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Leseprobe_Wirbel

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Elisabeth Heidenreich

Wirbel

Novelle


Wirbel


ELISABETH HEIDENREICH

W I R B E L

Novelle


Elisabeth Heidenreich: Wirbel

Novelle

Hollitzer Verlag, Wien 2022

Umschlaggestaltung: Nikola Stevanović

Satz: Daniela Seiler

Hergestellt in der EU

Alle Rechte vorbehalten

© HOLLITZER Verlag, 2022

www.hollitzer.at

ISBN 978-3-99012-978-4


Für

Nikos Tzavaras


Dieses Wachträumen ist Denken im nebulösen

Zustand am Rand des Schlafes und spintisiert in

dessen Grenzbereich herum. Die von lebendigen,

transparenten Wesen bevölkerte Luft, das wäre

erst der Anfang einer unbekannten Welt (…)

Victor Hugo

Die Arbeiter des Meeres (1866)

Aber wenn einem das Herz nun ganz von selber

klopft, grundlos und sinnlos und sozusagen auf

eigene Hand, das finde ich geradezu unheimlich,

versteh mich recht, es ist ja so, als ob der Körper

seine eigenen Wege ginge und keinen Zusammenhang

mit der Seele mehr hätte (…)

Thomas Mann

Der Zauberberg (1924)


1

S

chon zwei Jahrzehnte hatte er auf dem Balkon

mit der niedrigen Balustrade gestanden, ohne

unsicher oder schwindlig zu werden, sei es während

einer Arbeitspause, sei es zusammen mit

seiner Frau. En passant hatte er von hoch oben

verfolgt, wie auf der gegenüberliegenden Seite

die Bäume wuchsen, die jetzt fast ganz die Wohnhäuser

verdeckten und mit ihren himmelwärts

strebenden Zweigen den Blick weit über die Stadt

hinaus lenkten. Genauso wie er stillschweigend

damit gerechnet hatte, dass die Bäume wuchsen,

ging er die ganze Zeit auch davon aus, dass seine

noch junge, ganz persönliche Sonne für immer

über ihm leuchten würde. Das erkannte er aber

erst, als es dunkel geworden war. Da stand ihr liebes

Gesicht schon zwischen Blumen und Kerzen

auf der Kommode hinter ihm.

Die ersten Jahre nach ihrem Verschwinden hatte

er allen verkündet, dass er zu alt sei, um noch

einmal zu heiraten. Er war Realist. Doch da nach

seiner Pensionierung die Kontakte zu Kollegen,

Doktoranden und befreundeten Wissenschaftlern

immer seltener wurden, hatten nicht viele

dieses scheinbar unerschütterliche Statement vernommen.

Und als man ihn zu seinem siebzigsten

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Geburtstag feierte und beglückwünschte, rutschte

es ihm selbst an den Rand seines vernünftigen

Bewusstseins. Zu einsam war er. Und noch

zu lebendig. Er spürte dumpf, wie Sehnsucht in

sein Zeichnen eindrang, das neben der nach wie

vor strengen wissenschaftlichen Arbeit die Tage

füllte. Seit seiner Studienzeit zeichnete er nach

der Natur. Was ihn besonders faszinierte, waren

Berg- und Felsstrukturen, das nackte alpine

Hochgebirge. Dessen Schluchten, Höhlen und

Moränen gerieten ihm nun immer öfters zu leicht

gewellten, in sich noch einmal vertieften Spalten,

in denen die wenigen Betrachter seiner Zeichnungen,

vor allem die Frauen, ein weibliches

Organ und den Ausdruck eines Herzenswunsches

zu erkennen meinten. Mit Unverständnis, fast

Unwillen nahm er solche, meist schüchtern geäußerten

Vermutungen als abwegig zur Kenntnis.

Zuletzt hatte er im Karwendelgebirge gezeichnet,

auf den Hängen und Almen des Achentals.

Immer wieder ging ihm die Redewendung vom

Ach und Krach durch den Kopf und schlug den

Takt für seine wie eh und je konzentrierten Schritte.

Dass die Sonne tagelang nicht schien, obwohl

es fast schon Mai war, beeinträchtigte nicht so

sehr sein Zeichnen, sondern vielmehr sein Gemüt,

das sich dieses Mal nicht wie sonst in den Bergen

aufhellen wollte. Nach seiner Rückkehr besserten

sich weder die Wetter- noch die Gemütslage. Fast

jeden Tag beschwerten dunkle Wolken die Stadt,

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lieb die Temperatur unter dem jahreszeitlichen

Mittel und regnete es oft und beharrlich, was

zwar Blätter und Blüten kräftig sprießen ließ, den

Genuss des Frühlings aber verdarb, genauso wie

die Pfingstrosen, die er regelmäßig auf ihr Grab

stellte. Wie hatte sie immer auf diese Blumen

gewartet, wie waren alle Vasen mit ihnen gefüllt

und wie versuchte er auch jetzt, sie in Gärtnereien

und auf dem Markt zu besorgen.

In diesen Wochen und Monaten hatten sie auch

ihren ersten Urlaub gemacht, meistens im Süden.

Am glücklichsten waren sie auf einer Insel gewesen,

deren weitläufige Strände und schroffe Gebirge

er während schier unendlicher, aus der Zeit

herausgefallener Tage eines Morgens zu zeichnen

begonnen hatte, mit zarten, überaus vorsichtig

tastenden Linien, die auf dem Papier kaum

zu erkennen waren, so als ginge es um alles und

müsste jeder falsch gesetzte Strich in eine Katastrophe

führen. Und es ging auch bald um alles.

Die langen Jahre der Krankheit begannen, der in

alle Glieder fahrenden Schrecken, der aufkeimenden

Hoffnungen, der herzzerreißenden Liebe.

Seitdem beschäftigte er sich zunehmend und, wie

es seine Art war, gewissenhaft mit Krankheit und

Tod, suchte Rat und Trost vor allem in stoischen

Lehren. Doch hatte das wirklich geholfen? Noch

immer konnte er nicht zu dieser Insel fahren, das

ging einfach nicht, war völlig ausgeschlossen.

Aber wenigstens in die Nähe, das wäre schon zu

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schaffen, auch dort würde es jetzt hell und warm

sein. Außerdem gab es da noch die große Säulenhalle.

Sie war zwar nur nachgebaut, aber man

war am richtigen Ort, auf der Agora, hatte das

echte Ambiente, konnte da entlanggehen, wo der

Hagere, dem er sich insgeheim ähnlich fühlte, mit

seinen Schülern entlanggegangen ist. Nach einem

weiteren Regentag beschloss er, wieder dicht an

der Balustrade ins Leere blickend, zu fliegen.

Es dauerte eine geraume Weile, bis sich das Flugzeug

rüttelnd und schüttelnd durch die dicke

Wolkendecke gearbeitet hatte und kurz darauf im

letzten Zwielicht frei und ruhig über die ersten

Gipfel flog. Die Sonne war längst untergegangen.

Im schattenlosen Kosmos hoben sich vereinzelt

weiße Spitzen aus einer Fläche heraus, die wie ein

gefrorener Milchsee aussah, auf dem der Wind

flache Wellen geformt hatte. Schnell vermehrten

sich die bestäubten Zinnen, um die sich der See

als schmales, bald versickerndes Rinnsal wand,

wurden immer erhabener, herausragender, ausgreifender

und traten schließlich zu aus sich selbst

leuchtenden, sich selbst organisierenden Gipfelzügen,

ja Gipfelauftürmungen zusammen, um

dann als schrumpfende, kaum noch unterscheidbare

Felsformationen in der Dunkelheit unterzugehen.

Zuletzt gab es im finsteren Universum

nur noch das schummrige Licht der Kabine. Um

zu zeichnen, machte er über seinem Kopf die

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Leselampe an, die direkt auf seinen Block schien,

und vergegenwärtigte sich noch einmal das Bild

jenes Urwalds aus gleißenden Spitzen. Nein,

das waren keine Zuckerhüte, verwarf er eine

weit verbreitete Vorstellung, das waren dicht an

dicht stehende, angenagte, fast schon angefräste

Zacken, nein Zackenhaufen, spitze, zersplitterte,

schneidende Zinken. Das war lebensgefährlich.

Das war die Eiswüste eines fremden Planeten,

kaum zu glauben, dass auf dem Grund des

Milchsees Menschen wohnten und atmeten …

Wie immer wollte er die grundlegenden Linien

der eindrucksvollen Gebirgsformationen in einer

ersten Skizze festhalten. Dazu rückte er den Zeichenblock

auf seinen Knien hin und her, versuchte,

im engen Geviert zwischen Kabinenwand,

Vorder- und Nebensitz seinen langen Beinen eine

bessere Position zu geben, hob auch ein wenig

den rechten Arm, um das eingeklemmte Jackett

zu befreien, und stieß dabei an seine Nachbarin.

Sie war relativ spät gekommen. Da war er schon

ungehalten gewesen über das lange Warten auf

den Abflug. Doch erfreulich schnell hatte sie sich,

ohne mit Reisetaschen, Schals und Tüten herumzufuchteln,

in ihren mittleren Platz eingefügt.

Sie schien, soweit er es erkennen konnte, recht

ansehnlich zu sein. Und glücklicherweise nicht

dick. Und anscheinend auch eine geübte Fliegerin.

Natürlich jünger als er, aber nicht zu jung.

Gerade las sie in einer Zeitung, die sie raschelnd,

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zusammen mit ihren Armen und Beinen, an sich

zog, als sie sich berührt fühlte.

„Mille pardon, je suis désolé“, und dann kam,

wie zur Bekräftigung, noch einmal ein leises Pardon

über seine Lippen. Besonders in unangenehmen

Situationen sprang ihm seine Zweitsprache

hilfreich zur Seite, machte ihn fühlbar gewandter

und freier und auch galanter, trug ihn sekundenlang

wieder in das Paris seiner frühen Jahre. Die

Frau neben ihm schien zu verstehen und nickte

beruhigend mit dem Kopf, kein Problem. Dabei

sah sie dezent hinüber auf seinen Block.

„Vous peindre?“

„Nein, ich zeichne“, antwortete er sofort auf

Deutsch, auch um ihr weitere Fehler zu ersparen.

Sie hat eine angenehme Stimme, dachte er

noch, konnte sich aber nicht entschließen, die

Konversation fortzusetzen. Auch sie fragte nicht

weiter, entfaltete nur wieder vorsichtig ihre Zeitung.

Da bemerkte er einen großen Siegelring an

ihrem linken Mittelfinger, von dem aus sein Blick

weiter nach unten glitt und plötzlich auf derart

wohlbekannte Oberschenkel fiel, dass ihn ein heißer

Blitz durchfuhr. Dieses Muster, das er überwältigend

klar wie durch ein Vergrößerungsglas

vor sich sah, war das Muster ihrer Hose, Pepita

genannt. In der ausufernden Akkuratesse dieses

Musters saß sie für einen kurzen Moment, der ihm

den Atem benahm, neben ihm. Sie trug Pepita,

damals, als sie sich kennenlernten, und auch noch

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später, diese winzigen, meist schwarz-weißen

Karos. Obwohl es ihn nicht sonderlich interessierte,

hatte sie ihm einmal diese Webart erklärt, bei

der verschiedenfarbige Quadrate ineinander verzahnt

werden. Davon flimmerte es ihm manchmal

vor den Augen und dann suchte er Rettung in den

ihren. Jetzt schickte er seinen Blick hinaus in die

Nacht hinter dem fetten Bullauge. Anscheinend

war Pepita wieder modern. Das musste er sich

merken, um nicht noch einmal so überrumpelt

zu werden.

In die mondlose Finsternis schauend versuchte

er, die Schatten zu verscheuchen und sich wieder

auf die schneebestäubten Zackenhaufen zu

konzentrieren. Probeweise pendelte er mit dem

Stift über dem weißen Blatt hin und her. Er hatte

lange genug gezeichnet, um zu wissen, dass

man nicht jeden Strich auf die Goldwaage legen

musste, doch nun war etwas blockiert. Er lehnte

sich zurück. Wie war er doch eingezwängt im

Sitz, im engen Spalt für die Beine, in der Reihe,

obwohl oder vielleicht gerade weil er einen Fensterplatz

hatte, und überhaupt in der zu niedrigen

Kabine, in der zu viele Menschen zu dicht beieinander

saßen. Früher, als er noch Zug fuhr,

weite Strecken durch ganz Europa, da konnte er

atmen, da gab es Platz für die Arme, die Beine,

die eigenen Sachen. Alle konnten sich vergleichsweise

gut ausbreiten. Die Fenster waren groß und

ließen sich öffnen. Man saß sich gegenüber, kam

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miteinander ins Gespräch, konnte auf dem Gang

hin und her laufen. Auch das Rattern des Zuges

war schön, beruhigend, besonders in der Nacht.

Laut war es natürlich gewesen, vielleicht sogar

lauter als hier im Flugzeug. Trotzdem konnte

man die anderen gut verstehen, fühlte sich nicht

so allein. Die vielen Leute im Zug gingen einen

zwar nichts an, aber im Abteil, da bildete sich so

etwas wie eine kleine Gemeinschaft heraus mit

manchmal wechselnden Personen. Da erfuhr man

immer das Wichtigste, das Woher und das Wohin

und vielleicht auch das Warum. Das war interessant

gewesen. Oft waren ihm die Geschichten der

Leute noch lange nachgegangen und irgendwann

wollte er sie sogar aufschreiben. Warum hatte

er das eigentlich nicht getan? Vielleicht wäre er

dann doch Anthropologe geworden und hätte mit

einem Vergleich zwischen Zug und Flugzeug promovieren

können. Hier oben ist man sich ja so viel

ferner, obwohl man sich körperlich so viel näher

ist. Trotzdem sind auch wir eine Gemeinschaft,

denn wir werden, wie immer es ausfällt, das gleiche

Schicksal haben. Das weiß der Pilot. Deswegen

spricht er in Wir-Sätzen, informiert uns darüber,

in welcher Himmelsrichtung wir gestartet

sind, wo wir uns gerade befinden und wie unser

künftiger Flugverlauf sein wird. Wir sind geflogen,

wir fliegen, wir werden fliegen. Wir, hier an

Bord ist das die einzig richtige Anrede. Und jetzt

werden wir gefüttert wie Tiere in ihren Boxen

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und nach dem Landen werden wir schweigend

auseinandergehen, es wird keine fahrlässigen oder

ernstgemeinten Versprechen geben, so wie früher

manchmal beim Zugfahren.

Sie reichte ihm den Becher mit dem von ihm

gewünschten Tomatensaft und das Tablett weiter,

auf dem zwei winzige Brötchen gerade von

einer abgedeckten Schale herunterzufallen drohten.

Wir bekommen alle das gleiche Essen, dachte

er in Fortsetzung des gerade Gedachten, trank

seinen Saft aus und entfernte die Aluminiumfolie

von der Schale. Als er den ersten Bissen zu

sich nehmen wollte, sackte er plötzlich mit der

Plastikgabel in der Hand so tief ab, dass ihm der

Atem stockte, kurz wegblieb, schnellte sofort

wieder empor und wurde von allen Seiten schwer

geschüttelt. Gleichzeitig fühlte er seine Hose

nass werden und spürte fast schmerzhaft die von

unten kommenden Schläge, so als ob er in einem

alten Bus über eine Dschungelpiste mit sehr tiefen

Schlaglöchern rasen würde. Überall rappelte und

klapperte es. Die Kabinenwände knirschten, das

Gepäck stieß gegen die leichten Boxen, die über

den Köpfen schlingerten, die Sitze zogen an ihren

Verankerungen, lose Gegenstände klackerten auf

den aufgeklappten Tischen oder fielen herunter.

In all dem Knirschen, Klappern und Rappeln

waren kurze Schreckens- und Schmerzensschreie

zu hören, in seinem Magen breitete sich ein flaues

Gefühl aus und ohne es zu merken, umklammerte

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er die beiden Seitenlehnen. Dann lag auf einmal

eine Hand auf seinem rechten Unterarm, die ihn

fest umklammerte. So schnell, wie sie gekommen

war, verschwand sie auch wieder. In all dem Lärm

meinte er dennoch eine leise, zittrige Stimme zu

hören, die so etwas wie Entschuldigung sagte.

Jetzt gingen auch die Anschnallzeichen an.

Und wieder hörte er die Stimme neben sich.

„Was ist los? Was machst du denn?“, rief sie erschrocken

und kurz danach, noch lauter und strenger,

fast kreischend, „was ist bloß los mit dir?“

So sprach man mit unartigen Kindern. Aber ich

habe doch gar nichts gemacht, mit wem redet sie

bloß? Vielleicht, er nahm sich zusammen, meint

sie das Flugzeug, das sich in der Tat sehr ungehorsam

gebärdete. Gleich darauf waren da wieder

Schreie um ihn herum, sie stürzten abermals,

sackten ab, fielen wie ein riesiger Felsbrocken,

fielen und fielen, wobei ein starkes Beben durch

den Rumpf ging. Sie war nicht die Einzige, die

nicht an sich halten konnte. Trotzdem musste es

sein. Wir müssen uns zusammennehmen, dachte

er verwirrt, die Angst beherrschen, damit keine

Panik entsteht, keine Zustände um sich greifen,

Zusammenbrüche, Kontrollverluste, Entgleisungen,

das ist gefährlich auf kleinstem Raum, bei

voller Fahrt, in der Kabine, bei Turbulenzen …

Dann war es nur noch trüb vor seinen Augen, so

als ob sich das flaue Gefühl vom Magen bis in den

Kopf hinein ausgebreitet hätte.

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