Real People of East Africa. Roland Brockmann

tomasers

From 2016 - 2017 I made four trips through Kenya and Tanzania - travelling over land by minibus, motorbike taxi or on foot. Not to search for something, but to meet the existing, was a great adventure. This photo & text book is about the people I met along my way. They talk about what concerns them: success, failure, love, hope... everyday life. The photos show the people in their living or working environment. And always at eye level. Comming out in december at Photo Edition Berlin. With Essays from Alexis Malefakis and Meja Mwangi. Hardcover. 24 x 21 cm, 112 Pages, 49 images. Language: German/English.

Roland Brockmann

REAL PEOPLE

of East Africa


REAL PEOPLE of East Africa


REAL PEOPLE

of East Africa

44 Porträts aus Kenia & Tansania

44 Portraits from Kenya & Tanzania

Roland Brockmann


Inhalt | Content

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8

23

28

65

70

108

109

Vorwort | Preface

Roland Brockmann

Porträts | Portraits Part I

Typisch Afrika? Europäische Imaginationen und Zerrbilder

Typical Africa? European Imaginations and Distortions

Alexis Malefakis

Porträts | Portraits Part II

Reales Leben. Erinnerungen an Orte und Menschen

Real Life. Memories of Places and People

Meja Mwangi

Porträts | Portraits Part III

Fakten & Zahlen | Facts & Figures

Karte | Map


Vorwort | Preface

Roland Brockmann

Dies ist kein Buch über Afrika, sondern über Menschen, denen

ich dort begegnet bin – auf vier Reisen (2016 – 2017) durch Kenia

und Tansania. Sie repräsentieren keinen Kontinent, sondern sich

selbst. Sie erzählen von dem, was sie beschäftigt: Erfolg, Scheitern,

Liebe, Trennung, Hoffnung, Alltag – den gemeinen Herausforderungen

des Lebens. Und dies in ihren Worten. Ich habe dafür nur

die Plattform gestellt, während sie mir die fotografische Bühne

lieferten: ihre Kochstelle, ihre Werkstatt, ihre Wohnung, ihren

Acker – also ihren Lebensmittelpunkt.

Selten habe ich mich so frei gefühlt, wie auf diesen vier Trips übers

Land, mit Minibus, Motorradtaxi oder auch zu Fuß: Nicht etwas

suchen zu müssen, sondern dem zu begegnen, was da ist, das

war ein großartiges Abenteuer. Natürlich hatte auch ich bestimmte

Bilder im Kopf, als ich mich aufmachte; doch die wurden durch die

ersten Begegnungen bald beiseitegeschoben. An ihre Stelle traten

Geschichten, weit persönlicher als ich selbst es erwartet hatte. Sie

bilden sozusagen das Rückgrat dieses Buchs.

Es ging mir um Begegnungen auf Augenhöhe. Als Fotograf

habe ich die Komposition der Bilder bestimmt, aber nichts arrangiert

oder gar künstliches Licht eingesetzt. Beim Fotografieren bestand

meine Arbeit vor allem im Fokussieren auf das Wesentliche.

Mit Glück sind so Porträts entstanden, die keine Umstände

zeigen, sondern Menschen, die ihr Leben leben: Morgens aufstehen,

Tee trinken, mit oder ohne Milch. Dem neuen Tag begegnen

– so wie wir alle.

This is not a book about Africa, but about people I met there

on four journeys (2016 – 2017) through Kenya and Tanzania. They

do not represent a continent, but just themselves. They talk about

what concerns them: success, failure, love, separation, hope, everyday

life – the common challenges of life. And they do so in their

own words. I just provided the platform, while they offered me the

photographic stage: their fire place, their workshop, their apartment,

their field – in other words, their centre of life.

I hardly ever felt as free as on those four trips over land by

minibus, motorbike taxi or on foot. It was a great adventure not

to search for something, but to discover what was already there.

Of course, I also had certain images in mind when I started out,

but they were soon pushed aside by the first encounters. Instead,

other stories came up, far more personal ones than I had expected.

They form the backbone of this book.

It was all about meeting people at eye level. As a photographer,

I decided on the composition of the images, but didn‘t arrange

anything and didn’t even use artificial light. When taking the

pictures, my job was mainly to focus on the essentials.

With some luck, this resulted in portraits that show no circumstances,

but people living their lives: getting up in the morning,

drinking tea, with or without milk, and facing the new day – just

like all of us.

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Kennedy Otieno Okuk, 35

Ziegelbrenner | Brick Burner

Das Brennen von Ziegeln hat mein Leben verändert. Ohne sie

wäre ich heute einer wie alle anderen. Mit den ersten Ziegeln

konnte ich mein eigenes Haus bauen, und dank dem Geld, das ich

durch den Verkauf verdiene, war es dann auch leicht, eine Frau zu

finden. Sie geht mir zur Hand, kümmert sich um den Haushalt und

unsere vier Kinder.

Nach der Grundschule wurde ich zunächst Fischer, wie die

meisten Männer hier am Viktoriasee. Später holte mich mein Bruder

nach Eldoret. Der hat dort eine Schneiderei. In der Stadt lernte ich

dann jemanden kennen, der Ziegel brannte. Ich hatte sowas noch

nie gesehen. Er machte gute Geschäfte, war ein angesehener

Mann. Das hat mich beeindruckt, also schaute ich mir seine Technik

ab und ging zurück in mein Dorf, wo ja keiner Ziegel kannte.

Beim Tischler ließ ich mir vier Holzformen bauen, in die ich den

Lehm fülle. Lehm gibt es auf meinem Stück Land, der kostet mich

also nichts, nur das Feuerholz muss ich kaufen. Wenn der Lehm

fest genug ist, stürze ich ihn aus der Form, damit er in der Sonne

langsam trocknen kann.

Die Lehmziegel schichte ich dann auf, lasse dabei aber Platz für

Feuerholz und Luftzufuhr. So entsteht eine Art Ofen, den ich von

außen mit Lehm bedecke. Nun muss ich nur noch das Holz anzünden

und abwarten, bis die Ziegel gebrannt sind.

Dass ich diese Idee ins Dorf brachte, verschaffte mir dort

Respekt. Früher gab es bei uns fast nur Lehmhäuser und einige

wenige aus Zement. Inzwischen versuchen sich auch andere als

Ziegelbrenner, aber meine Ziegel haben die beste Qualität – die

der anderen zerbrechen leichter als meine. Wichtig ist, dass man

tief genug gräbt, um an den reinen, roten Lehm zu kommen.

Burning bricks has changed my life. Without it, I would be like

everyone else today. With the first bricks, I was able to build my

own house. And thanks to the money I make from selling them, it

was also easy to find a woman. She helps me and takes care of the

household and our four children.

After primary school I first became a fisherman, like most of the

men here at Lake Victoria. Later, my brother took me to Eldoret.

He‘s got a tailor‘s shop there. In the city I met someone who was

burning bricks. I‘d never seen anything like it. He had a lot of

business and was a respected man. I was impressed by that, so I

studied his technique and went back to my village, where nobody

knew anything about bricks.

I had four wooden moulds built at the carpenter’s, which I fill

with clay. There is enough clay on my piece of land, so it doesn’t

cost me anything. The only thing I have to buy is the firewood.

When the clay is solid enough, I tip it out of the mould so that it

can slowly dry in the sun.

I then pile up the clay bricks, leaving enough space for firewood

and air flow. This creates a kind of oven, which I cover on the outside

with mud. The only thing I have to do then is light the wood

and wait for the bricks to be burnt.

Bringing this idea to the village has earned me a lot of respect.

In the past, we used to have mainly clay houses and a few concrete

ones. Since then, other people have also tried their hand at brick

burning, but my bricks are the best quality – those of the others

break more quickly than mine. The important thing is to dig deep

enough to get to the pure, red clay.

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Kosele, Kenya


Nathaniel Rukubanshamba, 59

Frachtlogistiker | Cargo Logistician

Mein ganzes Berufsleben bin ich nun bei der Tansanischen

Eisenbahn. Aber was sind dreißig Jahre, verglichen mit der Zeit,

die der Bahnhof hier steht? Bestimmt über hundert Jahre. Die

Deutschen haben ihn gebaut, so wie auch die ganze Strecke

von Daressalam nach Tabora – 850 Kilometer, als Meterspur. Das

Schwarzweißfoto an der Wand zeigt aber nicht Tabora. Welcher

Bahnhof das ist, kann ich gar nicht sagen. Von der Kolonialzeit

weiß ich nur aus der Schule. Aber ich bin stolz, in so einem historischen

Gebäude zu arbeiten. Wenn man zwischen diesen Mauern

sitzt, kann man sich vorstellen, wie sich drum herum alles verändert

hat: von der Dampflok bis zur Diesellokomotive – elektrische

Züge haben wir nicht. Inzwischen aber Computer. Wenn ich wissen

will, wo sich bestimmte Waggons gerade befinden, kann ich da

nachschauen.

Einmal am Tag geht auch ein Personenzug. Mit drei Klassen.

Für die Strecke bis nach Daressalam braucht der zwanzig Stunden,

wenn alles gut geht. Aber ich bin für den Güterverkehr zuständig.

Ich stelle die Ladungen zusammen. Kein leichter Job, nicht nur

wegen der Zwölfstunden-Schichten. Güterverkehr läuft rund um

die Uhr. Ich fühle mich für die Ladung verantwortlich, es mangelt

aber an einsatzbereiten Loks und Waggons. Das sind dieselben wie

1987, als ich als Vorarbeiter auf dem Rangierhof anfing. Die meisten

stammen wahrscheinlich noch aus der Kolonialzeit. Die Weichen

auf dem Hof werden von Hand gestellt, fürs Rangieren haben wir

eine alte Diesellok.

Der meiste Gütertransport findet heute auf der Straße statt. Da

liegt die Zukunft. Meinem Sohn werde ich ganz sicher nicht raten,

bei der Eisenbahn anzufangen. Hier ist doch alles marode, wird

nichts richtig gewartet. Das Bahnhofsgebäude aber ist massiv und

steht sicher noch ewig.

I’ve spent my whole career at the Tanzanian Railway. But what

are thirty years compared to the time the station has been here?

It’s definitely been over a hundred years. The Germans built it, just

like the whole line from Dar es Salaam to Tabora – 850 kilometres,

as metre gauge. But the black-and-white photo on the wall

doesn’t show Tabora. I can’t say what station it is. I only know

about the colonial period from school. But I’m proud to work in a

historical building like this. When you sit here between these walls,

it’s easy to imagine how everything around you has changed: from

the steam engine to the diesel locomotive – we don’t have electric

trains. But we do have computers now. If I want to find out where

certain wagons are, I can check on the computer.

Once a day there’s also a passenger train. With three classes.

The journey to Dar es Salaam takes twenty hours if all goes well.

But I’m responsible for goods transport. I prepare the cargo. It’s

not an easy job and that’s not just because of the twelve-hour

shifts. Goods transport happens around the clock. I feel responsible

for the cargo, but there’s a lack of working locomotives and

wagons. They’re the same ones as in 1987, when I started at the

yard as a foreman. Most of them probably date back to colonial

times. The switches in the yard are operated by hand, we have an

old diesel locomotive for shunting.

Most goods are transported by road these days. That’s where

the future lies. I would definitely not advise my son to join the railway.

Everything is run-down here, nothing is maintained properly.

But the station building is massive and will probably stand forever.

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Tabora, Tanzania


Halima Ramadhan, 45

Reinigungsfrau | Cleaning Woman

Eines Tages kam ein Bekannter vorbei und sagte: „Halima, du

hast doch Ratten, vielleicht kann dir diese Katze helfen“. So kam

Whitey zu uns. Wir nennen sie so wegen ihres weißen Fells.

Ich wohne hier mit meinen fünf Kindern. Mein Mann starb

letztes Jahr. Er war Fischer und eine Woche unterwegs auf dem

Meer als er krank wurde. Die anderen Männer setzten ihn auf einer

unbewohnten Insel ab und fuhren erst mal weiter fischen. Die

dachten, der wird schon wieder gesund. Später entdeckte ihn ein

anderer Fischer und brachte ihn aufs Festland, dort ist mein Mann

dann am nächsten Tag gestorben.

Seitdem sind wir auf uns allein gestellt. Ich verdiene etwas Geld

mit dem Verkauf von Seife oder wenn ich bei anderen putze. Wenigstens

muss ich keine Miete bezahlen. Das Grundstück hier war

mal ein Campingplatz, es sind ja nur ein paar Meter zum Strand.

Trotzdem ging das Geschäft nicht gut und der Besitzer zog in die

Stadt. Die meisten Gebäude sind inzwischen marode. Ich passe

auf, dass sie nicht noch mehr verfallen, dafür kann ich hier wohnen.

Strom haben wir nicht, nur eine Autobatterie mit einer Glühbirne.

Wenn die Batterie leer ist, bringen wir sie in eine Autowerkstatt

zum Aufladen, aber nicht immer haben wir genug Geld dafür.

Whitey war noch sehr klein, als der Bekannte sie damals zu mir

brauchte. Ich habe sie mit Porridge aufgezogen. Dadurch wurde

sie sehr zutraulich. Wenn man sie ruft, kommt sie. Meine Kinder

spielen mit ihr, und nachts schläft Whitey bei ihnen im Bett. Haustiere

sind nicht üblich hier. Die Leute halten Tiere nur zum Nutzen.

Zum Beispiel Milchkühe oder Wachhunde, obwohl Hunde als haram

gelten. Kinder bewerfen sie mit Steinen, und die Nachbarskinder

piesacken auch Whitey.

Meine Kinder sind anders: Wenn Whitey sich beim Kämpfen

mit streunenden Katzen verletzt, versorgen sie ihre Wunden.

One day a friend of mine dropped in and said: “Halima, you

have rats, don’t you? Maybe this cat can help.” That’s how Whitey

came to us. We call her that because of her white fur.

I live here with my five children. My husband died last year. He

was a fisherman and he was out at sea for a week when he fell

ill. The other men left him on a desert island and went on fishing.

They thought he would get better again. Later, another fisherman

found him and brought him back to the mainland, where he died

the next day.

Since then we have been on our own. I make a little money

selling soap and cleaning for other people. At least I don’t have

to pay any rent. This plot of land used to be a camping site; it’s

only a few metres away from the beach. But all the same, the

business didn’t do well and the owner moved to the city. Most of

the buildings have fallen into decay. I make sure that things don’t

get worse and in return I can stay here. We don’t have electricity,

just a car battery with a light bulb. When the battery is empty, we

take it to a garage to charge, but we don’t always have enough

money for that.

Whitey was still very small when my friend brought her over. I

brought her up on porridge. She trusts us because of that. When

we call her, she comes. My children are always playing with her

and at night Whitey sleeps with them in their bed. Pets aren’t

common here. People only keep animals to use them, like dairy

cows or watch dogs, even though dogs are considered haram.

Children throw stones at them and the kids in the neighbourhood

also pester Whitey.

My children are different. When Whitey gets hurt fighting stray

cats, they take care of her wounds.

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Gezaulole, Tanzania


Hirack Makando, 32

Grundschullehrerin | Primary School Teacher

Heute ist erst mein zweiter Tag in Chongoleani. Als ich von

der Entscheidung der Schulbehörde erfuhr, dass ich ab jetzt hier

unterrichten soll, war ich wirklich geschockt. Chongoleani ist ein

kleines Fischerdorf am Meer, 700 Einwohner. Hier schmeckt sogar

das Brunnenwasser salzig. Es gibt ein paar Läden, aber da bekommt

man nicht mal eine kalte Limonade. Und ich wohne mit

meiner Familie ja in Tanga, der Distrikthauptstadt. Natürlich habe

ich gehofft, dort eine Lehrerstelle zu bekommen. Aber da kann

man nichts machen. Wohin man versetzt wird, das bestimmt allein

die Behörde. Und das bedeutet für mich für die nächsten Jahre:

Chongoleani.

Jetzt fahre ich jeden Tag zuerst mit dem Bus und dann das

letzte Stück, wo kein Bus mehr verkehrt, mit dem Motorradtaxi.

Die Transportkosten muss ich selber bezahlen. Da bleibt von meinem

Gehalt kaum was übrig. Aber umziehen wollen wir nicht. Da

spare ich lieber auf ein eigenes Moped. Lehrerin wollte ich schon

immer werden. Auch um etwas zur Entwicklung der Gesellschaft

beizutragen. Ich unterrichte Mathe, Geschichte und Geografie an

der Grundschule. Da lernen die Kinder noch auf Kisuaheli, erst ab

der weiterführenden Schule auf Englisch. Jedenfalls offiziell, praktisch

wird auch da viel Kisuaheli gesprochen. Das ist halt unsere

Sprache in Tansania. Selbst mein Englisch ist nicht wirklich gut.

Wir haben nicht genug Klassenzimmer und Lehrer, fünfzig bis

siebzig Kinder sitzen in einem Raum. Trotzdem finde ich das Niveau

der Schüler ganz gut. Sie können mir folgen. Schulbücher stellt der

Staat, Schreibhefte und Stifte müssen die Kinder mitbringen, aber

nicht alle Eltern können sich das leisten. Denn die meisten hier sind

Fischer, haben selbst höchstens die Grundschule besucht. Es gibt

auch Kinder, die haben nicht genug zu essen. Deshalb wollen wir

jetzt eine Schulspeisung organisieren, bei der Eltern gemeinsam

für alle Kinder kochen.

Today is only my second day in Chongoleani. When I heard

about the school authorities’ decision that I should teach here

from now on, I was in shock. Chongoleani is a small fishing village

by the sea, with 700 inhabitants. Even the water from the well

tastes salty here. There are a few shops, but you can’t even get a

cold soft drink there. And I live in Tanga, the district capital, with

my family. Of course I was hoping that I would get a teaching

position there. But there’s nothing you can do about it. It’s up to

the school authorities to decide where you work. And for me that

means I’ll spend the next few years in: Chongoleani.

To get to work every day, I first have to take the bus and then a

motorcycle taxi for the last part of the journey where there aren’t

any buses. I have to pay my travel costs myself. It doesn’t leave

me with much of my salary. But we didn’t want to move. I would

rather save for my own moped. I always wanted to be a teacher.

Also to contribute to the development of society. I teach maths,

history and geography in primary school. The children are taught

in Kiswahili there, English is the main language from secondary

school onwards. At least officially; in practice a lot of Kiswahili is

spoken there too. It’s our language in Tanzania. Even my English

is not very good.

We don’t have enough classrooms and teachers. There are fifty

to seventy children in a room. But all the same, I think the level

of the pupils is quite good. They can keep up with the lessons.

The state provides schoolbooks, the children have to bring their

own exercise books and pens, but not all parents can afford that.

Most of the people here are fishermen and have attended primary

school at most. There are also children who don’t have enough to

eat. That’s why we want to organise a school meal where parents

will cook for all the children.

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Chongoleani, Tanzania


Typisch Afrika? Europäische Imaginationen und Zerrbilder

Typical Africa? European Imaginations and Distortions

Alexis Malefakis

Für viele Menschen in Europa ist Afrika immer noch entweder

ein Ort der Dunkelheit und Bedrohung oder umgekehrt ein romantisch

verklärtes Naturparadies. In europäischen Zeitungsberichten

und Fernsehreportagen dominieren Bilder von Hungerkatastrophen,

Armut, Gewalt oder von gefährdeten Tierarten, Naturschauspielen

und Menschen die „wie vor tausenden von Jahren“ leben. Das

alltägliche Leben der über eine Milliarde Menschen, von denen die

Mehrheit weder im Bürgerkrieg lebt, noch mit HIV infiziert ist oder

Hunger leidet, eignet sich dagegen nicht für Schlagzeilen.

Für Europa bleibt Afrika ein Sinnbild des radikal Anderen, eine

Art Gegenentwurf zu den eigenen Gesellschaften. Diese Vorstellungen

von Afrika haben sich über Jahrhunderte etabliert und

spiegeln sich bis heute in medialen Bildern wider.

Dabei sagen diese Zerrbilder mehr über unsere eigenen Imaginationen

aus als über die Lebensrealitäten von Afrikanerinnen

und Afrikanern. In unzähligen Reiseberichten, Gemälden, Ausstellungen,

Fotobänden und Dokumentarfilmen wurde Afrika als

der wilde, ungebändigte und archaische Gegenpol zu Europa

dargestellt, das viele Menschen unter dem Eindruck der Industrialisierung

und später des Horrors des Ersten Weltkrieges als

übertechnisiert und entfremdet wahrnahmen.

Zunächst aus Unverständnis, später auch mit einem ausdrücklichen

Unwillen, die Lebensweisen und Weltbilder der Menschen,

ihre Geschichte und Kulturen als den eigenen ebenbürtig anzuerkennen,

wurde der Kontinent zur Projektionsfläche für europäische

Fantasien, Gruselgeschichten und Sehnsüchte. Diese Zerrbilder,

muss gleich hinzugefügt werden, waren Teil eines Diskurses über

Afrika, der in handfeste politische, militärische und wirtschaftliche

Interventionen mündete, um den Kontinent und seine Menschen

zu unterwerfen und auszubeuten. Sowohl die europäische Fiktion

For many people in Europe, Africa is still either a place of

darkness or, on the contrary, a romantically idealized paradise.

European newspapers and television reports of Africa are dominated

by images of famine, poverty, violence or endangered

animal species, natural spectacles and people living “as they did

thousands of years ago”. The everyday lives of the more than one

billion people, the majority of whom do not live in civil war, are

not infected with HIV and do not suffer from hunger, seem not to

be newsworthy to us.

For many Europeans, Africa remains the radical “other”, a kind

of reverse image of its own society. This idea of Africa has been

established over centuries and is reflected in media images to this

day.

Europe’s distorted images of Africa tell us more about our own

imaginations and desires than about the lived realities of the

people they depict. Since the first encounters of Europeans with

Africa, countless travel reports, paintings, exhibitions, photographs

and documentaries portrayed life on the African continent as an

untamed and archaic antithesis to European societies. As Europe

changed rapidly during the time of industrialization and urbanization,

many people felt alienated by an increasingly mechanised

way of life and were shocked by the unprecedented and dehumanised

possibilities of engineered mass-killings in two World

Wars. Against this backdrop, Africa became an image of archaic

and primitive life.

Without understanding the ways of life and world views of

Africans and unwilling to accept their cultures and histories as

equal to its own, Europe projected its fantasies, fears and desires

onto the African continent. The resulting imaginations, it must be

added, were part of a European discourse about Africa that led to

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Männern und Frauen, die in den üblichen europäischen Klischees

von Afrika kaum vorkommen: Lehrer, Handwerker, Fischer oder

Bauern. Menschen also, die in ihrem Alltag vor ähnlichen Herausforderungen

stehen wie viele Menschen in anderen Weltregionen auch.

Der Journalist und Fotograf zeigt uns also nicht das „Andere“, die

Negation Europas, sondern bezeugt ganz beiläufig, was die Menschen

in seinen Bildern mit den Betrachtern seines Buches vereint:

persönliche Lebensgeschichten, individuelle Erfahrungen, private

Hoffnungen und Herausforderungen, die trotz ihrer großen Bandbreite

doch allen gemein sind. Der Ziegelbrenner, der Sargmacher,

die Lehrerin – sie werden in erster Linie als Menschen porträtiert,

die uns in ihren kurzen Statements zu den Bildern Einblicke in ihr

Leben gewähren. Das ist Roland Brockmanns Idee einer Begegnung

auf Augenhöhe: Der Fotograf wählt zwar den Bildausschnitt

und drückt auf den Auslöser; doch wie die Fotografierten sich in

ihren eigenen Worten darstellen und was sie von sich preisgeben,

entscheiden sie selbst.

cultures and ways of life, such a claim must fail anyway. In his

pictures, Roland Brockmann rather presents us with men and

women who can rarely be found in mainstream representations of

Africa in Europe: teachers, craftsmen, fishermen or farmers. People

who face similar challenges in their everyday lives like many

people around the world. The journalist and photographer does

not show us the “other”, a reverse image of Europe, but presents

the men and women in his pictures with their personal life stories,

experiences, hopes and challenges – aspects of life that despite

their cultural and individual variations, characterise human existence

all over the world.

The brickmaker, the coffin maker, the teacher – they are portrayed

primarily as “ordinary people” who, in their brief statements,

grant us insights into their lives. This is Roland Brockmann‘s idea of

an encounter at eye level: while he, as the photographer, chooses

the detail of the picture and clicks on the camera shutter, the men

and women he portrays decide what they reveal about themselves

and choose their own words.

Alexis Malefakis, Kurator Afrika

Völkerkundemuseum der Universität Zürich

Alexis Malefakis, Curator Africa

Ethnographic Museum at the University of Zürich

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Kibera / Nairobi, Kenya


Paul Were Abura, 49

Knochenschnitzer | Bone Carver

Ich bin Knochenschnitzer. Wir produzieren Souvenirs: Krokodile,

Gazellen und natürlich auch Löwen – afrikanische Tiermotive.

Jeder hat sein eigenes Modell, ich mache nur Giraffen. Das Design

habe ich selbst entwickelt. Die Idee mit den Knochen kam auf, als

sich Kenia dem Exportverbot für Elfenbein anschloss. Inzwischen

ist das schon eine richtige kleine Industrie. Allein hier im Slum von

Kibera verdienen damit bestimmt tausend Leute ihr Geld. Ich mache

das seit zwanzig Jahren, aber erst 2006 habe ich mich einem

Kollektiv angeschlossen. In unserer „Bone Craft Self Help Group“

sind wir jetzt sechzehn. Jeder arbeitet auf eigene Rechnung, aber

wir teilen uns die Werkstatt und den Schauraum. Händler aus ganz

Ostafrika kaufen bei uns ein und beliefern dann die Souvenirshops.

Die Knochen stammen von Rindern oder Kamelen. Frische sind

am besten, aber teurer. Meist nehmen wir deshalb ausgekochte

Knochen. Die bringen uns die Leute, nachdem sie Suppe daraus

gekocht haben. Den Geruch von den Knochen nehme ich kaum

noch wahr, aber der Staub schädigt die Lungen, einige Knochenschnitzer

sind an TBC erkrankt. Um eine Figur zu fräsen, brauche

ich knapp fünf Minuten. Dann muss sie aber noch lackiert werden,

nochmal fünf Minuten. In einer guten Woche verdiene ich 4.000

Kenia-Schilling (32 Euro).

In Kibera bin ich nur wegen der Arbeit. Ich stamme aus Nyanza

am Viktoriasee. Mir gehört da auch ein Stück Land, aber es gibt

dort keine Jobs. Meine Frau und unsere drei Kinder leben mit mir

in Kibera. Für das Haus bezahle ich 1.900 Kenia-Schilling Miete

im Monat, plus 500 für Strom. Das Leben im Slum ist nicht so

schlecht, wie viele denken. Trotzdem: Alle drei, vier Monate fahre

ich nach Nyanza und bleibe dann einen Monat. Dort gefällt es mir

besser. Das ist halt meine Heimat.

I’m a bone carver. We produce souvenirs: crocodiles, gazelles

and lions of course – African animal motifs. Everyone has his own

model, I only make giraffes. I developed the design myself. The

idea of the bones came up when Kenya joined the ban of ivory

exports. It’s become a real small industry now. Just in the slum of

Kibera there must be a thousand people who make a living from

it. I’ve been doing it for twenty years, but I only joined a collective

in 2006. There are sixteen of us now in our “Bone Craft Self Help

Group”. Everyone works on his own account, but we share the

workshop and the showroom. Merchants from all over East Africa

buy our products and supply the souvenir shops.

The bones are from cattle or camels. Fresh bones are the best,

but they’re more expensive. That’s why we normally use boiled

bones. People bring them to us after they’ve made soup from

them. I hardly notice the smell of the bones anymore, but the dust

damages your lungs, some of the bone carvers have got tuberculosis.

I need almost five minutes to carve a figure. It still needs to

be painted then, so that’s another five minutes. In a good week I’ll

earn 4,000 Kenyan shillings (32 euros).

I’m only in Kibera because of my work. I’m from Nyanza on

Lake Victoria. I own a plot of land there, but there aren’t any jobs.

My wife and our three children live with me in Kibera. I pay 1,900

Kenyan shillings rent a month for the house, plus 500 for electricity.

Life in the slum isn’t as bad as many people think. But still: every

three or four months I go to Nyanza and spend a month there. I like

it better there. It’s where I’m from.

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Kibera / Nairobi, Kenya


Rose Mongi, 40

Bananenbierbrauerin | Banana Beer Brewer

Für gutes Bier braucht man die richtigen Bananen. Am besten

Ndizi Ngombe („Kuhbananen“), außerdem gekeimte Fingerhirse

und Wasser. Also nur natürliche Zutaten. Die Herstellung ist

anstrengend, morgens um sechs fange ich damit an. Zunächst

entfache ich das Feuer, dann schäle ich die Bananen und zerkoche

sie mit Wasser. Der Topf ist sehr schwer, und beim Umrühren

verbrennt man sich leicht, wenn der brodelnde Brei auf die Haut

spritzt.

Schon meine Mutter hat Mbege (Bananenbier) gebraut, mit

fünfzehn fing ich an, ihr zu helfen – zunächst nur beim Feuerholz

und dem Einkaufen der Zutaten auf dem Markt. Heute bin ich

vierzig, insgesamt sind es also 25 Jahre, die ich jetzt Mbege braue.

Und wenn ich ehrlich bin: Ich kann den Geruch kaum noch ertragen.

Aber man macht gutes Geld mit Mbege. Mein Mann arbeitet

als Lastenträger für Touristen bei Besteigungen des Kilimandscharo,

der verdient auch nicht mehr. Das macht uns in unserer Beziehung

ebenbürtig.

Während die Bananen kochen, mahle ich die Hirse zu Mehl, und

koche es mit Wasser zu einer Art Porridge. Wenn sich die Bananen

nach einigen Stunden rot-braun verfärbt haben und sich auf

der Oberfläche die ersten Blasen bilden, kann ich den Brei seihen,

dazu nehme ich einen einfachen Eimer mit Löchern im Boden. Was

übrig bleibt, verfüttere ich an die Schweine. Abends dann mixe

ich den Bananensud mit dem Porridge und lasse das Ganze über

Nacht gären. Eigentlich sehr einfach. Ich habe kein Geheimrezept.

Der Geschmack ist etwas säuerlich. Meine älteste Tochter sagt,

sie kann mit Mbege nichts anfangen. Ich verstehe das. Aber immerhin

hat es uns ermöglicht, sie auf die weiterführende Schule zu

schicken. Früher hat sie mir noch geholfen, jetzt wird sie eine

Geschäftsfrau.

You need the right bananas for good beer. The best ones are

Ndizi Ngombe (“cow bananas”) and then you also need finger millet

and water. So all the ingredients are natural. Making the beer

isn’t easy and I start at six in the morning. I first light the fire, then I

peel the bananas and boil them in water. The pot is very heavy and

you can easily burn yourself when you stir and the boiling mush

splashes onto your skin.

My mother also made Mbege (banana beer) and I started helping

her when I was fifteen – to begin with, I only helped with the

firewood and bought ingredients on the market. I’m forty years

old now, which means I’ve been brewing Mbege for 25 years. And

to be honest, I can hardly stand the smell anymore. But you can

make good money with Mbege. My husband works as a porter for

tourists climbing Kilimanjaro and he doesn’t earn any more than

me. That makes us equal in our relationship.

While the bananas are boiling, I grind the millet into flour and

boil it in water to make a sort of porridge. After a few hours, when

the bananas have turned reddish-brown and the first bubbles have

appeared on the surface, I can sift the porridge. I use a simple

bucket with holes in the bottom for that. What’s left gets fed to

the pigs. In the evening, I mix the banana brew with the porridge

and let it ferment overnight. It’s all very simple actually. I don’t

have a secret recipe.

The taste is slightly sour. My eldest daughter says she doesn’t

like Mbege. I understand that, but all the same it’s allowed us to

send her to secondary school. In the past she used to help me, but

now she’s going to a be a businesswoman.

38


Lushoto, Tanzania


Wesley Kosgei, 35

Ladenbesitzer | Shop Owner

In meinem Dorf leben rund fünfzig Familien – davon betreiben

acht einen Laden. Und alle verkaufen das Gleiche. Da ist der Wettbewerb

natürlich groß, kann man nicht viel verdienen. Ich würde

gerne auch Werkzeug oder Wellblech anbieten. Ein Eisenwarenladen

fehlt hier nämlich. Aber dafür braucht man mehr Kapital.

Als ich 2011 aufmachte, hat mir mein Vater 1.800 Kenia-Schilling

(15 Euro) geliehen. Davon habe ich Seife, Süßigkeiten und Zucker

gekauft, andere Produkte konnte ich mir nicht leisten. Inzwischen

habe ich auch Brot, Instantsuppen oder Panadol im Angebot. Die

Leute können bei mir ihr Handy aufladen oder Airtime kaufen.

Geöffnet habe ich den ganzen Tag, nur mittags mache ich kurz

zu. Die meisten Kunden kommen abends nach der Feldarbeit. Nicht

nur zum Einkaufen, sondern auch um Neuigkeiten zu erfahren.

Dafür ist ein Laden ja ein guter Ort. Die Leute wollen loswerden,

was sie selbst erlebt haben und umgekehrt die Geschichten der

anderen hören. Bei mir laufen die Nachrichten zusammen – egal

ob von Verkehrsunfällen, überschwemmten Straßen oder privaten

Angelegenheiten. So entstehen natürlich auch Gerüchte: Angeblich

ist jemand fremdgegangen oder hat seine Frau verlassen. Uns

Menschen, glaube ich, fällt es schwer, etwas für sich zu behalten.

Ein kenianisches Sprichwort lautet: Hakuna siri ya watu wawili

(Es gibt kein Geheimnis zwischen zwei Personen). Also, wenn

man einem guten Freund etwas im Vertrauen erzählt, dann hat

der auch wieder einen Freund und bald wissen es alle im Dorf. Da

muss ich aufpassen. Nicht alles gebe ich weiter. Was geht es die

anderen an, wenn zwei Verliebte irgendwo Händchen halten?

Ich bin hier der einzige Ladenbesitzer, der studiert hat. Und

noch immer hoffe ich, eines Tages als Lehrer zu arbeiten. Aber in

Kenia gibt es zu wenig Stellen an den staatlichen Schulen. Deshalb

verkaufe ich Süßigkeiten, statt Kinder zu unterrichten.

There are about fifty families in my village – eight of them run

a shop. And everyone sells the same things. There’s obviously a lot

of competition and you can’t make much money. I would like to

offer tools or iron sheets as well. There’s no hardware shop here.

But you need more capital for that. When I opened in 2011, my

father lent me 1,800 Kenyan shillings (15 euros). I bought soap,

sweets and sugar with that, I couldn’t afford other products. I

also have bread, instant soup and Panadol now. People can charge

their mobile phones or buy airtime at my shop.

I’m open all day, I only close at noon for a short time. Most

customers come in the evening after their farm work. Not just to

shop, but also to get the latest news. A shop is a good place for

that. People want to share what they’ve experienced and hear other

people’s stories. All the news is brought to my shop – whether

it’s about traffic accidents, flooded streets or private matters. Of

course this also causes rumours: someone has supposedly been

unfaithful or left his wife. I think people have trouble keeping

things to themselves. There’s a Kenyan proverb that says: Hakuna

siri ya watu wawili (there are no secrets between two people). So if

you tell a good friend something in confidence, he will tell another

friend and soon everyone in the village will know. I have to be

careful with that. I don’t pass on everything. What business is it of

others if two lovers hold hands somewhere?

I’m the only shopkeeper here who’s been to university. And I

still hope I’ll be able to work as a teacher one day. But in Kenya

there aren’t enough jobs at the state schools. That’s why I sell

sweets to children instead of teaching them.

54


Bomet, Kenya


Sarah Wangechi Nyaga, 46

Teebäuerin | Tea Farmer

Es war an einem Sonntag, als ich zum wahren Glauben fand.

In der Stadt hörte ich einem Evangelisten zu, die Leute sangen

und beteten. Das hat mich ergriffen. Da beschloss ich, mein Leben

Jesus zu widmen. Der Mann legte mir seine Hand auf und wir sprachen

zusammen ein Gebet. Danach bin ich nach Hause zu meinem

Mann und habe ihm gesagt, dass ich durch den Heiligen Geist neu

geboren wurde.

Mein Mann konnte damit nicht viel anfangen. Der war mehr

dem Vergnügen zugewandt, rauchte und trank. Drei Jahre lang

habe ich jeden Tag für ihn gebetet. Dann nahm ich ihn zu einem

Nachtgottesdienst mit. Dort hat er sich auch für den Glauben geöffnet

und wurde neu geboren. Das hat ihn verändert. Er wurde

ernster, ist aber ein glücklicherer Mensch. Heute leitet mein Mann

als Pfarrer unsere Pfingstgemeinde, ich kümmere mich um die Teeplantage.

Die Arbeit auf dem Feld ist hart. Vor allem während der Ernte.

Ständig muss man sich bücken, mit dem großen Korb auf dem

Rücken. Tagelöhner helfen mir bei der Ernte. Jeden Nachmittag

bringen wir die Teeblätter zu einer Sammelstelle. Das Geld bekomme

ich erst am Ende des Monats. Manchmal mache ich Verlust,

wenn die Helfer zu viel Geld verlangen. Trotzdem geht es uns gut.

Wir haben Strom und ein richtiges Bad im Haus – mit fließendem

Wasser. Also nicht nur eine Latrine draußen. Das sind Dinge, die

das Leben angenehmer machen.

Mein Mann und ich treffen alle Entscheidungen gemeinsam.

Auch wenn wir manchmal verschiedener Ansicht sind.

I found the true faith on a Sunday. I was in town, listening to

an evangelist, people were singing and praying. It moved me and

that’s when I decided to devote my life to Jesus. The man laid his

hand on me and we said a prayer together. Afterwards I went

home to my husband and told him I had been born again through

the Holy Spirit.

My husband didn’t know what to make of that. He was more

interested in pleasure and smoked and drank. I prayed for him

every day for three years. Then I took him along to an evening

service. He also opened himself to the faith and was born again. It

changed him. He became a more serious person, but also a happier

one. Today, my husband leads our Pentecostal church and I take

care of the tea plantation.

Work in the fields is hard, especially during the harvest. You

have to bend down all the time with a big basket on your back.

Day labourers help me with the harvest. We take the tea leaves to

a collection point every afternoon. I only get the money at the end

of the month. Sometimes I make a loss when the helpers ask for

too much money. But all the same we’re doing all right. We have

electricity and a proper bathroom in our house – with running

water. So not just a latrine outside. Things like that make life more

pleasant.

My husband and I decide everything together, even if we sometimes

have different opinions.

60


Kiriani, Kenya


Florence Wanja, 35

Teebäuerin und Friseurin | Tea Farmer and Hairdresser

Letzte Nacht, ich schlief schon, rief er mich an. Zunächst erschrak

ich. Aber dann habe ich doch mit ihm geredet. Ich liebe meinen

Mann ja. Trotz allem. Zehn Jahre haben wir zusammen gelebt.

Dann fing er an zu trinken. Nur wegen der Geldsorgen, behauptet

er. Das glaube ich ihm aber nicht, er verschwendet doch das ganze

Geld beim Trinken.

Eines Tages schlug er mich vor Fremden. Da entschied ich: Besser

ich kehre zurück zu meinen Eltern und suche nach einer eigenen

Zukunft. Ein schwieriger Schritt unter uns Kikuyu. Zu den Eltern

zurückzukehren, wird nicht gern gesehen, wenn der Mann den

Brautpreis bezahlt hat, man bereits einen eigenen Haushalt hat.

Wir alle gehören der Pfingstgemeinde an. Auch ich gehe jeden

Sonntag zum Gottesdienst. In der Bibel steht: Wo Menschen sich

versammeln, sind wir zusammen. Aber ich will mich auch entwickeln.

Inzwischen arbeite ich halbtags als Friseurin im Ort. Ich hoffe,

irgendwann meinen eigenen Salon zu haben, obwohl ich noch gar

nichts sparen konnte. Genau das will mein Mann auch gar nicht.

Eine eigenständige Frau kann er schlechter kontrollieren.

Im Vergleich zu anderen Frauen bin ich in einer guten Position,

weil wir in der Kirche geheiratet haben. Das machen hier nur wenige,

weil es teuer ist: die Brautjungfern, die Zeremonie. Meistens

schickt der Mann nur einige Ältere zur Familie der Frau, die übergeben

den Eltern eine Ziege, damit sie die Ehe akzeptieren. Das

wird vorm Gesetz aber nicht anerkannt.

Getroffen haben wir uns seit der Trennung noch nicht wieder.

Ich denke darüber nach, aber das soll er nicht wissen. Er sagt, er

wird mit dem Trinken aufhören. Daran glaube ich nicht wirklich,

und trotzdem hoffe ich auf eine gemeinsame Zukunft. So sind nun

mal meine Gefühle.

He called me last night when I was asleep already. At first I was

frightened, but then I decided to talk to him. I love my husband,

in spite of everything. We lived together for ten years. Then he

started drinking. He claims it’s just because of the money worries,

but I don’t believe him. After all, he wastes all the money on drink.

One day he hit me in front of strangers. That’s when I decided

I should go back to my parents and look for a different future. It’s

a hard step to take among us Kikuyu. Going back to your parents

is frowned on if the husband has paid the bride wealth and you

already have your own household.

We all belong to the Pentecostal Church. I also go to church

every Sunday. The Bible says: where people gather, we are together.

But I also want to develop myself. I have started to work

part-time as a hairdresser in the village. I hope to have my own

salon sometime, even though I haven’t been able to save anything

yet. And that’s exactly what my husband doesn’t want. It would be

harder for him to control an independent woman.

Compared to other women, I’m in a good position because we

got married in church. Only a few people do that here, because

it’s expensive with the bridesmaids and the ceremony. Usually, the

man just sends a few older people to the woman’s family to give

the parents a goat so that they accept the marriage. But that isn’t

recognised by the law.

We haven’t seen each other since the separation. I think about

it, but I don’t want him to know that. He says he’s going to stop

drinking. I don’t really believe it, but all the same I hope we’ll have

a future together. That’s just how I feel.

62


Kiriani, Kenya


Reales Leben. Erinnerungen an Orte und Menschen

Real Life. Memories of Places and People

Meja Mwangi

Die Bilder in diesem Buch beschwören Erinnerungen an Orte

und Menschen herauf, denen ich im Laufe der Zeit flüchtig begegnet

bin, ohne sie bewusst zu erinnern. Ich habe sie erlebt, ohne

sie wirklich wahrzunehmen und im Gedächtnis zu behalten. Dafür

erschienen sie einfach als zu nebensächlich.

Roland Brockmanns Fotografien von den beiden Krämern, dem

Müller, den Frauen an der Feuerstelle, dem Schulleiter in seinem

Büro, dem Fahrlehrer, allesamt gewöhnliche Menschen, die ihr

normales Leben führen, rufen vergrabene Erinnerungen wach an

Begegnungen mit ähnlichen Menschen.

Als Kind verbrachte ich eine Menge Zeit damit, auf Zehenspitzen

in einem Dorfladen zu stehen und über den Tresen zu blicken.

Es war meist Mitte des Monats, und weil die Eltern sich zu sehr

schämten, den Laden ohne Geld zu betreten, schickten sie ihre

Kinder. Zu einem Kind konnte der Ladenbesitzer schlecht Nein

sagen. Aber er bediente zuerst die zahlenden Kunden – die Kinder

mussten oft lange warten. Schließlich lächelte er und gab ihnen

Salz, Zucker oder das Kilo Mais, das ihre Mütter auf Kredit haben

wollten.

„Kommt nächstes Mal nicht ohne Geld“, sagte er, aber sie

kamen immer wieder.

Nach dem Eckladen ging’s zum Maismüller. Der war alt und

immer so von Mehl bestäubt, dass sich niemand mehr erinnern

konnte, wie er früher einmal ausgesehen hatte. Man sah eigentlich

nur seine nikotingelben Zähne und trüben Augen – für Kinder ein

erschreckender Anblick. Aber er hörte sich ruhig und freundlich

an, was sie ihm zu sagen hatten. Dann schüttelte er den Kopf,

tauschte das Kilo Mais gegen das Kilo Mehl und sagte ihnen, dass

sie bloß nicht ohne Geld wiederkommen sollten. Aber genau das

taten sie natürlich immer.

The images of this book evoke memories of places and people

seen fleetingly and over time without being consciously recorded.

They are sights seen, but not seen. The photographs of the shopkeepers,

the miller, the women at their fire-places, the principle in

his office, the smiling driving instructor; all of them ordinary people

living their ordinary lives, recall buried memories of encounters

with similar people.

As a kid, I spent a lot of time standing on tiptoe at the corner

shop trying to see over the counter. It was usually mid-month, and

parents were too embarrassed to go to the shop without money,

so they sent their children instead. The shopkeeper could not say

no to a child, but children had to wait a long time while he first

served paying customers. Finally, he smiled and let them have the

salt, the sugar, or the kilo of maize their mothers wanted on credit.

“Don’t come back without money,” he said, but they always

came back.

After the corner shop, it was off to the maize miller. The man

was old, and so covered with flour dust from head to toe that no

one remembered what he had looked like when he started out

as a miller. With only his cigarette-stained teeth and bleary eyes

showing, he was a scary sight for young children. However, he

was friendly, and listened calmly to what they had been told to

say. Then he shook his head, exchanged the kilo of maize for a

kilo of flour, and told them not to come back without money. They

always did.

In many households, mothers rarely got back before dark. Then

everyone gathered around the fire to keep warm while waiting

for the evening meal. They talked about the day’s events and told

stories to stay awake while waiting for the food. The room was

always dark and smoky, and the firelight barely lit everyone’s face.

67


Jahrzehnte, denselben Führer, weil der Mann ein Verwandter oder

Stammesangehöriger ist – „einer von uns“. Wäre ihre ehrliche

Meinung gefragt, würde es dem durchschnittlichen Mwananchi

möglicherweise egal sein, überhaupt gar keine Wahlen zu haben.

Sie sind der ethnozentrischen Leidenschaft müde, begleitet von

leerer Rhetorik, Lügen und den leeren Versprechungen, die sich

selten ändern.

Die Mwananchi spielen in der Tagespolitik kaum eine Rolle – bis

ihre Stimmen gebraucht werden. Aber wenn über ihr Wohlergehen

debattiert wird oder wenn im Parlament in ihrem Namen und

in ihrem Auftrag Schlachten geführt werden, dann kommen sie

kaum zu Wort.

Abgesehen von Wahrheit und Gerechtigkeit verlangen die

Mwananchi selten mehr als eine Chance, in Frieden zu arbeiten

und ihren Geschäften nachzugehen, ein Leben ohne politische oder

sonstige Einmischung zu führen, frei von Angst, Ungewissheit und

den dauernden Schwierigkeiten, die ihnen die „Halsabschneider-

Politik“ macht.

Roland Brockmann mit seinem Talent, seine Protagonisten als

echte Personen zu begreifen, hat sie auf eine Art fotografiert, die

eher auf ihre menschliche Seite abhebt, denn auf ihre Umstände.

Es sind Leute, die ihrem alltäglichen Leben nachgehen. Vom Hirten

bis zum Fischer, vom Herrenfriseur bis zum Sargmacher. Sie wachsen

unter uns auf, bewegen sich mit uns. Aber wir behalten nur

diejenigen im Gedächtnis, die unser Leben beeinflusst haben, egal

ob im guten oder schlechten Sinne.

Mehr als an alle anderen nämlich erinnern wir uns an den

Ladenbesitzer, der uns keinen Kredit gibt, oder den Lehrer, der

uns schlechte Noten erteilt. Roland Brockmann fotografiert sie

alle mit einer Vertrautheit, die sie zu alten Freunden macht – und

nicht zu belanglosen Fremden.

in peace, to live life without political or any other interference,

and freedom from the fear, the uncertainty and the stress brought

about by cutthroat politics.

Roland Brockmann, with his gift of seeing his subjects as flesh

and blood, has photographed them in a way that focuses on their

humanity rather than their circumstances. They are people doing

what they do in their lives. From the herdsman to the fisherman,

the barber to the coffin-maker, they grow up among us, living

and interacting with us, but we only remember those who make a

significant difference, good or bad, in our lives.

We remember the shopkeeper that refuses us credit, or the

teacher who gives failing grades more than we remember the

others. Roland Brockmann photographs them all with a familiarity

that makes them old friends and not random strangers.

Meja Mwangi, Schriftsteller, Kenia

Meja Mwangi, Writer, Kenya

70


Chaka Town, Kenya


Kame Sora Sake, 26

Viehhirtin | Pastoralist

Ich bin eine einfache Frau. Wir Gabbra leben oft noch in Zelten.

Gabbra sind Viehhirten, keine Ackerbauern. Um etwas anzubauen,

ist der Boden hier zu sandig. Ich selbst war noch nie weiter

weg als bis zum Laden im nächsten Ort. Da kann man Tee kaufen

oder Zucker. Alles was ich weiß, habe ich von meinen Eltern

gelernt: Wie man Feuer macht, Kamele melkt oder Ziegen hütet.

Aber so langsam merke ich, dass dieses Wissen nicht mehr reicht.

Wenn es regnet, ist alles gut. Dann haben die Tiere genug Weidefläche.

Immer öfter fällt die Regenzeit aber aus. Dann trocknen

die Wasserstellen aus, wächst kein Gras mehr. Durch die letzte Dürre

gerade habe ich 140 von 150 Ziegen verloren. Von meinen acht

Kamelen sind drei gestorben. Wovon sollen ich und meine Familie

nun leben? Und dies ist ja nicht die erste Dürre in El Isacko Mala.

Auf den Regen haben wir keinen Einfluss, aber wir können lernen,

mit den Dürren umzugehen. Ich selbst hätte mein Vieh rechtzeitig

verkaufen sollen. Anfang des Jahres, als man schon spürte, diesmal

kommt der Regen nicht. Dann hätte ich jetzt wenigstens Geld,

um Essen zu kaufen und später neue Tiere anzuschaffen. Natürlich

hofft man immer. Und wenn plötzlich alle ihre Herden verkaufen,

sinken auch die Preise. Außerdem sind wir gewohnt, mit ihnen zu

leben. Was ist das für ein Leben – ohne unsere Tiere? Also wartet

man weiter – bis es zu spät ist. Und das ist mir nun endlich klar

geworden.

Alle jammern nur. Ja, das nächste Schlachthaus ist zu weit weg.

Für den Viehtransport muss man einen Laster mieten. Für ein paar

Tiere lohnt sich das nicht. Aber wir könnten uns doch zusammentun.

Gemeinsam handeln. Wir sind es gewohnt, mit der Natur zu

leben. Aber wir schauen nicht voraus. Warum können andere uns

das nicht beibringen? Ich fände das gut. Kommt her und zeigt uns,

wie man es besser macht.

I’m a simple woman. We Gabbra still live mostly in tents. We are

herders, not farmers. The soil here is too sandy to grow anything.

The farthest I’ve ever been is to the shop in the nearest town. You

can buy tea or sugar there. I’ve learned everything I know from

my parents: how to make fire, milk camels or look after goats. But

I’m starting to realise that this knowledge isn’t enough anymore.

Everything is fine when it rains. The animals have enough pasture

then. But we’ve been having more and more poor rainy seasons.

The watering places dry up then and grass doesn’t grow anymore.

Because of the last drought I lost 140 out of 150 goats. Three of

my eight camels died. What are my family and I supposed to live

on now? And this isn’t the first drought in El Isacko Mala. We

can’t influence the rain, but we can learn to cope with droughts. I

myself should have sold my animals earlier. At the start of the year,

when you could already sense that the rain wasn’t going to come

this time. At least I would have had money to buy food now and

new animals later. But of course you keep hoping. And if everyone

suddenly sells their herds, the prices drop. And besides, we’re used

to living with our animals. What sort of a life would it be without

them? So you keep waiting – until it’s too late. That’s what I’ve

finally understood.

Everyone is always complaining. Yes, the nearest slaughterhouse

is too far away. You have to rent a truck to transport your

cattle. It’s not worth it for just a few animals. But of course we

could join forces. Act together. We’re used to living with nature,

but we don’t look ahead. Why can’t other people teach us how

to do that? I would like that. Come here and show us how to do

things better.

78


El Isacko Mala, Kenya


Issa Mpinga, 43

Bienenzüchter | Beekeeper

Mein erstes Volk habe ich von Honigjägern gekauft. Die suchen

in der Wildnis nach natürlichen Nestern von Stachellosen Bienen.

Um an den Honig zu kommen, fällen sie meist ganze Bäume und

töten damit die Völker, die plötzlich nicht mehr wissen, wohin.

So zerstören die Honigjäger die Natur. Die Völker in Bienenkörben

zu halten, ist besser und ein gutes Geschäft: Ein Liter Honig

von Stachellosen Bienen bringt 30.000 Tansania-Schilling (11 Euro).

Ich begann deshalb immer mehr Völker aufzukaufen, bislang über

achtzig. Und dann bekam ich auch noch ein Stipendium: „Bienenhaltung

als Armutsbekämpfung“, nannte sich das.

Auf einer Studienreise nach Belgien lernte ich alles über moderne

Bienenkörbe. Inzwischen unterrichte ich am „Beekeeping Training

Institute“ von Tabora – und halte vor allem Stechende Bienen. Die

sind produktiver, aber eben auch aggressiv. Da braucht man einen

Schutzanzug und viel Geschick. Vorm Ernten muss man die Bienen

mit Rauch beruhigen. Zum Glück habe ich keine Allergie, denn

gestochen wird man immer wieder.

Meine Familie musste sich erst an die Bienen als Nachbarn gewöhnen,

vor allem die Kinder. Auch auf unserem Grundstück halte

ich ja Bienen, für Studienzwecke. Meine Kids schauen sich jetzt

sogar Videos über Bienen auf YouTube an.

Die meisten meiner Bienenkörbe befinden sich auf einem Stück

Land mit passenden Bäumen, das ich eigens gekauft habe. Für

mich bedeutet Honig Zukunft. Einst war Tansania der größte Exporteur

von Bienenwachs und Honig. Daran will ich anknüpfen.

Noch ist es ein Familiengeschäft mit einem Laden. Nur eine kleine

Erfolgsgeschichte. Aber irgendwann werde ich ein großer Mann

sein, dank der Bienen. Und diesen Erfolg wollen wir auch teilen:

Mein Frau bringt gerade einer Gruppe Frauen in Tabora bei, Bienen

zu halten, Bienen, die nicht stechen.

I bought my first bee colony from bee hunters. They look for the

nests of stingless bees in the wild. They often chop down entire

trees to get to the honey and they kill the colonies that way, which

suddenly don’t know where to go anymore.

That’s how the honey hunters are destroying nature. It’s better

to keep the colonies in hives and it’s also a good business: one litre

of honey from stingless bees fetches 30,000 Tanzanian shillings

here (11 euros). That’s why I started buying more and more colonies,

over eighty so far. And then I also got a scholarship; it was

called “beekeeping as poverty alleviation”.

I learned all about modern beehives on a study trip to Belgium.

I now teach at the “Beekeeping Training Institute” in Tabora – and

I mainly keep stinging bees. They’re more productive, but they’re

also aggressive. You need protective clothing and also a lot of skill.

Before harvesting, you have to calm the bees with smoke. Fortunately

I don’t have any allergies, as you always get stung.

My family had to get used to having bees as our neighbours,

especially the children. I also keep bees in our garden for study

purposes. My kids are even watching videos about bees on You-

Tube now.

Most of my beehives are on a plot of land I bought with the

right sort of trees. Honey means the future for me. Tanzania was

once the largest exporter of beeswax and honey. That’s something

I want to build on. My business is still just a family business with

a single shop. It’s just a small success story. But someday I’d like

to be an important man thanks to the bees. And we also want to

share our success: my wife is teaching a group of woman in Tabora

how to keep bees right now – bees that don’t sting.

88


Tabora, Tanzania


Alice Ngirukoi Ekuwam, 27

Viehhirtin | Pastoralist

Inzwischen benutze ich Streichhölzer. Das ist bequemer. Aber

ich kann noch immer mit zwei einfachen Holzstäben Feuer entfachen,

durch schnelles Drehen von einem Holz auf dem anderen.

Und das bringe ich auch meinen Kindern bei. Wir Turkana versuchen,

unsere Traditionen zu bewahren. So wie den Halsschmuck

der Frauen. Die Männer führen noch immer einen kleinen selbstgeschnitzten

Hocker mit sich, selbst wenn sie in die Stadt gehen.

Ich nehme meine Halsketten nie ab. Ohne sie hätte mein Kopf

nicht mehr genug Halt. Die Ketten gehören zu mir wie ein Teil vom

Körper. Die Kinder in der Schule dürfen die aber nicht tragen. Das

gefällt mir nicht.

Ich selbst bin nie zur Schule gegangen. Den ersten Geldschein

habe ich mit siebzehn gesehen, also vor zehn Jahren. Geld war

hier damals selten. Da ich Zahlen und Buchstaben noch immer

nicht verstehe, unterscheide ich den Wert durch die Farben und

Muster.

Wir Turkana sind Nomaden. Unser größter Wert sind unsere

Ziegen und Schafe. Die Herden ziehen weit umher, auf der Suche

nach Weideflächen, manchmal über Ländergrenzen hinweg, bis

nach Uganda. Aber unsere Familien ziehen nur noch selten um.

Nur die jungen Männer, wenn sie auf die Herden aufpassen. Einige

Männer haben inzwischen auch einen Job.

Ich selbst arbeite in einem Steinbruch, für einen Dollar am Tag.

Davon kaufe ich zum Beispiel Tee. Unsere Manyatta (nomadische

Zeltsiedlung) liegt inzwischen nahe einer asphaltieren Straße. Aber

wir haben keinen Strom und auch sonst hat sich wenig verändert.

Ich schlafe auf einer Ziegenhaut über dem Sandboden. Meine Kleidung

hänge ich im Zelt über aufgespannten Schnüren auf. Wie die

meisten Turkana habe ich eine Metallbox für besondere Sachen.

Ich brauche nicht viel. Der Tag bewegt sich mit dem Schatten, wie

wir sagen.

I use matches nowadays. It’s more convenient. But I can still

make a fire with two pieces of wood, by quickly turning one on

top of the other. I teach that to my children as well. We Turkana

try to preserve our traditions. Like the necklaces of our women.

The men still carry with them a small stool that they’ve carved

themselves, even when they go into town. I never take off my

necklaces. My head wouldn’t have enough support without them.

The necklaces belong to me like a part of my body. But the children

aren’t allowed to wear them at school. I don’t like that.

I myself never went to school. I saw my first bank note when I

was seventeen, so that’s ten years ago. Money was still rare here

in those days. I still don’t understand numbers and letters, so I tell

the notes apart by their colours and patterns.

We Turkana are nomads. What’s most valuable to us are our

goats and sheep. Our herds roam far to look for pastures, sometimes

across national borders, into Uganda. But our families don’t

move much anymore. Only the young men when they’re looking

after the herds. Some men also have a job these days.

I myself work in a quarry, for a dollar a day. I use the money

to buy tea, for example. Our Manyatta (nomadic tent settlement)

is close to a paved road now. But we don’t have electricity and

not much else has changed. I sleep on a goat skin on the sandy

ground. I hang my clothes over cords across my tent. Like most

Turkana I have a box for special things. I don’t need much. The day

moves with the shadows, as we say.

108


Kakuma, Kenya


Fakten & Zahlen | Facts & Figures

Kenia

Fläche: 580.367 km²

Einwohnerzahl: 46.790.758

Hauptstadt: Nairobi, 2.750.562 Einwohner

Verkehrssprache ist Kisuaheli, Amtssprachen sind Englisch und

Kisuaheli. Daneben gibt es viele Dialekte der diversen Ethnien.

Von den 40 Volksgruppen bilden die Kikuyu mit 22 % die größte,

gefolgt von den Luhya, Kalendjin, Kamba, Luo.

82,6 % der Bevölkerung sind Christen, davon etwa 26 %

Anglikaner, 23,3 % Katholiken. 11,1 % sind Muslime.

Die Alphabetisierungsrate beträgt 78,0 %.

Über die Hälfte der Bevölkerung lebt von der Landwirtschaft, im

Süden als Ackerbauern; im Norden als Viehhirten.

Kenya

Area: 580,367 km²

Population: 46,790,758

Capital: Nairobi, 2.750.562 inhabitants

Official languages are English and Kiswahili. Common lingua

franca is Kiswahili. There are many dialects of the ethnic groups.

Of the 40 ethnicities, the Kikuyu are the largest with 22%,

followed by the Luhya, Kalendjin, Kamba, Luo.

82.6% of the population are Christians, 26% are Anglicans

and 23.3% Catholics. 11.1% are muslims

The literacy rate is 78.0%.

More than half of the population depends on agriculture,

in the south as arable farmers; in the north as livestock keepers.

Tansania

Fläche: 945.087 km²

Einwohnerzahl: 53.470.420

Regierungssitz: Daressalam, 4.364.541 Einwohner.

National- und Verkehrssprache ist Kisuaheli, Englisch verliert

zunehmend an Bedeutung.

Auf dem Festland sind 95 % der Bevölkerung Bantu, mit

130 verschiedenen Ethnien. Auf der Insel Sansibar leben mehr

Menschen arabischen oder indischen Ursprungs.

Im Binnenland sind 40 % der Bewohner Christen, davon die

meisten katholisch. An der Küste dominiert der Islam, auf

Sansibar leben nahezu ausschließlich Muslime.

Die Alphabetisierungsrate beträgt rund 70 %.

Die meisten Menschen leben von der Landwirtschaft (82 %)

oder arbeiten im informellen Sektor (Straßenhändler usw.)

Tanzania

Area: 945.087 km²

Population: 53,470,420

Capital (de facto) Dar es Salaam, 4,364,541 inhabitants.

The national language is Kiswahili, English is becoming less

and less important.

On the mainland, 95% of the population are Bantu, with 130

individual ethnic groups. The island of Zanzibar is home to more

people of Arab or Indian origin.

In the interior, 40% of the inhabitants are Christians, most of

them Catholic. On the coast, Islam dominates; almost exclusively

Muslims live on Zanzibar.

The literacy rate is around 70%.

Most people live on agriculture (82%) or work in the informal

sector (street vendors, etc.)


112


Roland Brockmann, 56

Autor | Author

Roland Brockmann lebt als Journalist, Fotograf und Video

Producer in Berlin. Geboren in Hamburg, studierte er Soziologie,

bevor er 1994 als Journalist nach Berlin ging, wo er zunächst als

Redakteur arbeitete, dann als freier Reporter. Seitdem hat er aus

über fünfzig Ländern berichtet – u. a. für GQ, Mare, Süddeutsche

Zeitung, Die Tageszeitung, Die Welt. 1999 berichtete er zum ersten

Mal aus Afrika. Von 2002 bis 2004 lebte er als Entwicklungshelfer

in Daressalam, von 2005 bis 2006 als freier Korrespondent

in Nairobi. Seit 2011 arbeitet er als Kameramann und Fotograf

für verschiedene Hilfsorganisationen. Unter anderem berichtete

er über Boko-Haram-Flüchtlinge, Koltan-Minen im Kongo, Land

Grabbing in Sierra Leone oder Flüchtlingscamps im Südsudan.

Roland Brockmann is a Berlin-based Journalist, Photographer

and Video Producer. Born in Hamburg, he studied Sociology before

moving to Berlin in 1994 as a journalist, where he first worked

as an editor and later as a freelance reporter. Since then, he has

been reporting from more than fifty countries on four continents

– including for GQ, Mare, Süddeutsche Zeitung, Die Tageszeitung,

Die Welt. In 1999 he first reported from Africa. Between 2002

and 2004 he lived as a foreign aid worker in Dar es Salaam and

from 2005 to 2006 as a freelance correspondent in Nairobi. Since

2011 he has been working as a cameraman and photographer for

numerous charity organizations. He has reported on Boko Haram

refugees, coltan mines in Congo, Land Grabbing in Sierra Leone or

refugee camps in South Sudan, among others.

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Impressum | Imprint

Herausgeber | Editors

Gunther Dietrich, Tomás Rodríguez Soto

Lektorat | Copy editing

Gernot Kramper, Ulli Kulke

Übersetzung | Translation

Frank van Hasselt

Gestaltung | Design

Tomás Rodríguez Soto

Landkarte | Map

Georg Dienz

Dolmetscher | Interpreter

Joan & Brian Njoki; Ally Almasi,

Edward Alemun, Yattani Dambala,

Matei Kaine, Mary Lima, Samuel Mgweno,

Yvonne Munyasia, Link Reuben

Besonderer Dank an | Special thanks to

Andy Agro, Dörte Agro, Tim Bunke, Lisa Contag,

Sebastian Drescher, Thomas Findeiß, Andreas Geisler,

Annette Hauschild, Otmar Jenner, Ralf Jurszo,

Alexis Malefakis, Willy Mutuku, Alhaji Mbio, Meja Mwangi,

Barbara Stauss, Conny Weber, Henner Winckler

© 2017 Roland Brockmann – Fotografie | Photography

© 2017 Autoren | Authors

ISBN 978-3-947451-02-9

Erschienen bei | Published by

© 2017

Verlag für Fotografie

photoeditionberlin.com


Die Bilder von Roland Brockmann versuchen, mit dem Blick Europas auf Afrika von

oben herab zu brechen. Vielmehr begegnen wir Männern und Frauen, die in den

üblichen europäischen Klischees von Afrika kaum vorkommen: Lehrer, Handwerker,

Fischer oder Bauern. Menschen also, die in ihrem Alltag vor ähnlichen Herausforderungen

stehen wie viele Menschen in anderen Weltregionen auch.

Alexis Malefakis, Kurator Afrika

Völkerkundemuseum der Universität Zürich

Roland Brockmann tries to break with the European tradition of viewing Africa

from a privileged position. In his pictures, he rather presents us with men and

women who can rarely be found in mainstream representations of Africa in Europe:

teachers, craftsmen, fishermen or farmers. People who face similar challenges in

their everyday lives like many people around the world.

Alexis Malefakis, Curator Africa

Ethnographic Museum at the University of Zürich

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