CERCLE DIPLOMATIQUE - issue 01/2016

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CD is an independent and impartial magazine and is the medium of communication between foreign representatives of international and UN-organisations based in Vienna and the Austrian political classes, business, culture and tourism. CD features up-to-date information about and for the diplomatic corps, international organisations, society, politics, business, tourism, fashion and culture. Furthermore CD introduces the new ambassadors in Austria and informs about designations, awards and top-events. Interviews with leading personalities, country reports from all over the world and the presentation of Austria as a host country complement the wide range oft he magazine.

L’AUTRICHE FEDERATION OF AUSTRIAN INDUSTRIES | INTERVIEW

Christoph Neumayer

„Es darf in der Lösung der Flüchtlingskrise keine Tabus geben.“

“Solving the refugee crisis, there can be no taboos.“

Christoph Neumayer, der Generalsekretär der Österreichischen Industriellenvereinigung, geht in der

Causa prima, der Flüchtlingskrise, mit der heimischen Regierung hart ins Gericht. Er fordert viel raschere

Integrationsmaßnahmen, Einstiegshilfen in den Arbeitsmarkt und ein klares Einwanderungsgesetz.

Christoph Neumayer, the Director General of the Federation of Austrian Industries, is getting hard on

the government coalition in regard to the number one topic, the refugee crisis. He demands faster

integration, financial subsidies for access to the labour market and a straight immigration law.

Interview: Rainer Himmelfreundpointner

PHOTO: RALPH MANFREDA

CD: Thema Nummer eins ist und bleibt auch

2016 die Flüchtlingsfrage. Wie beurteilen Sie

die Lage, wie sehen Ihre Lösungsvorschläge aus?

Neumayer: Das Thema hat mehrere Ebenen,

rechtlich, ökonomisch und integrationspolitisch.

Die erste große Herausforderung,

der sich nicht nur die Regierung,

sondern auch die Zivilgesellschaft gestellt

hat, stand im Vorjahr im Mittelpunkt –

Menschen, die auf der Flucht sind, zumindest

die Möglichkeit der Beherbergung zu

geben.

Bei der zweiten Herausforderung muss

man mittelfristig denken: Was bedeutet es,

so viele Flüchtlinge und Migranten im

Land aufzunehmen? Was hat das für Auswirkungen

auf den Sozial- und Wohlfahrtsstaat,

auf Wachstum und Beschäftigung

und am Arbeitsmarkt? Wie groß

kann die Quantität der Menschen sein, die

nach Österreich kommen? Und wie gehen

wir politisch damit um?

Dabei möchte ich unterstreichen, dass

sich die Politik in den vergangenen Monaten

nicht wirklich kompetent im Handling

dieser Frage gezeigt hat und sehr viel durch

die Zivilgesellschaft und auch Unternehmen

übernommen wurde. Das wird aber

auf Dauer nicht gehen.

Wie können Menschen, die Aussicht auf

Asylstatus haben, integriert, ihnen eine

Teilnahme am Produktionsprozess ermöglicht

werden? Die Industrie klagt ja schon lange über

Fachkräftemangel.

Indem man sehr rasch und sehr konsequent

handelt. Dazu gehört aus der Sicht

der Industrie und der Wirtschaft, dass man

sich sofort die Qualifikation von Asylwerbern

ansieht und prüft, wo es Aufholbedarf

gibt. Etwa bei der Sprache oder der beruflichen

Qualifikation. Man müsste das wie in

Deutschland auch flächendeckend machen.

Zuerst ein grober Kompetenz-Check,

AD PERSONAM

der dann weiter regional vertieft wird, um

rasch Qualifikations-Defizite aufholen zu

können. Dabei müssen wir auch ehrlich

sein: Manche wird man sicher schneller in

den Arbeitsmarkt integrieren können als

andere. Das wird einer großen Anstrengung

bedürfen.

Was hilft diese Geschwindigkeit, wenn

Asylsuchende wie im Moment praktisch vom

Arbeitsmarkt ausgeschlossen sind?

Wir plädieren dafür, dass die Zeit genutzt

wird. Selbst wenn am Ende ein negativer

Asylbescheid steht, dann ist doch eine

Qualifikation erworben worden, die zukünftig

genutzt werden kann.

Deswegen ist es gut und richtig, dass es

für Asylsuchende auch während des Asylprozesses

die Möglichkeit einer Lehre geben

soll. Auch wenn ein negativer Bescheid

kommt, kann diese Lehre abgeschlossen

werden.

Ab wann sollen Asylwerber kompletten Zugang

zum Arbeitsmarkt bekommen?

Wenn sie eine Qualifikation haben, die

wirklich gesucht ist und fehlt, die also beispielsweise

Teil der Mangelberufsliste ist,

dann kann man darüber nachdenken, ob

man den Zugang zum Arbeitsmarkt nicht

vorab ermöglicht. Bei hoher Qualifikation

macht der Übergang in das Schema der

Rot-Weiß-Rot-Card Sinn. Wenn keine

Qualifikation vorhanden ist, ist es wichtig,

diese Personen sofort nachzuqualifizieren.

Viele haben ja Ausbildungen, die am österreichischen

Arbeitsmarkt gar nicht gesucht

werden, etwa Sattler oder Hufschmiede.

Aber der österreichische Arbeitsmarkt bietet

doch jetzt schon fast 500.000 Menschen keine

Jobs. Und die bestehenden Jobs sind durch neue

Technologien bedroht. Wie kann sich das

ausgehen?

Auch uns ist klar, dass uns diese Flüchtlings-

und Migrationswelle in einer Zeit

trifft, in der wir die höchste Arbeitslosigkeit

der Zweiten Republik haben. Deswegen

steht uns ja eine Herkulesaufgabe bevor,

die zehn bis fünfzehn Jahre dauern

kann.

Dennoch muss man beispielsweise darüber

nachdenken, ob nicht am unteren

Ende der Erwerbstätigkeit leichtere Einstiegs-Möglichkeiten,

etwa für einfache

technische Tätigkeiten, geschaffen werden

sollen, die man durch Einstiegshilfen stützen

kann. Die öffentliche Hand schießt also

für eine gewisse Zeit zu und nach einem

halben Jahr könnte diese Person dann vollständig

vom Unternehmen, oder wo sie

sonst arbeitet, übernommen werden.

Wir müssen über solche neuen Wege

nachdenken, sonst wird es nicht gehen.

Und es darf keine Tabus geben. Wir müssen

Durchlässigkeit im Arbeitsmarkt

schaffen.

Wäre diese Arbeitsmarktproblematik nicht auch

durch ein klares Einwanderungsgesetz

abzufangen?

Natürlich. Wir brauchen ein Einwanderungsgesetz,

das die Kriterien, nach denen

zugewandert werden kann, klar abbildet.

Diese Diskussion gibt es auch in Deutschland.

Nun ist ja nicht nur Österreich, sondern die

ganze EU in der Flüchtlingsfrage gespalten -

viele sagen sogar, in ihrer Existenz gefährdet.

Und sie ist darüber hinaus nicht nur in einer

ökonomisch schwierigen Situation,

sondern wir alle stehen am Beginn einer

Digitalisierungs-Welle, die ebenfalls gewaltige

Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt

haben wird. Da wie dort gilt eine

große Prämisse für die Zukunft: Qualifikation.

Es wird also so oder so zu Änderungen

kommen. Und es bleibt nur eine gewisse

Zeitspanne, um gemeinsame Verantwortung

und gesamteuropäische Lösungen zu

erreichen. Und die Zeit läuft schnell. Entweder

wir machen diesen Job jetzt professi-

Mag. Christoph Neumayer ist seit fünf Jahren

IV-Generalsekretär und hat Geschichte,

Publizistik und Rechtswissenschaften studiert.

For five years now, Christoph Neumayer has been

acting as Director General of the Federation of

Austrian Industries. He studied History,

Communication Sciences & Law.

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