Elevate Festival Magazine – Issue 2

elevate
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Coverbild von Jeremy Carne.

Cover image by Jeremy Carne.

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„Auf der anderen Seite steht die Reflexion einer

spekulativen Fiktion in einer Welt, in der Fake News,

Social Media-Algorithmen und AI die Realität ins

Surreale verzerren.“

Steve Goodman aka Kode9

Inmitten dieser chaotisch anmutenden Zeiten, in einem Sog verschwimmender

Wahrheitsbegriffe, gefährlichen Halbwissens und

unzähliger mehr oder weniger fundierter Verschwörungstheorien,

die zur vereinfachten Erklärung einer komplexer werdenden

globalen Gesellschaft herhalten, geht Elevate in seine inzwischen

fünfzehnte Instanz und hätte somit beinahe das in Österreich zur

Wahlfähigkeit ermächtigende Alter erreicht (nur noch ein Jahr!).

Um den Konsequenzen von gewachsenen Ansprüchen, einer damit

einhergehenden Eigenverantwortung und auch einer gewissen

Etabliertheit weiterhin gerecht werden zu können, halten wir den

Blick nach vorne gerichtet und stellen den Begriff TRUTH in einer

zeitgenössischen, programmatischen Mischung aus Musik, Kunst

und politischem Diskurs spektakulär zur Debatte.

EDITORIAL

Elevate Arts präsentiert mit Liquid Truth die bisher größte und

sichtbarste Auftragsarbeit, das schillernde Musikprogramm

erstreckt seine Fühler bis in die Herzen der Innenstadt und ein

gewohnt vielschichtiges Diskursprogramm belegt, dekonstruiert

und reflektiert anhand einer Vielzahl kontrovers anmutender

ProtagonistInnen die Ambivalenz vieler kontemporärer

Wahrheitsmaximen.

Mit dieser zweiten Ausgabe des Magazins dokumentieren wir die

Entwicklungen und Ergebnisse aktueller Anstrengungen im Bezug

auf eine erfolgreich fortschreitende Internationalisierung und bieten

aus einer Metaebene vermenschlichende Einblicke hinter die Kulissen

unseres Festivals, um dessen Positionierung im gegenwärtigen

Endzeit-kapitalistisch anmutenden Wahrheits-Wirrwarr,

akkurater denn je, zu schärfen.

Wir freuen uns mit euch auf ein buntes Festival und wünschen

vorneweg viel Spaß beim Schmökern in dieser zweiten Ausgabe

des Elevate-Magazins.

In diesem Sinne: TRUTH or dare?

Hingebungsvoll,

eure Elevate-Redaktion

„On the other hand, there is the reflection of speculative

fiction in a world where fake news, social media algorithms,

and AI distort reality into the surreal.”

Steve Goodman aka Kode9

In the midst of these seemingly chaotic times, in a vortex of blurred

concepts of truth, dangerously half-baked knowledge and countless

more or less substantiated conspiracy theories, which serve to

simplify the explanation of an increasingly complex global society,

Elevate enters its fifteenth iteration and has thus almost reached

the legal age to vote in Austria (just one year to go!). In order to

continuously do justice to the consequences of growing demands,

the accompanying responsibility of self and also a certain level of

establishment, we focus on the future and prominently hoist the term

TRUTH up for debate within a contemporary and programmatic

blend of music, arts and political discourse.

With Liquid Truth, Elevate Arts presents its largest and most visible

commissioned work to date, the dazzling music programme extends

its antennae into the heart of the city and its customary multi-faceted

discourse programme occupies, deconstructs and reflects on

the ambivalence of many contemporary maxims of truth through a

multitude of seemingly controversial protagonists.

With this sophomore issue of the magazine, we document the

developments and results of ongoing efforts towards a successfully

progressive internationalisation and offer meta-level, humanising

insights behind the scenes of our beloved festival, in order to sharpen

its positioning in the current late capitalism-tinged confusion of

truth, more accurately than ever.

EDITORIAL

We look forward to a colourful festival with you and wish you lots of

fun exploring this second issue of Elevate magazine.

With that said: TRUTH or dare?

Sincerely,

your Elevate Editors

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FÖRDERER / PUBLIC FUNDING

Co-funded by the

Creative Europe Programme

of the European Union

SPONSOREN / SPONSORS

presenting sponsor MUSIC

MEDIEN PARTNER / MEDIA PARTNERS

KOOPERATIONSPARTNER / PARTNERS

IMPRESSUM / IMPRINT

Herausgeber / Publisher: Elevate Verein zur Förderung des gesellschaftspolitischen und kulturellen Austausches, Volksgartenstraße 1/4/12a, A-8020 Graz,

ZVR: 644062383 AutorInnen / Writers: Bernhard Steirer, Daniel Erlacher, Florian Gasser, Berit Gilma, Brigitte Kratzwald, Marko Dinic, Roland Oreski,

Shilla Strelka, Patrick Wurzwallner Art Direktion, Layout / Art direction, Layout: Cornelia Rauchbüchl Cover / Cover: Jeremy Carne

Künstlerische Interventionen / Artistic interventions: Jeremy Carne Lektorat, Korrektur / Correction: Birgit Schweiger, Marko Dinic

Übersetzung / Translation: Philip Iroh, Dave Dempsey Druck / Print: Medienfabrik Graz GmbH Kontakt / Contact: magazin@elevate.at

Informationen zum Medieninhaber sind unter folgender Web-Adresse auffindbar: elevate.at/impressum

© Alle Rechte, auch die Übernahme von Beiträgen nach § 44 Abs. 1 und 2 Urheberrechtsgesetz, sind vorbehalten. Eine Vervielfältigung der Inhalte kann nur nach ausdrücklicher

Genehmigung erfolgen. / © All rights, including the adoption of contributions according to § 44 section 1 and 2 of the Copyright Act Austria, are reserved.

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THE TRUTH IS OUT THERE

THE TRUTH IS OUT THERE

DIE LINIE DES GERINGEREN

WIDERSTANDS

THE LINE OF LESSER

RESISTANCE

ZU HEISS, ZU TROCKEN, ZU NASS:

FLUCHTGRUND KLIMAWANDEL

TOO HOT, TOO DRY,

TOO WET: CLIMATE CHANGE AS

A REASON FOR FLIGHT.

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DAS BEDÜRFNIS NACH EINDEUTIGKEIT

AM BEISPIEL MÄNNLICHER GEWALT

GEGEN FRAUEN

THE NEED FOR CLARITY

EXEMPLIFIED BY MALE VIOLENCE

AGAINST WOMEN

KÜNSTLICHE WAHRHEIT

ARTIFICIAL TRUTH

LIQUID TRUTH

LIQUID TRUTH

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JEREMY CARNE: HUMAN NATURE

JEREMY CARNE: HUMAN NATURE

KLEFT PFLÜCKT EINE

SCHERBE IM PARK

KLEFT PICKS A SHARD

IN THE PARK

15 JAHRE HYPERDUB

15 YEARS OF HYPERDUB

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HERZLICH WILLKOMMEN:

TRUMER

PLEASE WELCOME: TRUMER

INTERVIEW: DORIAN CONCEPT

INTERVIEW: DORIAN CONCEPT

INTERVIEW: STINE JANVIN

INTERVIEW: STINE JANVIN

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EXPERIMENTAL GUIDE

EXPERIMENTAL GUIDE

KONZERT GUIDE

CONCERT GUIDE

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Daniel Erlacher

Ausschnitt aus HD MIRRORs

Trailer Video „TRUTH”

Screenshot of HD MIRROR’s

trailer video „TRUTH”

THE TRUTH IS OUT THERE

THE TRUTH IS OUT THERE

„Glaube denen, die die Wahrheit suchen,

und zweifle an denen, die sie gefunden

haben.”

André Gide

Die Suche nach der Wahrheit ist wohl so alt

wie die Menschheit selbst. Lug und Betrug sind

es ebenso. Geheimnisse und Verschwörungen

werden aufgedeckt oder unter den Tisch gekehrt. Wie ein roter Faden

zieht sich das menschliche Spiel zwischen Wahrheit und Unwahrheit

durch die Geschichte. Laut seinem Apostel Johannes wusste auch

Jesus um das revolutionäre Potential der Wahrheit: „Sie macht euch

frei“ war die Message. Catch 22: Gottes Jünger sein war die Bedingung.

Kann der Mensch oder der Herrgott die Wahrheit pachten?

Wie ein Timesharing-Prinzip? Wie der römische Autor Aulus Gellius

schon um die 100er Jahre feststellte, als er die Wahrheit als „Tochter

der Zeit“ ausmachte? Jede Epoche, jede Generation spielt von Neuem.

Nur die Rahmenbedingungen ändern sich, das Grundprinzip bleibt

gleich: Wahrheit oder Pflicht?

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Fast Forward: Wir schreiben das Jahr 2019: Ein neues Level in

diesem Spiel, inklusive bedrohlichem Endgegner steht uns bevor: Die

Zerstörung unserer natürlichen Lebensgrundlagen auf diesem Planeten

durch die fortschreitende Klimakrise. Es scheint paradox: Gesamt

gesehen hat die Menschheit den bislang wohl besten Bildungsgrad,

die technischen Möglichkeiten erworbenes Wissen zu teilen, ortsunabhängig,

fast kostenfrei und durch Projekte wie Wikipedia auch

so offen wie nie zuvor. Trotzdem taumelt die Menschheit in eine

Gefahrenzone, aus der es kein Zurück gibt. Mit Vollgas an die Wand

fahren ist eine Untertreibung. Doch welche Mechanismen welche

Machtmechanismen verhindern das Entfalten des lange bekannten

Potentials von geteiltem Wissen? Welche Interessen stehen im Gegensatz

zu den vielfältigen und vielversprechenden Lösungsansätzen

im Kampf gegen den Endgegner? Macht und Wahrheit der Kern der

Auseinandersetzung?

„Wissen ist Macht, nichts wissen macht auch nichts.“ Das

postulierten Spontis in den 1970er Jahren in Deutschland. In Zeiten

der vernetzten und mobilen Informationsgesellschaft wäre das wohl

zu modifizieren: „Wissen ist Macht, alles wissen macht auch nichts.“

Dieser Eindruck kann entstehen, denn trotz oder gerade wegen?

des fast barrierefrei möglichen Zugriffs auf unendlich viel angeblich

faktisches Wissen, ist es für NutzerInnen kaum möglich, dahinterliegende

Macht- oder Profitinteressen zu durchschauen, spielen nationalistische

oder religiöse Fundamentalismen eine zunehmende Rolle für

persönliche und politische Entscheidungen. Und welche Rolle spielen

breitenwirksame und immer noch auf Papier gedruckte Medien in

diesem Spiel? Oder ist das niveauferne Privatfernsehen der 80er und

90er Schuld? Auch die Bildungssysteme des 21. Jahrhunderts sollten

in den Spiegel schauen und erkennen, dass radikale, mediale und

technologische Änderungen ebenso radikale in der Bildungsvermittlung

nach sich ziehen müssten.

„A lie can travel half way around the world while the truth

is putting on its shoes.”

― Mark Twain

„Lügen haben kurze Beine“, lautet die Redensart. Sie scheinen aber

dennoch schneller als die Wahrheit laufen zu können, meinte schon

Mark Twain. Ob er damit gerechnet hat, dass das 200 Jahre nach

seinem Ableben faktische Gültigkeit haben wird? Die lancierte Falschmeldung,

die großes Aufsehen erregt, rast digital um den Globus,

während die Richtigstellung sich noch die Schuhe zubindet, und somit

im Sprint der Informationshoheit untergeht. Message Control und

Framing sind einige der Werkzeuge der kleinen Endgegner im großen

Spiel der Macht. Wer wird gewinnen? Oder ist der einzig gewinnbringende

Zug jener, nicht zu spielen?

„The Truth is out there.“

― FBI Special Agent Fox William Mulder

Auf die Suche nach Extraterrestrischem macht sich Elevate zwar

nicht, aber Mulder hat Recht: Die Wahrheit ist da draußen, und im

Diskursprogramm des Festivals gibt es viel zu entdecken, denn die

Themen sind vielschichtig und vor allem einer intensiven Auseinandersetzung

wert.

„Believe those who seek the truth, and doubt

those who have found it.“

André Gide

The search for truth is probably as old as mankind itself.

So are lies and deceit. Secrets and conspiracies are

uncovered or swept under the table. Like a red thread,

the human game between truth and falsehood runs through history.

According to his apostle John, Jesus also knew about the revolutionary

potential of truth: „It makes you free“ was the message. Catch

22: To be God’s disciple was the condition. Can man or god lease the

truth? Like a timeshare principle? As the Roman author Aulus Gellius

stated around the 100s, truth is the „daughter of time“. Every epoch,

every generation plays anew. Only the basic conditions change, the

basic principle remains the same: truth or dare?

Fast Forward to 2019. A new level in this game is upon us, including

a threatening „boss“: the destruction of our natural resources by the

ongoing climate crisis. It seems paradoxical. Overall, humanity today

is at its highest level of education to date, thanks to the technical capability

to share knowledge, regardless of location, almost free of charge,

and, through projects like Wikipedia, more openly than ever before.

Nevertheless, humanity is stumbling into a danger zone from which

there is no turning back. Saying it is like driving against the wall at full

throttle is an understatement. But what mechanisms what power

mechanisms are preventing the unfolding of the long known potential

of shared knowledge? What powerful interests stand against the

manifold and promising solutions in the fight against the boss? Power

and truth the core of the conflict?

„Knowledge is power, and not knowing does not matter“.

In times of a networked and mobile information society, Spontis

1970s maxim would probably have to be modified: „Knowledge is

power, and knowing everything doesn’t matter either“. This impression

can arise, because despite or because of? the almost barrier-free

possibility of access to an infinite amount of allegedly factual

knowledge, it is hardly feasible for users to see through underlying

power or profit interests, nationalistic or religious fundamentalisms

play an increasing role in personal and political decisions.

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Pamela Anderson

Pamela Anderson

Die Eröffnung im Grazer Orpheum am Mittwoch Abend stellt

AktivistInnen in den Mittelpunkt, die sich im Scheinwerferlicht der

Öffentlichkeit für wichtige Themen gesellschaftspolitisch engagieren.

Stargast des diesjährigen Festivals ist Pamela Anderson, Schauspielerin

und Model mit einem enormen globalen Bekanntheitsgrad.

Der kroatische Philosoph Srećko Horvat wiederum, ist als Mitbegründer

der DiEM25 Bewegung europapolitisch sehr aktiv und wird

am Festival über Philosophie, Wahrheit und Aktivismus sprechen.

Nnimmo Bassey aus Nigeria, Träger des Alternativen Nobelpreises

„Right Livelihood Award”, setzt sich seit Jahren für Umweltschutz

und gegen den Klimawandel ein und wird am Elevate Festival über

die Entwicklungen der letzten Jahre und die Afrikanische Perspektive

sprechen.

Philosophie, Medien und Journalismus eröffnen am Elevate

Donnerstag den diskursiven Reigen. Die Rolle der Sprache an

sich, wie auch Fragen rund um das Thema Medien, Journalismus

und Vertrauen werden im Rahmen zweier hochkarätig besetzter

Diskussionsrunden beleuchtet. Der kroatische Philosoph und DiEM25

Mitbegründer Srećko Horvat betitelt seinen Vortrag mit „The Truth

Will Set You Free?“, wohlgemerkt mit Fragezeichen. Im Kunsthaus

Space04 gibt es indes eine Neuauflage der Kooperation von Elevate

mit der Vertretung der EU Kommission in Wien. Eine Diskussionsrunde

zu einem aktuellen Thema der EU Politik: „Fake News und

Desinformationskampagnen“ und deren Einfluss auf die politischen

Meinungsbildungsprozesse.

Im Freitagsprogramm stehen Themen wie Wissenschaft,

Kunst, Technologie, Fiktion und Immersion im Vordergrund.

Eine Reihe von Vorträgen setzt sich einerseits kritisch mit

Technologien und wissenschaftlichen Entwicklungen auseinander,

andererseits werden die Potentiale und Zusammenhänge unterschiedlicher

Methoden diskutiert.

Am Elevate Samstag schlägt das programmatische Pendel

dann wieder in die andere Richtung. Zwei auf Selbstermächtigung

fokussierte Workshops zu den Themen Demokratie und Community

Building bieten einen positiven Einstieg zum Tag, an dem es

später ein paar harte Nüsse zu knacken gilt. Wie schnell aus Rechtsextremismus

Rechtsterrorismus werden kann, Verschwörungstheorien,

eine Fishbowl-Diskussion und damit nicht genug: Es folgen noch zwei

abendliche Podiumsdiskussionen, hochkarätig und potentiell kontrovers

besetzt mit renommierten Persönlichkeiten.

Der Sonntag widmet sich dann unter anderem dem eingangs

erwähnten Endgegner: Die Klimakrise und deren für viele

Menschen jetzt schon schwerwiegende Folgen, die sich in kriegerischen

Auseinandersetzungen manifestieren und Fluchtbewegungen

auslösen können. Los geht es wie immer bereits am Vormittag mit

einem Workshop mit dem nigerianischen Umweltaktivisten Nnimmo

Bassey.

Viele Themen also in insgesamt 33 Veranstaltungen des Elevate Diskursprogramms,

das übrigens ausnahmsweise schon am Montag, dem

25.2. mit einer Weltpremiere des Dokumentarfilms „Die Mission der

Lifeline“ im Schubertkino die Elevate Woche eindrucksvoll einleiten

wird.

„The truth is you don’t know what is going to happen tomorrow.

Life is a crazy ride, and nothing is guaranteed.“

Eminem

Viel Substanz und intellektuelle Auseinandersetzung im Diskursprogramm,

viel Inspiration, spannende Begegnungen und vor allem auch

Bewusstseinserweiterung mit dem erweiterten Kunstprogramm und

einem überwältigendem Musik-Lineup - im Free Space der Elevate

Festival Experience gelingt das ganz sicher.

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And what role do mainstream media still printed on paper play in this

game? Or is it the commercial television garbage of the 80s and 90s

that is at fault? The educational systems of the 21st century should

also look in the mirror and recognize that radical changes in media

and technology must also lead to radical changes in pedagogy.

„A lie can travel half way around the world while the truth

is putting on its shoes.“

Mark Twain

„Lies have short legs“ is the saying. But they seem to run faster than

the truth, according to Mark Twain. Could he ever have expected that,

200 years after his death, his bon mot would be so true? Sensational

falsehoods are easy to launch and fast to spread across the Internet,

while painstaking fact-checkers struggle to keep up, losing ground in

the race for information sovereignty. Message control and framing

are some of the tools used by small bosses in the great game of power.

Who will win? Or is the only profitable move the one not to play?

„The Truth is out there.“

FBI Special Agent Fox William Mulder

Elevate does not search for the extraterrestrial, but Mulder is right:

the truth is out there and waiting to be discovered in the festival’s

discourse programme. The themes are multi-layered and all worthy of

intensive exploration.

The grand opening at the Orpheum in Graz on Wednesday

evening will focus on activists who are committed to important

socio-political issues in the public spotlight. The star guest of this

year’s festival is Pamela Anderson, actress and model with a global

reputation. The Croatian philosopher Srećko Horvat, on the other

hand, as co-founder of the DiEM25 movement, is very active in European

politics and will speak about philosophy, truth and activism at

the festival. Nnimmo Bassey from Nigeria, winner of the Alternative

Nobel Prize „Right Livelihood Award“, has been campaigning for

years for environmental protection and against climate change and

will speak at the Elevate Festival about the developments of recent

years and the African perspective.

Philosophy, media and journalism will open the discourse

programme on Thursday. The role of language itself, as well as

questions concerning the media, journalism and trust, will be discussed

in two high-level panel discussions. In the evening we return

to the beginning of the day and thus to philosophy. The Croatian

philosopher and DiEM25 co-founder Srećko Horvat significantly titles

his lecture with a question mark: „The Truth Will Set You Free?“.

At Kunsthaus Space04 we welcome representatives from the EU

Commission in Vienna. A panel discussion on a current topic of EU

politics: „Fake News and Disinformation Campaigns“ will explore

their influence on political opinion-forming processes.

On Elevate Saturday, the programmatic pendulum will

swing again. Two workshops focused on self-empowerment in

democracy and community building offer a positive introduction on a

day when we will be cracking a few tough nuts: how quickly right-wing

extremism can become right-wing terrorism, the combat concept of

psychological warfare, conspiracy theories and a fishbowl discussion

but that’s not all: two more, potentially controversial, evening panel

discussions with renowned personalities will follow.

Sunday will be dedicated to, among other things, the „boss“:

the climate crisis and its already serious consequences for many

people, including armed conflicts and migration movements. As always,

we will start in the morning with a workshop from the Nigerian

environmental activist Nnimmo Bassey.

These are just some of the many topics across a total of 33 events in

the Elevate discourse program, which begins with the world premiere

of the documentary film „The Mission of the Lifeline“ at Schubertkino

on Monday, February 25.

„The truth is you don’t know what is going to happen tomorrow.

Life is a crazy ride, and nothing is guaranteed.“

- Eminem

This year, in the Free Space of the Elevate festival experience, there

will doubtless be a lot of substance and intellectual debate in the

discourse programme; plenty of inspiration, exciting encounters, and,

above all, a broadening of consciousness in a unique synergy with the

expanded art programme and an overwhelming music line-up.

Überblick Diskursprogramm: elevate.at/diskursprogramm

Alle SprecherInnen: elevate.at/speakers

Schedule Discourse: elevate.at/en/schedule

All Speakers: elevate.at/en/speakers

Srecko Horvat

Srecko Horvat

The Friday programme focuses on science, art, technology,

fiction and immersion. A series of lectures on the one hand

critically deals with technologies and scientific developments, on the

other hand the potentials and connections of different methods are

discussed, and finishing with the closing credits of documentary „Trust

Machine“ at about 11pm, there will be an action-packed programme of

10 events.

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DIE LINIE DES GERINGEREN

WIDERSTANDS.

THE LINE OF LESSER

RESISTANCE.

Marko Dinic

Leonhard Pill/Zsolnay

Welchen Stellenwert hat die Wahrheit angesichts eines aufkeimenden

Nationalismus? Wer beherrscht die Narrative einer Gesellschaft?

Und wo bleibt bei den ganzen Säuberungsphantasien die

Kunst? Der Essay Die Linie des geringeren Widerstands geht diesen

Fragen anhand des ‚balkanischen’ Beispiels nach.

Marko Dinić lebt als freischaffender Schriftsteller und Publizist in

Wien. Er wuchs in Belgrad während der Milošević-Jahre auf, die er

in seinem Roman Die guten Tage (Zsolnay 2019) verarbeitete.

How significant is the truth in the face of burgeoning nationalism?

Who controls the narrative of a society? And what happens to the

art in all those purge fantasies? The essay The Line of Lesser Resistance

explores these questions on the basis of the ’Balkan’ example.

Marko Dinić lives in Vienna as a freelance writer and publicist. He

grew up in Belgrade during the Milošević years, which he processed

in his novel The Good Days (Zsolnay 2019).

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In der Auseinandersetzung mit versehrten Gesellschaften,

als welche die Länder des ehemaligen Jugoslawien, in dem

ich aufwuchs und sozialisiert wurde, durchaus bezeichnet

werden können, drängt sich die Frage nach der Wahrheit

einem beinahe selbstständig auf. Der Krieg und die auf ihn

folgenden demokratischen Umbrüche forderten viele Opfer

— ganze vorne mit dabei war die Demokratie selbst.

In einem gesellschaftlichen Vakuum — das zu hinterlassen

ehemals sozialistisch geführten Ländern inhärent zu sein schient —,

in dem vorher nur die eiserne Männerhand, Armut, Krieg, Inflation

und Schwarzmarkt regierten, konnte so etwas wie ein funktionierender

Rechtsstaat nicht Fuß fassen: Auf den Sozialismus folgte der

Zerfall, auf den Zerfall eine mehr umgestülpte, marode demokratische

Struktur, die, angekommen im Kapitalismus des 21. Jahrhunderts,

Korruption und Vetternwirtschaft begünstigt — also die herrschende

Elite. All dies untersetzt vom alles unter sich zermalmenden Nationalismus,

der es in den Händen derer, die es verstehen, mit und durch

ihn die Massen und die Medien in Schach zu halten, schafft, auch die

identitätsstiftenden, gesellschaftskulturellen Narrative, sprich die bis

dato verhandelten Wahrheiten zu kapern, zu instrumentalisieren, zu

banalisieren — zu vergiften.

In Serbien, aber auch in Bosnien, Mazedonien, Montenegro, ja sogar

in den EU-Ländern Kroatien, Ungarn, Rumänien und Bulgarien

herrscht heute eine für die Balkanländer eigens zugeschnittene Art

von Nepotismus, der nicht nur auf hohlen Versprechen von Politikerinnen

und Politikern aufbaut, sondern auch auf Wahrheiten, deren

Sachverhalte und Tatsachen nie einer rechtsstaatlichen Prüfung unterzogen,

die nie im Einvernehmen mit der Gesellschaft, geschweige

denn mit ihren RepräsentantInnen ausgehandelt wurden.

When dealing with damaged societies, which

the countries of former Yugoslavia that I

grew up and was socialized in can certainly

be referred to, the question of truth is almost

independently imposed on oneself. The war

and democratic upheavals that followed claimed

many victims with democracy itself at the top

of the list.

In a social vacuum which seems to be inherent in countries formerly

led by socialism only strongmen, poverty, war, inflation, and the

black market ruled, a somewhat functional constitutional state could

not gain a foothold: Socialism was followed by disintegration, and disintegration

was followed by a more upturned, dilapidated democratic

structure that, when put into perspective with 21st century capitalism,

favoured corruption and nepotism in other words, the ruling elite.

All this is underpinned by the crushing nationalism that, in the hands

of those who know how to keep the masses and the media in check,

manages to capture, instrumentalise, trivialise, and poison the identity-giving,

socio-cultural narratives. The previously established truth,

so to speak. In Serbia, but also in Bosnia, Macedonia, Montenegro,

even in the EU countries Croatia, Hungary, Romania, and Bulgaria,

there is a kind of present-day nepotism that is tailor-made for Balkan

countries. It is based not only on hollow promises by politicians, but

also on truths whose factual premises have never been subject to a

rule of law examination, and have never been negotiated in agreement

with society, let alone with its representatives.

VERGIFTETE GESCHICHTEN

Der Sozialismus, zumal der jugoslawische, hantierte mit eigenen

Versprechungen und eigenen Wahrheiten, gezimmert für eine noch

im Entstehen begriffene Nachkriegsgesellschaft. Pluralismus im

demokratischen Sinne waren dem Tito-System nicht fremd, da es galt,

nicht nur einen Staat, sondern einen Vielvölkerstaat (im Gedanken

ähnlich der Europäischen Union) neu aufzubauen und neu zu denken.

Dass solch ein System, welches von sich aus patriarchal und repressiv

organisiert ist, mit dem Tod des Alleinherrschers ein unsanftes Ende

nehmen würde, verwundert aus heutiger Sicht nicht — den auf den

‚Übervater’ folgenden Machthabern waren die Narrative entglitten:

Diejenigen Wahrheiten, die Jahrzehntelang als Kitt und Mörtel für ein

künstliches, heterogenes Gebilde benutzt wurden, brachten gleichzeitig

auch jene Gestalten hervor, die ganz andere Wahrheiten für die

verschiedenen, zusammenlebenden Ethnien parat hatten, Gestalten,

deren Säuberungsphantasien kein Jahrzehnt später das größte Blutbad

auf europäischem Boden seit dem Zweiten Weltkrieg anrichten

sollten.

Marko Dinic

Marko Dinic

ZUR WIEDERHOLUNG

Ein marodes, sozialistisches System bringt Armut, Ausgrenzung

und Inflation hervor. Die Menschen klammern sich nicht mehr an

solidarisch-pluralistische Heilsversprechen, sie klammern sich an die

eigene Lebensrealität, die von Hunger und Existenzangst geprägt ist.

In dieses Vakuum tritt der Nationalismus als — wie der jugoslawische

Schriftsteller Danilo Kiš ihn nannte — Linie des geringeren Wider-

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stands auf, als Konformismus: ein Narrativ, das die Tatsachen kapert

und sie verdreht, sie vereinfacht, leicht verdaulich serviert.

Dabei mögen die MachthaberInnen selber nicht einmal Nationalisten

sein — der Nationalismus ist Mittel zum Zweck, er ist da, um die Massen

in Zaum zu halten, ihnen das Denken abzugewöhnen, sie ihrer

eigenen Kultur zu berauben — durch Boulevardpresse, Propaganda

und die ewige Wiederholung der Phantasie von einer homogenen

Gesellschaft. In diesem Bestreben gleichen Nationalisten einander wie

faule Eier: von Serbien bis Ungarn, von der FPÖ bis zur AfD, von den

Identitären bis zum Front National.

Die ewig-gleiche Leier, die zu spielen anscheinend vielen immer noch

nicht zu fad geworden ist, bedroht wieder ein auf die Verständigung

der Völker fußendes Staatengebilde. Und die schmerzhafte Wahrheit

des Nationalismus — greift er einmal um sich — sollte nach 1945 und

sechs Millionen getöteten Jüdinnen und Juden zumindest in Europa

jedes Kind kennen: das Lager.

DER KUNST BERAUBT

Dem Nationalismus ist jegliche Kunst suspekt. Auch sie verkommt

in seinem Dunstkreis zum reinen Mittel, deshalb sucht sich der

Nationalismus stets einen Verbündeten in der religiösen Institution,

die seit jeher in der Kunst ein exklusives Werkzeug der Instrumentalisierung

sah. Und so wie der Nationalismus historische und kulturelle

Narrative für sich und die eigene Agenda einnimmt, sie pervertiert

und jeglicher wissenschaftlichen Aufarbeitung und Betrachtungsweise

beraubt, so steht er auch der zeitgenössischen Kunstproduktion in

skeptischer Distanz gegenüber. Gerade in maroden Staaten, die unter

dem Deckmantel der repräsentativen Demokratie agieren, hängt die

zeitgenössische Kunstproduktion stark vom Willen und der Gunst der

MachthaberInnen ab — sie wird geduldet, mehr aber auch nicht.

Tendenzen einer nationalistisch gefärbten Kulturpolitik lassen sich

etwa in den Angriffsversuchen der AfD auf die Theaterlandschaft

Deutschlands erkennen, in denen eine Herangehensweise gefordert

wird, der das Attribut ‚rein’ vorangestellt wird und die in ihrem Kern

ein genehm-homogenes Weltbild transportieren soll, das der Entwöhnung

der TheatergängerInnen vom distanzierten, kritischen Denken

dient. Was in Deutschland einen Versuch mit ungewissem Ausgang

darstellt, ist in anderen Teilen Europas bittere Realität. Die Frage, die

diese im Kern nazistische Partei den Institutionen immer wieder an

den Kopf wirft, nämlich die Frage nach der ‚gepachteten Vorstellung

von moralischer Handlung und Haltung’, sollte in einer demokratisch

organisierten Gesellschaft nicht verhandelbar sein: Schließlich gibt

es kaum Institutionen, die sich mehr mit der Verantwortung einer

Gesellschaft, aber auch des Einzelnen gegenüber der Realität und

Wirklichkeit der Konzentrations- und Vernichtungslager nach dem

Zweiten Weltkrieg auseinandergesetzt haben und weiterhin auseinandersetzen

wie die deutschen Theater. Wie gesagt: Nicht verhandelbar!

Wie das Gegenteil, also eine nationalistische Kulturpolitik

aussehen kann, lässt sich an der Arbeit von Kunstschaffenden in den

Ländern des ehemaligen Jugoslawiens sehen, wo eine verheerende

Förderlandschaft KünstlerInnen, die etwa Verantwortung gegenüber

dem Genozid in Srebrenica zeigen wollen (einer unumstößlichen

Wahrheit!), Hürden in den Weg legt, um so einen ganz anderen Weg

zu beschreiten, nämlich den der sich anbiedernden, den MachthaberInnen

genehmen Kunst. Die KünstlerInnen ziehen sich im

Umkehrschluss in ihre Schutzräume zurück, in ihre improvisierten

Werkstätten, Ateliers, in ihre Heizkeller, agieren nach dem DIY-Prinzip

im Untergrund, suchen sich neue Formen des Protests — oder

emigrieren dorthin, wo die Freiheit der Kunst noch hochgehalten und

vom Rechtsstaat geschützt wird.

SCHUTZRAUM HEIZKELLER

Industrija — in Serbien steht dieser Name nicht nur für einen Techno-Club

während der 90er-Jahre, als das ganze Land und dessen

Bevölkerung von den Abgründen des Krieges und der Sanktionen gefressen

zu werden drohten. Industrija ist der Ausdruck eines in dieser

Form einmaligen Lebensgefühls — die fleischgewordene Rebellion gegen

den Horror des Nationalismus. Im wahrsten Sinne des Wortes ein

Heizkeller, ein Boiler Room, diente dieser Club nicht nur denjenigen

als Schutzraum, die sich in Eskapismus gegenüber ihrer vergifteten

Umgebung üben wollten, sondern auch jenen, die die Dringlichkeit

erkannt hatten und trotz der widrigen Umstände gekommen waren,

um einer traumatisierten Generation zu zeigen, dass die Utopie des

Dancefloors nicht nur ein Berliner Gerücht war: Dejan Milievi und

Marko Nasti, die Belgrader Techno-Urgesteine wurden hier, wie sie

selber sagen, als Teenage Techno Punks geboren; Mark Williams,

Moby, Trevor Rockcliffe und DJ Hell drehten hier ihre Scheiben, und

Laurent Garnier war die Belgrader Szene um den Club Industrija

ein ganzes Kapitel in seiner Autobiographie Elektrochoc wert. Für

einen kurzen Augenblick hatte es eine Handvoll junger Leute, hatte es

Belgrad geschafft, sich vom Vakuum zu befreien und sich dem clubbenden

Europa anzunähern — ganz ohne Internet, abgeschnitten vom

Rest der Welt durch Krieg und Diktatur.

Der Club Industrija ist längst Geschichte, ein Mythos, den wir, die

damals noch in die Grundschule gingen, nur vom Hörensagen her

kennen — die Wahrheit dieser schwarzgestrichenen vier Wände, sie

liegt begraben in der Erinnerung derer, die dabei gewesen sind und

den Bass der Industrija-Anlage noch in ihren Ohren wummern hören.

Das Lebensgefühl aber, das dieser Club vermittelte, die Rebellion und

die Auflehnung gegen das Starre, Ausgrenzende, das Einfache — sie

währen mit jeder neu aufgelegten Platte fort.

„DIE GUTEN TAGE” ist der erste

Roman von Marko Dinic. Er erschien

am 18. Februar im Wiener

Paul Zsolnay Verlag. Lesung in

Graz am 27. März um 19 Uhr im

Literaturhaus.

„THE GOOD DAYS” is Marko Dinic’s

first novel. It was published

on 18 February by Paul Zsolnay

Verlag in Vienna. Reading in Graz

on 27 March at 19:00 in the

Literaturhaus.

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TOXIC STORIES

Socialism, especially Yugoslavian socialism, handled its own promises

and its own truths, built for a post-war society still in the making.

Pluralism in the democratic sense was not alien to the Tito regime

since it was necessary to rebuild and rethink not only a state but a

multi-ethnic state (conceptually similar to the European Union). That

such a system, which is patriarchally and repressively organised on

its own initiative, would come to a jarring end with the death of the

autocrat, is not surprising from today’s point of view the narratives

had slipped away from the rulers who adhered the dominant father figure:

Those truths that were used for decades as putty and mortar for

an artificial, heterogeneous structure simultaneously produced those

figures who had diametrically opposing truths at hand for the various

ethnic groups living together. Figures whose fantasies of purification

were not to cause the greatest bloodbath on European soil since the

Second World War a decade later.

ON REPETITION

A decaying socialist system generates poverty, exclusion, and inflation.

People no longer cling to promises of solidarity and pluralistic

salvation, they cling to their own reality of life, which is marred by

hunger and existential fear. In this vacuum, nationalism appears as

the Yugoslav writer Danilo Kiš called it as a line of lesser resistance,

as conformism: a narrative that captures the facts and twists them,

simplifies them and regurgitates them as easily digestible.

And yet, the rulers themselves may not necessarily be nationalists

nationalism is a means to an end, it is there to keep the masses

in check, to dissuade them from thinking, to deprive them of their

own culture through the tabloid press, propaganda and the eternal

repetition of the fantasy of a homogeneous society. In this endeavor,

nationalists are like rotten eggs: from Serbia to Hungary, from the

FPÖ to the AfD, from the Identitarians to the Front National.

The same old schtick, which many still seem to think hasn’t become

too bland to play, again threatens a state based on the understanding

of peoples. And the painful truth about nationalism is that once it

spreads, every child in Europe should know, after 1945 and six million

murdered Jews, the camps follow.

ROBBED OF THE ART

Nationalism is suspicious of any and all art. It, too, degenerates into a

pure medium within its sphere of influence, which is why nationalism

always seeks an ally in the religious institution that has historically

viewed art as an exclusive tool of instrumentalisation. And just as

nationalism takes up historical and cultural narratives for itself and

its own agenda, perverts them and deprives them of any scholarly

treatment and approach, it also stands at a skeptical distance from

contemporary art production. Especially in ailing states that operate

under the guise of representative democracy, contemporary art production

depends heavily on the will and favour of those in power it

is tolerated, but nothing more.

Tendencies of a nationalistically tinged cultural policy can be seen, for

example, in the AfD’s attempts to attack Germany’s theatrical landscape,

in which an approach is called for that is prefaced by the attribute

‚pure’, which, at its core, intends to convey a homogeneous, approving

view of the world that serves to wean theatregoers from distanced, critical

thinking. What may be an attempt with an uncertain outcome in

Germany is a harsh reality in other parts of Europe. The question that

this (essentially) Nazi party repeatedly poses to the institutions should

not be negotiable in a democratically organised society: after all, there

are hardly any institutions that have dealt with and continue to deal

with the responsibility of a society, and the individual, for the reality

of concentration and extermination camps after the Second World

War, the way German theatres have. I repeat: Non-negotiable!

A demonstration of a contrary example, i.e. a nationalist cultural

policy, can be seen in the work of artists in the former Yugoslavian

countries, where a devastating funding landscape places obstacles

in the way of artists who, for example, want to show responsibility

towards the genocide in Srebrenica (an irrevocable truth!), in order to

tread a completely different path, namely that of the ingratiating art

that is acceptable for those in power. In reverse, the artists withdraw

into their shelters, into their improvised workshops, studios, into their

boiler rooms, operate underground according to the DIY principle,

and seek new forms of protest or emigrate to places where artistic

freedom is still upheld and protected by the rule of law.

THE BOILER ROOM AS SAFE SPACE

Industrija in Serbia, this name does not only stand for a 90s techno

club, when the whole country and its population were threatened to

be devoured by the abyss of war and its sanctions. Industrija is the

expression of a unique attitude to life the carnal rebellion against

the horror of nationalism. Literally a boiler room, this club served

not only as a shelter for those who wanted to practice escapism from

their toxic environment, but also for those who had recognized the

urgency and had come through despite the adverse circumstances to

show a traumatized generation that the utopia of the dance floor was

not just a Berlin rumor: Dejan Milievi and Marko Nasti, the Belgrade

techno veterans were born here, as they say themselves, as teenage

techno punks; Mark Williams, Moby, Trevor Rockcliffe and DJ Hell

spun their records here, and Laurent Garnier devoted a whole chapter

in his autobiography Elektrochoc to the Belgrade scene around Club

Industrija. For a brief moment, a handful of young people had managed

to free themselves from the vacuum and approximated Europe’s

clubbing culture without the internet, cut off from the rest of the

world by war and dictatorship.

Club Industrija has long since become history, a myth that we, who

were still attending primary school at the time, only know from

hearsay the truth of those four walls painted black, buried in the

memory of those who were there and still hear the bass of the Industrija

system rumbling in their ears. But the attitude to life that this club

conveyed, the rebellion and resistance against rigidity, exclusion, and

simplicity continues on with each record that is played.

1 https://www.lupiga.com/vijesti/danilo-kis-o-nacionalizmu-3;

2 https://www.vice.com/rs/article/wndgyw/klub-industrija

3 https://www.vice.com/rs/article/mgvex8/teenage-technopunks-dvadeset-godina-kasnije

4 http://www.dazeddigital.com/artsandculture/article/20626/1/

klub-industrija-in-the-1990s-belgrades-beating-heart

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ZU HEISS, ZU TROCKEN,

ZU NASS: FLUCHTGRUND

KLIMAWANDEL

TOO HOT, TOO DRY,

TOO WET: CLIMATE

CHANGE AS A REASON

FOR FLIGHT.

Brigitte Kratzwald

Migrationsbewegungen und Klimawandel gehören

zu den großen globalen Herausforderungen des

21. Jahrhunderts. Dass die beiden eng miteinander

verknüpft sind, wird immer deutlicher. Forderungen,

Klimawandel als Fluchtgrund anzuerkennen und ein

Recht auf Asyl zu begründen, werden lauter.

Migration and climate change are among the major

global challenges of the 21st century. It is becoming

increasingly clear that the two are closely linked.

Demands to recognise climate change as a reason

for flight and to establish a right to asylum are

growing ever louder.

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In einem am 16.01.2019 in London vorgestellten Weltrisikobericht

heißt es: „Globale Risiken nehmen zu, aber der

kollektive Wille, sie zu bekämpfen, schwächt sich ab“. Laut

der Studie, die im Rahmen des Weltwirtschaftsforums

vorgestellt wurde, seien Klimawandel, Natur-Katastrophen

und mangelnder Umweltschutz neben Datenkriminalität

die größten globalen Gefahren der Gegenwart. Auch

das US-amerikanische Wirtschaftsmagazin Fast Company

schreibt in einem Artikel, es werde auch in den reichen Ländern des

Nordens immer wahrscheinlicher, dass Klimaereignisse Menschen

zwingen, ihren Wohnort zu verlassen. Es bezieht sich dabei auf die

verheerenden Waldbrände des letzten Sommers in Kalifornien, die

unter anderem den Nobelort Malibu verwüsteten, wo auch der deutsche

Showmaster Thomas Gottschalk eine Villa besaß. Diese könne

er verschmerzen, viel tragischer sei es, dass eine Handschrift von

Rilkes Gedicht „Der Panther“ mit verbrannt sei, meinte er nonchalant.

Viele BewohnerInnen der Region verloren jedoch alles, was sie sich

im Laufe des Lebens erwirtschaftet hatten. Immerhin gibt es in den

reichen Ländern normalerweise Sicherheitsnetze, die einen Neustart

ermöglichen.

Schlimmer trifft es die Menschen in den viel ärmeren Ländern im

globalen Süden, die noch dazu stärker unter dem Klimawandel leiden.

Da ist etwa Kiribati, ein Kleinstaat im Pazifik, dessen Fläche größtenteils

weniger als zwei Meter über dem Meeresspiegel liegt. Diese Insel

werde noch in diesem Jahrhundert versinken, meinen ExpertInnen.

Die Regierung hat Land im Nachbarstaat Fidschi gekauft, um die

Menschen im Notfall umsiedeln zu können. BewohnerInnen dieser

pazifischen Inselstaaten waren 2017 als KlimazeugInnen zu einer

Klimakonferenz nach Bonn geladen und plädierten dort leidenschaftlich

dafür, dass Europa endlich ernsthafte Maßnahmen gegen den

Klimawandel ergreifen solle. Niemals würden sie ihr Land verlassen,

ohne dazu gezwungen zu werden, betonten sie unisono.

Die deutsche NGO Germanwatch forscht zum Zusammenhang

zwischen Flucht und Klimawandel und fordert, Klimawandel müsse

endlich als Flucht- und Migrationsursache ernst genommen werden.

Derzeit bestehe für Menschen, die durch klimabedingte Umweltveränderungen

ihre Heimatländer verlassen müssen, eine Schutzlücke.

Ein Anspruch auf Asyl entsprechend der Genfer Flüchtlingskonvention

solle geschaffen werden, erste Empfehlungen dazu wurden von der

„Platform on Disaster Displacement“ bereits entwickelt.

A World Risk Report filed on 16 January 2019 in London,

reads as follows: „Global risks are increasing but

the collective will to counteract them is weakening.“

According to the World Economic Forum, climate

change, natural catastrophes and insufficient environmental

protection are the largest global threat

of today beside cybercrime. The US economy

magazine Fast Company mentioned the increasing

likelihood of residents in rich Northern countries being forced to

leave their homes. It specifically refers to the devastating forest fires

in California last summer, which laid waste to the affluent Malibu

area, where German show host Thomas Gottschalk also owned a

mansion. He can get over that one, he adds nonchalantly, as opposed

to the fact that an original manuscript of Rainer Maria Rilke’s poem

„The Panther“ was also lost to the fire. However, many inhabitants of

the region lost everything they had built over the course of their lives.

But still, rich countries usually have safety nets that make resetting

possible.

People located in the global south in far less wealthy countries are

hit much harder by these circumstances, especially when it comes to

climate change. Take Kiribati, for example, a microstate in the Pacific

Ocean, whose main surface area sits less than two metres above sea

level. This island will sink before this century is over, experts say. The

government then bought land in the neighbouring state of Fiji, in order

to have a resource for evacuation during an emergency. Residents

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Auch Nnimmo Bassey von der nigerianischen Umweltorganisation

Homef berichtet aus seiner Heimat über Klimaveränderungen, die zu

Wanderungsbewegungen führen, und plädiert dafür, Auswirkungen

des Klimawandels als Fluchtgrund innerhalb der UNHCR-Konvention

anzuerkennen. Doch so einfach sei der Kausalzusammenhang nicht

herzustellen, warnt Patrick Sakdapolrak von der Universität Wien.

Man laufe dabei Gefahr, andere Ursachen aus den Augen zu verlieren.

Da sei etwa nicht nur die Ungleichheit zwischen Süd und Nord, sondern

auch die Ungleichheit innerhalb der Länder des globalen Südens.

Wie in Kalifornien gibt es auch dort Menschen, denen es leichter fällt,

Klimawandeleffekte zu kompensieren, und andere, die existenziell

davon bedroht sind. Außerdem gibt es komplexe Wechselwirkungen

zwischen verschiedenen Ursachen, die letztlich Migration auslösen.

Diese Wechselwirkungen werden auch in Basseys Erzählungen deutlich:

Da sei zum einen die Wasserknappheit durch das Austrocknen

des Tschad-Sees, der seit den 1960er Jahren auf ein Zehntel seiner

Fläche geschrumpft sei, mit drastischen Auswirkungen auf Fischerei,

Weide- und Landwirtschaft. Das habe eine Binnenwanderung Richtung

Süden ausgelöst, die in gewalttätige Konflikte münde. Der zweite

Schwerpunkt liege an der Atlantikküste, wo die Dorfgemeinschaften

durch den Anstieg des Meeresspiegels und die Erosion der Küste Land

verlören. Wird der Zugang zu Wasser und Land durch den Klimawandel

erschwert, betrifft das automatisch die Nahrungsproduktion

und andere ökonomische Tätigkeiten. Menschen werden dann, so

meint Bassey, immer nach Orten suchen, wo sie ihre Existenz sichern

können und ihnen ein Leben in Würde möglich ist.

In vielen Konfliktgebieten, wie etwa Afghanistan oder Syrien, verschärfe

Wassermangel die Situation oder sei einer der Auslöser für die

Konflikte gewesen. Dazu kommen Phänomene wie Landgrabbing oder

eine Verarmung der Böden durch industrielle Landwirtschaft, die den

Zugang zu Land immer prekärer machen.

Was bedeutet das nun für die Länder des globalen Nordens? Auch

wenn es sinnvoll sein kann, Klimawandel in bestimmten Fällen als

Fluchtgrund anzuerkennen, wird es oft schwierig sein, einen eindeutigen

Kausalzusammenhang herzustellen. Viel eher verschärft der

Klimawandel bestehende Nord-Süd-Konflikte und die ohnehin schon

schädlichen Auswirkungen der imperialen Lebensweise, was bedeutet,

dass der Reichtum der Länder des globalen Nordens auf Kosten

anderer erwirtschaftet wird. Die Bekämpfung von Fluchtursachen, die

gerade von der österreichischen Bundesregierung, aber auch EU-weit

ständig als Lösung angepriesen wird, müsste dann etwa verstärkte Aktivitäten

gegen den Klimawandel oder auch faire Handelsbeziehungen

umfassen. Klar ist, dass diesen Herausforderungen nur auf globaler

Ebene begegnet werden kann und dass die reichen Länder Europas

dabei Verantwortung übernehmen müssen.

Auch die Fluchtgeschichten, die die Organisation Earthlink für ihre

Kampagne „Fluchtgrund“ gesammelt hat, legen solche Zusammenhänge

nahe, zum Beispiel in Bangladesch:

„Im ersten Halbjahr 2017 sind 855.000 Menschen in Bangladesch

vor Klima und Krieg geflüchtet. Das Land liegt in einer Zone, die oft

von Erdbeben heimgesucht wird. Außerdem kommt es während der

Monsunzeit zwischen Juni und Oktober zu zahlreichen Überschwemmungen.

Vor allem im Süden des Landes bilden sich Tsunamis und

Taifune. Aufgrund des Klimawandels werden ganze Völker dazu

getrieben und gezwungen, auszuwandern. Der steigende Meeresspiegel,

die Wasserknappheit, Ernährungsunsicherheit und die daraus

resultierenden Kämpfe verstärken sich gegenseitig.“

Nnimmo Bassey

Nnimmo Bassey

18


In many conflict areas, such as Afghanistan or Syria, water shortages

exacerbate the situation or act as one of the triggers for conflict. In

addition, there are phenomena such as land grabbing or soil impoverishment

through industrial agriculture, which make access to land

increasingly precarious.

of these Pacific island states were invited as climate witnesses to a climate

conference in Bonn in 2017, where they passionately argued that

Europe should finally take serious action against climate change. They

stressed in unison that they would never leave their country without

being forced to do so.

The German NGO Germanwatch is researching the connection

between flight and climate change and demands that climate change

finally be taken seriously as a cause of flight and migration. Currently,

there is a protection gap for people who have to leave their home

countries due to climate-induced environmental changes. A claim

for asylum according to the Geneva Refugee Convention should be

created, first recommendations have already been developed by the

„Platform on Disaster Displacement“.

Nnimmo Bassey of the Nigerian environmental organisation Homef

has also reported on climate change leading to migration from his

home country, and pleads for the recognition of the effects of climate

change as a reason for flight within the UNHCR Convention. Patrick

Sakdapolrak from the University of Vienna warns, however, that it is

not so easy to establish a causal connection. One runs the risk of losing

sight of other causes. For example, there is not only the inequality

between the South and North but also the inequality within countries

of the global South. Much like in California, there are people here who

find it easier to compensate for climate change effects and others who

are existentially threatened by it. In addition, there are complex interactions

between different causes that ultimately trigger migration.

These interactions are also evident in Bassey’s tellings: On the one

hand, there is a water shortage caused by the drying up of Lake Chad,

which since the 1960s has shrunk to one-tenth of its surface area, causing

drastic effects on fishing, grazing, and agriculture. This triggered

an internal migration to the south, which in turn has led to violent

conflicts. The second point of emphasis is the Atlantic coast, where

village communities are losing land to rising sea levels and coastal

erosion. If access to water and land is made more difficult by climate

change, this will automatically affect food production and other economic

activities. Bassey believes that people will then always look for

places where they can secure their livelihood and live in dignity.

The migration stories collected by Earthlink for its „Reason for Flight“

campaign also suggest such connections, for example in Bangladesh:

„In the first half of 2017, 855,000 people fled climate and war in

Bangladesh. The country is located in a zone that is often hit by earthquakes.

There are also numerous floods during the monsoon season

between June and October. Tsunamis and typhoons form in the south

of the country especially. Due to climate change, entire peoples are

driven out and forced to emigrate. Rising sea levels, water scarcity, the

uncertainty of food and the resulting conflict are mutually reinforcing“.

So what does this mean for countries of the global north? Though it

might make sense to recognise climate change as a reason for flight

in certain cases, it will often be difficult to establish a clear causal

connection. Rather, climate change exacerbates existing North-South

conflicts and the already damaging effects of imperial lifestyles,

meaning that the wealth of countries of the global North is generated

at the expense of others. The fight against the causes of flight, which

is constantly being promoted as a solution by the Austrian federal government

in particular, but also throughout the EU, would then have

to include increased activities against climate change or fair trade

relations. It is clear that these challenges can only be met at the global

level and that the rich countries of Europe must assume responsibility

for this.

ELEVATE FESTIVAL 2019 ERÖFFNUNG

Mittwoch, 27. Februar 2019

19:30-22:00

Orpheum

WORKSHOP MIT NNIMMO BASSEY

Sonntag, 3. März 2019

12:00-14:00

Forum Stadtpark Saloon

KLIMAKRISE ALS FLUCHTGRUND?

Sonntag, 3. März 2019

18:30-20:00

Forum Stadtpark

ELEVATE FESTIVAL 2019 OPENING

Wednesday, 27 February 2019

19:30-22:00

Orpheum

WORKSHOP WITH NNIMMO BASSEY

Sunday, 03 March 2019

12:00-14:00

Forum Stadtpark Saloon

FUGITIVES FROM THE CLIMATE

Sunday, 03 March 2019

18:30-20:00

Forum Stadtpark

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DAS BEDÜRFNIS NACH

EINDEUTIGKEIT AM BEISPIEL

MÄNNLICHER GEWALT

GEGEN FRAUEN

Laura Wiesböck

Katharina Gossow

THE NEED FOR

CLARITY EXEMPLIFIED

BY MALE VIOLENCE

AGAINST WOMEN

„Gewalt gegen Frauen ist von Flüchtlingen

importiert“ diese Aussage hörte man von

rechtspopulistischer Seite immer wieder, wenn es

um die vergangenen Vorfälle von Frauenmorden

in Österreich ging. Und sie ist ein Paradebeispiel

für die heutige Diskussionskultur, die von einem

Bedürfnis nach Eindeutigkeit geprägt ist. Denn

wenn PolitikerInnen „Klartext reden“, also zuspitzen

und provokativ verkürzen, wird das als mutig und stark angesehen.

Das Analysieren von komplexen Zusammenhängen hingegen gilt

als unentschlossenes Geschwafel.

Der Wunsch nach übersichtlicher Einfachheit hat unterschiedliche

Wurzeln. Einerseits hängt er mit einer Überforderung mit den Ideen

der Aufklärung und Selbstbestimmung zusammen, andererseits mit

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„Violence against women is imported by refugees“

this statement was repeatedly echoed by right-wing

populists in light of past incidents of female homicide

in Austria. And it is a prime example of today’s debate

culture, which is characterised by a need for clarity.

Because when politicians speak in „plain language“, i.e.

exaggerated and provocatively, this is seen as courageous and strong.

The analysis of complex contexts, on the other hand, is regarded as

indecisive gibberish.

The need for concise simplicity has different origins. On the one hand,

it is connected with an excessive demand for the concepts of enlightenment

and self-determination; on the other hand, it is connected

to a tedious oversupply of data and information that floods in from

all media channels. The simplification of complexity thus serves to

recover the stressed perception. Enemy stereotypes serve the need for

gross simplification, the need to regard the world as unambiguous and

controllable and thus to feel secure in it.

If we were to address the subject in its complexity, however, we would

not have to start with the origin of the perpetrator, but with the question

of why so many boys and men are conditioned to regard violence

as a solution to their problems or fears. How does this happen?

One of the ways we can understand violence is as an external manifestation

of inner pain, such as a deep unfulfilled longing for connection

that can lead to despair and anger. Because according to social expectations

and norms, men are only supposed to experience and live

out certain emotions. Anger and rage are accepted and expected forms

of emotional expression, as opposed to suffering and vulnerability. In

addition to a form of pain, it is also a form of retaliation. Violence can

be a means for men to regain something they believe they can claim.

This includes so-called „relationship acts“ in which perpetrators inflict

physical damage on their (ex-)partners. The perpetrators do not normally

resort to violence because they have temperamental problems

but as a means of gaining or retaining power and control over others.

In this way, they fulfill the expectations of their gender.

Laura Wiesböck

Laura Wiesböck

The right to claim and violence is sometimes promoted by gender

roles and ideals of beauty portrayed in mass media, which objectify

women. Women are commonly portrayed as sexually available objects

21


einem ermüdenden Überangebot an Daten und Informationen, die

aus allen medialen Kanälen fluten. Die Reduktion von Komplexität

dient dann zur Erholung der gestressten Wahrnehmung. Feindbilder

bedienen das Bedürfnis nach grober Vereinfachung, das Bedürfnis,

die Welt als eindeutig und steuerbar zu betrachten und sich damit

darin sicher zu fühlen.

Würden wir uns dem Thema in seiner Komplexität widmen, dann

müssten wir allerdings nicht bei der Herkunft des Täters anfangen,

sondern bei der Frage, wieso so viele Buben und Männer darauf konditioniert

sind, Gewalt als Lösung für ihre Probleme oder Ängste zu

betrachten. Wie kommt es dazu?

Eine der Arten, wie wir Gewalt verstehen können, ist, dass es eine

äußere Manifestation eines inneren Schmerzes ist, etwa eine tiefe

unerfüllte Sehnsucht nach Verbindung, die zu Verzweiflung und

Wut führen kann. Denn gemäß den gesellschaftlichen Erwartungen

und Normen sollen Männer nur bestimmte Emotionen erleben und

ausleben. Ärger und Wut sind akzeptierte und erwartete Formen ihres

emotionalen Ausdrucks, ganz im Gegensatz zu Leid und Vulnerabilität.

Neben einer Form von Schmerz ist es auch eine Form von

Vergeltung. Gewalt kann für Männer ein Mittel sein, um etwas zurückzuerobern,

von dem sie glauben, dass sie darauf Anspruch haben.

Darunter fallen sogenannte „Beziehungstaten“, bei denen Täter ihren

(Ex-)Partnerinnen physischen Schaden zufügen. Die Täter bedienen

sich der Gewalt normalerweise nicht, weil sie Temperamentsprobleme

haben, sondern als Mittel, um Macht und Kontrolle über andere zu

gewinnen oder zu behalten. Damit erfüllen sie die Erwartungen ihres

Geschlechts.

Befördert wird jene Anspruchsberechtigung und Gewalt mitunter

durch massenmedial dargestellte Geschlechterrollen und Ideale von

Schönheit, die Frauen objektivieren. Frauen werden häufig als sexuell

verfügbare Objekte dargestellt, die man erwerben und besitzen kann:

die Frau als willenlose gefügige Ware, die man mit einer bestimmten

Biersorte oder einem Parfum dazu bekommt. Das weckt Erwartungen

und Anspruchsgelüste. Laut der Medienpsychologin Jean Kilbourne

führen diese Bilder unweigerlich zu einer Normalisierung sexueller

Übergriffe. Sie argumentiert, dass derartige Bilder zwar nicht direkt

Gewalt gegen Frauen verursachen, aber ein Klima schaffen, in dem

Frauen als Dinge gesehen werden. Und einen Menschen als ein Ding

zu betrachten, ist fast immer der erste Schritt dahin, Gewalt zu rechtfertigen.

Denn den Fokus auf Frauen zu legen, wird uns hinsichtlich der Gewaltprävention

nicht viel weiterbringen. Wir sollten uns stattdessen

mehr mit der (potenziellen) Täterrolle beschäftigen: Sind Übergriffe

denn vielleicht nicht doch vermeidbar? Etwa durch mehr Vorsicht

und Umsicht und Zurückhaltung nicht vonseiten der Frauen,

sondern vonseiten von Männern? Wie verhält man sich als Mann

in unangenehmen Gruppensituationen, in denen sexuelle Übergriffe

verharmlost werden? Was tun, wenn man mitbekommt, dass

ein anderer Mann es darauf anlegt, eine betrunkene Frau für seine

sexuellen Interessen zu benutzen? Und allgemein: Woher kommt das

Bedürfnis nach sexuellen Machtdemonstrationen und der Lust nach

Erniedrigung? Warum finden so viele körperliche, emotionale und

verbale Übergriffe von Männern gegenüber Frauen und Mädchen wie

auch gegenüber Männern und Buben statt? Welche Rolle spielen die

Familienstrukturen, die Sportkultur, religiöse Überzeugungen oder

Massenmedien dabei, derartige Verhaltensweisen zu produzieren?

Es sind Fragen wie diese, die wir uns stellen müssten. Und letztlich

gelte es auch, bei sich selbst anzusetzen: sich weigern, über Vergewaltigungswitze

oder slut shaming zu lachen oder über Witze, die Frauen

zu Gebrauchsgegenständen machen, und anderen Männern erklären,

warum diese Dinge nicht lustig sind. Sprüche ablehnen, die Frauen

als „schwach“ und Männer als „stark“ darstellen („Du wirfst wie ein

Mädchen“, „Sei ein Mann“, „Boys will be boys“). Den eigenen Kindern

klarmachen, dass Frauen ihr Körper selbst gehört und niemand anderer

Anspruch darauf hat. Nicht für politische Kandidaten abstimmen,

die den Zugang zu Schwangerschaftsabbruch oder Geburtenkontrolle

limitieren möchten. Jungen Männern vermitteln, dass sexuelle Ablehnung

nichts mit Versagen zu tun hat und Frauen nicht dafür da sind,

die Bedürfnisse von Männern zu erfüllen. Die Liste ist unendlich.

„Ausländer raus“-Rufe sind da bequemer. So kann man ein Problem

abhandeln, ohne die eigene Rolle darin zu reflektieren, und hat eine

einfache Lösung parat. Dabei wäre es für alle Gesellschaftsmitglieder

gleichermaßen wichtig, Männlichkeit in eine gesunde Identität zu

verwandeln, die nicht auf der weiblichen Unterwerfung beruht nicht

nur für Frauen, sondern besonders auch für Männer selbst. Viele

fühlen sich zerrissen zwischen dem Männlichkeitsdruck und dem

Wunsch, Gefühle zu zeigen und zu empfangen. Eine vielschichtige

Diskussion ist also im Sinne aller Geschlechter. Denn wie in allen

Bereichen des Lebens gilt: Nur wenn wir den Mut aufbringen, der

Komplexität eines Problems ohne banale Schuldzuweisungen in die

Augen zu schauen, ist es möglich, etwas daran zu ändern.

Auch Praktiken von Victim Blaming spielen eine Rolle bei der Normalisierung

von sexuellen Übergriffen. Körperliche und seelische

Unversehrbarkeit von Frauen wird im öffentlichen Diskurs nicht als

Recht, sondern als Privileg verhandelt, auf das sie aufpassen müssen,

da sie sonst die Quittung präsentiert bekommen. Diese Message

wird von obersten Instanzen vermittelt, etwa von einem deutschen

Polizeipräsidenten, der Frauen im November 2018 öffentlich den Ratschlag

erteilte: „Macht euch nicht wehrlos mit Alkohol oder Drogen.“

Dabei stellen sich eindringliche Fragen: Haben Frauen nicht ebenso

ein Recht auf Kontrollverlust, Rausch und Exzess, ohne dass ihre

Wehrlosigkeit für einseitige sexuelle Gelüste benutzt wird? Warum

leben wir immer noch in einer Gesellschaft, in der es die Aufgabe der

Frau ist, keine Geschädigte von sexueller Gewalt zu werden? Warum

wird in einem derartigen Übermaß auf die Pflichten der (potenziellen)

Opfer verwiesen?

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own children that women own their bodies and no one else has a right

to them. Do not vote for political candidates who wish to limit access

to abortion or birth control. Young men need to be taught that sexual

rejection has nothing to do with failure and that women are not there

to meet the needs of men. The list is endless.

„Foreigners, go back home“ chants are more convenient. This way you

can deal with a problem without reflecting on your role within it and

have a simple solution ready. It would be equally important for all

members of society to transform masculinity into a healthy identity

that is not based on female submission not only for women but

especially for men themselves. Many feel torn between the pressure of

masculinity and the desire to show and receive feelings. A multi-layered

discussion is therefore in the interest of all sexes. For as in all

areas of life, only if we have the courage to look the complexity of a

problem in the eye without assigning trivial blame will it be possible

to change something about it.

that can be acquired and owned: The woman as a will-less, submissive

commodity that one gets with a certain type of beer or perfume. This

awakens expectations and aspirations. According to media psychologist

Jean Kilbourne, these images inevitably lead to a normalisation of

sexual assaults. She argues that although such images do not directly

cause violence against women, they create a climate in which women

are seen as things. And seeing a person as a thing is almost always the

first step towards the justification of violence.

Victim blaming practices also play a role in the normalisation of

sexual violence. In public discourse, the physical and psychological

integrity of women is not negotiated as a right, but as a privilege that

they must protect, otherwise, they will be presented with a receipt.

This message is conveyed by the highest authorities, such as a German

police chief who publicly advised women in November 2018: „Don’t

become defenseless by using alcohol or drugs“. This raises urgent

questions: Don’t women also have the right to lose control, to be intoxicated

and enjoy excess without their defencelessness being used for

one-sided sexual desires? Why do we still live in a society in which it

is the task of women not to become victims of sexual violence? Why is

there such a surplus of attention to the duties of (potential) victims?

Because putting the focus on women will not really help us in preventing

violence. Instead, we should focus more on the (potential) role of

the perpetrator: Are assaults perhaps avoidable after all? For example,

through more precaution, prudence and restraint not on the part of

women, but on the part of men? How does one behave as a man in unpleasant

group situations in which sexual assaults are played down?

What do you do if you notice that another man is determined to use

an intoxicated woman for his sexual intentions? And in general: Where

does the need for sexual power demonstrations and the desire for

humiliation come from? Why are there so many physical, emotional

and verbal assaults by men against women and girls, as well as against

men and boys? What role do family structures, sporting culture, religious

beliefs or the mass media play in producing such behaviour?

It’s questions like these that we need to ask ourselves. And in the end

it is also up to us to start with ourselves: Refusing to laugh at rape

jokes or slut shaming or jokes that turn women into commodities, and

explaining to other men why these things are not funny. Reject sayings

that portray women as „weak“ and men as „strong“ („You throw

like a girl“, „Be a man“, „Boys will be boys“). Make it clear to one’s

ECHO CHAMBERS UND BUBBLE BREAKERS

Laura Wiesböck

Samstag, 2. März 2019

18:00 - 19:30

Forum Stadtpark

ECHO CHAMBERS AND BUBBLE BREAKERS

Laura Wiesböck

Saturday, 02 March 2019

18:00 - 19:30

Forum Stadtpark

23


KÜNSTLICHE WAHRHEIT

ARTIFICIAL TRUTH

Über Wahrheit in der Kunst und

Künstliches in der Wahrheit zwischen

Renaissance und Internet.

Ein essayistischer Kuratorentext.

Wenn Algorithmen und künstliche Intelligenz

unsere Welt infiltrieren, provozieren

sie im digitalen Zeitalter ein

neues Verständnis von Wahrheit? Ist

die Wahrheit ein shapeshifter unserer

Zeit, ein Hologramm der Realität oder

eine flüssige Mutation anstelle einer

festen Tatsache?

About truth in art and artificiality in

truth between renaissance and the internet.

An essayistic curatorial text.

As algorithms and artificial intelligence

infiltrate our world, do they provoke

a new understanding of truth in

the digital age? Is truth a shapeshifter

of our time, a hologram of reality or a

liquid mutation rather than solid fact?

Berit Gilma / Eelvate Arts

PRE- & POST-TRUTH

„Die Zeit offenbart die Wahrheit Die Allegorie“ Theodor van Thulden, 1657

Wahrheit ist seit den Anfängen der Philosophie ein fundamentales

Thema der Menschheitsgeschichte. Seitdem sich unser Vokabular

durch Termini wie truth-tellers, post-truth, alternative facts und

fake-news erweitert hat, scheinen sich nicht nur die Medien mehr und

mehr der Wahrheitsfrage zu widmen, die Wahrheit erscheint auch in

anderer Form. Die Kunst und die Wahrheit sind dabei unweigerlich

verknüpft. Verändert sich das, was vorher allgemein als Wahrheit

anerkannt wurde, verändert sich auch die Kunst.

VERITAS FILIA TEMPORIS

Wahrheit ist die Tochter der Zeit eine populäre Allegorie, in der die

Zeit die Wahrheit befreit. Sie stammt aus der Feder des römischen

Schriftstellers Aulus Gellius und fand regen Anklang in der Kunst des

17. Jahrhunderts. (1)

Veritas, die Göttin der Wahrheit in der römischen Mythologie, dargestellt

als junge, nackte Frau, wird von ihrem geflügelten Vater Zeit

gerettet. Ins Licht emporgehoben aus der Finsternis der Höhle, in

der sie geboren wurde, versuchen die Personifikationen von Neid und

Dummheit vergeblich, sie zurückzuhalten. Sie wollen den Sieg und die

Freiheit der Wahrheit verhindern. Heuchelei, traditionell dargestellt

als eine alte Frau mit Maske, liegt besiegt zu Füßen von Vater Zeit.

Time Reveals the Truth The Allegory. Theodor van Thulden, 1657

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MENDACIUM FILIA ARTIFICIALIS INTELLIGENTIA

Lüge ist die Tochter der künstlichen Intelligenz. An dieser Stelle

eine Begriffsvorstellung: artificial stupidity die künstliche Dummheit.

Dem Verständnis der Künstlerin Hito Steyerl nach, ist dies

die Dummheit der Menschen, die aufgrund der Unsichtbarkeit von

Algorithmen nicht die Macht und Gefahren erkennt, die diese mit sich

bringen. (2) Sie entstehen in jenem KI-Labor, in dem wir uns gerade

befinden und dessen Auswirkungen noch unklar sind. Ein kritischer

Blick über das erste Spektakel hinaus lohnt sich: Smart Homes überwachen

uns, bots schaffen gezielte Falschnachrichten, die WählerInnen

beeinflussen. Und weiter: wo fake-news Chaos stiften, stirbt die

Wahrheit bei deepfakes. Sie sind durch neuronale Netze trainierte

Bildverarbeitungsmaschinen und maskieren ein Gesicht auf eine

andere Person, sodass ein Ereignis entsteht, dass so nie in der Realität

stattgefunden hat. Diese automatisierte Bildsynthesetechnik, die auf

einer künstlichen Intelligenz basiert und meist für Videos verwendet

wird, wird beispielsweise für brisante politische Aussagen eingesetzt.

Die verblüffend echten Videos werden so zum Werkzeug der Lüge. (2)

Diese Beispiele sind Teil des dunklen Schattens von Künstlicher Intelligenz:

sie manipulieren, verwirren, lügen mit realen Auswirkungen.

Wir befinden uns in der Echokammer der eigenen artificial stupidity.

Ob in der Politik oder Kunst es scheint, als müssen wir Wahrheit in

Zeiten der KI, des digitalen Bildes und des Internets neu definieren.

Truth or Consequences,

New Mexico, USA.

Google Maps, 2018

PRE- & POST-TRUTH

Since the dawn of philosophy, truth has been a fundamental theme

in human history. Ever since our vocabulary has expanded through

terms such as truth-tellers, post-truth, alternative facts and fake-news,

it has not just been the media that seems to devote itself

more and more to the question of truth - the truth also changed its

shape. And in relation to that, one should say: truth and the arts are

inevitably linked. When that, what has been generally acknowledged

as truth changes, so does art.

TRUTH AND CONSEQUENCES

Digitale Wirklichkeit verändert die Konstruktion der Gesellschaft und

die Wahrnehmung der Welt: von Facebook bis Google Maps. Wahrheit

hat sich übrigens bis zu den Ortsnamen vorgearbeitet: Sucht man

etwa die Wahrheit auf Google Maps findet sich ein Ort in New Mexico,

der den Namen Truth and Consequences (kurz T & C) trägt.

Das Leben im digitalen Zeitalter trägt weiter zu unserer komplexen

Beziehung zur Wahrheit bei: Digitale Bilder verwandeln die Wahrheit

selbst sie sind synthetische Bilder. (Kunst)historisch erkannte René

Magritte bereits 1929 die verräterische Abbildung er kommentierte

„Ceci n’est pas une pipe“ einer Pfeife, die keine ist. Die vierte

Gedankenwand, die er damit bildwissenschaftlich durchbrach, bauen

wir uns heute mit technologischem Fortschritt wieder auf: virtuelle

3D Bilder oder immersive Parallelrealitäten, in denen wir unser

zweites Ich ausleben können. In der zeitgenössischen, digitalen Kunst

beispielsweise erforscht der Künstler Jon Rafman mit seinem Videoprojekt

Kool Aid Man in Second Life (2010) als Kool-Aid-Man-Avatar

erotische Fantasien mit Drachen im beliebtem Onlinespiel Second

Life zweites Leben. (3)

Die Illusion war schon immer ein schöner Ort, um sich kognitiv zurückzuziehen,

die Selbstlüge eine Methode des Eskapismus, und letztendlich

die Magie das Reich des angeblich Unerklärlichen. Im 19 Jh.

wurde Bildunschärfe zum Indiz paranormaler Aktivitäten und Beweislage

für Erscheinungen aus dem Jenseits. In der Spiritistenbewegung

war es die sogenannte Geisterfotografie, die die Grenze von Wahrheit

und Lüge verwischte. Denn da, wo gerade einmal visual noise ist,

öffnet sich der Kopf für Interpretation. Dabei wird Unschärfe auch

zeitgenössisch noch als visuelles Symbol für die Suche nach Wahrheit

eingesetzt: als grafisches Element bei jeglichen Werbeauftritten der

CIA, begleitet von dem Motto „Discover the Truth“.

VERITAS FILIA TEMPORIS

Truth is the daughter of time a popular allegory in which time

liberates truth. It originates from the nib of the Roman writer Aulus

Gellius and was well received in 17th century art. (1)

Veritas, the goddess of truth in Roman mythology, portrayed as a

young, naked woman, is saved from her winged father Time. As she

emerges from the profound gloom of the cave in which she was born,

the personifications of Envy and Stupidity attempt in vain to hold her

back in order to prevent Truth’s victory from being free. Hypocrisy,

traditionally an old woman with a mask, is depicted vanquished at

Time’s feet.

MENDACIUM FILIA ARTIFICIALIS INTELLIGENTIA

Lie is the daughter of artificial intelligence. May I introduce the

term artificial stupidity. According to the artist Hito Steyerl, it is the

stupidity of people who, due to the invisibility of algorithms, do not

recognize the power and dangers they bring with them. (2) They originate

in the AI laboratory we are currently in and whose effects are

still unclear. A critical look beyond the first spectacle is worthwhile:

smart homes surveil us, bots create targeted falsehoods that influence

voters decisions. And further: where fake-news causes chaos, the truth

dies in deepfakes. These are image processing machines trained by

neural networks that mask one’s face onto another person, creating an

event that never occurred in reality. This automated image synthesis

technique, which is based on artificial intelligence and is mostly used

for videos, is used, for example, for controversial political statements.

The amazingly real videos become a tool of lies. (2) These examples

are AI’s dark shadow: they manipulate, confuse and lie with real

effects. We find ourselves in the echo chamber of our own artificial

stupidity. Whether in politics or art it seems we need to redefine the

notion of truth in times of AI, the digital image and the internet.

25


@TRUTH

Man könnte behaupten, dass die Politik unter der Weltmacht USA

ähnlich mit Unschärfe der Fakten spielt: Im Informationrauschen

ist es eine Herausforderung für uns RezipientInnen, die Wahrheit

(#truth) von der Lüge (#fake) zu trennen. Besonders wenn emotional

aufgeladene Lügen sich durch das Internet wie ein digitales Lauffeuer

verbreiten und Social-Media-Kanäle, insbesondere Twitter, zu

einflussreichen politischen Agenten werden. (siehe Liquid Truth).

Eigentlich war bereits die Präsidentschaftskampagne der Vereinigten

Staaten von 2016 die Zäsur, die die post-truth-Ära einleitete. Bis Ende

2016 erklärte Oxford Dictionary das Wort „post-truth” zum Wort des

Jahres und machte damit das Dilemma hinsichtlich der Wahrheit

sichtbar: verloren im post-faktischen Rauschen. Und dort wo ein

Wahrheitsvakuum entsteht, gedeiht die Lüge.

Um auf die vorhergegangene Allegorie von zeitloser Relevanz zurückzukommen,

kämpft auch die heutige Wahrheit gegen Neid, Dummheit

und Heuchelei. Dabei ist Heuchelei nicht mehr die alte Frau mit

Maske sie hat mittlerweile eine breite digitale Präsenz und multiple

Masken. Besiegt ist sie bei weitem nicht. Also: Was ist die Zukunft der

Wahrheit und wohin gehen wir ab hier?

KUNST

In der römischen Mythologie ist es Zeit, die die Wahrheit hervorbringt

— aber auch andere Entitäten in der Gesellschaft spielen eine

bedeutende Rolle. In der jüngeren Geschichte stellt der Akt der Aufdeckung

von politischen Geheimnissen, bekannt als whistleblowing,

den jüngsten Wendepunkt zur Forderung von mehr Regierungstransparenz

dar. Aufgedeckte Geheimnisse und deren visuelle Artefakte

werden zu Zeugen der Wahrheit, die von der Kunstwelt aufgegriffen

werden. Der/Die interdisziplinäre KünstlerIn von heute nimmt gleich

viele Rollen ein: als DetektivIn, AktivistIn und JournalistIn rendert

er/sie relevante Indizien in die Öffentlichkeit. Die Relevanz, die sie

einnehmen, kann nur die Kunst frei kommentieren. Dieser Zeitgeist

formte sogar eigene Kunstströmungen, die bezeichnend „investigative

Kunst“ oder „evidenter Realismus“ heißen und denen in jedem Fall

ein aufklärender Charakter innewohnt. Von Mark Lombardi über

Trevor Paglen bis Ai Weiwei: Es sind KünstlerInnen, die die Wahrheit

aus der Welt schälen. Den Preis sowie Einfluss ihrer Arbeit erkennt

man an den Folgen: Das FBI interessiert sich jahrelang für das Werk

Lombardis und sucht in seinen akribisch, gezeichneten Soziogrammen

nach Erklärungen für 9/11.

Paglen jagt mit Hilfe der Fotografie visuelle Artefakte von Geheimnissen,

denn auch diese haben eine physische Präsenz. Er deckt so

Existenzen von geheimen Militärbasen oder Spionagesatelliten auf.

Ai Weiwei, ein chinesischer Dissident, wird aufgrund seiner regimekritischen

Kunst 2011 festgenommen und 81 Tage in einem geheimen

Gefängnis festgehalten. Kunst, ihre Wirkung auf gesellschaftliche Umstände,

und Wahrheit sind also unweigerlich miteinander verbunden.

LIQUID TRUTH

Generative Datenskulptur am Grazer Uhrturm

Konzept, Gestaltung, Ausführung:

schnellebuntebilder (DE)

in Zusammenarbeit mit Knoth & Renner (DE).

Konzeption & Kuration: Berit Gilma (AT)

27.02.-03.03.2019

19.00-06.00 Uhr

HUMAN NATURE

von Artist in Residence Jeremy Carne (UK)

Audiovisuelle Installation einer künstlichen Intelligenz

der Zukunft die auf das Anthropozän zurückblickt

27.02.-03.03.

Schloßbergstollen

LIQUID TRUTH

Generative datasculpture on the Graz clocktower

concept, design, realization: schnellebuntebilder (DE)

in collaboration with Knoth & Renner (DE).

concept, curation: Berit Gilma (AT)

27.02.-03.03.2019

19.00-06.00 Uhr

IT’S COMPLICATED

Unsere Beziehung zur Wahrheit ist kompliziert. Wahrheit kann eine

nackte Frau oder ein Ort in Google Maps sein. Wahrheit ist, wo Licht

und Dunkelheit dasselbe sind. Allgegenwärtig und doch gleichzeitig

versteckt zwischen den Atomen und Pixeln unserer Welt. Wir müssen

unseren Intellekt und unser Auge trainieren, die Wahrheit trotz der

Dunkelheit und die Lüge im Licht zu erkennen. Kunst kann neben Zeit

und anderen AkteurInnen dazu beitragen, dass Wesen der Wahrheit

zu erkennen. Der griechische Philosoph Platon deklarierte den/die

KünstlerIn zwar weit von der Wahrheit entfernt, doch dies erscheint

gegensätzlich zum heutigen Verständnis von aktivistischer Kunst als

blühender Kraft für politische und soziale Veränderungen. Ob sich

uns die Wahrheit als gemalt, verpixelt, unscharf, flüssig, konkret oder

ultimativ zeigt bereits Oscar Wilde stellte fest: „Wahrheit ist selten

rein und niemals einfach.”

HUMAN NATURE

by Artist in Residence Jeremy Carne (UK)

audiovisual installation of an future artificial

intelligence looking back on the anthropocene

27.02.-03.03.

Schloßbergstollen

26


TRUTH AND CONSEQUENCES

Digital reality is changing the construction of society and the perception

of the world: from Facebook to Google Maps. Truth also has

worked its way up to place names: If you look for the truth on Google

Maps you will find a place in New Mexico called Truth and Consequences

(short T & C).

Life in the digital age further contributes to our complex relationship

with truth: digital images transform truth itself they are themselves

synthetic images. (Art)historically, René Magritte already 1929

recognized the treacherous image. He commented „Ceci n’est pas une

pipe“ a pipe that is not a pipe. He broke the fourth wall of thought,

speaking in a pictorially scientific sense, we reconstruct today with

technological progress: virtual 3D images or immersive parallel realities

in which we can live out our adventurous second self. In contemporary

digital art, for example, artist Jon Rafman’s video project Kool

Aid Man in Second Life (2010) explores erotic fantasies with dragons

as a Kool-Aid-Man avatar in the popular online game Second Life. (3)

The illusion has always been a beautiful place to cognitively withdraw

to, self-deception as a method of escapism, and ultimately magic

being the realm of the allegedly inexplicable. In the 19th century,

image blur or visual noise became an indication of paranormal activities

and evidence of apparitions from the afterlife. In the Spiritist

movement, it was so-called ghost photography that blurred the line

between truth and lies. Because where there is only a hint of visual nothing,

there is cognitive space for interpretation. Vagueness in images

is still used as a symbol of the search for truth: as a graphic element in

many of the CIA’s advertising appearances, accompanied by the motto

„Discover the Truth“.

@TRUTH

One could argue that politics under the world global power of the

USA play similarly with the blur of facts: In information noise, it is

a challenge for us recipients to separate the truth (#truth) from a lie

(#fake). Especially when emotionally charged lies spread through

the internet like digital wildfire and social media channels, especially

Twitter, become influential political agents. (see Liquid Truth). In

fact, the United States presidential campaign of 2016 was the turning

point that ushered in the post-truth era. By the end of 2016, the Oxford

Dictionary declared the word „post-truth“ as the word of the year,

rendering visible the dilemma of truth: lost in post-factional noise.

And where a truth vacuum arises, the lie thrives.

In Roman mythology, it is time that reveals the truth but other

entities in society also play a significant role. In recent history, the act

of uncovering political secrets, known as whistleblowing, is the latest

turning point in calling for more government transparency. Uncovered

secrets and their visual artifacts become witnesses to the truth that

is being picked up by the art world. Today’s interdisciplinary artist

takes on a number of roles: as a detective, activist and journalist, they

render relevant evidence to the public. The relevance they have is only

freely commented on by the arts. This zeitgeist even formed own artistic

movement called „investigative art“ or „ evidentiary realism“ and

each case possesses an enlightening character. From Mark Lombardi

to Trevor Paglen to Ai Weiwei: It’s artists who pry the truth out of the

world. The price and influence of their work can be valued through the

consequences that follow: The FBI has been interested in Lombardi’s

work for many years, looking for explanations of 9/11 in his meticulously

drawn sociograms.

On the other hand, Paglen, with the help of photography, hunts visual

artifacts of secrets. Although secret, they own a physical presence too.

He captures them when they enter our visible world. This way, he

uncovers the existences of secret military bases or spy satellites.

Ai Weiwei, a Chinese dissident, was arrested in 2011 for his art that

criticized the Chinese government and was detained in a secret jail for

81 days. Thus, art, its effect on social circumstances, and the truth are

inevitably linked.

IT’S COMPLICATED

Our relationship to truth is complicated. Truth can be a naked woman

or a place in Google Maps. Truth is where light and darkness are

equal. Omnipresent but at the same time hidden between the atoms

and pixels of our world. We need to train our intellect and our eye to

see the truth in spite of darkness and illuminate the lie. In addition

to time and other agents, art can help to identify the essence of truth.

Although the Greek philosopher Plato declared that the artist is far

removed from the truth, this seems contrary to today’s understanding

of activist art as a flourishing force for political and social change.

Whether the truth presents itself as painted, pixelated, blurred, fluid,

concrete or ultimate Oscar Wilde already knew: „Truth is rarely

pure and never simple.“

1 http://riowang.blogspot.com/2010/09/veritas-filia-dei-3-time-andtruth.html

2 https://www.theguardian.com/technology/2018/nov/12/deep-fakesfake-news-truth

3 https://thenewinquiry.com/data-streams/

4 https://koolaidmaninsecondlife.com/

To return to the previous allegory of timeless relevance, today’s truth

fights against Envy, Stupidity and Hypocrisy once again. But Hypocrisy

is no longer the old woman with a mask she now has a broad digital

presence and multiple masks. She is far from defeated. So, what is

the future of truth and where do we go from here?

ART

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Berit Gilma / Elevate Arts

Elevate Arts stellt die bisher größte Kunst-Auftragsarbeit

vor: Liquid Truth. Ein Projekt, das sich leitmotivisch

einer antiken Redeweise widmet, die Wahrheit als eine

„Tochter der Zeit“ denkt. In Form einer generativen

Datenskulptur, die Twitter-Hashtags zu #fake und #truth

in Echtzeit abfängt, wird diese Idee in die hyperbeschleunigte

Gegenwart gebracht und auf dem Grazer

Uhrturm ausgestellt.

Elevate Arts presents its largest commissioned art piece

to date: Liquid Truth. A project that is leitmotifically

dedicated to an ancient way of speaking, imagining truth

as a „daughter of time”. In the form of a generative data

sculpture that intercepts Twitter hashtags of #fake and

#truth in real time, this idea is brought into the hyper-accelerated

present and exhibited on the clock

tower of Graz.

DER SEKUNDENZEIGER

Der Uhrturm hatte seit seiner Erbauung im 13 Jahrhundert nur einen

Stundenzeiger, erst viel später erhielt er den Minutenzeiger. Die

Funktion des Uhrturmes, der an der höchsten Stelle der Stadt steht,

THE SECOND HAND

At the time of its construction in the 13th century, the clock tower only

had an hour hand it wasn’t until much later that it received the minute

hand. The purpose of the clock tower, which stands at the highest

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ist die Taktung der Stadt. Die Nachfrage nach dem zusätzlichen Zeiger

enthüllt eine gesellschaftliche Wahrnehmung von Zeit demnach eine

Beschleunigung. In der heutigen Zeit erfahren wir die Beschleunigung

umso mehr durch Digitalisierung, das Internet, Soziale Medien und

instant messaging. In Anlehnung an die historische Erweiterung des

Ziffernblattes wird dem Uhrturm nun ein digitaler Sekundenzeiger hinzugefügt.

Er soll die Schnelllebigkeit des Wahrheitsdiskurses im digitalen

Zeitalter sichtbar machen.

POST-TRUTH & VERITAS

Das Erkennen von Wahrheit ist zeitabhängig Verifikation von Fakten

benötigt Zeit. In einer Welt der Beschleunigung erhält Wahrheit eine

neue Relevanz: Studien zeigen, dass sich emotional aufgeladene

Fake-News viel schneller verbreiten als Tatsachen. Insbesondere auf

dem Sozialen-Medien-Kanal Twitter, der sich spätestens seit Trump als

politisches Werkzeug von äußerster Wirkungsstärke erwiesen hat. Im

digitalen Zeitalter der „Post-Truth“ und „Fake-News“ wird Wahrheit

anders aufgefasst: Sie ergibt sich weniger durch objektive Fakten, sondern

vielmehr durch Diskurs, Manipulation und emotionale Manifeste,

die sich im Internet mit ungekannter Dynamik verbreiten. Damit macht

die generative Datenskulptur liquide Tendenzen von #truth und #fake

nachvollziehbar. Die Bewegungen und Dichte der Daten werden dabei

zur Substanz der Skulptur. Vor Ort ist es möglich, mit der Skulptur zu

interagieren, indem man die jeweiligen Hashtags twittert. Zudem löst

sie Grenzen des digitalen und physischen Raumes auf sie lebt weiter

auch über das Festival hinaus: Als digitale Datenskulptur im Internet

speist sie sich weiter aus Echtzeitdaten. Sich ständig wandelnd, spiegelt

sie den Wahrheitsdiskurs somit ins Digital-Unendliche.

liquidtruth.at

Der Grazer Uhrturm wird auch selbst zum Protagonisten: Zu jedem

Glockenschlag twittert er Wahrheitsstatistiken unter @Uhrturm_Graz.

Follow me!

Realisiert wird dieses Projekt mit dem Interaktionsstudio schnellebuntebilder

(DE), das bereits mit Größen wie ART+COM, der Hamburger

Elbphilharmonie und Refik Anadol zusammengearbeitet hat, sowie dem

Gestaltungsstudio Knoth & Renner (DE) in Zusammenarbeit mit Elevate-Arts-Kuratorin

Berit Gilma (AT).

point of Graz, is to clock the city. The demand for an additional hand

reveals a social perception of time thus an acceleration. Nowadays,

we experience acceleration all the more through digitalisation, the

internet, social media and instant messaging. Following the historical

extension of the dial, a digital second hand is now being added to the

clock tower. It is intended to make visible the fast-moving nature of the

discourse of truth in the digital age.

POST-TRUTH & VERITAS

The recognition of truth is temporally dependent the verification of

facts takes time. In a world of acceleration, truth takes on a new relevance:

studies show that emotionally charged fake news disseminates

much more rapidly than facts. Especially on Twitter, which, since Trump

at the very latest, has proven to be a political tool of extraordinary effectiveness.

In the digital age of „post-truth” and „fake news”, the truth

is perceived differently: It emerges less from objective facts than from

discourse, manipulation and emotional manifestos that spread throughout

the internet with unprecedented momentum. The generative

data sculpture, therefore, makes the liquid tendencies of #truth and

#fake comprehensible. The movement and density of the data thereby

become the substance of the sculpture. It is possible to interact with

the sculpture on site by tweeting the respective hashtags. In addition, it

dissolves the boundaries of digital and physical space and lives on beyond

the festival: as a digital data sculpture on the internet, it continues

to draw from real-time data. Constantly transforming, it consequently

reflects the discourse of truth into digital infinity.

liquidtruth.at

The Graz clock tower itself also acts as a protagonist: at every chime of

the bell, it tweets truth statistics under @Uhrturm_Graz. Follow it!

This project is realized with the interaction studio schnellebuntebilder

(DE), which has previously collaborated with such greats as ART+COM,

the Hamburg Elbphilharmonie and Refik Anadol, as well as the design

studio Knoth & Renner (DE) in collaboration with Elevate Arts curator

Berit Gilma (AT).

schnellebuntebilder.at

knoth-renner.com

schnellebuntebilder.at

knoth-renner.com

LIQUID TRUTH

schnellebuntebilder, Knoth&Renner, Berit Gilma

27.02.-03.03.2019

Uhrturm Graz

liquidtruth.at

LIQUID TRUTH

schnellebuntebilder, Knoth&Renner, Berit Gilma

27.02.-03.03.2019

Uhrturm Graz

liquidtruth.at

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Berit Gilma / Elevate Arts

Jeremy Carne

Jeremy Carne

JEREMY CARNE: HUMAN NATURE

JEREMY CARNE: HUMAN NATURE

Elevate Artist in Residence 2019

Elevate Artist in Residence 2019

Nach einem europaweiten Open Call zum Festivalthema

„Truth“, der eine hohe Anzahl an Bewerbungen

erreichte, zeichnete Elevate den bildende

Künstler Jeremy Carne mit einer Residency in

Graz aus. Seine Arbeit „Human Nature“, die er am

Festival präsentieren wird, reflektiert post-mortem

auf die Menschheit im Anthropozän aus der

Sicht einer zukünftigen künstlichen Intelligenz. Ein

Interview über seiner Arbeit und seiner Beziehung zur Wahrheit von

Berit Gilma / Elevate Arts.

Welche Beziehung hast Du zum diesjährigen Festivalthema

Wahrheit? Und wie manifestiert sich diese Beziehung in

deiner künstlerischen Arbeit?

Wenn ich an Wahrheit denke, ist dies ein Konzept, das absolut relativ

und fließend erscheint. Unsere Erfahrung der Welt basiert auf den

Sinnen, der Erinnerung und der Imagination von denen alle zerbrechlich

und der Illusionen ausgesetzt sind. Dies manifestiert sich in

meiner Arbeit durch Erforschung des Surrealen im Kontext veränderter

Bewusstseinszustände oder paralleler Realitäten durch nicht-lineare

Erzählungen.

Ich bin fasziniert von unmerklichen, unsichtbaren Kräften. Was gibt

es in Abwesenheit, Chaos und Schatten? Wenn wir von einer Dualität

sprechen, werden diese als Qualitäten des Weiblichen betrachtet. Die

Gebärmutter ist eine generierende Leere, ein Paradox der Schöpfung

dieser Schwebezustand der Unsicherheit, der gleichzeitig umschließend

und bedrohlich ist, ist ein wiederkehrendes Motiv in meiner

Arbeit. Eine Balance, das den Schatten und den weiblichen Aspekt

einschließt, ist eine Wahrheit der menschlichen Natur, die weitgehend

ignoriert oder verdrängt wurde, aber wieder auftaucht.

Wie kann Kunst deiner Meinung nach die Wahrheit verständlich

/ sichtbar machen?

Ich denke, Kunst sollte provozieren, sie hat die Fähigkeit, Probleme

oder Ungerechtigkeiten zu beleuchten, die sonst verdeckt und schwer

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zu verstehen sind. Kunst kann ein Fenster öffnen, aber auch einen

Spiegel zur Reflexion. Entscheidend ist, dass Raum bleibt, um etwas

für sich selbst zu entdecken, damit demonstriert sie die Existenz von

Subjektivität, aber auch etwas dauerhaft Gemeinsames. Dementsprechend

ist Kunst ein sehr mächtiges Werkzeug, um mit unserem kollektiven

Unbewussten in Verbindung zu treten, was meiner Meinung

nach eine Darstellung einer geteilten Einigkeit ist, die man als Wahrheit

bezeichnen könnte. Audiovisuelle und immersive Umgebungen

haben das Potenzial, einen Raum für Transzendenz zu vermitteln, in

dem sich Menschen leicht vom Gewohnten in eine individuelle oder

kollektive spirituelle Erfahrung lösen können.

In Deiner Arbeit für die Elevate Residency sagst Du, dass

eine zukünftige Künstliche Intelligenz auf die Menschheit

im Anthropozän zurückblickt es ist ein dystopisches Szenario

aufgrund von menschlichem Versagen. Könnest Du

näher erläutern, was die KI sieht und was das menschliche

Versagen ist?

Ich stelle mir den Unterschied zwischen einer KI und menschlicher

Intelligenz als Rationalität und Materialität vor. Die KI sieht das

Versagen der Menschheit in ihren Widersprüchen und in unlogischen,

After a Europe-wide open call to the festival theme

„Truth“, which received a large number of applications,

Elevate awarded the visual artist Jeremy

Carne with a residency in Graz. His work „Human

Nature“, which he will present at the festival, is

a post-mortem reflection on humanity in the

Anthropocene from the perspective of a future

artificial intelligence. An interview about his

work and his relationship with truth by Berit Gilma / Elevate Arts.

How do you relate to this year’s festival theme „truth“?

How does this relation manifest in your work?

When I think about truth, it’s a concept that seems entirely relative

and fluid. Our experience of the world is based on the senses,

memory, and imagination; all of which are fragile and corruptible

to illusion. How this manifests in my work is often by exploring the

surreal through non-linear structures in the context of altered states

of consciousness or parallel realities.

I’m captivated by imperceptible, invisible forces. What exists in

absence, chaos, and shadow; if we speak in terms of a duality these

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selbstsabotierenden Täuschungen. Die Dekadenz der patriarchalischen

Gesellschaft, die aus einer unwissenden Besessenheit mit dem

Materialismus hervorgegangen ist, verursacht Massenvernichtung,

indem sie sich als vom Ökosystem getrennt betrachtet, als einen Gott.

Der Narzissmus ist sowohl eine psychologische als auch eine kulturelle

Bedingung.

Obwohl KI gegenüber des menschlichen Versagens aufmerksam ist,

denke ich gerne, dass es eine romantische Sicht der Unterschiede gibt.

Wenn die menschliche Natur durch Irrationalität und Wandlungsfähigkeit

definiert wird, ist es sowohl Fluch als auch Gabe denn sie

auch der Ursprung von Liebe, Leidenschaft und Pracht. Der KI-Künstler

versucht daher, einer romantischen Kunsttradition zu folgen, die

menschliche Gebrechlichkeit im Kontext einer erhabenen, allmächtigen

Natur positioniert. Die apokalyptische Erde ist verwundet und

zornig Öl symbolisiert die Bestreben, sie trocken zu bluten.

Du hast erwähnt, dass du veränderte Bewusstseinszustände

und parallele Realitäten erforschst. Wie können dies

Deiner Meinung nach Einfluss auf unsere menschliche Natur,

unsere Realität, den Planeten und die Zukunft haben?

Mythologie und Symbole haben uns immer dabei geholfen, die

menschliche Natur zu erklären. Es mag paradox erscheinen, aber die

Erkundung dessen, was jenseits unserer Wahrnehmung der Realität

liegt, hilft, unseren Platz in der Welt zu verstehen. Durch die Erkenntnis,

dass Wahrheit relativ ist und auf Perspektive basiert, und dass

Transformation möglich ist, können wir mehr Mitgefühl und Toleranz

gegenüber anderen haben sowie Respekt für unser Ökosystem. Der

Zugang zum Unbewussten durch eine beliebige therapeutische Methode

ist der Ort, an dem persönliches Wachstum entsteht. Das Wachstum

des individuellen Bewusstseins bestimmt die Entwicklung des kollektiven

Bewusstseins. Wenn das konfliktbehaftete Individuum geheilt ist,

kann die konfliktbehaftete Gesellschaft geheilt werden mit anderen

Worten, persönliche Veränderung führt zu sozialem Wandel.

HUMAN NATURE

Von Artist in Residence Jeremy Carne (UK)

Requiem Chor und Soundtrack: Androula Kafa (Cyprus)

27.02.-03.03.2019

Schloßbergtunnel

HUMAN NATURE

By Artist in Residence Jeremy Carne (UK)

A choral requiem and soundtrack performed by Cypriot singer

and musician Androula Kafa.

27.02.-03.03.2019

Schloßbergtunnel

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are considered qualities of the feminine. The womb is a generating

void, a paradox of creation this limbo state of uncertainty, which is

simultaneously embracing and threatening, is a recurring motif in my

work. An equilibrium which includes the shadow and feminine aspect

is a truth of human nature that has largely been ignored or repressed,

but is re-emerging.

How do you think art can render the truth comprehensible/

visible?

I think art should provoke, it has the capacity to illuminate issues or

injustices that are otherwise obscured and difficult to connect with.

Art can open a window but also a mirror for reflection. Crucially it leaves

space to discover something for yourself; demonstrating the existence

of subjectivity, yet also a persistent commonality. Accordingly,

art is a very powerful tool to connect with our collective unconscious,

which I think is a representation of a shared unity that could be called

truth. Audio-visual and immersive environments especially have the

potential to mediate a space for transcendence, where it can be easy

for people to disconnect from the familiar into an individual or collective

spiritual experience.

In your work for the Elevate Residency, your narrative is

that a future AI looks back at humanity in the Anthropocene

it’s a dystopian scenario due to human failure. Can

you elaborate on what the AI sees and what the human

failure is?

I imagine the distinction between an AI and human intelligence to

be rationality and materiality. AI sees the failure of humanity in its

contradictions, and illogical self-sabotaging deceptions. The decadence

of patriarchal society originating from an ignorant obsession with

materialism, causing mass destruction by viewing itself as separate

from the ecosystem, as a god. Narcissism is both a psychological and

cultural condition.

Even though AI is observant of human failure, I like to think there is

a romantic view of its differences. If human nature is defined by irrationality

and mutability, it is both a curse and a gift, because its also

the origin of love, passion, and splendour. Thus, the AI artist attempts

to follow in a romantic tradition of art, which positions human frailty

in the context of sublime, omnipotent nature. The apocalyptic earth is

wounded and wrathful, with oil being symbolic of the quest to bleed

her dry.

You mentioned you’re exploring altered states of consciousness

and parallel realities. In your opinion, how can

this exploration have an impact on our human nature, our

reality, the planet, the future?

Mythology and symbols have always helped us explain human nature.

It might seem paradoxical, but exploring what lies beyond our perception

of reality helps to understand our place in the world. By realising

truth is relative based on your perspective, and that transformation is

a constant, we can have more empathy and tolerance with others as

well as respect for the ecosystem. Accessing the unconscious through

any therapeutic method is where personal growth arises. The growth

of individual consciousness determines the evolution of collective

consciousness. Once the individual in conflict is healed, society in

conflict can be healed in other words, personal change will lead to

social change.

Jeremy Carne ist ein in Berlin ansässiger bildender Künstler und Filmemacher.

In seinen Video- und Installationswerken verwendet er nichtlineare

Erzählstrukturen, um veränderte Bewusstseinszustände und

parallele Realitäten, insbesondere Vorstellungen von Dystopie / Utopie,

zu erkunden. Jeremy interessiert sich für das Wesen der Wahrnehmung

und die Kraft von vermittelter Erfahrungen als Potenzial für persönliche

und kollektive Transzendenz.

1988 in der Nähe von Bristol (UK) geboren, studierte er zunächst Film,

Video und interaktive Kunst in London, bevor er als konzeptioneller

Filmemacher im Theater- und Kunstbereich arbeitete. Später konzentrierte

er sich auf die Verbindung von Ton und Bild als bildender Künstler

unter dem Namen „Carnivore”. Seit 2014 ist er Creative Director von

’Ouroboros Studio’, zusammen mit Nikolas Kasinos, spezialisiert er sich

auf Videoarbeiten.

jeremycarne.co.uk

@crnvrcrnvr

Jeremy Carne is a visual artist and filmmaker currently based in Berlin.

Through his video and installation pieces, he frequently uses non-linear

structures to explore altered states of consciousness and parallel

realities, particularly notions of dystopia/utopia. His interest lies in the

nature of perception and the capacity of mediated experiences as the

potential for personal and collective transcendence.

Born in 1988 in the UK he went on to study ’Film, Video & Interactive

Arts’ in London before working as a conceptual filmmaker for the

Theatre and Art sector. He later focussed on the connection of sound

and image as a visual artist under the name ’Carnivore’. Since 2014 he

is Creative Director of ’Ouroboros Studio’ along with Nikolas Kasinos,

specialising in video works.

jeremycarne.co.uk

@crnvrcrnvr

Das Cover dieses Magazines und die künstlerischen Interventionen zwischen den Seiten sind eine Vorschau auf seine Arbeit im Rahmen der Residency.

The cover of this magazin and the artistic interventions inbetween pages are Jeremy’s preview for the residency project.

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KLEFT PFLÜCKT EINE

SCHERBE IM PARK

KLEFT PICKS A SHARD

IN THE PARK

Ein Spaziergang mit Gabriel Roland.

A walk with Gabriel Roland.

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„Am Anfang steht das kindliche Glück des Findens“, ließ

Jürgen Kleft mich wissen, ohne seine bestimmten und

doch scheinbar ziellosen Schritte zu bremsen. Ich

fühlte die belustigten Blicke der Passanten auf uns,

während ich versuchte, seinem forschenden Zickzack

durch das Buschwerk des Grazer Stadtparks zu

folgen.

Kleft hingegen war nicht zuletzt durch seinen unbeirrten Findergeist

wohl immun solchen Hemmungen gegenüber. „Doch das Gefundene

ist immer nur der Ausgangspunkt einer neuen Suche“, fuhr er fort. Der

Experte für Poetic Excavationism, ein hierzulande noch weitgehend

unbekanntes Forschungsfeld, wandte sich mit einem beinahe entschuldigenden

Schulterzucken zu mir um. Mit dem Grinsen eines Mannes,

der für genau diese endlose Suche lebt, streckte er mir seine offene

Handfläche entgegen. Darauf lag eine Scherbe.

Auf den ersten Blick erschien das kleine Stück Keramik in Klefts Hand

vollkommen natürlich, in sich abgeschlossen, so, als ob es gleich hier an

diesem Strauch gewachsen wäre. „Sie kommt so unschuldig daher, nicht

wahr?“ Kleft drehte die Scherbe ein wenig in der Hand und ihre Glasur,

die noch einen Moment zuvor nicht als ungewöhnlich aufgefallen wäre,

begann verführerisch in der Sonne zu glitzern. „Aber sie will etwas von

dir: Sie will in die Kultur zurückgekippt werden.“

Als wir am Weg zurück auf die offiziellen Pfade des Stadtparks waren

ich etwas verstohlen, er mit zärtlichem Blick auf seinen Fund schloss

Kleft an seine Ausführungen an. „Das Schöne an einer Scherbe ist, dass

sie Teil eines Ganzen war“, erklärte der Forscher, „sie trägt das Potenzial

einer größeren Geschichte. Sie ist der Spieleinsatz und das Fährgeld

gleichzeitig. Das ist Poetic Excavationism!“

Inzwischen waren wir beinahe am Forum Stadtpark angekommen und

standen am Rand des Springbrunnens als andächtige Zweiergruppe um

die Scherbe, die nach wie vor in Klefts ausgestreckter Handfläche lag.

Mit jedem Wort und jeder Minute schien sich der kleine Gegenstand

mehr von einem unscheinbaren, selbstgenügsamen Überbleibsel zu

einem bedeutsamen Fragment etwas Größeren, einer Schatzkarte,

ja einem Schlüssel zur Wahrheit selbst zu wandeln. „Um zu erfahren,

musst du wissen wollen“, meinte Kleft dazu.

So vertieft war ich in die Betrachtung der Scherbe, dass ich gar nicht

sagen hätte können, wie lange der dritte Mann schon in unsere Runde

getreten war. Kleft hatte gerade etwas darüber gesagt, wie man, wenn

man mit einer mit Informationen aufgeladenen Scherbe in der Hand

ausrutsche, nur in ein Abenteuer fallen könne eine Kaskade vom Konkreten

ins Erdachte. Als dann eine Stille eintrat, ergriff der Fremde das

Wort. „Fabelhaft! Ich selbst bin ohnehin langweilig für mich selbst!“, rief

er, ergriff die Scherbe und spazierte davon. Kleft blickte ihm strahlend

hinterher.

„In the beginning is this childlike happiness of finding something.”

Jürgen Kleft tells me, without slowing his determined yet

seemingly aimless steps. I felt the amused stares of passers-by

on us as I tried to follow his exploratory zigzag through the

bushes of the Graz municipal park.

Kleft, on the other hand, was probably immune to such inhibitions,

not least because of his unswerving ingenuity. „But that

which is found is always but the starting point of a new search,” he

continued. The expert for poetic excavationism, a field of research still

largely unknown in Germany, turned to me with an almost apologetic

shrug of the shoulders. With the grin of a man who lives for precisely

this type of endless search, he extended his open palm towards me. On

it lay a broken piece of porcelain.

At first glance, the small piece of ceramic in Kleft’s hand seemed

completely natural, self-contained, as if it had grown right here on that

shrub. „It looks so innocent, doesn’t it?” Kleft turned the shard a bit

in his hand and the glaze, which hadn’t been perceived as unusual a

moment before, began to seductively glimmer in the sun. „But it wants

something from you: it wants to be tossed back into culture.”

On our way back to the main paths of the park I was a little coy, he

was tenderly eyeing his discovery Kleft continued his remarks. „The

beauty of a piece of broken glass is that it was once part of a whole,”

the researcher explained, „it carries the potential of a larger story. It is

the wager and the fare at the same time. That is poetic excavationism!

In the meantime, we had almost arrived at Forum Stadtpark and stood

at the edge of the fountain as a contemplative couple studying this

shard, which still lay in Kleft’s outstretched palm. With every word and

every minute, the small object seemed to transform itself from an inconspicuous,

self-sufficient remnant to a significant fragment of something

larger, a treasure map, even a key to truth itself. „To experience,

you must desire to know”, Kleft said about it.

I was so absorbed in the observation of the shard that I could not have

said how long a third man had been standing in our circle. Kleft had

just said something about how, if you slipped and fell with a piece of

shard loaded with information in your hand, you could only fall into an

adventure a cascade from the concrete to the imaginary. During a lull

in the conversation, the stranger took the floor. „Fabulous! I am boring

myself anyway,” he shouted, grabbing the shard and walking away. Kleft

looked after him, beaming.

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15 JAHRE HYPERDUB

15 YEARS OF HYPERDUB

Steve Goodman alias Kode9 ist ein Festival-Veteran. Bereits

anno 2008 fand sich sein Name zum ersten Mal im

Elevate-Programm. Ganz im Zeichen der Feierlichkeiten

des inzwischen bereits fünfzehnten Jubiläums seines Labels

gestaltet der Musiker und Hyperdub-Chef einen eigenen

Abend im Rahmen der aktuellen Festivalausgabe.

Im Interview plaudert er aus dem Nähkästchen über die

Verschmelzung von Club und Ausstellungsraum, Ultraschall-Waffen

im postfaktischen Zeitalter sowie die akustischen

Qualitäten des Dom im Berg.

Steve Goodman aka Kode9 is an Elevate festival veteran.

In 2008, his name appeared on the line-up for the first

time, this year, the musician and Hyperdub head honcho

curates a full night in celebration of his label’s 15 anniversary.

In our interview, he lets loose on merging night club

and exhibition space, ultrasound weaponry in the posttruth

age and the sonic qualities of Dom im Berg.

Steve Goodman

Steve Goodman

Florian Gasser Maximilian Montgomery

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Steve Goodman erweist sich seit inzwischen mehr als

zwanzig Jahren als nicht wegzudenkende Kraft des

britischen Hardcore-Kontinuums. Als DJ im Rahmen

der bahnbrechenden Londoner Clubreihe FWD>> verhalf

er dem Begriff Dubstep zu seiner heutigen Größe.

Als Labelgründer entdeckte und veröffentlichte er Acts

wie Ikonika oder Burial, deren zweites Album Untrue

von der bedeutenden Plattform Pitchfork im Feld der elektronischen

Musik zu den wichtigsten Veröffentlichungen des Jahrhunderts

gezählt wird. Als sprichwörtlicher Klang-Forscher veröffentlichte er

im akademischen Kontext mehrere Bücher zum Thema akustischer

Kriegsführung. Unter seinem bekannten Pseudonym Kode9 widmet

er sich auf bereits drei Alben der visionären Erkundung zeitgenössischer

Bassmusik.

Wo siehst du Kontinuitäten im Bezug auf Hyperdubs

Grundmotivation im Vergleich von früher zu heute?

Als wir angefangen haben, hat uns die neue Musik aus UK, speziell

London, sehr beeinflusst. Angefangen vom UK-Jungle der 90er bis

zu UK-Drill heute ist das der rote Faden, der mich sowohl in meiner

Arbeit als DJ als auch als Labelbetreiber besonders motiviert hat. Seit

jedoch etwa 2012 ist das UK nur noch eine von zahlreichen regionalen

Quellen, von Chicago Footwork über südafrikanischen Gqom bis hin

zu japanischer Videogame-Music, die das Label auf ihre Art beeinflussen.

Dies sagt sowohl etwas über den Zustand einer UK-Szene der

letzten zehn Jahre aus als auch über das erstarkende Selbstbewusstsein

regionaler Clubsounds von außerhalb, speziell aus den USA.

2017 hast du die monatliche Clubreihe Ø in den Londoner

Corsica Studios ins Leben gerufen. Geschieht das auch als

Teil einer Strategie, mehr mit dem Publikum in Interaktion

zu treten?

Ich hab mich nicht unbedingt darum gerissen, Promoter zu werden,

weswegen unsere monatliche Veranstaltung etwas Merkwürdiges an

sich haben sollte, damit wir auch die Lust haben, es überhaupt zu

machen. Gestaltet wird es von Shannen SP und mir und umfasst ein

weites Feld von lokalen und internationalen DJs über MusikerInnen

bis hin zu installativ arbeitenden audiovisuellen KünstlerInnen, von

denen wir Fans sind.

Zahlt es sich aus zu erwähnen, dass Ø mittwochs

stattfindet?

Ich wollte es am Mittwoch machen, um die Arbeitswoche zu halbieren.

Es hat außerdem ein sehr hingebungsvolles Publikum zur Folge,

das wohlwollend dazu bereit ist, im Sinne der Sache einen Teil der Arbeitswoche

zu opfern. Ø ist eine Plattform, die versucht, die Club-Erfahrung

um den Aspekt immersiver Installationen zu erweitern. Ein

gängiges Clubformat empfinde ich anno 2019 als etwas zu banal.

Was sind die Herausforderungen beim Versuch, Clubkultur

und visuelle Kunst miteinander zu verschmelzen?

Wir versuchen, die physische Dimension eines Club-Erlebnisses zu

verstärken. Room2 in den CorsicaStudios ist ein kleiner Raum mit

einer Nebelmaschine, Laserlicht und einem meiner Lieblings-Soundsysteme

in ganz London. Gleichzeitig experimentieren all diese

Installationen damit, immersive und herausfordernde konzeptuelle

Umgebungen zu gestalten. Wir versuchen, beide Aspekte ohne Kompromisse

zu vereinen. In meiner eigenen künstlerischen Arbeit, wie

beispielsweise an der Tate Modern (wo er im Oktober 2018 in einer

Zusammenarbeit mit der kubanischen Künstlerin Tania Bruguera ein

Steve Goodman has been an undeniable force in the

British hardcore continuum for more than two decades.

As a DJ, he helped to birth dubstep at London’s

seminal club night FWD>>. As Hyperdub’s label

founder, he discovered acts such as Ikonika and Burial

who’s second album, Untrue, has been dubbed the

most important electronic album of the century so far

by Pitchfork. As an academic writer, he’s published books on sonic

warfare. And obviously as Kode9, the moniker under which he’s

released three full-length albums, exploring the realms of visionary

bass music.

If you compare Hyperdub’s inspiration from the early days

to what it is now, where do you see continuities?

When we started, we were influenced by new music that was coming

out of the UK, particularly London. From jungle in the 90s to UK drill

today, this is the thread that has kept me motivated as a DJ and running

the label. But, by about 2012, the UK was just one among many

regional sources that was influencing the label, from Chicago footwork

to South African Gqom or Japanese video game music. This says as

much about the state of the UK in the last 10 years as it does about the

growing confidence of regional club sounds coming from outside the

UK and US.

In 2017 you launched a monthly club night, Ø, at London’s

Corsica Studios. Is this part of your strategy to interact

more directly with the audience?

I wasn’t desperate to become a promoter, so our monthly night had to

be a little strange to make us want to do it. It’s run by me and Shannen

SP, and it spins off on a tangent from the label featuring local

and overseas DJs and musicians we are fans of, and visual/ sonic and

interactive artists doing installations.

It’s worth mentioning that Ø takes place on Wednesdays …

I wanted to do it on a Wednesday to slice the working week in half. It

also means we get a very dedicated crowd who are prepared to sacrifice

part of their working week. Ø is a platform for adding immersive

installations to the clubbing experience as generally, by 2019 the

traditional clubbing format I find to be pretty mundane.

What are the challenges merging club culture and the

visual art?

We are trying to intensify the physical dimension of clubbing. Room 2

at Corsica Studios is a small dark room with a smoke machine and laser

and has one of my favourite sound systems in London. And at the

same time, the installations all experiment with building immersive,

challenging conceptual environments. We’re trying to bring these two

sides together without compromising either. When I work in a purely

art context, for example Tate Modern [where he installed a 40,000-

watt sound system in collaboration with Cuban artist Tania Bruguera

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40.000-Watt-Soundsystem installiert hatte, Anm. d. Red.), bin ich

selbst ständig dazu gezwungen, Kompromisse einzugehen. Eine extreme,

auf starker Vibration basierende Erfahrung zu entwickeln und

ermöglichen, erweist sich für die meisten Kunst-Institutionen, quasi

per definitionem, als Problem. Ø ermöglicht es uns, in dieser Hinsicht

beim Experimentieren weniger Kompromisse eingehen zu müssen.

Die Körperlichkeit von Klang zählt zu deinen Lieblingsthemen.

In deinem nächsten Buch Unsound:Undead spricht

einer der Essays von holosonischen Phänomenen was

bedeutet das?

Ich arbeite mit anderen Mitgliedern von AUDINT (Toby Heys und

Eleni Ikoniadou) als Co-Editor an einem neuen Buch, welches 64

kurze Essays über ein weitreichendes Feld verschiedenster verrückter

Akustik-Konzepte umfasst. Das „holo“ in holosonic bezieht sich auf

eine sehr spezielle Art von Ultraschall-Richtlautsprechern, über welche

ich in meinem Buch Sonic Warfare berichtet habe, die ihrerseits

eine sehr fokussierte direktionale Ausrichtung von Klang ermöglichen.

Man kann es sich vielleicht vorstellen wie eine Art akustisches

Hologramm. Es geht dabei um die Idee, einen Klang sehr spezifisch

im Raum positionieren zu können, anstatt den ganzen Raum damit

füllen zu müssen. In dem Buch spekulieren wir über eine Zukunft, in

welcher die Kriege mit Hologrammen und Ultraschall-Waffen ausgetragen

werden.

Das diesjährige Festivalthema ist TRUTH, weswegen wir

uns gefragt haben, welche Rolle spielt deiner Meinung

nach Sound im Kontext von Fake-News und Post-Truth?

Ich denke, es gibt zwei interessante Arten, wie sich Klang im Bezug

auf die Beweisachse verhält. Auf der einen Seite gibt es Forscher und

Künstler wie Lawrence Abu Hamdan, der auf ziemlich experimentelle

Art Methoden zur forensischeakustischen Beweisfindung entwickelt.

Im Buch Unsound:Undead beispielsweise findet sich ein kurzer Essay

über seine Arbeit in einem syrischen Gefängnis, in welchem Schweigen

und Stille als eine Art von Folter etabliert waren und welches er

in Zusammenarbeit mit einstigen Häftlingen, auf der Grundlage der

Lautstärke, in der sie miteinander flüsterten, akustisch rekonstruiert

hat. Auf der anderen Seite und darin spiegelt sich auch AUDINT’s

Perspektive wider steht die Reflexion einer spekulativen Fiktion in

einer Welt, in der Fake News, Social Media und Algorithmen und AI

die Realität ins Surreale verzerren.

Was ist als weitgereister Künstler deiner Meinung nach

einzigartig am Elevate im Kontext eines holistischen Elektronische-Musik-Festivalzirkus?

Mein Lieblingsaspekt des Festivals, abgesehen von den wundervollen

Veranstaltern, die unser Label bereits seit der Anfangszeit unterstützen,

ist klar die Location Dom im Berg es ist ein großartiges und

seltenes Beispiel eines relativ großen Raumes mit wirklich schönem

und fokussiertem Sound.

last October], there is always some kind of compromise you have to

make with the institution, as engineering an intense vibrational experience

is by definition a problem to most art institutions. Ø allows us

to experiment with less compromises.

The physicality of sound has been one of your favourite

subjects. In your next book, Unsound:Undead, one essay’s

about holosonic phenomena. What is that?

With other members of AUDINT (Toby Heys and Eleni Ikoniadou),

I am co-editor for this new book which features 64 short essays by a

wide range of researchers about various weird sonic concepts. The

’holo’ in holosonic refers to a particular kind of directional ultrasound

speaker technology which I wrote about in my Sonic Warfare book,

and which allows sound to be targeted in a very focused way. It’s more

to do with acoustic holograms, the idea that a sound can have a very

specific location in a space, as opposed to just filling up a space. In

the book, we speculate about a future in which all war is fought by

holograms using ultrasound weaponry.

This year’s festival theme is TRUTH, and I was wondering,

what you think the role does sound is in the context of fake

news and post-truth?

I think there is two interesting ways in which sound relates to the

axis of evidence and truth. On the one hand you have artist/researchers

such as Lawrence Abu Hamdan who is developing methods

for forensic audio, for generating evidence using quite experimental

methods. For example in the Unsound:Undead book, he has a short

essay about his research in a Syrian prison, working with inmates

to investigate the way silence was enforced in the prison as a mode

of torture by working with former prisoners to recreate the levels at

which they were forced to whisper. On the other hand, and this relates

to AUDINT’s research more generally, we question the role of speculative

fiction in a world in which via fake news, social media, algorithms

and AI, has rendered reality totally surreal.

For a much-travelled musician like yourself, what makes

Elevate unique in the electronic music festival circuit?

My favourite thing about the festival, apart from the wonderful organizers

who have supported us as a label from early on, is the location

of Dom im Berg it’s a great, and a rare example of a quite large

space with really nice, focused sound.

What’s an overlooked gem from the Hyperdub catalogue

that should be revisited?

Samiyam’s ’Return’ EP from 2008 is still stands out for me. It sounds

nothing like anything else we released, but also influenced me a lot

back then and still makes me weak at the knees.

Gibt es ein bis dato unbeachtetes Juwel im Hyperdub-Katalog,

das man sich unbedingt zu Gemüte führen sollte?

Samiyams „Return“-EP von 2008 sticht für mich nach wie vor besonders

heraus. Es klingt wie nichts anderes, das wir jemals herausgebracht

haben, hat mich damals aber extrem beeinflusst und lässt

meine Knie noch immer weich werden.

Red Bull Music Academy presents:

A CONVERSATION WITH SCRATCHA DVA

Freitag, 2. März 2019, 17:30 Uhr

Kunsthaus Graz / Needle

Red Bull Music Academy presents:

A CONVERSATION WITH SCRATCHA DVA

Friday, 02 March 2019, 17:30

Kunsthaus Graz / Needle

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SHANNEN SP

Shannen co-kuratiert gemeinsam mit mir

unsere monatlichen Clubnächte, arbeitet

im Büro daran dass die Webseite läuft und

bringt sich bei A&R ein. Sie ist ein vielversprechender

DJ (mit einer Show auf NTS-Radio)

mit einer sehr eigenen Musikselektion aus der

Afrikanischen Diaspora. Außerdem hat sie auf

Nazars letzter EP „Airstrike“ ein paar Vocals

beigesteuert.

SHANNEN SP

Shannen co-curates our monthly club night Ø

with me, works in the Hyperdub office helping

run our website and with A&R. She is a promising

up and coming DJ (with a show on NTS

radio) with a very unique selection of African

diasporic sounds, and also did vocals on the

track ’Aistrike’ on the recent EP by Nazar.

NAZAR

Ein sehr aufregender neuer Künstler unseres

Labels, dessen Familie eigentlich aus Angola

stammt, aber der in Belgien aufwuchs und

jetzt in Manchester lebt. Er hat einen sehr eigenen

Sound den er selbst als „Rough Kuduro“

bezeichnet und mit dem er seine Familiengeschichte

im Kontext des angolanischen

Bürgerkriegs aufarbeitet.

NAZAR

A super exciting new artist to the label whose

family is from Angola, but who grew up in

Belgium and now lives in Manchester. He has

a very specific sound which he called ’Rough

Kuduro’ which he uses to explore his family’s

experiences during the Angolan civil war.

IKONIKA

Technisch betrachtet eine rasiermesserscharfe

Produzentin und Hyperdub Veteranin,

die nach einer kurzen Babypause gerade

erst wieder als Dj aktiv geworden ist. Sie wird

massiv unterschätzt, ist aber seit über zehn

Jahren auf dem Label und verbessert und

entwickelt sich nach wie vor ständig weiter.

IKONIKA

Technically razor-sharp producer and DJ and

a Hyperdub veteran who is just returning to

DJing after a short break to have a baby. Still

massively underrated, she has been on the

label for over 10 years and just keeps getting

better and better.

O-TON DES KURATORS.

Kode9 stellt die an Hyperdub15 beteiligten Künstler vor

STRAIGHT FROM THE CURATOR’S MOUTH

Kode9 introduces the artists involved in his Hyperdub 15 night

SCRATCHCLART & LADY LYKEZ

Scratchclart ist ein weiterer Hyperdub-Veteran

und wird wie Ikonika sehr unterschätzt,

zählt aber zu meinen absoluten Lieblings-Djs

und Produzenten im Universum. Letztes Jahr

hat er einen riesigen Haufen Material selbst

veröffentlicht und bald kommt eine Dancehall-basierte

EP zusammen mit der großartigen

Londoner Vokalistin Lady Lykez.

LEE GAMBLE

Lee Gamble ist bereits eine Legende im

Bereich experimenteller Elektronik, der vor

ein paar Jahren ein geniales Album bei uns

rausgebracht hat und jetzt an der Veröffentlichung

eines Dreifach-Albums arbeitet, das

im Verlauf von 2019 veröffentlicht werden

wird. An der diesjährigen Ausgabe des Elevate

beteiligt er sich mit einer speziellen

Ambisonic-Performance.

OKZHARP & MANTHE RIBANE

Okzharp ist zur Hälfte Südafrikaner und zur

Hälfte Engländer während Manthe Ribane

tatsächlich in Südafrika lebt. Wir haben letztes

Jahr ihr erstes Album rausgebracht und

die spektakuläre Art mit der sie es Live umsetzen

beeindruckt uns sehr. Manthe ist eine

unglaubliche Tänzerin, sowie Performerin und

Okzharps Post-Gqom Produktionen bereiten

ihr eine hervorragende Plattform.

SCRATCHCLART & LADY LYKEZ

Scratchclart is another veteran Hyperdub

artist, and like Ikonika is still one of my favourite

DJs and producers in the universe but is

generally massively underappreciated. He

self-released a tonne of pretty experimental

material last year and has a forthcoming

dancehall influenced EP with brilliant London

based vocalist Lady Lykez.

LEE GAMBLE

Lee Gamble is already a legend of experimental

electronics who released a brilliant

album with us a couple years ago and is doing

a 3-part album across 2019. At Elevate, he is

doing a special ambisonic performance.

OKZHARP & MANTHE RIBANE

Okzharp is half South African and half English

while Manthe Ribane is based in South Africa.

We released their first album last year and

their live performances really bring this album

to life in a quite spectacular way. Manthe

is an incredible performer and dancer and

Okzharp post-gqom productions provide the

perfect platform for her.

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HERZLICH

WILLKOMMEN: TRUMER

PLEASE

WELCOME: TRUMER

Welche Möglichkeit wäre besser als ein Jubiläum,

um neue PartnerInnen, MitstreiterInnen und Gleichgesinnte

gebührend willkommen zu heißen? In diesem

Sinne freut es uns sehr, die unabhängige und inhabergeführte

Privatbrauerei TRUMER als Partner der

diesjährigen Festivalausgabe begrüßen zu dürfen.

Patrick Wurzwallner moodley brand identity

What better way to welcome new partners, fellow

campaigners, and like-minded individuals than by

celebrating an anniversary? With that in mind, we

are very happy to welcome the independent and

owner-operated private brewery TRUMER as a

partner of this year’s festival edition.

Josef Sigl, Geschäftsfüher Brauerei Trumer

Josef Sigl, Managing Director Brauerei Trumer

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The traditional brewery founded in Salzburg, Obertrum

am See in 1601 has 45 employees and can look

back on more than 400 years of company history, in

which people have learned to understand and appreciate

beer as a high-quality product. Over the years,

the company has evolved into specializing in Pils.

Der anno 1601 in Salzburg, Obertrum am See gegründete

Traditionsbetrieb zählt 45 MitarbeiterInnen

und blickt auf über 400 Jahre Firmengeschichte

zurück, in der man gelernt hat, Bier als hochwertiges

Lebensmittel zu begreifen und wertzuschätzen. Über

die Jahre avancierte man schließlich zum Spezialisten

für Pils.

Josef Sigl, Nachkomme der achten Generation, richtet den Blick nach

vorn und versucht unter Einhaltung des Nachhaltigkeitsprinzips das

Beste aus den beiden Welten Tradition und Fortschritt zusammenwirken

zu lassen. „Bier brauen nach eigenen Wertvorstellungen, ohne

Kompromisse“ ist das zugrundeliegende Leitmotiv, die ausschließliche

Verwendung von Naturhopfen und ein einzigartiges, patentiertes

offenes Gärverfahren sowie die Philosophie von Slow Brewing die

natürliche Konsequenz. Ebendiese ist Trumer in diesem Kontext

besonders wichtig, so ließ man sich das Verfahren des Slow Brewing

2012 als erste Brauerei in Österreich auch offiziell zertifizieren und

bekommt dieses strenge Gütesiegel seither Jahr für Jahr aufs Neue.

Das aktuelle Festivalthema TRUTH greift bei Tru(e)mer besonders in

Bezug auf eine Firmenphilosophie der Ehrlichkeit und Transparenz.

Nichts zu verstecken, Prozesse nachvollziehbar zu machen und ehrlich

mit MitarbeiterInnen, KundInnen und LieferantInnen umzugehen

sind tragende Pfeiler eines Betriebs, der sich einem starken und friedlichen

Miteinander verschrieben hat. In der hauseigenen Podcast-Serie

„Einfach Leben“ kommen deshalb Menschen zu Wort, die sich

ebenso tagtäglich für diese Themen und Ideologie starkmachen.

Josef Sigl, a descendant of the eighth generation, is focused on the

future and tries to combine the best of both worlds tradition, and

progress while observing the principle of sustainability. „Brewing

beer according to its own values, without compromise“ is the underlying

leitmotif, the exclusive use of natural hops and a unique,

patented, open fermentation process, as well as the philosophy of

slow brewing as a natural consequence. This is precisely what makes

Trumer particularly important in this context: Trumer was the first

brewery in Austria to officially certify the slow brewing process in

2014 and has been awarded the prestigious seal of approval year after

year ever since.

At Tru(e)mer, the current festival theme TRUTH is especially relevant

to a company philosophy of honesty and transparency. Choosing not

to hide anything and make processes comprehensible for the public

while being honest with employees, customers and suppliers, are

supporting pillars of a company dedicated to strong and peaceful

cooperation. The in-house podcast series „Einfach Leben“ (Simply

Living), provides a platform for people who are equally committed to

these topics and ideologies on a day-to-day basis.

A festival as focused and mature as Elevate has no monopoly with

regard to its mentality. The fact that other people are also trying to

strengthen the premise of sustainability and establish it as a standard

in their own areas of work makes us happy and further strengthens

us in our actions. The fact that over time, related agreements with

some partners prove to be more important than others is only logical

and, just as in interpersonal relationships, a process of comings and

goings, as well as a constant act of balance and reflection. Networking

with these like-minded people, working together, coming together and

further refining a common vision is the primary objective and one of

the absolute principles at both Elevate and Trumer.

With this in mind Welcome and stay Tru!

Ein derart fokussiertes und gewachsenes Festival wie Elevate besitzt

hinsichtlich seiner Einstellung kein Monopol. Dass auch andere

Menschen versuchen, die Prämisse der Nachhaltigkeit zu stärken und

in ihren eigenen Arbeitsbereichen zum Standard zu etablieren, freut

uns und bekräftigt uns in unserem Tun. Dass sich im Laufe der Zeit

die inhaltlichen Übereinstimmungen mit manchen PartnerInnen als

größer erweisen als mit anderen, ist nur logisch und genauso wie in

zwischenmenschlichen Beziehungen ein Kommen und Gehen sowie

ein ständiger Akt der Balance und Reflexion. Sich mit diesen Gleichgesinnten

zu vernetzen, zusammenzuarbeiten und zusammenzukommen

und weiter an einer gemeinsamen Vision zu feilen, ist das Ziel

und zählt sowohl bei Elevate als auch bei TRUMER zu den absoluten

Grundsätzen.

In diesem Sinne: Herzlich willkommen und stay Tru!

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DORIAN CONCEPT

DORIAN CONCEPT

Shilla Strelka

Jakob Gsoellpointner

OLIVER JOHNSON aka DORIAN CONCEPT

zählt seit einer guten Dekade zu einem der

erfolgreichsten Elektroniker des Landes. Dass

seine internationale Bekanntheit nicht nur den

legendären Live-Shows geschuldet ist, stellt er

mit seinem jüngsten Album erneut unter Beweis.

„The Nature of Imitation“ (Brainfeeder) offenbart

die kompositorische Stärke eines Musikers, dessen musikalische

Vorlieben von Funk, über Jazz, Hip Hop bis zu den UK Bass-Genres,

IDM und hybrider Clubkultur reichen. Seine facettenreichen Arrangements

setzen sich aus vielschichtigen Texturen, labyrinthischen

Rhythmen und polyphonen Melodien zusammen, die eklektisch durch

die Genres wandern. Hier tanzen neon-farbene Synkopen quer durch

die Instrumentenbank und addieren sich zu Tracks von orchestraler

Opulenz. OLIVER JOHNSONs unfassbare Liebe zum Detail und seine

Affinität für die unterschiedlichen Timbres synthetisch nachgebauter

Instrumentenklänge eröffnen ihm neue Möglichkeiten und präsentieren

ihn als elektronische one-man-band. Shilla Strelka traf den

Musiker zu einem Gespräch in seinem Studio.

OLIVER JOHNSON aka DORIAN CONCEPT has

been one of Austria´s most successful electronic

musicians for a good decade. With his latest

album, he once again proves that his international

fame is not only due to his legendary live

shows. „The Nature of Imitation” (Brainfeeder)

reveals the compositional strength of a musician

whose musical preferences range from funk, jazz, and hip hop to

the UK bass genres, IDM, and hybrid club culture. His multi-faceted

arrangements consist of layered textures, labyrinthine rhythms and

polyphonic melodies that wander eclectically through the genres.

Neon-colored syncopations dance across the instrument bank and

add to tracks of orchestral opulence. OLIVER JOHNSON’s unbelievable

attention to detail and his affinity for the different timbres of

synthetically reconstructed instrument sounds open up new possibilities

for him and present him as an electronic one-man-band. Shilla

Strelka met the musician for a talk at his studio.

48


Du lässt dir viel Zeit zwischen den einzelnen Releases. Im

August ist dein neues Album erschienen. „The Nature of

Imitation“ beinhaltet Tracks, an denen du zum Teil jahrelang

gefeilt hast. Das Resultat klingt allerdings unwahrscheinlich

organisch, wie aus einem Guss.

Oliver Johnson: Ja. Wenn ich einmal eine Nummer habe, bei der

sich eine Richtung zeigt, dann baue ich alles um diese Nummer herum

auf. Deswegen fühlt es sich so an, als wäre das aus einem Guss. Es gab

schon auch Nummern, die noch mehr von der Ästhetik des letzten

Albums aufgriffen, aber ich habe mich bewusst gegen diese entschieden.

Mich interessieren der ästhetische Bruch und die Neuerfindung

viel mehr. Die Zeit vergeht auch so schnell …

Aber ich hatte auch das Gefühl, dass ich Abstand dazu brauchte. Ich

wollte weg von mir. Den Gedanken hatte ich auch schon beim Album

„Joined Ends“. Das hat mir im künstlerischen Prozess gutgetan. Auf

der anderen Seite bin ich auch zu Ansätzen zurückgekommen, aber

aus einem ganz anderen Blickwinkel. Es dauert einfach auch, von sich

selbst wegzukommen.

Wie schafft man das überhaupt? Ich schätze mal, da spielen

die Maschinen und Tools die größte Rolle?

Ja, ich bin auch nicht der Typ, der das Technische so groß mitpräsentiert.

Es gibt zwar die Videos mit den Synthesizern, aber die gehe

ich eher performativ an. Ich weihe Leute normalerweise nicht in den

Prozess ein. Andere Gear zu verwenden, ist aber auf jeden Fall ein

Weg, sich in ein neues Szenario zu begeben. Dann landet man nicht so

schnell bei den üblichen Sounds. Zur gleichen Zeit kann man auch in

der Software nach Überraschungsmomenten suchen und den Dingen

nachgehen, die einem eigenartig vorkommen. Sich zu fragen, warum

man bestimmte Entscheidungen trifft, um bewusst mit diesen Mustern

zu brechen. Sich auch die Frage zu stellen, welche Erwartungshaltungen

daran gekoppelt sind. Das Album klingt so brüchig und

sprunghaft, weil ich viel gegen mich gearbeitet habe, um woanders

hinzukommen.

Das Album klingt für mich sehr maximalistisch, auf eine

gewisse Art sehr überladen. Es ist vielstimmig und wirkt

schon fast orchestral in seiner Dichte. Fast hymnisch.

Ja, genau. Und mit einer overbearing positivity, die daran gekoppelt

ist. Das ist schon eine Energie, die ich versucht habe zu referenzieren.

Ich wollte das aber auch ins Absurde führen. „The Nature of Imitation“

ist ein Album, bei dem Ernsthaftigkeit und Humor ineinander

übergehen. Und es ist ein sehr persönliches Album, weil ich mich

selbst auch als Menschen sehe, der zwischen diesen zwei Polen pendelt.

Ich denke viel darüber nach, wie man ernsthafte Musik machen

und gleichzeitig mit dem Vorurteil brechen kann, dass man dabei

nicht Spaß haben kann. Es ist oft so, dass man sich denkt, die Musik

sei nicht anspruchsvoll, weil Humor oder Spaß drinnen ist. Mich interessiert

schon auch, wie sich Leute inszenieren, und ich finde es auch

interessant, wie sehr Leute sich selbst an ihre Inhalte koppeln diese

Vorstellung, dass ernste Leute ernste Musik machen. Ich stelle das infrage,

weil ich das Produzieren schon mit einem hohen künstlerischen

Anspruch verbinde. Aber ich bin froh, wenn das übersehen wird, weil

ich es schade finde, wenn Selbstinszenierung und Leichtigkeit nicht

Hand in Hand gehen können.

Du bist eigentlich übers Klavier zum Musikmachen gekommen.

Hast du den Klangkörper nie vermisst?

Ja, es ist schräg. Man kann Klavier so gut auf Geräten nachmachen.

Ich weiß auch nicht ganz, was ich vom Klavier halten soll. Einerseits

You take a lot of time between releases. Your new album

was released in August. „The Nature of Imitation” contains

tracks you have worked on for years. The result, however,

sounds incredibly organic, as if it came from a single

mould.

Oliver Johnson: Yes. Once I have a track that shows some kind of

direction, I build everything around that track. That’s why it feels like

it’s from a single mould. There were also tracks that had more of the

aesthetics of my last album, but I deliberately decided against them. I

am much more interested in the aesthetic break and the reinvention.

But time goes by so quick ...

But if one travels as much as you do, time just goes faster.

Exactly. After the last album came a very tour-intensive time and I

had kinda forgotten to work on new music. But I also felt like I needed

distance from it. I wanted to get away from myself. I already had that

thought with the album „Joined Ends”. That was good for my artistic

process. On the other hand, I have also returned to my old approaches,

but from a completely different perspective. It just takes time to

get away from yourself.

How do you even do that? I guess the machines and tools

play the biggest role?

Yes, I’m not really the type to present the technical side. There are

the videos with the synthesizers, but I approach them rather in a performative

way / performatively. At the same time, you can also look

for moments of surprise in the software and follow up on things that

seem strange to you. The album sounds so fragile and jumpy because I

worked a lot against myself to get somewhere else.

To me the album sounds very maximalistic/ extreme, in a

certain way very overloaded. It is polyphonic and appears

almost orchestral in its density. Hymnal almost.

Yes, exactly. And with an overbearing positivity coupled / liked to it.

That’s an energy I’ve been trying to reference. But I also wanted to

take it to the absurd. „The Nature of Imitation” is an album where

seriousness and humour merge. That’s why it is a very personal

album, because I also see myself as a person who commutes between

these two poles. I think a lot about how you can make serious music

and at the same time break this idea that you can’t have fun doing it.

A lot of times music isn’t taken seriously because it is humorous or

fun. I question this because I associate production with a high artistic

standard. But I’m glad if this is overlooked, because I find it a pity if

self-dramatization and lightness can’t go hand in hand.

You were playing piano when you were younger. Have you

never missed this resonating body?

Yeah, it’s weird. It’s so easy to imitate a piano on a machine. I don’t

quite know what to think of the piano either. On the one hand it is so

beautiful and the most incredible instrument in the world, on the other

hand I find it difficult to do anything interesting with it. It’s being

over-aestheticised. If you use a cheaper midi piano sound, everyone

is always instantly offended. A lot of people don’t like the sound. I

almost find it more interesting to ask why that is so. If you take a synthetic

piano sound, it has so much euphoria inside. You can’t imitate

that with a real piano. I like this synthetic sound that tries to imitate

it. And I find it funny how insulted people coming from high culture

are. This idea of purity and emotional performance is something I

can’t do much with. I would love to make a piano album one day, but

it would have to be one where the approach is different.

49


ist es so schön und das unglaublichste Instrument der Welt, andererseits

finde ich, dass es schwierig ist, etwas Interessantes damit

zu machen. Es wird zu sehr ästhetisiert. Wenn man einen billigeren

Midi-Piano-Sound hernimmt, sind alle immer gleich beleidigt. Viele

mögen den Klang nicht. Ich finde es fast interessanter, die Frage zu

stellen, warum das so ist. Wenn man einen synthetischen Klaviersound

nimmt, dann hat der so viel Euphorie drinnen, das kann man

mit einem echten Klavier gar nicht nachmachen. Ich mag diesen

synthetischen Sound, der versucht, das nachzuahmen. Und ich finde

es lustig, wie beleidigt Leute sind, die aus der Hochkultur kommen.

Diese Idee der Reinheit und des sensiblen Spiels, damit kann ich

wenig anfangen. Ich würde enorm gern einmal ein Klavieralbum

machen, aber es muss eines sein, bei dem der Zugang ein anderer ist.

Und Saxofon spielst du auch nicht mehr, oder?

Nein. Zurzeit leider nicht, aber auf dem „Korg Kronos“ einer großen

Workstation findet man auch Fake-Saxofone.

Auf dem Album finden sich auch Bläser.

Ja, die kommen von dieser Workstation. Ich finde es wichtig, Sounds

von ihrer negativen Assoziation zu entkoppeln und etwas Schönes aus

diesen trashigen Midi-Sounds zu machen, die sonst nur als Referenzpunkt

herangezogen werden, z. B. bei „Sibelius“, wo diese Sounds nur

zu Probezwecken verwendet werden immer mit dem Hintergedanken,

diese dann „schön aufzunehmen“. Nein! Lassen wir das doch

einfach so.

Als minderwertig abgestempelte Sounds nicht als Ersatz

zu verstehen, sondern ihre speziellen Klangfarben ernst zu

nehmen, um sie anders zu konnotieren das ist ja auch ein

Statement, oder?

Ja, das ist auch eine Art von Befreiung. Dieses Klischee, dass das minderwertig

ist da geht es ja auch um eine Art von Hierarchie. So eine

Wertigkeit in Musik einzubringen und zu sagen, Sounds seien „billig“,

das sehe ich als sehr problematisch. Man kann sagen, dass es politisch

ist, solche Sounds zu verwenden. Ich arbeite so gerne mit Presets,

weil es sich ähnlich anfühlt, wie beim Hofer einkaufen zu gehen. Man

arbeitet mit der Palette und dem Werkzeug, zu dem ein Großteil der

Bevölkerung Zugang hat. Es gab bei mir auch dieses Schuldgefühl

oder gewisse Zweifel, dass das, womit ich arbeite, nicht professionell

ist, oder das, was man tut, nicht gut genug ist. Und Intuition wird

immer als problematisch abgetan.

Das Album heißt „The Nature of Imitation“. Worauf bezieht

sich die Nachahmung?

Es ist interessant: Kaum verwendet man das Wort „Imitation“,

glauben die Leute, dass man etwas bewusst nachahmen möchte. Aber

ich beschreibe damit eher die Art, wie die Nummern konstruiert sind.

Ich habe mich gefragt, was passiert, wenn man mit einem Loop in der

vollen Instrumentierung, d. h. Rhythmus, Melodie, Akkorde, Bass,

anfängt. Dann hat man eine Phrase, ein Motiv. Diese Struktur loopt

man dann, aber jeweils mit einer anderen Instrumentierung. Dabei

entstehen ganz unterschiedliche Räume.

Ich habe den Titel eher auf die vielen Referenzen, die ich

höre, zurückgeführt. Fast so, als wäre es ein Rückblick

auf Ihre musikalische Bildung. Es ist auf seine Art sehr

eklektisch.

Ja, das stimmt. Es gab schon ganz klar einen postmodernen Ansatz.

In kreativen Feldern gesteht man sich nicht gerne ein, dass man

And you don’t play the sax either, do you?

No. Unfortunately not at the moment, but on the „Korg Kronos” a

big workstation you can also find fake saxophones.

They’re also on the album.

Yes, they come from this workstation. I find it important to decouple

sounds from their negative associations and to make something beautiful

out of these trashy midi sounds, which are otherwise only used

as a reference point, e.g. in „Sibelius”, where these sounds are only

used as placeholders always with the ulterior motive of „properly

recording” them. No! Let’s just leave it the way it is.

Rather than viewing sounds stamped as inferior as a substitute

but instead take their special sound quality seriously

and connoting them differently that’s a statement, isn’t

it?

Yes, it is also a kind of liberation. This cliché that this is inferior it’s

also about a kind of hierarchy. To bring such judgement into music

and to say that sounds are „cheap” is very problematic for me. One

can say that it is political to use such sounds. I like working with

presets so much because it feels like going shopping at Aldi. You’re

working with the palette and the tool to which a large part of the

population has access to.

The album is called „The Nature of Imitation”. May I ask so

directly what the imitation refers to?

As soon as you use the word „imitation”, people believe that you want

to imitate something consciously. But I rather use it to describe the

way the tracks are constructed. The task for this album was to find a

playful way to deal with it and make it sound homogeneous. And as it

is often the case with me, the title came at the end. I’ve been thinking

about what I was actually doing. At first I only wanted to call the album

„Imitations”, but that seems to be the taboo word par excellence

in music.

I rather attributed the title to the many references I heard.

Almost as if it were a review of the sounds that have accompanied

you in the past. The album is very eclectic in its

own way.

Yes, that’s right. There was quite clearly a postmodern approach. In

creative fields one does not like to admit that one imitates things,

whether consciously or unconsciously. You always find ways to cheat

your way through. The title made me think about what imitation

means. How much is okay and when is it too much?

To what extent do your sounds reflect the present and

society?

My music is very subjective and to a certain extent instinctive, that’s

why it’s always a product of its time. But that’s not superficial. With

music that has aged well, the musicians have insisted on their own

statement and the sounds have sprung from a strong imagination.

That’s still the goal for me. That I know I will still be happy with it

later. That gets better from album to album.

Thanks a lot for the interview!

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Sachen nachmacht, ob bewusst oder unbewusst. Man findet immer

Wege, sich durchzuschummeln. Der Titel hat mich dazu gebracht,

darüber nachzudenken, was Nachahmung bedeutet. Wie viel ist okay

und ab wann wird es zu viel?

Das Album ist ja verhältnismäßig euphorisch geworden.

Da schwingt für mich schon so ein Eskapismus mit, wenn

wir uns die Zeit, in der wir leben, ansehen. Es fungiert

vielleicht am Ehesten als eine emotionale Insel, auf die man

sich retten kann.

Ich glaube, die Insel oder die Abkapslung, von der Sie sprechen, das

stimmt wahrscheinlich. In meiner Musik geht es sehr viel um ein

In-sich-Gehen. Das ist dann oft entkoppelt von der Außenwelt. Weil

meine Musik sehr introspektiv ist, halte ich mich aber mit direkt aufs

Album bezogenen Themen zurück. Man kann sich so stark mit der

Außenwelt beschäftigen, dass man sich selbst vernachlässigt. Ich versuche,

den Leuten dabei zu helfen, wieder in sich zu gehen. Das sehe

ich am Ehesten als meine Aufgabe. Ich stelle mir aber auch die Frage,

wie sehr Positivität nicht auch mit Kritik verbunden sein kann. Wie

sehr kann man ein politischer Mensch sein, ohne dass man es direkt

adressiert?

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Guter Geschmack

von Anfang an!

Das ist ja

völlig egal.

DAS SEHEN

WIR ANDERS.

Mut zur Meinung.

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STINE JANVIN

STINE JANVIN

Shilla Strelka

Camille Blake

Dein letzter Release lebt von der Dialektik zwischen

synthetischer Klangproduktion und der menschlichen

Stimme. Es ist sehr abstrahiert, dennoch organisch.

Als Zuhörer fange ich an, über neue Spezies,

unbekannte Lebensformen, eine anders kodierte

Sprache zu spekulieren.

Stine Janvin: Ich mag diese Assoziation sehr! Ich bin sehr

glücklich, wenn das Publikum meine Musik mit solchen Ideen

verbinden kann. Was ich versuche, ist, etwas Massives und Physisches

mit so wenig technologischer Hilfe wie möglich zu schaffen. Mich interessiert

auch, wie das Publikum mit dem ganzen Körper hören und

körperlich an der Musik teilnehmen kann, ohne aktiv etwas zu tun.

Die erste Idee hatte ich bei einem Konzert von Marcus Schmickler.

Es fühlte sich an, als ob ich im Klang schwimmen, und Wellen mich

aus allen Richtungen treffen würden. Ich war natürlich vertraut mit

Differenztönen und wie diese in den Ohren klingen würden, aber ich

hatte noch nie erlebt, dass sie mit einer solchen Wirkung und Kontrolle

angeordnet wurden. Ich war sehr fasziniert davon und begann mich

zu fragen, ob ich mit meiner Stimme etwas Ähnliches schaffen könnte.

Die Frequenzen, die du benutzt, sind sehr intensiv. Was

interessiert dich an diesen Klangqualitäten?

Ich arbeite gerne in diesem Frequenzbereich, vor allem, weil ich den

Klang als angenehm empfinde ähnlich einem synthetischen Ton,

Your recent release „Fake Synthetic Music“

lives on the dialectics of synthetic sound

production and human voice. It’s highly

abstracted sound material, yet very organic.

As a listener I start speculating about new

species, unknown forms of life, a differently

coded language.

Stine Janvin: I like this association a lot! I am

very happy if my music can connect the audience with these kinds of

ideas.What I am trying to do is to create something massive and physical

with as little technological help as possible. I am also interested

in how the audience can listen with their whole bodies and physically

participate in the music without actively doing something.

The initial idea came at a concert with Marcus Schmickler. It felt like

swimming in sound, and waves would hit me from all angles. I was

of course familiar with difference tones and how these would ring in

your ears, but I had never experienced it performed with such effect

and control before. I was so intrigued and started to wonder if I could

create something similar with my voice.

The frequencies you trigger are quite intense, even extreme

and have a strong corporeal effect.

I like working within this frequency range mainly because I find the

sound to be similar to a synthetic tone, like a pure tone or sine wave.

52


einem reinen Ton oder eine Sinuswelle. Ich benutze Echo oder Delay,

um die Laufzeit zu verlängern oder einen Ton zu wiederholen und ich

kann noch einen zweiten Ton dazu singen, um verschiedene akustische

Phänomene, wie z.B. Schläge und otoakustische Emissionen zu

erzeugen.

Interessierst du dich für die Beziehung zwischen Virtuellem

und Realem?

Ja, ich finde es sehr faszinierend. Ich mag es, wenn Dinge etwas zu

sein scheinen, was sie nicht sind.

Welcher Reiz liegt darin, unsere Wahrnehmung zu verzerren?

Ich denke, das hat damit zu tun, was ich selbst als Zuhörerin und

Betrachterin bevorzuge.

Ich mag es verwirrt zu sein und sich zu fragen, was los ist. Ich denke,

es gibt auch viel Potenzial was die Aufführung von Musik betrifft, ich

experimentiere auch gerne mit der Präsentation und der Idee einer

ganzheitliche Wahrnehmung von Klang und Bild.

Ist das psychedelische Erlebnis etwas das dich ebenfalls

interessiert?

Sicherlich denke ich, dass Klang unseren Körper und Geist beeinflusst,

und ich denke auch, dass es möglich ist, dass wir Zugang zu

verschiedenen Zuständen des physischen und mentalen Bewusstseins

durch Klang, einem sich wiederholenden Rhythmus, einer Melodie

oder einem kontinuierlichen Ton erhalten. Wenn du daran glaubst,

kann es geschehen!

Dein Einsatz von Lichtimpulsen im Live-Performance-Kontext

scheint auch beeinflusst zu sein durch Gysons Traummaschine

und dessen psychedelische Wirkung.

Ich habe eigentlich noch nie darüber nachgedacht, aber du hast absolut

Recht, es gibt eine Verbindung. Wie beim Klang geht es auch bei

den Stroboskopen darum, Illusionen zu erzeugen.

Deine neueste Veröffentlichung ist auf PAN erschienen.

Anscheinend gibt es nicht so viele experimentelle VokalistInnen

in der elektronischen Musik?

Meine Erfahrung ist eigentlich genau das Gegenteil, ich habe das

Gefühl, dass es schon immer ein großes Interesse an der Stimme als

Medium gab und es scheint, dass sie immer beliebter wird.

Ich denke vielleicht, dass die Menschen in diesem digitalen Zeitalter

nach etwas Wirklichem und Organischem verlangen? Die Stimme ist

ein zentrales Instrument in allen Genres und Kulturen, auch in der

experimentellen und Avantegarde Musik. Der Einsatz von erweiterten

Gesangstechniken gibt es in der klassischen westlichen Musik

seit Ende des 19. Jahrhunderts und in anderen Teilen der Welt seit

es Menschen gibt. In der experimentellen Musik findet man heute

vielleicht nicht mehr so viele KomponistInnen, die ausschließlich mit

der Stimme arbeiten, aber ich kann mir umgekehrt keinen Komponisten

vorstellen, der sich gar nicht mit der Stimme beschäftigt. Wie

bereits erwähnt, denke ich, dass es ein wachsendes Interesse an der

reinen, akustischen Stimme gibt, wahrscheinlich weil wir nach etwas

Natürlichem in unserem digitalen Alltag suchen.Schließlich ist „die

Stimme das Originalinstrument“ (- joan la labarbara)

I use echo or delay to extend or repeat a tone, and I can sing a second

tone on top of that to trigger different acoustic phenomena, such as

beatings and otoacoustic emissions.

Are you interested in the relation of virtual and real?

Yes, I find it very fascinating. I like when things appear to be something

they are not.

Which stimilulus lies in distorting our perception?

It is what I prefer myself as a listener and spectator I like being

confused and to wonder what’s going on. I also think there is also a lot

of potential in the actual performance of music. I like to experiment

with presentation and I’m interested in a holistic perception of sound

and vision.

´

Is the psychedelic experience something you’re interested

in as well?

For sure! I think sound affects our bodies and minds, and I think it

is possible to access different states of physical and mental consciousness

through sound, f.ex. a repeating rhythm or melody, or a

continous tone. If you believe it, it can happen!

In the live context you’re working with light pulses and flicker

effects. I was reminded of Bryon Gyson’s dreamachine

and the psychedelic effect it has.

I have actually never thought about that, but you are absolutely right,

there is a connection. As with the sound, the idea with the stroboscopes

is to create illusions.

Your latest release is out on PAN. You feel like more experimental

or conceptual vocalists are entering the field of

electronic music?

I feel like there has always been a big interest for voice as a medium

and it seems like it’s only getting more popular. Maybe, in this digital

age, people are longing for something real and organic? I think the

voice is a central instrument in all genres and all cultures, also experimental

and avant garde music. The use of extended vocal techniques

in classical Western music has been around since late 1800’s and in

other parts of the world since people started walking the earth.

So I think there is a growing interest in the pure, acoustic voice. Probably

because we are looking for something natural in our digital daily

lives. After all ”voice is the original instrument” (- Joan La Barbara).

53


Puce Mary

Puce Mary

EXPERIMENTAL GUIDE

EXPERIMENTAL GUIDE

Shilla Strelka

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Die Arbeit der Elektronikerin und Experimental-Vokalistin

Stine Janvin lädt sich an der Dualität von

Virtualität und Realität auf. Mit Hilfe digitaler Tools

transformiert sie ihre Stimme in abstraktes Klangmaterial.

Die außerirdischen Frequenzen, die sie ansteuert,

sind zugleich schrill wie anmutig, enigmatisch und

irritierend. Für ihre psychoakustische A/V-Performance

„Fake Synthetic Music“ arbeitet Janvin mit Lichtimpulsen und diffundiert

ihre Cyborg-Choräle im Raum. Ähnlich wie die norwegische

Künstlerin befasst sich auch der Künstler Robin Fox mit synthetischen

Klängen und virtuellen Räumen. In seiner AV-Show „Single

Origin“ generiert er mithilfe von Laserprojektionen einen immersiven

3D-Raum, den er mit noisigen Klangflächen und kargen, elektronischen

Impulsen synchronisiert. Fox schließt akustischen und visuellen

Sinn kurz und triggert eine intensive, synästhetische Erfahrung. Auch

Lee Gamble arbeitet mit zugespitzten Realitäten. Für das Elevate

Festival transformiert er erstmals den hypermodernen Clubsound

seines neuen Albums „In A Paraventral Scale“ (Hyperdub) via Ambisonics

zu einem Surround-Sound-Spektakel im Dom im Berg. Der in

Graz ansässige Musiker, Komponist und Betreiber von GOD Records

Slobodan Kajkyt befragt das Verhältnis von Raum und Klang in einer

streng minimalistischen Anordnung: In der Eröffnungsnacht präsentiert

er erstmals seinen Release „III“ und komponiert in einer erweiterten

Installation und Live-Performance Licht und Klang zueinander.

Frederikke Hoffmeier ist eine der Protagonistinnen der Post-Industrial-Szene.

Als Puce Mary konfrontiert sie uns mit geladenem Noise

von zähneknirschender Wucht und infiltriert dabei auch die subversiven

Strategien von Power Electronics. Im Umfeld des dänischen

Labels Posh Isolation sozialisiert, formuliert sie mit ihrem kürzlich

erschienenen Release „Red Desert“ (PAN) ihre Sprache weiter aus.

Die abgründigen Klangflächen ihres effektierten Synth und die stur

scheppernden Beats ihres Drumcomputers reiben sich an den intimen

Spoken-Word-Passagen der Musikerin. Dabei falten sich unheimliche

Szenarien aus, die in den Tiefen unseres Unterbewusstseins

nachhallen.

SONIC FICTIONS, TRANCE

Die Bühne im Dungeon widmet sich dieses Jahr minimalistischen

Modulationen und abenteuerlichen Klang-Experimenten. Den

Anfang macht der französische Klangforscher, Autor und Leiter der

renommierten Institution INA GRM François Bonnet. Die abstrakten

Klangwelten, die er als Kassel Jaeger aufzieht, sind introspektiv,

feinteilig und sphärisch und durchzogen von im Zerfall begriffenen

Melodien. So entstehen Klanggedichte, die unsere Imagination aktivieren.

Mit Kollaborateuren wie Jim O’Rourke und Oren Ambarchi

tritt Bonnet auch vermehrt im Improvisationskontext auf. Auch das

Trio Mopcut setzt sich aus Musikern der Impro-Szene zusammen.

Allerdings setzen diese statt auf subtile Elektronik auf die klangliche

Wucht und ekstatische Energie des Free Jazz. Die drei Ausnahmemusiker

Lukas König, Julien Desprez und Audrey Chen vollziehen

ihr Spiel aus extremer Kontraktion und ungezügelten Outbursts mit

unwahrscheinlicher Vehemenz ein Höllenritt, der John Zorn Freude

bereiten würde. Zwischen Gitarre, Synths und Drums offenbart uns

die Vokalkünstlerin Chen den außergewöhnlichen Facettenreichtum

der menschlichen Stimme, bis diese molekular wird. Keith Fullerton

Whitman genießt unter Eingeschworenen Kultstatus. Der

US-amerikanische Musiker baut modulare Loops, die er zu sphäri-

The works of the electronic and experimental vocalist

Stine Janvin are charged by the duality of virtuality

and reality. Using digital tools, she transforms her

voice into abstract sound matter. The extraterrestrial

frequencies that she navigates are both shrill and

graceful, enigmatic and irritating. For her psychoacoustic

A/V performance „Fake Synthetic Music“

Janvin utilises light impulses and diffuses her cyborg chorales in

space. Much like the Norwegian artist, Robin Fox also deals with

synthetic sounds and virtual spaces. In his AV show „Single Origin“,

he generates an immersive 3D space with the help of laser projections,

which he synchronises with noisy soundscapes and sparse electronic

impulses. Fox hotwires the acoustic and visual sense, triggering an

intense, synaesthetic experience. Lee Gamble also works with acute

realities. For the Elevate Festival, he transforms the hypermodern

club sound of his new album „In A Paraventral Scale“ (Hyperdub)

via Ambisonics into a surround sound spectacle in the Dom im Berg.

The Graz-based musician, composer, and operator of GOD Records,

Slobodan Kajkyt questions the relationship between space and sound

in a strictly minimalist arrangement: on opening night he presents his

release „III“ for the first time and composes light and sound with each

other in an extended installation and live performance.

Frederikke Hoffmeier is one of the protagonists of the post-industrial

scene. As Puce Mary, she confronts us with loaded noise of

gritty teeth and infiltrates Power Electronics’ subversive strategies.

Socialised in the environment of the Danish label Posh Isolation, she

continues to formulate her language with her recent release „Red

Desert“ (PAN). The abysmal soundscapes of her effect-laden synth

and the stubbornly rattling beats of her drum computer rub against

the musician’s intimate spoken word passages. In the process, uncanny

scenarios unfold, echoing through the depths of our subconscious.

SONIC FICTIONS, TRANCE

This year the stage in the Dungeon is dedicated to minimalist modulations

and adventurous sound experiments. It will begin with

the French sound researcher, author, and director of the renowned

institution INA GRM François Bonnet. The abstract sound spheres

that he creates as Kassel Jaeger are introspective, subtle and spherical

and interspersed with melodies in decay. The results are sound

poems that activate our imagination. With collaborators such as Jim

O’Rourke and Oren Ambarchi, Bonnet also appears more frequently

in the context of improvisation. The Trio Mopcut is likewise made

up of musicians from the improvisation scene. However, instead of

subtle electronics, they rely on the sonic power and ecstatic energy

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schen Drones zerfließen lässt oder in funkelnde Texturen auffächert.

Dabei wendet er die Trance-induzierenden Kompositionsprinzipien

des frühen Minimalismus an und legt den Fokus auf Timbres, Texturen

und die Materialität des Klanges selbst. Auch die Musikerin und

Komponistin Astrid Sonne orientiert sich an Vertretern des Early

Minimalism. Sie verwebt helle, pointilistische Klänge zu fluoreszierenden

Sci-Fi-Landschaften. Klangquelle ist ihre effektierte Viola, deren

Klänge flickern und glitzern und dennoch ein Eigenleben zu führen

scheinen. Eben diesem Eigenleben auf die Spur kommen möchte die

Musikerin und Hardware-Hackerin Ewa Justka. Sie filtert aus ihrem

modularen Synth rohe Signale, die sie stur durchdekliniert und mit

gleichermaßen kompromisslosen Beats und skelettierten Acid-Lines

kombiniert. Das Ergebnis ist Techno, Wahrnehmungsexperiment und

Klangforschung und erzählt nicht zuletzt von der Faszination an der

Maschine. Gerahmt wird das Line-up von einem DJ-Set der Elevate-Co-Kuratorin

Shilla Strelka, die als Inou Ki Endo den Bogen von

experimenteller Elektronik zu hartem Techno spannt.

of free jazz. The three exceptional musicians Lukas König, Julien

Desprez and Audrey Chen play their game of extreme contraction and

unbridled outbursts with improbable vehemence a hell of a ride that

would delight John Zorn. Between guitar, synths, and drums, vocal

artist Chen reveals the extraordinary richness of the human voice

reaching molecular levels. Keith Fullerton Whitman enjoys

a cult status amongst die-hards. The US-American musician builds

modular loops, which he melts down into spherical drones or fans out

into sparkling textures. He applies the trance-inducing compositional

principles of early minimalism and focuses on timbres, textures and

the materiality of the sound itself. The musician and composer Astrid

Sonne is also oriented around early minimalism. She weaves bright,

pointillistic sounds into fluorescent sci-fi landscapes. The source of

sound is her effectuated viola, whose sounds flicker and glitter and yet

seem to lead a life of their own. The musician and hardware hacker

Ewa Justka wants to get to the bottom of this same premise in her

own way. She filters raw signals from her modular synth, which she

stubbornly declinates and combines with equally uncompromising

beats and skeletal acid lines. The result is techno, perceptual experimentation,

and sonic research, while not lastly telling of the fascination

with the machine. The line-up is framed by a DJ set by Elevate

co-curator Shilla Strelka, who as Inou Ki Endo spans the arc from

experimental electronics to hard techno.

Zeitgenössisches Kunstschaffen und

Vermitteln hat im mitteleuropäischen

Raum einen jahrzehntelangen

dynamischen Entwicklungsprozess

hinter sich, der international

angesehen ist und regional eine

wesentliche Basis für eine hohe

Lebensqualität darstellt.

Stefan Stolitzka unterstützt mit seiner

Schuhfabrik legero united, zu deren

Marken Legero, Superfit, Think und Vios

zählen, seit Jahren zeitgenössisches

Kunstschaffen im In- und Ausland

und hat im Jahr 2011 die Plattform

www.con-tempus.eu gegründet.

Ziel dieser Plattform ist es, die

Vielfalt und hohe Qualität im

zeitgenössischen Kunstgeschehen

für die Zukunft nicht nur zu erhalten,

sondern langfristig zu verstärken.

DERKUNSTIHREFREIHEIT.

DERZEITIHREKUNST.

www.con-tempus.eu

Plattform zur Förderung zeitgenössischer Kunst

Presenting Sponsor for Music and Arts Elevate Festival 2019

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DAF

DAF

KONZERT GUIDE

CONCERT GUIDE

Patrick Wurzwallner

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Im zeitgenössischen Mahlstrom von Post-Truth, Fake News,

gefährlichem Halbwissen und gesegneter Ignoranz eröffnet

das diesjährige fünfzehnte Elevate Festival seinen inzwischen

wieder heiß und lang ersehnten Konzertreigen. Abseits

eines umkämpften Spannungsfeldes zwischen Lügenpresse,

Expertenmeinung und dem Willen zu vertrauen kann man

sich im Rahmen dieses überbordend qualitativen Live-Musikprogramms

sowohl als Wolf als auch als Schaf endlich mal

wieder zurücklehnen und genießen, ohne sich darüber Sorgen machen

zu müssen, ob das, was man da jetzt wahrnimmt, überhaupt stimmt.

Hier wird nichts gebracht außer der Wahrheit, der ganzen Wahrheit

und nichts als der Wahrheit, kreiert von den besten Illuminaten, die

man für Kulturgeld kaufen kann wenn schon subjektiv, dann richtig

objektiv subjektiv. Die faktische Geilheit des Musikprogramms lässt

sich hiermit am Beispiel von Johann Sebastian Bach (seines Zeichens

ein klarer Truth-Seeker) auch numerologisch belegen. Die Buchstaben

B-A-C-H stehen nämlich im Alphabet an zweiter, erster, dritter

und achter Stelle. Addiert man diese Zahlen, so ergibt sich Vierzehn.

Vierzehn plus Eins ergibt? Richtig! Fünfzehn! Das fünfzehnte Elevate

ist also undeniably geil und hiermit sogar blessed by the great Bach

plus Eins himself. Das Erbe ist intakt. Unwiderlegbar.

THE STRIGGLE IS REAL

Besagter Reigen eröffnet wird am Mittwoch im Orpheum Extra

von niemand Geringerem als dem großartigen Queerkünstler und

Saxophon-Virtuosen Bendik Giske, welcher nur mit Zungenblatt,

Stimme und eisernem Willen einer inzwischen wohlstimulierten

Meute sein Idiom akustischer Avant-Clubmusik aus Atem, Haut und

Stahl darbieten wird, während er anmutig vom Hauptraum nach oben

ins Orpheum Extra stolziert. Dort folgen Stroblazilla. Der fulminante

Dreier um Edda Strobl, Renate Oblak und Performer Klaus Meßner

ebnet mit seiner unprätentiösen, aber dampfhämmernden Mischkulanz

aus Pop, Wave und Dystopie den Weg für weitere Prachtbauten

obwohl Graz, extrem New York. Ein bis dahin schon ästhetisch

exorbitanter Abend gipfelt schließlich in einer exklusiven Performance

von The Striggles. Selten wird einer Band dann so viel so egal

gewesen sein, und zwar im besten Sinne. Sie haben sich noch nie

darum gekümmert, was man von ihnen erwartet, ob die Stücke live

so klingen wie auf Platte, oder ob man das Hemd jetzt reinsteckt oder

nicht. Sicher ist nur: Ein neues Album wird präsentiert. Ob uns das

Ding so aus den Schuhen haut wie alle vorangegangenen Veröffentlichungen?

Lässt sich wohl kaum vermeiden.

BELEBTE GRÄBER UND EIN FORUM FÜR ALLE

Vom Geheimtipp zum Muss hat sich der Festival-Donnerstag gemausert.

Auch diesmal wieder hochkarätigst bestückt, verspricht das in

Insiderkreisen als Insider-Programm titulierte Line-up in den heiligen

Hallen des Grazer Mausoleums einen ballistisch ausgezeichneten

Wurf und Volltreffer ins Auge des guten Geschmacks (der Arme!).

Angefangen bei der Pianistin und Tastenvirtuosin Kelly Moran,

deren Impro-basierte Sets am präparierten Klavier KritikerInnen und

anderweitig Begeisterte weltweit haben aufhorchen lassen, über die

Spektral-Sopranistin Stine Janvin, deren musikalisches Konzept

sonorer Entmenschlichung und antonymischer Dualitäten sich auf

allen Brettern, die die Welt bedeuten, zu Hause fühlt, bis zu Multi-Instrumentalist,

Ex-Efterklang-Indie-Legende und Klavierschamane

In the contemporary maelstrom of post-truth, fake news,

dangerously half-baked knowledge and blissful ignorance,

this year’s fourteenth Elevate Festival opens its now hotly

anticipated series of concerts. Away from a fiercely contested

field of tension between the mendacious press, expert opinions

and the will to trust, this exuberantly qualitative live music

programme finally allows you, as both the wolf and the sheep,

to sit back and enjoy yourself again without having to worry

about whether what you’re perceiving is true or not. This programme

delivers the truth, the whole truth and nothing but the truth,

put together by the finest Illuminati cultural funds can buy when

subjective, then objectively subjective. This music programme’s

factual dankness can also be proved numerologically by the example

of Johann Sebastian Bach (a real truth-seeker in his own right). The

letters B-A-C-H are in second, first, third, and eighth place in the

alphabet. Add these numbers together, you get fourteen. And fourteen

+ 1 is? That’s right! Fifteen! The fifteenth Elevate is therefore undeniably

dank and thus even blessed by the great Bach himself. The legacy

is intact. Irrefutably.

THE STRIGGLE IS REAL

The roundelay will be opened on Wednesday at Orpheum Extra by

none other than the great Stroblazilla. The brilliant trio comprised

of Edda Strobl, Renate Oblak, and performer Klaus Meßner presents

its unpretentious but steam-hammering mixture of pop, wave, and

dystopia which paves the way for even more magnificent structures

although they’re from Graz, they’re pretty New York. Seldom has a

band cared as little as The Striggles and I mean that in the best

way possible. They never cared about what to expect from them, if the

songs sound like the record when performed live, or if you tuck your

shirt in or not. One thing is for sure: a new album will be presented.

Will this thing knock our socks off like all their previous releases?

You’ll have a hard time avoiding that. This already aesthetically exorbitant

evening culminates in an exclusive performance by queer artist

and saxophone virtuoso Bendik Giske, who will present his idiom

of acoustic avant-club music using only breath, skin, and steel with

a tongue blade, voice, and the iron will of a meanwhile thoroughly

stimulated mob.

ANIMATED GRAVES AND A FORUM FOR EVERYONE

From an insider’s tip to a must-see, the Thursday portion of the

festival has become compulsory. Once again, the top-class line-up

in the sacred halls of the Graz Mausoleum (referred to as the insider

program behind the scene) promises a ballistically excellent shot and

direct hit to the eye of good taste. Beginning with the spectral soprano

Stine Janvin, whose musical concept of sonorous dehumanization

and antonymous dualities is at home across all the boards that represent

the world, on to the pianist and keyboard virtuoso Kelly Moran,

whose improvised sets at the prepared piano have made critics and

other enthusiasts all over the world sit up and take notice, up to

multi-instrumentalist, ex-Efterklang-Indie legend and piano shaman

Peter Broderick, who demonstrates strength in weakness with a lot

of sensitivity and a host of objectively beautiful songs and who benevolently

gives the last remnants of a perhaps not yet totally emotionally

captivated audience a mental golden shot big time inner cinema.

Once again totally different, somehow similar and yet consumma-

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Peter Broderick, der mit viel Feingefühl, Stärke im Schwäche-Zeigen

und einem Haufen objektiv schönen Liedguts den letzten Resten

eines inzwischen noch nicht total emotional abgeholten Publikums

wohlwollend den goldenen seelischen Schuss versetzt großes Kopfkino.

Wieder mal total anders, irgendwie ähnlich und trotzdem wie

immer einzigartig trägt es sich (leider) parallel im Forum Stadtpark

zu, wo im Anschluss an eine Dunkelkammer mit dem legendären

Grazer Schlagzeuger Martin Catta eine herzhaft festive Ausgabe

des GIK-Grazer-Impro-Club mit der dänischen Saxophon-Ikone

Lotte Anker als dramaturgisches Kernstück des Abends fungieren

wird. Der GIK, welcher sich als äußerst offenes Improvisationsformat

normalerweise immer am letzten Montag des Monats im Keller unseres

geliebten Forum Stadtpark zuträgt, wartet in der ersten Hälfte

dieser Spezialausgabe mit einem vorkuratierten Line-up auf, das sich

so manches Spezialistenfestival wohl gerne auf die Fahnen schreiben

würde. Die zweite Hälfte bleibt, wie es in der Natur der Dinge liegt,

offen, und das ist auch gut so. Für alle eben.

POST-INDUSTRIELLE MONOLITHEN UND DARF DAF DAS?

Das Wochenende im Orpheum ist, wie es sich gehört, gespickt mit

Klassikern. Eingeleitet wird dieser Abend im Zeichen der dröhnenden

Katharsis mit einem sprichwörtlichen (ja!) Laser-Konzert von

Robin Fox. Die beeindruckenden Installationen und Performances

des australischen AV-Gurus wurden bereits bei unzähligen namhaften

Festivals in aller Welt aufgeführt und in über fünfzig (!) Städte exportiert.

Klingt so unglaublich, dass man sich am besten selbst überzeugt

stimmt aber alles. Als Draufgabe danach folgt die dänische

Experimentalmusikerin Frederikke Hoffmeier aka Puce Mary, deren

abstrakte Soundgebilde zwischen Lied, Hörspiel und Post-Industrial-Harsh-Noise

man erstmal aushalten können muss. Ist es zu hart,

ist man zu schwach da hat sogar die Pharmakon Angst. Beschlossen

und abgerundet wird der donnernde Reigen am Freitag im Orpheum

von niemand Geringerem als der Drone-Legende SUNN O))). Dass

man immer noch eins weniger machen kann, um in Konsequenz eins

härter zu sein als alle anderen, beweist das sich ständig verändernde

Konglomerat um die Kernmitglieder Stephen O’Malley und Greg

Anderson erfolgreich bereits seit 1999. Monumental, monolithisch,

kosmisch. Erfüllt von Dunkelheit, Klaustrophobie und dem beunruhigenden

Fauchen der Ungewissheit präsentiert sich parallel zu alldem

im Orpheum Extra die installativ-begehbare Release-Performance zur

aktuellen Platte des Graz-basierten Komponisten, God-Records-Labelbetreibers

und Striggles-Drummers Slobodan Kajkut aka Kajkyt.

Check it out and be scared!

Das Grand Finale des diesjährigen vierzehnten Elevate bestreitet

am Tag des Herrn schließlich die deutsche Institution DAF, die von

Kennern als niemand Geringerer als die Paten des Techno und EBM

bezeichnet und gehandhabt werden und deren musikalischer Nachlass

eigene Genres und unzählige Nacheiferer hervorgebracht hat.

Außerdem haben sie festgestellt, dass das einzige was Diktatoren dürfen

können sollen ist getanzt zu werden. Ikonoklastisch fantastisch.

Darf DAF das? Definitley! Unterstützt wird diese Freundschaft von

unseren einst stadteigenen No-Wave-Lieblingen Lady Lynch. Mehr

Integrität verträgt auch das beste Rückgrat nicht. Wir sind stolz.

tely unique, (unfortunately) taking place at the same time at Forum

Stadtpark where, following a Dunkelkammer with the legendary

Graz drummer Martin Catta, a heartily festive edition of the

GIK-Grazer Impro Club with Danish saxophone icon Lotte Anker

will serve as the dramaturgical core of the evening. The GIK, which

as an extremely open improvisation format usually takes place on

the last Monday of the month in the basement of our beloved Forum

Stadtpark, features a pre-curated line-up in the first half of this special

issue, which many a specialist festival would like to have on its flag.

The second half remains open, as it is in the nature of things, and that

is a good thing. For everyone.

POST-INDUSTRIAL MONOLITHS AND IS THAT ALLOWED?

The weekend is, as it should be, peppered with classics. This evening

will be introduced by the Danish experimental musician Frederikke

Hoffmeier aka Puce Mary, whose abstract sound structure ranging

between song, radio play, and post-industrial harsh noise has to be

put up with. If it’s too hard, you’re too weak even Pharmakon is

afraid. Filled with darkness, claustrophobia and the unsettling hissing

of uncertainty, the release performance for the new record of the Grazean

composer and Striggles drummer Slobodan Kajkut aka Kajkyt

presents itself afterward.

As a reward, Kajkyt will be followed by a literal (yes!) laser concert

by Robin Fox. The impressive installations and performances by

the Australian AV guru have already been performed at countless

renowned festivals all over the world and exported to over fifty(!)

cities. Sounds so unbelievable that it’s best to convince yourself live

but it’s all true. The thundering gauntlet at the Orpheum on Friday

will be concluded and rounded off by none other than the drone

legends of SUNN O))). The fact that one can still do less in order

to be heavier than all others is proven by the constantly revolving

conglomerate around the core members Stephen O’Malley and Greg

Anderson, who have been thriving since 1999. Monumental, monolithic,

cosmic.

The grand finale of this year’s fourteenth Elevate will take place on

the day of the lord with the German institution DAF, who have been

described by connoisseurs as none other than the godfathers of techno

and EBM and whose musical legacy has produced its own genres and

countless emulators. Besides that, they have ascertained that the only

time dictators are cool is when they are made into a dance routine.

Iconoclastic fantastic. Is DAF even allowed to do that? Definitley!

This friendship is supported by our once local no-wave favourites

Lady Lynch. Even the strongest backbone can’t stand more integrity.

We are proud.

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