Das Wiener Modell

JovisVerlag

978-3-86859-434-8

5

6

10

12

18

Vorwort

Preface

Michael Ludwig

Warum Wiener Modell?

Why Is Vienna a Model City?

Wolfgang Förster

Bauträgerwettbewerbe – das „4-Säulen-Modell

Developer Competitions—“The Four Pillar Model”

IBA_WIEN – Neues soziales Wohnen

IBA_WIEN: New Social Housing

Innovation im Wohnungsbau

Innovation in Housing

William Menking

40

69

83

123

141

159

Kontinuität und Innovation

Continuity and Innovation

Soziale Durchmischung

Social Mixing

Erschließung neuer Stadtgebiete

Developing New Urban Areas

Diversität und Integration

Diversity and Integration

BürgerInnenbeteiligung

Citizen Participation

Umwelt- und Klimaschutz

Climate and Environmental Protection

26

Mehr als nur vier Wände

More Than Just Four Walls

Martina Frühwirth

169

181

Nutzung und Gestaltung öffentlicher Räume

Use and Design of Public Spaces

Bestandsentwicklung

Developing Existing Housing Stock

199

Bauen am Stadtrand

Building on the Outskirts

222

Eine Stadt sieht sich selbst

A City Sees Itself

Sabine Bitter & Helmut Weber

233

Die Rolle der Kunst

The Role of Art

244

Biografien

Biographies

246

Dank

Acknowledgements

248

Impressum

Imprint


Vorwort Preface

Wiens soziale Wohnbaupolitik ist hinsichtlich ihrer langen

Tradition und ihrer Kontinuität einzigartig. Seit den 1920er-

Jahren hat Österreichs Hauptstadt eines der größten öffentlichen

Wohnbauprogramme der Welt umgesetzt. Heute leben

62 Prozent aller Haushalte in geförderten Wohnungen. Die Stadt

ist selbst Eigentümerin von 220.000 Wohneinheiten, die

circa 25 Prozent des gesamten Wohnungsbestands ausmachen.

Weitere 200.000 leistbare Mietwohnungen sind im Besitz

gemeinnütziger Wohnbauträger. Durch das innovative Ausschreibungssystem

der sogenannten Bauträgerwettbewerbe

konnten Wohnungsstandard und Bauqualität weiter kontinuierlich

verbessert werden. Ziel der Bauträgerwettbewerbe

ist, architektonische, ökologische und soziale Qualitäten miteinander

zu verbinden, während die Miethöhe für alle leistbar

und zugleich in allen Wohngebieten eine funktionierende

soziale Durchmischung gewährleistet bleiben soll. Aus diesen

Gründen hat der Wohnbau einen maßgeblichen Anteil daran,

dass Wien weltweit die Stadt mit der höchsten Lebensqualität

ist. Da die Stadt rasch weiterwächst, liegt der Schwerpunkt

auch in Zukunft auf den Themen Integration und urbane

Identität, wobei die Kunst im öffentlichen Raum an der Entstehung

neuer Viertel mitwirken kann.

Der Gedankenaustausch auf internationaler Ebene ist ein

Kernpunkt bei der Weiterentwicklung des Wiener Wohnbauprogramms.

Es ist mir daher eine Freude, unsere Leistungen

einem breiten Publikum präsentieren zu dürfen. Unser Ziel ist

eine langfristige konstruktive Diskussion über die Zukunft

unserer Städte. Diesem Ziel dient auch die IBA_Wien – Neues

soziales Wohnen.

Vienna’s tradition and continuity with regard to social

housing policies are unique. Since the 1920s the Austrian capital

has implemented one of the world’s largest public housing

programs. Today, 62 percent of all households live in subsidized

housing, and the city itself owns 220,000 rental units—

about 25 percent of the total housing stock. Another 200,000

affordable rental housing units are owned by limited-profit

housing associations. Housing standards and the quality of construction

have continually improved due to an innovative

system of so-called developer competitions, which are based

on an innovative “Four Pillar Model” combining architectural,

ecological, and social qualities while remaining affordable for

everybody and guaranteeing a functioning and social mix in

all housing areas. Housing has strongly contributed to making

Vienna the city with the highest quality of life, according

to global rankings. As the city grows fast, a strong emphasis

is being placed on issues such as integration and identity in

urban areas, with arts programs contributing to the creation

of new neighborhoods.

The international exchange of knowledge is seen as a key

issue in further developing the Vienna housing program. I therefore

welcome the opportunity to present our achievements to

a manifold audience and to enter into a continuous and fruitful

discussion about the future of our cities. IBA_Wien: New

Social Housing also serves this objective.

Dr. Michael Ludwig

Amtsführender Stadtrat für Wohnen,

Wohnbau und Stadterneuerung der Stadt Wien

Dr. Michael Ludwig

Executive City Councilor for Housing, Housing Construction,

and Urban Renewal of the City of Vienna

5


WARUM

WIENER MODELL?

Wolfgang Förster


WHY IS VIENNA

A MODEL CITY?

Die österreichische Hauptstadt Wien kann als Modell

für eine seit Jahrzehnten funktionierende soziale Wohnungspolitik

dienen. Der Grundstein dafür wurde Anfang der 1920er-

Jahre gelegt, als die ehemalige habsburgische Residenzstadt zur

ersten von Sozialdemokraten regierten Millionenstadt der Welt

aufstieg. Aufbauend auf marxistischen Theorien wollten die

Sozialdemokraten – anders als die gleichzeitigen bolschewistischen

Regimes in Russland, dem benachbarten Ungarn und

Bayern – die sozialistische Zukunft im Rahmen einer demokratischen

Gesellschaftsordnung aufbauen. Dies rief auch bei

PlanerInnen und ArchitektInnen weltweit Interesse hervor. Es

überrascht nicht, dass nach dem Wiener Internationalen Städtebaukongress

1926 in zahlreichen Städten Europas – von Norditalien

bis Skandinavien – und selbst in Manhattan (dort

unter dem Schlagwort „Amalgamated Housing“) den Wiener

Gemeindebauten ähnliche Wohnsiedlungen auftauchten.

Nach Faschismus und Zweitem Weltkrieg nahm die

Stadt ihr soziales Wohnbauprogramm wieder auf; heute leben

62 Prozent der Wiener Haushalte in geförderten Wohnungen.

Was Wiens Wohnbau nun erneut zum Modell macht, sind

die Instrumente, die für das Ziel einer funktionalen und sozialen

Durchmischung in Wohngebieten entwickelt wurden;

darunter vor allem das bahnbrechende System der Bauträgerwettbewerbe

mit ihrem „4-Säulen-Modell“. Damit konnte bewiesen

werden, dass ein öffentlich geförderter Wohnbau

kompetitive – also eigentlich marktwirtschaftliche – Elemente

erfolgreich integrieren kann. Seither muss jedes geförderte

Wohnbauvorhaben einer interdisziplinären Jury vorgelegt

werden, die es anhand der vier Säulen soziale Nachhaltigkeit,

Architektur, Ökologie und Ökonomie (also Nutzerkosten)

beurteilt. Die Kriterien der wichtigsten Säule – der sozialen

Nachhaltigkeit – beinhalten den sozialen Mix, (insbesondere)

die Alltagstauglichkeit, die Gemeinschaftsbildung (und hier

sowohl die „Hardware“ des Baus mit seinen Gemeinschaftseinrichtungen

als auch die „Software“ der gemeinschaftsbildenden

Maßnahmen), Flexibilität im Hinblick auf unterschiedliche

Lebensphasen und (wechselnde) Haushaltsformen in

einer zunehmend diversen Gesellschaft. Die Bauträgerwettbewerbe

haben dadurch deutliche Qualitätsverbesserungen

in allen vier Bereichen erfahren.

Austria’s capital, Vienna, may justly be considered a global

model for housing policies and for residential architecture.

This development started in the early 1920s when the city that

had formerly been home to the Hapsburgs became the first

metropolis to be governed by social democrats, who, drawing

on Marxist theories, decided that housing should not be entirely

left to the private market. However, unlike the Bolshevik

rulers at the time in Russia, neighboring Hungary, and Bavaria,

they wanted to implement these socialist perspectives within

the framework of a democratic society. This caused worldwide

interest among planners and architects, and, not surprisingly,

after the 1926 Vienna International Urban Planning Conference,

similar housing estates sprang up in various European cities,

from northern Italy to Scandinavia, and even in Manhattan

(“Amalgamated Housing”).

In the wake of fascism and World War II, the City of Vienna

continued its social housing program, and today 62 percent

of its population lives in subsidized housing of various types.

What makes Vienna a model city are the instruments developed

to implement its policy of creating a functional and social

mix in all residential areas. This includes the groundbreaking

“Four Pillar Model,” which is incorporated in the “developer

competitions,” proving that a public housing model can successfully

include competitive instruments. Thus the numerous

housing associations—most of them low-profit limited companies—compete

for land and subsidies. Each project must

be judged by an interdisciplinary jury of independent experts.

This has led to the inclusion of new features in all four fields,

with “social sustainability” becoming the prominent pillar

besides architecture, ecology, and costs. The criteria for social

sustainability include such goals as social mix, “living together”

(i. e., indoor and outdoor spaces for communication and

community-building processes), the flexibility to cope with

an increasingly diverse society with varying types of households,

adaptability to special needs, multigenerational living,

and the integration of immigrants. At the same time, Vienna

has resisted the temptation to privatize its public housing stock,

as numerous European cities have done to solve their budgetary

problems, which has often resulted in housing shortages

and social segregation.

7


Innovation im

Wohnungsbau:

Die Fälle Wien und New York

William Menking


Wichtige Daten zum Wohnungsbau in New York

2013 präsentierte das Österreichische Kulturforum New

York die Ausstellung The Vienna Model, die das innovative Wohnbauprogramm

der österreichischen Hauptstadt zum Thema

hatte. Die Ausstellung führte den New Yorker BesucherInnen

vor Augen, dass Wien und New York viele Unterschiede in

Bezug auf das Angebot an leistbarem, staatlich gefördertem und

unterstütztem Wohnraum aufweisen. In Wien leben beispielsweise

zweiundsechzig Prozent der Bevölkerung in Häusern,

die von der Regierung errichtet wurden und / oder von ihr unterhalten

werden (wozu 220.000 stadteigene, sogenannte „Gemeindewohnungen“

gehören), während in New York fast das

exakte Gegenteil der Fall ist – was bedeutet, dass 70 bis 85 Prozent

der EinwohnerInnen der Stadt in Wohnungen leben, die

sich in Privatbesitz befinden oder privat reguliert sind.

1856 schuf New York die erste Kommission zur Überwachung

der Wohnbedingungen in Mietshäusern

1866 Gründung des Metropolitan Board of Health

(Städtisches Gesundheitsamt). Es führte detaillierte Berichte

über zentrale Statistiken ein und bestärkte die erste Gesetzgebung

zu Mietshäusern, wodurch die Stadt ihre Kellerwohnungen loswurde.

Sieht man sich das New Yorker Wohnungswesen jedoch genauer

an, so lassen die Zahlen einen anderen Schluss zu – und zwar

einen, der viele Ähnlichkeiten zu Wien offenbart. 2015 waren

nur acht Prozent der New Yorker Mietwohnungen staatlicher

Regulierung unterworfen, was aber immer noch einer Gesamtzahl

von 178.000 Wohnungen entspricht; das heißt es leben etwa

eine halbe Million New YorkerInnen in voll subventionierten

oder von der Regierung regulierten Sozialwohnungen. Zudem

lebt fast eine weitere Million in „Gebäuden in Privatbesitz, die

unter dem Mietspiegel liegen und sowohl vermietet als auch von

den Besitzern selbst bewohnt werden, die mit staatlicher Unterstützung

entstanden sind und oft immer noch staatlich subventioniert

werden“. Das bedeutet, dass etwa zwanzig Prozent der

New Yorker Bevölkerung von irgendeiner Form der staatlichen

Hilfe oder Bezuschussung profitieren – was fast der gesamten

Population Wiens entspricht. Diese Quote ist weitaus höher als

in irgendeiner anderen amerikanischen Stadt. Allein das Projekt

Queensbridge Houses etwa umfasst 3.149 Wohneinheiten – wesentlich

mehr als der Gesamtbestand an Sozialwohnungen vieler

US-amerikanischer Städte. Sowohl New York als auch Wien sind

in ihren Ländern nach wie vor Inseln des sozialen Wohnbaus, in

denen die staatliche Unterstützung in diesem Bereich jeweils eine

wichtige Rolle spielt, während der Rest der Landsleute ohne dieses

Privileg auskommen muss. 1 Aufgrund seines breiten öffentlichen

Wohnungsangebots ist New York somit das Wien der USA.

1

Diese Statistiken zu New York stammen aus Nicholas Dagen Bloom,

Matthew Gordon Lasner (Hg.), Affordable Housing in New York: The People,

Places, and Policies That Transformed a City, Princeton 2016, S. 1, 5.

Innovation in Housing:

The Case for Vienna

and New York

Important Dates in New York City Housing

In 2013 the Austrian Cultural Forum in New York City

hosted The Vienna Model, an exhibit that highlights the innovative

housing program of the Austrian Capital. The exhibit

made clear to its New York audience that Vienna and New

York have many differences in the provision of affordable housing

funded and supported by the state. In Vienna, for example,

62 percent of the population live in housing built and / or maintained

by the government (including 220,000 municipal

rental units), while in New York almost the exact opposite

is true—i. e., 70–85 percent of the population live in housing

that is privately owned or controlled.

1856 New York creates first commission to survey

the conditions of tenement houses

1866 Metropolitan Board of Health founded. Instituted

detailed reports of vital statistics and enforced the first

tenement house legislation, ridding the city of cellar apartments.

But when New York City housing is looked at more closely,

the numbers tell a different story, one that in fact has many

resonances with Vienna. In 2015, only 8 percent of New York’s

rental apartments were under government control, but this

works out to a total of 178,000 units, and about 500,000 New

Yorkers live in some sort of fully subsidized or governmentoperated

public housing. In addition, nearly one million others

live in “privately owned below-market buildings, both rental

and owner-occupied, developed with government aid and very

often still subsidized by it.” Thus about 20 percent of the

New York population benefit from some sort of government aid

or subsidy, or nearly the same as the total population of Vienna.

This is far higher than any other American city, and the

Queensbridge Houses project has 3,149 units, making it larger

than the entire public housing stock of many US cities. (2)

Both New York and Vienna remain housing islands in their

own countries since both make government support of housing

a priority, while the rest of their compatriots go without

this benefit. 1 New York and its vast public housing make it

the Vienna of America.

1

These New York City statistics are reported in Nicholas Dagen Bloom

& Matthew Gordon Lasner, eds., Affordable Housing in New York: The

People, Places, and Policies That Transformed a City (Princeton: Princeton

University Press, 2016), 1, 5.

19


Mehr als nur

vier Wände

Wiener Wohnbau im 21. Jahrhundert

Martina Frühwirth


Trendumkehr im Wohnen

Wohnen in der Stadt war seit jeher gleichbedeutend mit

gebauter Privatsphäre: Der private Wohnraum gilt als Rückzugsraum;

als Zuhause, in das man zurückkehrt, wo man die

Wohnungstür ins Schloss fallen lassen kann und die Umwelt

draußen bleibt. In der früheren Idealvorstellung spielte sich

auch vor den Fenstern nicht allzu viel ab, und man sah allerorts

Schilder wie „Betreten verboten“, „Radfahren verboten“,

„Spielen verboten“. So präsentierte sich – von einigen wenigen

ambitionierten Ausnahmen abgesehen – der Wohnbau der

Gemeinde Wien im 20. Jahrhundert. Gemeindebauten hatten

gepflegte Grünanlagen, im Kellergeschoß Waschküche und

Trockenraum und eine Hausmeisterwohnung auf Stiege 4.

Das Leben in diesen Wohnanlagen fand als gelebtes Klischee

Eingang ins österreichische Fernsehprogramm (Kaisermühlen

Blues 1 ). Auf der Tagesordnung standen schimpfende SeniorInnen,

die sich vom Kinderlärm gestört fühlten; „Ruhe!“ war

eine beliebte Grußformel, mit der man vom Fenster grüßte.

Es war ein Miteinander mit hoher sozialer Kontrolle und

eindeutigen Hierarchien. Abstandsgrün in Form gepflegter

Rasenflächen war wichtiger als Freiräume zum Spielen.

Flaniert man heute durch eines der neuen Wohnviertel

in Wien – zum Beispiel durch das Kabelwerk im 12. Bezirk,

das Sonnwendviertel unweit vom neuen Wiener Hauptbahnhof

im 10. Bezirk oder durch das Wohnviertel am ehemaligen

Nordbahnhofgelände im 2. Bezirk –, erlebt man eine

Trendumkehr im Wiener Wohnbau: Anstelle von Grünflächen,

die lange Zeit als „Schaugrün“ zwischen den Häusern

die Wohnhausanlagen ästhetisierten, rücken nun konkrete

Nutzungsangebote. Das Wohnen verlagert sich zunehmend

von den privaten vier Wänden in allgemeine Bereiche, die der

Hausgemeinschaft zur Verfügung stehen. STUDIOVLAY mit

Lina Streeruwitz, Klaus Kada und Riepl Kaufmann Bammer

Architektur planten eine Wohnhausanlage im Sonnwendviertel

unweit vom Wiener Hauptbahnhof, die ein prägnantes Beispiel

für diese Trendumkehr ist: Sitzgruppen, Podeste, Gemeinschaftsküchen

im Erdgeschoß – ja sogar Grillplätze und ein

langer Betontisch stehen im Innenhof bereit. Der Name dieser

Wohnhausanlage spricht für sich: Wohnzimmer.

Zusammenleben 2.0

In den vergangenen Jahren haben sich ergänzend zu den

privaten, wohnungsbezogenen Freiräumen sogenannte „Gemeinschaftsräume“

als fixes Angebot in Wohnhäusern etabliert.

Die Förderung von Gemeinschaftsräumen ist eine bewusste Abkehr

der Stadt Wien von anonymen Großformen der 1970erund

1980er-Jahre mit den bekannten Negativeffekten und hin

zu einem vertrauensvollen Zusammenleben unter einem Dach

1

1992 bis 1999, Produktion von MR TV Film für den ORF.

More Than Just Four

Walls: Housing in

Vienna in the Twenty-

First Century

Reversing the Trend

Housing in the city has always been synonymous with

built private space: the private dwelling is seen as a retreat,

a home to come back to, where you can shut the door and

leave the world outside. In the old model, there wasn’t much

going on outside the windows either, and there were signs

everywhere you looked: “No Trespassing,” “No Bicycles,”

“No Playing.” And that—apart from a few ambitious exceptions—is

what Vienna’s housing looked like in the twentieth

century. The city’s complexes had well-kept green spaces,

laundries and drying rooms in the basements, and a caretaker’s

apartment off Stair 4. Life in these complexes found its way

onto Austrian TV as a real-life cliché, on the series Kaisermühlen

Blues. 1 Grumbling seniors annoyed by noisy children were the

order of the day; “Quiet!” was a favorite greeting, issued from

the window. It was a coexistence with strong social control

and clear hierarchies. Green buffer zones, in the form of manicured

lawns, were more important than spaces for outdoor play.

Stroll through one of Vienna’s new residential areas today—

Kabelwerk in the 12 th District, or Sonnwendviertel in the 10 th ,

not far from Vienna Central Station, or, in the 2 nd , the development

on the old Nordbahnhof (north station) site—and you’ll

experience a reversal of the old trends in Viennese housing:

the lawns that once prettified the spaces between the complexes’

buildings, maintained purely for show, are now giving way

to concrete surfaces meant to be used. Residential life is increasingly

moving out of the four walls of private space into public

areas accessible to the community. Not far from Central

Station, a housing complex in Sonnwendviertel, designed by

STUDIOVLAY with Lina Streeruwitz, Klaus Kada, and Riepl

Kaufmann Bammer Architektur, offers a striking illustration

of this reversal: platforms, seating, a communal kitchen on the

ground floor—the central courtyard even has grills and a long

concrete table. The name of the complex, Wohnzimmer, says

it all: it means “living room.”

Coexistence 2.0

In recent years, so-called “common rooms” have established

themselves as a standard feature of residential buildings,

1

The series aired from 1992 to 1999 and was produced by MR TV-Film

for the Austrian public broadcasting service, ORF.

27


total housing stock, Vienna—like Berlin—was divided into

four sectors. The city immediately restarted its social housing

program. Although these postwar estates seldom achieved

the high architectural quality of the 1920s, the quantity of

built projects was nonetheless impressive, with up to 10,000

municipal rental units built annually. However, the critique

of these often monotonous prefab blocks led to greater architectural

diversity in the 1970s, with experimental buildings and

theme-oriented estates like the terraced towers of Alt-Erlaa,

which addressed new societal challenges.

The fall of the “Iron Curtain”—situated less than 70

kilometers from Vienna—led to a wave of immigration after

1989 and a large increase in the city’s population. In order

to develop higher-quality housing and to stabilize building

costs, the city introduced “developer competitions,” based

on an innovative four-pillar system: each subsidized housing

project—some 7,000 to 13,000 apartments annually—are

judged by an interdisciplinary jury along four sets of criteria:

social sustainability, planning, ecology, and costs. The introduction

of this competitive system has led to an increase

in the social and technical standards of new housing, while

reducing construction costs. Since 1984, land for new housing

estates has been acquired and developed by the city-owned

Housing Fund, and most new apartments are now built and

managed by limited-profit developers, in the form of subsidized

rental apartments. Residents’ participation both in

planning and in management is promoted. Floor plans include

traditional one- to five-room units, as well as special housing

like cohousing or assisted housing, reflecting demographic

changes and lifestyle choices. Rents are stabilized, and rental

contracts are unlimited. The annual budget for Viennese

housing subsidies amounts to about 600 million euros. Today,

62 percent of the population lives in subsidized housing, including

220,000 municipal rental units and another 200,000

units owned by limited-profit housing associations.

The current housing program includes a variety of housing

types: large inner-city brownfield developments, smaller infill

projects, but also densified low-rise housing in peripheral areas.

Today, 70 to 80 percent of all new housing construction in Vienna

is subsidized, and this gives the city a strong influence on

the development of its quantities, distribution, and qualities.

GegnerInnen aus ihren Wohnungen vertrieben und im Zweiten

Weltkrieg rund zwanzig Prozent des Gesamtwohnungsbestands

zerstört. Nach dem Krieg wurde Wien 1945 – wie Berlin –

in vier Sektoren geteilt. Die Stadt nahm umgehend ihr soziales

Wohnbauprogramm wieder auf. Obwohl die Nachkriegsbauten

nur selten die architektonische Qualität der Bauten aus den

1920er-Jahre erreichten, war ihre Quantität dennoch beeindruckend.

Jährlich entstanden bis zu 10.000 Wohneinheiten.

Die Kritik an der Eintönigkeit dieser meist in Fertigteilbauweise

errichteten Bauten führte in den 1970er-Jahren indes

zu einer größeren architektonischen Vielfalt. Es entstanden experimentelle

und themenorientierte Bauwerke wie die Terrassentürme

von Alt-Erlaa, die sich den neuen gesellschaftlichen

Herausforderungen stellten.

Die Öffnung des „Eisernen Vorhangs“, der weniger als

70 Kilometer von Wien entfernt verlief, führte ab 1989 zu einer

Einwanderungswelle und einem starken Bevölkerungswachstum.

Um hochwertigen Wohnraum bei gleichzeitig stabilen Baukosten

zu gewährleisten, führte die Stadt die Bauträgerwettbewerbe

ein. Sie beruhen auf einem innovativen 4-Säulen-Modell. Jedes

geförderte Wohnprojekt – jährlich entstehen etwa 7.000 bis

13.000 geförderte Wohnungen – wird von einer interdisziplinären

Jury nach vier Kriterien bewertet: soziale Nachhaltigkeit,

Architektur, Ökologie und Ökonomie. Mit der Einführung

dieser Verfahren konnten die sozialen und technischen Standards

der Neubauten angehoben und zugleich die Baukosten gesenkt

werden. Seit 1984 werden die Baugründe vom stadteigenen

Wohnfonds Wien erworben und entwickelt. Die meisten Wohnbauten

werden von gemeinnützigen Bauträgern errichtet und

in Form geförderter Mietwohnungen verwaltet. Sowohl bei

der Planung als auch bei der Verwaltung werden die BewohnerInnen

zur Beteiligung angeregt. Die Grundrisse umfassen

die gängigen Ein- bis Fünf-Zimmer-Einheiten, doch gibt es

auch spezielle Wohnformen wie Wohngemeinschaften oder

betreutes Wohnen, die die demografischen Veränderungen und

Lebensstile widerspiegeln. Die Mieten bleiben konstant,

die Mietverträge sind unbefristet. Das Jahresbudget der Wiener

Wohnbauför derung beträgt etwa 600 Millionen Euro.

62 Prozent der Wiener Bevölkerung leben in geförderten Wohnungen,

ein Teil davon in den 220.000 Gemeindewohnungen,

ein weiterer Teil in 200.000 Wohnungen von gemeinnützigen

Wohnbauträgern.

Das derzeitige Wohnbauprogramm umfasst unterschiedlichste

Typologien: Großprojekte auf innerstädtischen Brachflächen,

kleinere Baulückenbebauungen, aber auch verdich teten

Flachbau in städtischen Randzonen. Circa siebzig bis achtzig

Prozent aller Neubauten in Wien werden heute gefördert,

was der Stadt starken Einfluss auf die Quantitäten, Verteilungen

und Qualitäten gibt.

41


3

Karl-Marx-Hof, 1930

48

Kontinuität und Innovation


20

ASP holzwohnbau, 2015

Aushängeschild für den urbanen

Holzbau. Zwei Architekturbüros

schufen auf dem Bauplatz D12

in der Seestadt Aspern eine so

homogene wie komplexe Einheit:

Auf einen massiven Sockel, unter

dem sich die Quartiersgarage

verbirgt, wurden in Holz-Hybrid-

Bauweise mehrere Baukörper

gesetzt. Die mit Lärchenholzelementen

verkleidete Fassade wird

durch markant in den Straßenraum

auskragende Loggien gegliedert.

Die Innenhöfe staffeln

sich über mehrere Niveaus und

gruppieren sich um einen ebenfalls

holzverkleideten „Canyon“,

der als Treffpunkt und Spielfläche

dient. So entstand hier ein

herausragendes Beispiel sowohl

für lebenswerte Dichte als auch

für die kostengünstige Umsetzung

komplexer Geometrien – und

ein Aushängeschild für den innovativen

urbanen Holzbau.

A Showcase for Urban Wood Construction.

On Site D12 at Seestadt

Aspern, two architecture firms

have created a unit that is as homogeneous

as it is complex: several

hybrid wood structures are placed

on a massive base that conceals

the parking garage for the neighborhood.

The larch-paneled

facade is articulated by balconies

that project prominently into

the street space. The interior courtyards

are staggered across several

levels and grouped around a

“canyon,” also wood-paneled, that

serves as a meeting point and

play area. It is an outstanding example

of both livable density and

the inexpensive implementation

of complex geometries, as well as

a showcase for innovative urban

wood construction.

102

Erschließung neuer Stadtgebiete


29

Gasometer City, 2001

Architektur Architects: Jean Nouvel (Bauteil

Section A), Coop Himmelb(l)au (Bauteil Section B),

Manfred Wehdorn (Bauteil Section C), Wilhelm

Holzbauer (Bauteil Section D) • Bauträger

Developers: SEG (Bauteil Section A), GPA-WBV (Bauteil

Section B), SEG / GESIBA (Bauteil Section C),

GESIBA EBG (Bauteil Section D) • Adresse Address:

1110 Wien Vienna, Guglgasse • Verfahrensart

Process: Bauträgerwettbewerb Developer competition

1996 • Fertigstellung Completion:

1999 2001 • Wohneinheiten Residential units:

600 • Gesamtgrundstücksfläche Total site

area: 22 000 m² • Fotos Photos: Stephanie Stern

132

Diversität und Integration


Das Leitprojekt der postindustriellen Stadtentwicklung. Die Gasometer

City in Simmering könnte wohl als spektakulärste Umnutzung eines

Industriedenkmals in ganz Europa gelten. Und das nicht nur wegen

der bestechenden Architektur der vier riesigen ehemaligen Gasspeicher

des einst größten Gaswerks Kontinentaleuropas, in die Wohnungen

hineingebaut wurden. Auch die Vielfalt an Wohnformen in diesem

neuen Stadtgebiet beeindruckt; hier kommen Menschen unterschiedlichster

Einkommensklassen und Lebensstile – darunter auch Studierende

– zusammen. Abgesehen von der Nutzung für Wohnraum bietet die

Gasometer City ein Einkaufszentrum, Büros, ein Kino, einen Kindergarten,

Parkgaragen sowie eine Konzerthalle für bis zu 4.000 BesucherInnen.

Sie ist mit einer eigenen U-Bahnstation an die Stadt angebunden und

bildet heute den Kern eines ausgedehnten Bebauungsareals in dieser

ehe maligen Industriezone.

Diversity and Integration

133


32

Sargfabrik, 1996

Miss Sargfabrik, 2000

Sargfabrik Architektur Architects: BKK-2 Architektur ZT GmbH • Auftraggeber Client: VIL,

Verein für Integrative Lebensgestaltung • Adresse Address: 1140 Wien Vienna, Goldschlagstraße

169 • Verfahrensart Process: selbst initiiert self-initiated • Fertigstellung Completion:

1996 • Wohneinheiten Residential units: 73 • Bruttogrundfläche Gross floor area: 6 968 m²

(ohne UG excl. basement) • Gesamtgrundstücksfläche Total site area: 4 711 m² • FOTOS Photos:

l: Miriam Kittel, r: MA 18 / Christanell • PLAN Plan: BKK-2 Architekten ZT GmbH

142

Bürgeri nnenbeteiligung


Gemeinschaftliches Lebensmodell. Die Sargfabrik ist

weit mehr als ein Wohnmodell – nämlich ein Lebensmodell.

Neben dem luxuriösen Dachgarten schaffen

eine Vielzahl an Gemeinschaftseinrichtungen eine

Kommunikationslandschaft, die mit Kulturhaus, Restaurant,

Kindergarten und Badehaus zum Teil auch

öffentlich zugänglich ist. Zugunsten des Schwimmbads

wurde auf Autostellplätze verzichtet, und

die Widmung als Wohnheim machte die Förderung

der über das übliche Maß hinausgehenden Zahl

an Gemeinschaftsflächen möglich. Eigentümer und

Heimbetreiber ist der „Verein für Integrative Lebensgestaltung“,

der die 75 Einheiten in einem genossenschaftsähnlichen

Modell vergibt. Geboten werden

Maisonetten mit einer Grundfläche von 45 Quadratmetern,

wobei bis zu sechs Einheiten gekoppelt

werden können. Es gibt kaum Fluktuation, und die

Identifikation mit der sowie das Engagement für

die Sargfabrik gehen bereits auf die nächste Generation

über. Für dieses Konzept spricht auch der jüngere

Ableger des Soziotops, die benachbarte Miss Sargfabrik.

Ihre 39 Einheiten – darunter einige Wohn-

Arbeits-Ateliers – bieten mit geknickten Wänden

und schiefen Fußböden neue Raumerlebnisse. Gemeinschaftsküche,

Bibliothek und Proberaum erweitern

nun die Einrichtungen der Sargfabrik. Aufgrund der

Nachfrage errichtet der Verein mitt lerweile ein

weiteres Projekt unter dem Namen „LiSA – Leben

in der Seestadt Aspern“ als eines der sechs neuen

Baugruppenprojekte in der Seestadt.

Model for Communal Living. The Sargfabrik is much

more than a housing model: it’s a way of life. Along

with the luxurious roof garden, a range of common

areas creates a landscape of communication and pleasure,

with a cultural house, restaurant, kindergarten,

and bathhouse that is also publicly accessible. Parking

spaces for cars were kept to a minimum in order

to make room for the swimming area, and designing

it as a residence hall qualified it for subsidies for

larger-than-ordinary communal areas. The Sargfabrik

and Miss Sargfabrik are owned by the Association

for Integrative Lifestyle (VIL), which rents out the

seventy-five units—maisonettes with floor areas

of 45 square meters, with the possibility of linking

up to six units—modeled as a collective. There

is very little turnover. Identification and dedication

are already evident in the second generation, some

of whom have no intention of moving further away

than the neighboring Miss Sargfabrik, the younger

sociotope offshoot. Its thirty-nine units, including

a number of living-working ateliers, provide for new

spatial experiences with angled walls and inclined

floors. A community kitchen, library, and rehearsal

room serve to augment the Sargfabrik’s facilities. Following

the successful first two buildings, a third one

(LiSA—Leben in der Seestadt Aspern) is now under

construction in the Seestadt Aspern development.

Citizen Participation

143


40

Bike City, 2008

Architektur Architects: Königlarch Architekten • Landschaftsarchi

tektur Landscape architects: rajek barosch landschaftsarchitektur •

Bauträger Developer: GESIBA • Adresse Address: 1020 Wien Vienna,

Vorgartenstraße 130 132 • Verfahrensart Process: Bauträgerwettbewerb

Developer competition 2005 • Fertigstellung Completion: 2008 •

Wohneinheiten Residential units: 99 • Bruttogrundfläche Gross floor

area: 14 500 m² • Gesamtgrundstücksfläche Total site area: 2 787 m² •

Fotos Photos: Stephanie Stern • Plan Plan: Königlarch Architekten

164

Umwelt- und Klimaschutz

22. Obergeschoss 2 nd floor

0 2 5

10

20


Ein Wohnhaus für Zweiräder. Dieses Projekt vom Archi -

tekturbüro Königlarch Architekten ist Teil des

großen Entwicklungsgebiets am ehemaligen Nordbahnhof.

Besonderes Augenmerk wurde auf die

Förderung des Fahrradverkehrs gelegt. Die Stellplätze

für Autos wurden hier im Vergleich zur üblichen

Anforderung von einem Stellplatz pro Wohnung um

die Hälfte reduziert. Stattdessen gibt es ansprechende

transparente Fahrradgaragen im Erdgeschoß, ein

Fahrradreparaturzentrum sowie übergroße Aufzüge

für MieterInnen, die ihre Räder mit in die Wohnung

nehmen möchten. Die Lage der Bike City in

Prater- und Donaunähe sowie unmittelbar an einer

U-Bahnstation und am Radwegenetz erlaubt es den

BewohnerInnen, in wenigen Minuten sowohl in die

Innenstadt als auch in die Naherholungsgebiete zu

gelangen. Markenzeichen des Bauwerks sind seine

flexiblen Fensterblenden aus Holz.

An Apartment Building for Bicycles. This project by

Königlarch architects is part of the large urban development

at the former north rail station near the city

center. Built as part of Vienna’s efforts to encourage

the use of bicycles, it reduced car parking to 50 percent

of the usual requirement (one place per apartment),

replacing it with more attractive and transparent

bike storage rooms on the ground floor, a bike

repair center, and large elevators for tenants who want

to take their bicycles up to their apartments. Bike

City is situated near a large urban park, and next to

a subway station and the city’s bike network, which

allows tenants to reach both the city center and local

recreation areas within just a few minutes. The architecture

is characterized by its flexible wooden shutters.

Climate and Environmental Protection

165


46

Global Park /

Mautner-Markhof-Gründe, 2014

178

Nutzung und Gestaltung öffentlicher Räume


Der Freiraum als verbindendes Element. Östlich der

Innenstadt, wo einst die Produktionsstätte der Firma

Mautner Markhof war, entstand in einer traditionellen

Arbeitergegend eine neue Wohnanlage. Die

Freiraumgestaltung verbindet im Global Park die

verschiedenen Eingangsniveaus der drei Wohnbauten.

Breite, geschwungene Terrassen laden zum Sitzen

und Benutzen ein und machen den Außenraum

trotz der Höhenversprünge zu einem zusammenhängenden

Ganzen.

Open Space as Connecting Element. This housing estate

was built on the site of the former vegetable canning

factory Mautner Markhof in a traditional workingclass

area east of the city center. The open spaces

of Global Park are designed to connect the different

levels on which the three buildings are entered, using

broad, curved terraces that invite residents to sit

and spend time, and that unite the outdoor space into

a cohesive whole despite the variations in grade.

Architektur Architects: Geiswinkler & Geiswinkler • Landschaftsarchitektur Landscape

architects: Auböck + Kárász • Bauträger Developer: Neues Leben • Community Building:

wohnbund:consult • Adresse Address: 1110 Wien Vienna, Krausegasse 7 • Verfahrensart

Process: Bauträgerwettbewerb Developer competition 2010 • Fertigstellung Completion:

2014 • Wohneinheiten Residential units: 115 geförderte Mietwohnungen mit Eigentumsoption

115 subsidized rental apartments with option to buy • Bruttogrundfläche Gross

floor area: 15 650 m² • Gesamtgrundstücksfläche Total site area: ca. approx. 7 450 m² •

Freiraum Open space: 4 570 m² • Fotos Photos: Stephanie Stern

Use and Design of Public Spaces

179


Städtische Dorfgemeinschaften. Auf dem Baufeld 1

umschließen zwei langgestreckte, geschwungene

Baukörper einen großen, grünen Innenhof mit

Spielplatz und Gärten für alle BewohnerInnen. Auch

auf dem Baufeld 2 orientieren sich die Wohnungen

zu einem gemeinschaftlichen „Dorfanger“ in der

Mitte. Die Freiräume sind mehrfach zwischen privat

und öffentlich gestaffelt – vom persönlichen Garten

bis zum offenen „shared space“ mit Angeboten zur

Nutzung der Zwischenräume für gemeinschaftliche

Aktivitäten. Die Wohnungen sind dank modularem

Aufbau flexibel einteilbar und machen separat

begehbare Einliegerwohnungen möglich. „Grüner

Lifestyle – Umdenken zugunsten eines nachhaltigen

Lebens“ ist der Leitspruch für die auf Baufeld 3 im

Passivhausstandard errichteten drei Punkthäuser samt

einem Riegel, der sich ebenfalls um einen Grünraum

anordnet und mit einem selbstverwalteten Café eine

Art dörfliches Zentrum bildet.

Urban Villages. On Site 1, two long, curving volumes

surround a large, green interior courtyard with a

playground and gardens for all residents. On Site 2

as well, the apartments face a common “village green”

in the center. Open spaces feature multiple gradations

of private and public, ranging from the personal

garden to the open “shared space,” as well as opportunities

to use the areas in between for communal

activities. Thanks to their modular construction, the

apartments can be flexibly subdivided, offering the

option of in-law apartments with separate entrances.

“Green Lifestyle: Rethinking Sustainable Living” is

the motto of the three point-block buildings and one

slab building in accordance with the passive-house

standard on Site 3, arranged around a green space and

forming a kind of village center with a café managed

by the residents themselves.

Wohnanlage Gerasdorfer straSSe

(Baufeld Site 2) Architektur

Architects: RLP Rüdiger

Lainer + Partner • Bauträger

Developer: Neues Leben • Land

schaftsarchitektur Landscape

architects: DnD Landschaftsplanung

• Adresse Address:

1210 Wien Vienna, Grellgasse 11 •

Verfahrensart Process:

Bauträgerwettbewerb Developer

competition 2010 • Fertig

stellung Completion: 2013 •

Wohneinheiten Residential

units: 54 • Bruttogrundfläche

Gross floor area: 5 298 m² •

Gesamtgrundstücksfläche

Total site area: 8 063 m² •

Foto Photo: Michael Hierner

214

Bauen am Stadtrand


grünER LEBEN (Baufeld Site 3) Architektur Architects: pos architekten ZT gmbh; shs architekten

simon / hoog / stütz • Bauträger Developers: SGN Siedlungsgenossenschaft Neunkirchen;

FRIEDEN • Adresse Address: 1210 Wien Vienna, Grellgasse • Verfahrensart Process: Bauträgerwettbewerb

Developer competition 2010 • Fertigstellung Completion: 2015 • Wohneinheiten

Residential units: 137 (74 pos architekten, 63 shs architekten), 1 Kindertagesheim, Gewerbeflächen,

selbstverwaltetes Community Center im Passivhausstandard (74 pos architekten, 63 shs

architekten), 1 day-care center, commercial premises, self-managed “passive house” compliant

community center • Bruttogrundfläche Gross floor area: 10 300 m² • Gesamtgrundstücksfläche

Total site area: 18 500 m² • Foto Photo: pos sustainable architecture / Vedritza Kovatcheva

Building on the Outskirts

215


Spätestens seit dem Platzen der Blase der Immobilienspekulationen

2007 / 2008 wurde offensichtlich, dass die Wohnungsfrage

in den Städten keine Frage des Lifestyles, sondern

eine eminent ökonomische, soziale und politische ist. Weltweit

zirkulierten Bilder von Demonstrationen, in denen empörte

BürgerInnen den Verlust von Wohnraum als fatale Auswirkung

von Spekulationen und Finanzialisierung des Wohnungswesens

auf den Straßen und Plätzen der Städte zu einer öffentlichen

Angelegenheit machten.

Die Wohnungskrise erzeugte nicht nur Risse in der neoliberalen

Logik, mit der die Städte in Private-Public-Partnerships

vormals öffentliche Aufgaben der Versorgung und Infrastruktur

an den Markt und die Kapitalisierung abgegeben

hatten, um im Wettbewerb um Standortfaktoren konkurrenzfähig

bleiben zu können. Durch diese Risse rückte auch die seit

Langem von SoziologInnen, KulturtheoretikerInnen, UrbanistInnen

und AktivistInnen geäußerte Kritik an der neoliberalen

Wende verstärkt ins Zentrum des öffentlichen Interesses.

Forderungen nach dem „Recht auf Stadt“ oder dem „Recht

auf Wohnen“ 2 und Fragestellungen wie „Wem gehört die Stadt?“ 3

werden nicht nur derzeit in Kunstprojekten verhandelt, sondern

zeigen sich programmatisch in den aktuellen Protesten und Debatten

von BürgerInnenbewegungen gegen die Ökonomisierung

des städtischen Raums. Sie beziehen sich auf Henri Lefebvres

Theorien zum Recht auf Stadt, gesellschaftliche Raumproduktion

und Selbstorganisation Ende der 1960er-, Anfang der 1970er-

Jahre. Die Überlegungen des französischen Philosophen nehmen

seit einiger Zeit auch in den Diskursen kritischer urbaner

Praktiken, sozial engagierter Kunst und in den Verschiebungen

von einer Kunst im öffentlichen Raum hin zu einer Kunst im

öffentlichen Interesse einen hohen Stellenwert ein.

Lefebvre hat in seiner Arbeit Die Produktion des Raums

(französische Erstveröffentlichung 1974) eine grundlegende

marxistische Kritik an der von Kapitalinteressen gelenkten

Umgestaltung der Städte geleistet. In einem trialektischen

Verfahren bricht er mit der Vorstellung eines stabilen Stadtraums

und schlägt vor, Raumproduktion als ein dynamisches

Verhältnis zwischen „räumlicher Praxis“, „Repräsentation

von Raum“ und „Räumen der Repräsentation“ 4 zu verstehen.

Räume entstehen als soziales Verhältnis unter den gegebenen

Bedingungen, die eine Benutzung von Stadt prägen, und

den von Stadtregierung, Verwaltung und Wirtschaftsinteressen

geplanten und realisierten Architekturen, Institutionen und

Infrastrukturen, die mit Bildern und Zeichen, Geboten und

1

David Harvey, „The Right to the City“, in: International Journal of Urban and

Regional Research, Nr. 27(4), 2003, S. 939–941.

2

zum Beispiel die Ausstellung Wohnungsfrage, Haus der Kulturen der Welt,

Berlin 2015, die Rotterdam Biennale Making City von 2012 oder Hands-On

Urbanism im Architekturzentrum Wien 2012.

3

Kunst im öffentlichen Raum GmbH und Kunsthalle Wien (Hg.), Wem gehört

die Stadt? Wien – Kunst im öffentlichen Raum seit 1968, Nürnberg 2009.

4

Henri Lefebvre, The Production of Space, übersetzt von Donald Nicholson-Smith,

Blackwell 1991, S. 33.

A City Sees Itself:

Notes on The

Vienna Model and

the Role of Art

It has been clear at least since the 2007–8 collapse of the

real-estate bubble that urban housing is not a question of

lifestyle but rather an eminently economic, social, and political

concern. Outraged citizens demonstrating in the streets and

squares of cities, whose images circulated around the world,

made the loss of their homes—the disastrous result of speculation

and the financialization of housing—a public affair.

The housing crisis did more than just create cracks in

the neoliberal logic that had led cities to relinquish the formerly

public responsibilities of utilities and infrastructure to the

market and to capitalization through public-private partnerships

in order to remain competitive with other locales. Those

cracks also allowed criticism of the “neoliberal turn,” which

sociologists, cultural theorists, urbanists, and activists had

been voicing for years, to move increasingly into public focus.

Demands for a “right to the city” or a “right to housing” 2

and questions such as “Who does the city belong to?” 3 are not

only addressed in art projects; they also appear regularly in

recent citizen protests and debates against the economification

of urban space. These demands are linked to theories developed

by Henri Lefebvre in the late 1960s and early 1970s on

the right to the city, the social production of space, and selforganization.

The French philosopher’s thinking has also begun

to figure more prominently in discourses on critical urban

practices, socially engaged art, and the shift from art in public

spaces to art in the public interest.

In his book The Production of Space, originally published

in French in 1974, Lefebvre put forward a radical Marxist

critique of the capital-driven transformations of the city. Taking

a trialectical approach, he broke with the idea of a stable urban

space, proposing instead that the production of space be viewed

as a dynamic relationship between “spatial practice,” “representations

of space,” and “representational spaces.” 4 Space emerges

as a social relationship between, on one hand, the existing

1

David Harvey, “The Right to the City,” International Journal of Urban

and Regional Research 27, no. 4 (December 2003): 939.

2

See, for example, the exhibitions Wohnungsfrage (The housing question) at the

Haus der Kulturen der Welt in Berlin in 2015; Making City, the 2012 edition

of the International Architecture Biennale Rotterdam; and, also in 2012,

Hands-On Urbanism at the Architekturzentrum Wien.

3

See Kunst im öffentlichen Raum GmbH and Kunsthalle Wien, Wem gehört

die Stadt? Wien – Kunst im öffentlichen Raum seit 1968 (Nuremberg: Verlag für

moderne Kunst, 2009).

4

Henri Lefebvre, The Production of Space, trans. Donald Nicholson-Smith

(Malden: Blackwell, 1991), 33.

223


Die Rolle der Kunst

The Role of Art

Michael Zinganel • Sabine Bitter & Helmut Weber • Ulrike Lienbacher • Alfredo Jaar •

Peter Fattinger, Veronika Orso, Michael Rieper • Sofie Thorsen • Gerald Straub • Johanna Tinzl •

tat ort (Alexandra Berlinger, Wolfgang Fiel) • Heidrun Holzfeind

Seit Beginn der sozialdemokratischen Ära in der Ersten

Republik spielt die Kunst als kulturelle Ausdrucksform eine

spezifische Rolle im öffentlichen Wohnbau. In den Nachkriegsjahren

gab es ein fast flächendeckendes Programm, um Gemeindebauten

mit Wandmosaiken, Plastiken und künstlerisch

gestalteten Gebrauchsobjekten wie Spielplätzen, Brunnen

und Pavillons zu bestücken, das zugleich auch als wirtschaftliche

Unterstützung für KünstlerInnen in einem noch nicht

existierenden Kunstmarkt fungierte. Anfang der 1990er-Jahre

löste sich das enge Verhältnis zur Architektur und die Kunst

am Bau entwickelte sich zur Kunst im öffentlichen Raum.

Ausgehend von dem Grundsatz, dass der urbane Raum nur

in seinem gesellschaftlichen Kontext zu begreifen ist, wurde

2004 mit der KÖR GmbH (Kunst im öffentlichen Raum

Wien) eine Institution geschaffen, die zeitgenössische Kunst

im Stadtraum fördert und Projekte realisiert, die diesem

Verständnis von Kunst entsprechen. Als „Kunst im öffentlichen

Interesse“ werden seither künstlerische Praktiken angesehen,

die sich zum Teil sozialen und urbanen Themen widmen

und den großstäd tischen Alltag mit seinen sozialen und

politischen Kontexten und divergierenden Interessen prägen.

Unabhängig von diesen Programmen findet im Kunstkontext

zunehmend eine globale Auseinandersetzung mit Wohnen,

Leben in den Städten und einem Verständnis von Öffentlichkeit

statt, die als fragmentierter und demokratischer Raum ständig

neu herzustellen ist. Beispielhaft befassen sich die ausgewählten

künstlerischen Ar beiten, die sich alle auf den Kontext Wien

beziehen, mit einigen Aspekten und Reibungsflächen, die in

den aktuellen Diskursen zur Wohnungsfrage virulent sind.

As a form of cultural expression, art has played a special

role in public housing projects since the beginning of the

Social Democratic era during Austria’s First Republic. During

the postwar years, there was a widespread program to decorate

municipal housing estates with mosaic murals, sculptures, and

artist-designed functional objects such as playgrounds, fountains,

and pavilions, which also provided financial support for

artists at a time when there was not yet a market for art. In the

early 1990s, this close relationship between architecture and

art broke down, moving away from the art-in-architecture

model toward one of art in public spaces. Working from the

principle that urban space can only be understood in its social

context, KÖR GmbH was founded in 2004 as an institution

to support contemporary art in urban spaces and implement

projects in keeping with that understanding of art. As “art in

the public interest,” such practices have become part of the

effort to come to terms with the social and urban themes that

shape everyday life in the city, its social and political contexts,

and divergent interests. Independently of these programs,

the art context has increasingly been the initiator of global

debates about housing, living in cities, and the public sphere

as a fragmented and democratic space that must constantly

be recreated. The works of art selected here, all of which relate

to the Viennese context, are re presentative of several of the

aspects and sources of friction at work in current debates on

the issue of housing.

233


Sabine Bitter & Helmut Weber

leben in Vancouver und Wien. In ihren

rechercheorientierten Arbeiten setzen

sie sich mit Moderne, Architektur und

Stadt und den damit verbundenen

Repräsentations- und Raumpolitiken

auseinander. Mittels Fotografie und

Installation gehen sie spezifischen

Momenten und Logiken globaler Veränderungen

nach, wie sie sich in lokalen

Verhältnissen manifestieren. Seit

2004 bilden sie gemeinsam mit Jeff

Derksen das Kollektiv „Urban Subjects“.

live in Vancouver and Vienna. In their

research-oriented works, they address

modernity, architecture, and the city,

and the associated politics of representation

and space. Through photography

and installation, they explore

specific aspects and logics of global

changes as manifested in local conditions.

Together with Jeff Derksen,

they formed the “Urban Subjects”

collective in 2004.

Peter Fattinger, Veronika Orso,

Michael Rieper

leben in Wien und arbeiten gemeinsam

als loses Kollektiv an der Schnittstelle

von Architektur, Kunst und

Design. Fattinger und Orso studierten

Architektur an der TU Wien, Rieper

an der TU Graz. Ihre Praxis als freischaffende

ArchitektInnen (Orso,

Fattinger) und die Lehre an der TU Wien

(Fattinger, Rieper) bilden den Hintergrund

für ihre Installationen und

Interaktionen im öffentlichen Raum.

live in Vienna and work together as

a loose collective at the intersection of

architecture, art, and design. Fattinger

and Orso studied architecture at the

Vienna University of Technology, Rieper

at the Graz University of Technology.

Their practice as free lance architects

(Orso, Fattinger) and their teaching work

at the Vienna UT (Fattinger, Rieper)

form the background for their installations

and interactions in public spaces.

Wolfgang Förster

Geboren in Wien. Studium der Architektur

in Wien und Graz, postgraduale

Ausbildung in Politologie. Arbeitet

als Architekt, Konsulent und Wissenschaftler.

Zahlreiche Veröffentlichungen

zu den Themen Wohnbau und

Stadterneuerung. Seit 2001 Bereichsleiter

für Wohnbauforschung und

Gebietsbetreuung im Rahmen der

Wiener Stadtverwaltung sowie zuständig

für internationale Kontakte im Bereich

Stadterneuerung und Wohnbau.

Konsulententätigkeit zu Wohnbau

und Stadterneuerung unter anderem

für Budapest / Ungarn, Aleppo / Syrien,

Nouakchott / Mauretanien, Kigali / Ruanda.

2015 erhielt er das Große goldene

Ehrenzeichen für Verdienste um das

Land Wien. Seit September 2015 ist er

Koordinator der IBA_Wien, Internationale

Bauausstellung 2015–2020 mit

dem Thema „Neues soziales Wohnen“.

Born in Vienna, Austria. Studied architecture

and planning, as well as political

sciences in Vienna and Graz.

PhD in political sciences. Works as

an architect, consultant, and researcher.

Author of numerous publications

on topics relating to housing and urban

renewal. Since 2001 head of the Vienna

Regional Housing Research Division,

in charge of the Area Renewal Offices

and international cooperation in the

fields of urban renewal and housing.

Consultant for housing and urban renewal

for a variety of cities, including

Budapest, Hungary; Aleppo, Syria;

Nouakchott, Mauretania; and Kigali,

Rwanda. In 2015 he received the

Grand Decoration of Honor in Gold

for meritorious service to the Federal

State of Vienna. For 2015–20 he is

the coordinator of IBA_Wien, the

Vienna International Building Exhibition

on “New Social Housing.”

Martina Frühwirth

geboren in New York, aufgewachsen

in Wien. Studium der Landschaftsarchitektur

an der Universität für Bodenkultur

in Wien. Seit 1993 Gestaltung

von Beiträgen und Sendungen für den

Kultursender Ö1 des österreichischen

Rundfunks, mehrfach ausgezeichnet.

Seit 2004 im Architekturzentrum Wien

als Mitarbeiterin für Dokumentation,

Publikation und Vermittlung zeitgenössischer

Architektur zuständig. 2012

Fotografische Auftragsarbeit für die

„Regionale XII – Festival für zeitgenössische

Kunst und Kultur“ (Reisedokumentation),

seit 2015 intensive Auseinandersetzung

mit s/w-Fotografie

und analoger Dunkelkammerarbeit.

was born in New York and grew up

in Vienna where she studied landscape

architecture at the University of

Natural Resources and Life Sciences.

Since 1993 she has been creating contributions

and programs for the

cultural channel Ö1 at the ORF, the

Austrian Broadcasting Authority.

Since 2004 she has worked at the Architekturzentrum

Wien where she is responsible

for documenting, publishing, and

communicating contemporary architecture.

In 2012 she was commissioned

to produce photographic work for the

“Regionale XII – Festival für zeitgenössische

Kunst und Kultur” (travel documentation)

and she has been intensely

involved with b & w photography and

analog darkroom work since 2015.

Heidrun Holzfeind

studierte an der Akademie der

bildenden Künste Wien und an der

Cooper Union in New York. Sie

lebt und arbeitet in Wien und Umeå.

In ihren Arbeiten untersucht sie,

wie sich architektonische und oft

modernistische Konzepte im Alltagsleben

der BewohnerInnen nachzeichnen

lassen. Ihre meist filmische Praxis

kreist um Aneignungsprozesse, die

Herstellung von Gemeinschaft, aber

auch Fragen des Dokumentarischen

zwischen Kunst und sozialer Praxis.

studied at the Academy of Fine Arts

in Vienna and Cooper Union in New

York City. She lives and works in

Vienna and Umeå. In her work she

explores how architectural concepts,

frequently modernist ones, have

left their mark on residents’ daily lives.

Her practice, which usually involves

film, revolves around processes of

appropriation and the production

of community, as well as issues relating

to the documentary as a genre

between art and social practice.

Alfredo Jaar

Der in Chile geborene und als Architekt

ausgebildete Künstler lebt in New York.

Der mehrmalige Teilnehmer der Biennalen

von Venedig und São Paulo sowie

der documenta in Kassel realisierte

Gedenkstätten und Interventionen im

öffentlichen Raum. In seinen zumeist

installativen Arbeiten nimmt er auf

brisante politische Themen Bezug –

etwa den Völkermord in Ruanda –, wobei

er die Mechanismen und Leerstellen

der Medien als globales Bilderregime

offenlegt.

The Chilean-born artist was trained

as an architect; he lives in New

York. A frequent participant in the

Venice and São Paulo biennials as well

as documenta in Kassel, he creates

memorials and interventions in public

spaces. In his mostly installationbased

works, he refers to explosive

political themes such as the genocide

in Rwanda, exposing the media’s

mechanisms and blind spots as a global

visual regime.

Ulrike Lienbacher

lebt und arbeitet als bildende Künstlerin

in Wien und Salzburg. Sie studierte

Bildhauerei an der Universität

Mozarteum in Salzburg. Ausgehend

vom menschlichen Körper untersucht

sie aus einem politischen und genderspezifischen

Blickwinkel in ihren

zeichnerischen, skulpturalen und fotografischen

Arbeiten Abhängigkeitssysteme

von gesellschaftlichen Normen

und Vorschriften und erforscht, wie

sich gesellschaftliche Systeme auf dem

Körper widerspiegeln.

is a visual artist who lives and works

in Vienna and Salzburg. She studied

sculpture at the University Mozarteum

in Salzburg. Taking the human body

as her starting point in her drawings,

sculptures, and photographs, she explores,

from a political and genderspecific

perspective, systems of dependency

on social norms and rules and

the ways social systems are mirrored

on the body.

William Menking

Gründer und Chefredakteur von

The Architect’s Newspaper. Die Zeitung,

die in New York (Osten), Kalifornien

(Westen), Chicago (Mittlerer Westen)

und Austin / Texas (Südwesten) erscheint,

beleuchtet die jüngsten Entwurfsprojekte

sowie -aufträge und setzt sich

mit aktuellen Veranstaltungen und

kulturellen Entwicklungen in Architektur,

Stadtgestaltung und -planung

auseinander. Menking kuratierte verschiedene

Ausstellungen – beispielsweise

Archigram: Experimental Architecture

1961–1974 und Superstudio

Life Without Objects, Experimental

Architecture 1964–2000. 2008 war er

bei der Architekturbiennale Venedig

Komissionsmitglied und Co-Kurator

des US-Pavillons mit der Ausstellung

Into the Open: Positioning Practice. Er ist

gemeinsam mit Aaron Levy Co-Autor

und Mitherausgeber der Publikationen

Four Conversations on the Architecture

Of Discourse: Venice, New York, London

and Chicago und Architecture on Display:

On The History of the Venice Biennale of

Architecture (beide bei der Architectural

Association erschienen). Er hat eine

Professur am Pratt Institute.

founder and editor-in-chief of The Architect’s

Newspaper. Published in New

York (East), California (West), Chicago

(Midwest), Austin Texas (Southwest),

the papers highlight the latest design

projects and commissions, current

events and cultural developments in

architecture, urban design, and

planning. He has curated exhibitions

including Archigram: Experimental

Architecture 1961–1974, and Superstudio

Life without Objects, Experimental Architecture

1964–2000. In 2008 he was

commissioner and co-curator of the

244


US Pavilion at the Venice Architecture

Biennale with the exhibition Into

the Open: Positioning Practice. He coauthored

and edited (with Aaron Levy)

the books Four Conversations on the

Architecture of Discourse: Venice, New York,

London, and Chicago and Architecture

on Display: On the History of the Venice

Biennale of Architecture (both published

by the Architectural Association).

He is a professor at Pratt Institute.

Gerald Straub

ist in Wien lebender und arbeitender

Künstler, Kurator und angewandter

Kulturtheoretiker. Seit seinem Studium

in Wien, Schottland und London realisiert

er internationale Projekte und

unterrichtete unter anderem an der

University of Essex, am Goldsmiths

College oder an der London Metropolitan

University. Seine Projekte und

Ausstellungen versteht er als performative

Interventionen, die vor allem

der Erforschung formeller als auch informeller

Wissensproduktion dienen.

is an artist, curator, and applied cultural

theorist. Educated in Vienna, Scotland,

and London, he has produced international

projects and taught at the

University of Essex, Goldsmiths College,

and London Metropolitan University,

among other places. He lives and works

in Vienna. As performative interventions,

his projects and exhibitions serve

primarily to explore the formal

and informal production of knowledge.

tat ort (Alexandra Berlinger,

Wolfgang Fiel)

Alexandra Berlinger studierte Tonund

Videokunst an der Universität für

angewandte Kunst Wien, Wolfgang

Fiel studierte Architektur in Wien und

London. Als Künstlerkollektiv tat ort

arbeiten sie multimedial an der Schnittstellen

zwischen bildender Kunst, Architektur

und öffentlichem Raum. Zentral

ist in ihrer Auseinandersetzung die

Frage nach kollektiven Prozessen – wie

sich diese verhandeln lassen, konstituieren

und wiederum auf den Raum

niederschlagen.

Alexandra Berlinger studied sound

and video art at the University of

Applied Arts in Vienna; Wolfgang Fiel

studied architecture in Vienna

and London. As the multimedia artists’

collective tat ort, they work at the

intersection of visual art, architecture,

and public space. A central concern

of their work is the question of collective

processes: how they can be

negotiated, how they are constituted,

and how they are manifested in space.

Sofie Thorsen

lebt und arbeitet in Wien. Seit ihrem

Studium an der Königlich Dänischen

Kunstakademie sowie der Akademie

der bildenden Künste Wien befasst sich

die dänische Künstlerin mittels Abstraktion

und Reduktion mit der Frage nach

den Potenzialen und formalen Qualitäten

moderner urbaner Planungen und

Architekturen. Ihre Praxis umfasst

neben zeichnerischen, skulpturalen und

fotografischen Arbeiten auch Kunst am

Bau und Arbeiten im öffentlichen Raum.

lives and works in Vienna. As a student

at the Royal Danish Academy of Fine

Arts and the Academy of Fine Arts in

Vienna, the Danish artist began using

abstraction and reduction to address the

question of the potentials and formal

qualities of modern urban planning and

architecture. Her practice includes

drawings, sculptures, and photographs

as well as art-in-architecture projects

and works in public spaces.

Johanna Tinzl

lebt und arbeitet in Wien. Sie studierte

an der Universität Mozarteum

Salzburg und der Universität für angewandte

Kunst Wien. Bereits in

der langjährigen Zusammenarbeit

mit Stefan Flunger bis 2014 befasste

sie sich mit ortsspezifischen Interventionen

und Rauminstallationen

als nicht-lineare, vielstimmige Erzählungen.

Ausgangsmaterial für ihre

multimedialen Arbeiten findet sie oft

über Recherchen und die Auseinandersetzung

mit den Menschen vor Ort.

lives and works in Vienna. She studied

at the University Mozarteum in Salzburg

and the University of Applied

Arts in Vienna. In her collaboration

with Stefan Flunger, which continued

until 2014, she was concerned

with site-specific interventions and

installations as nonlinear, polyphonic

narratives. She often finds the source

material for her work through her research

and study of people at the site.

Michael Zinganel

lebt und arbeitet als Architekturtheoretiker,

Kulturhistoriker, Kurator

und Künstler in Wien. Er studierte

Architektur an der TU Graz, Kunst

an der Jan van Eyck Academie in

Maastricht und Geschichte an der Universität

Wien. Zinganel unterrichtete

zuletzt an der Stiftung Bauhaus

Dessau. Mit Michael Hieslmair forscht

er zu verschiedenen Aspekten städtischer

und transnationaler Mobilität,

Massentourismus und Migration.

lives in Vienna and works as an architectural

theorist, cultural historian,

curator, and artist. He studied architecture

at the Graz University of

Technology, art at the Jan van Eyck

Academie in Maastricht, and history

at the University of Vienna. He most

recently taught at the Bauhaus Foundation

in Dessau. With Michael

Hieslmair, he studies various aspects

of urban and transnational mobility,

mass tourism, and migration.

245

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