atw 2019-05

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atw Vol. 64 (2019) | Issue 5 ı May

Special Topic | A Journey Through 50 Years AMNT

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SPECIAL TOPIC | A JOURNEY THROUGH 50 YEARS AMNT

Am 7. und 8. Mai

2019 begehen wir

das 50. Jubiläum

unserer Jahrestagung

Kerntechnik. Zu

diesem Anlass öffnen

wir unser atw-Archiv

für Sie und präsentieren

Ihnen in jeder

Ausgabe einen

historischen Artikel.

Aus der Ansprache

des Bundesministers

für Umwelt,

Naturschutz und

Reaktorsicherheit,

Prof. Dr. K. Töpfer,

an die Teilnehmer

der JK’88 am 17. Mai

1988 in Travemünde.

Ja zur Kernenergienutzung in

internationaler Sicherheitspartnerschaft

Klaus Töpfer

| | Eröffnungsveranstaltung 1988.

Auch und gerade unter dem Eindruck der Unzulänglichkeiten und Verfehlungen, die die öffentliche Diskussion um

die Kernenergie bei uns in den vergangenen Monaten bestimmt haben, ist es meine feste Überzeugung, daß auch der

Sachverstand der Unternehmen, ihr Eigeninteresse und ihre hohe Verantwortung für einen sicheren und umweltverträglichen

Betrieb wesentlicher Teil des Kontrollgefüges in einer hochtechnisierten, modernen Industrie ist. Dieses

Interesse und die Verantwortlichkeit müssen allerdings nachdrücklich wahrgenommenund kontinuierlich unter Beweis

gestellt werden. In der internationalen Diskussion nach Tschernobyl ist für dieses ständige Bemühen um die verantwortliche

Gewährleistung von Sicherheit, für die Selbstverpflichtung auf exzellente Leistung und auf eine dynamische

Weiterentwicklung von Sicherheit und Risikovorsorge der Begriff Sicherheitskultur als Ethos für die in der Kerntechnik

Tätigen geprägt worden. Ich glaube, daß dies sehr genau das trifft, was wir für jeden sichtbar zukünftig unter Beweis

stellen müssen.

Eine Technologie mit dem Anspruch Zukunftstechnologie

kann und darf nicht gegen die Bevölkerung durchgesetzt

werden. Wenn Vertrauen und Zuversicht in eine erfolgreiche

Kerntechnik zum Nutzen von Mensch und Umwelt

wiederhergestellt werden sollen, dann muß rückhaltlos

aufgeklärt und offen informiert werden, dann muß die

Gegenwart neu geordnet und der Weg in die Zukunft neu

bestimmt werden und überall wo nötig, muß auch tief

geschnitten werden. Genau das hat die Bundesregierung

in den zurückliegenden zwei Jahren klar und unmißverständlich

getan, und sie wird es auch weiterhin tun.

Mit der Neustrukturierung der Kernenergiewirtschaft

verbinde ich folgende Zielsetzungen:

pp

Schaffung klar abgegrenzter Aufgabenbereiche;

pp

eindeutige Zuordnung wirtschaftlicher Verantwortlichkeiten;

pp

nachhaltige Verbesserung der Kontrollmöglichkeiten

für die Exekutive;

pp

Transparenz und Nachvollziehbarkeit des Aufgabenverständnisses

und der Aufgabenwahrnehmung für

Politik und Öffentlichkeit.

Um dies zu erreichen, werden die Verflechtungen in der

deutschen Kernenergiewirtschaft deutlich verringert.

Querverbindungen in sensiblen Bereichen müssen ausgeschlossen

werden, damit sich ähnliche Vorfälle in Zukunft

nicht wiederholen können.

Im Mittelpunkt des Konzeptes, das ich mit den Verantwortlichen

der deutschen Wirtschaft abgestimmt habe

und das auch von den Genehmigungs- und Aufsichtsbehörden

der Länder mitgetragen wird, steht eine klare

Trennung der unternehmerischen Verantwortung in

folgenden Bereichen:

1. Transport von radioaktiven Abfällen und Brennelementen;

2. Konditionierung und Zwischenlagerung schwach- und

mittelradioaktiver Abfälle;

3. Herstellung von Kernbrennstoffen;

4. Betrieb von Kernkraftwerken und Wiederaufarbeitung

von Kernbrennstoffen.

Für die Beförderung radioaktiver Abfälle und Brennelemente

ist die Zusammenfassung der Dienstleistungen

unter der unternehmerischen Führung der Deutschen

Bundesbahn vorgesehen.

Der Bereich der Konditionierung schwach- und mittelradioaktiver

Abfälle wird einem Unternehmen übertragen.

Die Verantwortung jedes einzelnen Kernkraftwerksbetreibers

nach § 9 a AtG als Abfallverursacher und

Ablieferungspflichtiger ans Endlager und die Gesamtverantwortung

aller Betreiber bleibt bei dieser Lösung

unberührt.

Auch der Bereich der Zwischenlagerung radioaktiver

Abfälle wird- wie die Konditionierung-einem Unter nehmen

zugeordnet.

Die Antwort auf erkannte Schwachstellen und Risiken

und möglichen negativen Folgewirkungen von Technik ist

nicht der Verzicht auf den technologischen Fortschritt, sondern

ist die ständige Suche nach der besseren, sichereren

Technik, ist eine ständige weitere Optimierung von Umweltvorsorge,

durch Risikovorsorge und durch Zukunftsvorsorge.

Die Pflicht zur bestmöglichen Vorsorge für Bevölkerung

und Umwelt bedeutet aber, daß man sich auf dieses

Präventivkonzept allein nicht beschränken darf. Solange

schwere Reaktorunfälle, wie Kernschmelzen, mit einer Freisetzung

größerer Mengen radioaktiver Stoffe in die Umwelt

nicht völlig ausgeschlossen werden können, muß auch für

Special Topic | A Journey Through 50 Years AMNT

Ja zur Kernenergienutzung in internationaler Sicherheitspartnerschaft ı Klaus Töpfer

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