Walter Schels. trans* | Magazin (Blick ins Buch)

Fotografenverlag
  • No tags were found...

Über mehrere Jahre begleitete Walter Schels junge Menschen, die sich als Mädchen empfinden, aber in einem Jungenkörper geboren wurden und umgekehrt. Schels' Porträts machen den schwierigen Prozess des Einswerdens mit sich selbst sichtbar.

In Interviews berichten die Transmädchen und Jungen von Selbstablehnung und Selbstfindung, von Solidarität und Ausgrenzung, Freundschaft und Mobbing, von Erfahrungen mit Eltern, Geschwistern und der ersten Liebe.

Redaktion: Beate Lakotta

Sprachen: Deutsch, Englisch
Format: 22,5 x 28 cm
Hochwertiger Schwarzweiß-Digitaldruck auf Volumenpapier
Softcover, Fadenbindung
104 Seiten

WALTER

SCHELS

trans*


WALTER

SCHELS

trans*

Redaktion: Beate Lakotta


DANK

THANKS

Ohne Alessio, Ben B., Ben H., Ben M., Felix, Fynn, Gabriel,

Henriette und Antonia, Jana, Lenni und Luca, Leo, Leonie,

Lias, Linn, Liv und Sören, Luna, Magnus, Maik, Marie, Maxine,

Ole, Noah und Lies, Sofia und Tobias wäre dieses Projekt

nicht zustande gekommen. Jede Begegnung mit ihnen war

ein Geschenk. Wir danken ihnen und auch ihren Eltern,

Geschwistern und Freunden, die sie zu den Porträtterminen

begleiteten – und mit deren Erfahrungen man ein eigenes

Buch füllen könnte. Saskia Fahrenkrug vom Universitätsklinikum

Hamburg-Eppendorf hat uns an ihren Erkenntnissen

aus der langjährigen Begleitung von Transjugendlichen teilhaben

lassen. Freddy Kornfeld verdanken wir den Anstoß,

das gesammelte Material als Ausstellung und Publikation in

Form zu bringen. Danken möchten wir nicht zuletzt Achim

Wüsthof, auf dessen Initiative und Einsatz das trans * - Projekt

zurückgeht.

Without the generosity of Alessio, Ben B., Ben H., Ben M.,

Felix, Fynn, Gabriel, Henriette and Antonia, Jana, Lenni and

Luca, Leo, Leonie, Lias, Linn, Liv and Sören, Luna, Magnus,

Maik, Marie, Maxine, Ole, Noah and Lies, Sofia and Tobias

this project would never have got off the ground. Every encounter

with them was a gift. We thank them and also their

parents, siblings and friends who accompanied them to the

portrait sessions – and whose experiences could fill a book.

Saskia Fahrenkrug from the University Medical Center

Hamburg-Eppendorf shared with us her insights from many

years of accompanying trans youth. We owe a debt of gratitude

to Freddy Kornfeld for suggesting that the material

should be compiled in an exhibition and a book. Last but

not least, we would like to thank Achim Wüsthof, whose

initiative and commitment have been instrumental in shaping

the trans * project.

Walter Schels und Beate Lakotta

3


INHALT CONTENTS

06

14

16

18

20

24

28

30

32

34

36

38

40

42

44

46

48

50

52

54

56

58

60

62

64

66

69

96

103

Subtile Metamorphosen | Subtle Metamorphoses

Ole

Tobias

Ben M.

Jana

Lias

Fynn

Linn

Marie

Maik

Ben H.

Ben B.

Lenni und Luca

Henriette und Antonia

Noah und Lies

Liv und Sören

Gabriel

Maxine

Leo

Felix

Sofia

Alessio

Luna

Leonie

Magnus

Magnus, Liv

trans* – die Interviews | trans*– the interviews

Vom Weg zum Leben im richtigen Körper – und wie die Medizin dabei helfen kann

The path to life in the right body – and how medicine can help young people

über Walter Schels | about Walter Schels

5


SUBTILE METAMORPHOSEN

In seiner Langzeitstudie trans* zeigt Walter Schels den Prozess des Einswerdens

mit sich selbst. Von Beate Lakotta

Leonie war das erste Transmädchen, das Walter Schels im Herbst

2013 in seinem Studio besuchte. Sie war in Begleitung ihrer Mutter

gekommen, es war frühabends, wir saßen zusammen am

großen Tisch, Walter servierte Kaffee und Kekse. Es ging darum,

sich gegenseitig kennenzulernen, ein Gefühl füreinander zu

bekommen. Zuvor hatte ein gemeinsamer Freund, ein Arzt,

Walter gefragt, ob er Lust habe, die Entwicklung einiger seiner

Patienten zu dokumentieren. Als Hormonexperte behandelt der

Freund seit vielen Jahren transsexuelle Jugendliche. Jungen, die

als anatomisches Mädchen zur Welt gekommen sind, und Mädchen

wie Leonie, die als anatomische Jungen geboren sind. Er

hilft ihnen, ihren Körper ihrem als richtig empfundenen Geschlecht

anzugleichen.

Was der Arzt erzählte, weckte unsere Neugier. Walter, der

Porträtanfragen aller Art seit vielen Jahren fast immer ablehnt,

wollte sich auf dieses Langzeitprojekt einlassen. Die Idee war,

die Transformation vom anatomisch angeborenen zum »richtigen«

Geschlecht in bestimmten Zeitabständen fotografisch festzuhalten.

Die Jugendlichen, die aus ganz Deutschland mit ihren

Eltern zu ihrem Endokrinologen nach Hamburg anreisten, würden

fortan den Arzttermin mit dem Besuch beim Fotografen

verbinden, so war es gedacht. Natürlich würden die Eltern beim

Fotografieren dabei sein und müssten auch ihr Einverständnis

geben, schließlich sind alle Porträtierten anfangs minderjährig.

Wenig später stand Leonie, damals 14 Jahre alt und körperlich

noch zu hundert Prozent männlich, zum ersten Mal vor

Walters Kamera. Zunächst machte Walter seine charakteristischen

Porträts – schwarzweiß, Mittelformat, en face, direkter

Blick, wenig Mimik. Danach überließ er Leonie die Regie. Leonie

strahlte selbstbewusst in die Kamera, verwuschelte ihre Korkenzieherlocken,

probierte Posen aus, von niedlich bis Drama

Queen. Ihr damaliger, altersangemessener Berufswunsch:

Schauspielerin oder Model. Als Leonie und ihre Mutter wieder

gegangen waren, blieben Walter und ich verblüfft zurück. Hätten

wir Leonie getroffen, ohne ihre Geschichte zu kennen, niemals

wären wir auf die Idee gekommen, dass sie etwas anderes

sein könnte als – ein Mädchen.

Mittlerweile umfasst die Serie Porträts von fast 30 Transmädchen

und -jungen. Die jüngste Teilnehmerin war zum Zeitpunkt

der ersten Aufnahme elf Jahre alt, der Älteste, Lias, ist heute 23.

Ben, Leonie, Felix, Fynn, Sofia, Marie –

sie wirken alle vollkommen authentisch

Der Moment der Verblüffung bei der ersten Begegnung ist gleich

geblieben: Ben, Leonie, Felix, Fynn, Sofia, Marie – sie alle wirken

völlig authentisch. Kleidung, Körpersprache, Redeweise. Transmädchen

legen mädchenhaft den Kopf schräg, Transjungen

stellen sich erst mal mit verschränkten Armen vor die Kamera.

Es ist, in formaler Hinsicht, eine konservative Fotografie:

Mädchengesichter, Jungengesichter, die ohne zu lächeln in die

Kamera schauen. Ein gleichmäßiges, flaches Licht, das den Charakter

dieser Serie bestimmt – wie den der meisten Serien, die

Walter Schels fotografiert hat. Was soll also das Besondere an

diesen Bildern sein? Die meisten Betrachter sind zunächst ratlos.

Erst wenn sie erfahren, was sich hinter den Porträts verbirgt,

sind sie überrascht, irritiert und anschließend oft berührt. Viele

fragen nach der »Vorher-nachher-Systematik« in der Serie. Sie

erwarten, dass die Entwicklung von einem Geschlecht zum anderen

in der äußeren Erscheinung klar erkennbar sein müsse.

6


SUBTLE METAMORPHOSES

In his long-term study trans*, Walter Schels shows the process of becoming one with oneself.

By Beate Lakotta

Leonie was the first transgirl to visitWalter Schels in his studio.

In the fall of 2013, she came accompanied by her mother; it was

early evening and we sat together at the big table. Walter served

coffee and cookies. The objective was to get to know each other,

to get a feel for each other. Earlier, a mutual friend, a doctor, had

asked Walter if he would like to document the development of

some of his patients. The renowned hormone expert has been

treating transgender teenagers for many years. Boys who were

born in the body of girls, and girls like Leonie who were born as

boys. He helps them align their bodies with their perceived gender

identity.

What the doctor told us sparked our curiosity. Walter, who

has almost consistently turned down portrait requests of all

kinds for many years, wanted to get involved in this long-term

project. The idea was, at specific intervals, to photographically

record the transformation from the gender at birth to the “correct”

gender. The young people, who traveled from all over

Germany with their parents to see the endocrinologist in Hamburg,

would now combine their doctor’s appointment with a

visit to the photographer, or at least that was the idea. Of course,

the parents would be present when the photos were taken and

would also have to give their consent, because all those portrayed

were initially minors.

A little later, Leonie, then 14 years old and physically still

one hundred percent male, stood in front of Walter’s camera

for the first time. At first Walter took his signature portraits –

black and white, medium format, en face, direct gaze, few

facial expressions. Then he let Leonie take the reins. Leonie

beamed confidently into the camera, tousled her corkscrew

curls, tried out poses, going from cute to drama queen. Her

career aspiration, which was entirely age-appropriate, was to

become an actor or a model. When Leonie and her mother

departed, Walter and I were dumbfounded. If we had met Leonie

without knowing her story, we would never have thought that

she could be anything other than – a girl.

In the meantime, the series has grown to include portraits

of nearly 30 transgirls and boys. The youngest participant was

eleven years old when the first picture was taken, and the oldest,

Lias, is now 23. The moment of amazement at the first

encounter has remained the same: Ben, Leonie, Felix, Fynn,

Sofia, Marie – they are all completely authentic. Clothing,

body language, manner of speaking. Transgirls tilt their heads

girlishly, transboys first stand in front of the camera with their

arms crossed.

These are, formally speaking, conservative photographs:

girls’ faces, boys’ faces looking into the camera without smiling.

An even, flat light determines the character of this series

– like that of most series Walter Schels has photographed. So

what is special about these pictures? Most viewers are perplexed

at first. Only when they learn what is hidden behind the

portraits are they surprised, confused and subsequently often

touched. Many ask about the “before and after system” in the

series. They expect the transition from one gender to the other

Parents tell of bitter fights with three-year-olds

in front of the closet

to be clearly recognizable in the external appearance. But that is not

the case with these young people; these are subtle metamorphoses.

Long before they began treatment most bore little resemblance

to the gender listed on their ID card. Some never did.

7


Doch genau das ist bei diesen jungen Menschen nicht der Fall;

es sind subtile Metamorphosen.

Die meisten waren schon lange vor Beginn der Behandlung

äußerlich nicht dem Geschlecht zuzuordnen, das in ihrem Ausweis

verzeichnet war. Manche waren das nie. Eltern erzählen

von erbitterten Kämpfen mit Dreijährigen vor dem Kleiderschrank

oder vor dem Friseurbesuch. Von Kindern, die sich

heimlich die Brust mit Paketklebeband abschnüren oder ankündigen,

sich den Penis abzuschneiden.

in Deutschland erst nach dem 18. Geburtstag stattfinden kann,

ein Zielpunkt in ihrem Leben.

Genauso viele erzählen aber auch von der beeindruckenden

Solidarität ihrer Eltern, Geschwister, Freunde, Lehrer, Mitschüler.

Von der Offenheit ihrer Umgebung, die sie umso mehr beglückt,

weil sie damit nicht gerechnet hatten. Manchmal kommen

ganze Familien mit zum Fototermin, und Walter und ich

sind jedes Mal berührt vom starken Zusammenhalt, den sie

ausstrahlen.

Zum Projekt gehören Interviews mit den Porträtierten, die wir

auf Video aufzeichnen. In all diesen Gesprächen kehrt als Motiv

die frühe Gewissheit wieder, im falschen Körper zu stecken.

Fast alle berichten von einer Zeit, in der sie annahmen, der einzige

Mensch auf der Welt zu sein, dem dieses Schicksal widerfährt.

Bis sie irgendwann erfuhren, dass ihr Lebensgefühl einen

Namen hat: Transsexualität.

Viele Transkinder berichten von Scham und Geheimhaltung,

von Schuldgefühlen und Suizidgedanken. Manche Geschichten

sprengen die Familie. „Mein Vater gibt meiner Mutter

die Schuld daran, dass ich so bin“, so haben wir es mehrfach gehört.

Viele Transkinder teilen fundamentale Erfahrungen: Sie

erleben, wie sich Freunde abwenden. Sie leiden unter Hänseleien

auf dem Schulhof, Demütigungen im Sportverein, dem bürokratischen

Hindernislauf bei den Ämtern. Natürlich kommt

in allen Interviews, die wir aufzeichnen, früher oder später die

Rede auf das Schultoilettenproblem, den Einsatz von Gummibusen

und Kompressionswäsche, auf Themen wie Brustamputation

und den Aufbau des Pseudopenis.

Viele berichten, dass sie sich wegen ihrer »falschen« äußerlichen

Merkmale nicht ins Schwimmbad trauen. Häufig kreisen

ihre Gedanken um chirurgische Fragen. Der Druck, den viele in

den sozialen Netzwerken erleben, ist hoch. In Trans-Chats gibt

es eine regelrechte Konkurrenz darum, wer als erster Hormone

bekommt oder bei wem die Brust schon wächst oder der Bart.

Für viele ist die große geschlechtsangleichende Operation, die

Sie sehnen sich nicht nach einem Leben

als Freak am Rande der Gesellschaft, sondern

nach Normalität

Vor nicht allzu langer Zeit war Transsexualität noch ein Tabu.

Heute ist es ein Medienthema. Betroffene wagen sich an die Öffentlichkeit.

Sie wollen sich nicht länger verstecken. Und ihre

Erfahrungen und Geschichten stoßen auf Interesse. Die Bilder,

die in diesem Zusammenhang entstehen, unterscheiden sich

stark in ihren fotografischen Ansätzen. Bettina Rheims beispielsweise

hat vor einigen Jahren eine Serie mit Porträts von

Transmenschen fotografiert. Die Teilnehmer wurden dafür

weltweit gecastet. Rheims zeigt sie als Protagonisten einer

schillernden Welt, viel nackte Haut, erotisch aufgeladene

Gesten.

Mit der Realität der Jugendlichen, die sich von Walter porträtieren

lassen, hat das wenig zu tun. Sie sehnen sich nicht nach

einem Leben als Freak am Rand der Gesellschaft, sondern nach

Normalität – ein bürgerlicher Beruf, Partnerschaft, Kinder. Aber

sogar das Sprechen über das Thema kann manchmal kompliziert

sein: Viele lehnen den Begriff »transsexuell« ab, weil darin

die Silbe »sex« steckt. Im Englischen bezeichnet »sex« das anatomische

Geschlecht; im deutschen Sprachraum denkt man

dabei unwillkürlich an etwas Sexuelles. Dadurch bekommt

diese Bezeichnung aus Sicht der Betroffenen etwas Voyeuristi-

8


Parents tell of bitter fights with three-year-olds in front of the

closet or before going to the hairdresser. Of children secretly

flattening their chests with parcel tape or announcing they

were going to cut off their penis.

The project includes interviews with the people portrayed,

which we recorded on video. In all of these conversations, the

early certainty of being stuck in the wrong body recurs as a

motif. Almost all the subjects tell of a time when they assumed

they were the only person in the world to suffer this fate. Until,

at some point, they learned that their life experience had a

name: transsexuality.

Many trans children speak of shame and secrecy, of feeling guilt

and having suicidal thoughts. Some stories drove families to the

brink.“My father blames my mother for me being like this“,

that‘s how we heard it several times. Many trans children share

similar fundamental experiences: Some friends turned away.

They suffer teasing in the schoolyard, humiliation at the sports

club, the bureaucratic obstacle course at government offices.

Of course, in all the interviews we record, sooner or later the

school toilet problem, the use of fake breasts and compression

garments, mastectomies, and the construction of pseudo-penises

come up.

Many say that they are afraid to go to the swimming pool

because of their “fake” external features. Often their thoughts

revolve around surgical issues. Many experience incredible

pressure in social networks. In trans * chats, there is a real competition

to see who will be the first to get hormones or grow

breasts or a beard. For many, the major gender reassignment

surgery, which in Germany can only take place after the 18th

birthday, is a key goal in their lives.

Equally, though, many tell of the impressive solidarity of

their parents, siblings, friends, teachers and classmates. About

the open-mindedness of those around them, which made them

all the more happy because they had not expected it. Sometimes

whole families come along to the photo shoot, and

every time Walter and I are touched to see the strong sense of

togetherness they radiate.

Not so long ago, transgender was a taboo. Today it is a media

topic. Those affected dare to go public. They no longer want to

hide. Their experiences and stories are attracting interest. The

images that emerge in this context differ greatly in their photographic

approaches. Bettina Rheims, for example, photographed

a series of portraits of transpeople a few years ago. The

participants were cast from around the world for this. Rheims

shows them as protagonists in a dazzling world, lots of naked

skin, erotically charged gestures.

This has little to do with the reality of the young people

portrayed by Walter. They don’t want a life as a freak on the

fringes of society – they long for normality: a middle-class job,

a partnership, children. But even talking about the topic can

sometimes be complicated: Many reject the term “transsexual”

because it contains the syllable “sex”. In English, “sex” refers to

the anatomical gender; in German, people involuntarily think

of something sexual. This gives the term a voyeuristic and invasive

touch from the point of view of those affected. In a

Leonie, Walter Schels, 2015

9


10

Magnus, Leo, Ole

Ben H., Alessio, Gabriel

Ben B., Tobias, Fynn

im Mädchenkörper geboren | born in the body of a girl 2013 – 2020


Sofia, Luna, Lenni

Linn, Maxine, Marie

Leonie, Liv, Henriette

im Jungenkörper geboren | born in the body of a boy, 2013 – 2020

11


14

Ole, 15 Jahre, 2014 | 18 Jahre, 2017


15


16

Tobias, 14 Jahre, 2013 | 15 Jahre, 2014


17


18

Ben M., 15 Jahre, 2013 | 20 Jahre, 2018


19


Jana, 15 Jahre, 2015

21


22

Jana, 14 Jahre, 2014 | 17 Jahre, 2017 | 14 Jahre, 2014


oder so?

23


24


Lias, 16 Jahre, 2014 | 17 Jahre, 2014

25


26

Lias, 19 Jahre, 2017 | 21 Jahre, 2019 | 18 Jahre, 2016


27


28

Fynn, 17 Jahre, 2014

18 Jahre, 2015 | 19 Jahre, 2016 | 21 Jahre, 2018


29


42

Henriette und Antonia, Zwillinge, als Bruder und Schwester geboren | twins, born as brother and sister, 2018

Henriette, 17 Jahre, 2020


43


50

Maxine, 18 Jahre, 2018


51


66

Magnus, 16 Jahre, 2015


Liv, 15 Jahre, 2018

67


trans*

DIE INTERVIEWS

THE INTERVIEWS

69


TRANS* – DIE INTERVIEWS

Mit den meisten Teilnehmern dieses Projekts haben wir mehrere Interviews

insgesamt einige Hundert Stunden Material – aufgezeichnet.

Hier kommen deshalb die gleichen Personen in unterschiedlichen Altersstufen

zu Wort. Oft war es ein schmaler Grat zwischen Offenheit und

Diskretion. Bei nahezu allen Interviews mit unter 18-Jährigen war ein

erwachsenes Familienmitglied dabei. Die anonymen Zitate stammen

von verschiedenen Transjungen und -mädchen.

WIE MAN ES MERKT

Ben H., 15 Jahre: Ich hab schon mit fünf Jahren gespürt, dass ich

im falschen Körper bin. Am Anfang war das keine große Sache,

ich war eben eher ein burschikoses Mädchen. Ich hab mit Autos

gespielt und auf keinen Fall mit Barbies. Ich dachte, das ist normal.

In der Grundschule war das auch erst mal kein Problem.

Lenni, 16 Jahre: Im Kindergarten bin ich instinktiv zu den Puppen

gerannt und habe mit den Mädchen gespielt, und für die

war ich ein Mädchen. Ich habe damals gar nicht realisiert, dass

ich nicht zu den Mädchen gehöre. Ich wusste einfach immer,

dass ich ein Mädchen bin. Auf dem Flohmarkt haben wir ein

pinkes Kleid gekauft, das durfte ich anziehen – aber nur zu

Hause. Nach und nach wurde es besser: Ich bin mit meinem

Kleid zu den Festtagen gerannt, zum Vogelschießen oder so.

Und niemand hat was gesagt.

Ole, 18 Jahre: Mit vier habe ich mit Fußball angefangen. In der

Grundschule hatte ich nur Jungs als Freunde. Mit sieben geht

es dann los, dass man in einer Mädchenmannschaft spielen

muss. Man kann nicht zusammen mit seinen Freunden Spaß

haben, sondern muss gegen die spielen. Da habe ich mit Fußballspielen

aufgehört.

Maxine, 18 Jahre: Ich habe mich heimlich mit den Klamotten meiner

Mutter verkleidet; ich habe ihre Stiefel angezogen und bin

damit rausgegangen. Ich habe Weihnachtsschmuck vom Tannenbaum

genommen und ihn an meine Haare gelegt und mir

aus Bällen Brüste gemacht.

Ben M., 15 Jahre: Wenn wir gespielt haben war ich immer der

Vater oder der Prinz. Aber nie die Prinzessin. Das passte nicht.

Transjunge, anonym, 19 Jahre: Ich habe mir früher selber wehgetan

– weniger als andere. Geschnitten habe ich mich nicht viel, ich

habe mich meistens selber gehauen. Ich konnte mir einfach

nicht erklären, was mit mir falsch war und warum ich so unglücklich

war.

Ben B., 17 Jahre: Im Kindergarten war alles gut. Bis ich dann mit elf

immer noch zu den Jungs rübergegangen bin. Die haben sich gewundert,

weil ich eigentlich als Mädchen bei den Mädchen sein

müsste und nicht mit Autos spielen und im Sand buddeln sollte.

Jana, 18 Jahre: Als Kind dachte ich, ich passe eher zu den Mädchen,

aber normal ist das nicht. Jemanden wie mich hab ich sonst

nirgends gesehen. Mit zehn wusste ich: Es ist was mit meinem

Körper, ich möchte ein Mädchen sein.

PUBERTÄT

Ole, 17 Jahre: Die anderen finden sich schön, sie entwickeln sich

und werden erwachsen. Es bringt ihnen Spaß, sich zu schminken

und ihren Körper zu betonen. Nur man selbst fühlt sich

unwohl, genau wegen der Sachen, wegen denen andere sich

besser fühlen.

Leo, 16 Jahre: Ich denke, es ist von Geburt an in einem drin zu

wissen, welchem Geschlecht man angehört. Ich wusste schon

immer: Ich bin Leo.

Lias, 21 Jahre: Zu beobachten, wie sich die Brust entwickelt und

nichts dagegen machen zu können, war sehr schlimm. Ich hätte

mir nicht vorstellen können, so weiterzuleben.

70


TRANS* – THE INTERVIEWS

We recorded several interviews with most of the participants in this

project – a total of several hundred hours of material. The same people

at different ages therefore have their say here. It was often a fine line

between openness and discretion. Almost all interviews with

under-18s had an adult family member present. The anonymous

quotes are from various trans boys and girls.

HOW TO NOTICE

Ben H., 15: I already felt at the age of five that I was in the wrong body.

At first it wasn’t a big deal, I was more of a tomboyish girl. I played

with cars, and definitely not with Barbies. I thought that was normal.

In elementary school, it wasn’t a problem at first either.

Lenni, 16: In kindergarten, I instinctively ran to the dolls and

played with the girls, and for them I was a girl. At the time, I

didn’t even realize that I didn’t belong with the girls. I just always

knew that I was a girl. We bought a pink dress at the flea market,

and I was allowed to wear it – but only at home. Little by little it

got better: I would wear my dress to local festivities, like the bird

shooting. Nobody said anything.

Ole, 18: I started playing soccer when I was four. In elementary

school, I only had boys as friends. When you’re seven, you have

to play in a girls’ team. You can’t have fun with your friends, you

have to play against them. That’s when I stopped playing soccer.

started playing soccer when I was four. In elementary school, I

only had boys as friends. When you‘re seven, you have to play

in a girls’ team. You can‘t have fun with your friends, you have

to play against them. That’s when I stopped playing soccer.

Leo, 16: I think you know from birth which gender you belong

to. I’ve always known that I’m Leo.

Maxine, 18: I secretly dressed up in my mom’s clothes; I put on her

boots and went out in them. I took Christmas decorations from

the Christmas tree and put them in my hair and made breasts

out of balls.

Ben M., 15: When we played, I was always the father or the prince.

But never the princess – it just didn’t feel right.

Trans boy, anonymous, 19: I used to hurt myself – less than

others. I didn’t cut myself much, I mostly hit myself. I just

couldn’t explain what was wrong with me and why I was so

unhappy.

Ben B., 17: Everything was fine in kindergarten. Until I went

over to the boys when I was eleven. They were surprised

because, as a girl, I was supposed to be with the girls and not

playing with cars and digging in the sand.

Jana, 18: As a child, I thought I would fit in better with the girls,

but that’s not normal. I didn’t see anyone like me anywhere

else. When I was ten, I knew: There’s something not right with

my body, I want to be a girl.

PUBERTY

Ole, 17: The others discover they’re beautiful, they’re developing

and growing up. It’s fun for them to put on makeup

and emphasize their bodies. Only you feel uncomfortable,

precisely because of the things that make others feel better.

Lias, 21: Watching my breasts develop and not being able to do

anything about it was terrible. I couldn’t imagine going on

living like that.

Ben M., 15: At some point I started to bind my breasts. I felt they

didn’t belong to me and I didn’t want anyone to see them. It

got worse every year.

71


Ben M., 15 Jahre: Irgendwann habe ich angefangen, mir die Brust

abzubinden. Weil das nicht zu mir gehört. Es sollte keiner sehen.

Es wurde von Jahr zu Jahr schlimmer.

Leo, 16 Jahre: Mein erster Versuch war mit Panzertape. Das habe

ich einmal komplett um den ganzen Oberkörper rumgewickelt.

Das war nicht die beste Idee, weil ich mir damit die ganze

Haut abgerissen habe. Jetzt benutze ich einen Binder. Der

drückt alles zusammen. Es ist, als würde sich jemand auf den

Brustkorb draufsetzen. Ich bekomme davon auch Rückenschmerzen.

Lange Zeit habe ich den Binder nicht mal zum

Schlafen ausgezogen. Ich hatte ihn immer an, außer zum Duschen.

Henriette, 15 Jahre: Ich unterstütze meine Brust mit Silikoneinsätzen.

Ohne meine Silikonbrüste könnte ich nicht mehr losgehen.

Mir würde was fehlen.

Henriette, 17 Jahre: Meine Brust ist durch die Hormone gewachsen.

Wahrscheinlich hätte ich die Prothesen von Anfang an

nicht gebraucht. Ich schäme mich nicht für meinen Körper. Es

war einfach ein innerer Zwang, weiblicher aussehen zu wollen.

Meine Freundinnen hatten alle schon Brust. Und ich kam mir

vor, als hätte ich gar nichts.

OUTING – ELTERN UND GESCHWISTER

Ben B., 17 Jahre: Mit 14 bin ich zu Mutti hingegangen und habe

gesagt: Du Mutti, ich bin jetzt Ben. Da hat sie erst gestaunt. Ich

stand ja noch mit langen Haaren vor ihr. Sie hatte was gespürt,

aber sie dachte, das hätte mit der Schule zu tun. Für sie war es

schwer, sie hat ja eine Tochter verloren.

Ole, 16 Jahre: Ein Jahr lang habe ich gewartet, aber der perfekte

Moment dafür kam nie. Irgendwann habe ich es einfach beim

Frühstück gesagt, weil ich dachte, dann muss ich vielleicht an

dem Tag nicht zur Schule und danach ändert sich sowieso alles.

Mein Vater hat sich extra freigenommen, wir haben drei Stunden

geredet. Meine Mutter hat gleich angefangen nach Hilfe zu

suchen. Direkt nach dem Outing hab ich geweint. Seitdem gab

es keinen Grund mehr.

Alessio, 15 Jahre: Ich habe geweint, weil ich so aufgeregt war, und

auch aus Erleichterung, weil es endlich raus war. Und Mama hat

mich dann in den Arm genommen.

Magnus, 16 Jahre: Meinem Vater fiel es schwerer, vor allem, dass

er mich nicht mehr Marlene nennt, sondern Magnus. Aber er

sagte, solange ich glücklich bin, ist er auch glücklich.

Jana, 14 Jahre: Wenn wir im Musikunterricht singen und ich so

tief singe, obwohl ich das gar nicht will, merkt man, dass irgendwas

nicht hundertprozentig stimmt. Gesagt hat mir das niemand,

aber ich kann mir vorstellen, dass einige das denken. Ich

singe dann ganz, ganz leise.

Gabriel, 19 Jahre: In der Pubertät habe ich noch einen letzten Versuch

gemacht, ein Mädchen zu sein. Ich hatte lange Haare und

hab versucht, mich wie die anderen Mädchen anzuziehen. Aber

dadurch wurde ich nur noch unglücklicher. So mit 14, 15 habe

ich aufgegeben, mir etwas vormachen zu wollen.

Felix, 19 Jahre: Meine Eltern haben mich nie in die Mädchenrolle

gezwängt, dadurch war meine Kindheit trotzdem relativ glücklich.

Ich musste keine langen Haare haben oder Ballett tanzen,

sondern ich durfte Fußball spielen und Jungsklamotten tragen.

Ben M., 15 Jahre: Mit meiner Mutter gab es Kämpfe, wenn ich einen

Rock anziehen musste. Dann bin ich schon mal durchgedreht.

Aber jetzt unterstützen meine Eltern mich total.

Lenni, 16 Jahre: Sie haben mich zum Psychologen geschickt. Ich

habe gar nicht realisiert, dass das ein Psychologe war. Ich dachte,

72


Leo, 16: My first attempt was with duct tape. I wrapped it once

completely around my whole upper body. That wasn’t the best

idea because I tore off all my skin with it. Now I use a binder. It

squeezes everything together. It’s like someone is sitting on my

rib cage and it gives me back pain. For a long time I didn’t even

take the binder off to sleep. I always had it on except to shower.

Henriette, 15: I boost my breasts with silicone inserts. Without

my silicone breasts, I wouldn’t be able to go out. I would miss

something.

Henriette, 17: My breasts have grown due to the hormones. I

probably wouldn’t have needed the prostheses. I’m not ashamed

of my body. It was simply an inner compulsion to want to look

more feminine. My friends all already had breasts. And I felt

like I had nothing at all.

Jana, 14: When we sing in music class and I sing so low, even

though I don’t want to, you can tell that something is not one

hundred percent right. Nobody has told me that, but I can imagine

that some people think that. I make sure to sing very, very softly.

Gabriel, 19: During puberty, I made one last attempt to be a girl.

I had long hair and tried to dress like the other girls. But that

only made me more unhappy. At 14 or 15, I gave up trying to

pretend.

maybe I wouldn’t have to go to school that day, and after that

everything would change anyway. My father took extra time

off, we talked for three hours. My mother immediately started

looking for help. I cried immediately after coming out, but

there has been no reason to cry since then.

Alessio, 15: I cried because I was so excited, and also out of

relief because it was finally out. And then mom took me in

her arms.

Magnus, 16: It was tougher for my father, especially that he no

longer gets to call me Marlene, but Magnus. But he said that

as long as I’m happy, he’s happy.

Felix, 19: My parents never forced me into the role of a girl, so

my childhood was still relatively happy. I didn’t have to have

long hair or take ballet lessons; I was allowed to play soccer

and wear boys’ clothes.

Ben M., 15: There were fights with my mother when I had to put

on a skirt. Then I sometimes went crazy. But now my parents

are totally supportive.

OUTING – PARENTS AND SIBLINGS

Ben B., 17: When I was 14, I went to my mom and said, “Mom,

I’m Ben now.” She was slightly shocked at first. I still had my

long hair. She had felt something, but she thought it had to do

with school. It was hard for her, because she lost a daughter.

Ole, 16: I waited for a year, but the perfect moment never came.

At some point I just told them over breakfast, thinking that

Beate Lakotta, Lias, 2019

73


VOM WEG ZUM LEBEN IM RICHTIGEN KÖRPER

… und wie die Medizin Jugendlichen dabei helfen kann. Von Achim Wüsthof

Als Arzt bin ich Spezialist für Hormone. Ich behandle Kinder

und Jugendliche, die zu klein sind oder zu groß, zu dick oder

zu dünn, deren Pubertät zu früh oder zu spät beginnt, die Probleme

mit der Schilddrüse oder ihrem Zuckerstoffwechsel

haben – die klassischen Gründe, weshalb Kinder zu einem

Endokrinologen gehen.

Seit etwa 20 Jahren kommen auch Kinder und Jugendliche

zu mir, für die ihr Körper nicht zu ihrem gefühlten Geschlecht

passt. Sie sind mit allen körperlichen Merkmalen eines Jungen

geboren, aber von frühester Kindheit an empfinden sie sich als

weiblich und wünschen sich einen passenden Körper, mit

Brüsten, Taille und einer Vagina. Oder umgekehrt: Sie fürchten

nichts mehr, als in die weibliche Pubertät zu kommen, denn

sie empfinden sich als männlich, und dazu gehören für sie

breite Schultern, Penis, Bart und tiefe Stimme.

Ein komplexes Phänomen; der gesellschaftliche Blick darauf

wandelt sich ständig – ebenso, wie wir darüber sprechen. Früher

nannte man es „Transsexualität“. Bis heute regelt zum Beispiel

in Deutschland das „Transsexuellengesetz“, wann und unter

welchen Umständen eine Person ihr Geschlecht ändern darf,

sowohl körperlich als auch amtlich; die meisten Betroffenen

empfinden beides als Zumutung – das Gesetz ebenso wie die

Bezeichnung. Sie sprechen lieber davon, trans * zu sein oder

von „Transidentität“.

Aber was genau ist Transsein? Lange definierten Ärzte und

Forscher es als Störung der Geschlechtsidentität im Sinne einer

medizinischen Diagnose. Heute bemühen wir uns,

Transsein nicht mehr als „Störung“ und „krankhaft“ einzuordnen,

sondern – wie die Homosexualität – als eine Normvariante,

bei der das bei der Geburt zugewiesene Geschlecht nicht dem

erlebten entspricht. In der Fachwelt sprechen wir von Geschlechtsinkongruenz.

Das seelische Leiden daran bezeichnen

wir als Geschlechtsdysphorie.

Woher diese Variante von der Norm rührt, ist unbekannt.

Noch heute glauben einige, dass die Erziehung eine Rolle spiele,

wenn ein Kind eine transidente Entwicklung zeigt. Wissenschaftlich

ist das nicht haltbar. Anatomie, Hormone und Chromosomen

von Transmenschen entsprechen in der Regel dem

ursprünglich zugeordneten Geschlecht. Neuroanatomisch

betrachtet ähneln Strukturen gewisser Hirnareale von Transmenschen

denen von Personen des gefühlten Geschlechts –

schon bevor sie mit einer Hormonbehandlung beginnen.

Den Jugendlichen, die zu mir kommen, ist es eher egal, woher

ihre Zerrissenheit rührt. Sie leiden darunter, im falschen

Körper zu leben. Nicht selten führt dieses Leid zu tiefer existenzieller

Verzweiflung, Depressionen, Selbstverletzungen,

Suizidgedanken, Suizidversuchen. Einer US-amerikanischen

Meta-Studie zufolge nehmen sich fast sechsmal so viele Transjugendliche

das Leben wie andere Teenager.

Transidentität ist kein neumodisches Phänomen. Berichte über

transidente Menschen gibt es aus unterschiedlichsten Epochen.

Schätzungsweise einer von 5000 Menschen ist transident.

Neu sind allerdings unsere medizinischen Möglichkeiten,

den Körper dem gefühlten Geschlecht anzupassen. Meist unterstützen

die Eltern ihr Kind auf diesem Weg. Ob als Sohn

oder Tochter – die meisten wollen einfach nur, dass es glücklich

wird. Die gesellschaftliche Akzeptanz dafür ist in den vergangenen

Jahren gestiegen. Krankenkassen übernehmen die

Kosten der Behandlung, Schulen schreiben den Wunschnamen

auf das Zeugnis und die Klassenliste oder lassen zu, dass

96


THE PATH TO LIFE IN THE RIGHT BODY

... and how medicine can help young people. By Achim Wüsthof

As a doctor, I am a specialist for hormones. I treat children and

adolescents who are too short or too tall, too fat or too thin,

whose puberty starts too early or too late, who have problems

with the thyroid gland or their sugar metabolism – all the

common reasons why a child may need to be treated by an

endocrinologist.

For the last 20 years or so, I have also been treating children

and adolescents whose bodies do not match their perceived

gender. They are born with all the physical characteristics of

a male, but from early childhood they feel they are female and

want a body that fits, with breasts, a waist and a vagina. Or vice

versa: they fear nothing more than entering female puberty,

because they perceive themselves as male, and for them this

includes broad shoulders, a penis, facial hair and a deep

voice.

It is a complex phenomenon, and society’s view of it is

constantly changing, just like how we talk about it. This condition

used to be called “transsexuality.“ In Germany, for example,

the “Transsexuellengesetz” (Transsexuals Act) still

regulates when and under which circumstances a person may

change their gender, both physically and officially. Most of

those affected find both the law and the designation unacceptable.

They prefer to speak of being trans * or of “transidentity.“

But what exactly does it mean to be trans? For a long time,

doctors and scientists defined this condition as a gender identity

disorder in the sense of a medical diagnosis. Today, we no

longer classify being trans as a “disorder” or “pathological,”

but – like homosexuality – as a norm variant where the gender

assigned at birth does not correspond with the gender identity.

In the professional world we speak of gender incongruence,

and the mental suffering this causes is called gender dysphoria.

We do not know what causes this variation from the norm. Even

today, some believe that upbringing plays a role when a child

displays a transident development. There is no scientific proof

for this. The anatomy, hormones and chromosomes of transpeople

usually correspond to the originally assigned gender.

Neuroanatomically, the structure of certain brain areas of

transindividuals resembles those of people of the perceived

gender, even before they begin hormone treatment.

Whether as son or daughter, most parents

just want their child to be happy

The young people who come to me are usually indifferent

to the possible causes. They suffer from living in the wrong

body. Not infrequently, this suffering can lead to deep existential

despair, depression, self-harm, suicidal thoughts, suicide

attempts. According to a U.S. meta-study, almost six times as

many young trans people take their own lives compared with

other teenagers.

Transidentity is not a newfangled phenomenon. Reports of

transgender people exist from a wide variety of eras throughout

history. It is estimated that one in 5000 people is transgender.

However, what is new are our medical options to adapt the

body to the perceived gender identity. Most parents are supportive

of their child along this path. Whether as a son or

daughter, most just want their child to be happy. Social acceptance

has increased in recent years. Health insurance companies

cover the costs of treatment, schools will use the chosen

name on report cards and class lists or allow trans children to

97


ÜBER WALTER SCHELS

ABOUT WALTER SCHELS

Walter Schels ( * 1936 Landshut) arbeitete bis 1966 als Schaufensterdekorateur

in Barcelona, Kanada und Genf, bevor er

nach New York ging, um Fotograf zu werden. 1970 kehrte er

nach Deutschland zurück und arbeitete für die Werbung und

in der redaktionellen Fotografie. Zum Schlüsselerlebnis wurde

für ihn ein Auftrag des Magazins „Eltern“: 1974 fotografierte

er für die Zeitschrift eine Geburt. „Zum ersten Mal sah ich

das Gesicht eines neugeborenen Menschen. Doch nicht ein

geschichtsloses Wesen schaute mich da an, sondern ein Gesicht

mit Vergangenheit, wissend, uralt“, sagt Schels über diesen

Moment. Seither hat ihn die Beschäftigung mit dem Gesicht

nicht mehr losgelassen.

Bekannt wurde er durch Charakterstudien von Prominenten

aus Politik und Kultur, Porträt-Serien von Menschen

in Extremsituationen und Tierporträts. Mit Beginn der

1990er-Jahre widmet er sich verstärkt eigenen künstlerischen

Projekten. In Langzeitstudien beschäftigt er sich mit den Extremsituationen

der menschlichen Existenz.

Seine Werke sind Bestandteil von Kunstsammlungen und

wurden in Ausstellungen im In- und Ausland gezeigt, u.a. im

Deutschen Hygienemuseum in Dresden, in der DZ Bank in

Frankfurt, bei C/O Berlin oder im Mori Art Museum in Tokio.

2019 widmete ihm das Haus der Photographie in den Deichtorhallen

Hamburg eine große Einzelausstellung.

Walter Schels ( * 1936 Landshut) worked as a window dresser

in Barcelona, Canada and Geneva until 1966, when he went to

New York to become a photographer. In 1970 he returned to

Germany and worked in advertising and editorial photography.

A key experience for him was an assignment from “Eltern”

(Parents) magazine: in 1974 he was commissioned to

photograph a birth. “For the first time I saw the face of a newborn

human being. But it was not a being without history that

was looking at me, but a face with a past, knowing, ancient,“

says Schels, describing that moment. Since then, he has been

preoccupied with faces.

He became known for character studies of celebrities from

politics and culture, portrait series of people in extreme situations,

and animal portraits. At the beginning of the 1990s, he

increasingly devoted himself to his own artistic projects. In

long-term studies he examines the far reaches of the human

condition.

His works are part of important art collections and have

been shown in exhibitions in Germany and abroad, including

the German Hygiene Museum in Dresden, the DZ Bank in Frankfurt,

C/O Berlin and the Mori Art Museum in Tokyo and the

Wellcome Collection in London. In 2019, the Haus der Photographie

at the Deichtorhallen Hamburg dedicated a major solo

exhibition to him.

103


Realisierung der Ausstellung und der Publikation mit freundlicher Unterstützung durch

Realization of the exhibition and the publication with the kind support of

Fotografie Photography

Walter Schels

Redaktion und Gestaltung Editing

Beate Lakotta

Design Design

QART Büro für Gestaltung

Lektorat / Übersetzung Proof Editing/Translation

Stefan Moos, Fiona Sangster

Druck Imprint

Wegner GmbH, Stuhr

© 2021 Fotografenverlag, Hamburg

www.fotografenverlag.com

ISBN: 978-3-982 2605-4-9


9 783982 260549

More magazines by this user
Similar magazines