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FOCUS_20_2022_Vorschau

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AUSGABE 20 14. Mai 2022

EUROPEAN MAGAZINE AWA R D WINNER 2022 POLITICS & SOCIETY /// INFOGRAPHIC

Top-Banker

Paul Achleitner

über das Weltrisiko

Inflation

Söder, Scheuer,

Mayer, Huber und

die Krise der CSU

Der Krieg und wir:

Wovor sich die Deutschen

wirklich fürchten

Eine exklusive Umfrage zur

Gefühlslage der Nation

CRASHTEST

AUTOLAND IN NOT

Produktions-Stopps, Chip-Krise,

Preis-Explosion: So dramatisch steht es

um unsere wichtigste Industrie


Alle FOCUS-Titel to go.

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E-PAPER LESEN:


Seite 5

Seite 7

EDITORIAL

Das Herz der deutschen Industrie leidet

unter schweren Rhythmusstörungen

Von Robert Schneider, Chefredakteur

Foto: Peter Rigaud für FOCUS-Magazin

Liebe Leserinnen,

liebe Leser,

REPORT DER MAGD, 2022

Anne Wizorek

übe reproduktive

Gerechtigkeit

eine Anekdote, die vielleicht klingt wie ein

Witz, aber keiner ist: Kommt ein Freund

kürzlich ins Autohaus. Der Leasingvertrag

seines Smarts lief aus und er wollte

das Fahrzeug gerne übernehmen. Ein

Grund dafür: Bei dem Auto handelt es

sich um einen Benziner, den Smart aufgrund

der Elektrooffensive allerdings

nicht mehr herstellt.

21 000 Euro hat das Fahrzeug mal gekostet.

5000 Euro hat mein Freund einst angezahlt,

insgesamt 5000 Euro kommen über

die monatlichen Leasingraten obendrauf.

Bleibt, so nimmt man an, ein Restkaufwert

von 11 000 Euro, zumal das Autohaus zwischendrin

sogar mal von 9000 Euro Restsumme

sprach. Jetzt allerdings wurden

14 990 Euro für die Übernahme des vier

Jahre alten Wagens gefordert. Nimm den

alten für diesen Preis oder geh zu Fuß,

war die Botschaft. Denn einen Neuwagen

gab’s aufgrund von Lieferengpässen

auch nicht im Angebot. Bevor der Kunde

also von der rasanten Preissteigerung

und Knappheit auf dem Gebrauchtwagen-,

aber auch Neuwagenmarkt

profitiert, macht das

Geschäft der Hersteller lieber

selbst. Hohe Preise, kaum Fahrzeuge:

Was ist los in Autoland

Germany?

Der Händler Kurt Kröger führt

die Hamburger Dello Gruppe

(rund 800 Millionen Euro Umsatz)

seit 35 Jahren – durch alle

Arten von Krisen. Kröger ist gerade

85 geworden, immer noch aktiv,

aber so ein Chaos wie aktuell hat er noch

nie erlebt: „Wir fahren durch eine Nebelwand“,

erzählte Kröger unserem Chefautor

Thomas Tuma, der den Kapriolen

der Branche in unserer Titelgeschichte

auf den Grund geht.

Einerseits melden die großen Autokonzerne

Traumrenditen. Im vergangenen

Jahr haben sie mit deutlich

weniger Neuwagen Rekordgewinne

erwirtschaftet. Andererseits

belasten Corona-Lockdowns

in China, steigende Energiepreise, nicht

enden wollender Halbleiter-Mangel

und die teure Transformation Richtung

Elektromobilität Geschäft und Stimmung

– auch von uns Verbrauchern:

Die Lieferzeiten von

neuen Autos werden immer

länger, und in Folge dessen

steigen die Preise selbst für

Gebrauchtwagen.

„Ziemlich pessimistisch“

für die Branche zeigte sich

auch Karl-Thomas Neumann,

der schon Vorstandschef von

Opel wie Conti war. Als Tuma

ihn fragte, ob er nicht noch

mal einen operativen Top-Job

in der Branche übernehmen

würde, lachte Neumann nur:

„Bestimmt nicht mehr.“ Über

die dramatische Lage unserer

wichtigsten Industrie lesen Sie

ab Seite 50.

Was uns außerdem bewegt: FOCUS hat

mithilfe des Meinungsforschungsinstituts

INSA abgefragt, wie es um die deut-

DER HAUPTSTADTBRIEF

EXKLUSIV

FÜR

FOCUS

ABONNENTEN

Herausgegeben von Ulrich Deppendorf und Ursula Münch

HÄNDLER UND HELDEN

Postpandemische

sozialpolitische Besinnungen

Von Christoph Butterwegge

Rückkehr der

ökobürgerlichen Familie

Eckhard Jesse über die schwarz-grünen

Zukunftsaussichten in den Ländern Seite 2

und Günter Bannas über die grünen

Stars des Bundeskabinetts Seite 4

14. Mai 2022 | #27

Mengstraße 4, Lübeck

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„Hauptstadtbrief“ kostenlos bei.

Lesen Sie darin mehr Analysen zur

aktuellen Politik und sichern Sie

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wieder im Handel kaufen möchten, genügt

ein Anruf und das Abo ist beendet.

* Inkl. MwSt. und Versand. Sie haben ein gesetzliches

Widerrufsrecht.

Preis für Pioniere

FOCUS zeichnet die

wichtigste unternehmerische

Innovation

des Jahres aus

sche Seelenlage in Kriegszeiten steht.

Die Zahlen spiegeln Unsicherheit und

Sorge, Angst und Entschiedenheit. Grundsätzlich

würde sich eine relative Mehrheit

von 48 Prozent der Befragten

in dem Konflikt gerne

neutral verhalten. Immerhin

47 Prozent der Bundesbürger

unterstützen die Lieferung

schwerer Waffen. Dabei sind

die Wähler der Grünen mit

62 Prozent deutlich entschiedener

als die Wähler anderer

Parteien. Über mögliche

Konsequenzen machen sich

die Bürger auch ihre Gedanken.

43 Prozent der Befragten

glauben, dass Deutschland

durch die Lieferung von Waffen

selbst Kriegspartei geworden

sei, eine Mehrheit von

55,2 Prozent sehen damit die

Gefahr eines Weltkrieges steigen.

Der Ukraine-Krieg und

wir – lesen Sie die Debatte ab Seite 36.

Ja, um unser Land voranzubringen, braucht

es neue Ideen. Aber es braucht auch Menschen,

die Ideen umsetzen. Wir brauchen

Pioniere, gerade in Zeiten des Umbruchs.

Mit dem FOCUS Innovationspreis zeichnen

wir jene Unternehmen aus, die mit

neuen, bahnbrechenden Produkten oder

Dienstleistungen Märkte erobern und

damit Chancen schaffen. Für sich und

für die Gesellschaft. Wenn Sie von Ihrer

Innovation überzeugt sind, dann bewerben

Sie sich jetzt unter: focus-magazin.

de/innovationspreis. Eine unabhängige

Jury entscheidet. Der Hauptpreis ist mit

einem Burda-Mediavolumen von einer

Million Euro dotiert. Nehmen Sie Ihre

Chance wahr. Jetzt. Die Bewerbungsphase

für den diesjährigen FOCUS Innovationspreis

endet am 15. Mai. Ich wünsche

Ihnen viel Glück.

Herzlich Ihr

Mit dem QR-Code können Sie auf die Abo-Seite gelangen

FOCUS 20/2022 3


Ungewandt

Denkbar schlecht

läuft es derzeit

bei Andreas

Scheuer und der

CSU. Sogar in

Berlin sorgt man

sich um die

Schwesterpartei

Seite 30

Intrigant

Seit Wochen erfährt die

Öffentlichkeit live im

Fernsehen unangenehme

Details der Hollywood-

Ehe von Johnny Depp und

Amber Heard

Seite 22

Flamboyant

Florence Welch

verarbeitet mit ihrer

Band Florence +

the Machine

eigene Ängste

Seite 88

Elegant

Yotam Ottolenghi

verfeinert

Frühlingsgemüse

mit einem Sesam-

Soja-Dressing

Seite 102

Fulminant

Eintracht Frankfurts

Trainer Oliver

Glasner und die

Liebe der Fans

Seite 106

Rasant BMWs Zukunftsroller CE 04 Seite 109

4 FOCUS 20/2022


INHALT NR. 20 | 14. MAI 2022

ANZEIGE

Titelthema

Wissen

68 „Unser Budget ist aufgebraucht“

Er ist einer, der nicht aufgibt: Seit

40 Jahren warnt der Hamburger Meteorologe

Mojib Latif vor dem Klimawandel

74 Spritzen in der Datenwüste

Wie hoch ist die Rate der schweren Nebenwirkungen

nach Corona-Impfungen?

DER NEUE

FORD

E-TRANSIT

50 Autoland in Not

Fehlende Chips, hohe Preise: was in Deutschlands

wichtigster Industrie schiefläuft

77 Blutroter Trabant

Am 16. Mai verfinstert sich der Mond

Kultur

Titel: hoffmann-tipsntrips/Pixabay, Composing FOCUS Magazin

Fotos: Basti Wöhl/BMDV, imago images, Autumn de Wilde, Louise Hagger, Patrick Scheiber/dpa

57 „Mitten in der globalen Unwucht“

Cheflobbyistin Hildegard Müller über

die Folgen der Autokrise

FOCUS 20/2022

Agenda

22 Kabale und Hiebe

Johnny Depp und Amber Heard breiten

vor Gericht Details einer toxischen Ehe aus.

Und das Netz ist live dabei. Was macht das

mit unserem Blick auf häusliche Gewalt?

Politik

30 Es geht mal wieder um die Wurst

Die CSU im Sturzflug: auf weiß-blauer Sinnsuche

mit Ex-Minister Andreas Scheuer in Bayern

35 Datenstrudel

Touré feiert, Scholz redet und der Instagram-

Chef baut um

36 Die Deutschen und der Krieg

Schwere Waffen liefern, aber neutral bleiben. Wie

sich die Deutschen die Zeitenwende vorstellen

40 Zeitenwende auf Finnisch

Lange wollte Finnland sich auf keine Seite

schlagen. Der Krieg hat das geändert.

Wie sehen das die Menschen? Ein Besuch an

der finnisch-russischen Grenze

45 Putin in Den Haag?

Menschenrechtsanwalt Wolfgang Kaleck

spricht über eine mögliche Anklage gegen

Wladimir Putin

Wirtschaft

59 Der nächste Twitter

Diese Plattformen machen dem

Kurznachrichtendienst Konkurrenz

60 Achleitners Abgang

Zehn Jahre war Paul Achleitner Aufsichtsratschef

der Deutschen Bank. Hier zieht er Bilanz

66 Geldmarkt

78 Himmelherrgottsakra!

Intendant Christian Stückl revolutioniert

bei den Passionsspielen in Oberammergau

eine jahrhundertealte Tradition

84 Biedermeier und Brandstifter

Die lang erwartete Fortsetzung des

Erfolgsromans „Der Turm“ von Uwe

Tellkamp löst vor allem Befremden aus

86 Flüstern, Wispern, Raunen

Die Filme, Bücher und Alben der

Woche geben sich geheimnisvoll

88 „Ich stelle mich meinen Dämonen“

Sängerin Florence Welch und

die Frage, wie aus Schmerz große

Pop-Hymnen entstehen

Rubriken

3 Editorial

6 Kolumne von

Jan Fleischhauer

9 Nachrichten

10 Fotos der Woche

16 Grafik der Woche

Pokalfinale

18 Menschen

76 Wir müssen reden

Leben

96 Auf dem Schiff der guten Hoffnung

Die „San Raffaele“ versorgt an Kolumbiens

gefährlicher Küste Menschen mit dem

medizinisch Notwendigsten. Eine Reportage

102 Grün und gesund

Ottolenghi kocht Frühlingsgemüse

106 Voll auf die Zwölf

Den Einzug ins Finale der Europa League

hat die Frankfurter Eintracht vor allem der

Leidenschaft ihrer Fans zu verdanken

109 E-asy Rider

Born to be wild: BMWs

futuristischer Elektroroller CE 04

Titelthemen sind rot markiert

87 Mein Salon

91 Bestseller/

Impressum

110 Die Einflussreichen

112 Leserbriefe

113 Nachrufe/

Servicenummern

114 Tagebuch

Produktivität komplett neu gedacht.

28 Revolution im Nutzfahrzeugsegment.

Der vollelektrische Ford E-Transit und das

neue Vertriebs-und Serviceangebot Ford Pro.

28 Mehr Produktivität für Businesskunden.

Drastische Reduktion von servicebedingten

Ausfall- und Standzeiten.

29 Europaweites Servicenetzwerk.

Als Bestandteil von Ford Pro verbindet

Ford Liive Sie europaweit mit Ihrem

Transit Center vor Ort.

29 Viel Leistung pro Ladung.

Die hohe Reichweite und das enorme

Laderaumvolumen des Ford E-Transit

sprechen für sich.

29 Überzeugen Sie sich selbst.

Entdecken Sie die zahlreichen Vorteile

des Ford E-Transit bei einer Probefahrt.


AGENDA

Verspottet

Amber Heard verklagt Depp

auf 100 Millionen Dollar. Er hatte

sie als Lügnerin bezeichnet,

sie sei nie Opfer von häuslicher

Gewalt gewesen, sondern er. Das

habe ihrem Ansehen geschadet

Verkorkst

Seit dem 12. April läuft der Prozess

im amerikanischen Fairfax, Virginia,

vor Richterin Penney Azcarate.

Im Saal wird häufig über Depps

Sprüche gelacht. Während Heards

Aussagen online zerpflückt und

analysiert werden

Fotos: action press, Antony Jones/UK Press via Getty Images

22 FOCUS 20/2022


PROZESS

Verbrannt

Johnny Depp fordert 50 Millionen Dollar

von seiner Ex-Frau. Heard hatte in

einem Zeitungsartikel ihre Erfahrungen

mit häuslicher Gewalt geschildert,

woraufhin er etwa von Disney keine

Rollenangebote mehr bekam

Kabale

und Hiebe

Seit Wochen breiten Johnny Depp und seine

Ex-Frau Amber Heard vor Gericht intimste Details einer

toxischen Ehe aus. Jede Sekunde wird live übertragen.

Und die Internetwelt hat ihr Urteil längst gefällt.

Doch was bedeutet der Social-Media-Prozess für

unseren Umgang mit häuslicher Gewalt?

TEXT VON YASMIN POLAT

FOCUS 20/2022 23


WIRTSCHAFT

BLINDBLIND

Autoland in Not

Die Branche spielt verrückt: Die Produktion bricht

ein, bei Gebrauchten explodieren die Preise.

Trotzdem fahren die Konzerne Rekordgewinne

ein. Dabei hat Deutschlands wichtigste

Industrie ihre größten Herausforderungen noch

vor sich. Ein Problem – fünf Perspektiven

TEXT VON THOMAS TUMA

ILLUSTRATIONEN VON FRANCESCO CICCOLELLA

50


BLINDBLIND

Ausgebremst

Die deutsche Autoindustrie wird

von vielen unberechenbaren

Faktoren bedroht: Corona und

gerissene Lieferketten, der Krieg

in der Ukraine, die Inflation,

neue Konkurrenz aus Asien …

FOCUS 20/2022 51


WISSEN

Impfen in der Datenwüste

Wie häufig verursachen die Corona-Vakzine schwere Nebenwirkungen? Die offizielle Zahl ist

wohl zu niedrig. Ein Mediziner präsentierte nun einen Horrorwert

Torben, 26, schafft es kaum die

Treppe hinauf. Lea, 15, ist auf

den Rollstuhl angewiesen.

Beide kamen in der vergangenen

Woche als Beispiele für

impfgeschädigte Menschen in

einer ARD-Sendung vor. Die jungen Leute

hätten von ihren Corona-Impfungen

mit mRNA-Impfstoffen (Biontech/Pfizer,

Moderna) Herzmuskelentzündungen da -

vongetragen, hieß es in der Sendung.

Als wissenschaftlicher Überbau trat der

Arzt Harald Matthes auf und präsentier -

te eine „Zwischenauswertung“ einer Stu -

die namens ImpfSurv. „Surv“ steht für

Surveillance, englisch für Überwachung.

Sie habe ergeben, dass „schwere Nebenwirkungen

deutlicher und häufiger“ vorkämen

als in den Berichten des Paul-

Ehrlich-Instituts (PEI) verzeichnet. Das

Institut im hessischen Langen, früher

auch Bundesamt für Sera und Impfstoffe,

sammelt alle ärztlichen Meldungen von

Nebenwirkungen und Impfkomplikationen.

Es kommt auf 0,02 Prozent schwerwiegender

Fälle, Matthes’ „ImpfSurv“

auf 0,8 Prozent, also das Vierzigfache. Das

wären bei 179 Millionen verabreichten

Impfdosen rund 1,4 Millionen Fälle.

Wie „meldefreudig“ sind die Ärzte?

Die Nachricht füllte augenblicklich das

Netz und die Printmedien. Die einen

freuten sich diebisch darüber, es schon

immer gewusst zu haben, nämlich wie

unzulänglich die Impfstoffe seien. Auf

der anderen Seite folgten sehr viele dem

Urteil von Leif Erik Sander, Co-Leiter der

Klinik für Infektiologie und Pneumologie

an der Charité in Berlin. „Absolut unrealistisch

und unseriös“ seien die von Matthes

ermittelten 0,8 Prozent, so Sander.

Der Gescholtene, hauptberuflich Internist

und Ärztlicher Leiter am anthroposophisch

orientierten Krankenhaus Havelhöhe

in Berlin, hält eine

Stiftungsprofessur an

der Charité, am wenig in

Erscheinung tretenden

Institut für Sozialmedizin,

Epidemiologie und

Gesundheitsökonomie.

Ein Charité-Sprecher

distanzierte sich von

der „Internetumfrage“,

Relatives Risiko

Gefäßverschlüsse – hier

eine Beinvenenthrombose

– traten vereinzelt

nach der Impfung auf,

häufiger aber infolge

einer Corona-Infektion

„Meine Studienmethode

ist die zweitbeste Möglichkeit,

von Geimpften Daten zu

erheben. Zuverlässiger wäre

nur ein Register“

Harald Matthes, Ärztlicher Leiter Krankenhaus

Havelhöhe, Charité-Stiftungsprofessor

wie er Matthes’ Studie abkanzelte. In der

Tat fand die Erhebung per Onlinefragebogen

statt. Auch stimmt es, dass die

Zwischenauswertung noch nicht in einem

wissenschaftlichen Journal veröffentlicht

worden ist. Zudem sind die 0,8 Prozent

in keiner bekannten Datensammlung im

Ausland erreicht worden. Dennoch sticht

die Umfrage in eine peinliche Lücke der

deutschen Pharmakovigilanz, der systematischen

Nachverfolgung von bereits

zugelassenen Arzneimitteln.

„Es gibt in Deutschland kein ordentliches

Meldewesen zu Impfreaktionen“,

sagt Ulf Dittmer, der jeglicher Anti-Impfstimmung

unverdächtige Leiter des Instituts

für Virologie an der Universitätsmedizin

Essen. Während etwa skandinavische

Länder jede Impfung in einem Register

dokumentieren, hängt es in Deutschland

von vielen Faktoren ab, ob ein Fall in die

PEI-Statistik eingeht oder nicht.

Ärzte sind zur Meldung verpflichtet.

Dass aber der Impfarzt häufig die erste

Anlaufstelle für jene sei, „die Probleme

bekommen“, schafft für Dittmer „eine

eigenartige Beziehung“. Wer seinen Piks

in einem Impfzentrum bekommen hat,

findet oft gar keinen Ansprechpartner.

Außerdem fehlt offenbar einigen

Medizinern der Antrieb, den Meldebogen

auszufüllen. „Man braucht eine halbe

Stunde dafür“, sagt die bekannte Tübinger

Notärztin Lisa Federle. Sie erlebte in

jüngerer Zeit etliche heftige Impfreaktionen.

Deshalb rate sie ihren Patienten,

Antikörper im Blut bestimmen zu lassen

„und sich erst danach für oder gegen eine

weitere Dosis zu entscheiden“. Antikörpertests

können einen Hinweis auf den

Immunstatus geben. Auch Federle meint

freilich: „Ohne die Impfung wären wir

nicht so relativ unbeschadet durch die

Pandemie gekommen.“

Ulf Dittmer betont, dass das PEI bislang

keinen bedeutenden Typus von

Nebenwirkungen übersehen habe: Herzmuskelentzündungen,

die eher bei den

mRNA-Vakzinen drohten, Thrombosen

(Gefäßverschlüsse) bei den Vektorprodukten

von AstraZeneca und Johnson &

Johnson, neurologische Ausfälle wie etwa

Lähmungserscheinungen bei allen. Dittmer

schätzt die wahre Zahl der schwerwiegenden

Fälle übereinstimmend mit

74 FOCUS 20/2022

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