CERCLE DIPLOMATIQUE - issue 01/2016

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CD is an independent and impartial magazine and is the medium of communication between foreign representatives of international and UN-organisations based in Vienna and the Austrian political classes, business, culture and tourism. CD features up-to-date information about and for the diplomatic corps, international organisations, society, politics, business, tourism, fashion and culture. Furthermore CD introduces the new ambassadors in Austria and informs about designations, awards and top-events. Interviews with leading personalities, country reports from all over the world and the presentation of Austria as a host country complement the wide range oft he magazine.

L’AUTRICHE UNHCR

Gerettet. Flüchtlinge und Migranten auf dem italienischen

Marineschiff „Spica“ auf dem Weg zum Hafen von Pozzallo.

Rescued. Refugees and migrants wait to disembark from the Italian

Navy Ship „Spica“ on the way to the harbour of Pozzallo.

HISTORY

Zwei Flüchtlingsfrauen aus der Zentralafrikanischen

Republik im UNHCR-Camp in Lolo.

Two young refugee women from Central African

Republic in the UNHCR camp in Lolo.

Das UNHCR-Flüchtlingslager

Zaatari in Jordanien.

The UNHCR refugee camp

Zaatari in Jordan.

Papst Franziskus erteilt Vertriebenen im

UNHCR-Camp in Bangui seinen Segen.

Pope Francis blesses kids in an internally

displaced people camp in Bangui.

PHOTOS: UNHCR/FRANCESCO MALAVOLTA, KABAMI KALUMIYA, NEKTARIOS MARKOGIANNIS, ARNI/UN ARCHIVES, BEIGESTELLT

es nahezu 60 Millionen Vertriebene – es ist die größte

Flüchtlingkrise seit dem Zweiten Weltkrieg.“

Genau um die Not all dieser Flüchtlinge, Staatenlosen,

Ausgesetzten, Vertriebenen und selten auch

Rückkehrern zu lindern, wurde 1950 die Flüchtlings-

Hilfsorganisation UNHCR ins Leben gerufen und

ihr 1951 mit der „Genfer Flüchtlingskonvention“, die

heute von 147 Ländern ratifiziert ist, eine universelle

rechtliche Basis gegeben. Spätestens seit Europa mit

der aktuellen Flüchtlingskrise konfrontiert ist und

viele Beobachter darin die bisher größte Belastungsprobe

der EU sehen, ist die Arbeit der weltweit etwa

9.300 humanitären UNHCR-Helfer hier wieder in

den Vordergrund gerückt. Doch der Flüchtlingsstrom,

der infolge des Syrien-Krieges über den alten

Kontinent hereingebrochen ist, stellt in Wahrheit

nur einen kleinen Teil eines weltweiten Trauerspiels

dar – allein 2015 haben rund um den Globus an die

zehn Millionen Menschen neu die Flucht angetreten,

nur knapp 20 Prozent davon konnten ihr Heimatland

verlassen. Die Grenze von 60 Millionen Flüchtlingen,

von denen sich lediglich etwa 13 Millionen

unter UNHCR-Mandatsbetreuung befinden, dürfte

also inzwischen bereits überschritten sein.

Viel mehr als in Europa ist die UNHCR in den

globalen Entwicklungsregionen im Einsatz, wo Gewalt

und Menschenrechtsverletzungen nur allzu oft

auf der Tagesordnung stehen. In Afrika etwa schätzt

sie die Zahl der Vertriebenen auf mindestens 15 Millionen

Menschen, und wegen der Unruhen in der

Zentralafrikanischen Republik und im Südsudan

dürfte sich die Situation nicht so schnell verbessern.

Der Aufbau und Betrieb von Schutzlagern, die Versorgung

mit Lebensmittel und der Kampf gegen sexuelle

Gewalt stehen dort im Vordergrund.

In Asien und der pazifischen Region würden etwa

7,7 Millionen Menschen unter das UNHCR-Mandat

fallen. Und wäre ihr momentanes Gesamtbudget von

rund sieben Milliarden Dollar (2015) nicht um mindestens

die Hälfte unterdotiert, würde das Leiden

der dortigen rund 3,5 Millionen Flüchtlinge (meist

aus Afghanistan und Myanmar), 1,5 Millionen landesintern

Vertriebenen und 1,4 Millionen Staatenlosen

wohl etwas mehr gelindert werden können.

Nicht viel besser – in der UNHCR-Terminologie

heißt das „humanitär extrem herausfordernd“ – ist

die Situation im Nahen Osten und im nördlichen Afrika.

In den Nachbar-Ländern von Syrien und dem

Irak haben mindestens drei Millionen Syrer und fast

zwei Millionen Iraker Zuflucht gefunden, hunderttausende

sind voriges Jahr Richtung Europa, insgesamt

jedoch in 90 Länder, auf der Suche nach Asyl

weitergezogen. Innerhalb von Syrien, so schätzt die

Hilfsorganisation, irren weitere 6,5 Millionen Menschen,

die alles verloren haben, umher. Und mehr als

zehn Millionen Einwohner würden dringend humanitäre

Hilfe benötigen – sie alle haben kaum Chancen,

sie auch zu bekommen, nicht einmal von der UNH-

CR. Wie prekär die Lage in Ländern wie Libyen oder

dem Jemen ist, geht bei solchen Zahlen fast unter.

„Das ist inakzeptabel“, schreibt Filippo Grandi

weiter. Und er lenkt, einem großen Lösungsvorschlag

gleich, den Blick auf „die andere Seite der Medaille“.

„Wenn all diesen Vertriebenen erlaubt wird,

ihre Talente zu entwickeln und ihren Träumen nachzugehen,

dann schaffen sie auch neue Möglichkeiten

des Wachstums. Die Zeit ist gekommen, dem Klischee

von Flüchtlingen, die antriebslos herumsitzen

und ihre Hände nach Hilfe ausstrecken, ein Ende zu

setzen. Flüchtlinge sind Unternehmer. Flüchtlinge

sind Künstler. Sie sind Lehrer, Ingenieure, und arbeiten

in allen möglichen Berufen. Die internationale

Gemeinschaft kann es sich nicht länger leisten, so

viel Potential zu ignorieren.“

Leider ist dieser Text bislang nur in der New York

Times erschienen.

Anyone who wants to know what someone

who is fighting a losing battle yet carries on

undaunted looks like only needs to take a

glance at the worried face of Filippo Grandi, the new

UN High Commissioner for Refugees (UNHCR).

One example was when he reported on the current

situation in Greece, demoralised and deeply moved,

on February 13 this year his headquarters in Geneva.

Despite the worst weather conditions with rain

and strong gusts, no end to the influx of refugees

from Turkey to the Aegean islands was in sight. Every

day, more than 2,000 refugees risked their lives

during the crossing. Not long before, the highly decomposed

body of a man had washed ashore in Lesbos.

Anyone desperate enough – in January until

mid-February alone there were at least 77,000 Syrian,

Iraqi or Afghan refugees, 410 of whom did not

survive – will not be put off, no matter how bad the

weather and rough the sea, said Grandi.

This is only a small selection of an endless series of

sad destinies and terrible tragedies that keep on happening

since mid-2015 and which has triggered a

Das Recht

auf Flucht.

The right to flee.

Die „Genfer Flüchtlingskonvention“

wurde am 28. Juni

1951 von 19 Staaten

unterschrieben, regelt die

universale Rechtsstellung

von Flüchtlingen, und ist am

22. April 1954 in Kraft

getreten. Ursprünglich galt

sie nur für Europa, insbesondere

für Flüchtlinge nach

dem Zweiten Weltkrieg und

aus den kommunistischen

Ländern. Inzwischen sind

der Konvention, die als

Grundlage für das Amt des

„Hohen Flüchtlingskommissars

der Vereinten

Nationen“ dient, 147 Staaten

beigetreten.

The 1951 Refugee

Convention was signed in

1951 by 19 states. It constitutes

the universal right of

refugees and became active

in 1954. Originally aiming at

European World War II

refugees and from

communist bloc countries,

the Refugee Convention

serves as legal basis for the

United Nations High

Commissioner for Refugees

(UNHCR). 147 states have

signed it so far.

Signature of the 1951

Refugee Convention in

Geneva, Switzerland.

The three seated men (l-r):

John Humphrey, Director of

the Human Rights Division;

Knud Larsen (Denmark),

President of the Conference;

G.V. van Heuven Goedhart,

High Commissioner for

Refugees.

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