atw 2019-05

viktor.frank

atw Vol. 64 (2019) | Issue 5 ı May

1. Oktober 2010: Das Erkundungsmoratorium ist offiziell

beendet. Die Wiederaufnahme der Erkundungsarbeiten

am Salzstock Gorleben wird vorbereitet.

28. Oktober 2010: Der Bundestag verabschiedet gegen

den Widerstand der Opposition längere Laufzeiten für die

Kernkraftwerke.

28. Februar 2011: Fünf SPD-regierte Bundesländer

klagen vor dem Bundesverfassungsgericht gegen die

Laufzeitverlängerung.

11. März 2011: Atomunfall Fukushima. Laufzeitverlängerung

wird für drei Monate ausgesetzt. Kanzlerin

Merkel kündigt Sicherheitschecks in allen deutschen

Kernkraftwerken an.

15. März 2011: Kurz vor wichtigen Landtagswahlen

ändert die Kanzlerin ihren Kurs: Sieben ältere AKW sollen

vorübergehend abgeschaltet werden. Auch das nach

Pannen stillstehende AKW Krümmel soll abge schaltet

bleiben.

22. März 2011: Die Reaktorsicherheitskommission (RSK)

wird beauftragt, alle Kernkraftwerke technisch zu überprüfen.

Eine neue Ethikkommission soll eine Risikoabschätzung

vornehmen.

17. Mai 2011: Aus dem Prüfbericht der RSK lässt sich kein

klares Urteil ableiten. Es wird aber darauf hingewiesen,

dass die ältesten Anlagen besonders schlecht gegen

Flugzeugabstürze geschützt seien.

28. Mai 2011: Die Ethikkommission empfiehlt Atomausstieg

binnen zehn Jahren.

30. Mai 2011: Die schwarz-gelbe Koalition will das letzte

Kernkraftwerk bis 2022 abschalten. Die sieben ältesten

Kernkraftwerke sowie das Kernkraftwerk Krümmel sollen

sofort stillgelegt werden.

3. Juni 2011: Die Bundesländer verlangen eine stufenweise

Abschaltung der verbleibenden neun AKW. Merkel

verkündet nach einem Treffen mit den Ministerpräsidenten

einen Fünf-Stufen-Plan: 2015, 2017 und 2019 je ein

Kernkraftwerk, 2021 und 2022 jeweils drei Anlagen.

Juni 2011: Der Ausstieg aus der Kernenergie und sieben

weitere Gesetze zur Energiewende werden im Bundestag

beschlossen. Überdies werden Regelungen zum Netzausbau

und zur Ökostrom-Förderung verabschiedet.

Trotz des Ausstiegsbeschlusses werden die Themen

rund um die Kerntechnik und die Entsorgung in den

nächsten Jahren Politik, Forschung, Industrie und Öffentlichkeit

beschäftigen. Die stillgelegten und noch in Betrieb

befindlichen Kernkraftwerke, ihr Rückbau und die Entsorgung

sowie der Strahlenschutz haben aber nach wie

vor öffentliche Relevanz. Auch die Fragen zum Industrieund

Forschungsstandort Deutschland und speziell auch

zur Reaktorsicherheitsforschung, zum Transportwesen

und zur Kerntechnik im Alltag müssen beantwortet

werden. Mit dem Abschluss des Rückbaus ist frühestens

2040 zu rechnen.

1979 beschrieb. Seine Thesen haben damals wie heute

Gültigkeit.

Deutschland leistet sich den Luxus bis 2022 aus der

friedlichen Nutzung der Kernenergie auszusteigen. Bis

2038 soll bei uns der Ausstieg aus der Kohleverstromung

vollzogen sein. Vor dem Hintergrund, dass in 59 Ländern,

allen voran China und Indien, in den nächsten Jahren

rund 1.400 Kohlekraftwerke (Handelsblatt v. 4.10.2018)

geplant bzw. gebaut werden, mutet der deutsche Alleingang

abenteuerlich an.

Die Frage muss erlaubt sein, ob wir mit der Energiewende

auf dem richtigen Weg sind. Auch wenn der Ausbau

der Photovoltaik und der Windenergie mit großen finanziellen

und technischen Anstrengungen voran getrieben

wird – wo soll der Strom bei Dunkelheit und Flaute

herkommen? In Deutschland sind rd. 30.000 Windräder

mit einer Kapazität von gut 60.000 Megawatt und

rd. 1,5 Millionen PV-Anlagen mit gut 42.000 Megawatt

Leistung installiert. Im Januar 2019 hat sich gezeigt, wozu

Wind und Sonne fähig sind. Laut Agora herrschte zwischen

dem 18. und 26. Januar tagelange Dunkelflaute. Am

25. Januar, 02.00 Uhr morgens beispielsweise, lieferte

Wind an Land Null; Sonne Null und Wind auf See

rd. 400 Megawatt. Wasserkraft und Biomasse lieferten

zusammen rd. 6.000 Megawatt in der Grundlast. Der

Strombedarf lag um diese Zeit bei rd. 59.000 Megawatt.

Es bestand also eine Deckungslücke von rd. 53.000 Megawatt,

die mittels Gas-, Kohle- und Kernkraftwerken

geschlossen werden musste.

Deutschland, das ist Fakt, ist also noch weit davon

entfernt seinen Strombedarf ausschließlich über Erneuerbare

Energien decken zu können. Der Bau dringend

notwendiger Leitungen für den Windstromtransport von

Nord nach Süd stockt. Noch fehlen großtechnische

Technologien, etwa Pumpspeicherkraftwerke, um Windoder

Sonnenenergie in großen Mengen speichern zu

können. Auf „Power to Gas“ mit Umwandlung in Strom

setzen Politiker große Hoffnungen.

Es ist jedoch zweifelhaft, ob solche Systeme zeitnah zu

den „Shut downs“ der Kern- bzw. Kohlekraftwerke zur

Verfügung stehen werden. Also werden wir verstärkt auf

Stromimporte angewiesen sein, etwa auf französischen

Atomstrom oder auf Kohlestrom aus Polen.

Kernenergie-Know-how wird gebraucht

In vielen Ländern ist und bleibt die Kernenergie Stütze der

Stromversorgung. Selbst Japan setzt nach Fukushima auf

die friedliche Nutzung der Kernenergie. Mit Stand Januar

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FEATURE | 60 YEARS DATF

Nicht allein auf der Welt

Es wäre indes gefährlich, sich rückwärts zu orientieren.

Wir müssen nach vorn blicken und der Realität ins Auge

sehen. Die Weltbevölkerung wächst mit ungeahnt hoher

Geschwindigkeit. 2018 bevölkerten rund 7,63 Milliarden

Menschen den Globus. Die UNO errechnete, das zwischen

2015 bis 2020 die Weltbevölkerung jährlich um

78 Millionen Menschen wachsen würde. Bis 2050,

also in nur einunddreißig Jahren, wird erwartet, dass

die Welt bevölkerung auf knapp 10 Milliarden Menschen

anwächst. Der Hunger nach Energie wird immens sein.

Und alle Menschen haben ein Recht auf Energie, wie

Anton Zischka in seinem Buch „Kampf ums Überleben“

| | Kernkraftwerk Krümmel.

Feature | 60 Years DAtF

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