atw 2018-03v6

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atw Vol. 63 (2018) | Issue 3 ı March

RESEARCH AND INNOVATION 178

Zur Rationalität des Deutschen

Kernenergieausstieges

Wolfgang Stoll

Einleitung Platon stellte 400 vor Christus fest: „Was immer Du tust, Du tust einem anderen Böses.“ Streng genommen

müsste das ebenso für Unterlassungen gelten – aber unser Leben ist mehr auf Handlungen und Handlungsfolgen

eingestellt.

Zum Rahmen unserer Handlungsoptionen

gehört auch das Gewerberecht.

Nach seinen etablierten Regeln

erlaubt es gewerbliche Tätigkeiten,

die den Nachbarn jenseits der Grenzen

des Grundstücks, auf dem das

Gewerbe ausgeübt wird, nicht unzumutbar

gefährden. Das Ausmaß der

Gefährdung, das der Nachbar zu

tolerieren hat, darf das allgemein als

akzeptiert betrachtete „Restrisiko“ als

Äquivalent von einem (statistischen)

Todesfall unter 1 Million Menschen

und Jahr nicht überschreiten. (Für die

Grenzen der Zumutbarkeit des fremd

verschuldeten Risikos, das zu akzeptieren

ist, gibt es in der deutschen

Rechtsprechung das Kalkar-Urteil).

Das ist ungefähr 1 % des aus der

mittleren Lebenserwartung ableitbaren

individuellen statistischen

Ablebensrisikos aus allen Lebensrisiken

einschließlich des Todes durch

Krankheit. Wo auch der Nutzen des

Einzelnen dagegen bilanziert werden

kann, wie bei vielen individuell eingegangenen

Risiken, wie z.B. im

Straßen verkehr, liegt das akzeptierte

Todesrisiko (Autounfälle) bei derzeit

50 Menschen pro Million und Jahr.

Es kann bisher nicht sicher ausgeschlossen

werden, dass bei einem

Störfall in einem Kernkraftwerk der

üblichen Bau- und Betriebsweise diese

in Deutschland festgelegte Zumutbarkeitsgrenze

überschritten wird. Die

Höhe des Restrisikos ergibt sich aus

im Wesentlichen zwei Risikosträngen,

wie sie sowohl aus mangelnder Organisationsqualität,

wie sie auch aus

Mängeln der technischen Qualität des

Systems entstehen können. Für die

Beurteilung der Zumutbarkeitsgrenze

nach obigem Todesfallrisiko wird hier

die Wirkung ionisierender Strahlung

auf Menschen in der Umgebung

des Kraftwerkes herangezogen, die

alle sonst noch möglichen Schadwirkungen

überwölbt. Die herrschende

Interpretation dieser Schädigung

fußt auf einer Schadensvermutung

auch bei sehr geringer Überschreitung

der natürlichen Strahlenexposition,

die eine Person durch die Summe an

Inhalation, Ingestion und äußerer

Bestrahlung vom Kernkraftwerk her

erfährt. Eine kausale Schadenszuordnung

an der Einzelperson mit

gleicher Maximalfolge (Krebs) ist

wegen der Multikausalität (parallel

wirkende mögliche andere Schadstoffe)

ausgeschlossen. Es gibt allenfalls

in großen Bevölkerungskollektiven

statistisch erkennbare Schäden

in eintretenden Krankheiten, einer

Lebensverkürzung und dem Tod in

einem sowohl zeitlich, wie örtlich

unscharf begrenzten Umfeld.

Verstellte Wirklichkeit.

Mit zunehmendem Lebensalter – und

das erreichen bei uns immer mehr

Menschen – rückt das Bewusstsein

der Endlichkeit immer näher. Man

kann das „Leben“ mit ein paar Zahlen

umfassen. Nehmen wir einen

94- Jährigen. Er besteht aus etwa einer

Million Milliarden Zellen, von denen

jede Sekunde eine Million zugrunde

gehen. Die Ausscheidungen in den

Eiweißbestandteilen in Stuhl und Urin

beweisen das täglich. Leben umschließt

also ein fortlaufendes Sterben

von Zellen, was für dieses Menschenleben

eine Bildung neuer Zellen im

etwa Zehnfachen seines Körpergewichtes

(rund 3 x 10E+15 Zellen)

erfordert.

Es sind aber nicht alle Organe

gleichmäßig betroffen. Herausragend

sind Haut, Haare, die Darmzotten und

die Lunge. Unsere Lunge muss im

Durchschnitt jährlich mit der Atemluft

70 Gramm zellzerstörendes Ozon

verkraften, was nur durch eine Neubildung

von Zellen in den Alveolen

gelingt. Enzyme, die das Abräumen

der so beschädigten Zellen besorgen,

nennen wir beschönigend „Reparaturenzyme“.

Diese werden besonders

dort und dann gebildet, wenn

gehäufte Zellfehlbildungen und

damit Zelltod signalisiert wird. Diese

Korrekturen sind besonders beim

wachsenden Organismus nötig,

weshalb Kleinkinder bis zum Zehnfachen

der Reparaturenzymkonzentration

des Erwachsenen erreichen.

Setzt man beim Erwachsenen einen

Zellschaden, wie z.B. bei der ionisierenden

Bestrahlung der ohnehin

auf den fortlaufenden Zelltod programmierten

Alveolen der Lunge, z.B.

durch die Alphastrahlung von Radon,

so antwortet der Körper mit einem

Anstieg der Reparaturenzymkonzentration.

Der Vorgang ist aber relativ

langsam, also erst nach Stunden,

und bleibt auch länger wirksam,

sodass die Reparaturenzyme im

ganzen Organismus auch andere

vorgeschädigte Zellen ausscheiden.

Erst eine Schädigung in Intervallen

(mehrere Tage Pause) bringt die

Reparaturenzyme auf den Wert des

Babys, wo sie allerdings nur mehrere

Wochen verharrt. Das begründet

die Wirkung von Radonbädern

auf Rheuma und andere Gewebsschädigungen.

Es kommt aber auf die

Dosis und die intermittierende

Schädigung an – Dauerschädigung

bewirkt durch Überlastung des Reparatursystems

das Gegenteil. Diese

wichtige Unter scheidung spiegelt sich

nicht in unserem Gefahren-Bewusstsein.

Unser streng nach kausaler Verknüpfung

von Ursache und Wirkung

aufgebautes Rechtssystem wird,

sobald irgendwelche Schäden eingetreten

oder auch nur zu befürchten

sind, damit gegen alle Logik zur

Bewertung nur statistisch erfassbarer

Wirkungen als pseudokausal herangezogen.

In angstzentrierten Gesellschaften,

wie der unseren, kann diese

Pseudokausalität schon im Vorfeld

der Handlungen zu Totalverboten

führen. Das erklärt auch das Abschaltgebot

nach Fukushima, obwohl es

an Deutschen Kernkraftwerken keine

mit dem dortigen Unfallablauf

und dessen Folgen vergleichbare

Szenarien gibt.

Zum deutschen

Risikoverständnis

Unsere Befindlichkeit erscheint dann

im Gleichgewicht, wenn sie sich

zwischen Chance und Risiko einpendelt.

Research and Innovation

On the Rationality of the German Nuclear Phase-out ı Wolfgang Stoll

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