atw 2018-03v6

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atw Vol. 63 (2018) | Issue 3 ı March

EDITORIAL 140

Expertendämmerung

Liebe Leserin, lieber Leser, mit dem politischen Ausstieg aus der friedlichen Nutzung der Kernenergie in

Deutschland im Jahr 2011, wenige Wochen nach dem katastrophalen Erdbeben mit Tsunami in Japan, und der dadurch

ausgelösten Unfälle in den Fukushima-Kernkraftwerken verliert das Land nicht nur eine verlässliche, heimische,

umweltschonende und preisgünstige Energiequelle, er hinterlässt auch eine Lücke für diejenigen, deren inhaltliches

Hauptziel die fundamentale Ablehnung der Kernenergienutzung ist.

Zwar hält sich die deutsche Anti-Atomszene mit

fortwährenden Forderungen nach einem noch früheren

vollständigen Ausstieg vor 2022 über Wasser, aber das

gebetsmühlenartige Wiederholen solcher Forderungen

scheint auch dank des unspektakulären und störfallfreien

Betriebs der deutschen Kernkraftwerke nicht sehr

erfüllend zu sein.

Hier ist dann Kreativität gefragt, wenn es – geografisch

– so naheliegende neue Themenobjekte gibt. Sollte doch

der deutsche Atomausstieg mit seiner gekoppelten „Energie

wende“ auch ein weiterer Exportschlager deutscher

Politik werden; welche anderen Erfolgskonzepte aus

Deutschland sich auf der Weltbühne der Politik auch

immer durchgesetzt haben mögen. Naheliegend ist also

gezielter Aktionismus gegen grenznahe Kernkraftwerke.

Ein Unterfangen mit nicht unerheblichem Potenzial, ist

Europa doch weiterhin mit 182 Kernkraftwerken bei der

Nutzung als Region weltweit führend und 26 % des

europäischen Stroms stammten aus der Kernenergie.

Somit können die Nachbarländer Niederlande, Belgien,

Frankreich, die Schweiz, die Tschechische Republik, die

Slowakische Republik und als Newcomer Polen bequem in

den Fokus gerückt werden.

Mit auffälliger Beständigkeit und punktuell gezielten

Aktionen werden unter anderem die sieben Kernkraftwerke

Belgiens an den Standorten Doel und Tihange

fortwährend aufgegriffen. Die Anlagen liefern rund 50 %

der landeseigenen Versorgung, Erfahrungen mit dem

Betrieb von Kernkraftwerken bestehen seit 1962 und für

die in Betrieb befindlichen Anlagen wurden mehrfach

Laufzeitverlängerungen beschlossen. Hier zeigen sich

auch belgischer Realismus und Pragmatismus: Zwar

wurde von einzelnen Regierungen immer wieder eine

vorzeitige Abschaltung von Kernkraftwerken in Erwägung

gezogen, aber auch unter der Maßgabe, dass die Stromversorgungssicherheit

nicht beeinträchtigt wird. Ausstieg:

Fehlanzeige!

Als erstes wurden die Kernkraftwerksblöcke Tihange 2

sowie Doel 3 um Weihnachten 2015 zum zugkräftigen

Thema gemacht: Im Zusammenhang mit neuen Erkenntnissen

zum Material der beiden Reaktordruckbehälter und

fertigungsbedingten Inkonsistenzen wurden einprägsame

Schlagworte generiert: Die Begriffe „marode“ Reaktordruckbehälter

und „Bröckelreaktoren“ machten, von

einschlägigen Anti-Atom-Protagonisten eingebracht, die

Runde. Gleichwohl blieben Fachexpertise und die sehr

offene Kommunikation zum Thema seitens der belgischen

Aufsichtsbehörde Federaal Agentschap voor Nucleaire

Controle (FANC) in den meisten Medien auf der Strecke.

Wasserstoff-Flocken, Sprödbruch-Kennlinien und vorgeheiztes

Notkühlwasser sind halt keine attraktiven Themen.

Gleichwohl ist umfassende sachliche Information auch in

Deutschland dazu verfügbar, so auf den Webseiten des

Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und

Reaktorsicherheit (BMUB).

Als nächsten Coup gegen Tihange landete die deutsche

Anti-Atom-Szene dann zur Förderung der Atom- Angstkultur

die flächige Verteilung von Jod-Tabletten im

Großraum Aachen als „Vorsorgemaßnahme“ gegenüber

dem drohenden nuklearen „Super-Gau“ aus Belgien. Galt

es Ängste zu schüren, war die Aktion erfolgreich. In mehr

als 50 Jahren Kernenergienutzung in Deutschland war

eine solche Aktion als wenig sinnvoll in Expertenkreisen

beurteilt worden, auch mit der Abwägung mit den Risiken

unkontrollierter Selbstmedikamentation.

Um dann noch nachzulegen kam Anfang Februar 2018

ein Schreiben der FANC wie gelegen. Dieses sei „investigativer“

Presse zugespielt worden und zeige, dass es im

Kernkraftwerksblock Tihange 1 jüngst zu Häufungen von

„Precursor“-Ereignissen gekommen sei.

Schnell publizierte die geneigte „investigative“ Presse

die Schlagzeile „Tihange 1 gefährlicher als bislang

bekannt“. Ohne auf die sicherheitstechnische Bedeutung

von „Precursor-Ereignissen“ einzugehen, sei hier das BMUB

zitiert: „... In der aktuellen Berichterstattung entsteht der

Eindruck, dass man auf Grundlage der Anzahl von

sogenannten Precursor-Ereignissen auf die Sicherheit einer

Anlage schließen könne. Das ist aber nicht der Fall. Sie sind

vielmehr probabilistisch durchgerechnete Anlässe, die

dabei helfen, sich ein bestimmtes Szenario genauer

anzusehen. Diese sehr komplexen Precursor-Berech nungen

sind ein Element einer umfassenden Sicherheits architektur.

Die Wahrscheinlichkeitsberechnungen können helfen,

weitere Optimierungen an einem lernenden Sicherheitssystem

dieser oder anderer Anlagen vorzunehmen ...“

Weiteres Unbehagen bei der Bevölkerung wird dennoch

verbleiben; Ziel erreicht.

Zu betrachten sind aber noch zwei weitere Aspekte in

Zusammenhang mit der Berichterstattung, die schon

einen zusätzlichen sehr faden Beigeschmack hinterlassen.

Da sind zum einen die treibenden Journalisten, sich selbst

gerne als „investigativ“ und „Experten“ bezeichnend.

Dabei zeigen die umrissenen Berichterstattungen, dass

vom Begriff „Investigativ“ wenig zu spüren ist, werden

doch z. B. fortwährend dieselben Anti-Atom-Akteure

präsentiert und Gegenstimmen misst man eher. Wenn

dann zudem der „investigative“ Journalist als „Experte“ in

eigener Sache auftritt, dann wäre endlich ein Mysterium

des Mittelalters gelöst: Die Quadratur des Kreises. Ein

weiterer fader Nebengeschmack verbleibt, wenn „Experten“

auftreten, die an anderer Stelle ihre Dienstleistungen

zum Thema anbieten ...

Kernenergie wird in Belgien weiterhin sicher genutzt

und betrieben. Wer sich ein eigenes Bild dazu machen

möchte, kann auf das Web zurückgreifen und viel fältige

Quellen; von den EU-Stresstests nach Fukushima, über die

Dokumente zu den Nuklearen Sicherheits konferenzen der

Internationalen Atomenergie-Organisation bis hin zu

den Aufsichtsbehörden und Technischen Gutachter organisationen.

Wer mehr Kabarett sucht, sei auf Twitter und die

dortigen 280-Zeichen-Meinungen verwiesen (z. B.

# tihange), die das hier angerissene Bild von „Atomexpertise“

gelungen abrunden.

Christopher Weßelmann

– Chefredakteur –

Editorial

Twilight of the Experts

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