CERCLE DIPLOMATIQUE - issue 01/2016

firstclassmediagrafik

CD is an independent and impartial magazine and is the medium of communication between foreign representatives of international and UN-organisations based in Vienna and the Austrian political classes, business, culture and tourism. CD features up-to-date information about and for the diplomatic corps, international organisations, society, politics, business, tourism, fashion and culture. Furthermore CD introduces the new ambassadors in Austria and informs about designations, awards and top-events. Interviews with leading personalities, country reports from all over the world and the presentation of Austria as a host country complement the wide range oft he magazine.

SAVOIR VIVRE CHRONICLE

Kaiserjahre

The Emperor‘s reign

INFO

Die Sicht auf die historische Person Franz Joseph I. ist von zahlreichen Mythen und Klischees verstellt.

Das Jubiläumsjahr 2016 bietet Anlass für einen unvoreingenommenen Blick auf das Leben des

Langzeitkaisers, der Österreich-Ungarn 68 Jahre lang bis 1916 regierte.

Numerous myths and clichés have shaped people‘s view of the historical figure of Franz Joseph I.

2016 as the anniversary year provides the ideal opportunity to take an unbiased look at the life of this

long-standing emperor whose 68-year reign ended 100 years ago.

Text und Interview: Evelyn Rois & Bruno Stubenrauch

Franz Joseph I. auf Reisen in

Südfrankreich (nach 1894, Maria

Theresia von Braganza).

Franz Joseph I, while travelling in

the South of France (after 1894,

Maria Theresia von Braganza).

PHOTOS: ÖSTERREICHISCHE NATIONALBIBLIOTHEK, SCHLOSS SCHÖNBRUNN KULTUR- UND BETRIEBSGES.M.B.H. / ALEXANDER EUGEN KOLLER /EDGAR KNAACK / SASCHA RIEGER

Franz Joseph I. bei der Grundsteinlegung zum

Technischen Museum, umgeben von Männern

im Frack und Zylinder. „R. Lechner, k. u.

k. Hof- Manufactur für Photografie“ ist auf den Rand

der leicht angegilbten Fotografie gedruckt. Andere

Fotos zeigen den Kaiser in Jagdmontur und kurzen

Hosen, auf einem Baumstumpf sitzend, oder in der

offenen Kutsche auf der Mariahilfer Straße, ebenso

vor einem Spalier jubelnder Menschen beim Besuch

in Bad Aussee... die über 10.000 Fotografien, Grafiken

und Dokumente zu Franz Joseph I. im Archiv

der Österreichischen Nationalbibliothek haben das

Bild des „gütigen alten Kaisers“ bis heute fest ins kollektive

Gedächtnis Österreichs eingebrannt. Das Leben

keiner anderen Person der österreichischen Geschichte

ist so umfassend dokumentiert wie das des

ersten Monarchen des Medienzeitalters und Langzeitkaisers,

in dessen 68 Jahre andauernden Regentschaft

nicht nur Fotografie und Film, sondern auch

Glühbirne, Telefon, Automobil und der Passagierflug

erfunden wurden.

2016 jährt sich der Todestag Franz Josephs zum

100. Mal. Man wird dem Kaiser dieses Jahr also in

zahlreichen Ausstellungen und Jubiläumsfeierlichkeiten

noch oft begegnen. Im Alltag ist der Monarch

ohnehin präsent, etwa in Worten wie Kaisersemmel,

Kaiserschmarrn oder Kaiserwetter. Hunderttausende

Touristen und Habsburg-Nostalgiker bewegen

sich jedes Jahr auf seinen Spuren durch Wien und

Bad Ischl. Sein Portrait ist auf Geschirr, Schokolade

und vielen weiteren Produkten abgedruckt. Oft natürlich

zusammen mit seiner Frau Elisabeth, die sowohl

in Popularität als auch in der Verklärung ihrer

Person, ihren Gatten noch weit übertrifft. Sisi und

Franzl – das Traumpaar des 19. Jahrhunderts, Personifizierung

des imperialen Österreich. Doch wer war

der Kaiser wirklich?

„Wir versuchen ein ausgewogenes Bild Franz Josephs

zu vermitteln, dessen öffentliche Wahrnehmung

durch Mythen und Klischees geprägt war und

heute noch ist,“ meint etwa der Historiker Karl Vocelka,

zusammen mit Michaela Vocelka Verfasser

einer neuen Biografie Franz Josephs und Kurator der

großen Jubiläumsausstellung in Schönbrunn und an

drei weiteren Standorten. Trotz des umfassend dokumentierten

Lebens des Monarchen ist auch klar,

dass sich die historische Persönlichkeit Franz Joseph

nur zum Teil mit der vom Kaiserhaus sorgfältig inszenierten

wie zensurierten Bilderflut deckt. Die Jubiläumsausstellungen

legen jedenfalls weitere, teils

kontroversielle Facetten hinter dem Bild des gütigen

alten Monarchen frei. Vom Hardliner und Verfechter

einer absolutistischen Monarchie, über den wichtige

Entscheidungen oft lange hinausschiebenden Zögerer,

den pedantischen Bürokraten, der sich selbst in

den Ferien die Akten hinterherschicken ließ, bis zum

fürsorglichen Großvater, der seine distanzierte Art

im Umgang mit seinen Enkeln ablegte.

Mit gerade einmal 18 Jahren mitten in den Wirren

des Revolutionsjahres 1848 zum Kaiser ausgerufen,

begann Franz Joseph seine Regierungszeit als

kompromissloser Monarch mit absolutistischem

Machtanspruch, der nicht davor zurückschreckte,

zahlreiche Todesurteile, etwa gegen die Anführer des

ungarischen Aufstandes von 1848/49 auszusprechen.

Das fehlgeschlagene Attentat von 1853 nutzte

der anfangs wenig beliebte Franz Joseph geschickt

zur Imagekorrektur, die in der bombastischen

Traumhochzeit mit seiner jungen Cousine Elisabeth

gipfelte. Symptomatisch für die schwierige Beziehung

der beiden so unterschiedlichen Charaktere:

Bereits die Flitterwochen wurden durch den Ausbruch

des Krimkrieges vereitelt. Der von Kindheit

an zu strengem Pflichtbewusstsein erzogene Kaiser

eilte frühmorgens in die Hofburg zu den Regierungsgeschäften,

die freiheitsliebende Kaiserin litt

zusehends unter der rigiden Hofetikette und der Dominanz

ihrer Schwiegermutter und flüchtete bald

nach der Geburt der gemeinsamen Kinder aus der

Enge des Wiener Hofes.

Wiener Pracht

Die Ringstraße, das bedeutendste Bauprojekt seiner

Regierungszeit, wird bis heute mit Franz Joseph

assoziiert. In großen goldenen Lettern prangt etwa

sein Name auf dem Kunsthistorischen und Naturhistorischen

Museum. In der langen Friedensperiode

nach den unglücklichen Kriegen gegen Preußen und

Italien stieg Wien mit seinem neuen Prachtboulevard

zur bedeutenden Weltstadt auf. Franz Joseph

wuchs zur Integrationsfigur der wirtschaftlich aufblühenden

Donaumonarchie, obwohl er es nicht vermochte,

auf lange Sicht mit den wachsenden Nationalismen

und Autonomiebestrebungen der

verschiedenen Teile des Vielvölkerstaates, den sozialen

Problemen und Forderungen des Bürgertums

nach mehr Mitbestimmung umzugehen. Der Kaiser

hatte hier eher eine „Nichtlösung im Auge“, wie Karl

Vocelka anmerkt. Bezeichnend in diesem Zusammenhang

die Klage des 23-jährigen Kronprinzen

Der Kaiser in all seinen

Facetten

Die groß angelegte

Ausstellung in Schloss

Schönbrunn, der

Kaiserlichen Wagenburg,

dem Hofmobiliendepot und

auf Schloss Niederweiden

zeichnet in Themenbereichen

wie „Repräsentation &

Bescheidenheit“ oder „Jagd

& Freizeit“ ein umfassendes

und durchaus kritisches Bild

der Person Franz Joseph.

The Emperor and all his

facets

The large-scale exhibition at

Schönbrunn Palace, the

Imperial Carriage Museum,

the Imperial Furniture

Collection and Niederweiden

castle portrays a

comprehensive and indeed

critical image of the person

Franz Joseph was. Each of

the four locations focuses on

a specific aspect of his

character with themes such

as “Majesty & Modesty” or

“Hunting & Recreation”.

Franz Joseph. Zum 100.

Todestag des Kaisers 1830

– 1916

16.3. bis 27.11.2016

Franz Joseph. On the

occasion of the centenary

of the Emperor‘s death

1830 – 1916

16 March to 27 Nov., 2016

franzjoseph2016.at

Das Haus Habsburg im

Internet

Eine Fülle von wissenschaftlich

fundierten Texten zum

Themenkomplex

Habsburgerdynastie findet

sich auch auf:

The Habsburg dynasty

on the Internet

A large number of

scientifically sound texts

on the Habsburg dynasty

can also be found on the

website: habsburger.net

118 Cercle Diplomatique 1/2016

1 Schloss Schönbrunn.

2 Kaiser Franz Joseph als dreijähriger Knabe. Lichtdruck nach

Gemälde von Ferdinand Georg Waldmüller, um 1833.

Emperor Franz Joseph as a boy at the age of three. Heliography after

a painting by Ferdinand Georg Waldmüller, around 1833.

3 Kaiser Franz Joseph und Kaiserin Elisabeth auf Cap Martin in

Menton. Heliogravüre nach Gemälde von Wilhelm Gause, 1894.

Emperor Franz Joseph and Empress Elisabeth at Cape Martin in

Menton. Heliogravure after a painting by Wilhelm Gause, 1894.

1 2 3

Cercle Diplomatique 1/2016 119

More magazines by this user
Similar magazines