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Komplement und Verstaerker Amplifier and Compliment

ISBN 978-3-86859-578-9 https://www.jovis.de/de/buecher/product/komplement-und-verstaerker.html

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Komplement und Verstärker

Amplifier and Complement

Zum Verhältnis von Stadtplanung, künstlerischen

Praktiken und Kultur institutionen

About the Relationship between Urban Planning,

Artistic Practices, and Cultural Institutions

Isabel Maria Finkenberger, Eva-Maria Baumeister,

Christian Koch (Hrsg. / Eds.)

Hilke Marit Berger, Marta Doehler-Behzadi,

Christoph Grafe, Christian Grüny, Saskia Hebert,

Hanna Hinrichs, Daniel Hörnemann, Kay von Keitz,

Thomas Malorny, Larissa Meyer, Tobi Müller,

Berthold Schneider, Birgit Schneider-Bönninger,

Uwe Schneidewind, Renée Tribble, Antoine Turillon,

Stephan Willinger


Robert Kaltenbrunner rk

Grußwort. Stadt und Kultur 6

Welcome Note. City and Culture 8

Isabel Maria Finkenberger if, Eva-Maria Baumeister emb,

Christian Koch ck

Komplement und Verstärker. Wandel gestalten durch neue Allianzen 10

Amplifier and Complement. Creating Change through New Alliances 34

Komplement und Verstärker. Der Diskurs geht weiter 40

Amplifier and Complement. The Discourse Continues 45

Themen 50

Topics 56

Christoph Grafe cg

Stadsbouwmeester zwischen und über allen Stühlen.

Ein Bericht aus Flandern 62

Stadsbouwmeesters between and above the Chairs.

A Report from Flanders 76

Marta Doehler-Behzadi mdb

Internationale Bauausstellung. Ausnahmezustand auf Zeit 80

International Building Exhibition. A Temporary Exceptional State 90

Renée Tribble rt

Make the Gap. Alternative Ways of Urban Development 96

Make the Gap. Alternative Ways of Urban Development 102

Saskia Hebert sh, Thomas Malorny tm

Isabel Maria Finkenberger if, Christian Koch ck

Perforierte Wirklichkeit und mögliche Zukünfte. Ein Gespräch 108

Perforated Reality and Possible Futures. A Conversation 122

Antoine Turillon at, Larissa Meyer lm

Modus Operandi 130

Modus Operandi 138

Kay von Keitz kvk

Zwischen autonomer Avantgarde und dekorativer Reparatur.

Kunst als Stadtgestaltungselement 142

Between Autonomous Avant-Garde and Ornamental Repair.

Art as an Element of Urban Design 148

Tobi Müller tm

Haus ohne Helden 152

A House without Heroes 158


Hanna Hinrichs hh

Dritte Orte. Eine Chance für inter disziplinäre Projekte? 164

Third Places. An Opportunity for Interdisciplinary Projects? 180

Hilke Marit Berger hmb

Transforming Institutions or How to Shape the City Collectively 186

Transforming Institutions or How to Shape the City Collectively 196

Uwe Schneidewind us, Berthold Schneider bs,

Christian Grüny cg, Daniel Hörnemann dh

Wechsel / Wirkung: Die Oper Wuppertal und das Wuppertal Institut.

Design eines Ämtertausches von zwei Wuppertaler Institutionen 202

Inter / Action: Wuppertal Opera and the Wuppertal Institute.

The Heads of Two Institutions in Wuppertal Exchange Offices 212

Birgit Schneider-Bönninger bsb

Utopien aus der Amtsstube.

Das Zukunftslabor Kultur als Innovationstreiber 218

Utopian Ideas from the Office.

The Future Lab for Culture as a Driver of Innovation 226

Stephan Willinger sw

Planen in der offenen Stadt. Überlegungen zu Selbstorganisation

und Emergenz in der Stadtentwicklung 232

Planning in an Open City. Reflections on Self-Organisation

and Emergence in Urban Development 238

Ein konkret-utopisches MANIFEST für Mülheim 244

A Concrete and Utopian MANIFESTO for Mülheim 246

Autor*innen 248

Authors 251

Anhang 254

Appendix 254


Robert Kaltenbrunner rk

Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR)

Grußwort. Stadt und Kultur

Marketingexperten schwärmen seit vielen Jahren vom sogenannten

Bilbao-Effekt, wenn sie den Einsatz von Kultur als Motor des

Strukturwandels preisen. 1 Immer mehr Kommunen setzen im

Wettbewerb um Investitionen, um Arbeitsplätze, höhere Steuereinnahmen,

Touristen und nicht zuletzt um öffentliche Subventionen

auf Kultur und Spektakel als Impulsgeber für wirtschaftliches

Wachstum und Pluspunkte im internationalen Städteranking.

Neben avantgardistischen Museumsbauten und Opernhäusern

zählen kulturelle und sportliche Großereignisse zu den Jokern im

Poker um überregionale Aufmerksamkeit.

Doch schon der flüchtige Blick auf die Adressaten nährt

Zweifel an den wohlklingenden Verheißungen. Denn die Revitalisierung

der städtischen Zentren zielt in erster Linie auf die neuen

hochqualifizierten Mittelschichten aus der Dienstleistungs- und

Kreativbranche, auf zahlungskräftige Besucher und auf potenzielle

Investoren, die mit ihren Standortentscheidungen die ersehnten

Segnungen bringen sollen. Kulturelles Renommee – nichts

anderes als Ausdruck wirtschaftlicher Macht? Kunst – bloß ein

Dünger der Gentrifizierung?

Das Wechselverhältnis von Stadt und Kultur ist jedenfalls

nicht auf einen einfachen Nenner zu bringen. Was bereits

der Umstand verdeutlicht, dass manche der neuen Kultursolitäre

bis heute nicht recht angenommen, andere durchaus im Sinne

einer quartier- oder stadtbelebenden Wirkung als Erfolg gewertet

werden. Dabei deutet sich an, dass elitäre – und im Zweifelsfall

teure – Prestigeprojekte zumindest in Demokratien nicht mehr als

Allheilmittel einer zuvor vernachlässigten Kulturentwicklung dienen

können.

6


Vor einigen Jahren hat die Stiftung Zukunft Berlin ein Manifest

unter dem Motto Kultur und Stadtentwicklung 2 vorgelegt. Darin

beschwören die fast 70 namhaften Unterzeichner das Wunderkraut

Kultur mit einer Euphorie, als wären sie Cheerleader beim

American Football. Kultur, hieß es da, sei „das Neue, das Innovative“

schlechthin und das „größte Potenzial der Stadt“. Nun, wer

sich ex post den Zustrom an Künstlern, Kreativen und Touristen

nach Berlin, den Boom der Kulturorte und -szenen in der Stadt seit

1989 anschaut, wird dem Plädoyer für eine Kultur der Stadt kaum

widersprechen können. Und dennoch – das ist ein Befund von gestern,

und Berlin steht nicht als Pars pro Toto für alle Städte.

Es geht um Grundsätzlicheres, als dem darbenden Kreativvölkchen

bezahlbare Mieten und freie Räume zu sichern – was

freilich für sich genommen ein Signal an die Immobilienbranche

wäre, der die Politik zu Zwecken einkömmlicher Stadtentwicklung

lange Zeit das Feld überlassen hat. Die Idee, Kultur für andere

Zwecke als die autonomer ästhetischer Formbildung einzusetzen,

ist indes nicht unproblematisch. Zumal sich dahinter auch das

bildungsbürgerliche Konzept einer Kunst nach Immanuel Kants

„interesselosem Wohlgefallen“ 3 verbirgt. Doch während die einen

für Joint Ventures von Kultur und Ökonomie, für die Verbindung

zur Produktion werben, geht es anderen um ein Forschen und

Gestalten jenseits urbanistischer Nützlichkeitseffekte. Braucht es

nicht eine städtische Avantgarde, die auf die Chance zum Experiment

insistiert, das auch ein Risiko des Scheiterns impliziert?

Wie auch immer: Es ist wichtig, dass darüber breit diskutiert wird.

Diesem Anspruch folgt das vorliegende Buch. Es weitet den Blick.

Künstlerische Praxis und Kultur müssen als unverzichtbarer Teil

einer Stadt verstanden werden – und nicht als Gegner.

1 Aufgrund der behördlichen Sprachregelung wurde in diesem Text das generische Maskulinum

verwendet.

2 Dieses Manifest wurde Anfang September 2011 auf einem hearing im Berliner Radialsystem der

Öffentlichkeit vorgestellt, ist heute jedoch als Dokument auf der Website der Stiftung Zukunft

Berlin nicht mehr verfügbar.

3 Ottfried Höffe (Hrsg.): Immanuel Kant. Kritik der Urteilskraft. Berlin 2008.

7


Robert Kaltenbrunner rk

Federal Institute for Research on Building, Urban Affairs,

and Spatial Development (BBSR)

Welcome Note. City and Culture

Whenever marketing experts extol culture as a driver of structural

change, they like to talk about the so-called Bilbao-effect. In the

competition for investments, jobs, higher tax revenues, tourists

and not least public subsidies, more and more local authorities

are convinced that culture and spectacles will inspire economic

growth and improve their standing in international city rankings.

Alongside avant-garde museum buildings and opera houses,

large-scale cultural and sport events have become trumps in the

poker game of national publicity.

But even a brief glance at the addressees is enough to

let us doubt these dulcet promises, because the revitalisation of

urban centres is primarily aimed at the new, highly qualified middle

classes staffing the service and creative industries, at affluent

visitors and potential investors whose decisions to favour specific

locations are hoped to bring much-anticipated blessings. Cultural

renown as an expression of economic prowess? Art as nothing but

compost for gentrification?

At any rate, the interrelationship between city and culture

cannot be broken down into simple terms. This is illustrated

by the fact that some new cultural solitaires have still not been

entirely accepted, whereas others can indeed be seen as successes

in the sense of having a vitalising effect on their quarter

or city. It seems as if, at least in democratic systems, elitist—and

often costly—prestige projects can no longer be considered as

panaceas for a hitherto neglected cultural development.

8


Some years ago, Stiftung Zukunft Berlin submitted a manifesto

called Kultur und Stadtentwicklung. 1 With the enthusiasm of

cheerleaders at an American football game, nearly 70 renowned

signatories swore by the efficacy of culture as a miracle cure. Culture,

they said, was quite simply ‘new, innovative’ and ‘the city’s

greatest potential’. Well, considering the influx of artists, creative

workers and tourists to Berlin and the boom of venues and various

cultural scenes since 1989, it is hard to argue with this call for

a ‘culture of the city’. And yet—this is yesterday’s evidence and

Berlin does not stand pars pro toto for all cities.

There is something more fundamental at stake than

merely guaranteeing affordable rent and free spaces for starving

creatives—even though in itself, this would be a strong signal

in the direction of the property sector, to which policy makers

have long given free reign for the sake of profitable urban development.

The idea of employing art for purposes other than the

shaping of autonomous aesthetic form, however, is problematic.

Especially since this is an expression of the concept, coined

by Immanuel Kant, of art as ‘disinterested pleasure’, 2 championed

by the educated middle classes. But while some argue for

joint ventures between culture and commerce, for a connection

with production, others propose exploration and design beyond

all urbanist utilitarian effects. Surely, we need an urban avantgarde

that insists on an opportunity to experiment, even if this

implies the risk of failure. Whatever the case may be, a broad discussion

of these issues is essential. The present volume underlines

this claim. It widens the perspective. Artistic practice and

culture must be seen as indispensable parts of a city—and not as

opponents.

1 This manifesto was presented to the public in early September 2011 at a hearing at Berlin’s Radialsystem,

but is no longer available on the website of Stiftung Zukunft Berlin.

2 Immanuel Kant, Critique of Judgement, trans. Werner Pluhar (Indianapolis / Cambridge, 1984), p. 210.

9


Isabel Maria Finkenberger if, Eva-Maria Baumeister emb,

Christian Koch ck

Komplement und Verstärker.

Wandel gestalten durch neue Allianzen

In welchem Verhältnis stehen Stadtentwicklungsprozesse, die jeweils spezifischen

Kontexte und die daran beteiligten Akteure zueinander? Wo und wie

begegnet man sich? Wer kann welche Themen wie setzen und bearbeiten? Wo

entstehen Synergien, wo Reibungen? Welche Strategien vereinbart man gemeinsam?

Sprich: Wie kann man sich gegenseitig verstärken? Oder liegt gerade in

der Gegensätzlichkeit beziehungsweise im Nebeneinander unterschiedlicher

Ansätze und Interessen die Chance, alternative Handlungspraktiken zu erproben

und kollektive Orte zu entwickeln? Und zu guter Letzt: Wie kommt man

gemeinsam in einen fruchtbaren Diskurs, um den komplexen Herausforderungen

unserer heutigen und einer zukünftigen Stadtgesellschaft zu begegnen?

Komplement und Verstärker versammelt Positionen unterschiedlicher

Disziplinen, die einen Beitrag zur Debatte um innovative Prozesse und Methoden

in der Stadtentwicklung leisten. Sie reflektieren eine sich verändernde

urbane Praxis und sich immer wieder neu justierende Hierarchien und Machtverhältnisse,

begreifen die allgegenwärtige Komplexität als Voraussetzung und

Chance, um neu über Orte, (institutionelle) Strukturen und Akteure, Organisations-

und Handlungsformen nachzudenken. In diesem Sinne führt Komplement

und Verstärker die Auseinandersetzung um Forschungsfragen und eine

intervenierende Praxis fort, die sich im Rahmen des zweijährigen Pilotprojektes

der Nationalen Stadtentwicklungspolitik des Bundes Die Stadt von der anderen

Seite sehen 1 am Schauspiel Köln herauskristallisiert hat.

Hintergrund

Das Erforschen innovativer Praktiken in der Stadtentwicklung und neuer Formen

des Stadtmachens ist nichts Neues – vielmehr trifft diese Debatte derzeit einen

Nerv auf ganz unterschiedlichen Ebenen und in verschiedenen Disziplinen.

Mit dem Rückzug des Wohlfahrtsstaates und der sich seit einigen Jahren

abzeichnenden Wohnungsnot sind die Herausforderungen an Politik und

Verwaltung insbesondere in wachsenden Regionen gestiegen. Infrastrukturelle,

sozialökonomische und ökologische Bedarfe verstärken die Dringlichkeit

einer zukunftsfähigen Stadttransformation auf vielen Maßstabsebenen.

Anstelle einer vorausschauenden Planung wird jedoch von defizitär besetzten

Planungsstellen oft nur nachgebessert. Kleinere und komplexe Projekte treten

in den Hintergrund, Streitigkeiten zwischen den unterschiedlichen Fachbereichen,

unter anderem um die Mangelware Boden, sind an der Tagesordnung. In

schrumpfenden oder stagnierenden Regionen hingegen stehen die Kommunen

vor anderen Herausforderungen. Der Spirale aus fehlenden finanziellen Mitteln,

den Folgen des demografischen Wandels, dem Mangel an potenten Akteuren

zur Ausbildung einer kritischen Masse für innovative Transformationsprozesse,

einer zu Lasten des Gemeinwohls gepflegten Kirchturmpolitik und oftmals nur

schwach ausgeprägten Kommunikationsstrukturen ist nur schwer im Alleingang

entgegenzusteuern.

10


11

Gleichzeitig haben sich aus ganz unterschiedlichen Gründen und Motivationen

neue Akteure in der Stadtentwicklungspraxis etabliert. Globale Unternehmen

und marktorientierte Projektentwickler*innen, aber auch Genossenschaften,

Stiftungen, gemeinwohlorientierte Projektmacher*innen, Kultur-, Forschungs-,

soziale und öffentliche Institutionen oder eine engagierte Bürgerschaft treten

auf den Plan, um beim Stadtmachen mitzumischen. Mark Terkessidis beschreibt

diese Veränderungen unter dem Sammelbegriff Kollaboration: „Die Proteste

der letzten Zeit haben die Unzufriedenheit der Bürger offenbart: Politiker scheinen

weit weg vom Alltag und mit Großprojekten wie Bahnhöfen oder Flughäfen

überfordert. Im Gegensatz dazu sind die Menschen eigensinnig wie nie.

Nach Jahren der neoliberalen Predigten sind sie in Eigenverantwortung geübt:

Gemeinsam erschaffen sie die Wikipedia, renovieren Klassenzimmer oder gründen

gleich selbst Schulen. So werden sie im positiven Sinne zu Kollaborateuren.

[…] Eine Gesellschaft der Vielfalt kann nur funktionieren, wenn viele Stimmen

gehört werden und unterschiedliche Menschen zusammenarbeiten.“ 2

Immer häufiger bringen sich zudem Künstler*innen erfolgreich in Prozesse

der Stadtentwicklung ein, begeben sich institutionalisierte Theater in

den urbanen Kontext, um in situ eine neue Stadtpraxis zu testen. Das ist kein

Zufall, denn viele Herausforderungen der Stadtentwicklung fordern heute

Fähigkeiten, die jenseits des klassischen Planungsinstrumentariums liegen

oder zumindest komplementär einen wesentlichen Beitrag dazu leisten können.

Und obwohl die Kunst seit jeher Vorreiterin 3 und Seismograf 4 einer sich

kontinuierlich verändernden urbanen Hinwendung war, werden ihr Potenzial

und ihre Mitwirkung bislang noch zu wenig erkannt und genutzt. Grund dafür

sind unter anderem die unterschiedlichen Arbeitsvoraussetzungen von Künstler*innen,

Planer*innen und Kommunen, aber auch Unkenntnis und Vorbehalte

bei den Akteuren.

Diese beschriebene veränderte urbane Praxis führt zu Machtverschiebungen:

Akteure werden von Beteiligten zu Koproduzent*innen von Stadt,

übernehmen Verantwortung für Orte und Prozesse, erschließen sich neue Aufgaben,

etablieren neue Rollen, die nicht an Personen oder Institutionen gebunden

sind, und erproben alternative Organisationsformen abseits des Denkens

in Zuständigkeiten. Die tradierten „Herrschaftsstrukturen, bei denen eine

übergeordnete Instanz“ 5 steuert, werden immer mehr abgelöst durch ein neues

Modell der urban governance. 6 Dieses überträgt den Begriff governance, der

die Gesamtheit „aller nebeneinander bestehenden Formen kollektiver Regelung

gesellschaftlicher Sachverhalte: von der institutionalisierten zivilgesellschaftlichen

Selbstregelung über verschiedene Formen des Zusammenwirkens

staatlicher und privater Akteure bis hin zu hoheitlichem Handeln staatlicher

Akteure“ 7 in sich vereint, explizit auf Fragen der Stadtentwicklung und Stadtpolitik.

Ebenso wie die Stadt und deren Akteure sind „die Formen von Governance

[…] nicht statisch, sondern unterliegen einer fortwährenden Dynamik.“ 8

Wandel braucht veränderte Strukturen! Und: Wandel muss als Teamleistung

organisiert werden! 9 Sprich: Wir brauchen ein post-hierarchisches

Management 10 des Wandels!

Dabei vollzieht sich ein Paradigmenwechsel weg von der Rolle der heldenhaften

Führungskraft und damit von „stabilen hierarchisch-vertikalen Organisationsstrukturen“

hin zu der „organisationalen Fähigkeit der Ermöglichung“ im

Sinne von „immer fluideren, sich dynamisch verändernden […] Konfigurationen

bis hin zur Ausbildung partizipativ-netzwerkartiger Organisationsstrukturen“. 11


Formate / Formats

3

In drei Theatralen Konferenzen

wurden Themen der heutigen

und zukünftigen Stadtgesellschaft

entwickelt, diskutiert

und in künstlerischen Formaten

verarbeitet. Hier ein Blick

ins Depot des Schauspiels Köln

während der 1. Theatralen Konferenz

Aufbruch in die Zukunft.

In three theatrical conferences,

issues of today’s and

future urban societies were

identified, discussed and

explored in artistic formats.

This is a view of Schauspiel

Köln’s Depot-venue during

the first theatrical conference

Aufbruch in die Zukunft.

4

In fünf Salons wurden Bewohner*innen,

lokale Akteure und

Experten*innen eingeladen,

gemeinsam Themen zu diskutieren,

die in Mülheim auf

den ersten Blick offensichtlich

erscheinen, um herauszufinden,

welche Fragen die

Mülheimer*innen wirklich

bewegen.

In five salons, residents, local

agents, and experts were

invited to discuss topics that

seem to be significant for Mülheim

at first glance, to find

out which issues are truly relevant

for the Mülheim residents.

33

In zehn Workshops wurde

gebaut, diskutiert, vermessen,

erzählt und gesungen, um der

Frage auf den Grund zu gehen,

in welcher Stadt wir gemeinsam

leben wollen. Hier der

Workshop 4 Tonnen Ton für die

Stadt ohne Dom des Künstlers

Boris Sieverts auf der 1. Theatralen

Konferenz, in dem die

Teilnehmenden aus 4 Tonnen

Lehm den Stadtteil Mülheim

rekonstruierten.

In ten workshops, participants

constructed, debated, measured,

told stories and sang

to find out what kind of city

we want to live in together.

This is the workshop 4 Tonnen

Ton für die Stadt ohne Dom by

artist Boris Sieverts at the first

theatrical conference, where

participants reconstructed the

neighbourhood of Mülheim out

of four tons of clay.

16


Diskurs / Discourse

5

Im Rahmen der Auftaktveranstaltung

von Stadt sehen

führten zehn Expeditionen die

teilnehmenden Besucher*innen

an verschiedene Orte im

Stadtteil Mülheim, an denen

Diskurse und künstlerische

Interventionen stattfanden:

Hier mit dem Theaterkollektiv

Subbotnik in der Moschee

Ömer-ul Faruk in der Keupstraße.

As part of the launch event of

Stadt sehen (Seeing the City),

ten expeditions took the participating

visitors to various

locations in the district of Mülheim

where talks and artistic

interventions took place: Here,

it is the theatre collective Subbotnik

at the Ömer-ul Faruk

Mosque on Keupstraße.

3

Auf dem eintägigen Symposium

Stadt und Theater Denken

im Depot des Schauspiels

Köln verhandelten Theaterund

Stadtmacher*innen die

Schnittstellen und Methoden

von Kunst, Theater und Stadtplanung

im Kontext ihrer

Reflexion und Mitgestaltung

der zukünftigen Stadtgesellschaft.

During the one-day symposium

Stadt und Theater Denken

(Thinking City and Theatre

Together) at Schauspiel Köln's

Depot-venue, theatre and

city makers negotiated the

interface and methods of art,

theatre and urban planning in

the context of their reflection

and codesign of a future urban

society.

4

Auf der Abschlussdiskussion

Im Blick nach vorn entsteht

das Glück im Rahmen des Festivals

Die Stadt von Morgen

diskutieren Bürger*innen und

Akteure aus Köln-Mülheim

sowie Vertreter*innen aus

dem Stadtplanungsamt und

vom Schauspiel Köln über die

Zukunft der sich im Sanierungsprozess

befindenden Mülheimer

Brücke.

At the concluding discussion

Im Blick nach vorn entsteht das

Glück (Looking Ahead Creates

Happiness) as part of the festival

Die Stadt von Morgen (The

City of Tomorrow), citizens,

activists from Köln-Mülheim,

and representatives of the

urban planning office and

Schauspiel Köln discussed the

future of the Mülheim bridge,

which is currently undergoing

refurbishment.


Isabel Maria Finkenberger if, Eva-Maria Baumeister emb,

Christian Koch ck

Amplifier and Complement.

Creating Change through New Alliances

What is the relationship between processes of urban development, its specific

contexts, and the agencies involved in them? Where and how do we meet? Who

can determine and work on which topics? Where do synergies emerge, at which

point does friction occur? Which strategies do we agree on together? In short:

How can we amplify each other? Or is it precisely the contrast or the juxtaposition

of different approaches and interests that provide an opportunity to test

alternative practices of action and develop collective spaces? And finally: How

can we find a way to have a fruitful dialogue that will enable us to face the

complex challenges of our present and future urban society?

Amplifier and Complement’ gathers positions from a wide range of disciplines

that contribute to the debate on innovative processes and methods in

urban planning. They reflect a changing urban practice and constantly realigning

hierarchies and power structures and they see the ubiquitous complexity

as a prerequisite and an opportunity to find new ways of thinking about locations,

(institutional) structures and agents, as well as forms of organisation

and operation. In this sense, ‘Amplifier and Complement’ continues an exploration

of research questions and an intervention practice that emerged from

Die Stadt von der anderen Seite sehen (Seeing the City from the Other Side), 1

a two-year pilot project of the National Urban Development Policy of the Federal

Government.

Background

The exploration of innovative practices in urban development and of new forms

of creating cities is not new—it seems as if this debate is currently touching a

nerve on a variety of levels and in various disciplines.

With the retreat of the welfare state and the increasingly problematic

housing shortage in recent years, the challenges faced by political and administrative

decision makers have increased, especially in growing regions. Infrastructural,

socio-economic and ecological requirements enhance the urgent

need for a sustainable urban transformation on numerous scales. But instead

of planning ahead, the understaffed planning administrations often only

make repairs. Smaller and more complex projects are shunted aside and disputes

between the various departments, about the scarce resource of land, for

example, have become routine. In shrinking or stagnating regions, however,

local authorities face quite different challenges. It is difficult to single-handedly

counteract the spiral of lacking financial resources, the consequences of

demographic change, shortage of vigorous agents to form a critical mass for

innovative transformation processes, parish-pump politics at the expense of

the common good and often only tenuous communication structures.

At the same time, new protagonists have established themselves in the

field of urban development practice, for a variety of reasons and with different

motivations. Global corporations and market-oriented project developers but

34


35

also cooperatives, foundations, non-profit project makers and cultural institutions,

research and the social and public sector, or a committed citizenry

are showing up to get involved in the production of the city. Mark Terkessidis

describes these changes under the collective term of ‘collaboration’: ‘The

recent protests have revealed the citizens’s discontent: Politicians appear to

be far removed from everyday life and unable to cope with large projects like

train stations and airports. People, by contrast, have become more determined

than ever before. After years of neoliberal sermons, they have become adept at

practising self-reliance: Together, they create Wikipedia, renovate classrooms

or found their own schools. Thus, they become collaborators in the positive

sense of the word. ... A society based on plurality can only work if many voices

are heard and different people work together.’ 2

Artists, too, are becoming more and more frequently involved in urban

development processes, and institutional theatres enter the urban context to

test a new urban practice on site. This is no coincidence, because many challenges

faced by urban development today require skills that are beyond the

classic planning arsenal or that could at least make a significant contribution.

And although art has always been a pioneer 3 and seismograph 4 of a continually

changing urban orientation, its potential and participation have so far not

been adequately recognised and utilised. Reasons for this can be found in the

diverging work requirements of artists, planners and local authorities, but also

in a lack of knowledge or reservations on the part of the protagonists involved.

The changing urban practice described here leads to shifts in power: Protagonists

are turned from participants into coproducers of the city; they take

on responsibility for locations and processes, tap into new tasks, establish new

roles that are not bound to individuals or institutions, and try out alternative

forms of organisation beyond any consideration of jurisdiction. The traditional

‘structures of rule, in which a superior agency’ 5 is in control are increasingly

superseded by a new model of urban governance. 6 This concept applies the

term ‘governance’, which unites the entirety of ‘all juxtaposed forms of collective

regulation of social issues: from the institutionalised self-regulation of civil

society via various forms of collaboration by governmental and private agents

to the sovereign operations of governmental agents’ 7 explicitly to questions of

urban development and politics. Just like the city and its protagonists, ‘forms

of governance are not static, but subject to a continual dynamic’. 8

Transformation needs changed structures! And: Transformation requires

a team effort! 9 Which means: We need a post-hierarchical management 10 of

change!

A paradigm shift is taking place, moving away from the role of the

heroic leadership figure and thus from ‘stable, vertically hierarchical organisation

structures’, towards the ‘organisational capability of enabling’ in the sense

of ‘ever more fluid, dynamically changing … configurations that culminate

in the elaboration of participatory, network-like organisational structures’. 11

But how do we achieve this kind of post-hierarchical management? Which

methods, processes, inter- and transdisciplinary coalitions are necessary to

break new ground in established urban development and institutional practices?

Which role do cultural institutions need to play in the future everyday

lives of a diverse population; what is their contribution and their responsibility

with regards to the cultural practices of this population? Which roles, systems

and independent agencies are needed to focus knowledge and competence,


44

und gleichzeitig Instanzen des kollektiven Wissens sind, die Kompetenzen

bündeln und Synergien herausbilden, sowohl Themen

setzen wie auch Reibungsverluste minimieren, um die Arbeit

an Inhalten, an Projekten, Programmbausteinen und gemeinschaftlichen

Räumen als oberstes Ziel zu formulieren.

ck Für mich ist die Arbeit an dieser Publikation eine große

Chance, mich mit einigen im Feld der Stadtplanung und des

Stadtmachens schon längst eingeführten Praktiken zu befassen,

die mir von großer Bedeutung für die Zukunftsfähigkeit

der Kunstinstitutionen zu sein scheinen. Wenn die Opernhäuser,

Theater und Museen weiter von großen Teilen der Bevölkerung

als Tempel wahrgenommen werden, die man nur über die

Eintrittskarte betreten darf, wird sich das Relevanzproblem,

das es ja schon längst gibt, verstärken. Es ist für mich außerordentlich

wichtig, diese Wahrnehmung zu durchbrechen und die

Institutionen aus der Perspektive der Stadtplanung und (künstlerischen)

Forschung so radikal wie möglich zu befragen.

emb Ich sehe diese Publikation als Anstoß für eine Rückfrage an

die Kunst: Was können die Kunst und das Theater von Methoden

und Prozessen der Stadtplanung lernen? Wie kann das Theater

sich inhaltlich und vor allem strukturell öffnen, ohne seine Eigenheiten,

seine Freiheit, seine Fokussierung und seine Anarchie, für

die wir es lieben, zu verlieren?


Amplifier and Complement.

The Discourse Continues

if Die Stadt von der anderen Seite sehen (Seeing the City from

the Other Side) was an experiment for both of us. Looking at

theatre and urban development as a joint venture—is that even

possible? We come from different disciplines, each with their

own distinct expertise, so how can we find a common idea and

a common way of working? What are our contexts, who are our

allies, from which formats do we develop our topics and how

do we go on to process them?

eb First of all, a process of this nature requires a great deal of

translation: Exactly what are we talking about in our respective

fields when we talk about projects or productions? In my view,

the biggest difference was one of time dimensions: Theatre is

more spontaneous in its reactions, more impulsive. Two years is

a rather long time for a project, but in planning contexts, it is

quite short!

if One major topic was the configuration of the process. We

wanted it to be open and unbiased, but not random. We wanted

it to develop step-by-step, but also to formulate precise statements

and to illustrate a curatorial idea. That is exactly the

range in which urban planning operates—between openness

and control, strategy and policy, planning security, test phases

and feedback loops. So how exactly can these partially parallel

developments be rendered visible within extracts through several

layers of hierarchies, as focused moments of time, location

and protagonists? How can we provide connecting points

and kindle energies, while also strategically continuing to

develop topics? How can we blend reflection and consideration

with raised expectations, with spontaneity and improvisation?

eb And all of this with this question in mind: Once we have

learned each other’s terminology, how can we communicate

this complex working process with others in order to reach as

many people and agencies as possible? Both disciplines provide a

broad opportunity for projection or identification, while simultaneously

excluding certain audiences—or these audiences are just

not interested in theatre or urban planning. Because recipients

also think in niches or have reservations, not just the producers.

if Our project was located within the large-scale institution of

the city theatre. This raised several questions for us that we

are addressing in Amplifier and Complement. For one thing, we

became aware of the available resources of staff and funding—

and, of course, the availability of the resource of space—which

are secured via the institution, with the theatre as the physical

location and crystallisation point within the urban context.

Schauspiel Köln as a municipal institution has clout. It is

seen as trustworthy and gives direct access to, for example,

the city’s administration and politicians on an equal footing.

45


Themen

In der Auseinandersetzung mit Fragen zu

Methoden und Prozessen, Kultur institutionen

und zukunftsfähigen governance-Strukturen

wird von den Autor*innen eine Reihe von

Transformationsstrategien identifiziert. Es geht

ihnen um ein anderes Verständnis ihrer Disziplin,

ohne ihre damit erworbenen Kompetenzen und

Gestaltungsfreiheiten aufzugeben, um eine

veränderte Handlungspraxis und eine neue Art der

Prozess- und Organisationsgestaltung, und nicht

zuletzt um die Notwendigkeit interdisziplinärer

Kooperationen, Komplizenschaften 1 und

Kollaborationen, 2 um gemeinsam an Inhalten zu

arbeiten. Und genau dieses Andere ist nicht an

die Angst vor Machtverlust gekoppelt. Vielmehr

werden in dem Zusammen ein katalysatorischer

Moment und eine Potenz gesehen, die neue Inhalte

generieren und dadurch einen Mehrwert erzeugen

können – was mehr als das bloße Addieren von

Einzelteilen ist.

Hilke Marit Berger hmb, Marta Doehler-Behzadi mdb, Christoph Grafe cg,

Saskia Hebert und Thomas Malorny shtm, Hanna Hinrichs hh, Kay von Keitz kvk,

Tobi Müller tm, Reiner Schmidt rs, Berthold Schneider, Uwe Schneidewind,

Christian Grüny und Daniel Hörnemann ssgh, Birgit Schneider-Bönninger bsb,

Renée Tribble rt, Antoine Turillon und Larissa Meyer atlm, Stephan Willinger sw

50


Kristallisationsorte schaffen

Ermöglichen

Institutionelle Häuser sind Infrastrukturen,

Alltagsorte, kollektive Orte oder (zufällige)

Treffpunkte – so die Theorie. Die Herausforderungen,

die die Räumlichkeiten traditioneller

Häuser mit sich bringen, sind jedoch teilweise

enorm. Öffnung und Veränderung ist hier

durchaus möglich, benötigt aber guten Willen,

Improvisationstalent und nicht zuletzt Durchsetzungsvermögen

gegenüber althergebrachten

Positionen. Braucht eine innovative, eine

andere Kunst neue Räume? Muss eine Kulturinstitution

aus dem eigenen Haus ausziehen,

um Neues denken zu können? Es ist vor allem

das Zusammenspiel von Kontinuität, Interpretation

und radikaler Innovation wesentlich.

Interessant wird es insbesondere dann, wenn

sich unterschiedliche Hausherr*innen zusammenschließen

und ihre Häuser für den jeweils

Anderen, für das jeweils Andere öffnen tm;

oder wenn sich Häuser zur Stadtgesellschaft

öffnen, indem sie partizipative Formate, neue

Kooperationen und neue Orte bespielen ssgh.

Treffen andererseits institutionelle Strukturen,

Orte, Akteure und Nutzer*innen zusammen,

können sich neue Partnerschaften entwickeln

shtm. Dann werden Kulturinstitutionen zu

Katalysatoren kollaborativer Stadtgestaltung

hmb, zu Orten des lustvollen gesellschaftlichen

Experimentierens ssgh; oder zu Dritten

Orten hh, die wiederum Ausgangsbasis für

interdisziplinäre Projekte sein können – und

genau dann werden sie auch zu potenten Kristallisations-

und Identifikationsorten für eine

diverse Stadtgesellschaft.

Jeder Akteur bringt seine ihm eigenen Kompetenzen

in den Prozess des Stadtmachens

ein. Insbesondere Verwaltungs- und institutionelle

Strukturen, welche politisch legitimiert

und dem Gemeinwohl verpflichtet sind, verfügen

über wesentliche Macht- und Durchsetzungskompetenzen.

Die zunehmende

Pluralisierung der an der räumlichen Transformation

beteiligten Akteure führt jedoch auch

zu Machtverschiebungen, die nicht selten

zu Verlustängsten führen – nicht mehr die

Weiterentwicklung der eigenen Strukturen,

sondern die Verhinderung wird zum zentralen

Ziel des eigenen Arbeitsauftrags. Innovative

Strateg*innen triggern aber genau diese Trägheitsmomente,

indem sie Veränderungen von

Verhaltensqualitäten initiieren und sich selbst

als Vordenker*innen und Impulsgeber*innen

verstehen bsb. Ihr erklärtes Ziel ist es, Möglichkeitsräume

zu schaffen, emanzipative

Kräfte zu fordern und zu fördern bsb, und, an -

statt zu regulieren, Dinge zu ermöglichen sw.

51


Christoph Grafe cg

Stadsbouwmeester zwischen

und über allen Stühlen. Ein Bericht

aus Flandern

Die internationale Aufmerksamkeit für die urban renaissance Antwerpens hat

in den letzten Jahren nicht nur das Fachpublikum erreicht, sondern auch ihren

Niederschlag in allerlei Reportagen in Zeitungen wie der New York Times, dem

Guardian und auf dem europäischen Kontinent gefunden. Zunächst ein bisschen

unbemerkt, hat sich Antwerpen in den letzten Jahren zu einer Destination

für Kulturreisende entwickelt. Das Interesse, das der flämischen Hafenstadt

in internationalen Medien entgegengebracht wird und das sich in der Anwesenheit

vielfach junger Stadtreisender in den Cafés, Boutiquen und Straßen

widerspiegelt, ist zunächst dem nacheilenden Ruhm der Modedesigner*innen

geschuldet, die hier ihre Wirkungsstätte haben. Aber auch die Entwicklung der

alten Hafengebiete, des attraktiven Museumsquartiers Zuid und nicht zuletzt

die Eröffnung des Museum aan de Stroom (MAS) haben das ihre dazu beigetragen,

dass die städtebauliche Entwicklung und die Architekturkultur der Stadt

eine breitere Öffentlichkeit fanden.

Dabei scheint Antwerpen eigentlich alles anders zu machen als viele

andere Halbmillionenstädte. Der Vergleich mit dem nur eine Zugstunde entfernten

und ungefähr gleich großen Rotterdam ist besonders frappierend.

Während die niederländische Hafenstadt seit drei Jahrzehnten auf die brachiale

Gewalt der Masse setzt, eine Ikone nach und zuweilen über die andere setzt

und selbst der größten Immobilienkrise noch einen weiteren Bauboom entgegenstellt,

steht Antwerpen für einen kleinteiligen, behutsamen Urbanismus.

Die Entwicklung der historischen, aber einigermaßen maroden Innenstadt zu

einem angesagten Ziel für Modeinteressierte, das langsame Aufmischen von

heruntergekommenen Gründerzeitvierteln und die Revitalisierung der alten

Hafengebiete – all diese Entwicklungen sind das Resultat langer Veränderungsprozesse,

von kleinen Schritten und manchmal fast unsichtbaren Bewegungen.

Slow urbanism nannte der englische Architekturkritiker Ellis Woodman dies in

der Ausgabe des zweijährlich erscheinenden Architekturbuch Flandern aus dem

Jahr 2012, in der er die Stadtentwicklung in Antwerpen als beispielhaft für den

behutsamen und dennoch visionären Umgang mit dem Bestand der Stadt und

ihrem Potenzial besprach. 1 Langsamkeit als eine Methode des Testens von wirtschaftlichen

und städtebaulichen Möglichkeiten, aber auch als eine Form von

Qualitätskontrolle: Trial and Error ist hier Teil eines Städtebaus, der sich auch

der sozialen Verträglichkeit und ökonomischen Nachhaltigkeit von Neuentwicklungen

verpflichtet sieht.

Unabhängigkeit: Stärke und Schwäche

Die erfolgreiche Stadtentwicklung in Antwerpen hat viele Autor*innen; Einzelkämpfer*innen,

die sich seit den 1980er Jahren für ihre Stadt einsetzten; Architekt*innen

wie bOb Van Reeth, der sich als flämischer Baumeister in Debatten

um die Fehlentwicklungen im Bahnhofsviertel einschaltete; engagierte Planer*innen,

die ihre Kolleg*innen in der Stadtverwaltung vom Sinn einer

62


63

integrierten Stadtentwicklung überzeugten. Nicht zuletzt: Politiker*innen aus

fast allen Parteien, die sich einsetzten für städtebauliche und architektonische

Qualität. Dass die städtebaulichen Entwicklungen in einer Stadt wie Antwerpen

Minenfelder verschiedenster Interessen darstellen, ist selbstverständlich.

Zu den wichtigsten Akteuren in der Geschichte der Stadtentwicklung Antwerpens

gehören zweifelsohne die Stadsbouwmeester – im Englischen city architects,

während im Deutschen die wortgetreue Übersetzung Stadtbaumeister

vorhanden ist. 2 Dieses Amt, das es in der Hafenstadt schon seit langer Zeit gab,

wurde in den 1990er Jahren neu aktiviert, als sich der Druck aus der Stadtgesellschaft

auf die Politik wegen der als unzureichend empfundenen Planungspolitik

mit einer damals neuen Vehemenz äußerte. Es war ganz besonders die

Ernennung von Kristiaan Borret als zweitem Antwerpener Stadtbaumeister im

Jahr 2006, die eine neue Phase einläutete. Der Architekt und Städtebauer, der

längere Zeit als Wissenschaftler tätig gewesen war, griff das ehrgeizige Projekt

einer umfassenden Stadterneuerung der Stadtregierung unter dem sozialdemokratischen

Bürgermeister Patrick Janssens auf und leitete die Prozesse der

behutsamen Planung in den Hafengebieten und innerstädtischen Wohnvierteln

ein. Zuweilen kam es zu Kontroversen mit Politiker*innen und den in Antwerpen

wichtigen Hafenbaronen, etwa um das Hafenhaus von Zaha Hadid (ein

Projekt, das in Rotterdam sehr gut passen würde), im Zuge derer der Baumeister

nach einigem Hin und Her den Kürzeren zog. Im Großen und Ganzen jedoch

erntete Borret Anerkennung für sein dezidiertes und gleichwohl sachliches Auftreten

und die Tatsache, dass der Baumeister und sein Team die verschiedenen

Parteien in ein Gespräch über die Zukunft der Stadt und ihre architektonische

Kultur involvierten.

Bei seinem Antritt formulierte Borret seine eigene Position, die einerseits

einen deutlichen Anspruch darauf beinhaltete, aktiv und proaktiv auf

die Planung einzuwirken, aber gleichzeitig eine gewisse Autonomie gegenüber

der Verwaltung zu behalten. Der Stadtbaumeister, so Borret im Gespräch mit

dem Kritiker Pieter T’Jonck, „ist kein Beamter, sondern ein unabhängiger Berater,

der aus eigenem Engagement für eine qualitativ hochwertige städtische

Umgebung die Interessen anderer Parteien hinterfragen und korrigieren kann,

der aber auch, wenn notwendig, neue Fragestellungen auf die Tagesordnung

setzen kann.“ 3 Die Empfehlungen des Bouwmeesters sind nicht bindend und er

hat auch nicht die Befugnis, Baugenehmigungen zu verweigern. Mit anderen

Worten: Es ist die Fachkompetenz, die der Politik des Bouwmeesters und seines

Teams Macht verleiht. 4

Borret sah sich dabei nicht als beamteter Wächter über eine wie auch

immer geartete Gestaltungsqualität, sondern als ein unabhängiger Berater

der Politik in Fragen der Stadtentwicklung. Der unabhängige Stadtbaumeister

muss nach seinem Dafürhalten die stadtgesellschaftliche Debatte über

Zukunftsperspektiven und -visionen mitgestalten und darf dabei nicht auf

Politiker*innen oder Vertreter*innen der Verwaltung warten. Das beinhaltet

selbstverständlich auch einen Dialog mit der Bauwirtschaft und mit Investor*innen

– gleichwohl sollte sich der Stadsbouwmeester aber nicht von den

ökonomischen Interessen treiben lassen, sondern muss vielmehr mit baukultureller

Expertise argumentieren. Für die Investor*innen ist dabei attraktiv, dass

der Stadtbaumeister eine Rolle in der Diskussion mit der Verwaltung übernehmen

kann. Seine Autorität kann dazu führen, dass das Planungsregelwerk an

konkreten Situationen getestet wird – und damit eventuell auch Ausnahmen


Christoph Grafe cg

Stadsbouwmeesters between and above

the Chairs. A Report from Flanders

The international attention for Antwerp’s Urban Renaissance has not only

reached the specialist public in recent years, but has also been reflected in

all kinds of reports in newspapers such as the New York Times, the Guardian

and on the continent. At first somewhat unnoticed, Antwerp has developed

in recent years into a destination for cultural travellers. The interest that the

Flemish port city receives in international media and that is reflected in the

presence of many young city travellers in the cafés, boutiques, and streets was

initially due to the fame of the fashion designers that have their place of work

here. But also the development of the old harbour areas, the attractive ‘Zuid’

museum quarter and last but not least the opening of the Museum aan de

Strom (MAS) have contributed to the fact that the urban development and the

architectural culture of the city have found a wider public.

Yet Antwerp seems to do everything differently from other cities with

half a million inhabitants. The comparison with Rotterdam, which is only an

hour away by train and about the same size, is particularly blatant. While the

Dutch port city has been relying on the brachial violence of large volumes for

three decades now, building one icon after another, and sometimes above the

other, and countering the biggest real estate crisis with yet another artificially

created construction boom, Antwerp stands for small-scale, prudent urbanism.

The development of the historic but somewhat dilapidated inner city into a

hip destination for fashion lovers; the slow revival of run-down late nineteenth

century districts; and the revitalisation of the old port areas; all of these developments

are the result of long processes of change, small steps and sometimes

almost invisible movements. The English architecture critic Ellis Woodman

described this as ‘slow urbanism’ in the 2012 edition of the Architectural Review

Flanders, discussing Antwerp’s urban development as an example of a careful,

yet visionary, approach to the city’s urban fabric and potential. 1

Slowness as a method of testing economic and urban development

possibilities, but also as a form of quality control: ‘Trial and error’ are part of

urban development, which is also committed to the social and economic sustainability

of new developments.

Independence: Strength and Weakness

Antwerp’s successful urban development has many authors. Lone warriors

who have been campaigning for their city since the nineteen-eighties. Architects

like bOb van Reeth, who as a Flemish master builder became involved in

debates about undesirable developments in the district of the station. Committed

planners who convinced their colleagues in the city administration of

the wisdom of integrated urban development. Last but not least, politicians

from almost all parties who stood up for the quality in urban planning and

architecture. Urban development in a city like Antwerp clearly represents a

minefield of the most diverse interests. One of the most important agents in

the history of Antwerp’s urban development is undoubtedly the Stadsbouwmeester—in

English ‘city architect’, while in German the exact translation

76


77

Stadtbaumeister is available. 2 This office, which had previously existed in the

port city, was reactivated in the nineteen-nineties, when the pressure from

urban society on politics due to the planning policy, which was perceived as

inadequate, expressed itself with a new vehemence. It was in particular the

appointment of Kristiaan Borret as Antwerp’s second Stadsbouwmeester in

2006 that marked a new period. The city architect, who had worked as an academic

for a number of years, took up the ambitious project of a comprehensive

urban renewal of the city government under the Social Democratic mayor Patrick

Janssens and led the processes of careful planning in the port areas and

inner-city residential quarters. At times there were controversies with politicians

and the port barons who were important in Antwerp, such as the Havenhuis

of Zaha Hadid (a project that would suit Rotterdam very well), in which the

Bouwmeester, after some wrangling, lost out. On the whole, however, Borret

earned recognition for his determined yet objective manner and the fact that

he and his team involved various parties in a conversation about the future of

the city and its architectural culture.

When Borret took office, he formulated his own position, which, on the

one hand, contained a clear claim to having an active and proactive influence

on decision making, while at the same time retaining a certain autonomy visà-vis

the administration. According to Borret, the Stadsbouwmeester ‘is not a

civil servant, but an independent consultant who can question and correct the

interests of other parties from his own commitment to a high-quality urban

environment, but who can also put new questions on the agenda if necessary’.

The Bouwmeester’s advice is not binding, nor does he have the power to refuse

building permits. It is, in other words, professional authority which lends power

to the policies of the Bouwmeester and his team. 3

Borret did not see himself as a civil servant and guardian of quality

design, but as an independent advisor to the politicians on urban development

issues. In his opinion, the independent city architect had to participate

in the debate about future perspectives and visions and was not allowed to

wait for politicians or representatives of the administration. This debate has

also included a dialogue with the building industry and investors, but the city

architect should nonetheless not allow himself to be driven by economic interests,

but instead must argue on the basis of his expertise in architectural culture.

It is attractive for investors that the city architect can take on a role in the

discussion with the administration. His or her authority can lead to the planning

rules being tested in concrete situations—and thus possibly to exceptions

becoming possible. The Stadsbouwmeester is a—perhaps irritating—partner for

investors.

This independence, which was after all linked to the political determination

to give urban design a role in the development of the city, led the master

builder not only to make friends. And this independence only works if the

office and its representative can be sure of the basic support of politics. This

became clear in Antwerp in 2013, when Social Democrat Patrick Janssens was

replaced by the leader of the New Flemish Alliance Bart de Wever. The team

of the Stadsbouwmeester was systematically excluded from central planning

decisions. In projects such as the long-planned new landscaping of the banks of

the Scheldt, new, significantly higher quotas for parking spaces were suddenly

requested. The new city government happily positioned itself as a promoter

of the motorist who was portrayed as besieged from all sides. The alderman


Renée Tribble rt

Make the Gap. Alternative Ways of

Urban Development

Stadt als Möglichkeitsform

2005 fand in Berlin eine Ausstellung mit dem Titel Find the Gap: Neue Köpfe und

Wege in der Architektur 1 statt. Damals arbeitete ich als frisch Diplomierte an

dem Ausstellungsbeitrag eines dort gezeigten Büros. Rückwirkend betrachtet

erstaunt, wer diese neuen Köpfe waren. Die damals Beteiligten sind heute Inhaber*innen

etablierter Büros oder haben Professuren inne, die für den Einbezug

des sozialen Handelns in der Raumproduktion von Architektur und Städtebau

stehen: raumlaborberlin, Die Baupiloten, KARO Architekten, osa – office for

subversive architecture oder spaces of uncertainty (Kenny Cupers und Markus

Miessen). Mit ihren urbanen Interventionen und Zwischennutzungen etablierte

sich das Feld der Urbanen Praxis auch in der Architektur und Stadtplanung.

Diese Praxis, die sich aus künstlerischer Urbaner Praxis entwickelt hat, befindet

sich nach wie vor am Rand der stadtgestaltenden Disziplinen. Ich glaube aber,

dass es sich lohnt, diese Praxis, die für mich die Möglichkeit einer alternativen,

partizipativen und von Nutzer*innen getriebenen Stadtentwicklung darstellt,

mehr ins Zentrum zu rücken.

Find the Gap

Find the Gap stand damals sowohl für die Aufgabendefinition junger Architekt*innen

auf dem zu Beginn der 2000er Jahre schwierigen deutschen Architekturmarkt,

als auch für eine Praxis, die sich scheinbar primär in den Lücken der Stadt abbildete.

Diese Praxis wird als „Stadt in der Möglichkeitsform“ eines „urbanistischen

Situationismus“ 2 beschrieben. Die „Generator(en) von Urbanität“ entstünden in

„situativen Projekten“, 3 wie in der Zwischen Palast Nutzung (2004) 4 oder im Projekt

Hotel Neustadt (2003) 5 . Beim erneuten Lesen des Ausstellungskataloges von

2005 war ich erstaunt darüber, wie selbstverständlich dort von der „jungen Architektenschaft“

6 gesprochen wurde, zu deren Aufgabenfeld scheinbar ganz natürlich

die Stadt als Möglichkeitsform gehörte. Heute ist Stadt als Möglichkeitsform

jedoch zentraler geworden, wie man anhand der wachsenden Anzahl an selbstorganisierten

Prozessen mit dem Wunsch nach Mitbestimmung und der Schaffung,

Sicherung und Aneignung von Orten jenseits kommodifizierter Räume beobachten

kann. Allerdings scheint dieses Aufgabenfeld heute nicht zum Kern des disziplinären

Selbstverständnisses von Architekt*innen zu gehören. Es ist vielmehr

eine (meist) junge Architekten-, Planer-, und Künstlerschaft, welche die Stadt als

Möglichkeitsform als Teil ihrer Urbanen Praxis begreift und disziplinäre Grenzen

überschreitet. Nach wie vor bewegt sich diese Praxis jedoch eher am Rand – in den

Lücken von Stadt, abseits von immobilienwirtschaftlicher Spekulation.

Fill the Gap

In der Tat sind es die Lücken und Nischen einer Stadt, in denen Aneignung möglich

ist und in denen „design activism“ 7 sowohl historisch als auch gegenwärtig

tätig ist – abseits von Kapitalströmen und Renditedruck. „The places to begin

this work are the ,holes and chasms‘ that exist between the planned and the

96


formal structures of dominant society. Places like empty lots between buildings,

land adjacent to infrastructure, and informal slums provide these opportunities

because, since they do not represent the main interests of the system in

power, they are overlooked as valueless and thus provide an opportunity for the

study and the development for new, more inclusive production of space. These

are in fact the places that design activism, both historical and contemporary,

has primarily engaged.“ 8 Doch wo setzt man an, wenn es kaum noch Lücken

und Nischen abseits des Machtinteresses gibt? Denn: Konnten damals Lücken

programmatisch wie disziplinär gefüllt werden, sind Lücken als Möglichkeitsräume

in der Stadt selten geworden – unter dem Investitionsdruck internationaler

Immobilienfonds sind diese längst bebaut, projektiert oder flächendeckend

erfasst, beispielsweise in den Wohnungsbauprogrammen der Freien und Hansestadt

Hamburg. Oder aber es bleibt zwischen „EnEV Zigtausend“, Brand-, Lärmschutz

etc. kein undefinierter Meter zur spontanen Selbstaneignung übrig, jeder

einzelne Quadratzentimeter dient der höheren Ausnutzung renditeoptimierter

Grundrisse. Wo und wie kann dann noch Stadt als Möglichkeitsform entstehen?

Und durch wen? Wie kann man also Prozesse gestalten, die diese Möglichkeiten

und Differenzialitäten im Gleichzeitigen erlauben?

Von der Lücke zur Urbanen Praxis

Stadt als Produktion von urbanen Situationen zu verstehen, verlangt von den

Disziplinen, die Stadt planen, entwerfen und gestalten, sich umfassend mit

all dem auseinanderzusetzen, was Stadt ausmacht. Gerade Architektur und

Planung, beziehungsweise raum- und planungswissenschaftliche Forschung,

benötigen ein mehrdimensionales Raumverständnis. 9 Allzu oft, so scheint es,

werden die Ebenen sozialen Handelns und des kulturellen Ausdrucks nicht in

die Raumproduktion der Planung einbezogen. Planung beschränkt sich selbst

auf das Normative, Architektur häufig auf die materiale Gestalt. Prozesse der

Stadtentwicklung müssen jedoch alle vier Raumebenen – „Materiale Gestalt,

Normative Regulation, Soziales Handeln, Kultureller Ausdruck“ 10 – einbeziehen,

damit sich Stadt als Möglichkeitsform entfalten kann.

Zwischennutzungen und urbane Interventionen schaffen immer wieder

neue Möglichkeiten an neuen Orten in neuen Zeitfenstern – den Lücken der

Stadt. Beide gelten heute in der Stadtplanung als strategische Planungstools,

um Leerstände in Planungszeiträumen (den Momenten, in denen neue Zukünfte

generiert werden) zu vermeiden, um auch in diesen Zeiträumen wenn nicht hohe

Gewinne zu erwirtschaften, so doch zumindest kostendeckend Infrastrukturen

zu erhalten oder diese Räume auf eine höherwertige Nutzung vorzubereiten

beziehungsweise in diese zurückzuführen. Durch ihre zeitliche Begrenztheit

sind die mit und durch sie entstehenden Möglichkeitsräume ebenfalls begrenzt,

die investierten und etablierten Ressourcen verpuffen. Dem gegenüber verwendet

Urbane Praxis urbane Interventionen als Methode, 11 indem sie in bestehende

Räume eingreift und „alternative Realitäten“ 12 mit lokalen Akteuren „koproduktiv“

13 und „lokal spezifisch“ 14 herstellt. Die drei Raumebenen materiale Gestalt,

soziales Handeln und kultureller Ausdruck werden verknüpft, um auf der normativen

Ebene der Planung Veränderung zu erzielen.

Zeit für alternative Stadtentwicklung

Im Rückschluss bedeutet dies aber für Planung: „Wenn wir über Entwicklungen

in der Stadt diskutieren wollen, dann braucht es die Zeit, braucht es die

97


Renée Tribble rt

Make the Gap. Alternative Ways of

Urban Development

The City as a Form of Possibility

In 2005, an exhibition entitled Find the Gap: New Heads and New Paths for

Architecture 1 took place in Berlin. I had only recently finished my training and

worked on the exhibit of a participating architectural office. Looking back, it is

astonishing to see who exactly these new heads were. Today, the former participants

of this exhibition own established firms or hold professorships that

stand for the inclusion of social action in the spatial production of architecture

and urban construction: raumlaborberlin, Die Baupiloten, KARO Architekten,

osa—office for subversive architecture or spaces of uncertainty (Kenny Cupers

and Markus Miessen). With their urban interventions and interim uses, the field

of urban practice was established in architecture and urban planning. This practice,

which emerged out of artistic urban practice, is located on the periphery of

the disciplines that deal with urban design. But in my opinion, this practice is an

opportunity to create an alternative, participatory and user-driven urban development,

and I believe it would be worthwhile to explore it in more detail.

Find the Gap

In those days, ‘Find the Gap’ stood both for a definition of what young architects

had to do on the difficult architectural market of the early years of the

new millennium and for a practice that seemed to primarily occur in the gaps

of the cities. This practice is described as the ‘city in the form of possibilities’ of

a ‘situationist urbanism’. 2 The ‘generator(s) of urbanism’ emerge in ‘situationist

projects’ 3 like Zwischen Palast Nutzung (2004) 4 or the project Hotel Neustadt

(2003). 5 While recently rereading the exhibition catalogue, I was surprised at

how naturally it spoke of the ‘young architects’ community’, 6 whose field of

action quite evidently included the city as a form of possibility. Today, however,

the city as a form of possibility has moved into greater central focus, as can

be observed in the growing number of self-organised processes that include

a wish for codetermination and the creation, securing, and appropriation of

places beyond all ‘commodified’ spaces. But today, this range of tasks does not

appear to be a part of what architects consider as the core of their discipline.

Instead, it is (mainly) a young community of architects, planners, and artists

who see the city as a form of possibility to be part of their urban practice and

work across the boundaries of individual disciplines—in the gaps of the city,

beyond all speculation of the property market.

Fill the Gap

Indeed, it is the gaps and niches of a city that can be appropriated and where

‘design activism’ 7 has been practised both in the past and today—removed

from the flow of capital and from the pressure of profit. ‘The places to begin

this work are the “holes and chasms” that exist between the planned and the

formal structures of dominant society. Places like the empty lots between

buildings, land adjacent to infrastructure, and informal slums provide these

102


opportunities because, since they do not represent the main interests of the

system in power, they are overlooked as valueless and thus provide an opportunity

for the study and development of a new, more inclusive production of

space. These are, in fact, the places that design activism, both historical and

contemporary, has primarily engaged.’ 8 But where to begin when there are

hardly any gaps or niches left that are not subject to the interests of power?

In the past, it may have been possible to fill gaps with programmes and disciplines,

but today, gaps as spaces of opportunity in the city have become

scarce. Succumbing to the pressures from international property funds, they

have been built-up, projected or comprehensively registered, for example by

the housing construction programmes of the Free and Hanseatic City of Hamburg.

Or the myriads of rules regulating energy conversation, fire safety, and

noise protection leave no space for spontaneous self-appropriation; every single

square inch of every groundplan has been designed to yield optimal profits.

Where and how should city as a form of possibility emerge? And who could

create it? Can we design processes that allow these simultaneous possibilities

and differentialities?

From Gap to Urban Practice

Understanding cities as the production of urban situations requires the disciplines

that plan, conceive, and design cities to comprehensively explore all elements

that constitute a city. Architects and planners, as well researchers in

the fields of spatial and planning sciences, need to acquire a multidimensional

concept of space. 9 Only too often, it would appear, the levels of social action

and cultural expression are not included in the spatial production of planning.

Planning agencies confine themselves to the normative sphere, while architecture

often deals exclusively with the material shape. Processes of urban development,

however, need to include all four levels of space—‘material shape,

normative regulation, social action, cultural expression’ 10 —in order for the city

as a form of possibility to unfold. Interim uses and urban interventions continually

manage to create new possibilities in new locations and new timeframes—

the gaps of the city. Both practices are seen by urban planning as strategic

tools to avoid vacancies during planning periods (the times when new futures

are generated) and to maintain infrastructures during these periods—perhaps

not generating large profits, but at least covering the costs—or to prepare these

spaces for a more upmarket use or to return them to this use. The temporary

nature of these free spaces means that the possibilities that they produce are

also limited and the invested and established resources will ultimately fizzle out.

Urban Practice, on the other hand, employs urban interventions as a method, 11

by intervening in existing spaces and producing ‘alternative realities’ 12 in ‘coproductive’

13 operations with local agents in a ‘locally specific’ 14 manner.

Time for Alternative Urban Development

By inference, this has implications for planning: ‘When we want to discuss

developments in the city, we need time, we need long stretches of time, we

need a deliberate commitment, no matter which experiences we want to grant

space to, so that appropriation can occur, that use can occur.’ 15 I understand

the concept of appropriation in the sense considered by Nadia M. Anderson:

the threefold definition of the use, the design of a location and the location’s

use: ‘People need to not only be able to make decisions about what space will

103


Antoine Turillon at, Larissa Meyer lm

Modus Operandi

Wenn Linzer sagen: „Ich gehe nach Urfahr“, differenzieren sie diesen Stadtteil

vom restlichen Linz. Das Überqueren der Brücke führt einen nicht auf die andere

Seite von Linz, sondern in das am Nordufer der Donau liegende Urfahr. Dort

befand sich seit seiner Entstehung der Studiengang space&designSTRATEGIES

der Kunstuniversität Linz, bis er im Jahr 2018 seinen Standtort ins Stadtzentrum

verlegen sollte. Den auferlegten Entschluss in eine Chance verwandelnd, entschied

sich der Studiengang vorzeitig auszuziehen, um statt des direkten Weges

einen längeren Umweg zu nehmen. Dieser Schritt wurde ein Mittel, um zu hinterfragen,

welche Methoden und Werkzeuge für ein Verstehen der gegenwärtigen

sozialen und urbanen Strukturen notwendig sind. Im Umzugsjahr lud das

Schauspiel Köln den Studiengang ein, am Abschlussfestival Die Stadt von Morgen

in Mülheim mitzuwirken.

Das Format des Festivals sowie seine Platzierung bildeten den Ausgangspunkt

für Fragen rund um die Zukunft Mülheims. Dabei wurden unterschiedliche

Perspektiven, Genres, Disziplinen und Handlungsweisen in Betracht gezogen, für

,,[e]ine mögliche Zukunft von Mülheim und ein alternatives Modell von Stadt und

Stadtgesellschaft – um im Anschluss Dinge zu vermissen, von denen wir vorher

gar nicht wussten, dass sie unsere gemeinsame Zukunft schöner, reicher, glücklicher

und nachhaltiger machen.“ 1

Ähnlich wie die Beziehung von Urfahr zu Linz stellt Mülheim das andere

Ufer von Köln dar, nicht so sehr physisch distanziert, wohl aber in der Einstellung

zueinander. Mülheim liegt auf der anderen Rheinseite der Kölner Innenstadt und

war bis zu seiner Eingemeindung eine eigenständige Stadt. Unter einer der meist

befahrenen Brücken Kölns liegend, fehlt es dem zum Festivalplatz ernannten

Areal an einem ersichtlichen Zweck. Es ist ein Ort, wo „Männer mit viel Freizeit

tagsüber ihr Bier trinken und sich Abends die Jogger die Büroverspannungen aus

den Beinen laufen“. 2

Der Einladung des Festivals folgend, besuchten wir ein paar Monate vor

Beginn der Veranstaltung Mülheim. Während unseres ersten Besuchs wurden wir

in das laufende Forschungsprojekt Die Stadt von der anderen Seite sehen eingeführt.

Unsere Gruppe sah sich mit einem überwältigenden Maß an Fachwissen

sowie der Recherchearbeit und den Erkenntnissen, die über einen längeren

Zeitraum gesammelten worden waren, konfrontiert. Schon bevor sich physisch

etwas ändern sollte, riefen also die ortsspezifischen Anekdoten Empathie für den

Ort und seine Nutzung hervor und verdeutlichten den symbolischen Charakter

des Festivals als eine Intervention, die die Wahrnehmung verändern sollte.

„Hier halten sich viele Arbeitslose auf“ (kontextuelle Kenntnisse). „In

dem Haus an der Ecke dort befindet sich der älteste Laden des Stadtteils“

(geschichtliche Kenntnisse). „Die Diskussionen über die Umgestaltung dieses

Orts laufen schon länger und wir befürchten, dass dieser wunderschöne öffentliche

Zugang zum Ufer verlorengehen könnte“ (politische Kenntnisse).

Die Möglichkeit, Projekte in einem Raum zu erarbeiten, der bereits

eine Vielzahl vorgefasster Meinungen und Erwartungen vereint, eröffnet Fragen,

inwieweit das Auftreten von uns als Außenstehenden gerechtfertigt ist:

Wer entscheidet über die Identität eines Ortes und wer und was formt diese

130


131

Identität? Was kann durch ein temporäres Projekt sichtbar gemacht werden

und sind Autor*innen von Interventionen dafür verantwortlich, wie diese

genutzt werden? „And if the project engages the audience as active participants

in the production of the work, which to a degree renders them subjects

of the work too, then who is the audience for this production?“ 3

Bei der Entwicklung von Projekten legt space&designSTRATEGIES Wert

darauf, eine eigene Wirklichkeit zu generieren. Indem wir in den ortsspezifischen

Kontext eingreifen, hinterfragen wir den Status quo des Alltags. Unsere

Arbeitsweise schafft räumliche Situationen, die die vorgegebenen Parameter

hinterfragen und an den entsprechenden Stellen Hierarchien aufzeigen, wobei

die Kontextbeziehungen entweder hervorgehoben oder aufgelöst werden. 4

Gemeinhin zögern wir nicht, unsere Umgebung direkt miteinzubeziehen. Wir

fragen die Nachbar*innen nach Strom, bitten um die Erlaubnis, ihre Toiletten

und Küchen nutzen zu dürfen, sowie um die Bereitstellung grundlegender

Aspekte unserer Basisinfrastruktur.

Wir entschieden uns, in Mülheim eine visuell einheitliche, unabhängige

und autonome Struktur für Die Stadt von von Morgen zu schaffen, die

sowohl die Präsentationsfläche für verschiedenartige Studierendenarbeiten zur

Verfügung stellte als auch unsere Grundbedürfnisse als Universität auf Reisen

decken sollte. Ein Team von Student*innen (Amanda Augustin, Lorena Höllrigl,

Klaus Reznicek) entwarf und baute eine Landschaft aus blauen Paletten,

die unterschiedlichen Zwecken diente: ein Hühnerstall, ein Esstisch, Sitzgelegenheiten,

ein Pool und eine Bar. Dadurch, dass die drei Student*innen während

der Dauer des Festivals vor Ort lebten, wurden sie zum integralen Teil der

Arbeit und konnten die Struktur an Unvorhergesehenes sowie an sich ändernde

Bedürfnisse anpassen. Die Formsprache des günstigen, gängigen und einfach

zu benutzenden Materials ließ jeden sich schnell miteinbezogen fühlen.

Ein weiteres Projekt innerhalb der Palettenstruktur mit dem Titel Mahlzeit

(Lukas Kopf) machte sich den Festivalkontext zunutze. Um eine Portion

Nudeln essen zu können, mussten die Teilnehmer*innen die Sache selbst in die

Hand nehmen und mehrere Schritte des Kochvorgangs durchlaufen. Jeder einzelne

Schritt der Essenszubereitung wurde in eine Kochstation überführt, wobei

jede einen anderen Nutzen hatte: Teig zubereiten, ausrollen, Wasser kochen

und Soßen anrühren. Die fragmentierte Küche wurde dadurch, dass sie einen

sozial verdichteten Raum schuf, zu einem integralen Treffpunkt.

Auf der anderen Seite Kölns, nahe des Kölner Doms, diente Die Botschaft

(Larissa Meyer, Barbara Seyerl) als Rezeption und Eingang zu Die Stadt

von Morgen. Besucher*innen konnten von dieser Seite des Flusses mit der Raumfähre

5 direkt zum Festival übersetzen. Dafür mussten sie zuerst einen Raum

passieren, dessen Wände mit Verhaltensregeln bedeckt waren. Ein Archiv von

Karteikarten, die kontinuierlich von der Botschafterin kategorisiert wurden,

verstellte den direkten Durchgang und verkörperte „the construct of efficiency,

of categorization and regulation as a questionable attempt to bring order to

the city“. 6 Verwaltungsherrschaft und Kontrolle über die Menschen und ihre

Bewegungen boten einen repressiven Zugang zum Thema und unterstrichen

die urbanen Hierarchien, die sowohl physisch als auch inhaltlich auf der andere

Seite des Festivals standen.

Bei Arbeiten, die im öffentlichen Raum stattfinden, ist es oftmals der

Anspruch, einen Austausch zu erzeugen, eine Quelle für persönliche Erfahrungen

zur Verfügung zu stellen und unerwartete Resultate zu provozieren. Um jedoch


77

The Production of Wellbeing

des Instituts space&design-

STRATEGIES manifestierte sich

in der Agora der Stadt von

Morgen, bestehend aus einem

langem Esstisch, einem Diskursraum,

unterschiedlichen

Kochsituationen, Bühne und

Tribühne, Hühnerstall, Pool

und Infopoint.

The production of wellbeing by

the institute space&design-

STRATEGIES manifested in the

agora of the Stadt von Morgen

(City of Tomorrow), consisting

of a long dinner table, a discourse

space, various cooking

situations, a stage and seating

area, a chicken coop, pool and

infopoint.

54

Die Nudelmaschine von Lukas

Kopf mit sieben Stationen zum

kollektiven Kochen wurde zum

Sozialverdichtungsapparat

unter freiem Himmel.

The Nudelmaschine (pasta

machine) by Lukas Kopf, with

seven stations for collective

cooking, became an open-air

‘social condenser’.

3

Die Botschaft von Larissa

Meyer und Barbara Seyerl wird

zur linksrheinischen Rezeption

des Festivals Die Stadt von

Morgen.

The Embassy by Larissa Meyer

and Barbara Seyerl becomes

the left-bank reception area

of the festival Die Stadt von

Morgen.


Antoine Turillon at, Larissa Meyer lm

Modus Operandi

When people speak about going to Urfahr, they distinguish it from the rest of

Linz. You don´t cross the bridge to get to the other side of Linz, you cross it to

reach Urfahr, which sits on the northern shore of the Danube. Based in Urfahr

since it was established, the department of space&designSTRATEGIES had to

move to a new location in the centre of Linz in 2018. Transforming an imposed

decision into an opportunity, the department decided to move out early, taking

the long route rather than a short and direct one. This process became a way

to question which methods and tools were necessary to understand contemporary

social and urban structures. In that transitional year, Schauspiel Köln

invited the department to participate in their closing festival Die Stadt von

Morgen (The City of Tomorrow) in Mülheim.

The festival´s format and location provided the basis for questions surrounding

the future of Mülheim, taking into account different perspectives,

genres, disciplines, and modes of operation: ‘A possible future for Mülheim and

an alternative model of a city and of urban society—to make sure that afterwards,

we will miss things that we did not even know would make our joint

future richer and happier, more beautiful and sustainable’. 1

Similar to Urfahr’s relationship to Linz, Mülheim represents the far shore

of Cologne, distanced not so much by physical space as by mindset. Mülheim is

situated across the Rhine from Cologne and before it was incorporated into the

larger city, it was its own municipality. Situated underneath one of Cologne’s

most heavily frequented bridges, the festival’s designated area lacks a specific

purpose and is a space where one can find ‘men with plenty of leisure time

drinking their beer during the day and office-workers jogging to loosen up their

legs in the evenings’. 2

Following the festival’s invitation, our process began by visiting Mülheim

a couple of months before the event. During our initial visit, we were

introduced to the ongoing research project Die Stadt von der anderen Seite

sehen (Seeing the City from the Other Side). A rather overwhelming experience,

our group was confronted with expertise, research, and insights that

had been gathered over a longer period of time. A number of site-specific

anecdotes generated empathy for the space and its use, highlighting the symbolic

character of the festival’s planned intervention by altering the perception

of the area before anything had been physically changed.

‘… a lot of unemployed people spend time here’ (contextual knowledge);

‘…building on the corner is the oldest store in this part of town” (historical

knowledge); ‘…there are ongoing discussions of transforming the space,

which would be a loss of this beautiful and public access to the river bank’

(political knowledge).

With the opportunity to develop projects in a space that comprises a

multitude of preconceptions and expectations, questions arose as to whether

our presence as outsiders was justified: Who decides what the identity of a

space is, and who and what shapes this identity? What can a temporary project

render visible and is the author of the intervention also responsible for its

use? ‘And if the project engages the audience as active participants in the

138


139

production of the work, which to a degree renders them subjects of the work

too, then who is the audience for this production?’ 3

When developing projects, space&designSTRATEGIES emphasize the

process of producing their own reality. We question the status quo of daily

life by engaging in site-specific contexts. Our process creates environments

that challenge predefined parameters and visualises hierarchies within given

spaces, either by exaggerating contextual relationships or by dissolving them. 4

In most cases we don’t hesitate to address our surroundings in a very direct

way. We ask neighbours to provide us with electricity, request permission to use

their toilets, kitchens, and other basic aspects of infrastructure.

For our intervention in Mülheim for The City of Tomorrow, we chose to

create a visually coherent, independent, and autonomous structure that would

provide a presentation space for the various students’s works as well as cover

the basic needs for a university in transit. As part of our contribution, a team

of three students (Amanda Augustin, Lorena Höllrigl, Klaus Reznicek) designed

and built a landscape of blue pallets that served various purposes: a chicken-coop,

a dining table, seating arrangements, a pool, and a bar. These students

became an indistinguishable part of the construction themselves, living

on-site for the duration of the festival and allowing for the structure to adapt

to unplanned, changing needs. The formal language was that of cheap, familiar

and easy-to-handle materials that conveyed a sense of inclusion.

Within this infrastructure of blue pallets, another project titled Mahlzeit

(Lukas Kopf) took advantage of the festival context. In order to eat a dish

of pasta, participants had to take matters into their own hands and proceed

through multiple stages of the cooking process. Each step of food preparation

was translated into cooking stations, each serving a different purpose: making

dough, rolling it out, boiling water, and mixing sauces. This fragmented kitchen

became an integral meeting point by creating a condensed social space.

On the ‘other’ side of Cologne, next to the cathedral, Die Botschaft

(The Embassy) (Larissa Meyer, Barbara Seyerl) served as a reception and entry

point to The City of Tomorrow. From this side of the river, visitors could take the

Raumfähre (Space Ferry) 5 directly to the festival after having walked through

a space with walls covered in commands on how to behave in public. The passageway

was obstructed by an archive of index cards about Mülheim that were

being categorised by the ambassador, representing ‘the construct of efficiency,

of categorisation and regulation as a questionable attempt to bring order to

the city’. 6 This administration and control over the public and their movements

provided a highly repressive entry point; a threshold that stood both physically

and contextually across from the festival.

When working in public space, a common aspiration is to generate

exchange, serve as a source for personal experience, and provoke unexpected

responses. But in order to grasp the hierarchical relations that temporary projects

make visible, it becomes necessary to distance oneself from the anecdotal,

personal, and ephemeral narratives attached to it.

The promise inscribed in temporary interventions is the design of an

unforeseeable outcome. By inviting a public to come together and participate

in its shaping, these processes create a space which allows for speculation

to become a specific type of reality. Through familiar tasks and a banal aesthetic

language, structures should allow for a low point of entry in order to be

as inclusive as possible. By actively encouraging visitors to become a part of


Hanna Hinrichs hh

Dritte Orte. Eine Chance für interdisziplinäre

Projekte?

Die Stadt als Thema hat Hochkonjunktur. Sichtbar wird das an einer Vielzahl

von Veranstaltungen und Berichten, die längst die Sphären einer Fachöffentlichkeit

verlassen haben. Die unterschiedlichsten Fachdisziplinen nähern sich

der Stadt an und erkennen im Arbeiten mit, über und in der Stadt eine Chance,

ihr eigenes Arbeitsfeld zu erweitern und neue Relevanz zu bekommen. Dazu

gehört auch, dass eine Interpretation von Stadt in den Mittelpunkt gerückt ist,

die nicht entweder nur gebaute Strukturen aus Häusern, Straßen und Plätzen

beschreibt oder aber die organisatorische Struktur Stadt, in der Daseinsvorsorge

und Lebenswege organisiert und verwaltet werden. Stattdessen beginnt sich ein

Arbeitsbegriff von Stadt durchzusetzen, der stärker Wechselwirkungen von einzelnen

Menschen und Gruppen mit gebauten Räumen, Entscheidungs- und Entstehungsprozesse

und die Stadt als Gemeinschaftswerk vieler sehr heterogener

Akteure und ihrer oft widersprüchlichen Anliegen in den Blick nimmt. Für Fachleute,

die sich schon länger mit Stadt beschäftigen, ist das überhaupt nichts

Neues – aber im interdisziplinären Austausch, vor allem auf der ganz praktischen

Ebene des Alltags, setzt sich eine solche Vorstellung von Stadt als gemeinsame

Grundlage für interdisziplinäre Projekte erst langsam durch.

Stadt als Gemeinschaftswerk – Herausforderung für die planende

Verwaltung

Mit einem Bild arbeitet der Soziologe Armin Nassehi einen Aspekt von Stadt heraus,

der für interdisziplinäre Projekte wichtig ist: die Illusion der Stadt als Kloster. 1

Ausgangspunkt war für ihn die Suche nach einer soziologischen Beschreibung

des Konzepts Stadt. Er beschrieb das Dorf als eine Gemeinschaft von Menschen,

in der jeder aufgrund seiner Rolle und seiner Kenntnisse im Gleichklang, aber

ohne zentrale Steuerung seinen Tätigkeiten nachginge. Dem entgegen setzte

er das Bild des Klosters: Im Kloster gebe es einen klare Aufgabenstruktur mit

fest definierten Aufgaben. Eine unverbrüchliche hierarchische Struktur definiere

Verantwortungsbereiche ebenso wie Sanktionsmöglichkeiten, und kein Teil des

klösterlichen Lebens sei davon ausgenommen. Diese Vorstellung eines geordneten

Gebildes mit wie Rädchen einer Maschine ineinandergreifenden Arbeitsbereichen

und Zuständigkeiten unter der ordnenden Hand einer Person oder eines

Gremiums ist eine Vorstellung, die – wie man in vielen Gesprächen mit Bürger*innen

feststellen kann – auch auf die Stadt übertragen wird. Die Wirklichkeit, so

Nassehi, steht dem aber entgegen: Nicht nur, dass es in der Stadt eine Vielzahl

von Akteuren gibt, deren Handeln an vielen Stellen völlig unabhängig von der

Stadtverwaltung und lokalen und regionalen Bezügen ist (ein plakatives Beispiel

sind hier große Unternehmen oder auch Supermarktketten), völlig unterschiedlichen

Handlungslogiken folgt (politischen, religiösen, ökonomischen, sozialen

usw.) und oft auch in einem unmittelbaren Widerspruch zueinander steht – die

Stadtverwaltung hat weder die Möglichkeiten noch die personelle Ausstattung,

um hier eine vollumfängliche Rolle zu spielen.

Auch wenn die Erkenntnis dieser Komplexität nicht neu ist, sind doch

das Verwaltungshandeln und die Verwaltungswahrnehmung an vielen Stellen

164


(noch) durch die Illusion geprägt, die Stadt funktioniere wie ein Kloster. Vielerorts

ist diese Illusion sicher hilfreich und ermöglicht Rechtssicherheit und ein

verlässliches Arbeiten der Verwaltung – wenn es jedoch um eine konkrete Arbeit

im Stadtteil geht, muss die Verwaltung ihre Instrumente umstellen.

Dazu gehört unter anderem auch ein veränderter Blick auf bürgerschaftliches

Engagement: In Zeiten, in denen früher selbstverständlich erscheinende

Aufgaben der Daseinsfürsorge zunehmend unter Druck geraten oder abgebaut

werden (man denke etwa an Schwimmbadschließungen oder den Abbau des

öffentlichen Personennahverkehrs im ländlichen Raum, um nur zwei Beispiele

zu nennen), wird das freiwillige Engagement von Bürger*innen für ihren Stadtteil

oder ihr Dorf zu einem essenziellen Wert für die Lebensqualität vor Ort. In

einigen Städten wird dem bereits Rechnung getragen: beispielsweise indem (der

Logik eines Klosters folgend) eine Stabsstelle für die Ehrenamtsförderung eingerichtet

wird. Andere Projekte fordern weitergehende Veränderung in Haltung

und Methoden. Zunehmend rücken nämlich auch Initiativen als Bauherrinnen

für besondere Projekte in den Blick: vom Wohnprojekt über das durch Bürgerinitiative

erhaltene Bahnhofsgebäude bis hin zu Nachbarschaftstreffpunkten.

Je mehr diese Projekte und Vorhaben und die dort investierten Arbeitsstunden

als Mehrwert für die Stadtteilgesellschaft erkannt werden, umso weniger

kann die Stadtverwaltung ihre Rolle als planende und definierende Gestalterin

aufrechterhalten und umso stärker werden moderierende und unterstützende

Arbeitsanteile. Im Bezug auf einzelne Projekte funktioniert das durchaus –

spannend wird es aber gerade dann, wenn auch mit Blick auf eigene Vorhaben,

zum Beispiel Stadtteilentwicklungsprojekte und die damit verbundene Beteiligung,

ein Perspektivenwechsel stattfindet: wenn Beteiligung nicht mehr zur

demokratischen Legitimierung der eigenen Vorhaben oder zum Abgleich eigener

Pläne mit Bürgerwünschen, sondern als Angebot zur gemeinsamen Arbeit

am Stadtteil verstanden und praktiziert wird. Dazu gehört aber auch, dass sich

kommunikative Prozesse vom Fokus auf einzelne Vorhaben lösen und in einen

kontinuierlichen Dialog übergehen müssen. Eine besondere Rolle können dabei

Dritte Orte spielen.

Dritte Orte als Gegenstand und Ausgangsbasis

für interdisziplinäre Projekte

Das Konzept der Dritten Orte stammt von dem amerikanischen Soziologen Ray

Oldenburg. 2 Er beschrieb bereits in den 1980er Jahren Räume mit hoher Aufenthaltsqualität,

die weder der Arbeit noch dem Wohnen dienen und in denen der

zwanglose Austausch untereinander möglich ist. Wichtige Charakteristika sind

für ihn:

› An einem Dritten Ort kann man sich unabgesprochen / ungeplant

treffen.

› Dritte Orte sind einfach, praktisch und klar – nicht unbedingt schön.

› Dritte Orte benötigen keine gastgebende Person.

› Dritte Orte stehen für alle offen zur Verfügung.

› Das Wichtigste an Dritten Orten ist Kommunikation.

› Kommunikation ist auch die Hauptaktivität an Dritten Orten.

› Dritte Orte sind dann zugänglich, wenn man sie benötigt.

› Dritte Orte werden unregelmäßig, aber oft aufgesucht.

› Dritte Orte sind fußläufig zu erreichen oder mindestens in der Nähe.

165


3

In Dokk1 kann man sowohl

Veranstaltungen und Aktivitäten

erleben als auch Ruhe

und Raum zum Nachdenken

finden. Im Gebäude gibt es

zahlreiche Medien, ein Café,

Projekträume, Säle, Lernzellen,

einen Spielplatz und vieles

mehr.

At Dokk1, you will have

the chance for experience

and activity as well as

for tranquillity and contemplation.

In the building you

will find media, a café, project

rooms, halls, study cells, a

playground and much more.

4

In Dokk1 finden zahlreiche

öffentliche Debatten statt.

Hier überträgt der nationale

Fernsehsender DR eine

Live-Diskussion über die EU.

Many public debates take

place at Dokk1. Here, the

Danish national television DR

transmits a live debate about

the EU.

172


Hanna Hinrichs hh

Third Places. An Opportunity for

Interdisciplinary Projects?

Discussions of the city itself as a topic are experiencing a boom. This is made

evident by the vast number of events and reports, which are no longer exclusively

aimed at an expert audience. A wide range of specialist disciplines are

exploring the topic of the city and recognise their work with, about and in

the city as an opportunity to expand their own field and to achieve new relevance.

This includes the fact that the focus lies on an interpretation of the

city that is not reduced, on the one hand, to only built structures of houses,

streets and squares or, on the other, to the city’s organisational structure

that provides and manages public services and life cycles. A new working

concept of the city is emerging: It focuses more on interactions of individuals

and groups with built spaces, on processes of decision making and formation,

and on the city as a communal project of many, highly heterogeneous

stakeholders and their frequently conflicting interests. This is nothing new

for experts who have been studying the city for some time—but in the area

of interdisciplinary exchange, especially on a practical, day-to-day level, this

concept of the city as a common ground for interdisciplinary projects has

only slowly been establishing itself.

The City as a Communal Project—A Challenge for the Planning

Administration

Sociologist Armin Nassehi has created a metaphor that highlights an important

aspect of the city for interdisciplinary projects: the illusion of a city as a

monastery. 1 In search of a sociological characterisation of the concept of cities,

he described the village as a community of people who carry out assignments

according to their role and skills, in unison but without any central management.

Nassehi counters this with the image of a monastery. Here, everyone

has clearly structured and determined tasks. An inviolable hierarchical structure

defines both areas of responsibilities and sanctions, valid for all parts of

monastic life, with no exceptions.

This notion of an ordered structure with functions and responsibilities

meshing like the wheels of a machine under the organising hand of one person or

of a committee is one that—as has become evident in many conversations with

inhabitants—is also transferred to the notion of a city. However, Nassehi says,

reality presents a different picture: In a city, there are many stakeholders whose

operations are quite independent from the city’s administration and its local and

regional aspects (large businesses or supermarket chains are obvious examples

here), follow completely different logics of action (political, religious, economic,

social, etc.) and are often directly opposed to each other—and municipal administration

authorities have neither the resources nor the necessary staff to play a

comprehensive role in this situation.

The realisation of this complexity may not be new, but in many places,

both the operations and the perception of administration (still) remain informed

by the illusion of cities functioning like monasteries. This illusion may be helpful

180


in certain places and allow for legal certainty and reliable administrative operations—but

when it comes to practical work within the neighbourhoods, administrations

will have to reorganise their tools.

This includes an altered view of civic engagement: In times where areas

of public services that used to be taken for granted become increasingly pressured

or subject to budget-cuts (closing public swimming pools or cutting

down public transport in rural areas are two examples), the voluntary involvement

of citizens in their neighbourhood or their village has become an essential

factor in improving the local quality of life. Some cities have already taken

this into account. Following the logic of the monastery, they have established a

staff position to promote voluntary engagement. Other projects demand more

comprehensive changes of mindsets and methods.

This is also because citizens are increasingly taking over the role of

builder-owner for special schemes such as residential projects, a railway

building preserved by a local initiative, or community meeting halls. The

more these projects and plans (and the working hours invested in them) are

acknowledged as an added value for the neighbourhood’s society, the more

difficult it becomes for the city’s administration to maintain their role as a

planning and defining entity, and the more importance is laid on the moderating

and supportive elements of their work. This has proved to work well with

regard to individual projects, but it will be interesting to see whether there

will be a change of perspective when it comes to the administration’s own

undertakings, for instance neighbourhood development projects and their

associated processes of participation: When participation is no longer seen

and practised as a democratic legitimation of the department’s projects or

to align their plans with the wishes of the citizens, but rather as an invitation

to collaborate on the quarter’s development. Of course, this implies that

communication processes lose their focus on individual building schemes and

all stakeholders enter into a continuous dialogue. Third places could play an

important role in this process.

Third Places as a Subject and Point of Departure

for Interdisciplinary Projects

The concept of third places was developed by the American sociologist Ray

Oldenburg. 2 As early as the nineteen-eighties, he described spaces that people

enjoy spending time in, that are used neither as residences nor as places of

work and that enable an informal exchange between their users. He considered

the following characteristics to be important:

› At a third place, you can meet without prior arrangements or plans.

› Third places are simple, practical and clear in design—and not necessarily

beautiful.

› Third places do not require hosts.

› Third places are open to be used by everyone.

› The most important aspect of third places is communication.

› Communication is also the main activity at third places.

› Third places are accessible when needed.

› People visit third places at irregular intervals, but frequently.

› Third places lie within walking distance or at least nearby.

› Third places often emerge without planning.

181


gibt und den Begriff der Zukunftskunst prägt. Zukunftskunst steht dabei für

eine Perspektive auf gesellschaftliche Transformationsprozesse, die diese von

ihrem kulturellen Ende her denkt und sich von künstlerischen Beobachtungsund

Interventionsformen inspirieren lässt.

Durch die Stadt als Bezugsraum sind in den letzten Jahren vielfältige

Beziehungen zwischen den Kulturinstitutionen in Wuppertal entstanden. So war

das Wupper tal Institut in das Projekt Sound of the City der Oper über die Initiative

Bund der Utopisten 6 eingebunden. In den für die Stadt Wuppertal wichtigen

Jubiläumsjahren 2019 und 2020 ihrer „Tochter“ Else Lasker-Schüler (geboren

1869 in Wuppertal-Elberfeld) und ihres „Sohnes“ Friedrich Engels (geboren 1820

in Wuppertal-Barmen) gibt es eine Reihe von Veranstaltungen, in deren Rahmen

die Oper Wuppertal und das Wuppertal Institut eng miteinander kooperieren.

Wechselwirkung – Ansatzpunkte und Wirkungsanalyse

des Ämtertausches

Dieses Setting bildete den Ausgangspunkt für den Wuppertaler Opernintendanten,

dem Präsidenten des Wuppertal Institutes bei der offiziellen Wuppertaler

Vorstellung des Buches zur Großen Transformation am 2. Oktober 2018 im Foyer

der Oper das Angebot eines zeitlich befristeten Stellentausches zu machen.

Dieser nahm das Angebot an. Auf der Basis dieser Vereinbarung entstand in

den darauffolgenden Wochen das Konzept eines auf drei Wochen angelegten

Ämtertausches. Demnach zielt das Vorhaben auf Wirkungen auf drei unterschiedlichen

Ebenen:

› Effekte auf die beiden Leiter / Führungskräfte und die Reflexion

ihres eigenen Führungsverhaltens

› Effekte auf die beiden von ihnen verantworteten Organisationen

(Oper Wuppertal, Wuppertal Institut)

› Effekte auf die (Stadt-)Gesellschaft

Das Vorhaben ist bewusst als offenes Experiment konzipiert in Erwartung vielfältiger

nicht erwarteter oder intendierter Wirkungen auf allen drei Ebenen. Dies

ist auch ein Grund dafür, dass der Ämtertausch schon in der Konzeption extern

durch ein Team, bestehend aus dem Philosophen Christian Grüny und dem Künstler

und Organisationsentwickler Daniel Hörnemann, begleitet wurde.

Individuell Organisatorisch Gesellschaftlich

Fokussierte / geplante

Wirkungen

Reflexion des eigenen

Führungsverhaltens

Besseres Verständnis der

Entscheidungs-, Innovations-

und Wirkungsprozesse

der eigenen Organisation

Bessere Klärung der Inspirations-

und Beeinflussungsebenen

von Kunst und

Wissenschaft

Entwicklung und Intensivierung

von (gemeinsamen)

Projekten zur Rückkopplung

auf die Stadtgesellschaft

Offene Wirkungen ? ? ?

Tab. 1: Übersicht über Wirkungsebenen des Ämtertausches

Darüber hinaus wurden im Vorfeld des Ämtertausches eine Reihe von geplanten

Wirkungen auf allen drei Ebenen definiert (Tab. 1). Diese Explizierung ist

auch deswegen wichtig, weil der Ämtertausch für beide Institutionen und

204


deren Mitarbeiter*innen eine besondere Herausforderung darstellt und die

Benennung solcher beabsichtigten Wirkungen eine wichtige Grundlage für das

Verständnis und die Akzeptanz des Ämtertausches in den Institutionen ist.

Die geplanten Effekte werden im Folgenden kurz beschrieben, wobei

der Schwerpunkt für diesen Beitrag auf den gesellschaftlichen Wirkungen liegt.

Individuell

Ein solcher Ämtertausch wirkt einmal auf einer individuellen Ebene der die

Ämter tauschenden Führungspersonen. Er ist faktisch eine Führungspersonalentwicklungsmaßnahme

für die Tauschenden. Der Kontextwechsel führt zu

einer Reflexion des eigenen Führungsverhaltens. Er schärft durch die Dekontextualisierung

den Blick auf die eigene Organisationskultur, deren Organisationsprozesse

und ihr Entscheidungs- und Innovationsverhalten. Beide Leiter

werden daher die drei Wochen mit einem eigenen Führungs- und Reflexionstagebuch

begleiten, um die Lerneffekte auf dieser individuellen Ebene möglichst

systematisch nach der Rückkehr in ihre Ursprungsaufgabe verfügbar zu haben.

Organisatorisch

Ein ähnlicher Effekt stellt sich für die beiden Organisationen ein. Die Konfrontation

mit einer (fachfremden) Führungskraft führt zwangsläufig dazu, dass

die Organisation ihre Entscheidungs- und Kommunikationsprozesse reflektieren

muss. Lang eingespielte und in der Regel nicht mehr reflektierte Routinen

geraten in der neuen Konstellation an Grenzen und müssen aktiv thematisiert

werden. Die Rückfragen des „neuen Chefs“ 7 provozieren zudem ständig automatisch

eine solche Reflexion. Im vorliegenden Fall stehen für beide Institutionen

zudem bestimmte Themen in einem besonderen Fokus. Für die Oper liegt

das Interesse insbesondere auf der Ebene der Entscheidungsprozesse: Stimmen

Tempo und Effizienz von Entscheidungsprozeduren? Wie ist die Einbindungsintensität

des Intendanten in Entscheidungsprozesse zu beurteilen? Für

das Wuppertal Institut spielt die Wirkung der Institution auf ihr gesellschaftliches

Umfeld eine Rolle: Was kann eine auf gesellschaftliche Wirkung zielende

Forschungseinrichtung von der Perspektive einer auf Inszenierung angelegten

Kulturinstitution lernen? Wo liegen Stärken und Schwächen der heutigen

Inszenierungsarbeit des Wuppertal Institutes? Wie können diese verbessert

werden?

Gesellschaftlich

Ein solcher Ämtertausch – gerade von zwei öffentlich sichtbaren und wichtigen

Institutionen der Stadtgesellschaft – hat nicht nur organisationsinterne Effekte,

er strahlt über die Organisationen hinaus. Das wurde schon früh nach dem Entschluss

zum Ämtertausch deutlich. Er wirft automatisch die Frage auf, was Kunst

und Wissenschaft sich einander zu sagen haben. In welchem Ausmaß ist eine

Inspiration zwischen beiden Sphären möglich? Gerade vor dem Hintergrund

des vom Wuppertal Institut in die Debatte gebrachten Konzeptes der Zukunftskunst

bekommt diese Ebene besondere Relevanz. Der Ämtertausch ist daher von

Anfang an auch auf eine öffentliche Begleitung angelegt. Der Crossover zwischen

beiden Institutionen sollte eine Plattform dafür schaffen, das Verhältnis

von Wissenschaft und Kunst in Zeiten massiver gesellschaftlicher Veränderungsprozesse

zu reflektieren und die Potenziale und Grenzen der von Wissenschaft

und Kunst ausgehenden Deutungs-, Sinn- und Wahrheitsprozesse offenzulegen.

205


Uwe Schneidewind us, Berthold Schneider bs,

Christian Grüny cg, Daniel Hörnemann dh

Inter / Action: Wuppertal Opera and

the Wuppertal Institute. The Heads

of Two Institutions in Wuppertal

Exchange Offices

Does the social impact of institutions of science and culture improve when they

undertake a temporary change of perspective? This article describes the design

and aspirations of a project initiated by two institutions in the city of Wuppertal:

As an experiment, the directors of the Wuppertal Opera and the Wuppertal

Institute for Climate, Environment and Energy—a leading think-tank on sustainability—will

exchange offices for a limited period of time. 1

Wuppertal’s Institutions of Culture and Research

as Formative Fixtures for the City

Institutes of culture and science cannot be guaranteed to become identityforming

factors for (urban) society and to have a comprehensively mobilising

impact. Even if cultural institutions explicitly address the general public, their

output nevertheless follows a set of rules specific to their kind of institution and

will often reach, and the same applies to science institutes, only a relatively

limited target group (other scientists, scientific policy makers, opera-goers).

In the city of Wuppertal, institutions of culture and science have repeatedly

played formative roles: One example is the internationally renown Tanztheater

Pina Bausch, which became an identity-establishing factor for the city and led

to the concept of a Pina-Bausch-Centre, which is currently being implemented.

This centre will not only uphold the city’s dance heritage, but also become an

important venue for debate among its citizens. The Skulpturenpark Waldfrieden,

created by sculptor Tony Cragg in one of the city's former parks, houses a

permanent exhibition of sculptures by Cragg and other artists and has become

a central place for culture, recreation and identification in Wuppertal. Furthermore,

a wide range of projects initiated by Wuppertal’s independent art scene

has continued to give fresh impulses to the city’s urban development: Examples

include the Kunststation created by artist couple Tine and Eckehard Lowisch

at Bahnhof Vohwinkel, the intervention formats performed by Mobile Oase in

Oberbarmen and, in particular, the project Utopiastadt at Mirker Bahnhof in

Wuppertal’s Nordstadt. As a creative cluster, Utopiastadt defines itself as a

‘continuous social congress with ambition and impact’ 2 and has given crucial

impulses for the improvement of a previously underdeveloped quarter, not only

by using Mirker Bahnhof, but also by purchasing 35,000 square metres of urban

development area in a central location.

The change of artistic directorship at Wuppertal Opera in 2016 brought

a new way of programming for the house. To achieve the aim of presenting

opera with an awareness of the twenty-first century’s living realities, a greater

openness towards the city was initiated. Since then, political thrillers like Steve

Reich’s opera Three Tales, presented for the first time outside of a festival

212


213

context, have been performed alongside the more classical formats. The theatre

aspired to approach the familiar repertoire with an open mind, and reinforced

this aspiration with productions like The Tales of Hoffmann, which was

staged by no less than four internationally acclaimed directors. Similar goals

were pursued by the combination of a staged version of the third act of Richard

Wagner’s Die Götterdämmerung with Heiner Goebbel’s orchestra cycle Surrogate

Cities, or the first work at a Western theatre for Russian director Timofey

Kulyabin, who had faced a trial in his home country because of his production

of Tannhäuser. Wuppertal Opera makes special efforts to provide a wide range

of opportunities for various social groups to take part in opera as an art form: In

regular participatory projects, up to 250 residents of Wuppertal have joined the

artistic ensemble of the opera house on its stage. Another structural scheme

towards more openness is the annual festival Sound of the City, which hosts a

series of staged concerts to create a new relationship between the music of the

city and its opera house.

Wuppertal’s research institutes have had a similarly formative impact

on the city. The university, founded as a senior technical college in 1972, gives

shape to the city’s aspect not only through its castle-like situation at the top

of a hill (and its nocturnal illumination by a piece of light art by Mischa Kuball):

Its comprehensive entrepreneurial and transfer activities, its role as an important

university for teacher training as well as course options in Public Interest

Design have an acute impact on the city and its surrounding region.

The Wuppertal Institute for Climate, Environment and Energy, founded

in 1991, also takes on a special role. It was established as a research institute

of the state of North Rhine-Westphalia with Ernst Ulrich von Weizsäcker as its

founding president, to develop ‘models, strategies and instruments for transitions

to a sustainable development at local, national and international level’. 3

Today, more than 220 employees from over 20 disciplines are designing these

strategies for transformation at the institute. With the change in its presidency

in 2010, the Wuppertal Institute further enhanced its self-conception as an

institute of transformation. It has adopted the standpoint of ‘transformative

science’, 4 which does not merely observe social processes of transformation,

but actively initiates them in so-called real-world laboratory situations, in

order to discover the dynamics of social transformation. As part of this orientation,

the institute became intensely involved with the city of Wuppertal as a

laboratory and experimentation space. Today, the institute is a part of a wide

range of projects and initiatives of urban transformation in Wuppertal and

its neighbourhoods. In 2018, the Wuppertal Institute published a book on the

‘Great Transformation’, 5 giving an overview of the institute’s transformational

perspective and coining the term of ‘future art’. In this sense, ‘future art’ stands

for a notion of social transformation processes that considers these from the

perspective of their cultural end and draws inspiration from artistic forms of

observation and intervention.

Since they share the city as a space of reference, manifold relationships

between Wuppertal’s cultural institutions have emerged in recent years. The

Wuppertal Institute was involved in the opera’s project Sound of the City via

the initiative Bund der Utopisten, 6 the association of utopians. 2019 and 2020

will be important anniversary years for the city of Wuppertal: Its ‘daughter’

Else Lasker-Schüler was born in Wuppertal-Elberfeld in 1869 and its ‘son’ Friedrich

Engels was born in Wuppertal-Barmen in 1820. These anniversaries will be


3

Der Workshop Zukunftssalon

zählt zu den fortlaufenden

Veranstaltungen im 2018 eröffneten

StadtPalais – Museum

für Stuttgart.

The workshop Zukunftssalon

is one of the ongoing events

at StadtPalais—Museum für

Stuttgart, which opened in

2018.

4

Der Kunststrom-Workshop

des vom Stuttgarter Konzeptkünstler

Pablo Wendel

gegründeten „künstlerischen

Stromanbieter“ Performance

Electrics.

The artistic electricity workshop

by the 'artistic electricity

provider' Performance Electrics,

founded by Stuttgartbased

concept artist Pablo

Wendel.

224


Stephan Willinger sw

Planen in der offenen Stadt.

Überlegungen zu Selbstorganisation und

Emergenz in der Stadtentwicklung

Wer ergreift heute in unseren Städten die Initiative, wer erzählt die spannendsten

Geschichten? Es sind nicht Baudezernenten oder Bürgermeister, sondern zivilgesellschaftliche

Gruppen oder Unternehmen. 1 Sie erschließen sich neue Aufgaben

in der Stadtentwicklung und erproben neue Organisationsformen. Ausgelöst,

verstärkt und gefördert durch neue Rahmenbedingungen (von Demografie bis

Globalisierung, von Lebensstilen bis Staatsverständnis) werden derzeit in vielen

Städten die Rollen neu verteilt. Stadtverwaltung, Wirtschaft und Bürger testen

neue Formen der Zusammenarbeit, in denen sie sich zunehmend auf Augenhöhe

begegnen. Diese wachsende Akteursvielfalt bereichert unsere Stadtgesellschaft

– sie macht jedoch zugleich Stadtentwicklungsprozesse immer komplexer und

immer herausfordernder für traditionell denkende Verwaltungen, die sich häufig

noch als Steuerungsinstanzen verstehen. Doch die alten hierarchischen Modelle

von Top-down und Bottom-up sind in Bewegung geraten.

Vor allem die Stadtproduktion zivilgesellschaftlicher, wenig organisierter

Akteure – die ich vereinfachend informell nenne – erzeugt Unsicherheit bei

staatlichen Stellen. Denn während staatliches Handeln in der Stadtentwicklung

(immer noch) auf die lineare Umsetzung bestimmter festgelegter Planungsziele

ausgerichtet ist, besteht das Hauptcharakteristikum des informellen Handelns

gerade darin, dass es situativ und wenig geplant aus individuellen Zielen

und Wünschen heraus entsteht. Um die unvorhersehbaren (aber gewünschten)

Aktivitäten eigensinniger zivilgesellschaftlicher Akteure in der Stadtentwicklung

besser zu berücksichtigen, bedarf es einer anderen Haltung und eines

anderen Planungsverständnisses als das heroische Expertendenken, das noch

immer das alltägliche Handeln vieler Planer prägt. Dieses muss „Komplexität,

Nichtlinearität, Unsicherheiten und Selbstorganisation [als] Leitbegriffe“ 2

berücksichtigen. Noch scheinen Planungsverwaltungen hin- und hergerissen

zwischen den widersprüchlichen Anforderungen von Kreativität und Ordnung,

Ausprobieren und Absichern, Freiheit und Kontrolle.

Doch Stadtplanung macht sich inzwischen auf in diese Richtung, wie

der Stadtplaner Martin Aarts aus Rotterdam bestätigt: „Wir haben früher Gott

gespielt – was mir tatsächlich ganz gut gefallen hat. Jetzt nehmen wir eine

Rolle ein, bei der alle Beteiligten ihr Bestes einbringen und ihre Vorstellungen

forcieren können. Das ist nicht nur in Rotterdam so, die Einsicht wächst, dass

die Gesellschaft dermaßen komplex ist, dass es arrogant wäre zu glauben,

dass einer allein oder eine einzige Gruppe sie beherrschen könnte. Nun sucht

jeder nach seinem Weg vom alten System des Governments zu den neuen Ufern

der Governance. Das ist aufregend. […] Unsere Strategie heute ist, Dinge zu

ermöglichen, anstatt wie früher zu regulieren. Die Stadtverwaltung ist auf der

Suche nach einer fruchtbaren Form der Zusammenarbeit.“ 3

Es geht also weniger um eine Änderung des Instrumentariums, als um

einen Wandel der planerischen Zielsysteme und Rollenverständnisse hin zu

232


einer anderen, einer strategieorientierten Planung. Dies „tangiert […] den Kern

der traditionellen Planungsdisziplin: Ziel von Raumplanung war es seit ihren

Anfängen, die zukünftige räumliche Entwicklung von Gesellschaft umfassend

zu prognostizieren und in eine gewünschte Richtung zu lenken. […] Die strategieorientierte

Planung stellt insofern einen Paradigmenwechsel dar, als sie

unerwartete Ereignisse und Entwicklungen anerkennt und den Anspruch auf

Ordnung relativiert. Die Zurücknahme des Anspruchs auf umfassende Regulation

und Planung der räumlichen Entwicklungen ermöglicht eine stärkere Rücksichtnahme

auf Eigenentwicklungen, Formen der Selbstorganisation sozialer

Gruppen im Raum sowie der Selbststeuerung ihrer Bedürfnisse und Ansprüche.“ 4

Wir verlassen damit eine Phase, in der der Staat für das meiste, was

wir Stadtentwicklung nennen, verantwortlich war. Die nächste Phase wird eine

sein, in der Verantwortung für die Stadt viel dezentraler, polyzentraler organisiert

sein wird. Die Hoffnung ist also nicht ganz unbegründet, dass eine Stadtentwicklung,

die sich stärker an den Selbstorganisationskräften der Bürger

orientiert, ein neues Gleichgewicht entstehen lässt, in dem neben den professionellen

Inputs von Investoren und Institutionen auch zivilgesellschaftliche

Einflussnahme ermöglicht wird. „Nur wenn sich das gewohnte Oben und

Unten neu justieren, wenn sich die einen nicht als allwissende Experten und

die anderen nicht als ewig fordernde Laien begreifen, wird zusammenfinden,

was eigentlich nicht zusammenpasst: das liquide Wir des Bürgerkollektivs und

das strukturbedachte Wir der Behörde.“ 5 Doch wie kann Planung gestalten,

wenn Nutzungsvorstellungen wie von selbst entstehen und sich spontan wieder

ändern durch die vielfältigen Projekte der Stadtgesellschaft? Wenn alle zu

Akteuren, zu potenziellen Stadtmachern werden? Das ist eine große Herausforderung,

denn hier „entsteht eine ,Neue Unübersichtlichkeit‘, die denen, die

noch gestalten wollen, einige Virtuosität beim Knüpfen von Netzen und Partnerschaften

abverlangt“, wie der Stadtplaner und Stadtforscher Klaus Selle

bereits 2007 feststellte. 6

Bausteine einer Typologie des Planens in der offenen Stadt

Der Planer als Nicht-Planer

Der amerikanische Stadtsoziologe Richard Sennett fordert: „Wir brauchen eine

offene Stadt, die unvollständig, fehlgeleitet, konfliktreich und nichtlinear ist“. 7

Auf dem Weg zu einer solchen Stadt können Stadtpolitik und -planung immer

seltener langfristig wirksame Entscheidungen treffen, mit denen ein enger Rahmen

für die zukünftige Entwicklung gesetzt wird. Offenheit gegenüber zukünftigen

Entwicklungen, Wünschen und Bedarfen zuzulassen, erfordert weniger

Regelungen und eine Zurückhaltung gegenüber den nicht beantworteten (und

nicht beantwortbaren) Fragen der Zukunft. Der Soziologe und Nationalökonom

Lucius Burckhardt hat sich in seinen planungstheoretischen Überlegungen deshalb

für den Aufschub von Planungsentscheidungen ausgesprochen: „Dieses

zielbewusste Aufschieben von Entscheidungen ist eine Kunst, die von jenen,

welche die Planung planen, noch kaum beherrscht wird.“ 8 Das wäre dann eine

Planung, die zwar durch Diskurse kollektiv bindende Entscheidungen vorbereitet,

diese aber nicht immer sofort umsetzt. Erfahrungen zeigen, dass Projekte

zivilgesellschaftlicher Initiativen oft erst durch ein solches Hinauszögern

von Planung realisiert werden können. Ungenutzte, nicht beplante Flächen in

der Stadt, sogenannte voids, werden so zu wichtigen Stadtbausteinen. Gerade

233


Stephan Willinger sw

Planning in an Open City. Reflections

on Self-Organisation and Emergence in

Urban Development

Who takes the initiative in our cities today? Who tells the most exciting stories?

In most cases it is not the heads of municipal-building authorities or mayors,

but rather groups or businesses of civil society. They create new urban

development tasks for themselves and try out new forms of organisation. Initiated,

amplified and supported by new general conditions (from demography

to globalisation, from lifestyles to new concepts of state), roles are being reassigned

in many cities today. City administrations, private sector and citizens

are trying out new forms of cooperation that increasingly allow them to meet

on equal terms. The growing variety of protagonists enriches our urban society—but

it also renders processes of urban development increasingly complex

and challenging for administrations that adhere to traditional ideas and often

see themselves as controlling entities. But the old, hierarchical models of ‘topdown’

and ‘bottom-up’ are becoming less static.

The fact that stakeholders from civil society, who are often minimally

organised and whom I will call ‘informal’, although this oversimplifies

their character, is particularly unsettling for government authorities. In urban

development, authorities (still) gear their operations towards a linear implementation

of fixed planning goals, whereas the main characteristic of informal

action is that it is situational and largely unplanned, a result of individual

objectives and desires. If planners want to increase the inclusion of unpredictable

(but desired) activities by wilful actors from civil society into urban development,

they will have to change their attitudes and replace the concept of

the heroic expert, which is still a key factor of many planners’s everyday work.

This new concept must consider ‘complexity, non-linearity, insecurities, and

self-organisation [to be] guiding principles’. 1 As yet, planning administrations

appear to be torn between the conflicting requirements of creativity and order,

testing and safeguarding, freedom and control.

But urban planning has already started to move in this direction, as the

urban planner Martin Aarts from Rotterdam confirms: ‘We used to play God—

and I actually quite enjoyed it. Now, we are playing a part where everyone is

able to contribute their best and push their ideas. This is not only happening in

Rotterdam. There is a growing understanding that society is so complex that it

would be arrogant to believe that one person or one group could rule it. Now,

everyone is trying to find their way from the old system of government towards

the new shores of governance. It’s exciting. … Today, our strategy is to facilitate

things rather than regulate them, like we used to. The city administration

is looking for a fruitful form of cooperation.’ 2

This is less about a change in the available instruments than about

a transformation of the systems of goals and the concepts of roles to bring

about a different, strategy-oriented way of planning. This ‘touches … the core

of the traditional discipline of planning: from its beginnings, the aim of spatial

238


planning was to comprehensively predict the future spatial development of

society and to steer it into a desired direction. … Strategy-oriented planning

constitutes a paradigm shift in so far as it acknowledges unexpected events

and developments and qualifies the demand for order. Reducing the aspiration

for comprehensive regulation and planning of spatial developments allows

for a stronger regard for self-development, forms of self-regulation of social

groups within the space, and the self-monitoring of their needs and interests.’ 3

In doing this, we are leaving a phase during which the national government

was responsible for most of what we call urban development. The next

phase will be one in which the responsibility for the city will be organised in a

much more decentralised, even poly-centralised manner. So there is reason to

hope that a kind of urban development that is more oriented towards its residents’s

powers of self-organisation will create a new balance enabling both

professional input by investors and institutions and influence by civil society.

‘Only if the accustomed top-and-down dynamics are realigned, if one

group no longer sees itself as omniscient experts and the others as permanently

clamouring amateurs, can there be a joining of what was actually not intended

to match: the fluid We of the citizens’s collective and the structure-oriented We

of the authority.’ 4 But how can planning achieve concrete design when utilisation

concepts seem to appear almost out of thin air, only to be spontaneously

modified through the many varied projects launched by urban society? When

everyone becomes a stakeholder, a potential city-maker? This presents a great

challenge, because it creates ‘a new lack of clarity that demands a certain

expertise in developing networks and partnerships on the part of those who

still want to give shape to a city’, as the urban planner and researcher Klaus

Selle noted in 2007. 5

Components for a Typology of Planning in an Open City

The Planner as Non-Planner

The American urban sociologist Richard Sennett demands: ‘We need an open

city that is incomplete, errant, conflictual, and non-linear.’ 6 On the road to this

kind of city, municipal politicians and planners will less and less frequently be

able to make decisions that have long-term effects and set a narrow frame

for future developments. More openness towards future developments, desires

and requirements calls for less regulation and restraint in the face of the unanswered

(and unanswerable) questions of the future. In his deliberations on

planning theories, sociologist and economist Lucius Burckhardt advocated

for a deferral of planning decisions: ‘This purposeful deferral of decisions is an

art that those who plan the planning have not yet fully mastered.’ 7 This would

be a kind of planning that prepares binding decisions in a collective discursive

process, but that refrains from always putting them into practice immediately.

Experience has shown that projects of civil-society initiatives can often

only be implemented with the help of this kind of procrastination. If this is the

case, unused areas in the city with no concrete plans, so-called voids, become

important components of urban utilisation. They provide niches for creative

development beyond financial constraints, an area of freedom in an urban

space that is otherwise severely constricted by laws and regulations.

In such a city, handed-down certainties, principles of urban planning

and notions of the common good are subverted and transformed into options.

239


Ein konkret-utopisches MANIFEST

für Mülheim 1

Jede Straße, jede

Verkehrsinfrastruktur

ist immer auch ein

öffentlicher Raum!

Wenn Köln als modernistische und von

Autoverkehr geprägte Stadt wieder

mehr Lebensqualität im öffentlichen

Raum erreichen will, müssen alle primär

dem Individualverkehr dienenden

Bausteine als Stück Stadt gedacht

werden. Es darf keine reinen Verkehrsinfrastrukturen

mehr geben: Jede

Straße ist auch ein öffentlicher Raum.

Die stark verkehrsbelastete Mülheimer

Brücke muss also weitergedacht werden,

und zwar als ein Ort, der ebenfalls

für Fußgänger und Radfahrer

fungiert und an dem Öffentlichkeit

stattfindet. Nur so kann sich ein weiter

wachsendes und immer dichter

werdendes Köln gut und lebenswert

entwickeln!

Mülheim braucht ein

Signal für den Aufbruch

und eine kollektiv

geführte Debatte über

das Zusammenleben in

der Stadt!

Mülheim – und eigentlich ganz Köln –

braucht ein Signal für den Aufbruch!

Und zwar nicht als Label in den Immobilienzeitschriften

und Marketingstrategie

für die Kreativbranche, sondern

als Zeichen für einen potenten,

selbstbewussten Stadtteil und eine

kollektiv geführte Debatte über das

Zusammenleben in der Stadt. Dieses

Zeichen manifestiert sich als konkrete

Architektur um die Mülheimer Brücke,

die eben dies als Versammlungsort

und inhaltliche Schnittstelle als

Chance einer alternativen Quartiersökonomie

begreift.

Die Mülheimer Brücke und

ihre Freiflächen sind prädestiniert

als AGORA!

Mülheim braucht einen alltäglichen

und trotzdem besonderen Ort, einen

Ort der Kollektivität und der Zusammenkunft,

einen Ort des Diskurses

und der kulturellen Produktion, eine

konsumfreie Zone und einen nutzungsoffenen

Freiraum, der sowohl

als gelebtes Reallabor in den Stadtteil

hineinwirkt, wie auch einen Leuchtturm

für ganz Köln manifestiert. Die

Mülheimer Brücke mit ihren Räumlichkeiten

und den angrenzenden

Freiflächen, mit der zentralen Lage im

Stadtteil und der anstehenden Transformation

ist prädestiniert für einen

solchen Ort – eine AGORA!

Die AGORA wird zum

Labor für einen Stadtteil

im Wandel!

Die AGORA ist eine Diskurs- und

Produktionsplattform für eine heterogene

Stadtbewohnerschaft, die offen

für ganz unterschiedliche Nutzer*innen

244


ist. Sie bildet die aktuellen gesellschaftlichen

Themen, Debatten und

Herausforderungen ab und wird von

den unterschiedlichsten Menschen

und (lokalen) Akteuren mitgetragen.

Sie ermöglicht Synergien und schafft

in der Zusammenschau der vielen

Perspektiven und Maßstabsebenen

einen Mehrwert für den Stadtteil, die

Gesamtstadt und darüber hinaus.

„Wenn Mülheim also der Experimentierraum

ist, in dem sich viele aktuelle

Herausforderungen einer zukünftigen

Stadtgesellschaft bündeln – wie sieht

dann eine wirkliche Veränderung aus

und aus welchen lokalen Begabungen

schöpft sie?“ Die Antwort liegt auf der

Hand: Die Mülheimer Brücke ist genau

der richtige Ort zur Neuprogrammierung

als AGORA und Labor für einen

Stadtteil im Wandel.

Die AGORA verbindet

öffentlichen Raum und

Öffentlichkeiten, Alltägliches

und Besonderes,

Wohnzimmer und Großstadt,

Nachbarschaft,

gesamtstädtisch relevante

Hochkultur und

lokalspezifische Themen!

Die AGORA wird immer

wieder neu verhandelt!

Die AGORA ist nicht „durchgestylt“,

sondern bildet auch gestalterisch den

Genius Loci – den Geist des Ortes ab.

Dabei wird das Sinnbild der Brache –

ein Ort der Leere und Nicht-Definition

– zur Chance und strukturellen

Leitidee, die über Aktion und Programmatik

gefüllt und immer wieder neu

verhandelt wird.

Die AGORA braucht eine

innovative und integrierte

Projektenwicklung

und Prozessgestaltung!

Die AGORA braucht eine innovative

und integrierte Projektenwicklung und

Prozessgestaltung, welche die Konzeption

und Programmatik der AGORA

weiterdenkt – und zwar gemeinsam

mit der Öffentlichkeit, den bisherigen

und zukünftigen Nutzer*innen und

(lokalen) Akteuren, und natürlich mit

der Politik und den entsprechenden

Ämtern der Stadt Köln. Als Pilotprojekt

und gemeinsam mit der Expertise und

Förderung unterschiedlichster Institutionen

aus Kultur, Bildung, Wirtschaft

und Wissenschaft wird der Prozess

zum Leuchtturm für eine ganzheitliche

und zukunftsfähige Stadtentwicklung

und zum Paradebeispiel einer Debatte

um Transformation im urbanen Kontext.

Die anstehenden Maßnahmen

und die im Rahmen der Sanierung der

Mülheimer Brücke fließenden Gelder

bilden dabei den strukturellen Rahmen

und Nährboden der AGORA.

Die AGORA ist mehr als

die Summe ihrer Einzelteile

und -akteure!

Künstlerische, theatrale und partizipative

Formate, Projektentwicklung,

Stadtmacher*innen und Stadt- und

Freiraumplanung arbeiten Hand in

Hand und auf Augenhöhe miteinander.

Nur gemeinsam und mit einem

multiperspektivischen Blick kann

etwas Neues, etwas Anderes entstehen,

das mehr ist als lediglich die

Summe aller Einzelteile.

1 Das Manifest wurde bereits veröffentlicht in: Eva-Maria

Baumeister / Isabel Maria Finkenberger / Schauspiel Köln

(Hrsg.): Eine AGORA für Mülheim. Köln 2016.

245


A Concrete and Utopian MANIFESTO

for Mülheim 1

Every street, every

piece of transport

infrastructure is always

a public space as well!

If the modernist and car-traffic-oriented

city of Cologne wants to regain

more quality of life in its public space,

all components primarily intended

for individual transportation must be

considered to be pieces of the city

fabric. No element of infrastructure

should be dedicated exclusively to

transportation: Every street is also a

public space. Therefore, there must

be a future perspective for Mülheim

Bridge, now heavily exposed to traffic:

It has to become a place used by

pedestrians and cyclists as well as a

venue of public life. This is the only

way for the expanding and increasingly

dense city of Cologne to develop

in a sustainable and liveable way!

Mülheim needs a signal

for a new start and

a collective debate on

communal life in the

city!

This signal will manifest itself in concrete

architecture around Mülheim

Bridge that understands it as a meeting

place, an interface for various

kinds of content and as an opportunity

for an alternative neighbourhood

economy.

Mülheim Bridge and

its open spaces are

predestined to be an

AGORA!

Mülheim needs a place that is both

familiar and extraordinary, a place

for collectivity and assembly, a place

for discourse and cultural production,

a free space without the need

for consumption, open to a wide

range of uses, which both impacts its

neighbourhood as a lived-in reality

lab and manifests as a beacon for

the entire city of Cologne. Mülheim

Bridge with its facilities and adjoining

public spaces, with its location in the

very centre of the neighbourhood and

its imminent transformation is predestined

to become such a place—an

AGORA!

Mülheim—and in fact the entire city

of Cologne—needs a signal for a new

start! And not just as a label for real

estate magazines or a marketing

strategy for the creative industries,

but as a sign for a vibrant, confident

neighbourhood and for a collective

debate on communal life in the city.

The AGORA will become

a lab for a neighbourhood

in transition!

The AGORA is a discourse and production

platform for a heterogeneous

246


urban population, open for a wide

spectrum of different users. It illustrates

current social issues, debates

and challenges and is backed by a

great variety of people and (local)

stakeholders. It enables synergies

and creates an overview of the many

different perspectives and scales as

an added value for the neighbourhood,

the whole city and beyond. ‘If

Mülheim is the venue for experimentation,

a focal point of many current

challenges facing a future urban

society, then what does real change

look like and from which local talents

does it draw inspiration?’ The answer

is plain to see: Mülheim Bridge is the

perfect venue to be reprogrammed

as an AGORA and lab for a neighbourhood

in transition.

The AGORA combines

public space and public

life, the familiar and

the extra ordinary, living

room and metropolis,

neighbourhood, high

culture with relevance

for the whole city and

local issues!

The AGORA is

subject to continuous

negotiation!

The AGORA is not perfectly styled:

Its genius loci—the spirit of the

place—is reflected in its design. The

symbol of the fallow land—a place

of ‘emptiness’ and ‘non-definition’—becomes

an opportunity and

a structural guiding principle to be

filled via action and objectives and

to be continually renegotiated.

The AGORA requires

innovative and

integrated project

development and

process design!

The AGORA requires an innovative and

integrated form of project development

and process design to further

develop its concept and objectives—

together with the general public, its

previous and future users and (local)

protagonists, and, of course, with

politicians and the responsible authorities

of the city of Cologne. As a pilot

project and in combination with the

expertise and funding provided by

various institutions from the fields of

culture, education, science, and the

private sector, the process will serve as

a landmark for holistic and sustainable

urban development and as a model

for debate on transformation in the

urban context. The upcoming schemes

and the funds provided as part of the

reconstruction of Mülheim Bridge will

form the AGORA’s structural framework

and provide fertile soil.

The AGORA is more than

the sum of its individual

parts and players!

Artistic, theatrical and participatory

formats, project development, city

makers and urban and landscape

design will work hand in hand and

on equal terms. Only through collaboration

and with a mindset that

considers multiple perspectives can

something new and different be created,

something that is more than

the sum of its individual parts.

1 A German version of the manifesto was published in Eva-

Maria Baumeister / Isabel Maria Finkenberger / Schauspiel

Köln, eds., Eine AGORA für Mülheim (Köln, 2016).

247


Autor*innen

Eva-Maria Baumeister arbeitet

als Regisseurin an der

Schnittstelle von (Musik-)

Theater, Hörspiel und Performance.

Nach ihrem Studium

der Theaterwissenschaften

in Amsterdam und der Regie

an der Folkwang Universität

in Essen inszenierte sie an

verschiedenen Theatern im

deutschsprachigen Raum,

realisierte mehrere Hörspiele

und ist zurzeit zum zweiten

Mal Stipendiatin der Film- und

Medienstiftung NRW. Ihre

kuratorische Tätigkeit begann

2006 mit der Gründung des

Festivals Kaltstart in Hamburg.

In der Spielzeit 2013 / 14

hatte sie gemeinsam mit dem

Dramaturgen Udo Eidinger

die künstlerische Leitung des

Jungen Theaters in Göttingen

inne. Von 2015 bis 2017 war

sie gemeinsam mit der Stadtplanerin

Isabel Maria Finkenberger

künstlerische Leiterin

des zweijährigen Pilotprojektes

der Nationalen Stadtentwicklungspolitik

des Bundes Die

Stadt von der anderen Seite

sehen am Schauspiel Köln.

www.evamariabaumeister.de

Dr. Hilke Marit Berger beschäftigt

sich als Stadtforscherin

u. a. mit Praktiken der Teilhabe,

kollektiver Stadtgestaltung

und dem öffentlichen

Raum. Sie arbeitet als Jurorin,

entwickelte, koordinierte und

arbeitete für mehrere künstlerische

und wissenschaftliche

Projekte, für Festivals, Theater

und Universitäten in Berlin,

Leipzig und Hamburg. Sie hält

international Vorträge und

publiziert. Zuletzt erschienen:

Handlung statt Verhandlung.

Kunst als gemeinsame Stadtgestaltung,

Berlin 2017. Aktuell

ist sie als Referentin für Raumentwicklung

bei der Behörde

für Kultur und Medien in Hamburg

tätig.

Dr. Marta Doehler-Behzadi ist

Stadtplanerin. Sie studierte an

der Hochschule für Architektur

und Bauwesen in Weimar und

promovierte 1986. Von 1984

bis 1991 arbeitete sie im Büro

des Chefarchitekten der Stadt

Leipzig. 1993 bis 2007 führte

sie als freiberufliche Stadtplanerin

das Büro für urbane

Projekte in Leipzig gemeinsam

mit Prof. Iris Reuther. Anschließend

leitete sie das Referat

Baukultur und Städtebaulicher

Denkmalschutz im Bundesbauministerium.

Seit 2014 ist sie

Geschäftsführerin der Internationalen

Bauausstellung

(IBA) Thüringen. Marta Doehler-Behzadi

ist Mitglied der

Deutschen Akademie für Städtebau

und Landesplanung, des

SRL, BDA und der Sächsischen

Akademie der Künste.

Isabel Maria Finkenberger hat

Architektur mit dem Schwerpunkt

Städtebau und Stadtplanung

in Berlin, London und

Stuttgart studiert und in verschiedenen

Planungsbüros in

London, Sydney und Stuttgart

gearbeitet. Seit 2009 bearbeitet

sie als freie Stadtplanerin

mit ihrem Kölner Büro STUDIO

if+ Projekte an der Schnittstelle

zwischen Planung und

Forschung. Zugleich lehrte und

forschte sie u. a. an der Hochschule

Biberach / Riß, der Bergischen

Universität Wuppertal

und der Universität Siegen. Von

2015 bis 2017 war sie gemeinsam

mit der Theaterregisseurin

Eva-Maria Baumeister künstlerische

Leiterin des zweijährigen

Pilotprojektes der Nationalen

Stadtentwicklungspolitik

des Bundes Die Stadt von

der anderen Seite sehen am

Schauspiel Köln. Als Vertretungsprofessorin

lehrte sie von

2018 bis 2019 am Lehrgebiet

Städtebau, Stadt- und Regionalentwicklung

der Hochschule

Ostwestfalen-Lippe.

Seit 2019 ist sie Professorin für

Grundlagen der Stadtplanung,

urbane Transformation und

innovative Prozessgestaltung

an der FH Aachen.

www.studioifplus.org

Dr. Christoph Grafe ist Architekt,

Kurator und Autor. Er lebt

und arbeitet in Amsterdam,

London und Wuppertal und ist

seit 2013 Professor für Architekturgeschichte

und -theorie an

der Universität Wuppertal. Von

2011 bis 2017 war er Direktor des

Flanders Architecture Institute

in Antwerpen. Er bekleidete

Gastprofessuren an der Universität

Hasselt (Belgien) und am

Politecnico di Milano. Sein Buch

People’s Palaces – Architecture,

Culture and Democracy

in Post-Western Europe wurde

2014 bei Architectura & Natura

veröffentlicht. Er ist Mitglied

der Redaktion des Journal of

Architecture (RIBA) und des

Beirats des Baukunstarchivs

Nordrhein-Westfalen sowie

Mitherausgeber von OASE und

Eselsohren. Im Jahr 2015 war

als Interims-Stadtplaner (mit

bOb Van Reeth) in Antwerpen

tätig.

Dr. Christian Grüny hat

Philosophie und Linguistik

in Bochum, Prag und Berlin

studiert, in Bochum promoviert

und in Witten / Herdecke

habilitiert. Von 2011 bis 2014

war er Sprecher des DFG-geförderten

Netzwerks Kulturen

der Leiblichkeit, von 2014 bis

2015 Gastwissenschaftler

am Max-Planck-Institut für

empirische Ästhetik in Frankfurt

/ Main. 2016 vertat er den

Lehrstuhl für theoretische Philosophie

an der TU Darmstadt.

Er ist Redaktionsmitglied des

Journal Phänomenologie, Mitglied

des Editorial Boards von

Musik & Ästhetik und seit 2018

des Beirats der Deutschen

Gesellschaft für Ästhetik.

Seit 2016 ist er als assoziierter

Philosoph Mitglied des Kuratoriums

des Musikfestivals Bern

und seit 2018 einer der Herausgeber

von Sym, des Magazins

der Symphoniker Hamburg.

Dr. Saskia Hebert ist Architektin

und betreibt gemeinsam

mit Matthias Lohmann das

Büro subsolar* architektur &

stadtforschung in Berlin. Sie

promovierte 2012 zum Phänomen

des „gelebten Raumes“

und arbeitet seit Jahren in

verschiedenen universitären,

interdisziplinären und partizipativen

Formaten an der

Schnittstelle von Forschung,

Lehre und Praxis der Stadtentwicklung.

Zurzeit leitet sie den

248


Studiengang Transformationsdesign

an der Hochschule für

Bildende Künste Braunschweig,

wo sie seit 2015 eine Professur

vertritt.

Dr. Hanna Hinrichs ist

Geschäftsführerin Programm

bei StadtBauKultur NRW. Seit

ihrem Architekturstudium in

Cottbus, Aberdeen und Stuttgart

beschäftigt sie sich in

unterschiedlichen Zusammenhängen

damit, wie kulturelles

und soziales Leben in der

Stadt mit gebauten Räumen

zu tun hat. Von der Arbeit am

Kulturkonzept für Karlsruhe

über die Leitung des Architekturschaufensters

bis zum

Entwickeln neuer Ideen für leer

stehende Einkaufszonen bei

StadtBauKultur NRW geht es

in ihrer Arbeit immer darum,

wie man Synergien zwischen

einzelnen Akteuren, aber auch

mit den vorhandenen räumlichen

Ressourcen einer Stadt

nutzbar machen kann. Stadt

ist dabei immer ein Gemeinschaftswerk,

das von vielen

unterschiedlichen – oft widersprüchlichen

– Interessen mitbestimmt

wird und sich erst in

der Aushandlung ergibt.

Daniel Hörnemann, alias

Walbrodt, geboren 1965 in

Hamburg, arbeitet als bildender

Künstler und Performer

in ungewöhnlichen Bereichen

und mit offenen Kooperationspartnern.

Für ihn ist wichtig,

dass die drei Fähigkeiten der

Kunst – Einzigartigkeit, Irrationalität

und Verantwortung

– in die Systeme öffentlicher

Raum, Wirtschaft und Bildung

aufgenommen werden. Er ist

Mitglied des Künstlernetzwerkes

Barnes Crossing, Köln. Für

sein Atelier im Unternehmen

und die T.A.N.Z. GmbH erhielt

er 2010 den mit 10.000 Euro

dotierten Hauptpreis des EMA

(Economy Meets Art). 2011

gründete er gemeinsam mit

Jennifer Hörnemann das Label

CommunityArtWorks.

Kay von Keitz hat Kulturwissenschaften

und

ästhetische Praxis an der Universität

Hildesheim studiert.

Er lebt in Köln und arbeitet

in den Bereichen Kunst und

Architektur als freier Autor,

He rausgeber und Kurator.

1999 gründete er gemeinsam

mit Sabine Voggen reiter das

internationale Ausstellungsund

Veranstaltungsprojekt

plan – Architektur Biennale

Köln. Von 2012 bis 2015 hat

er im Auftrag der Stadt Köln

unter dem Projekttitel Der

urbane Kongress gemeinsam

mit Markus Ambach die erste

Phase des neu eingerichteten

Stadt Labors für Kunst im

öffentlichen Raum konzipiert

und umgesetzt. Seit November

2014 ist er Vorsitzender des

Kunstbeirats der Stadt Köln.

Kay von Keitz und Markus

Ambach haben das Projekt Die

Stadt von der anderen Seite

sehen künstlerisch begleitet.

Christian Koch ist Kulturmanager

und seit vielen Jahren in verschiedenen

Leitungsfunktionen

in Kulturinstitutionen tätig,

unter anderem als kaufmännischer

Leiter beim Württembergischen

Kunstverein Stuttgart,

Geschäftsführer von PACT Zollverein

Essen, einem der international

führenden Häuser

für zeitgenössische darstellende

Kunst, Geschäftsführer der Pina

Bausch Foundation in Wuppertal

und als Projektgeschäftsführer

für das Pina Bausch

Zentrum im Auftrag der Stadt

Wuppertal. Seit April 2019 ist

er Co-Leiter der Duisburger

Filmwoche und von doxs! Dokumentarfilme

für kinder und

jugendliche. Daneben berät er

Künstler*innen und Kunstinstitutionen

im Bereich von Arbeitsstrukturen,

Projektförderung,

Administration.

Thomas Malorny ist Zukunftsforscher

und Theatermacher.

Er studierte devising performance,

Theater, Pädagogik,

Germanistik und Psychologie

an der Hochschule für Bildende

Künste und der TU Braunschweig,

sowie Zukunftsforschung

an der Freien

Universität Berlin. In seinen

wissenschaftlichen und künstlerischen

Projekten geht es

um Entwurf und Gestaltung

von Möglichkeitsräumen alternativer

Zukünfte. Als Wissenschaftlicher

Mitarbeiter an der

HBK Braunschweig arbeitet

er an einer Dissertation zu

der Schnittfläche von Kunst,

Transformation und Zukunftsgestaltung.

Larissa Meyer hat einen

BA-Abschluss als Industriedesignerin

und wandte sich

mit dem MA-Studium von space&designSTRATEGIES

an der

Kunstuniversität Linz bewusst

von dem Beruf ab. Seit 2017 ist

sie an diesem Institut als Universitätsassistentin

tätig. Mit

ihrem Kollektiv MeyerSchink-

SeyerlENTERTAINMENT hinterfragt

sie mit performativen

Mitteln räumliche Phänomene

und deren Spezifizität. Sie

arbeitet seit 2018 mit Rebekka

Hochreiter als Kuratorin der

Kunsthalle Linz.

Tobi Müller ist Kulturjournalist.

Er studierte Sprachen in Zürich

und Berlin und verbrachte

die Nullerjahre in Zürich als

Redakteur bei Zeitung und

Fernsehen. Seit 2009 lebt er

in Berlin und arbeitet freischaffend

für Print und Radio

über Pop- und Theaterthemen

und moderiert viele Podien.

Daneben entwickelt er Schauspielprojekte.

Von 2010 bis 2014

leitete Müller einen monatlichen

Pop Talk an der Volksbühne

zusammen mit Jens

Balzer und Sebastian Zabel,

seit 2014 im Deutschen Theater

in Berlin.

Berthold Schneider ist Pianist

und Opernregisseur. Als

Dramaturg war er u. a. an

der Hamburgischen Staatsoper

und am Staatstheater

Braunschweig, den Städtischen

Bühnen Münster, dem

Nationaltheater Mannheim

und der Oper Dortmund tätig.

In Berlin arbeitete er als Konzepter

für Medienfirmen, bevor

er künstlerischer Leiter der

staatsbankberlin wurde. Seit

Ende der 1990er Jahre tritt

Berthold Schneider als Regisseur

meist interdisziplinärer

Musiktheater-Produktionen

in Erscheinung. 2006 wurde er

Operndirektor am Saarländischen

Staatstheater, bevor er

von 2012 bis 2014 als Referent

für internationale Kooperationen

an die English National

Opera, London, wechselte.

249


Nach einer Station als Operndirektor

am Staatstheater

Darmstadt ist er seit 2015

Opernintendant der Wuppertaler

Bühnen.

Dr. Birgit Schneider-Bönninger

studierte Geschichte, Sozialwissenschaften,

Politik und

Publizistik an der Westfälischen

Wilhelms- Universität

Münster und promovierte

über die Wechselwirkungen

zwischen Schul- und Industriegeschichte.

Nach dem Referendariat

hat sie in Wolfsburg

die kommunale Geschichtswerkstatt

aufgebaut sowie

das Stadtarchiv und den

Geschäftsbereich Kultur

geleitet. Von 2014 bis 2019 war

sie als Kulturamtsleiterin der

Landeshauptstadt Stuttgart

tätig und hat dort Zukunftsforschung

als Schlüsselaufgabe

etabliert. Seit März 2019

ist sie die neue Kultur- und

Sportdezernentin der Bundesstadt

Bonn.

Dr. Uwe Schneidewind ist

Wirtschaftswissenschaftler.

Nach einer Tätigkeit bei

der Unternehmensberatung

Roland Berger Strategy Consultants

promovierte und habilitierte

er an der Universität

St. Gallen. 1998 wurde er auf

die Professur für Produktionswirtschaft

und Umwelt an der

Carl von Ossietzky Universität

Oldenburg berufen. Von 2004

bis 2008 war er Präsident dieser

Universität. Seit 2010 ist

Schneidewind Präsident des

Wuppertal Instituts für Klima,

Umwelt, Energie in Wuppertal

und Professur für Innovationsmanagement

und Nachhaltigkeit

an der Bergischen

Universität Wuppertal. Er ist

u. a. Mitglied im Club of Rome

und im wissenschaftlichen

Beirat der Bundesregierung

Globale Umweltveränderungen

(WBGU) sowie Vorsitzender

der Kammer für Nachhaltige

Entwicklung der Evangelischen

Kirche in Deutschland (EKD).

Renée Tribble ist freiberufliche

Planerin (Dipl.-Ing.

Architektur) und Gründungsmitglied

und Gesellschafterin

der PlanBude Hamburg.

Seit ihrem Diplom an der

Bauhaus-Universität Weimar

(2005) ist sie freiberuflich in

Architektur- und Planungsbüros

sowie in internationalen

Projektteams tätig. Ihre

Schwerpunkte liegen auf informeller

Planung, Prozessgestaltung,

Verfahrensmanagement

und Beteiligungsprozessen. Sie

promoviert über künstlerische

urbane Praxis als Stadtentwicklung

und war Wissenschaftliche

Mitarbeiterin im

Bereich Städtebau und Quartierplanung

an der HafenCity

Universität Hamburg (2008–

2014).

Die Projekte des bildenden

Künstlers Antoine Turillon

entwickeln sich aus Fragen zu

Raum und urbanen Strukturen

in Bezug auf ihre Repräsentationssysteme.

2010 war

er Mitbegründer von HOTEL

CHARLEROI. Seit 2015 ist er

als Universitätsassistent am

Institut für space&design-

STRATEGIES an der Kunstuniversität

Linz tätig.

Stephan Willinger studierte

Raumplanung an den Universitäten

Dortmund und Berlin

sowie Baukunst an der Kunstakademie

Düsseldorf. Danach

war er Stipendiat am Bauhaus

Dessau mit einer Arbeit zum

Narrativen Urbanismus. Seit

2002 arbeitet er als Stadtforscher

im Bundesinstitut

für Bau-, Stadt- und Raumforschung

in Bonn. Dort ist er

Projektleiter für die Nationale

Stadtentwicklungspolitik,

begleitet innovative Projekte

und hat viel fältige Forschungsarbeiten

in den Feldern Partizipation,

Zivilgesellschaft und

Informeller Urbanismus durchgeführt.

Er publiziert, hält

Vorträge und lehrt an der TU

Dortmund im Masterstudiengang

Raumplanung Informellen

Städtebau.

250


Authors

Eva-Maria Baumeister is a

director and works at the

interface of (musical) theatre,

radio plays and performance.

After studying Theatre Studies

in Amsterdam and directing

at the Folkwang University of

the Arts in Essen, she staged

productions at various theatres

in German-language

regions, realised several radio

plays and is currently a fellow

of Film- und Medienstiftung

NRW for the second time. Her

curatorial work began in 2006,

when she founded the festival

Kaltstart in Hamburg. During

the 2013 / 14 season, she was

Artistic Director of Junges

Theater in Göttingen, together

with dramaturg Udo Eidinger.

From 2015 to 2017, Eva-Maria

Baumeister and urban planner

Isabel Maria Finkenberger were

the Artistic Directors of Die

Stadt von der anderen Seite

sehen, a two-year pilot project

of the German Government’s

National Urban Development

Policy Programme at Schauspiel

Köln.

www.evamariabaumeister.de

Dr Hilke Marit Berger, as an

urban researcher, works in the

fields of practices of participation,

collective urban design,

and public space. She has been

a jury-member, developed,

curated and worked for several

artistic and academic projects,

festivals, theatres and universities

in Berlin, Leipzig and Hamburg.

She publishes and lectures

internationally. Her most recent

publication was Handlung

statt Verhandlung. Kunst als

gemeinsame Stadtgestaltung,

(Berlin: jovis). Currently, she

is working for the Ministry of

Culture and Media in charge of

spatial development.

Dr Marta Doehler-Behzadi is

an urban planner. She studied

at the Hochschule für

Architektur und Bauwesen in

Weimar and obtained a doctorate

in 1986. From 1984 to 1991,

she worked in the office of the

Chief Architect of the city of

Leipzig. From 1993 to 2007, she

worked as a freelance urban

planner in Leipzig, together

with Prof Iris Reuther. She then

went on to head the division of

Building Culture and Protection

of the Urban Architectural

Heritage at the Federal Ministry

of Construction. She has

been the Managing Director of

Internationale Bauausstellung

(International Building Exhibition,

IBA) Thüringen since 2014.

Marta Doehler-Behzadi is a

member of Deutsche Akademie

für Städtebau und Landesplanung,

DASL, Vereinigung für

Stadt-, Regional- und Landesplanung,

SRL, Bund Deutscher

Architekten, BDA and the

Saxon Academy of the Arts.

Isabel Maria Finkenberger

studied Architecture with a

focus on urban design and

urban planning in Berlin,

London and Stuttgart and

worked for various planning

offices in London, Sydney and

Stuttgart. Since 2009, she

has been working as a freelance

urban planner. With her

Cologne office STUDIO if+, she

works on projects at the interface

of planning and research.

At the same time, she has

been teaching and conducting

research at institutions like the

University of Applied Sciences

Biberach, Bergische Universität

Wuppertal, and the University

of Siegen. From 2015 to 2017,

Isabel Maria Finkenberger and

theatre director Eva-Maria

Baumeister were the Artistic

Directors of Die Stadt von der

anderen Seite sehen, a twoyear

pilot project of the German

Government’s National

Urban Development Policy

Programme at Schauspiel Köln.

From 2018 to 2019, she taught

at the Department of Urban

Planning, Urban and Regional

Development at the University

of Applied Sciences East

Westphalia-Lippe as a temporary

professor. Since 2019,

she has been a Professor for

Fundamentals of Urban Planning,

Urban Transformation

and Innovative Process Design

at the University of Applied

Sciences Aachen.

www.studioifplus.org

Dr Christoph Grafe (Bremen,

1964); architect, curator

and writer; lives and works

in Amsterdam, London, and

Wuppertal. He is also Professor

of Architectural History and

Theory at the University of

Wuppertal. From 2011 to 2017,

he served as the Director of the

Flanders Architecture Institute

in Antwerp. In addition, he

has held Visiting professorships

at University of Hasselt

(Belgium) and Politecnico di

Milano. His book People’s Palaces—Architecture,

Culture

and Democracy in Post-War

Western Europe was published

by Architectura & Natura in

2014. Member of the editorial

board of the Journal of Architecture

(RIBA) and the advisory

board of the Baukunstarchiv

Nordrhein-Westfalen, editor

of OASE and Eselsohren, and

served as interim City Architect

(with Bob van Reeth) in Antwerp

in 2015.

Dr Christian Grüny studied

Philosophy and Linguistics

in Bochum, Prague, and

Berlin, obtained a doctorate

in Bochum and a post-doctorate

degree (habilitation) in

Witten / Herdecke. From 2011

to 2014, he was spokesman of

the DFG-sponsored network

Kulturen der Leiblichkeit (Cultures

of Embodiment), and

from 2014 to 2015, he was visiting

scholar at the Max Planck

Institute of Empirical Aesthetics

in Frankfurt/Main. In 2016, he

was Interim Chair of Theoretical

Philosophy at the University of

Darmstadt. He is one of the editors

of Journal Phänomenologie

and a member of the editorial

board of Musik & Ästhetik. Since

2018, he has also been a member

of the advisory board of the

German Society of Aesthetics.

In 2016, he was appointed as an

associated member of the curatorial

board of the Music Festival

Bern and in 2018, and he is

also one of the editors of Sym,

the magazine of Symphoniker

Hamburg.

Dr Saskia Hebert is an architect

and runs the office

251


subsolar* architektur & stadtforschung

in Berlin, together

with Matthias Lohmann. She

obtained a doctorate on the

phenomenon of the ‘lived

space’ in 2012 and has been

working for years in various

academic, interdisciplinary

and participatory formats

at the interface of research,

teaching, and practice of urban

development. Currently, she is

the Head of the degree course

on Transformative Design at

Hochschule für Bildende Künste

Braunschweig, where she has

held a professorship since 2015.

Dr Hanna Hinrichs is Conceptual

Managing Director of

StadtBauKultur NRW. Since

studying Architecture in Cottbus,

Aberdeen and Stuttgart,

she has been exploring the

relationships between cultural

and social urban life and

constructed buildings in a

variety of contexts. Whether

contributing to the cultural

concept for the city of Karlsruhe,

as Executive Director

of Architekturschaufenster

e. V. or developing new ideas

for vacant shopping zones at

StadtBauKultur NRW, her work

has always revolved around

the question of how to harness

synergies between individual

agents, and within the existing

spatial resources of a city.

Cities are always the product of

communal work, codetermined

by numerous—often contradictory—interests,

and they only

take form through negotiation.

Daniel Hörnemann a.k.a. Walbrodt

was born in Hamburg in

1965 and works as a visual artist

and performer in unusual

areas and with open cooperation

partners. It is of great

importance to him that the

three abilities of art—uniqueness,

irrationality and responsibility—are

incorporated into

the systems of public space,

economy, and education.

He is a member of the artists’s

network Barnes Crossing,

Cologne. For his work

Atelier im Unternehmen and

T.A.N.Z. GmbH, he received

the main prize of € 10,000

of EMA (Economy Meets Art).

In 2011, he founded the label

CommunityArtWorks together

with Jennifer Hörnemann.

Kay von Keitz studied Culture

Sciences and Aesthetic Practice

at the University of Hildesheim.

He lives in Cologne and works

as a freelance author, editor,

and curator in the fields of art

and architecture. In 1999, he

founded the international exhibition

and event project plan—

Architektur Biennale Köln,

together with Sabine Voggenreiter.

From 2012 to 2015, Kay

von Keitz and Markus Ambach

conceived and carried out the

first phase of the newly established

StadtLabor für Kunst im

öffentlichen Raum under the

project title Der urbane Kongress,

commissioned by the city

of Cologne. Since November

2014, he has been the Chairman

of the City of Cologne's

Advisory Committee on the

Arts. Kay von Keitz and Markus

Ambach provided artistic guidance

to the project Die Stadt

von der anderen Seite sehen.

Christian Koch is a cultural

manager and has been working

in various leading positions

in art institutions since

the early two-thousands. He

has been General Manager

of Württembergischer Kunstverein

Stuttgart, Executive

Director of PACT Zollverein,

Essen, international centre

for performing arts, Managing

Director of Pina Bausch

Foundation Wuppertal, Project

Manager for the city of Wuppertal‘s

development project

Pina Bausch Zentrum. Since

2019, he is Codirector of Duisburger

Filmwoche, festival for

documentary film and doxs!

documentaries for children

and youth. He also works as a

consultant for management,

funding, and administration

of artistic institutions and

projects.

Thomas Malorny is a futurologist

and theatre maker. He

studied devising performance,

theatre, education, German

philology and psychology at

Hochschule für Bildende Künste

and TU Braunschweig as well as

Futurology at Freie Universität

Berlin. His academic and artistic

projects deal with the development

and design of spaces

of opportunity for alternative

futures. As a Research Associate

at HBK Braun schweig, he is

currently working on a doctoral

thesis at the interface of art,

transformation, and design of

the future.

Larissa Meyer has a Bachelor

of Arts in Industrial Design

and turned her back on this

profession by doing her Master

of Arts at the Department of

space&designSTRATEGIES at the

University of Art and Design

Linz. Since 2017, she has been

working as an Assistant Professor

for this department. With

her collective, MeyerSchink-

SeyerlENTERTAINMENT, she

questions spatial phenomena

and their specificity.

Tobi Müller is an arts journalist.

He studied languages in

Zurich and Berlin and spent

the first decade of the millennium

in Zurich, working as

an editor for newspapers and

television. He has been living in

Berlin since 2009, freelancing

for print media and radio. Pop

and theatre topics are his main

fields of expertise and he has

moderated numerous panel

talks. He also develops theatre

projects. From 2010 to 2014,

Tobi Müller headed a monthly

pop talk at the Volksbühne

together with Jens Balzer and

Sebastian Zabel. In 2014, the

event relocated to Deutsches

Theater in Berlin.

Berthold Schneider is a pianist

and opera director. He

worked as a dramaturg at

opera houses including Hamburgische

Staatsoper, Staatstheater

Braunschweig,

Städtische Bühnen Münster,

Nationaltheater Mannheim,

and Oper Dortmund. In Berlin,

he worked as a concept creator

for media businesses before he

became the Artistic Director

of staatsbank berlin. Since the

late nineteen-nineties, Berthold

Schneider has mostly directed

interdisciplinary musical theatre

productions. In 2006, he

was Head of Opera at Saarländisches

Staatstheater, before

taking charge of international

252


cooperation projects at the

English National Opera in London

from 2012 to 2014. After

a stop as Head of Opera at

Staats theater Darmstadt, he

was appointed Artistic Director

of opera by Wuppertaler

Bühnen, the municipal theatres

of the city of Wuppertal.

Dr Birgit Schneider-Bönninger

studied History, Social Sciences,

Politics, and Communication

Sciences at Westfälische

Wilhelms-Universität Münster

and wrote a PhD-dissertation

on the relationship between

the history of schools and

industry. After her teacher

training, she set up a local

history workshop in the city

of Wolfsburg while also heading

the city’s archive and the

Department of Culture. From

2014 to 2019, she was the Head

of the Department of Culture

of the state capital of Stuttgart,

where she established

futurology as a key research

task. In March 2019, she

became the new Department

Head for Culture and Sports in

the Federal City of Bonn.

Dr Uwe Schneidewind is a

management scientist. After

working for Roland Berger

Strategy Consultants, he completed

a doctoral thesis and a

habilitation thesis at the University

of St. Gallen. In 1998, he

was called to the Professorship

for Business Administration

with a focus on Production

Management and Environment

at Carl von Ossietzky Universität

Oldenburg. From 2004 to

2008, he was president of this

University. Since 2010, Uwe

Schneidewind has been President

of the Wuppertal Institute

for Climate, Environment

and Energy and Professor for

Innovation Management and

Sustainability at Bergische

Universität Wuppertal. He is a

member of the Club of Rome

and of the German Advisory

Council of Global Change

(WBGU) as well as Chair of

the Chamber for Sustainable

Development of the German

Protestant Church (EKD).

Renée Tribble is a freelance

planner (graduate engineer in

architecture) and a founder

and partner of PlanBude Hamburg.

Since graduating from

Bauhaus-Universität Weimar

(2005), she has worked on a

freelance basis for architectural

and planning offices

and with international project

teams. Her main fields of

interest are informal planning,

process design, competition

management and participation

processes. She is working on

a doctoral degree on creative

urban practice as urban development

and was a research

associate at HafenCity Universität

Hamburg’s department

for urban planning.

Antoine Turillon is a visual

artist whose projects are generated

from the contextual

and reciprocal relations of

space and photography. His

projects center on questions

related to space and urban

structures in relation to their

systems of representation. He

cofounded HOTEL CHARLEROI

in 2010. Since 2015, he has

been Assistant Professor at the

Department of space&design-

STRATEGIES at the University of

Art and Design Linz.

Stephan Willinger studied Spatial

Planning in Dortmund and

Berlin as well as Spatial Arts

at the Kunstakademie Düsseldorf.

He received a scholarship

from Bauhaus Dessau where

he wrote a thesis on narrative

urbanism. Since 2002, he has

been working at the Federal

Institute for Research on Building,

Urban Affairs and Spatial

Development (BBSR) in Bonn.

He is Project Manager for

national urban development

policy, supervises innovative

projects and has carried out a

wide range of research projects

in the fields of participation,

civil society, and informal

urbanism. He publishes articles,

gives lectures and teaches

Informal Urban Planning at

TU Dortmund’s master’s programme

Spatial Planning.

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