Reaktion nicht ab und sprang im Direktsprung in den

Bunker in der verlassenen Kaserne bei Marienwerder. Sogleich sprang ich

linear auf den Platz des Holländers zurück, sodass ich lautlos ankam. Der

Knall und der nackte Mann beim Center sorgten für reichlichen Tumult,

was vom Geschehen auf dem Parkplatz des Holländers ablenkte. Dort

registrierte niemand den anderen nackten Mann, der gerade noch sein

Rad auffangen konnte, bevor es, ohne Antrieb durch einen Fahrer immer

langsamer werdend, seitlich umgekippt wäre.

Wow! Die ganze Aktion ging wahnsinnig schnell. Ich war total fit und

so aufgeputscht, wie ich mir die Wirkung einer Nase voll Kokain

vorstelle. Ich fühlte mich unglaublich stark und unangreifbar. Ein nie

gekanntes Überlegenheitsgefühl bemächtigte sich meiner selbst. Mit vor

Stolz geschwellter Brust schob ich das Rad zu den beiden Transportern

zurück. Die Kleidung des Diebes pflückte ich derweil von der Mittelstange

und dem Sattel, wo sie nach beiden Seiten herab hing, und warf

sie achtlos hinter mich. Dann kleidete ich mich ohne Hektik an und

schwang mich leichtfüßig auf mein Rad, um zum Unfallort zurückzufahren.

Nein, halt! Das bin nicht ich, wurde ich mir über mein Handeln

bewusst. Ich sah zum Einkaufscenter rüber. Da lief der nackte Dürre

verzweifelt hin und her, mit den Händen im Schritt, und hatte noch

überhaupt keinen Schimmer, was hier eigentlich vorging. Ich kannte das

Gefühl nur zu gut. Natürlich hätte er mein Rad nicht stehlen dürfen, aber

jetzt hatte er genug gelitten. Ich sammelte seine Kleidung wieder ein,

packte alles in seine Jacke hinein und stopfte diese in den Korb an

meinem Lenker. Jetzt radelte ich zur Ampelkreuzung, um auf die andere

Seite zu gelangen, da sah ich, wie sich der Verzweifelte unter dem Gejohle

einiger Passanten daran machte, die Straße weiter unten zu überqueren.

Ich fuhr schnell das Stück zurück, während er, zwischen hupenden Autos

hindurchlaufend, die Verkehrsinsel in der Mitte erreichte. Er hoffte wohl,

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am Tatort seine Kleidung zu finden, die ich jetzt in seiner Höhe an den

Straßenrand legte.

›Mach so was nie wieder!‹, rief ich mit hochgeklapptem Kragen und

weit ins Gesicht gezogener Kapuze über die Straße und fuhr nun

endgültig los. Das würde ihm eine Lehre sein.

Die Polizei und die Feuerwehr waren bereits an der Unfallstelle und

im Moment traf auch ein Rettungswagen ein. Überall sah ich ratlose

Gesichter und diskutierende Menschen. Sie suchten den Fahrer. Ein

Mann schaute sogar unter das Auto. Mehrmals hörte ich, dass von einem

nackten Mann gesprochen wurde.

Plötzlich stockte mir der Atem. Mir war ein Mann aufgefallen, den ich

schon einmal gesehen hatte, und zwar nach meinem Erwachen im Park.

Es war der hagere Fotograf, und er sah mich direkt an. Ich war mir sicher,

dass er mich erkannt hatte. Er schaute abwechseln zu mir und auf das

Display seines Fotoapparats, bis die Feuerwehr die Schaulustigen von

dem Auto wegdrängte. Dabei verlor ich ihn aus den Augen. Hoffentlich

hatte er mich nicht erkannt, als ich den Mann aus dem Auto holte, aber

das konnte eigentlich nicht sein. Er könnte mich höchstens von hinten

gesehen haben. Mein Gesicht hatte nur der Helfer auf der Beifahrerseite

gesehen. Ich fragte mich nur, wieso er mich so angestarrt hatte. Nur, dass

er mich im Park gesehen hatte, erklärte diesen Blick nicht. Ich würde es

allerdings bald schmerzhaft erfahren …

Die Polizei suchte nach Zeugen, die sich gleich Scharenweise anboten,

um die unglaubliche Geschichte von dem plötzlich aufgetauchten

Nackten zu erzählen, der mit dem Verletzten zusammen ebenso plötzlich

wieder verschwunden war. Ein Mann drängte sich in den Mittelpunkt. Ich

erkannte ihn sofort. Es war der Weihnachtsmann-Helfer, der mir kurz in

die Augen geschaut hatte.

›Ich hab sein Gesicht gesehen, ganz nah!‹, rief er. Ich vermied es, ihn

anzusehen, damit er mich nicht noch erkannte. ›Ich hatte mich gerade zu

dem Verletzten hinein gelehnt, da stand er plötzlich an der Fahrerseite.

Es war ein Engel, ich schwöre es. Er war nackt und rein.‹

›Ein Engel? Hatte er auch Flügel?‹ Ich hörte den Spott aus der Stimme

des Polizisten heraus.

›Flügel? Nein, Flügel hab ich nicht gesehen. Aber er streckte den

Zeigefinger aus und berührte den Mann an der Stirn. Er sah in meine

Augen. Seine Augen waren strahlend blau wie der Himmel. Dann fiel die

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Kleidung von dem Fahrer einfach in sich zusammen und beide waren

verschwunden.‹ Er bekreuzigte sich. ›Wahrscheinlich gibt es im Himmel

keine Kleidung …‹

Schmunzelnd entfernte ich mich wieder. Dass der Engel den Mann

nicht in den Himmel, sondern in die Charité gebracht hatte, würden sie

sicher in Kürze feststellen. Vielleicht würde man auch dort von einem

Engel sprechen. Mir sollte es recht sein. Der Fahrraddieb aber würde

mich eher für den Teufel halten.

Kaum war ich zu Hause angekommen, da drängte es mich, Stefan zu

berichten, was ich heute Verrücktes und gleichsam Großartiges gemacht

hatte. Weil es von Angesicht zu Angesicht persönlicher ist und es mich

auch keine Zeit kostete, entschloss ich mich, schnell mal bei ihm

reinzuschneien. Unmittelbar vor seiner Wohnung wurde mir plötzlich

klar, dass er möglicherweise nicht alleine zu Hause sein könnte. Doch ich

wischte diese Gefahr beiseite, denn ich könnte ja einfach wieder nach

Hause springen, ohne bei Stefan zu rematerialisieren.

Während ich in seine Wohnung eindrang, kam es mir plötzlich doch

zu plump vor. Ich wollte umkehren und an seiner Wohnungstüre

klingeln, doch aufgrund meiner unglaublichen Sinne nahm ich bereits

wahr, was nicht für mich oder sonst jemanden bestimmt war. Oh Gott,

das hatte ich nicht sehen wollen. Ich hatte ihn in einem ganz privaten

und sehr intimen Moment erwischt. Wenn es ginge, wäre mir die

Schamesröte ins Gesicht gestiegen. Wie konnte ich auch so indiskret

sein? Zum Glück wusste Stefan nichts von meinem Eindringen in seine

Privatsphäre und ich würde das auch nie wieder tun.

Nachdem ich, wieder zu Hause, einen Kaffee getrunken und ein paar

Kekse gegessen hatte, rief ich bei Stefan an, um mich nun ordentlich bei

ihm anzumelden.

›Hallo Frank‹, war seine Begrüßung. Natürlich sah er auf seinem

Display, dass ich es war. Ich fragte, ob ich ungelegen anriefe und er

wunderte sich über die Frage, während vor meinem geistigen Auge das

Bild von vorhin erschien und sich nun doch noch die Wärme in meinem

Gesicht ausbreitete.

Ich sagte ihm, dass ich tolle Neuigkeiten hätte und mal schnell bei

ihm reinschneien wollte, da klingelte es an meiner Tür, und zwar gleich

oben.

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›Ja, kannst kommen‹, sagte Stefan, während ich durch den Spion sah. Ich

zuckte zusammen und ging zwei Schritte zurück.

›Mist‹, flüsterte ich ins Telefon, ›da steht der Kommissar vor meiner

Tür.‹ Ich sagte Stefan, dass ich gleich käme, wenn der Kommissar wieder

weg wäre, und legte auf. Einmal atmete ich noch tief durch, dann öffnete

ich die Tür.

›Nanu, Herr Gurker‹, begrüßte ich ihn scheinheilig und fragte nach

seinem Anliegen.

Er würde gerne noch mal mit mir sprechen wollen, sagte er und fragte,

ob er denn reinkommen dürfe.

Ich hatte nicht gerade Ordnung in der Wohnung, ließ ihn aber trotzdem

rein und bot ihm den schmalen, aber doch bequemen Sessel an, von

dem ich schnell noch ein paar Klamotten runter nahm. Die brachte ich

ins Schlafzimmer und setzte mich dann auf die Couch.

Er begann mit Small Talk, ob es mir wieder gut ginge und so und

meinte dann nach meiner Bestätigung, dass er jetzt selbst mal etwas

Erholung brauche.

›Haben Sie zu viel Arbeit?‹, fragte ich, aber er sagte, es sei nicht das

Arbeitspensum, sondern die merkwürdigen Dinge, die dauernd geschehen

würden. Die hätten ihn wieder an mich erinnert.

›An mich? Was denn für merkwürdige Dinge?‹, spielte ich den Unwissenden.

Es gäbe da gewisse Parallelen, sagte er und fragte: ›Sind Ihnen denn

noch weitere … Missgeschicke passiert? Vielleicht mal wieder irgendwo

nackt aufgewacht?‹

Ich verneinte und sagte, es wäre wohl doch nur so eine Schlafwandel-

Phase gewesen.

Er opponierte, ich wisse ebenso gut wie er, dass das nicht sein könne.

Er habe mir doch erzählt, wie meine Kleidung vorgefunden wurde. Daran

würde ich mich doch erinnern.

›Ja, sicher‹, bestätigte ich und führte ins Feld, dass mich der Psychologe

für schizophren hielt.

›Heute ist etwas Ähnliches passiert‹, sprach er weiter, ohne auf die

Diagnose einzugehen.

›Tatsächlich?‹, fragte ich mit gespieltem Interesse.

›Ja‹, sagte er. ›Und als ich davon hörte, habe ich sofort wieder an Sie

gedacht.‹ Er berichtete von dem Verkehrsunfall, und dass ein Mann

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verschwunden war und seine Kleidung, genau wie bei mir, auf dem Sitz

gelegen hatte.

Das ist ja merkwürdig‹, tat ich irritiert.

Es würde noch merkwürdiger, sprach er weiter und beobachtete mich

ganz genau. Der verschwundene Verletzte sei, wie durch Geisterhand,

unbekleidet in der Charité aufgetaucht, und er fügte noch hinzu, dass ich

da auch kürzlich erst gewesen bin. Ich zuckte nur mit den Schultern. Er

berichtete weiter, dass sowohl an der Unfallstelle, als auch in der Charité,

ein nackter Engel gesehen worden sein sollte. Er ließ die Worte etwas

wirken und fragte dann: ›Sie haben wohl nicht zufällig auch einen

nackten Engel gesehen, als Ihnen diese Dinge passierten?‹

Uff! Mir fiel ein Stein vom Herzen. Er wusste nicht, auf welche Weise

ich darin verwickelt war.

›Ich glaube nicht an Engel, Herr Kommissar‹, sagte ich ganz locker.

›Na ja, ich auch nicht‹, sagte er und machte aus dem Engel einfach

einen Mann.

›Also, ich habe keinen gesehen‹, sagte ich überzeugt.

Er äußerte seinen Verdacht, irgendetwas würde mich mit dieser Sache

verbinden und er habe das Gefühl, ich wisse mehr, als ich sagte.

›Werde ich etwa verdächtigt?‹, fragte ich.

›Verdächtigt …‹, sagt er abfällig. Es läge ja keine Straftat vor. Es sei nur

ein bisschen wie Hexerei.

›Ich schwöre, ich kann nicht hexen‹, sagte ich lachend, doch als er

nicht mitlachte, wirkte mein Lachen deplatziert. Eindringlich schien er

mich zu studieren. Dann stand er auf. Ich solle ihn jederzeit anrufen,

wenn ich ihm noch etwas zu sagen hätte. ›Ich bin überzeugt, da gibt es

noch was zu sagen‹, fügte er hinzu.

Ich brachte ihn zur Tür.

›Ach‹, sagte er, als er gerade durch die Türöffnung ging, und drehte

sich noch einmal um. ›Es gab übrigens noch einen nackten Mann heute,

ganz in der Nähe vom Unfallort und zur gleichen Zeit. Eine Streife hatte

ihn aufgegriffen, als er sich gerade wieder anzog. Er schwört, ein anderer

nackter Mann hätte ihn angefasst, und da wäre er plötzlich auch nackt

gewesen. Merkwürdig, nicht …?‹

Ich war mir nun doch nicht mehr so sicher, dass er meine Rolle bei der

Sache nicht wenigstens ahnte.« Frank trank seine Schorle aus.

»Der Kommissar wurde lästig, wie mir scheint«, meinte Majok.

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»Ach, das war ja noch gar nichts. Er wurde später noch richtig penetrant.

Aber so müssen Kommissare wohl sein, wenn sie erfolgreich sein wollen.«

»Ja, das mag wohl sein.«

Frank saß einen Moment still im Sessel und kehrte in sich, bis er

endlich weitererzählte:

»Am nächsten Nachmittag, nach der Arbeit, traute ich mich erstmals

wieder zu meinem Lieblingsbäcker im Park Center Treptow. Obwohl ich

mich auf Sandra freute, hatte ich ein flaues Gefühl in der Magengegend.

Sicherlich würde sie peinliche Fragen stellen, aber ich konnte dem ja

nicht ewig aus dem Weg gehen.

Schon aus der Ferne sah ich Sandra flink hinter dem Tresen hin und

her huschen. Trotz ihrer geschäftigen Tätigkeit trafen sich plötzlich

unsere Blicke, und zu meiner Freude registrierte ich, wie ihre Augen zu

strahlen begannen und sich ein kokettierendes Lächeln in ihrem Gesicht

breitmachte. Dann war ich herangekommen, musste mich aber noch

gedulden, bis Sandra und ihre Kollegin den momentanen Kundenansturm

bewältigt hatten. Dabei schielte Sandra mit einem so verführerischen

Augenaufschlag immer wieder zu mir, dass es in meiner Jeans

langsam eng wurde. Bald schlich sich die Verlegenheitsröte auf ihre

Wangen, weil mein Blick an ihrem hübschen Gesicht klebte. Sie konnte

sich nicht mehr richtig auf ihre Kundin konzentrieren. Ich deutete das als

gutes Zeichen.«

Majok grinste sich einen, sagte aber nichts.

»Dann war ich endlich an der Reihe. ›Hallo Sandra‹, brachte ich nur

heraus.

›Hallo Frank‹, sagte sie. ›Lange nicht gesehen.‹

›Ja, stimmt‹, konnte ich nur sagen. Es fiel mir plötzlich schwer,

komplexe Sätze zu bilden.

›Einen Pott Kaffee?‹ Sie bot mir dazu gleich noch ein Stück Pflaumenkuchen

an. Sie hatte sich meinen Lieblingskuchen gemerkt. Das war ein

weiteres gutes Zeichen.

›Ah, du kannst Gedanken lesen‹, scherzte ich.

Sie lachte. ›Ich bringe es an den Tisch‹, sagte sie. Ich bedankte mich

und setzte mich.

Eine Minute später saß sie mir gegenüber und plauderte drauf los:

›Der Chef ist im Urlaub. Da können wir es etwas lockerer angehen

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lassen.‹ Sie hatte so ein schönes Lächeln. ›Warst du krank oder im

Urlaub?‹

›Krank … ja, ich war krank … gewissermaßen‹, stotterte ich mir

zurecht.

›Gewissermaßen?‹

›Schizophrenie‹, hörte ich mich sagen. Sandras Mine versteinerte.

›Nein, das war nur ein Scherz.‹ Ich lächelte verschmitzt.

›Du Verrückter!‹, sagte sie gespielt böse und gab mir mit der Faust

einen zaghaften Knuffer am Oberarm. Und dann war es auch schon so

weit. Die gefürchtete Frage verließ ihren süßen Mund: ›Sag mal, neulich,

was ist denn da passiert? Alessia hat erzählt, du wärst verschwunden. Die

Polizei war da, weil alle deine Sachen noch da lagen.‹

Das ist die Frage, vor der ich Angst hatte‹, gab ich offen zu. ›Das ist

mir jetzt echt peinlich …‹

›Kann ich verstehen.‹ Sie guckte verschmitzt. ›War bestimmt interessant

anzusehen, als du gegangen bist.‹ Sie lachte fröhlich. ›Bist du echt

nackt gegangen? Da hätte ich auch mal einen Blick riskiert.‹ Ich wurde

rot. Natürlich sah sie es und sagte, ich müsse mich nicht genieren.

Irgendwie hätte ich es ja fertiggebracht, dass mich niemand gesehen hat.

Da hätte Alessia wohl geschlafen. Außerdem habe sie schon nackte

Männer gesehen, sogar schon ziemlich viele.

Einen Moment dachte ich bestürzt, sie hätte dauernd neue Freunde,

aber dann fügte sie ›beim FKK‹ hinzu und fragte, ob ich auch FKK mag.

›Neuerdings schon‹, sagte ich. ›Hab erst damit angefangen.‹

›Ich hoffe, das war nicht hier am Tisch neulich grad der Anfang.‹

Sandra lachte und ich fiel mit ein. ›War das ’ne Wette oder so?‹

›Ja, ’ne Wette‹, log ich ausnahmsweise und sagte, dass es ziemlich blöd

von mir war. Was hätte ich sonst antworten sollen? Ich hasste es zu lügen,

aber diesmal ging es nicht anders.

›Na, blöd war, dass du deinen Ausweis auch da gelassen hast‹, konterte

sie. ›Aber die Aktion war schon ziemlich cool. Ein bisschen verrückt muss

ein Mann schon sein. Schade, dass ich nicht da war. Hat das jemand

gefilmt? Ist es bei Youtube? Das muss ich sehen!‹ Lachend stand sie auf,

ohne eine Antwort zu erwarten. ›Ich komm noch mal, wenn ich Zeit hab.

Und nicht wieder verschwinden!‹, rief sie noch.

Das war gar nicht so schlecht gelaufen, dachte ich erleichtert. Sie

schien ziemlich cool und tolerant zu sein. Und sie machte FKK. Da wäre

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ich auch gern mal dabei, wünschte ich mir. Sie schien mich wirklich zu

mögen. Ich überlegte, ob ich sie mal zum Essen einladen sollte, oder ob

das noch zu früh war. Ich wollte sie nicht verschrecken. Würde sie

ablehnen, wäre die Chance vertan. Dann würde es schwierig, noch bei ihr

zu landen. Wahrscheinlich war ich aber nur viel zu schüchtern, und sie

wartete längst auf eine Einladung. Nachher wollte ich sie fragen, nahm

ich mir vor.

Nach zehn Minuten kam sie mit einer Tasse Kaffee an meinen Tisch.

›Ich hab dir noch einen mitgebracht. Magst du?‹

Ich nahm ihn gern und bedankte mich.

›Wollen wir nicht mal zusammen ins Kino gehen?‹, fragte sie

unvermittelt. Sie war jedenfalls nicht so schüchtern wie ich. Natürlich

stimmte ich sofort zu und sagte, dass ich sie gerade zum Essen einladen

wollte. ›Wir können ja einfach beides machen‹, sagte sie und strahlte

mich offen an. Mein Herz klopfte wie verrückt. Am liebsten hätte ich sie

einfach geküsst, aber das traute ich mich nicht.

›Ich freu mich riesig drauf!‹, sagte ich stattdessen.

›Aber heute nicht mehr‹, sagte sie. ›Ich muss noch bis um acht.

Morgen hab ich frei.‹

Ich fragte, ob sie sich schon einen Film ausgesucht hätte, und da sagte

sie, der neue Spider-Man würde sie reizen.

Sandra sprach noch weiter, aber plötzlich nahm ich ihre Worte nicht

mehr auf. Eine schreckliche Vision sprang mich regelrecht an, als sie

Spider-Man erwähnte. Kalter Schweiß brach aus meinen Poren.

Schlagartig wurde mir die Analogie zwischen der Comic- und Filmfigur

Peter Parker Alias Spider-Man und mir, Frank Brechtberg Alias Magnus

Soter bewusst. Seine Mary Jane war meine Sandra, die keine Ahnung

hatte, mit wem sie sich da einließ. Ich hatte immer mit ihm gelitten,

wenn er seine Liebe zu Mary Jane verleugnen musste. Jeder geliebte

Mensch machte ihn erpressbar und verwundbar. Deshalb hatte er ihr

sogar ins Gesicht gesagt, er würde sie nicht lieben, um sie zu schützen.

Und jetzt sah ich mich unvermittelt in der gleichen Situation. Ich hatte

zwar keinen Gegenspieler wie er, aber vielleicht würde ich einmal einem

Verbrecher in die Suppe spucken. Dann würde er sich rächen wollen.

Sandras besorgte Stimme drang zu mir durch: ›Frank? Was ist los mit

dir? Du bist so blass. Du zitterst ja …‹

›Mir ist schlecht‹, sagte ich, und das war nicht gelogen. ›Ich muss

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schnell zur Toilette.‹ Beinahe wäre ich gesprungen, weil ich so schnell wie

möglich weg wollte. Ich sprang vom Stuhl auf, der dabei fast umfiel,

rannte davon und die Rolltreppe hinauf in Richtung Toiletten, stürmte

bereits heftig würgend durch die Tür an der verdutzten Toilettenfrau

vorbei ins Herrenklo und schubste die erste Kabinentür auf, die krachend

gegen die Trennwand zur nächsten Kabine knallte. Ich hockte mich vor

das Becken – der Deckel war schon oben – und … da war der Brechreiz

plötzlich weg.

Die Toilettenfrau, eine kleine stämmige Osteuropäerin mit Kopftuch,

weißem Kittel und hellblauer Schürze, mustert mich mit strengem Blick

aus ihren kleinen farblos wirkenden Augen, als ich aus der Toilette kam.

Beinahe wäre ich in Gedanken ohne zu zahlen an dem Tischchen mit

dem aufgelegten Platzdeckchen aus feinster geklöppelter Spitze vorbei

gegangen, auf dem ein schlichtes weißes Tellerchen stand. Ihr verbissener

Gesichtsausdruck ließ keinen Zweifel daran, dass sie mich sofort

verhaften lassen würde, wenn ich nicht die auf einem gefalteten Pappschildchen

geforderten fünfzig Cent blechen würde. Schnell zog ich

meine Brieftasche aus der rechten Gesäßtasche und suchte den Betrag

zusammen, den ich klimpernd auf den Teller gleiten ließ. Dabei

entspannte sich die Mine der Frau jedoch nicht im Geringsten. Hätte

mich ihr Blick nicht verfolgt – ich hätte sie für eine Figur aus Madame

Tussauds Wachsfigurenkabinett gehalten.

Im Erdgeschoss des Centers setzte ich mich erst einmal auf die Stufe

beim Brunnen, um meine Situation zu analysieren und mit mir ins Reine

zu kommen. Ich hatte bisher noch nicht einmal daran gedacht, dass

meine so mächtige Fähigkeit für andere möglicherweise eine Gefahr

darstellt. Ich würde niemals anderen Schaden zufügen, aber ich könnte

es leicht. Ich musste als Sicherheitsrisiko eingestuft werden, wenn meine

Möglichkeiten detailliert bekannt wären. Ich könnte Staatsmänner

entführen oder gar töten, wenn ich nur den Aufenthaltsort kennen

würde. Ich könnte Spionage betreiben, könnte einfach nachsehen, was in

einem geheimen Dokument steht, während es gerade jemand vom

Geheimdienst liest. Ich könnte unbemerkt an Sitzungen teilnehmen oder

kompromittierende Details aus dem Privatleben jedweder Person

veröffentlichen oder sie damit erpressen. All das würde ich natürlich nie

machen, doch allein die Möglichkeit machte mich gefährlich. Sicherlich

gäbe es irgendwelche Staatschefs, die mich mit Bekanntwerden meiner

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Möglichkeiten beseitigen, oder noch besser, gefügig machen wollten.

Und wie ginge das besser, als mit drohender Gefahr für einen geliebten

Menschen? Würde ich mich dann erpressen lassen und Dinge tun, die ich

sonst nie machen würde? Ist Liebe nicht stärker als Vernunft? Mir war

schon wieder etwas schlecht geworden. Im Gefühlschaos fuhr ich nervös

mit den Fingern von unten durch mein Haar und stütze meinen

grübelnden Kopf. Ich konnte keinen klaren Gedanken fassen. Ich stand

auf und ging auf und ab, die Menschen um mich herum nicht beachtend.

Im Widerstreit der Gefühle setzten sich dann ganz langsam Trotz und

Kampfgeist durch. Musste ich überhaupt Angst haben? War meine Macht

nicht groß genug, um mit jeder Situation fertig zu werden? Ich brauchte

doch nur einen winzigen Angriffspunkt, um mich meines Gegners

bemächtigen zu können. Ein einziger Kontakt, das Wissen über einen

Aufenthaltsort, und schon hätte ich ihn. Dann würde ich ihn nackt auf

den Gipfel eines Berges oder auf eine Eisscholle im Nordmeer setzen und

immer mal nachschauen, ob er jetzt reden will. Irgendwann würde er

schon. Dann könnte ich auch seine Komplizen fassen und Sandra

befreien. Aber so weit musste es ja gar nicht kommen. Ich musste halt

unerkannt bleiben, dann konnte nichts passieren. Niemand durfte

meinen Namen mit dem Teleporter in Verbindung bringen. Stefan hatte

diesbezüglich mein Vertrauen.

Nachdem ich mich wieder etwas beruhigt und mir Mut zugesprochen

hatte, schlenderte ich langsam zum Bäcker zurück. Als Sandra mich sah,

winkte sie gleich ihre Kollegin ran, damit sie ihren Kunden übernähme,

und eilte sofort zu mir.

›Alles in Ordnung?‹, fragte sie mit besorgtem Gesichtsausdruck. ›Geht

es dir wieder besser?‹

Ich beruhigte sie und sagte, es sei ein Magenkrampf gewesen.

›Lag doch hoffentlich nicht an unserem Kuchen?‹, fragte sie und ich

war mir nicht sicher, ob es Ironie war.

Wir verabredeten uns für morgen um acht zum Essen und dann

wollten wir in die zweite Vorstellung um zehn. Das Lokal sollte ich

wählen, da sie schon den Film ausgesucht hatte. Ich fragte, ob sie

chinesische Küche mochte, und sie sagte, dass sie eigentlich alles gerne

aß. Deshalb müsste sie auch immer aufpassen, dass es nicht zu viel

würde.

›Ach, du siehst doch super aus‹, rutschte es mir heraus. Sofort fragte

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ich mich, ob das nicht zu draufgängerisch war, aber ihre Antwort ließ

mich das vergessen. ›Du gefällst mir auch, wie du bist‹, sagte sie prompt.

Jetzt war ich etwas verlegen. Nachdem wir uns gegenseitig versichert

hatten, dass wir uns auf den Abend freuten, hüpfte sie beschwingt davon

hinter den Tresen. Ich winkte ihr noch einmal zu und ging.«

Majok hatte Franks Erinnerungen fasziniert zugehört. Jetzt nutzte er eine

Sprechpause, um sich zu Wort zu melden: »Du erzählst sehr lebhaft und

gefühlvoll. Es ist fast so, als würde ich ein Buch lesen. Ich kann das alles

beinahe einfach abschreiben.«

»Da kann ich ja das Honorar kürzen«, flunkerte Frank.

Majok lächelte nur. Vertrag war Vertrag. Bevor er etwas erwidern

konnte, schob sich völlig lautlos ein Servierwagen in sein Blickfeld,

gefolgt vom steifbeinig, aber dennoch würdevoll schreitenden James.

Majok hatte ihn wieder einmal nicht eintreten gehört. Er hatte James in

Verdacht, er würde sie belauschen, weil er bisher immer in einem Moment

auftrat, in dem die Erzählung gerade unterbrochen war.

»Wenn Sie erlauben, serviere ich jetzt Kaffee und Kuchen«, sagte

James. Er wartete nicht auf die Erlaubnis und stellte die Gedecke vor den

Männern ab. Je ein Stück Pflaumenkuchen beförderte er mit dem

Kuchenheber auf die Teller und füllte die Tassen mit Kaffee. Die beiden

bedankten sich.

»Majok, wie viel Zeit hast du heute? Möchtest du wieder mit zu

Abend essen? Du bist willkommen.«

»Oh, ich glaube, das wird mir zu lang. Aber danke für das Angebot.«

»Dann können Sie jetzt Feierabend machen, James. Ich bringe das

Geschirr selbst zur Küche.«

»Danke Sir«, sagte James für Majok überraschend, ohne zu diskutieren.

Er ließ den Wagen neben dem Tisch stehen und entschwand so

lautlos, wie er gekommen war.

»Ich bin überrascht, dass James heute ganz ohne Murren wie ein

geölter Blitz verschwunden ist«, wunderte sich Majok.

»Ich nicht«, entgegnete Frank mit einem wissenden Lächeln. »Er

spielt mittwochs immer mit Freunden Backgammon.

»Und wenn ich zum Abendessen zugesagt hätte?«

»Dann hätte ich ihn gebeten, ein paar Schnittchen für uns vorzubereiten.

– Probier’ den Pflaumenkuchen. Der ist ein Traum! Er ist nach

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dem Originalrezept von Sandras Bäckerei aus dem Jahr 2015. So backt

heute kaum noch jemand.«

Majok nahm die Kuchengabel zur Hand, löste damit fast ein Viertel

des saftigen Kuchens ab und stopfte es in den Mund. »Hm, lecker«,

presste er schmatzend heraus. Wenn man ihn nicht kannte, würde man

aufgrund seines seriösen Erscheinungsbildes etwas mehr Esskultur

erwarten. »Sag mal«, redete er kauend weiter. »Du erwähntest gerade

einen Namen. Magnus Soter, wenn ich mich nicht verhört habe. So

nennst du dich? Magnus Soter?«

»Ach das … ja … das war nicht als Alias geplant. Ich brauchte schnell

einen Namen, den ich bei einem Telefonat mit dem Verteidigungsministerium

nennen konnte, aber eben nicht meinen richtigen. Ich

wollte eine U-Boot-Besatzung retten und das zuvor mit dem Militär

abstimmen. Deshalb rief ich beim Verteidigungsministerium an und

wurde natürlich gleich nach meinem Namen gefragt. Da musste schnell

einer erfunden werden. Im Heim hatte ich Latein gelernt. Diakon Beierle

hatte es mir nahegelegt und da habe ich zugestimmt und es als

Leistungskurs gewählt. Magnus Soter heißt übersetzt großer Retter.«

Majok sah Frank ungläubig an. »Das ist nicht dein Ernst!?« Er lachte.

»Lach nur. Da ich eine Rettungsaktion durchführen wollte und nur

Sekunden hatte, mir einen Namen auszudenken, war dieser plötzlich in

meinem Kopf. Es war mir in dem Moment nur wichtig, nicht erkannt zu

werden und schnell zu antworten. Magnus Soter klingt wie ein Name und

schon hatte ich ihn genannt. Dieser Kunstname verselbstständigte sich

später und stand für den Teleporter. Jeder kannte ihn.«

»In diesem anderen Leben. Sonst müsste ich ihn auch kennen.«

»Ich weiß, wie das für dich klingt …«

»Schon gut. Ich hab ja beschlossen, dir zu glauben. Und du hast

versprochen, dass ich es später verstehen werde. Kein Problem also. Es

verspricht, noch interessanter zu werden.«

»Darauf kannst du wetten!«

Frank griff nun endlich auch zu seiner Kuchengabel. Den ersten

Bissen kostete er mit geschlossenen Augen. Beim Genuss dieses

Pflaumenkuchens sah er immer seine Sandra vor sich, die er so sehr

vermisste. Seit ihrem Tod hatte er sich oft gefragt, ob er ein weiteres Mal

von vorne anfangen sollte, auf seine spezielle Weise. Doch nun hatte er

sich endgültig dagegen entschieden. Er würde nicht mehr er selbst sein

117


können, nicht mehr unbeschwert und unvoreingenommen. Das hatte

ihm die Erfahrung gelehrt, und es würde jedes Mal schlechter werden.

Ich würde unerträglich sein. Nein, es hat keinen Sinn. Was ihm jetzt

vorschwebte und wozu er entschlossen war und auch schon Vorbereitungen

getroffen hatte, war etwas Anderes – etwas ganz Anderes. Er

würde nach den Sternen greifen und …

»Frank«, unterbrach Majok seine abschweifenden Gedanken. »Bist du

noch bei mir? Du bist ja völlig abwesend.« Majoks Kuchen war längst

aufgegessen und er schielte schon nach dem nächsten Stück, während

Frank erst diese eine Ecke verspeist hatte.

»Oh, tut mir leid. Ich war gerade ganz weit weg …«

»Hab ich gemerkt.«

»Nimm dir noch ein Stück Kuchen. Hast du noch Kaffee?« Er nahm

selbst einen Schluck und verzog das Gesicht. »Meiner ist nur noch

lauwarm.«

Majok musste nicht aufstehen, um sich am Wagen zu bedienen, tat es

aber dennoch. Er schob einen weiteren Pflaumenkuchen auf den Teller

und ging damit im Zimmer spazieren. Vor dem Porträt von Sandra blieb

er stehen. »Du vermisst sie sehr …« Das war keine Frage. Es kam aus dem

Moment heraus, aus der Traurigkeit, die Frank gerade ausgestrahlt hatte.

Franks Augen wurden glasig. Und wie ich sie vermisse! Er hatte über

hundert Jahre an ihrer Seite gelebt. Er vermisste sie nicht einfach nur, er

verzehrte sich nach ihr, immer wieder, wenn er an sie erinnert wurde. Der

Schmerz war noch so frisch, nicht mal ein Jahr war vergangen. Frank zog

ein Taschentuch aus der Hosentasche – diesmal hatte er vorgesorgt – und

tupfte die Tränen ab.

Majok dreht sich zu ihm um und sah, was er angerichtet hatte. »Tut

mir leid, Frank. Ich bin ein Esel. Immer muss ich es auf den Punkt

bringen, ohne nachzudenken.«

»Schon gut«, flüsterte Frank. Ich muss lernen, den Tod zu akzeptieren.

Ich kann ihn nicht ewig betrügen. Ich habe ihm schon das eine

oder andere Schnippchen geschlagen. Aber er kommt wieder und fordert

sein Recht. Ich muss ihm jetzt das Feld überlassen.«

Majok schwieg betroffen. Franks Worte erschienen ihm irgendwie

wirr. Er setzte sich wieder in seinen Sessel und stellte den unberührten

Kuchen auf den Tisch. Er konnte jetzt nicht einfach weiter essen, das

erschien ihm taktlos.

118


»Aber mich bekommt er nicht so schnell.« Franks Stimme war jetzt

wieder fester. »Ich hab da ein paar Tricks auf Lager, gegen die er nichts

ausrichten kann. Daran wird er sich die Zähne ausbeißen.«

Franks Lachen irritierte Majok. War er am Ende doch nur ein Irrer, der es

verstanden hat, der Klapse zu entgehen?

Frank deutete Majoks betretenes Gesicht richtig. »Keine Angst, Majok.

Ich bin nicht schizophren. Ich will künftig aufpassen, mich nicht in

Andeutungen zu ergehen, die du noch nicht verstehen kannst. Wollen

wir einfach mal weiter machen?«

»Okay«, sagte Majok nur. Die Atmosphäre wirkte plötzlich abgekühlt.

Frank rutschte mit dem Hintern im Sessel herum, bis er so bequem wie

möglich saß, oder eher schon lag. »Das Date mit Sandra war toll«, begann

er, seine Erinnerungen mitzuteilen. »Das musste ich erst mal Stefan

erzählen. Ich rief ihn an und nach zwei oder drei Bemerkungen hatte ich

ihn da, wo ich ihn haben wollte: er war neugierig. Er fragte, ob ich wieder

jemanden aus dem Auto geholt hätte. ›Los, sag schon!‹, drängte er.

›Viel besser‹, sagte ich und ließ ihn noch einen Moment zappeln, wie

einen Fisch an der Angel. Dieser Vergleich drängt sich gerade auf, denn

ich erzählte ihm jetzt von dem Fisch, den ich an Land gezogen hatte.

›Und was für einen Süßen‹, fügte ich schwärmerisch hinzu. Stefan war

ein Spielverderber, denn er erriet sofort, von welchem Fang ich sprach.

Natürlich – ich hatte schon einmal überschwänglich von Sandra erzählt,

als wir zusammen in der Karibik waren.

Ich erzählte von unserem Date, und dass wir essen und im Kino waren

und als besonderes Schmankerl zelebrierte ich, dass ich ihre Telefonnummer

und sogar einen Abschiedskuss bekommen hatte, wenn auch

nur auf die Wange. Stefan war neidisch. Ihm war mit Frauen bisher kein

Glück beschert.

Ich sprach mit Stefan auch noch über meine schlimmen Gedanken,

die mir wegen der Analogie zu Spider-Man gekommen waren. Stefan

machte mir klar, dass ich ohne Freundin nicht minder erpressbar sei. Als

ich nicht gleich verstand, fragte er, was ich wohl machen würde, wenn

jemand ein x-beliebiges Kind entführen und mich damit erpressen

würde. Da verstand ich, dass er recht hatte. Bei einem geliebten

Menschen wäre der Schmerz zwar größer, aber auch ein fremdes Kind

würde mich nicht einfach kalt lassen. ›Aber ich kann mich unmöglich

119


erpressen lassen‹, sagte ich eindringlich, doch Stefan meinte, es wüsste ja

niemand, wer der nackte Engel sei, außer ihm natürlich.

›Der was?‹, fragte ich erstaunt. Stefan klärte mich darüber auf, dass es

so in den Zeitungen gestanden hatte. Besonders die Bild hatte die Sache

auf ihre reißerische Art ausgeschlachtet. Ein Zeuge hatte gesagt, ein

nackter Engel hätte den Verletzten in den Himmel geholt.

Ja, das hatte ich ja selbst gehört, weil ich danebengestanden hatte.

›Stefan‹, sagte ich eindringlich, ›du wirst doch mit niemandem darüber

sprechen?‹

›Frank, du beleidigst mich‹, sagte Stefan und es klang auch wirklich

beleidigt. Das hätte ich nicht sagen sollen, aber es war so extrem wichtig

für mich. Ich entschuldigte mich dafür und Stefan versicherte, dass er

meine Vorsicht schon verstünde. Er nahm es mir nicht übel.

›Kann ich dich mit einem kleinen Ausflug versöhnen?‹, fragte ich,

wenngleich ich ihn sowieso gefragt hätte.

›Ah, ich bin sehr beleidigt‹, stieg er sofort darauf ein. ›Da musst du dir

jetzt aber was ganz Besonderes einfallen lassen, um mich wieder zu

besänftigen.‹ Er lachte.

›Haha‹, machte ich und sagte, ich hätte nur Besonderes auf Lager. Ich

erzählte, dass ich vorhin erst in Australien auf dem Uluru war, was unter

einem guten Stern gestanden hatte, denn es waren gerade keine Busse

mit Touristen dort gewesen. Dann war ich noch ein bisschen im Outback

spazieren gegangen. ›Das war so toll!‹, geriet ich ins Schwärmen. ›Eine

menschenleere, unendliche Natur. Einfach grandios. Nur ein paar Schuhe

hätte ich ab und an gebrauchen können.‹

Stefan war neidisch und fragte, warum er das nicht könne.

›Probier es doch mal aus‹, flunkerte ich. ›Vielleicht geht’s ja.‹

›Du wirst’s nicht glauben‹, antwortete er, ›aber das hab ich längst.‹

Wir lachten.

Ich hakte nach und fragte, ob er nun Lust hätte, und er fragte, ob das

eine Scherzfrage sei. Ich würde doch wohl nicht annehmen, dass er Nein

sagen würde.

›Dann komm ich jetzt einfach zu dir gesprungen‹, sagte ich.

›Ja, kannst kommen‹, lud mich Stefan ein.

Nahezu im selben Moment stand ich schon vor seiner Tür. Gedämpft

hörte ich Stefan drinnen sprechen: ›Moment noch, es klingelt grad an der

Tür … Frank …? Frank …?‹

120


Ich klopfte an Stefans Wohnungstür. ›Nun mach schon auf!‹, rief ich.

›Frank! Du machst mich noch fertig!‹, sagte Stefan fassungslos,

während er mich rein ließ.

›Für unten hab ich meinen Universalschlüssel benutzt, sagte ich

grinsend.

›Du Verrückter!‹, schalt er mich und fragte, warum ich nicht direkt

reingesprungen sei. ›Wenn dich jemand nackt vor meiner Tür gesehen

hätte …‹, tadelte er.

›Solche Indiskretionen will ich mir gar nicht erst angewöhnen‹, lehnte

ich entschieden ab. Man macht ja nicht denselben Fehler mehrmals.

›Du könntest der perfekte Spion sein‹, konstatierte Stefan. Ich käme

überall rein, nichts entginge mir und ich würde nicht bemerkt. Ihm liefe

direkt ein Schauer den Rücken runter, wenn er sich ausmalte, dass ich

überall unbemerkt teilhaben könnte.

Was er dazu sagen würde, wenn er wüsste, woran er mich ungewollt

teilhaben ließ, wollte ich lieber nicht wissen.

›Nicht teilhaben‹, verbesserte ich ihn. ›Ich sehe nur ein Standbild,

oder ich müsste Zeit verstreichen lassen. Aber dann könnte man das

Luftflimmern sehen. Du könntest aber mal gucken, wie gut ich hier im

halbdunklen Zimmer noch zu sehen bin. Vielleicht fällt das ja gar nicht

auf.‹

›Ja, dann mach mal, Mystery …‹ Stefan unterbrach sich selbst und

entschuldigte sich für den Ausrutscher, aber so schlimm fand ich es auch

wieder nicht, wenn er Mysteryman sagte.

Ich sprang ganz sachte, sodass kein plötzliches Vakuum entstand und

die Luft gemäßigt in den frei werdenden Raum eindrang, ohne ein

nennenswertes Geräusch zu verursachen. Augenblicklich sah ich auf

meine unbegreifliche Weise das Standbild im Rundumblick, vom Boden

bis zur Decke. Ich verlangsamte meinen persönlichen Zeittakt, bis um

mich herum die Zeit verging und ich daran teilhaben konnte. Stefan

machte einen Schritt auf meine Teilchenwolke zu, und ehe ich mich

versah, streckt er seinen Arm aus. Entsetzt sah ich, wie seine Finger in die

mich repräsentierende Wolke ragten. Vor Schreck tat ich genau das

Falsche: ich beendete den Sprung, noch dazu schnell und fast übergangslos.

Stefans Hand wurde mit enormer Wucht zurückgeschleudert. Die

Kraft übertrug sich über den Arm in die Schulter und warf den ganzen

Oberkörper einseitig zurück, wodurch Stefan zu Boden fiel.

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›Bist du verrückt?!‹, fuhr ich ihn an. Ich bückte mich herab, um ihm auf

die Beine zu helfen, doch er stoppte mich mit einer Handbewegung.

›Alles klar?‹, fragte ich. ›Tut dir was weh?‹

Er rappelte sich auf und tastete mit der Linken hinter sich nach dem

Stuhl. Ohne den Blick von seiner Rechten zu nehmen, setzte er sich wie

hypnotisiert hin. Ich glaube, er hatte einen Schock. Was war auch in ihn

gefahren, so etwas einfach zu machen, ohne Vorwarnung? Er war doch

sonst immer so ängstlich.

Ein grausiger Gedanke schoss mir durch den Kopf. Was, wenn er nicht

zurückgestoßen worden wäre? Unwillkürlich fiel mir das Philadelphia-

Experiment ein. Mithilfe extrem starker Magnetfelder wollte man eine

Tarntechnik erproben, wobei das gesamte amerikanische Kriegsschiff

USS Eldridge optisch verschwunden und sogar ungewollt teleportiert sein

soll, was aber von offizieller Stelle dementiert wurde. Dabei sollen

Besatzungsmitglieder mit dem Schiff verschmolzen sein.

Aber nein, so etwas konnte sicherlich hier nicht passieren, beruhigte

ich mich selbst. Bestimmt waren öfter schon kleine Insekten am Ort

meiner Rematerialisation gewesen, mit denen ich ja auch nicht verschmolzen

war. Aber Stefan hätte durch den Stoß auch verletzt sein

können.

›Hast du dir wirklich nichts getan?‹

Stefan sah mich von unten hochschielend an. Seine rechte Hand mit

ausgestrecktem Zeigefinger richtete sich auf mich und bewegte sich

drohend auf und ab. ›Du bist gefährlich‹, zischte er mit einer Stimme, wie

ich sie von ihm nicht kannte.

›Stefan, nun …‹

›Bitte geh jetzt. Ich muss nachdenken …‹

›Komm, mach keinen Scheiß …‹

Stefan sprang auf und zeigte zur Tür: ›Geh!‹

Enttäuscht wendete ich mich ab und ging zur Tür. Springen wollte ich

in Stefans Anwesenheit jetzt lieber nicht. Ich fand seine Reaktion übertrieben.

Es war ja nichts passiert und schließlich war er selbst schuld an

dem Vorfall.

›Ich ruf dich an‹, sagt Stefan jetzt ruhiger und bedächtiger.

Nackt und mit hängenden Schultern trollte ich mich zur Tür hinaus,

wie ein gescholtener Hund. Verdammt! Musste er auch seine Hand

dazwischen halten? Und jetzt sollte ich schuld sein. Gefährlich sollte ich

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sein. Lachhaft. Ausgerechnet ich, der keiner Fliege was tun konnte. Ich

war jetzt echt enttäuscht von Stefan. Wahrscheinlich würde er sich bald

bei mir entschuldigen, wenn der Schock vorbei wäre. Ich hoffte jedenfalls

sehr, dass ich ihn nicht als Freund verloren hatte. Das wäre schlimm für

mich. Nicht nur, weil er als Einziger über mich Bescheid wusste, sondern

vor allem, weil ich sonst keinen Freund wie ihn hatte.

Jetzt war ich doch tatsächlich ganz in Gedanken nackt drei Stockwerke

hinuntergegangen, anstatt einfach nach Hause zu springen. Mann,

der Rausschmiss hatte mich ganz schön aus der Bahn geworfen.

Stefan hatte mich am Abend dann wirklich angerufen und sich für

seine Überreaktion entschuldigt. Er sei geschockt gewesen, hauptsächlich

aus der Erkenntnis heraus, was ich anzurichten vermag. Er hatte viel

weiter gedacht als ich: ›Stell dir mal vor, mit was für einer Wucht ich

weggeschleudert worden wäre, wenn ich zur Hälfte in der Wolke gesteckt

hätte‹, setzte er mir auseinander. ›Ich wäre wahrscheinlich gegen die

Wand geschmettert worden und hätte mir die Knochen gebrochen. Und

ich möchte mir gar nicht ausmalen, was passiert wäre, wenn ich voll

drinnen gestanden hätte. Verstehst du jetzt, wieso ich so geschockt war?‹

Das verstand ich allerdings.

Am nächsten Morgen war ich wieder bei Pit-Stop zur Arbeit. Friedrich

saß mir im Aufenthaltsraum am Tisch gegenüber. Sein fast kahler

Schädel mit schütterem grauen Haarkranz ruhte auf dem Ballen seiner

prankenartigen, unter das glatt rasierte Kinn gestützten, linken Hand.

Seine graugrünen Augen unter den wulstigen Brauen und der hohen

breiten Stirn musterten mich auffällig lange. ›Sag mal, Frank, machst du

neuerdings Solarium?‹, artikulierte er dann seine Gedanken. ›Ich dachte,

du hältst da nichts von.‹

›Sieht das so aus?‹, fragte ich zurück.

›Unbedingt! Ötzi, was meinst du? Der Frank ist doch richtig braun

geworden.‹

Ötzi hieß eigentlich Özgür und kam aus der Türkei. Ohne den Blick

von seiner Zeitung zu nehmen, antwortet er mit starkem Akzent: ›Ja, hab

ich auch gedacht. Solarium, ganz klar.‹

›Ähm …‹, stotterte ich verlegen und dachte mir schnell aus, ein Freund

hätte gesagt, ich sähe so krank aus, weil ich so blass wäre. Da er gerade ins

Solarium gehen wollte, hätte er mich einfach mitgeschleift. Friedrich

123


guckte etwas skeptisch, sagte aber nichts mehr dazu. Stattdessen fragte

er, ob ich nachher auf ein Bier mitkäme. Ich lehnte ab und sagte, dass ich

lieber einen Kaffee trinken ginge.

›Wieder beim Bäcker im Park Center?‹, vermutete er ganz richtig. Da

ginge ich in letzter Zeit wohl öfter hin …

›Jo …‹, sagte ich nur knapp, schon ahnend, dass dies nur die Einleitung

zu einer kleinen Gemeinheit war. Ich sollte recht behalten …

Das liegt wohl nicht zufällig an der Kleinen, die da bedient?‹, fragte er

prompt. ›Hab sie neulich an deinem Tisch sitzen sehen.‹

Ötzis braune Augen lösten sich von der Zeitung und sahen mich an.

›Ach echt?‹, johlte er mit plötzlichem Interesse. ›Der Franky wird doch

nicht verliebt sein …?‹

›Ist ja auch ’ne heiße Braut, die Kleine.‹ Friedrich grinste unverschämt.

›Wie weit seid ihr denn schon so?‹

›Sie ist nett‹, sagte ich betont.

›Ach, nett ist sie.‹ Friedrich ließ nicht locker. ›An welchen Körperstellen

war sie denn schon nett zu dir?‹ Alle lachten schallend.

›Friedrich, das geht dich gar nichts an‹, sagte ich bestimmt. ›Sie ist

sehr nett und ich mag sie und vielleicht wird da auch noch mehr draus.

Und wehe, du machst dumme Sprüche bei ihr!‹

›Was ist denn dann, he?‹, fragte er provozierend.

Da fiel mir etwas ein, womit ich das Ruder herumreißen konnte:

›Dann sag ich’s deiner Mami‹, sagte ich etwas bösartig. Diesmal hatte ich

die Lacher auf meiner Seite. Seine Mutter war 78 Jahre alt und sehr

resolut. Sie war einmal in die Werkstatt gekommen und hatte Friedrich

zur Schnecke gemacht, weil er wieder mal seine Wäsche nicht in den

Korb gelegt hatte. Das war für alle eine Schau. Friedrich war immer

kleiner geworden.

Nach endloser Zeit – es kam mir an diesem Tag besonders lange vor – war

endlich Feierabend und ich war bei Sandra im Center.

›Du hast mich gar nicht mal angerufen‹, beschwerte sie sich, als sie

meinen Kaffee an den Tisch brachte. Ich sagte, dass ich nicht nerven

wollte. Daraufhin sagte sie etwas, was mein Herz vor Freude hüpfen ließ:

›Hey, du nervst doch nicht. Ich mag dich.‹

Das ging runter wie Öl. ›Ich mag dich auch, sehr sogar‹, hörte ich

mich sagen und wunderte mich, dass ich mich getraut hatte.

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In Sandras Augen blitzte es. ›Echt? Ich dachte schon, du bist so ein

bisschen gefühllos.‹

›Nein, das bin ich nicht‹, sagte ich, und dass ich nur nicht mit der Tür

ins Haus fallen wollte und ein bisschen schüchtern bin. Und dann wurde

ich meiner Geständnisse wegen auch noch rot. Sie muss mich für einen

Milchbubi halten, dachte ich.

Sie aber sagte nur: ›Süß‹, und drückte mir einen Kuss auf die erhitzte

Wange. Schon tänzelte sie wieder hinter dem Tresen herum und bediente

Kunden. Der Laden brummte. Aber zwischendurch blickt sie immer

wieder zu mir. Ihre leuchtend grünen Augen strahlten mich an wie

Smaragde. Sie funkelten richtig, heute noch ein bisschen mehr als sonst.

Oh Mann, ich glaube, ich strahlte nicht weniger. In dem Moment dachte

ich nicht darüber nach, wie kitschig das auf einen zufälligen Beobachter

wirken musste.

Ich schaute ihr noch eine ganze Stunde bei der Arbeit zu und ab und

zu fand sie etwas Zeit, sich kurz zu mir zu setzen. Wir plauderten über

alles Mögliche und entdeckten auch Gemeinsamkeiten. Sie reiste sehr

gerne und war auch schon an einigen Orten, von denen ich bisher nur

geträumt hatte. Sie war früher oft mit ihren Eltern in aller Herren Länder.

Ich war mir aber sicher, dass ich sehr schnell aufholen würde, jetzt, wo

ich einfach hinspringen konnte. Wenn das mit uns was richtig Festes

würde, und das hätte es längst sein können, wenn ich nicht so schüchtern

wäre, dann, so war mir klar, würde ich sie auch einweihen. Wie sollte ich

sonst mit ihr zusammenleben können. Aber erst müsste die Beziehung

gefestigt sein.

Ich verabschiedete mich und versprach, diesmal auch bestimmt

anzurufen. Außerdem stand für mich schon fest, dass ich morgen

natürlich wieder zum Kaffee kommen würde.

Später, als wir schon fest zusammen waren, erzählte mir Sandra

übrigens, es hätte ihr gefallen, dass ich nicht so ein Draufgänger war. Wer

weiß, vielleicht wären wir gar nicht zusammengekommen, wenn ich

nicht so schüchtern gewesen wäre. Ein vermeintliches Hindernis kann

sich auch als hilfreich herausstellen.«

»Ja, mit den Frauen soll sich mal jemand auskennen …«, warf Majok

ein, nur, um nicht uninteressiert zu wirken, was er nicht war.

Frank ging aber nicht darauf ein und fuhr fort: »Zu Hause angekommen,

war ich noch immer am Strahlen. Mir wurde bewusst, dass ich jetzt

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wirklich richtig verliebt war. Eigentlich war ich es aber schon lange. Und

was noch schöner war: Ich glaubte zu wissen, dass sie es auch war. Ach

quatsch, ich war mir sicher! Es stand in ihren Augen. Ihr glücklicher

Gesichtsausdruck und wie leichtfüßig sie sich bewegte, hatten es mir

außerdem verraten. Und ich schwebte ebenfalls. Da war dieses Kribbeln

im Bauch, welches ich erst einmal in meinem Leben gehabt hatte, als ich

Karin kennenlernte. Diesmal war es noch viel intensiver.

Um den Abend perfekt zu machen, ließ ich mir jetzt ein heißes Bad

einlaufen. Ich wollte mich in das dampfende Wasser legen, mich richtig

schön entspannen, und von meiner Zukunft zusammen mit Sandra

träumen, wie wir gemeinsam die ganze Welt bereisten und wie wir

kuschelten und uns liebten.

Bis das Wasser eingelaufen wäre, was bei diesen verkalkten Leitungen

immer sehr lange dauerte, schaltete ich aus reiner Gewohnheit die Glotze

ein, ohne die Bilder bewusst wahrzunehmen. Meine Gedanken drehten

sich weiter um Sandra. Ich würde sie so gerne in meine Arme schließen,

sie küssen und drücken und ihre Wärme spüren.

Plötzlich klebte mein Blick am Bildschirm. Schlagartig war der Zauber

weg. Ich erkannte das kleine rothaarige Mädchen aus der BZ wieder, die

jemand beim Bäcker liegen gelassen hatte. Marie-Claire wurde schon seit

fast zwei Wochen vermisst. Die intensive Suche nach ihr wurde jetzt

ergebnislos eingestellt. Irgend so ein Schwein hatte sie vermutlich

entführt und ihr wer weiß was angetan. Wenn ich so einen in die Finger

bekäme, dachte ich, ich wüsste nicht, was ich mit dem machen würde.

Auf einmal kamen mir Sandras Worte wieder in den Sinn: ›Reg dich

nicht über Dinge auf, die du nicht ändern kannst‹, hatte sie gesagt.

›Konzentriere dich auf das, was du kannst, und tu es auch.‹

Was du kannst … Tu es auch … Die Worte kreisten in meinem Kopf.

Noch einmal blendeten sie das Mädchen ein. Ich schloss die Augen und

sah trotzdem ihr Gesicht ganz klar vor mir. Tu es auch … tu es auch … und

ich tat es.

Ich öffnete die Augen. Dunkelheit und ein modriger Geruch empfingen

mich. Ich hörte ein polterndes Geräusch, gefolgt von einem derben

Fluch. Aus einer anderen Richtung klang gedämpftes ängstliches

Wimmern in meinen Ohren. Es musste ganz dich bei mir sein. Ein

schmaler Lichtstreifen am Boden und ein kleiner Lichtpunkt in Bauchhöhe

darüber waren meine einzigen Orientierungspunkte. Schnell von

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oben näherkommende, polternde Schritte auf einer Holztreppe verlangten

nach einer sofortigen Aktion, doch ich konnte nur wenige Zentimeter

des nackten Betonbodens sehen, so weit der spärliche Lichtschein unter

der Tür reichte. Schon sah ich sich bewegende Schatten im Türspalt und

hörte das Knacken des Schlosses.

Ich muss die Situation kontrollieren, schoss es mir durch den Kopf,

nicht der Andere! Ein Gedanke genügte, um einen Linearsprung einzuleiten.

Sofort sah ich alles um mich herum, obwohl es nach wie vor dunkel

war. Mein Geist war für die Wahrnehmung nicht auf Licht angewiesen

wie die Augen. Ich erfasste alles in einem einzigen Augenblick. Freuen

konnte ich mich darüber aber leider nicht, denn was ich sah, war ein Bild

wie aus einem schlechten Film.

Auf einem schmuddeligen Matratzenlager hockte zusammengekauert

ein ebenso schmuddeliges, nacktes Mädchen mit weit aufgerissenen

Augen in der Ecke eines muffig feuchten Kellerraumes. Ihr Haar war

zerzaust, die Hände befanden sich hinter ihrem Rücken und waren

wahrscheinlich ebenso mit Klebeband gefesselt, wie ihre kleinen Füße,

die weiß und blutleer und wahrscheinlich eiskalt waren. Ein festgezogenes

Tuch schnitt in ihren Mund ein. Trotz ihres elenden Zustandes

und dem Knebeltuch erkannte ich in dem Mädchen eindeutig die

vermisste Marie-Clair.

Neben der Matratze stand eine braune Keramikschale mit dem Rest

irgendeiner Suppe und einem Löffel darin. In einer Ecke neben der Tür

sah ich einen schmutzigen blauen Kunststoffeimer mit Deckel, daneben

eine fast aufgebrauchte, von der Kellerfeuchte wellig gewordene Rolle

Toilettenpapier. Eine nackte Glühlampe, von der sich bald ein Tropfen

Kondenswasser lösen würde, hing von der fleckigen Betondecke herab.

Unter der Lampe, an den unteren Mauerkanten und besonders in den

Ecken sah es feucht aus. Dort tummelten sich Scharen grauer Kellerasseln.

An manchen Stellen waren pelzig weiß aussehende Salpeterausblühungen

zu erkennen. In den oberen Kanten und Ecken lauerten

zahlreiche Zitterspinnen mit ihren langen eckigen Beinen auf Beute. All

das sah ich gleichzeitig in einem einzigen Augenblick. Und ich sah, wie

das Mädchen offensichtlich fror, was die Gänsehaut bewies, die ihren

ganzen Körper überzog. Dass sie zitterte, konnte ich nur vermuten. Dass

man ihr nicht einmal eine Decke gegeben hatte, zeugte von unglaublicher

Menschenverachtung und machte mich noch zorniger, als ich aufgrund

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der Entführung ohnehin schon war. Vielleicht war sie längst schon unterkühlt.

Ich musste schnell handeln … Ach nein, musste ich nicht. Es verging

ja momentan praktisch keine Zeit. Ihre Situation verschlechterte sich also

zunächst nicht. Ich konnte in Ruhe überlegen, wie ich jetzt am besten

handeln sollte. Auf jeden Fall musste ich das Mädchen befreien. Sollte

ich sie zur Polizei bringen, oder besser gleich in eine Klinik? Sie würde

Beruhigungsmittel brauchen, wahrscheinlich sogar ein starkes. Das

sprach für die Klinik. Andererseits wüsste die Polizei sofort, wen sie da

vor sich hätte. Ich entschied mich für die Klinik. Da würde sie sicherlich

auch jemand erkennen. Und was sollte ich mit dem Entführer machen?

Ich wusste ja noch gar nicht, ob es ein Mann, eine Frau oder auch

mehrere waren. Ich durchdrang die geschlossene Tür, um nachzusehen.

Sobald meine Teilchenwolke auf der anderen Türseite austrat, konnte ich

den dahinterliegenden Treppenaufgang und einen kleinen dicken Mann

mit strähnigem Haar in schmuddelig weißer, ausgeleierter Feinripp-

Unterwäsche vor der Tür sehen, während der Rest von mir noch den

Kellerraum mit dem Kind erblickte.

Schon wieder hatte ich einen neuen Aspekt meiner Gabe entdeckt. Es

genügte für die Wahrnehmung ein winziger Teil von mir. Einen Moment

nahm ich mir, um darüber nachzudenken. Die Situation änderte sich ja

zwischenzeitig nicht. Wenn ich gleichzeitig zwei Räume überblicken

konnte, während sich ein Teil von mir zwischen der Materie der Tür

befand, dann müsste ich doch auch in dickeres Material eindringen und

mich darin verstecken können. Ich könnte einen winzigen Teil von mir an

der Oberfläche herausschauen lassen, zum Beispiel aus einer Wand,

meinen Zeittakt ändern und unsichtbar am Geschehen teilhaben. Dann

hätte Stefan damit recht, dass ich ein perfekter Spion sein könnte. Ich

nahm mir vor, das bald auszuprobieren.

Während dieser Gedanken hatte ich den Mann weiter studiert. Er

hatte einen gehetzten Gesichtsausdruck. Seine kurzen dicken Finger

hatten den Schlüssel im Schloss ergriffen. Da ich im Direktsprung

herkam, hatte er natürlich den Knall gehört und wollte nun nachsehen,

was da los war. Eine Waffe trug er nicht bei sich. So könnte ich ihn also

ziemlich gefahrlos der Polizei übergeben.

Okay, ich hatte genug gesehen. Ich erinnerte mich kurz an meine

Garage, damit ich unverzüglich springen könnte, und rematerialisierte

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direkt neben Marie-Claire. Ich berührte ihren Arm. Sie zuckte zurück.

Ich griff schnell nach und hielt den Arm fest. ›Hmmm‹, klang es dumpf

und ängstlich durch die Binde vor ihrem Mund. Gleichzeitig mit dem

Aufspringen der Kellertür sprang ich und fand mich augenblicklich mit

Marie-Claire in meiner Garage. Mein Griff an ihrem Arm war fest. Fast

schon hing sie an mir. Ich zögerte nicht einen Moment. Noch bevor sie

schreien konnte, was aufgrund des nun fehlenden Tuches möglich

gewesen wäre, hatte ich sie schon in einen Linearsprung mitgenommen.

Der Zwischenschritt über die Garage vereinfachte mir die Orientierung,

weil ich nicht wusste, wo ich das Mädchen überhaupt abgeholt hatte.

Nun setzte ich sie lautlos in der Notaufnahme der Charité auf einer

Trage ab und verschwand ebenso lautlos und unbemerkt, wie ich gekommen

war. Man würde sie sicherlich in wenigen Sekunden finden,

spätestens, wenn sie schrie.

Ich wartete es nicht ab, denn ich wollte dem Entführer keine Zeit zum

Handeln schenken. Linear sprang ich aus der Stadt heraus bis in einen

Wald bei Henningsdorf. So vermied ich einen neuerlichen Knall in

meiner Garage, wenn ich jetzt in den Keller des Grauens zurückspringen

würde. Und das tat ich sofort. Die Visage des perversen Verbrechers hatte

sich bei mir eingebrannt.

Als ich ankam, sah ich ihn rückwärts straucheln. Ich war dicht vor ihm

angekommen und hatte ihn dadurch aus dem Gleichgewicht gebracht.

Ohne zu zögern setzte ich nach, packte sein fleischiges Handgelenk und

schon hatte er verloren. Eine echte Chance hatte er nicht gehabt. Im

Zustand des ruhenden Linearsprunges überlegte ich einen Moment und

grinste dann diabolisch. Also, im Geiste jedenfalls tat ich es. Der Kerl

hatte es verdient, einmal die Angst des Eingesperrtseins in einem kalten,

feuchten und dunklen Raum zu erleben. Fesseln musste ich ihn dafür

nicht. Der Bunker in der alten Kaserne war ausbruchssicher.

Diesmal nahm ich mir aber die Zeit, ihn eine Weile zu beobachten.

Ich setzte ihn ab und gab ihm einen kleinen Schubs, der ihn, sowieso

schon durch den Schwindel unsicher auf den Beinen, zu Boden fallen

ließ. Er fluchte wie ein betrunkener Seemann. Ich ging wieder in die

relative Nichtstofflichkeit eines Linearsprunges und nun hatte ich

Gelegenheit, meine Beobachtung von vorhin zu testen. Ich sickerte in die

dicke Bunkerwand hinein, bis ich am Rand bündig mit der Wand

abschloss. Die Perspektive, die sich mir bot, war exakt die Gleiche, wie sie

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sich in einer offenen Tür stehend dargeboten hätte, nur, dass ich nicht

den Kopf drehen musste, um den ganzen Raum überblicken zu können.

Nachdem ich meinen Zeittakt angepasst hatte, konnte ich den Mann

beobachten, wie er vorsichtig mit ausgestreckten, hin und her wischenden

Armen vorantapsend sein Gefängnis ertastete. Dabei wurde er

langsam weinerlich, worüber ich mich ganz ehrlich in diesem Moment

freute. Heute schäme ich mich jedoch für meine damalige Freude am

Leid dieses Mannes. Man darf nicht mit den Gefühlen anderer Menschen

spielen – nicht einmal bei solchen Menschen. Damals aber war ich noch

jung und nicht immer so bedacht wie heute und ich wundere mich

manchmal wirklich, dass ich nicht völlig maßlos und größenwahnsinnig

geworden bin. Diese Fähigkeiten verliehen mir so viel Macht, dass ich

faktisch unbesiegbar war, wenn ich keine Fehler machte und nicht

leichtsinnig wäre.«

»In diese Richtung hatte ich auch schon mehrmals gedacht«, fiel

Majok Frank ins Wort. »Wäre es nicht viel realistischer, wenn du dich mit

weniger Charakterstärke beschreiben würdest?«

»Ich verstehe. Dein Beschluss, mir zu glauben, ist nicht sehr beständig.«

Frank atmete kurz durch, tippte dann seinen Com an und sagte:

»James.«

Majok rutschte unbehaglich auf der Sitzfläche des Clubsessels herum

und schaute betreten drein. Jetzt habe ich Frank beleidigt und er wird

mich nach Hause schicken. Das geschieht mir recht! Wieso habe ich

mich nicht im Griff und mache einfach meinen Job?

Sonst war Majok nicht so hitzköpfig. Jedenfalls konnte er es immer

kontrollieren und war zumindest nach außen diplomatisch.

»Ja Sir?«, klang James Stimme aus dem Armband-Kommunikator.

»Sind Sie noch im Haus?«

»Ja Sir. Was kann ich für Sie tun?«

»Würden Sie bitte kurz zu mir kommen? Es wird auch nicht lange

dauern.«

»Sir?«, sagte James, der bereits das Herrenzimmer betrat.

Bitte bringe Herrn Wintherberg zur Tür. Diese Worte würden jetzt aus

Franks Mund erklingen, dessen war sich Majok sicher. Aber zu seinem

Erstaunen geschah etwas völlig Unerwartetes. Frank zog das Amulett aus

seinem Seidenhemd und strippte die Platinkette umständlich über den

Kopf. Er reichte sie James und bat ihn: »Wären Sie so nett, mit diesem

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Amulett ein paar Minuten das Haus zu verlassen und sich fünfzig Schritte

die Straße entlang zu entfernen? Es dürfen auch sechzig Schritte sein.«

»Aber Sir! Sie trennen sich doch niemals von dem Amulett! Sind Sie

sicher?«

»Ja James, nur dieses eine Mal muss es sein. Würden Sie das bitte tun?

Ich melde mich in wenigen Minuten und rufe Sie wieder zurück.«

»Wie Sie wünschen, Sir.« Andächtig trug James die Kette mit dem

auffälligen Anhänger davon.

»James«, rief Frank hinterher.

»Ja Sir?«

»Bitte stecken Sie es ein. Es muss ja niemand sehen.«

»Natürlich, Sir. Ich melde mich, wenn ich draußen bin.« Lautlos

schloss er die Tür hinter sich.

»Also? Wohin?«

»Das ist nicht dein Ernst. Du willst mich verunsichern.«

»Genau das Gegenteil. Ich will es dir versichern. Das Ganze hier ist

doch sonst für uns beide nur eine einzige Tortur. Du wirst es sowieso

niemandem erzählen, weil es dir niemand glauben würde.«

Darin irrte Frank gewaltig und dieser Irrtum würde ihn schon bald in

akute Lebensgefahr bringen. Wie konnte er auch damit rechnen, dass

sich Majok ausgerechnet an seinen Erzfeind wenden würde?

»Wohin?«, fragte er deshalb nichts ahnend. »Und bitte nicht gleich

hier um die Ecke!«

»Das meinst du jetzt wirklich ernst?«

»Darauf kannst du wetten. Ich habe es zwar lange nicht gemacht und

werde mich einen Moment konzentrieren müssen, aber das ist kein

Problem. Wohin?«

Ein Signalton unterbrach sie. Anruf James, kam es aus dem Com.

»Annehmen.«

»Sir, ich bin jetzt hundert Schritte gegangen.«

»Danke James. Ich melde mich in wenigen Minuten.« Er tippte den

Com an und unterbrach die Verbindung. »So – kann es losgehen? Gib mir

deine Hand und nenne das Ziel.«

Schweiß trat auf Majoks Stirn. Er lockerte seine Krawatte.

»Das kannst du dir sparen. Du hast gleich keinen Schlips mehr an.«

Majok gab jetzt ein Bild des Elends ab. Innerhalb kürzester Zeit zeigte

sein Hemd große Schweißflecken.

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»Du hast Schiss! Aber jetzt musst du da durch. Du wolltest einen Beweis,

und jetzt bekommst du ihn.« Frank ergriff bestimmt Majoks Hand und

zog ihn aus dem Sessel. »Sag jetzt ein Ziel, sonst suche ich eins aus. James

will nicht ewig im Nieselregen stehen.«

Mit belegter Stimme sagte Majok endlich: »Du hattest den Uluru

erwähnt …«

»Gute Wahl. Wie bestellt, so geliefert.« Frank schloss die Augen und

spürte das Zittern von Majoks feuchter Hand. Der stöhnte leicht vor

Anspannung und der Händedruck wurde fester. Majok hatte jetzt auch

die Augen geschlossen. Regelrecht zugekniffen hatte er sie und er zitterte

wie Espenlaub. Plötzlich wurde ihm schwindelig. Er wusste, was das

bedeutete. Ein sehr warmer Luftschwall umspülte seinen Körper, so, als

hätte er eine Bio-Sauna betreten. Grillen zirpten. Es roch ein wenig nach

Heu. Er konnte das Geruchsspektrum nicht eindeutig zuordnen. Der

Boden unter seinen Füßen stichelte.

»Du zerdrückst meine Hand«, sagte Frank neben ihm. »Willst du

nicht mal nachsehen, wo wir sind?«

Vorsichtig, zum einen wegen der Helligkeit, öffnete er die Augen.

Hauptsächlich zögerte er aber deshalb, weil er befürchtete, dass er beim

Anblick der Wahrheit in Ohnmacht fallen könnte. Vor ihm, in respektabler

Entfernung, sah er den heiligen Berg der Aborigines, von der Sonne

rot gefärbt, wie auf einer Postkarte.

»Ich konnte nicht näher ran, weil es dort vor Touristen wimmelt. Und

die andere Seite ist nicht so bekannt. Ich hoffe, es geht auch so.«

Majok sagte nichts. Er stand nur da mit offenem Mund und hielt noch

immer Franks Hand fest. Plötzlich blickte er Frank und sich an und ließ

ihn schnell los. Er konnte doch nicht nackt Händchenhalten mit einem

Mann! Wieso war Frank eigentlich nicht nackt? Er trug noch immer sein

Hemd und leichte Shorts. Egal. Er war sich jetzt nicht mehr so sicher, ob

er nicht doch lieber Körperkontakt halten sollte.

Frank las in seinem Gesicht wie in einem offenen Buch. »Keine Angst,

ich verschwinde nicht ohne dich.«

»Ist das wirklich echt?«, kam es ganz leise über Majoks Lippen.

»Sollen wir noch kurz oben rauf springen? Da war eben niemand.«

Majok sah ihn einfach nur an, unfähig zu sprechen. Da berührte ihn

Frank einfach mit einem Finger und sprang auf den imposanten Monolithen.

Der Ausblick war grandios.

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»Wie konntest du das nur freiwillig aufgeben?«, fragte Majok nach einer

Weile tonlos.

»Im Moment frage ich mich das auch.« Frank lächelte. »Aber lass uns

das zu Hause besprechen, bitte. Ich kann James da nicht so lange stehen

lassen.«

Wiederum wortlos reichte ihm Majok die Hand und Frank sprang ins

Herrenzimmer zurück. Noch ehe er sich wieder vollständig bekleidete,

erlöste er James mit einem Anruf. Majok band sich gerade noch die

Schuhe, als James das Amulett zurückbrachte.

»Danke James, Sie sind ein Engel. Jetzt brauche ich Sie aber wirklich

nicht mehr.«

»Ist auch alles in Ordnung? Herr Wintherberg wirkt, mit Verlaub

gesagt, etwas … hm … abwesend. Und Sie erscheinen mir auch sehr nachdenklich.«

»Sehr aufmerksam, James. Ich bin wirklich glücklich, mit Ihnen einen

so fürsorglichen guten Geist an meiner Seite zu haben. Aber es ist alles in

Ordnung. Sie können entspannt Ihre Backgammon-Runde genießen.«

»Ich weiß, dass Sie das auch sagen würden, wenn es nicht so wäre. Ich

werde sofort kommen, wenn Sie mich brauchen.«

»Das weiß ich. Danke James.«

»Sehr gerne.« Damit drehte er sich um und verließ das Zimmer.

Frank setzte sich in seinen Sessel zurück, während Majok vor dem

Fenster stand und scheinbar interessiert das technisch aufgehübschte

Treiben auf der Straße beobachtete. Tatsächlich nahm er es gar nicht

wahr. Er brauchte jetzt etwas Zeit, das Erlebte zu verarbeiten. Eine

Sinnestäuschung war ausgeschlossen. Also war Frank wirklich und

unwiderruflich ein Teleporter. Damit stand für ihn auch fest, dass alles,

was Frank ihm bisher erzählt hatte und noch erzählen würde, ebenfalls

der Wahrheit entsprach. Diese Erkenntnis war so ungeheuerlich, dass er

nicht damit umzugehen wusste. Er befand sich in einem Raum mit einem

Mann, der schon fast 200 Jahre gelebt hatte. Er konnte sich und andere an

jeden Ort der Welt teleportieren, noch dazu auf zwei verschiedene Arten.

Er konnte sich in fester Materie aufhalten und von dort beobachten,

sogar bei absoluter Dunkelheit und so allumfassend, dass ihm nichts

entgehen konnte. Und er konnte sogar den Tod überlisten, wie er sagte.

Hieß das, dass er ewig leben konnte? In früheren Zeiten hätte man ihn

sicher als Gott verehrt.

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Frank ließ Majok die Zeit, die er brauchte, bis er wieder einen klaren Kopf

bekam und so viel Selbstvertrauen zurück erlangt hatte, dass er sich zu

ihm umdrehen und in seine Augen schauen konnte. In den wenigen

Minuten hatte sich Majok verändert. Frank sah keine Spur von Arroganz

mehr in seinen Gesichtszügen. Er wirkte jetzt wie jemand, der unvermittelt

in die Zukunft versetzt worden war und nun erst die vielen

Neuerungen in der Welt entdecken musste. Die Gewissheit musste ihn

tief erschüttert und verunsichert haben.

Ein paarmal holte Majok tief Luft zum Sprechen, schien dann aber

nicht die passenden Worte zu finden und atmete wieder aus.

»Du musst jetzt gar nichts dazu sagen«, half ihm Frank aus der

Klemme. »Du musst dich auch nicht entschuldigen, dass du mir nicht

geglaubt hast. Niemand hätte das einfach so geglaubt. Ich hatte gedacht,

ich könnte den Beweis bis zum Schluss aufsparen, aber das war dumm

von mir. Ich hätte es wissen müssen. Also setz dich einfach hin und

entspann dich.«

»Hast du mal ’n Schnaps? Ich könnt jetzt einen vertragen.«

»Klar doch. Ich hab einen guten Scotch da. Oder vielleicht lieber einen

Klaren?«

»Einen Klaren, bitte. Einen doppelten.«

Frank holte die Flasche aus dem Sekretär-Kühlschrank und brachte

sie, zusammen mit einem Glas, mit an den Tisch. »Zum Wohle«, sagte er,

nachdem er Majok das gefüllte Glas hingeschoben hatte. Majok kippte

den Inhalt mit einer schnellen Bewegung hinunter und stellte es zurück.

Nur ganz kurz hatte er das Gesicht verzogen. Ungefragt füllte Frank nach

und Majok ließ auch dieses die Kehle hinunter laufen. Frank stellte die

Flasche zu dem leeren Glas. »Du kannst dich bedienen. Ich fülle dich

nicht ab, das musst du schon selbst tun.« Er zwinkerte Majok zu.

»Danke. Das wird wohl erst mal ausreichen. – Du hast mich ganz

schön geschockt.«

»Sorry. Ging wohl nicht anders …«

»Stimmt. Als du anfingst zu erzählen, du würdest den Tod

austricksen, war es zu viel für mich. Was meintest du damit?«

»In einer Notsituation habe ich einmal etwas riskiert – dabei wusste

ich in dem Moment nicht mal sicher, dass es ein Risiko war – und habe

dabei meinen Körper verloren. Will sagen, mein Geist hat sich vom

Körper getrennt und konnte sich nicht mehr damit vereinen. Ich lebte als

134


einer Geist weiter, während mein Körper in einer Art halbstofflichem

Zustand verblieb und nicht alterte. Er war in dieser Form auch nicht

angreifbar, ähnlich dem Zustand, wenn ich mich im Linearsprung

befinde. Als ich mich nach Jahren durch reinen Zufall wieder mit

meinem Körper vereinigt hatte, war dieser Körper noch so jung, wie an

dem Tag, als ich ihn verloren hatte. Diesen Vorgang kann ich heute

gezielt steuern und ich habe das auch schon ein weiteres Mal getan, für

einen langen Zeitraum. So könnte ich so lange leben, wie ich möchte,

und irgendwann wieder meinen Körper nutzen, der auch nach tausend

Jahren noch nicht gealtert sein würde.«

»Wow. Aber das kann auch ganz schön langweilig werden …«

»Stimmt …« Einen Moment hing jeder seinen Gedanken nach.

»Dein Körper … er entspricht aber in etwa deinem Alter …«

»Du meinst, er entspricht dem, was du für mein Alter hältst.«

»Okay, okay, lassen wir das. Ich bin heute schon erschöpft genug. Aber

wieso um alles in der Welt verzichtest du darauf, diese Fähigkeit zu

nutzen? Das fiele mir im Traum nicht ein. Ich würde ständig die ganze

Welt bereisen. Offensichtlich hast du ja sogar eine Möglichkeit gefunden,

Kleidung anzubehalten. Etwas unvollständig zwar, aber immerhin.«

»Weißt du, Majok, es hat immer alles zwei Seiten. Ich kann diese Gabe

nicht einfach ausschließlich für mein Privatvergnügen nutzen. Sicherlich

gibt es Menschen, die das könnten. Ich gehöre nicht dazu. Wenn ich

jemanden in Not weiß, den ich ganz einfach retten könnte, dann tu ich es

auch. Es sind immer Menschen in Not, denen niemand so schnell helfen

kann wie ich, bei Tag und bei Nacht und weltweit. Wenn es erst einmal

organisiert ist, dass ich davon erfahre – und es war bestens organisiert –

wie kann ich mich dann reinen Gewissens zurücklehnen und sagen, nö,

ich hab jetzt mal keine Lust oder was anderes vor? Ich kann das nicht. Ich

kann mich nur ganz oder gar nicht einbringen. Von einem normalen

Leben kann dann nicht mehr die Rede sein. Ich habe mich aufgeopfert

und mein Familienleben vernachlässigt. Sandra hatte immer Verständnis

dafür, aber ich weiß, dass sie viel dafür gegeben hätte, mich mehr für sich

zu haben. Ich wollte auch einmal ein normales Leben führen. Ich weiß

nicht, ob das Außenstehende verstehen können. Ich habe dieses andere

Leben ja schon geführt und ich habe auch alle damit verbundenen

Komplikationen kennengelernt. Abgesehen von Neid, Missgunst und

dergleichen war ich einerseits gefürchtet und andererseits begehrt. Die

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Mächtigen der Welt wollten mich auf ihrer Seite wissen. Mit mir wäre

ihre Macht ultimativ. Ich musste auf der Hut sein, mich nicht instrumentalisieren

zu lassen. Wessen Brot man isst, dessen Lied man singt,

durfte nie zu meinem Credo werden. Ich hab das hinbekommen, aber

einfach war es nicht. Glaub mir, das Leben ist einfacher, wenn man nicht

so weit aus der Masse herausragt.«

»Gut, das mag schon stimmen. Aber darauf verzichten …?«

»Du wirst das sicherlich besser verstehen, wenn du die ganze

Geschichte kennst.«

»Dann lass mal hören. Erzähl mir den Rest.«

»Ha, du bringst mich zum Lachen. Wenn du den Rest hören willst,

ohne zwischendurch nach Hause zu gehen, dann zeige ich dir nachher

das Gästezimmer. Oder wir müssten beide größere Mengen Aufputschmittel

nehmen, damit wir ein paar Tage ohne Schlaf auskommen.«

Majoks Kinnlade hing herunter. Warum dachte Frank plötzlich an

einen Orang-Utan? Frank lächelte. Majok wurde sogleich klar, wie wenig

vorteilhaft er sich gerade gegeben hatte, und ärgerte sich über diesen

Schnitzer, wo er doch so viel Wert auf korrektes Äußeres legte. »Oh«,

machte er. »Ich hatte nicht so viel Zeit eingeplant. Aber Senator von der

Kothe versetzt mich ständig. So habe ich mehr Zeit zur Verfügung, als

mir unter anderen Umständen lieb wäre. Sonst käme ich zeitlich in

Bedrängnis.«

»Du hast gedacht, was soll der Typ schon Besonderes erlebt haben.

Stimmt’s?«

»Du hast mich entlarvt. Nimm es mir nicht übel, aber du bist völlig

unbekannt. Unbekannt habe ich immer mit uninteressant übersetzt. Ein

Vorurteil und nicht unbedingt zutreffend, wie ich gerade feststellen

musste. Verzeih mir bitte.«

»Kein Problem«, winkte Frank gönnerhaft ab. »Irgendwelche Vorurteile

hat jeder, auch wenn er sich noch so bemüht, sich davon freizumachen.«

»Welches sind deine Vorurteile?«

»Politiker!«, kam es so prompt aus Franks Mund, als wäre diese Frage

dem Protokoll nach jetzt an der Reihe. Franks Augenbrauen hatten sich

über der Nasenwurzel zusammengezogen und bildeten fast eine durchgehende

Linie. »Politiker sind immer nur auf ihren Vorteil bedacht, nicht

auf das Wohl des Volkes, so, wie eine Katze nur auf das Futter aus ist, dass

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sie von ihrem Menschen haben will. Wahrscheinlich beides nur Vorurteile,

von denen ich mich bisher nicht wirklich lösen konnte. Von Katzen

habe ich nicht so viel Ahnung, sodass ich einräume, mich irren zu

können. Bei den Politikern sieht das schon etwas anders aus. Da ist mein

Vorurteil ziemlich gefestigt, obwohl es auch da wahrscheinlich vereinzelt

Ausnahmen geben wird.«

»Hast du eigene Erfahrungen mit Politikern gemacht?«

»Ja.« Franks Blick fixierte einen imaginären Punkt in weiter Ferne.

»Das Schlimmste, wozu mich ein Politiker je drängen wollte, war

ironischerweise allein für das Volk gedacht, ohne dass er dafür Ruhm

hätte ernten können. Auch meine langjährige Zusammenarbeit mit dem

Innenministerium war wirklich zum Wohle des Volkes. Ob er sich auch

so eingesetzt hätte, wenn er dafür keine Lorbeeren abbekommen hätte,

darf aber bezweifelt werden. Dennoch war es eine gute Sache. Allgemein

aber sehe ich Politiker so, dass es ihnen in erster Linie um Macht, Ruhm

und Reichtum geht.«

»Um Reichtum ging es dir aber auch …«

»Die Gewinne? Da hast du mich … Ja, warum tat ich das? Ich hatte

darüber nicht nachgedacht. Ich habe mir die richtigen Zahlen verschafft,

einfach, weil ich es konnte. War es Betrug? Wäre es Betrug, wenn man

eine Gabe hätte, die einen in die Zukunft sehen ließe und man sich so die

richtigen Gewinnzahlen verschaffen würde? Ich habe es so ähnlich

gemacht. Natürlich geht die Lottogesellschaft davon aus, dass niemand

die Zahlen im Voraus kennt, aber ich glaube, das steht nicht in den

Teilnahmebedingungen.« Franks lausbübisches Grinsen war so breit,

dass sich seine Mundwinkel tief in die Wangen schoben und der Schalk

strahlte aus seinen Augen.

»Das verspricht ja, noch sehr interessant zu werden. Du willst mir

wohl nicht zufällig verraten, wie man an die Zahlen kommen kann?«

Nun war es an Majok zu grinsen.

»Doch, aber es wird dir nichts nützen.«

»Erzählst du es trotzdem?«

»Wenn es an der Reihe ist, okay?«

»Okay. Dann erzähl mal weiter, damit ich bald zu meinen Millionen

komme. Wie ging es nun weiter, nachdem du das Kind gerettet hast?«

»Ja, wo waren wir noch …? Ich hatte Marie-Claire da raus geholt und

ihren Peiniger in den Bunker gesperrt. Dann sprang ich in die Garage, zog

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meine bereitliegende Notfallkleidung an und rannte zur Telefonzelle an

der Kreuzung drei Blocks weiter. Kennst du eigentlich noch Telefonzellen?«

»Nur vom Hörensagen und von alten Bildern.«

»Es gab damals auch nur noch wenige. Sie hatten einen Notrufhebel.

Man musste kein Geld einwerfen und brauchte nur den Hebel zur Seite

zu drücken, dann meldete sich die Notrufzentrale. Ich meldete, dass der

Entführer von Marie-Claire in besagtem Bunker gefangen sei. Natürlich

wollten sie meinen Namen wissen und woher ich das wüsste und wer ihn

denn da eingesperrt hätte, doch ich legte einfach auf. Nachher würde ich

noch mal zur Kaserne springen und mich überzeugen, dass sie den Typ

auch aus dem Bunker holen, sonst hätte ich ihn am Ende noch auf dem

Gewissen.

Langsam schlenderte ich wieder zurück und gerade, als ich wieder

etwas entspannter war, fuhr mir der Schreck in die Glieder. Die

Badewanne! Das Wasser lief ja noch! Ich begann zu rennen, bis mir

einfiel, da war doch noch was … Schnell hüpfte ich hinter das Gebüsch

zwischen Gehsteig und Wohnblock und sprang von dort in meine

Wohnung. Natürlich im Linearsprung, damit es nicht knallte. Da sah ich

auch schon die Bescherung. Die Wanne war übergelaufen, aber es war

gerade noch mal gut gegangen, das Wasser war noch nicht aus dem Bad

gelaufen. Schnell drehte ich das Wasser ab, warf einen Putzlappen und

das schon bereitgelegte Badetuch auf den Boden und nahm damit nach

und nach das Wasser auf. Dann zog ich schnell die Sachen an, die noch

auf und vor dem Sofa lagen von meinem Sprung zu Marie-Claire, und lief

noch mal zurück in Richtung Telefonzelle. Ich musste ja noch meine

Sachen holen.

Schon von Weitem sah ich das Polizeiauto, das durch die

angrenzenden Straßen patrouillierte. Die suchten den Anrufer! Ich ließ

mich lieber nicht sehen und ging erst mal in die Garage. Von dort sprang

ich zur Kaserne und stellte fest, dass auf dem Waldweg bereits zwei

Polizeiautos zur Kaserne unterwegs waren. Hatten die einen Schlüssel für

das Tor? Ich beschloss, auf jeden Fall später noch einmal zu kontrollieren,

ob der Mann auch wirklich nicht mehr im Bunker ist.

Dann sprang ich zur Garage zurück, und da ich die Garage eigentlich

nur für Direktsprünge benutzte, sprang ich versehentlich auf diese Art.

Das wäre ja weiter nicht schlimm, hätte nicht mittlerweile ein Polizeiauto

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ei den Garagen gestanden. Als ich das Tor von innen hochschob, kam

ein Polizist auf mich zu, der gerade die Reihe der Garagen abgeschritten

hatte. Sein Kollege saß im Auto.

Was ich denn da drinnen gemacht hätte, fragte mich der Beamte. Ich

sagte, ich hätte nur mal geschaut, ob hier alles in Ordnung sei, weil ich so

einen lauten Knall gehört hätte. Innerlich war ich mächtig stolz auf

meine so spontane und gute Ausrede. Auf seine Bitte ließ ich ihn in die

Garage schauen. Er fragte noch nach meinen Personalien und wann ich

denn den Knall gehört hätte. ›Vor ein paar Minuten‹, war meine Antwort,

›und eben gerade noch einmal, als ich schon in der Garage war.‹ Dann

wollte er noch wissen, warum ich denn überhaupt draußen gewesen

wäre. Mit der Frage hatte ich nicht gerechnet. Also sagte ich einfach, ich

wollte mir mal die Beine vertreten. Damit war er zufrieden und ließ mich

gehen.

Nun konnte ich nicht gleich nach Hause gehen, weil ich mir ja die

Beine vertreten musste, wenn ich glaubwürdig sein wollte. Es passte mir

gar nicht in den Kram, dass die mich nun doch gesehen hatten. Sie

könnten mich mit dem Anruf in Verbindung bringen. Der Gurker hatte

sowieso schon ein Auge auf mich geworfen und da es nun das Mädchen

und den Mann gab, beide nackt, kam ich ihm bestimmt wieder in den

Sinn. Wenn die auch noch aussagten, dass sie plötzlich ganz woanders

waren, und die Streifenpolizisten von explosionsartigen Geräuschen

berichteten, dann stünde er wieder vor meiner Tür.

Während meines Zwangsspaziergangs zog ich Resümee. Zu Hause war

meine Wanne übergelaufen, das Badewasser kalt geworden, ich lief hier

ziellos herum und Sandra hatte ich auch noch nicht angerufen. Ich hatte

nicht geahnt, wie kompliziert so ein Heldenleben sein kann.«

»Trotzdem würde ich das auch gerne können«, warf Majok ein. »Ich

wäre auf der ganzen Welt zu Hause.«

»Ich war ja auch glücklich, dass ich es konnte. Trotz des noch

ungelösten Kleidungsproblems war ich im Laufe der Woche wieder

stundenweise zum Kurzurlaub in den warmen Regionen unseres wunderbaren

Planeten. Palmen, Sandstrände, glasklares Wasser, Delfine … Ach,

wie schön das Leben doch war. Oft war ich auch mit Stefan unterwegs.

Lieber hätte ich natürlich Sandra mitgenommen oder auch beide. Aber

wenigstens hatte ich an diesem Sonntag wieder ein Date mit ihr. Wir

wollten in den Zoo. Alleine wäre ich da eher nicht hingegangen, aber mit

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Sandra zusammen freute ich mich schon darauf. Zuvor aber gab es noch

ein ganz übles Erlebnis, welches mich längere Zeit belasten sollte.

Als ich am Freitag in den Postkasten sah, war ein Brief ohne Absender

drin. Ich öffnete ihn gleich im Treppenhaus und erstarrte. Ich musste

mich auf die Treppe setzen, weil das Blut aus mir wich und mir schwindelig

wurde.

An den nackten Engel, stand da als Überschrift.

Ich weiß zwar nicht genau, wie du das machst, aber ich weiß, dass du

der Typ bist, der den Mann aus dem Auto geholt hat. Ich hab dich

beobachtet, weiß, wie du heißt, wo du wohnst, wo du arbeitest und ich

hab schon bei deiner Freundin Kaffee getrunken. Ist ’ne süße Maus …

Ich musste einen Brechreiz niederkämpfen.

Ich hab den Eindruck, du willst das gerne geheim halten. Damit das so

bleibt, erwarte ich ein Schweigegeld in Höhe von 100000 Euro. Ich geb’

dir eine Woche Zeit, das Geld aufzutreiben. Ich glaub, du hast da gewisse

Möglichkeiten, das hinzubekommen. Also sag mir nicht, du könntest die

Kohle nicht auftreiben.

Ich erwarte deinen Anruf auf folgender Nummer.

Es folgte eine Handynummer.

Die Nummer ist anonym und kann nicht zugeordnet werden. Wenn

du die Polizei einschaltest, gibt es Ärger. Da fällt mir dann schon was ein.

Aber das wirst du nicht tun, denn du willst ja anonym bleiben.

RUF AN!

Meine Welt war zusammengebrochen. Ich konnte keinen klaren

Gedanken fassen. Wie konnte jemand über mich Bescheid wissen? Es

konnte nur Halbwissen sein, sonst wüsste die Person, dass ich kein Geld

besorgen konnte. Ich war sehr froh darüber, dass Stefan nicht infrage

kam, denn er hätte das gewusst. Ob er mit jemandem darüber geredet

hatte? Vielleicht war der Druck so groß gewesen, dass er sich jemandem

anvertrauen musste. Ich rief ihn an. Natürlich versicherte er mir, dass er

schweigen würde wie ein Grab. Ich kam mir auch total mies vor bei dem

Telefonat, weil ich damit ja seine Zuverlässigkeit in Zweifel stellte. Stefan

bot mir sogar an, mir Geld zu leihen, soviel er entbehren konnte.

Am schlimmsten war aber, dass Sandra in Gefahr war, wenn ich nicht

zahlte. Dabei wusste sie noch nicht einmal Bescheid. Ich war ganz krank

bei dem Gedanken und beschloss, ab sofort so viel Zeit wie möglich mit

140


ihr zu verbringen, damit ich sie wenigstens in dieser Zeit schützen

könnte.

Dann rief ich den Erpresser an. Ich sagte ihm, dass ich kein Geld

besorgen und nur Lebewesen mitnehmen könne, nicht einmal Kleidung.

Er brüllte eine Weile herum und stieß Drohungen aus. Dann meinte er,

ich soll einen Kredit aufnehmen. Ich sagte, ich hätte keine Sicherheiten

und kenne niemanden, der für mich bürgen würde. Wenn er sich informiert

hätte, wüsste er ja, dass ich als Waise aufgewachsen bin. Nach einer

Weile fragte er, wie viel ich hätte. Ich bot ihm zehntausend an. Er brüllte

wieder herum und fragte, ob er meine Freundin noch mal besuchen

sollte. Da fasste ich allen Mut zusammen und sagte, wenn er ihr was

antäte, würde ich ihn finden und dann könnte er mir niemals mehr

entkommen. Ich würde ihn nackt auf dem Gipfel des Mount Everest

aussetzen und wieder abholen, bevor er tot wäre. Wenn er sich erholt

hätte, würde ich es wiederholen, bis er mich anflehen würde, ihn auf dem

Berg zu lassen. Danach war er still und dann legte er einfach auf. Das war

schlimm für mich. Nun wusste ich nicht, was er tun würde.

Eine halbe Stunde später rief er zurück und akzeptierte die zehntausend.

Ich sollte das Geld besorgen und mich morgen um fünfzehn Uhr

bereithalten.

Zehntausend Euro zu verlieren, würde mir wehtun. Ich hatte immer

viel gespart und besaß derzeit 16000. Ich hoffte, den Mann bei der

Übergabe überlisten zu können. Ich müsste nur sein Gesicht sehen oder

ihn berühren können, dann hätte er keine Chance gegen mich, aber es

kam anders. Er hatte sich das schlau ausgedacht. Das Geld sollte ich in

eine Plastiktüte tun und alleine zur S-Bahn-Station Köllnische Heide

kommen. Ob ich alleine käme, würde überwacht. Dort sollte ich um 15:12

Uhr mit der Linie 46 Richtung Westend fahren. Er würde sich melden,

wenn ich aussteigen muss. Das war raffiniert. Ich musste mich beeilen,

um den Zug zu bekommen und konnte so schnell niemanden mehr dort

hinschicken, um ebenfalls mit einzusteigen. Ich war also auf mich allein

gestellt. Ich sah mich dauernd um, konnte aber nicht erkennen, ob mich

einer der Passanten beobachtete. Ich stieg also ein und kurz vor dem

Westkreuz wurde ich angewiesen, dort in die Linie 75 Richtung Wartenberg

umzusteigen. Bald kam wieder ein Anruf, dass ich bei Tiergarten

aussteigen sollte. Auf der rechten Straßenseite der Straße des 17. Juni

sollte ich in Richtung Siegessäule gehen. Da stünde gleich eine Bank mit

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einem Abfalleimer daneben. Dort sollte ich die Tüte mit dem Geld

reinwerfen und auf dem Bürgersteig weitergehen bis zur Goldelse, ohne

zurückzusehen. Wenn ich den Kopf nur einmal wenden würde, bliebe

das Geld im Eimer und die Übergabe wäre gescheitert. Dann hätte ich die

Konsequenzen zu tragen.

Ich fragte, welche Sicherheit ich hätte, dass er nicht doppelt

abkassieren und meine Identität an eine Zeitung verkaufen würde. Er

sagte, ich solle nicht rumzicken, sonst wäre genau das sein nächster

Schritt. Dann legte er auf.

Schweren Herzens und mit dem beunruhigenden Gefühl, eigentlich

nichts geregelt zu haben, deponierte ich das Geld in dem Mülleimer und

ging weiter. Solange ich auch überlegte, fiel mir trotz meiner

Möglichkeiten nichts ein, wie ich ihn schnappen könnte. Das Problem

war der richtige Zeitpunkt. Ich wusste nicht, wann er an den Abfallkorb

gehen würde. Schaute ich zu früh, ginge er nicht hin. Schaute ich zu spät,

wäre er schon dort gewesen. Da half auch kein Linearsprung im falschen

Moment. Ich würde nicht wissen können, wer die fragliche Person ist, die

mich erpresste, wenn ich ihn nicht direkt bei der Entnahme stellen

würde. Natürlich könnte ich ihm während eines Sprunges auflauern, aber

dann käme er gar nicht erst, weil ich vom Bürgersteig verschwunden

wäre, was er bei der exakt geraden Straßenführung auf große Entfernung

feststellen könnte. Also ging ich brav weiter, bis ich tatsächlich am

Kreisel mit der Siegessäule stand und mein Geld war futsch.

Ich ging dann den ganzen Weg zurück und schaute in den Abfalleimer,

doch die Tüte mit dem Geld war weg. Das einzig Positive war, dass

er sich auf die Zehntausend Euro eingelassen hatte. Wahrscheinlich hatte

ich ihn mit meiner Drohung doch wenigstens verunsichert. Vielleicht

hätte ich auch gar nicht zahlen müssen? Wenn er dann aber Sandra etwas

angetan hätte … ich hätte mit dieser Schuld nicht leben können. Jetzt

hatte ich wenigstens noch ein paar Tausend übrig und konnte nur hoffen,

von dem Erpresser nie wieder etwas zu hören. Diese Hoffnung erfüllte

sich aber leider nicht und am Ende wurde ich des Mordes an ihm

verdächtigt. Bis dahin war aber noch etwas Zeit.«

»Das ist ja eine üble Geschichte«, sagte Majok. »Und er wollte später

noch mal Geld?«

»Genau so. Hätte ich mir ja denken können. Was einmal klappt, geht

auch noch einmal, dachte er wohl. Nur wusste er nicht, dass ich da schon

142


ganz andere Kontakte hatte und er ermittelt werden konnte. Doch noch

vor seiner Festnahme war er tot und die Umstände seines Todes deuteten

darauf hin, dass ich ihn per Teleportation getötet haben könnte. Das

führte zu einigem Misstrauen. Aber lass mich der Reihe nach

erzählen ...«

143


Seide

Frank schloss wieder die Augen und ließ die Bilder seiner Erinnerungen

entstehen. »Ich hatte ja schon erwähnt, dass ich mit Sandra für einen

Zoobesuch verabredet war. Diesem Date mit ihr verdanke ich gewissermaßen,

dass ich sehr bald sprungtaugliche Kleidung hatte. Vielleicht

hätte ich mir sonst niemals ein so schönes Seidenhemd gekauft, mit dem

ich vor Sandra buchstäblich glänzen wollte. Es war aus echter

Maulbeerseide mit raffiniert glänzenden Farbeffekten und nicht ganz

billig. Es war ein Glücksfall, dass ich es schon vor dem Erpresserbrief

gekauft hatte, sonst hätte mir wahrscheinlich nicht der Sinn danach

gestanden. Zu dem Hemd trug ich meine einzige schwarze Stoffhose und

die schwarzen Schuhe, die ich extra hervorkramen und polieren musste,

weil ich sonst immer nur Sportschuhe trug. Eine besonders elegante

Jacke besaß ich nicht, aber meine legere Freizeitjacke passte optisch ganz

gut dazu. Ich wollte ja auch nicht übers Ziel hinausschießen und wie ein

Lackaffe aussehen.

Obwohl Sandra ein Auto hatte – einen knallroten Polo – hatten wir

uns auf die Anfahrt mit der U-Bahn geeinigt, denn die hielt auch direkt

beim Zoo, was uns von der Parkplatzsuche befreite. Am Eingang zur U-

Bahn-Station vor dem Zoo wollten wir zusammentreffen.

Dann passiert es. Ich hatte keine Zeit zum Nachdenken. Kurz vor

meiner Abfahrtstation, die ich mit dem Fahrrad ansteuerte, rollte ein

knallbunter Ball vom Gehweg über den Radweg auf die stark befahrene

Straße. Das Kind, dem der Ball entglitten war, riss sich von der Mutterhand

los und rannte dem Ball hinterher. Schon hatte es den Radweg

überquert und betrat die Straße, wenige Meter vor einem sich schnell

nähernden weißen Kleintransporter eines Kurierdienstes. Die Mutter

schrie verzweifelt nach dem Jungen, ließ den Buggy los und rannte

hinterher. Ich handelte ohne nachzudenken. Vom fahrenden Rad sprang

ich zu dem Kind. Meine Zeit stand still. Der kleine Junge schwebte vor

mir mit vorgestreckten Armen. Im letzten Moment, bevor ich sprang, war

er gestolpert und würde nach Ablauf einer Sekunde auf dem Asphalt

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landen, direkt vor dem Sprinter. Ich sah in das schmale Gesicht des fast

noch jugendlichen Fahrers. Seine Augen waren weit aufgerissen, der

Mund halb offen, aber der Fuß war noch nicht auf der Bremse. Im

Standbild der Szene müsste ich sonst eine beginnende Bremsspur ausmachen

können. Der junge Mann mit dem Piercing an der Unterlippe

befand sich noch im Einfluss der Schrecksekunde. Bis die vorüber wäre,

hätte er höchstens noch drei Meter Strecke zum Bremsen übrig, wenn

überhaupt. Das wäre schief gegangen. Doch auch für mich war das kein

Kinderspiel. In dem Moment, in dem ich rematerialisieren würde, käme

das Fahrzeug rasend schnell auf den Jungen und mich zugerast. Ich hatte

nur einen Versuch, und der durfte nicht länger als eine Sekunde dauern.

Ich sah das verzweifelte Gesicht der jungen Frau, die ihren Sohn

verloren sah. Nie werde ich dieses Gesicht vergessen. Ich bringe ihn, hätte

ich ihr gerne zugerufen. Ich durfte das hier auf gar keinen Fall verkacken,

und wenn ich selbst unters Auto käme!«

Frank wischte verstohlen eine Träne weg, die im Begriff war, über das

untere Lied zu quellen.

»Okay, irgendwann musste ich mich ja mal trauen. Ich konzentrierte

mich auf die bevorstehende Aktion. Auftauchen, direkt vor der Fallrichtung

des Jungen. Nicht sanft, sondern ganz schnell, wenn es auch dabei

knallen würde. Beide Hände des Jungen greifen, wenn möglich, damit er

nicht stürzen würde, und sofort wieder springen, auch, wenn ich durch

den Schwung des Kindes straucheln würde. Dabei nicht nach dem

Transporter schauen! Gut, dann mal los.

Der Junge stürzte mir entgegen, schneller, als ich gedacht hatte. Mit

meiner Rechten erwischte ich seine kleine linke Hand. Seine Rechte kam

viel schneller runter. Ich verpasste sie. Die Hand klatschte auf meinen

Oberschenkel und seine Stirn rammte voll in meinen Schoß. Mir blieb

die Luft weg. Ich krümmte mich vor Schmerz. Ein radierendes Geräusch

kam auf mich zu. Die Schrecksekunde des Fahrers war vorbei und er

stand auf der Bremse. Springen! Springen! Springen! Im allerletzten

Moment löste ich mich mit dem Jungen auf. Der Stoßfänger des Sprinters

befand sich direkt an meiner Teilchenwolke, als die Wahrnehmung im

Sprung einsetzte. Das war knapp! Und dumm war es. Wieso war ich nicht

bei der ersten Berührung mit dem Jungen einfach wieder gesprungen?

Ich wollte es perfekt machen und hätte uns beinahe beide getötet.

Ich sah das entsetzte Gesicht des Fahrers, der sich in der Gewissheit

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sah, ein Kind überfahren zu haben, sah die erschreckten Gesichter der

Passanten, die zumeist erst durch die Vollbremsung aufmerksam geworden

waren, und natürlich sah ich das Gesicht der Mutter, eingefroren in

dem Moment, als das Auto ihren Jungen erfassen würde. Es war zu einer

unmenschlichen Fratze geworden. Ihre Fäuste waren in ihr Haar gekrallt.

Ihr lautloser ohnmächtiger Schmerzensschrei hing in der Luft.«

Jetzt konnte Frank seine Tränen nicht mehr verstecken.

»Weißt du, Majok, heute sehe ich Sandra dort stehen und Melissa war

im gleichen Alter wie der Junge. Deshalb geht es mir so sehr nahe.« Frank

griff zur Ablage unter dem Tisch herunter, wo er vorsorglich eine Box mit

Papiertüchern deponiert hatte. Warum sollte er auch so tun, als hätte er

keine Gefühle? Sein Leben war voller emotionaler Momente gewesen und

er musste sich seiner Tränen nicht schämen.

»Frank, was war denn passiert?«, fragte Majok einfühlsam. Er hatte

erst überlegt, ob er in dieser Situation besser schweigen sollte, sich dann

aber dagegen entschieden. Schweigen kann zwar Mitgefühl und Rücksichtnahme

ausdrücken, aber auch Desinteresse.

»Sandra und Melissa, sie haben … sie wurde …«

»Oh mein Gott. Melissa wurde überfahren?«

Frank angelte sich ein weiteres Kleenex, was für Majok als Antwort

genügte.

»Das tut mir aufrichtig leid.« Automatisch ging Majoks Blick zu dem

Porträt von Melissa über dem Sekretär. »Aber sie hat es zumindest überlebt«,

schlussfolgerte er. Ein schwacher Aufmunterungsversuch, das war

Majok klar. Aber doch besser als gar nichts.

»Nein. Hat sie nicht.«

Franks Worte trafen Majok wie Peitschenhiebe. »Hat sie nicht? Aber

das Bild … Sie ist eine erwachsene Frau …«

»Ja Majok.« Franks Stimme klang etwas verheult. »Ihr Tod setzte

einen entscheidenden Meilenstein in meinem Leben. Wäre das nicht

passiert, wäre ich wahrscheinlich noch immer Magnus Soter, der Teleporter,

weltbekannt und unentbehrlich. So aber …« Frank schüttelte sich

mit einem Seufzer. »So nahm das Schicksal seinen Lauf, oder besser

gesagt, ich nahm das Schicksal selbst in die Hand. Und so sitze ich heute

hier und an der Wand hängt ein Porträt meiner Tochter. Sie ist jetzt 45

Jahre alt.«

»Aber …«

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»Wie das sein kann? Wie schon gesagt, ein anderes Leben … Du kommst

sicher selbst dahinter, noch bevor ich es dir erzähle.«

»Hm …«

»Lass mich die Sache mit dem Jungen weiter erzählen.« Frank lümmelte

sich quer in den bequemen Sessel und ließ die Beine über die

rechte Armlehne baumeln. »Ich rematerialisierte mit dem Kind direkt

hinter seiner Mutter. Gleichzeitig mit ihrem nun hörbar gewordenen

Schrei stöhnte ich auf und krümmte mich unwillkürlich zusammen.

Meine Hoden schmerzten fürchterlich. Der Junge hatte mir voll eine

verpasst. Schnell flüchtete ich wieder in den körperlosen und damit auch

schmerzfreien Zustand. Jetzt fielen mir mehrere Dinge zugleich auf. Vor

dem Jungen hing ein weißer seidig schimmernder Stofffetzen in der Luft,

mein Fahrrad war ein Stück ohne mich weitergefahren, meine Hose hing

links und rechts von Sattel herab, der Rest lag zwei Meter dahinter.

Allerdings sah ich nirgends mein nagelneues Seidenhemd.

Das mit dem Stoffteil verstand ich nicht. Ich war sanft rematerialisiert.

Ich konnte also keine nennenswerten Luftströmungen verursacht haben,

die so einen Textilfetzen aufflattern lassen könnten. Vorher war die Stelle

aber leer gewesen. Und wo mein Hemd hin war, verstand ich ebenso

wenig. Die Jacke war offen und mein Hemd nicht drinnen, was nicht sein

dürfte.

Ich lenkte meinen Sprung schräg vor mein Rad und … beinahe hätte

ich meine schmerzenden Weichteile vergessen. Ich bereitete mich

mental auf den Schmerz vor, der mich gleich wieder überfallen würde.

Trotzdem musste ich mein Rad abfangen und meine Sachen wieder

anziehen, und zwar möglichst schnell. Das Geschehen an der vermeintlichen

Unfallstelle würde die Passanten ablenken, aber sicher bliebe ich

nicht ganz unbemerkt. Doch was sollte ich machen? Ich konnte ja mein

Rad und meine Kleidung inklusive Portemonnaie nicht einfach liegen

lassen und nach Hause springen.

Ich rematerialisierte und konnte nicht verhindern, dass ich mich

krümmte. In dieser Haltung ergriff ich den Lenker und führte das Rad

schlingernd um mich herum, wo ich es zu Boden legte, was aber dann

doch fast ein Fallen war. Mehrere weiße Stofffetzen, die von meinem

Körper abglitten, hatten mich irritiert. Was war das jetzt wieder? Ich

ignorierte das zunächst und zog schnell die Hose vom Rad und die

Unterhose aus der Hose und setzte mich mit dem nackten Po auf den

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Radweg. Beide Hosenbeine gleichzeitig zog ich über die Füße und die

Beine hinauf und raffte sie hoch, bis ich auf die Füße konnte. Dann hieß

es Bauch einziehen und Hose über die Hüfte zwängen, ohne sie zu

öffnen. Danach setzte ich mich erneut auf den Boden und gönnte mir ein

paar Sekunden, in denen ich mich zusammenkauerte und den Schmerz

wegzuatmen versuchte. Okay, das musste reichen. Ich kam hoch, zog

meine Jacke über den nackten Oberkörper und raffte Schuhe, Socken und

Unterhose zusammen. Einer Eingebung folgend sammelte ich auch noch

die weißen Fetzen ein. Neben mir stoppten Autos. Aufgrund des Unfallgeschehens

bildete sich ein Stau. Ich musste jetzt schnell hier weg. Die

Sachen stopfte ich in die Satteltasche und fuhr barfüßig in die Richtung,

aus der ich zuvor gekommen war. Ich fuhr in den gezackten Pedalen

stehend, was tierisch an den Füßen schmerzte, aber auf dem Sattel sitzen

schmerzte auch nicht weniger. Bald bog ich zu einem beliebigen Wohnblock

ab, weg von der Straße, wo ich mich auf eine Bank setzte und

Socken und Schuhe anzog. Mit den Absätzen auf der vorderen Kante und

den Armen um die Knie blieb ich ein paar Minuten so sitzen, bis der

restliche Schmerz verflogen war und ich mich endlich wieder entspannen

konnte.

Jetzt sah ich mir diese Stoffteile an. Es hatte sich bereits eine

Vermutung in meinem Kopf etabliert, die es zu überprüfen galt. Nacheinander

nahm ich die Teile und hielt sie ausgebreitet hoch. Das erste Teil

etwa 60 Zentimeter lang und 40 Zentimeter breit. Eine Schmalseite war

gerade, die andere wies einen geschwungenen Bogen auf. Ich legte die

beiden Längsseiten aneinander und voilà, lag ein Hemdsärmel auf

meinem Schoß. Alle Teile zusammen ergaben ein ganzes Hemd. Nur ein

Vorderteil fehlte. Das musste das Teil sein, welches mir bei dem Jungen

aufgefallen war. Es konnte nur so sein, dass es sich um das vermisste

Seidenhemd handelte. Der feine weiße Stoff jedenfalls schien aus Seide

zu sein. Aber wo war die Farbe geblieben? Wieso hatte ich das Hemd

überhaupt mitnehmen können und warum war es nicht mehr in einem

Stück? Die Knöpfe waren auch nicht mehr dran und Fäden von den

Nähten suchte ich vergeblich. Ich hielt nur noch die reine Seide in den

Händen. Ob es am Material lag, dass ich es mitnehmen konnte?

Um es kurz zu machen, es lag am Material. Ich testete das noch am

gleichen Tag zu Hause umfassend aus. Ich kann Seide genau so

mitnehmen wie Lebewesen, aber nur echte Seide des Maulbeerspinners.

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Dass fehlende Teil musste beim Sprung wohl keinen Kontakt zu meiner

Haut gehabt haben. Das Nahtmaterial war nicht aus echter Seide gewesen.

Deshalb war das Hemd zerfallen. Die Fäden und die Knöpfe waren

auf der Straße zurückgeblieben und selbst die Farbe des Stoffes war nicht

mitgekommen. So wurde weiße Seidenkleidung zu meinem Markenzeichen.«

»Deshalb hattest du bei dem Sprung vorhin dein Hemd und deine

Shorts an. Beide sind aus Seide?!«

»Genau. Eine Gewohnheit, die ich beibehalten habe.«

»Genial. Da konntest du dann also auch bekleidet springen.«

»Ja. Aber das Geniale kommt erst noch. Ich kann auch Gegenstände

mitnehmen, die in Seide eingeschlagen sind. Je nach Dichte des Gewebes

muss es mehrlagig verpackt sein, dann kann ich alles mitnehmen, was

man in Seide einpacken kann. Ich habe es sogar mit meinem laufenden

Laptop ausprobiert. Kein Problem.«

»Da hättest du jetzt aber wirklich ein Reiseunternehmen gründen

können. Die Reisenden mitsamt ihres Gepäcks in einen Container

gesteckt, der mit Seide verkleidet ist, und los geht’s. Oder ist das zu

groß?«

»Keineswegs. Nur, wie sollte ich das den Reisenden erklären, wenn ich

nicht als Teleporter enttarnt werden wollte? Nein, das ging so nicht. Es ist

aber lustig, dass du auf so eine Idee kommst, denn ich hatte bald

tatsächlich kurz daran gedacht. Ich müsste irgendwo abgelegen ankommen

und ein Taxi für die Reisenden bestellen. Ich dachte auch daran, mit

einem eingepackten Auto zu springen und die Gäste selbst zum Hotel

fahren. Ich weiß noch, wie ich darüber lachen musste, was mir so alles

durch den Kopf ging. Nein, das war nur Blödelei.

Aber ich gründete ein anderes Unternehmen. Ich startete mit einer

Privat-Detektei mit Spezialisierung auf Personensuchdienst. Das konnte

ich anbieten, ohne mich outen zu müssen. Allerdings machte ich das

nicht lange, weil ich bald voll und ganz mit Rettungsdiensten vereinnahmt

war. Ich komme schon bald darauf zurück. Erst einmal war ich ja

vor dem Zoo verabredet, was sich aufgrund der Umstände etwas verzögert

hatte. Sandra hatte ich angerufen und gesagt, ich hätte einen Platten und

käme etwas später. Ich konnte ja schlecht ohne Hemd zum Date erscheinen.

Wir machten uns einen schönen Nachmittag, und weil es so

schön war, verabredeten wir uns noch für den Abend bei mir.

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Ich war schon ganz aufgeregt und wollte vorher noch etwas Ordnung

machen. Etwas stand in diesem Fall praktisch für das Aufräumen der

ganzen Wohnung, Staub wischen, Teppichboden saugen und das

Geschirr vom Frühstück abwaschen. Während ich durch die Wohnung

wirbelte, die ja zum Glück nicht sehr groß war … also … das muss ich

noch mal relativieren. Jetzt, da ich sauber machen musste, war sie zum

Glück nicht groß. Sonst aber hätte ich sie gerne etwas größer gehabt.

Während ich also wirbelte, fielen mir wieder so verschiedene Dinge

ein, die mich heute bewegt hatten. Ich erwähnte ja gerade erst, dass ich

die Sache mit dem Seidenstoff testete. Das tat ich jetzt zwischendurch,

weil es mir unter den Nägeln brannte – Zeit hin, Zeit her. Dazu benutzte

ich das Rückenteil des Hemdes und wickelte probeweise auch Gegenstände

damit ein. Einen Kaffeelöffel hatte ich auf diese Weise regelrecht

zerspant, weil ich ihn nur auf den Stoff gelegt und diesen wie einen

Beutel zusammengerafft hatte. Die feinen Poren zwischen dem Gewebe

hatten das bewerkstelligt. Dreilagig aber ging es, wie schon gesagt. Zur

Sicherheit entschied ich mich aber fortan für vier Lagen Stoff. Die

Ergebnisse der Tests machten mich total euphorisch! So euphorisch, dass

ich Sandras Besuch beinahe vergessen hätte. Ich musste mich jetzt

beeilen, dass ich mit dem Aufräumen und Saubermachen fertig würde

und duschen wollte ich auch noch.

Während ich abwusch, dachte ich an das Plakat im Eingang des Zoos.

Mir war es gar nicht aufgefallen, aber Sandra war davor stehen geblieben.

VERMISST stand da in großen Buchstaben. Eine ganze Reihe von

Kindern und Jugendlichen war abgebildet, die alle auf unbekannte Weise

verschwunden waren. Jedes Jahr würden 50000 Kinder und Jugendliche

als vermisst gemeldet, stand auf dem Plakat. Das hatte mich sehr

erschüttert. Ein vermisstes Kind hatte ich ja schon, oder besser gesagt,

erst, gerettet. Aber wie sollte ich 50000 Menschen finden und

gegebenenfalls retten können? Ich hatte nachgerechnet. Das wären mehr

als 130 jeden Tag! Wenn ich daran dachte, wie das bei dem ersten Kind

aus dem Ruder gelaufen war, wurde mir ganz anders. Mir wurde plötzlich

klar, dass ich die Welt wohl nicht nennenswert verbessern könnte. Es gab

so viel zu tun, das könnte ich niemals schaffen. Dabei war ich wahrscheinlich

der einzige Mensch auf der Welt, der diese Kinder ganz leicht

finden könnte. Und es gab ja noch so viele andere Situationen, bei denen

ich unvergleichbar effektiver helfen könnte als irgendjemand sonst.

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Ich fühlte auf einmal eine unglaubliche Last und Verantwortung auf mir

ruhen, die mich in eine depressive Stimmung versetzte. War meine

Fähigkeit in Wirklichkeit gar nicht Segen, sondern Fluch? Bei jedem

künftig geretteten Menschen würden meine Gedanken bei all denen sein,

für die ich keine Zeit hatte. Wie sollte ich damit leben können? Ich

machte hier so absolut nebensächliches Zeugs wie Geschirr abwaschen

und Staub saugen, während ich ganz leicht ein paar Menschen aus der

Hölle holen könnte. Ich fing hemmungslos an zu weinen und zu

schluchzen und ließ mich an Ort und Stelle einfach zu Boden gleiten.

Ich weiß, ich war eine ziemliche Heulsuse, nicht der harte Superheld,

der ich vielleicht hätte sein sollen. Genau genommen bin ich das heute

immer noch.

Irgendwann hatte ich jedenfalls lange genug im Selbstmitleid gebadet

und sah die ganze Sache etwas näher an der Praxis. Ich war nun mal keine

ganz Armee von Teleportern und konnte auch nicht zaubern, wenngleich

es manchmal den Anschein erweckte. Ich würde halt tun, was mir

möglich wäre und mir keine Vorwürfe machen, wenn ich nicht alles

Elend dieser Welt beseitigen könnte. Aber ich würde mir Vorwürfe

machen, wenn ich die Zeit unnütz verstreichen ließe. Ich musste

Prioritäten setzen, ohne jedoch selbst vor die Hunde zu gehen. Ein

vernünftiges Maß sollte es sein, damit ich auch noch etwas Privatleben

hätte.

Beim Gedanken an Privatleben fuhr ich wie elektrisiert hoch. Ich hatte

Sandra fast vergessen. Eine halbe Stunde blieb mir noch und ich hatte

noch nicht gesaugt und auch noch nicht geduscht und im Bad musste ich

danach noch etwas sauber machen. Frauen sind da ja etwas pingelig. Da

ich sowieso von meinen Testsprüngen noch nackt war und ich Sandra

keinesfalls stinkend empfangen wollte, duschte ich zuerst. Das war mir

am wichtigsten. Obwohl ich eigentlich gar nicht duschen müsste, dachte

ich währenddessen. Nach jedem Sprung war ich ja klinisch rein, da ich

nichts mitnehmen konnte, nicht einmal den Schweiß auf meiner Haut.

Aber man hat ja doch lieb gewonnene Gewohnheiten und außerdem ist

so eine Dusche erfrischend und wohltuend für die Psyche, und genau das

brauchte ich jetzt.

Kaum hatte ich fertig geduscht, da klingelte es auch schon an der Tür.

Zwanzig Minuten zu früh! Nun ja, wie es ist, so ist es jetzt halt. Ich

drückte den Türöffner, und während Sandra die Treppen hochstieg, zog

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ich mir schnell frische Klamotten an und raffte die noch herumliegenden

Sachen zusammen, die ich ins Schlafzimmer brachte. Schnell noch über

den Tisch gewischt und das Geschirrtuch aufgehängt, da klingelte es

oben an meiner Wohnungstür.

Ich begrüßte sie mit einem Küsschen auf die Wange und als sie sich

umschaute entschuldigte ich mich für die Unordnung. Sie meinte, es

wäre doch alles okay und meine Wohnung sei ganz nett. Ganz nett? Na

ja, sie war ja wirklich nicht mehr als ganz nett, wohlwollend betrachtet.

Insgeheim hatte ich mir aber eine bessere Beurteilung gewünscht.

Sandra setzte sich auf die Couch und zu meiner Freude nicht in die

Mitte, sondern nach rechts. Ich fasste das als Einladung auf, mich neben

sie zu setzen und ich glaube, so war es auch gemeint. Wir tranken ein

Gläschen Rotspon – ich polierte die Gläser schnell noch mal und stellte

mich ausnahmsweise beim Öffnen der Flasche nicht so ungeschickt an –

und da er Sandra sehr mundete, tranken wir gleich noch eines. Mit den

bereitgestellten Käsestangen hatte ich genau Sandras Geschmack getroffen.

Wir quatschten ein bisschen über dies und das, über die Arbeit, die

Urlaubsorte, die wir schon besucht hatten und wo wir gerne noch hin

wollten und kamen über die Tiere fremder Länder auf unseren Zoobesuch

vom Nachmittag zu sprechen. Sandra fing auf einmal an, von den

vermissten Kindern auf dem Plakat zu reden, was für ein Schock es für

die Eltern sein muss, wenn ihr Kind nicht mehr nach Hause kommt und

wie die Ungewissheit an ihren Nerven nagen musste. Ich erzählte ihr, wie

sehr mich das Thema heute schon beschäftigt hatte, natürlich, ohne über

Teleportation zu sprechen. Dabei merkte ich, wie das Thema erneut auf

meine Tränendrüsen drückte. Sie staunte, dass mich so etwas berührte.

Die meisten Kerle hätten doch nur Autos, Fußball, Computerspiele,

Saufen und Weiber im Kopf, statuierte sie.

›Da bin ich wohl kein meister Kerl‹, sagte ich grinsend, und wischte

mir schnell verstohlen die Augen trocken. Natürlich hatte sie es bemerkt.

›Sag mal, weinst du?‹, fragte sie in ihrer direkten Art. Sie schaute mich

an und ich wich ihr aus, denn meine Augen wurden wieder feucht.

›Och, du bist so zartbesaitet …‹, sagte sie so fürsorglich, wie eine

Mutter zu ihrem Sohn. Gleichzeitig umarmte sie mich.

Das ist mir jetzt aber peinlich‹, sagte ich verlegen.

›Nein, das muss es nicht‹, protestierte sie. Sie nahm mein Gesicht

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zwischen ihre Hände und küsste mir die Tränen weg. ›Dafür liebe ich

dich doch‹, sagte sie.

Jetzt küssten wir uns, erst nur so auf die Lippen, aber schon wurde ein

inniger Kuss daraus. Wir umarmten uns und küssten uns wieder und

wieder, wie zwei Süchtige, die auf Entzug waren und nun alles nachholen

wollten. Dann lagen wir uns in den Armen und streichelten uns zärtlich.

Sandra wischte die Reste meiner Tränen weg.

›Du bist so süß‹, sagt sie.

›Sandra, ich muss dir noch was sagen …‹, begann ich zu reden, doch

sie blockte mich ab. ›Nein, nicht jetzt. Lass uns den Abend nur genießen‹,

hauchte sie.«

Frank hob die Stimme: »Was für ein Glück! Ich hätte doch glatt diese

wunderbare Beziehung zerstört, bevor sie überhaupt richtig begonnen

hatte! Hätte ich tatsächlich von Teleportation erzählt? Ich kann noch

immer kaum glauben, wie dumm ich da war. Es wäre viel zu früh gewesen.

Sie wäre sicherlich aufgestanden und gegangen und das wäre es

dann gewesen. Aber sie hatte genau richtig reagiert und mir den Mund

verboten und ich würde noch feststellen, dass sie eigentlich immer das

Richtige tat. Und damit ich gar nicht auf die Idee käme, noch einmal

anzufangen, küsste sie mich leidenschaftlich. Sandras Hände rutschten

auf einmal unter den Saum meines Sweatshirts und von dort nach oben.

Wohlige Schauer durchliefen meinen Körper. Wie ich das vermisst hatte!

Meine Hände fuhren jetzt auch unter ihre Bluse und … öhm … das reicht

jetzt. Porno kostet extra.«

Majok grinste nur.

»Sandra blieb über Nacht und ging am Morgen gleich von mir aus zur

Arbeit. Ich kann dir sagen, dass wir beide sehr unausgeschlafen waren.«

Frank kniff ein Auge zu und Majok lächelte verstehend. »Ich selbst ging

aber nicht zur Arbeit. Ich rief an und meldete mich krank. Autos zu

reparieren, erschien mir jetzt so unwichtig. Es wäre verschwendete

Energie und Zeit. Meine Bestimmung war eine andere. Nur, wovon sollte

ich leben, wenn ich nicht mehr arbeiten ginge?

Ich vertagte diese Frage und beschloss, mich erst einmal um Kleidung

zu kümmern. Und ich musste meine Anonymität sicherstellen. Ich

dachte an die Superhelden aus Comic und Film. Eine Maske musste her.

Es würde wohl reichen, wenn die Augenpartie großzügig verdecken wäre.

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Alles musste aus Naturseide gefertigt sein. Mit der Maske fing ich jetzt

direkt an.

In meinem kleinen Kellerverschlag hatte ich allerhand Werkzeug und

mehr oder weniger nützliche Dinge. Nach kurzer Suche fand ich den

Kupferdraht, den ich aus einem fünfadrigen Starkstromkabel gezogen

hatte. Er mochte wohl zwei bis drei Millimeter stark sein und war stabil

genug, daraus das Grundgerüst für eine Maske zu formen. Dann nahm

ich noch den Saitenschneider und die Lötpistole und Zinn mit nach

oben. Solches Werkzeug besaß ich, weil ich es bisweilen für Arbeiten an

der Kfz-Elektronik brauchte.

Aus dem Draht bog ich den äußeren Rand der Maske zurecht und

verlötete die Enden sorgfältig so miteinander, dass keine Nase abstand,

die der empfindlichen Seide gefährlich werden könnte. Probewiese band

ich zwei Schlaufen an den Seiten fest, mit denen ich das Gestell hinter

den Ohren fixierte. Jetzt musste nur noch die Seide drüber, und zwar

mindestens dreifach, besser vierfach um den Draht herum, damit dieser

auch sicher den Sprung mitmachen würde. Für die Augen wollte ich ein

dünnes Seidentuch verwenden. Man kann da ja fast ungehindert hindurchsehen.

Nun brauchte ich Nähseide, und zwar echte. Ich fuhr in die Stadt und

ging zunächst zu dem Händler, bei dem ich kürzlich mein verunglücktes

Hemd gekauft hatte. Da gab es ein breites Angebot an Seidenkleidung.

Auf dem Weg zur Boutique La Rouge kam ich an einem Ständer mit

Tageszeitungen vorbei und kaufte eine Berliner Zeitung. Vielleicht stand

ja was drin von dem Jungen, den ich gestern von der Straße gerettet hatte.

Im Lokalteil wurde ich fündig:

Mysteriöse Rettung, lautete die Überschrift. Natürlich hatten sie den

Fall mit den anderen Ereignissen in Verbindung gebracht und wieder von

einem Engel geschrieben. Er sollte weiß gekleidet gewesen sein und sogar

Flügel wollte jemand gesehen haben. Vielleicht hätte ich mir ein Engelskostüm

anfertigen lassen sollen. Das wäre mal ein Spaß gewesen.« Die

beiden Männer lachten herzhaft.

»Wahrscheinlich hätte die Kirche enormen Zuwachs bekommen.«

Majok schlug sich lachend auf die Schenkel.

»Das tat ich natürlich nicht. Ich kaufte mehrere Shorts und Schlafanzüge.

Die Oberteile der Schlafanzüge hatten gegenüber Hemden den

Vorteil, dass sie wie üblich über den Kopf gezogen wurden und deshalb

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keine Knöpfe brauchten, die ich sonst wieder aufwendig hätte sichern

müssen. Und bessere lange Hosen als die Schlafanzughosen gab es nicht.

Seidenhosen würden sowieso immer irgendwie lappig herabhängen. Ich

entschied mich für die unmöglichsten Farben, die niemand kaufen wollte

und die deshalb am billigsten waren. Sie würden nach dem ersten Sprung

sowieso weiß sein.

Dann kaufte ich in einem Stoffladen, den mir der Verkäufer der

Boutique empfohlen hatte, reichlich Seide als Meterware. Soweit ich das

beurteilen konnte, war es gute, dicht gewebte Qualität. Und Nähgarn aus

Naturseide gab es auch. Auf der Toilette im Kaufhof testete ich meinen

Einkauf auf Sprungtauglichkeit, bevor ich zur Schneiderei ging. Dazu

wickelte ich einen kurzen Faden von der Rolle, riss ihn ab und sprang

damit. Beinahe wäre ich mit dem ganzen Garnröllchen gesprungen, was

wegen des Kunststoffkörpers dazu geführt hätte, dass ich die Seide lose

in der Hand gehabt hätte. Die Schlafanzüge und Shorts testete ich natürlich

nicht, weil sie dabei höchstwahrscheinlich das gleiche Schicksal

ereilt hätten wie mein Hemd.

Bevor ich die kleine Schneiderei betrat, setzte ich eine große schwarze

Sonnenbrille auf, wie sie dem Klischee nach Geheimagenten trugen.

Beim Öffnen der schäbigen Holztür, hinter deren Glaseinsatz ein vergilbtes

Häkelgardinchen hing, meldete mich ein furchtbar unmelodisch

schepperndes Klangspiel an. Daraufhin betrat die mutmaßlich muslimische

Näherin den Laden durch eine Hintertür. Sie trug ein

kleingeblümtes bläuliches Kopftuch und eine dunkel gemusterte

Kittelschürze. Meinen Gruß erwiderte sie nicht. Sie kam wortlos an den

durchgehenden Tresen und sah mich fragend aus kleinen runden Augen

an. Also legte ich die Kleidung neben der antiquierten Registrierkasse auf

die abgewetzte Theke und sagte, was ich wollte: ›Einmal bei allen

Kleidungsstücken alle Nähte nachnähen, bitte.‹

Sie schaute mich an, als hätte ich ihr ein unmoralisches Angebot

gemacht, nahm ein Oberteil hoch und zog es auseinander, dass die Nähte

spannten. »Naht stabil«, stellte sie lakonisch fest, und legte das Teil zu

den anderen zurück.

Ich holte meine Garnröllchen aus der Jackentasche und reichte sie ihr

über den Ladentisch. Mit Nachdruck erklärte ich, dass alle Nähte mit

dieser Naturseide genäht werden sollten, aber auch wirklich alle.

Sie schüttelt mitleidig den Kopf, stimmte dann aber doch zu. ›Ich

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machen, Sie zahlen‹, sagte sie und dachte dabei sicherlich an leicht

verdientes Geld. Aber ich wollte ja noch mehr von ihr. Die Bunde aller

Shorts mussten dreifach mit Seide umnäht werden, und zwar nicht mit

einer einzigen Naht durch alle drei Lagen, sondern einzeln nacheinander

mit drei nicht übereinanderliegenden Nähten, damit das Bundgummi die

Sprünge auch sicher mitmachen würde. Bei den Schlafanzügen war es

einfacher. Da ließ sich das Gummi rausziehen und durch ein Band aus

Seide ersetzen. Da musste ich dann halt immer eine Schleife binden,

damit die Hose nicht rutschte.

Schon während ich das alles erklärte, kniff sie den Mund spitz zusammen,

sodass die Lippen fächerartig von kleinen Falten umgeben waren,

und sah mich mit schräg gelegtem Kopf aus schmalen Augenschlitzen an.

›Wieso?‹, kam es zwischen ihren geschürzten Lippen heraus.

›Ich möchte es halt so‹, sagte ich. ›Ich mag Seide so sehr. Machen Sie

es?‹

›Sie Chef, Sie zahlen‹, sagte sie dermaßen mit den Augen rollend, dass

mir fast schwindelig wurde.

Ehe sie denken könnte, das sei es gewesen, äußerte ich meinen

nächsten Wunsch: Eine Tasche sollte es sein, mit rundem Boden, 50

Zentimeter Durchmesser, 70 Zentimeter hoch und ein Tragegurt an den

Seiten angenäht, aber nur bis 25 Zentimeter unter dem oberen Rand

festgenäht, damit die Tasche oben noch zusammengerafft und zugebunden

werden konnte.

Das ist Sack‹, sagte sie kurz und knapp.

Mit dieser Feststellung hatte sie recht. Es würde wie ein Seesack aus

Seide sein. Vier solcher Säcke bestellte ich, wobei nur einer einen

Tragegurt haben sollte, möglichst aus einem Stück genäht, mehrlagig für

die Stabilität, unter dem Boden durchlaufend und so lang, dass ich ihn

über die Schulter hängen könnte.

Sie schluckte auch diesen Wunsch mit verkniffenem Gesicht und

ihrem offensichtlich typischen Spruch, dass ich der Chef sei und zahlen

müsse. Dann fiel mir noch ein, dass es nicht schlecht wäre, wenn unter

dem oberen Rand Schlaufen dran wären, durch den ich ein Band ziehen

könnte, um die Säcke zu verschließen. Und die Bänder dafür brauchte ich

natürlich auch noch.

›Können überhaupt zahlen?‹, fragte sie zickig und rieb dabei Daumen

und Zeigefinger der rechten Hand gegeneinander.

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Ich zog mein Portemonnaie aus der Innentasche meiner Jacke und fragte,

bis wann sie denn fertig wäre.

›Eine Woche‹, sagte sie.

Eine Woche? Ich war total enttäuscht. Ich wollte wenigstens einen Teil

möglichst morgen schon.

›Frühstens Freitag‹, stellte sie in Aussicht und zeigte auf einen beachtlichen

Wäscheberg, den sie noch diese Woche erledigen musste. Ich

bot fünfzig Euro Bonus an, wenn sie es bis morgen macht. Sie verlangte

hundert. Das fand ich nun unverschämt. Letztlich handelte ich sie auf

achtzig runter. Sie hielt demonstrativ die Hand auf und ich zahlte die

fünfzig Vorschuss plus achtzig Bonus, nicht, ohne noch einmal darauf

hinzuweisen, dass sie es auch wirklich genau so machen müsse, wie ich es

sagte und dass ich den Rest nicht zahlen und alles mitnehmen würde,

wenn es nicht richtig gemacht wäre.

›Natürlich, wie Sie sagen‹, sagte sie. ›Sie Chef!‹

Der Spruch durfte nicht fehlen. Aber ein Abschiedsgruß war wohl zu

viel verlangt. Merkwürdige Person, dachte ich. Wahrscheinlich dachte sie

über mich nicht anders.

Jetzt suchte ich noch nach einem Seidentuch für die Maske. Erst im

fünften Geschäft fand ich Tücher aus echter Seide. Ich suchte eines aus,

welches fast so fein wie ein Gespinst war. Im Spiegel prüfte ich, wie gut

man mein Gesicht dahinter noch sehen konnte. Ich war sehr zufrieden.

Ich konnte mein Gesicht so gut wie gar nicht erkennen, sah aber völlig

ungehindert hindurch. So hatte ich mir das vorgestellt.

Wieder zu Hause, brauchte ich erst mal etwas Entspannung. Da Stefan

arbeitete, machte ich einen Kurzurlaub ohne ihn. Nach kurzer Recherche

im Internet fiel meine Wahl auf die unbewohnte Insel Santa Luzia,

die zu Kap Verde westlich von Afrika gehört. An der Südwestküste gibt es

einen endlosen Sandstrand und glasklares Wasser.

Da ich das Seidentuch noch testen musste, zog ich mich aus und band

es um meine Hüfte. Im Linearsprung schoss ich zunächst senkrecht in

die Höhe, durchstieß eine kleine Wolke, stieg immer höher und höher,

bis ich die Landmassen wie auf einem Satellitenbild überblicken konnte.

Das hatte ich zuvor noch nie gemacht. Ich war zutiefst ergriffen bei

diesem Anblick. Um mich herum sah ich den bläulich schimmernden

gebogenen Horizont und den Umriss des europäischen Kontinents, der

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sich im Westen unter einer Wolkendecke verlor. Die charakteristische

Stiefelform von Italien zeichnete sich ab und Spanien schien den

afrikanischen Kontinent zu berühren. Es war so fantastisch, dass ich im

Geiste weinte vor Freude. Während ich gemächlich weiter an Höhe

gewann, wurde die Krümmung des Horizonts immer stärker und das

Panorama immer weiter. Langsam glitt ich wie ein Astronaut in der

Raumstation ISS über die Erdkugel dahin. Ich sah den Mond aufgehen

und die Sonne untergehen, als ich die Nachtseite erreichte. Es war so

unglaublich schön.

Nach der Umrundung stieß ich so schnell herab, dass die Erde sich

regelrecht aufzublähen schien. Kap Verde flog auf mich zu. Die Insel

Santa Luzia mit ihrer kargen Vegetation erkannte ich anhand von Form

und Aussehen. Das schmale Band des Sandstrandes wurde schnell so

lang, dass ich es nicht mehr überblicken konnte. Mehrere kleine

Fischerboote lagen in der lang gestreckten Bucht. An einer Stelle, an der

sich niemand aufhielt, rematerialisierte ich direkt an der Wasserlinie.

Das warme Wasser griff plätschernd nach meinen Füßen. Ich war wie im

Rausch.«

Als Frank einen Moment schweigend in sich kehrte, hakte Majok noch

einmal nach: »Dann warst du also im All, wenn du die Erde so gesehen

hast?«

»Oh ja, ich war noch öfter im All. Besonders interessant finde ich den

Mars.«

»Den Mars?!«

»Ja. Es ist einfach großartig auf dem Mars, trotz, oder gerade wegen

der Eintönigkeit der rötlichen bis gelblichen Färbung. Was die

Bodenstruktur betrifft, so kann von Eintönigkeit aber gar nicht geredet

werden. Der Mars ist ein Planet der Superlativen. Ich blickte von mehr als

zwanzig Kilometer hohen, inaktiven Vulkanen herunter und in einen

einige Kilometer tiefen, nicht enden wollenden Canyon hinein. Der

Grand Canyon ist dagegen nur ein Kratzer in der Oberfläche. Ich war

auch an den Polen und sah die mächtigen Eiskappen, die ganz ähnlich

wie auf der Erde aussehen, aber nicht aus Wasser, sondern aus Kohlendioxid

bestehen. Es gibt lang gestreckte Bergketten und überall liegen

unterschiedlich große Gesteinsbrocken im Staub herum. Ich erlebte

Stürme, wie es sie auf der Erde niemals gab. Der Himmel über mir hatte

eine leicht orange-rötliche Färbung, aber es gab auch schleierartige, sehr

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dünne Wolken mit einer bläulichen Farbe. Ein fremdartiges und faszinierendes

Panorama.«

»Dann warst du der erste Mensch auf dem Mars.«

»Das kann man so nicht sagen. Ich war der erste Geist auf dem Mars.

Zumindest nehme ich das an. Leider konnte ich ihn ja nicht leibhaftig

betreten.«

»Ja, stimmt. Hattest du keine Angst, versehentlich zu rematerialisieren?«

»Doch, beim ersten Mal schon. Aber ich war zu der Zeit schon so

routiniert, dass diese Angst unbegründet war.«

»Oh Mann, ich bin so neidisch! Bin ich sonst nicht, aber ich möchte

das auch können.«

»Hm. Ich hätte gerne Sandra, Stefan und Rudi daran teilhaben lassen,

aber sie haben ja keine Wahrnehmungen während eines Sprunges.«

»Rudi …?«

»Kommissar Gurker. Er hieß Rudolf.«

»Hieß …?«

»Er war ja damals schon 56 gewesen. Er ist schon lange tot.«

»Noch ein Freund, den du überlebt hast. Diesbezüglich hattest du es

ja nicht gerade leicht.«

»Nein, gewiss nicht. Ganz gewiss nicht.«

Eine Weile herrschte Schweigen. Dann sagte Frank: »Wenn du magst,

erzähle ich noch eine kleine Anekdote zu dem Seidentuch. Dann möchte

ich gerne Schluss machen für heute. Die Erinnerungen wiederzugeben,

zehrt stärker an meiner Psyche, als ich gedacht hätte.«

»Das glaube ich dir. Ich wollte ja heute auch nicht so lange machen.

Und der Sprung nach Australien hat mir mehr zugesetzt, als man mir

ansieht. Deine Anekdote höre ich mir aber gerne noch an.«

»Gut. – Ich kam also auf der Insel an, legte mich auf den nassen Sand

an der Wasserlinie, ließ mich von den sanften Wellen streicheln und

verarbeitete meine Eindrücke von diesem fantastischen Sprung. Überlagert

wurden meine Gedanken von dem Gefühl, irgendetwas vergessen

zu haben. Dann fiel es mir auf einmal ein: Das Seidentuch war nicht da.

Das konnte nur bedeuten, dass es gar keine Naturseide war.

Als ich nach einer Stunde wieder zu Hause war, zog ich mich verärgert

an und fuhr noch einmal in die Stadt. Das Kärtchen, auf dem Reine

Naturseide stand, war noch dran. Ich konnte es problemlos umtauschen.

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Auf meine Behauptung, das sei gar keine Naturseide, ging die extrem

schlanke Verkäuferin nicht ein. Ich sollte mir einfach ein anderes

aussuchen. Also suchte ich ein geeignetes Tuch von einem anderen

Hersteller aus. Es war einfarbig hellbraun. Diesmal wollte ich es aber

gleich testen, bevor ich es kaufte. Ich nahm es mit in die Umkleidekabine.

Die blonde Dürre schaute mir verwundert nach, ließ mich aber

gewähren. Ich zog mich wieder zuerst aus und ging kurz in den Linearsprung.

Das Tuch war danach noch zwischen meinen Fingern. Na also,

warum nicht gleich so. Als ich aus der Kabine kam, stand die Verkäuferin

mit schräg gelegtem, übergroß wirkendem Kopf noch immer an der

gleichen Stelle und sah mich entgeistert an.

›Okay, ich nehme dieses‹, sagte ich.

Sie suchte einen Moment nach Worten und fragte dann: ›Haben Sie

es … anprobiert?‹ Ich blickte zurück zu den Umkleiden und bemerkte,

dass die Vorhänge nicht bis auf den Boden reichten. Deshalb konnte sie

gesehen haben, dass ich die Schuhe ausgezogen hatte. Ich log ihr vor,

dass mich nur etwas in den Schuhen gedrückt hätte.

›Aha‹, sagt sie mit einem merkwürdigen Unterton. ›War das Tuch

nicht braun?‹

›Braun?‹, tat ich verwundert und leugnete das. Als ich schon wieder

auf der Straße war, fiel mir ein, dass ich vor dem Sprung zwar die Schuhe,

nicht aber die Socken ausgezogen hatte. Die Verkäuferin hatte wahrscheinlich

gesehen, dass meine Füße für eine oder zwei Sekunden

verschwunden und dann nackt waren. Wahrscheinlich hatte sie das so

irritiert. Aber schlimm war das nicht. Sie hatte sich sicherlich nur mal in

den Augen gerieben, dann waren meine Füße schon wieder da gewesen.«

Frank sprach nicht weiter und setzte sich gerade.

»Okay, dann wollen wir jetzt Schluss machen«, schlug Majok vor. Er

stoppte die Tonaufzeichnungen und packte seinen Notizblock mit Stift

und das Diktiergerät in seine Aktentasche aus Schweinsleder. »Wann

wollen wir uns wieder treffen?«

»Wie passt es dir? Ich bin flexibel.«

»Morgen könnte ich eigentlich den ganzen Tag. Ich würde vorschlagen,

ab 9:30 Uhr, und Mittag außer Haus, damit wir uns mal die Beine

vertreten können. Du bist eingeladen.«

»Klingt gut! Dann machen wir es so.«

Majok bestellte ein Taxi, und ehe er sich versah, war es auch schon da.

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Wenn es in dieser Zeit etwas gab, was vorzüglich funktionierte, dann war

es der Straßenverkehr. Seit der private Individualverkehr weitestgehend

verboten war und die Fuhrparks der vier großen Taxiunternehmen vom

satellitengestützten Verkehrsleitsystem Mobility Monitoring and Control

Network, kurz MoMoCo, geleitet wurden, gehörte der Verkehrskollaps

der Vergangenheit an. Es gab keine Staus mehr, keine Drängler, fast keine

Unfälle und die Mobilität war insgesamt billiger, als mit einem privaten

Fahrzeug. Diese Autos fuhren ohne Fahrer und es gab weder ein Lenkrad

noch Pedale oder Spiegel, von den Schminkspiegeln einmal abgesehen.

Letztere waren ein Anachronismus. In fast allen Bereichen hatten

Monitore in Verbindung mit Kameras die Spiegel abgelöst, aber an den

kleinen Kosmetikspiegeln hatte man aus unerklärlichen Gründen

festgehalten. Für jede Situation konnte ein passendes Fahrzeug geordert

werden. Die Anzahl der Autos war dadurch auf ein Zehntel gesunken und

in den Städten gab es viel mehr Platz, weil fast keine Parkplätze mehr

benötigt wurden.

Frank war nun allein im Haus. Er nutzte die Gelegenheit, um in der Gruft

nach dem Rechten zu sehen. Er ging in den großen Keller der Villa,

vorbei am Heizungskeller, am Weinkeller und am Vorratslager bis zur

Stirnwand des langen Ganges. Dicht vor der Betonwand blieb er stehen

und betrachtete sie ganz genau von links nach rechts und wieder nach

links. Die zwei feinen Fugen, die vom Boden bis zur Decke liefen, waren

kaum auszumachen. Sie unterteilten die Wand in drei gleichgroße

Segmente.

Frank trat einen Schritt zurück, tippte seinen Com an und sagte mit

klarer Aussprache: »Bunker auf.«

»Das Passwort, bitte«, ertönte es von seinem Handgelenk.

»Magnus Soter«, antwortete Frank.

Plötzlich war ein kratzendes Geräusch zu hören. Das mittlere

Wandsegment glitt langsam nach hinten, die dünnen Fugen wurden zu

leuchtenden Spalten, die immer breiter wurden und dann glitt das Schott

mit seinen trapezförmigen Kanten wie eine Schiebetür hinter das rechte

Wandsegment und gestattete den Blick in den hell beleuchteten Schutzraum.

Die Grundfläche war nur etwa drei mal drei Meter groß, die

Einrichtung sehr spartanisch. Links und rechts stand je eine Pritsche und

dazwischen, an der Kopfwand, befand sich ein einfaches Blechregal. In

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der Mitte über der linken Pritsche war die Belüftungsanlage montiert,

deren Motor sich auch mit einer Handkurbel drehen ließ. Am Fußende

derselben Liege stand eine Campingtoilette. Damit war die Einrichtung

erschöpft. Dieser Schutzraum war sicherlich nur für kurze Aufenthalte

gedacht.

Frank trat ein und zog das leere Regal von der Wand in den Raum

hinein. Er drehte es zur Seite, sodass er daran vorbeigehen konnte. Nun

stand er vor dieser Wand und untersuchte sie sehr gründlich. Sie fühlte

sich kalt und glatt an, trotz der kleinkarierten gleichmäßigen Prägung

der Oberfläche. Mit ihrer matt grauen Farbe unterschied sie sich nicht

von den anderen Wänden.

Absolut nichts zu sehen, freute sich Frank. Meisterlich gemacht. Hab

ja auch genug dafür bezahlt.

Frank klopfte mit der Faust dagegen. Ebenso hätte er gegen ein

Bergmassiv schlagen können. Weder der Klang noch irgendwelche Fugen

ließen vermuten, dass sich auch diese Wand öffnen ließ, und dennoch

war es so.

Frank hatte den Schutzraum schon so gut versteckt installieren lassen,

dass er kaum zu finden war. Sollte ihn dennoch irgendwann in der

Zukunft jemand finden, so käme er sicherlich nicht auf die Idee, dass sich

darin eine weitere Tür öffnen ließe. Niemals sollte jemand diese Tür

öffnen können, denn was er dahinter finden würde, wäre Franks halbstofflicher

Körper, losgelöst von seinem Geist. Es war seine Gruft, wie er

den Raum nannte, in dem sein Körper die Zeit so lange überdauern sollte,

biss er sich eines Tages entschließen würde, noch einmal auf ihn zurückzugreifen,

und sei es nur, um zu sterben. Denn sterben konnte er ohne

seinen Körper niemals. Das nahm er zumindest an und es sprach einiges

dafür.

Wieder tippte er seinen Com an und sprach: »Sesam öffne dich.«

Nichts geschah. »Öffne dich, Sesam«, sagte Frank nun. Wieder geschah

nichts. Frank lächelte. Er hatte auch nicht damit gerechnet. Schließlich

hatte er die Anlage selbst entsprechend programmiert. Jetzt gab er den

dritten Befehl: »Sesam, wirst du dich wohl öffnen.« Damit hatte er die

Befehlsabfolge erfüllt. Wieder lächelte Frank.

Wenn das jemand heimlich beobachtet und mit anhört, muss er mich

für bescheuert halten. Aber es gab hier keine Zeugen.

Der Com forderte: »Identifizierung, bitte.«

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Frank drückte seinen rechten Zeigefinger auf das Display, bis der Com

verkündete: »Identifizierung positiv. Öffne Gruft.«

Frank nahm ein leises Summen wahr, kaum hörbar. Dann kam ein

saugendes Geräusch hinzu, welches gleich wieder verstummte. Wo zuvor

nichts zu sehen war, entstanden zwei Fugen in der Wand, aus denen das

Licht des dahinterliegenden Raumes schien. Wie zuvor bei dem Bunker-

Schott wurden die Spalten breiter, während das dicke Schott erst zurück

und dann nach rechts glitt. Eine Treppe mit zweiunddreißig Stufen

führte steil nach unten und endete vor einer dicht schließenden Feuerschutztür.

Dahinter lag ein schmaler, langer Gang, der nach links und

rechts wegführte und nur spärlich beleuchtet war. Das Gangende zur

Linken aber war hell erleuchtet. Dieser Teil des Ganges schien auf den

ersten Blick sinnlos zu sein, denn er endete einfach dort. Einzig ein

kleiner Haken an der Decke gab einen Hinweis darauf, dass er doch für

irgendetwas gedacht war. Zur Rechten mündete er in einen kleinen

Raum, der nicht größer als der Schutzraum war. Es gab keine Tür, mit der

man ihn verschließen könnte. In der Mitte der Gruft stand eine niedrige

Liege mit angebauten Apparaturen, deren Sinn einem Uneingeweihten

nicht gleich klar wurde. Von der Liege bis zum toten Ende des geraden

Ganges waren es dreiunddreißig Meter. Frank sah sich genau um, strich

mit der Hand über die Wände und tastete die Ecken am Boden nach

Feuchtigkeit ab. Alles war perfekt trocken, wie es sein sollte. Die Anlage

war noch neu, deshalb überprüfte Frank alles, damit er sich über Jahre,

vielleicht Jahrhunderte, darauf verlassen könnte. Aber er sorgte sich

umsonst. Die Gruft war in bestem Zustand.

Auch sein automatisches Wiederbelebungssystem war einsatzbereit.

Er würde es hoffentlich nicht brauchen, aber einmal schon hatte sein

Herz einen Impuls benötigt, damit es wieder zu schlagen begann,

nachdem er sich wieder mit seinem Körper vereinigt hatte. Ein anderes

Mal war es ohne gegangen. Frank hatte das Gerät mit hochwertiger

Elektronik bestücken lassen, damit es möglichst lange funktionsfähig

bliebe und seinen Dienst nach seiner Rückkehr automatisch aufnehmen

würde, falls sein Herz nicht schlagen wollte. Aber wie dem auch sei – er

käme wahrscheinlich doch nur zum Sterben wieder und dann bräuchte er

diesen Impuls gar nicht. So wäre es am einfachsten. Aber wenn er sich

anders entscheiden sollte … man konnte ja nie wissen … Ansonsten gab

es nur noch eine Sauerstoffflasche, die, ebenfalls durch ein automatisch-

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es System gesteuert, den Raum mit Sauerstoff fluten sollte, sobald er

wieder ein richtiger Mensch wäre.

Zufrieden mit dem Zustand der Gruft und den medizinischtechnischen

Geräten ging Frank nach oben und verschloss die Schotten

wieder. Lange sollte es nicht mehr dauern, bis er die Gruft seiner

Bestimmung übergeben würde. Er wartete nur noch auf die Fertigstellung

seines Vermächtnisses.

»Anstelle einer Begrüßung bekam ich nur ein schrilles ›Sie zu früh‹ zu

hören, als ich die Änderungsschneiderei am nächsten Nachmittag

betrat.«

Der Ghostwriter war wie abgemacht erschienen und Frank hatte

gerade zu erzählen begonnen.

»Ich sagte enttäuscht, es sei doch für heute abgemacht gewesen,

worauf sie lakonisch meinte: ›Heute nicht vorbei.‹

Alte Hexe, dachte ich bei mir. Laut fragte ich, wie lange es noch

dauern würde.

›Bis fertig‹, keifte sie.

Ich rollte mit den Augen wie ein Ventilator.

›Eine Stunde‹, schob sie nun nach.

Ich ging ohne Gruß. Darauf schien sie ja keinen Wert zu legen.

Ich bummelte solange ein bisschen durch die Läden, hielt Ausschau,

ob ich nicht doch noch irgendwo eine lange Seidenhose kaufen könnte,

trank einen Kaffee und ging langsam wieder zur Schneiderei.

›Fertig?‹, fragte ich gleich anstatt eines Grußes. Ich kann mich ja

anpassen.

›80 Euro‹, sagte sie nur.

In diesem Moment nahm ich mir vor, hier nichts mehr nähen zu

lassen. Bestimmt gab es irgendwo eine freundlichere Näherin oder ich

würde halt selbst nähen. Im Heim hatte ich das gelernt und es hatte mir

sogar Spaß gemacht.

Ich bestand darauf, erst einmal alles anzusehen und sie legte meine

Tüte auf den Tresen. Ich nahm alles raus und begutachtete jedes Teil

einzeln. Die Hexe hatte echt genau nach meinen Anweisungen gearbeitet.

Ich konnte optisch nicht erkennen, dass der Bund der Hosen jetzt

mehrlagig war, so sauber hatte sie die Nähte ausgeführt. Als ich einen

Bund zwischen Daumen und Zeigefinger rieb, bemerkte ich es aber. Ich

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kam nicht umhin, sie für ihre gute Arbeit zu loben. Ich strahlte richtig, je

mehr ich mir ansah. Ich versicherte mich noch einmal, ob sie auch

wirklich jede Naht und auch die Säcke mit meinem Garn genäht hätte.

›Sie Chef, ich machen. 80 Euro‹, sagte sie mit ihrer Hexenstimme und

hielt die Hand auf.

Ich sagte noch einmal, dass ich sehr zufrieden sei, und gab ihr das

Geld.

›Gut Arbeit – weitersagen‹, forderte sie mich auf, drehte sich um und

saß schon wieder an ihrer Nähmaschine.

Ich würde sie empfehlen, versicherte ich und verabschiedete mich. Sie

schaute nicht mal mehr auf. Ich war offensichtlich schon vergessen. Sie

war wirklich eine komische Schrulle, machte aber gute Arbeit und ich

hatte meinen Beschluss, ihr keine Aufträge mehr zu erteilen, schon

wieder revidiert.

Zu Hause nahm ich alles über den Arm und machte einen Sprung.

Meine Freude war groß, als alles noch heil war. Auch die Hosengummis

waren noch drinnen. Nur die Farbe war, wie erwartet, komplett weg. Alles

war einheitlich weiß.

Ich steckte die vier Säcke ineinander, den mit dem Tragegurt nach

außen, und packte nacheinander immer empfindlichere Gegenstände

hinein, mit denen ich einen Sprung ausführte und sie dann überprüfte.

Wie schon einmal erwähnt, gipfelte dieser Test im Transport meines

eingeschalteten Laptops. Es gab keinerlei Probleme.

Ab sofort konnte ich jeden beliebigen Gegenstand mitnehmen, sofern

er in den Sack passte. Und diese Möglichkeit nutzte ich jetzt sofort aus.

Ich zog eine der Shorts an und ein Oberteil. Mein Portemonnaie und

normale Kleidung packte ich in den Sack, der dafür eigentlich viel zu

groß war, und ging erst einmal richtig gut italienisch essen, und zwar in

Italien. Italien deshalb, weil ich Appetit auf Pizza hatte und dort in Euro

bezahlen konnte.

Ich sprang einfach drauf los nach Süditalien, wo es schön warm war.

In Palermo suchte ich ein nettes kleines Ristorante am Wasser, wo ich

auch gleich noch baden gehen wollte. Nach kurzer Suche fand ich das La

Mattanza am Piazza Bordonaro, oder so ähnlich. Der Name des Platzes

Stand an einem kleinen quadratischen Gebäude, nicht größer als ein

Gartenhäuschen mit Bäumen und Büschen dahinter, wo ich mich auch

gleich gut geschützt umziehen konnte.

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Die Pizza war wirklich großartig, wenngleich ich auch heute noch nicht

genau weiß, was da eigentlich alles drauf war. Das Wasser war allerdings

doch kälter, als ich erwartet hatte. Also zog ich mich auf der Toilette

wieder um und suchte mir einen wirklich warmen Strand an der Nordost-

Küste Brasiliens. Da gibt es Abschnitte, da kannst du tagelang am Strand

entlanggehen, ohne eine Menschenseele zu treffen.«

»Du verstehst es wirklich meisterlich, einen neidisch zu machen«,

sagte Majok mit gespielt eingeschnappter Mine.

»Na ja, man kann nicht Tag und Nacht nur Menschen retten. So in

etwa kam es nämlich später. Aber ich hatte es ja so gewollt und will mich

nicht beklagen. Ich hab es gern getan. Es war außerdem ein unglaublich

erhebendes Gefühl, der größte Retter der Welt zu sein, wenn auch nur

eine Handvoll Menschen meine Identität kannte. Das Gefühl, wahnsinnig

wichtig zu sein, war schon da. Dennoch wurde ich nie arrogant und

überheblich, worauf ich sehr stolz bin. Die meisten in meiner Situation

hätten sicherlich völlig abgehoben. Ich blieb doch immer am Boden. Da

kam mir vielleicht die Erziehung im Heim zugute, wer weiß. Dann wäre

das ja auch für was gut gewesen. Interessant – diesen Gedanken habe ich

zuvor nie gedacht.«

»Kann schon sein«, sagte Majok. »Das Umfeld prägt sehr. Aber einen

gewissen Grundcharakter kann man sicherlich nicht wegerziehen. Du

hast also vermutlich nie zur Überheblichkeit geneigt. – Wie ging es

weiter?«

Ende der Leseprobe

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