atw 2019-05

viktor.frank

atw Vol. 64 (2019) | Issue 5 ı May

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FEATURE | 60 YEARS DATF

Es waren Winzer, Bauern, Hausfrauen Rentner und

Handwerker. Viele von ihnen waren bis dato mit der Politik

der regierenden CDU einverstanden. Die Landesregierung

setzte Polizei in Bewegung, die mit Hunden und Wasserwerfern

gegen die gewaltfreien Besetzer vorgingen, so

„swr.de/geschichte“. Die Räumung der Baustelle sorgte

bundesweit für Aufsehen. Wenig später demonstrierten

28.000 Menschen in Wyhl. Als Folge der massiven Proteste

und eines vom Verwaltungsgericht Freiburg veranlassten

Baustopps wurden die Bauarbeiten 1977 eingestellt.

Komponenten für das Wyhler Kraftwerk wurden später in

Philippsburg am Rhein verbaut.

Nicht zuletzt Wyhl offenbarte einen gesteigerten

öffentlichen Aufklärungs- und Informationsbedarf. Auch

vor diesem Hintergrund wurde 1975 der Informationskreis

Kernenergie (IK) innerhalb des DAtF gegründet. Es

galt die Öffentlichkeit effizient, sachlich und umfassend

über die friedliche Nutzung der Kernenergie auch über alle

Parteigrenzen hinweg zu informieren.

„Atomkraft?“ Nein danke. Ja bitte.

Die Gemeinde Wyhl wurde nicht nur in Deutschland zum

Symbol des bürgerlichen Widerstands gegen die Politik.

Die „Atomkraft-Nein-Danke-Bewegung“ entstand hier.

Dass der organisierte Bürgerprotest für weitere Bauvorhaben

Konsequenzen haben würde, war absehbar. Das

DAtF veranlasste turnusmäßig Meinungsforschungen zur

Akzeptanz der Kernenergie. Die Befragungen zeichneten

mitnichten begeisterte Zustimmung zur Kernenergie, aber

auch keine krasse Ablehnung.

Es lag in der Natur der Sache, dass beim weiteren

Ausbau der Kernkraftwerke öffentliche Kontroversen und

Demonstrationen nicht ausblieben. Besonders im niedersächsischen

Grohnde und im schleswig-holsteinischen

Brokdorf eskalierte der Widerstand gegen die Bauvorhaben.

Geschätzte 30.000 Demonstranten reisten im

November 1976 aus der ganzen Bundesrepublik nach

Brokdorf. Militante mischten sich unter die Demonstranten

und schürten Gewalt.

Wenig später in Emmerthal an der Weser: Rund 20.000

Demonstranten versammelten sich am 19. März 1977,

um gegen den Bau des Kernkraftwerks Grohnde zu

demonstrieren. Es sollte ein friedlicher Protest werden,

der von Militanten genutzt wurde, die Konfrontation mit

der Polizei zu provozieren.

Im Oktober 1977 verfügte das OVG Lüneburg den

unbefristeten Baustopp für das Kernkraftwerk Brokdorf,

weil die Entsorgung nicht geklärt sei. Ältere Fernsehzuschauer

werden sich vielleicht erinnern, wie der

Aufsichtsrats vorsitzende der NWK, Erhard Keltsch, in

einer Talkrunde engagiert darauf bestand, dass ohne

Brokdorf bald die Lichter ausgehen würden. Gut drei Jahre

später, im Januar 1981, hob das Gericht den Baustopp auf.

Information: Kärrnerarbeit vor Ort

Weniger spektakulär und oft verkannt stellten sich

währenddessen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in

den Informationszentren den Fragen der Öffentlichkeit.

Sie standen den Besuchern Rede und Antwort. Sie

erklärten unermüdlich die Funktion eines Kernkraftwerks,

die Barrieren der Sicherheit, die hohen Sicherheitsstandards,

verwiesen auf sorgfältig ausgesuchtes und

bestens ausgebildetes Personal in den Anlagen und zeigten

die Wege der Entsorgung radioaktiver Rückstände auf, bis

hin zum Rückbau der Kernkraftwerke am Ende ihrer

Laufzeit. Sie machten Vertrauenswerbung im besten Sinne

des Wortes.

Es waren aber nicht nur „Hausfrauenvereine“, Feuerwehren

oder Kegelklubs, die die Informationszentren

besuchten, sondern es kamen auch gut vorbereitete

Schüler und Studenten, von denen viele vorurteilsbelastet

waren. Für sie gab es nicht den hypothetischen GAU. Sie

argumentierten mit ihrer Angst vor einem großen Reaktorunfall

und dessen Folgen.

Dann geschah das schier Unmögliche: Am 28. März

1979 kam es im Kernkraftwerk Three Mile Island in USA zu

einem Reaktorunfall mit einer partiellen Kernschmelze.

Das hatte auch bei uns Konsequenzen. Die Pressestelle des

DAtF, örtlich nahe an der Bonner Politik, stand vor der

Herausforderung, den Unfall interpretieren zu müssen.

Denn die Öffentlichkeit wollte von den Fachleuten im DAtF

immer „sofort“ wissen, welche Konsequenzen ein solcher

Unfall für die Sicherheit unserer Kernkraftwerke haben

würde.

Nach umfassenden Analysen des Unfallhergangs waren

Politik, Industrie, und Reaktorsicherheitskommission

(RSK) sich einig, dass die Vorsorge das Handeln bestimmen

müsse. Zur Sicherheitserhöhung schlug die RSK ein Reihe

von Nachrüstmaßnamen vor, darunter RDB-Füllstandsmessung,

Rekombinatoren zum Abbau von Wasserstoff

im Containment und Systeme zur gefilterten Druckentlastung.

Die Wiederaufnahme der Bauarbeiten in Brokdorf rief

die Gegner erneut auf den Plan. Sie kündigten für den

28. Februar 1981 eine Groß-Demo an. Der Landrat des

Kreises Steinburg ließ die Demo für die gesamte Wilster

Marsch verbieten. Das Verwaltungsgericht Schleswig hingegen

hob dieses Verbot teilweise auf. Nur wenige Stunden

später, unterdessen waren schon zahlreiche Gegner

angereist, verhängte das OVG Lüneburg ein Demonstrationsverbot

für die gesamte Region.

Nichtsdestotrotz strömten geschätzte 100.000 Demonstranten

aus allen Richtungen in die Wilster Marsch. Zwar

hatte die Polizei weiträumig kontrolliert und Zufahrtstraßen

zum Kraftwerksgelände gesperrt, doch viele

umgingen die Sperren und suchten zu Fuß ihren Weg zur

Baustelle über Felder und Wiesen und zugefrorene Gräben.

Alles verlief zunächst friedlich, bis es nachmittags

eskalierte. Etwa 3.000 militante Demonstranten warfen

Steine, Brandflaschen, Wurfgeschosse und auch mit

Schwarzpulver gefüllte Beutel mit Pyrotechnik als Zünder

auf und zwischen die Polizisten. Die Ordnungskräfte versuchten

die Demonstration der Gewalt aufzulösen. Dabei

brach ein Polizist in einem vereisten Graben ein. Der

wehrlose Beamte wurde von einem Chaoten mit einem

Klappspaten traktiert. Es hieß andersherum, die Atomlobby

wolle die „Atomkraft“ ja auch mit Brachialgewalt

durchsetzen.

Dem Hamburger Bürgermeister Hans-Ulrich Klose

(SPD) war diese Entwicklung nicht geheuer. Er wünschte

sich den Ausstieg aus dem Kraftwerksprojekt, an dem die

Hamburgische Electricitäts-Werke AG (HEW) beteiligt

war. Allerdings konnte er sich gegen Teile der Hamburger

SPD-Führung nicht durchsetzen und trat schließlich von

seinem Amt zurück.

WAA Gorleben kippt

Kernenergienutzung, Wiederaufarbeitung und Endlagerung

aller radioaktiven Rückstände – ein geschlossener

Brennstoffkreislauf war das Ziel. Am 22. Februar

1977 verkündete der niedersächsische Ministerpräsident

Ernst Albrecht, dass in Gorleben ein „Nukleares Entsorgungszentrum“

entstehen soll. Eine Wiederaufarbeitungsanlage

und ein Endlager für die radioaktiven

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