Dafni Barbageorgopoulou « ZZOT »

dafnieleonora
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Goldrausch Künstlerinnenprojekt art IT, Berlin 2012, 36 pages, ill., 22.8 x 16.5 cm, Softcover, English/German, ISBN 978-3-941318-38-0

Zeitungen und Raumschiffe neu

zusammensetzen – Die Kunst von Dafni

Barbageorgopoulou

An jedem größeren Bahnhof gibt es einen

Laden mit „Internationaler Presse“. Aber

wel che Zeitungen sind international? Die

englischsprachigen? Der beliebte Berliner

Tagesspiegel etwa kann bereits von vielen

Menschen nicht gelesen werden, die in

B erlin leben. So sprechen die zahlreichen

internationalen Künstler/-innen, die für ein

Stipendium in der Stadt sind oder sich hier

nieder gelassen haben, oft kein oder auch

nach Jahren nur wenig

Deutsch. Das liegt auch

an mangelnder Gelegenheit

zur Übung. Bei

größeren kulturellen

Events in Berlin sind

regelmäßi g so viele Menschen

an wesend, die

kein Deutsch verstehen,

dass man fast automatisch

Englisch spricht.

Wer eine Zeitung vor

Augen hat, die Texte aber

nicht entziffern kann,

liest sie trotzdem, nämlich

als „Bild“: als mehr

oder weniger abstraktes Gefüge aus Schlagzeilen,

Textblöcken, Bildern und grafischen

Elementen. Und wer mit dem Flaggenalphabet

im internationalen Schiffsverkehr nicht

vertraut ist, wird die bunten, abwechslungsreichen

Farben und geometrischen Muster

als rein ästhetisches Phänomen bewundern,

ohne zu verstehen, welche Botschaften ausgetauscht

werden. Was als Buchstabenfolge

ZZOT“ lauten würde, heißt im Flaggenalpha

bet so viel wie „Achtung, aufpassen!“:

ein Signal, das auch die Schlag zeile einer

Zeitung ausstrahlen will. Für ihre Serie

ZZOT von 2012 hat Dafni Barbageorgopoulou

belichtete Klischeeplatten aus Metall

verwendet, von denen einst die Seiten des

Tagesspiegels gedruckt wurden. Die Platte n

sind zu Wandreliefs verarbeitet, wofür

sie beschnitten oder übereinandergelegt

wurden. Den ent standenen geometrischen

Formen liegt das Flaggenmotiv „ZZOT

zugrunde. Es gibt auch eine andere Variante,

bei der einzelne Platten wie Zeitungen

schräg auf einem Auslageständer liegen. Die

Künstlerin kombi niert hier zwei Informationssysteme,

die Zei tung und das Flaggenalphabet,

die sich gegenseitig

durchkreuzen.

Abstrakte Muster und

Ornamente haben

D afni Barbageorgopoulou

schon immer interessiert.

Aber sie folgt

nicht dem Trend zur

„neuen Abstraktion“ 1 , ist

keine „Formalistin“ 2 wie

viele heutige Künstler/

-innen, die lediglich das

Vokabular der ungegenständlichen

Moderne

Bright Pointed Arch, 2011, installation view, neu zusammensetzen.

Galerie Akinci, Amsterdam

Die formalen Element e,

die in ihren wand füllenden, auf Bastgewebe-

Rolle gesprayten oder gestickten Bildern

oder in den aus Flächenformen gefalteten

Bodenskulpture n verarbeitet werden, stammen

aus ganz unterschiedlichen Kontexten.

Kennzeichnend für das Vorgehen der

Künstlerin ist die große Installation Bright

Pointed Arch von 2010. Strukturen gotischer

Kirchenfenster, Grundrisse von Wolkenkratzern

in Singapur, Muster für Kleidungsstücke

und Pläne von Raumschiff-Modellen

sind die Quellen für das formale Vokabular,

das in ein Bodenensemble aus Holzelementen

eingegangen ist. Zu der Installation

gehört auch eine an der Wand aufgehängte,

vornehmlich mit rot-weißen rautenartigen

Formen bestickte Bastgewebe-Rolle, die in

ihrer Präsentatio n auch an eine Situation

im Stoffladen er innert. Das Muster ähnelt

Ornamenten auf indianischer Kleidung.

Die Formenwelt, mit der uns unvertraute

Kulturen ihre Kleider und Gegenstände

schmücken, sind für uns genauso „abstrakt“

wie für jeden Laien die Baupläne von Flugzeugen

oder Raumschiffen. Abstrakt ist nicht

das, was nichts Gegenständliches darstellt,

sondern alles, dessen Bedeutung wir nicht

verstehen. Auch in unserer globalisierten

Welt ist weniges so universell lesbar wie die

Piktogramme auf den internationalen Flughäfen.

Wie liest man eine Zeitung, deren

Sprache man nicht beherrscht? Wie gehen

wir mit visuellen Formen um, die uns überall

dort begegnen, wo wir nicht „zuhause“ sind,

und mit ihren festgelegten Bedeutungen,

deren Kontext und praktischen Gebrauchswert

wir nicht erfassen können?

Dafni Barbageorgopoulous Kunst führt

„abstrakte“ Formen und Muster, die sie den

unterschiedlichsten Kontexten entnimmt,

in räumlich und auch körperlich erfahrbaren

Ensembles zusammen. Anstatt die ursprünglichen

Bedeutungen als „Referenzen“ festzuschreiben,

werden die verwendeten Formen

und Zeichen hybrid miteinander verbunden

und damit gleichsam für neue Kodierungen

freigesetzt. So lässt sich Barbageorgopoulous

Kunst mit dem von Claude Levi-Strauss als

„Bricolage“ bezeichneten Vorgehen vergleichen,

der Reorganisation von Zeichen und

Ereignissen zu neuen Strukturen. Dafni

Barbageorgopoulou gehört zu den heutigen

Künstler/-innen, die es sich zur Aufgab e

gemacht haben, einzelne Bestandteile unserer

immer komplexeren Welt zumindest auf

formaler Ebene neu zusammenzubasteln,

gleichsam im radikal verkleinerten Modell.

Ihre Installationen sind so etwas wie mentale

Raumschiffe und sicher nicht zufällig von

den Raumschiff-

Modellen inspiriert,

die man sich

zuhause zusammenbauen

kann.

1 Sven Drühl (Hg.), Neue Abstraktion, Themenspecial

im Kunstforum International, Band 206/2010.

2 Formalismus. Moderne Kunst, heute, Ausst.-Kat.

Kunstverein in Hamburg 2004.

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