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FC21_Schwedt

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AUSGABE 21 21. Mai 2022

EUROPEAN MAGAZINE AWARD WINNER 2022 POLITICS & SOCIETY /// INFOGRAPHIC

GESUNDHEIT

ISS DICH

S C H L AU !

Wie Brain Food

beim Denken

und Lernen

helfen kann

In den

Fängen des

Drachen

Das China-Problem

der deutschen Wirtschaft

NACHHALTIG INVESTIEREN

Was Anleger

jetzt wirklich

wollen


POLITIK

ENERGIEPOLITIK

Über Blut, Schwedt

und Tränen

Die Raffinerie bedeutete 60 Jahre lang gutes

Leben. Nun soll das Öl aus Russland versiegen.

Was dann? Eine Region zwischen Einsicht in

die Notwendigkeit und Angst vor der Zukunft

TEXT VON FRANZISKA APFEL

R

obert Habeck zieht erst einmal

das Jackett aus und

krempelt die Ärmel hoch. Das

macht er immer, wenn die

Dinge kompliziert werden.

Schwedt, Montagabend vergangener

Woche, die Dinge

sind verdammt kompliziert. Es geht um –

ach, es geht nahezu um alles. Um Krieg,

um Öl, um Zukunft und Vergangenheit.

Im Kern aber geht es um Veränderung.

Der Wirtschaftsminister ist zu einer

außerordentlichen Betriebsversammlung

in die Uckermark gekommen und

stellt sich den Fragen der Mitarbeiter.

700 Augenpaare starren ihn an. Dichtmachen?

Die Raffinerie? Und was wird

aus uns? Er wisse um den „Druck in

der Seele“ und die Angst vor Armut.

„Es ging von Anfang an darum, diesen

Standort möglichst vollumfänglich zu

erhalten“, sagt Habeck. „Vollumfänglich

heißt: In der Belegschaft, wie sie jetzt ist.

Wir können nicht versprechen, dass das

einfach so funktioniert. Aber wir brauchen

Schwedt.“ Schöne Worte, klar. Aber

was bedeuten sie? Und vor allem: Was

heißt hier „möglichst“?

Das kleine Schwedt in der Uckermark,

34000 Einwohner, mit hübschem Ufer an

der Oder und Polen gleich gegenüber.

Dieser kleine beschauliche Ort ist in diesen

Tagen der Schauplatz eines energiepolitischen

Dramas. Die Schwedter leben

in Frieden und Wohlstand eines reichen

Landes – und doch sind sie zwischen die

Fronten geraten. Seit Putin die Ukraine

überfiel und der Westen um Mittel

gegen den Aggressor ringt, ahnt jeder

hier, dass es eng werden wird mit der

Zukunft. Ende April kündigte Habeck an,

dass Deutschland binnen weniger Tage

auf russisches Öl verzichten könne. Dafür

wurde er in Berlin gefeiert. Doch hier,

im Schatten von Kühlturm und brennen-

Viele Wünsche

Bürgermeisterin

Annekathrin Hoppe

kämpft um ihre

Stadt. Sie fordert

von der Bundesregierung,

schnelle

Lösungen zu finden,

die den Industriestandort

erhalten

der Fackel der Raffinerie, klingt die Verheißung

nach Drohung. Binnen weniger

Tage. Kein Öl aus Russland mehr. Was

soll dann werden?

Jahrzehntelang war Verlass auf die

Lieferungen aus Russland. Das Öl floss,

und so auch das Geld. Doch nun will die

Bundesregierung den Hahn zudrehen,

und die Frage ist: Wenn das Land, wie

Habeck sagt, doch Schwedt braucht und

Schwedt das Öl – wie kommt welches

Öl dann nach Schwedt? Das Werk ist zu

Keine Versprechen

Vor rund 700 Beschäftigten

sprach

Bundeswirtschaftsminister

Robert

Habeck (Die Grünen)

über die Zukunft der

PCK Raffinerie. Er

wollte die Menschen

beruhigen, doch

seine Botschaft

klang wenig konkret

100 Prozent anhängig von der Pipeline

nach Russland. Es gibt keine Verbindung

zum Westen. Alle, auch Schwedt selbst,

spielten Dallas in der Uckermark. Jahrzehntelang.

„Klumpenrisiko“, nennen

das die Ökonomen. Annekathrin Hoppe

findet andere Worte. Die Bürgermeisterin

des kleinen Städtchens sagt: „Die Raffinerie

ist das Herz der Region, ohne sie

würde es Schwedt nicht geben.“

Die großen Fenster ihres Büros öffnen

den Blick auf Dächer und Straßen. Vorne

Fo t o s : Sebastian Pfütze, Franziska Apfel/beide

für FOCUS-Magazin, EPA

Große Sorgen Rund 1200 Mitarbeiter beschäftigt die PCK Raffinerie GmbH in Schwedt.

Sollte das Ölembargo gegen Russland beschlossen werden, steht ihre Zukunft auf der Kippe

der Rathausplatz, dann das Einkaufszentrum,

schließlich die Neubaublöcke aus

Ostzeiten, und hinten, ganz weit hinten

und kaum zu erkennen: die Raffinerie.

Annekathrin Hoppe schaut mit leicht

zusammengekniffenen Augen auf das

Panorama. „Alles dreht sich im Moment

um das Embargo und die Auswirkungen

auf die Stadt“, sagt sie, „man wacht damit

auf, und man schläft damit ein.“

Das PCK in Schwedt ist eine der wichtigsten

Erdölraffinerien Deutschlands. Das

Akronym stand zu DDR-Zeiten für Petrochemisches

Kombinat. Seit gut 60 Jahren

wird hier russisches Öl verarbeitet, zwölf

Millionen Tonnen jährlich, die durch die

5327 Kilometer lange „Druschba“-Pipeline

fließen, vom russischen Tatarstan

bis nach Schwedt. Rund 90 Prozent der

Versorgung mit Benzin, Kerosin, Diesel

und Heizöl in Berlin und Brandenburg

hängen von diesem Werk ab. Auch Teile

Mecklenburg-Vorpommerns und Polens

werden beliefert.

Druschba bedeutet Freundschaft: Zu

DDR-Zeiten galt die Pipeline als Beweis

dafür, dass die Freundschaft zwischen der

Sowjetunion und der DDR Stärke, Anerkennung

und Wohlstand bringen konnte.

Nach der Wende ging die Zusammenarbeit

weiter. Das PCK sei der Treibstoff,

der die Region antreibe, sagte Brandenburgs

Ministerpräsident Dietmar Woidke

(SPD). Das ist noch gar nicht lange her.

Schwedts Zukunft steht auf der Kippe

Und dass Rosneft Deutschland, Tochterfirma

des russischen Staatskonzerns,

Großteilhaber der Raffinerie ist, störte bis

vor Kurzem auch niemanden. Vor nicht

einmal einem halben Jahr, im Januar

dieses Jahres, beantragte der russische

Ölgigant sogar, die Anteile des Energiekonzerns

Shell, immerhin 37,5 Prozent,

zu kaufen. Am 21. Februar, nur drei Tage

vor Kriegsbeginn, stimmte das Bundeskartellamt

dem Kauf durch Rosneft gar

zu. Es stünden dem keine wettbewerbsrechtlichen

Bedenken entgegen, sagte

damals ein Sprecher der Bonner Behörde.

Und so hatte Rosneft am 21. Februar

2022, drei Tage vor dem Überfall

auf die Ukraine, die Raffinerie nahezu

vollständig übernommen: 91,67 Prozent

gehörten dem Konzern aus Putins Reich.

Bis zum Angriff.

Dann brach plötzlich panische Hektik

aus: Um die vollständige Übernahme in

letzter Sekunde noch zu stoppen, leitete

das Bundeswirtschaftsministerium ein so -

genanntes Investitionsprüfverfahren ein.

Es ging um die Frage, ob durch ausländische

Investition eine Beeinträchtigung

der öffentlichen Ordnung oder Sicherheit

für die Bundesrepublik zu erwarten sei.

Aus alten Freunden wurden Feinde. Ost

gegen West – und Schwedt mittendrin.

Doch diese Verschiebung ihrer Werte,

die Zerstörung alter Gewissheiten macht

etwas mit den Menschen hier in der Region.

„Es ist schlimmer als zur Wende“,

meint Bürgermeisterin Hoppe. Plötzlich

spricht man von der Enteignung der

Fabrik, von Engpässen bei der Öllieferung

und sogar dem Ende für alle Zeiten.

Und während Schwedt um seine Raffinerie,

Arbeitsplätze und Zukunft zittert,

ist längst nicht klar, ob ein Ölembargo

den Russen tatsächlich schadet oder vielleicht

sogar ganz gelegen kommt. Die

langfristigen Lieferverträge haben einen

oft niedrigeren Preis als Grundlage. Das

bedeutet, dass ein Embargo den Russen

erlauben würde, die nicht verkaufte

Menge am Markt anzubieten – und

dann einen deutlich höheren Preis zu erzielen.

Der Preis für die Rohölsorte

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POLITIK

ENERGIEPOLITIK

Das Bundeskartellamt erlaubte Rosneft den Kauf von Anteilen an der Raffinerie

Urals liegt derzeit bei circa 79 US-Dollar

pro Barrel. Im April 2020 waren es lediglich

18,78 US-Dollar.

Keine Zeit und keine Aussicht

In der Uckermark ist die Sorge groß, dass

dem PCK der Hahn zugedreht wird. Und

das an Putins Krieg überhaupt nichts

ändert. Ein Opfer für gar nichts. In der

Kneipe prosten sie: „Auf Schwedt und

auf das russische Öl!“

Keine vier Wochen ist es her, dass Wirtschaftsminister

Habeck mit einem Twitter-

Video auf das Embargo einstimmte.

Schwedt sei das eigentliche Problem auf

dem Weg zur Unabhängigkeit Deutschlands

von russischem Öl, hieß es da.

Ein verbaler Tiefschlag vom Minister. In

Schwedt konnten sie es gar nicht glauben.

Aus fast allen Familien der Stadt hat

in den vergangenen Jahrzehnten jemand

im PCK gearbeitet. Auch Bürgermeisterin

Annekathrin Hoppe – knapp drei Jahre

lang in der Wasserverwertung. Die Menschen

hier verstehen nicht, warum ausgerechnet

ihre Raffinerie nun den Preis für

die Versäumnisse der Politik zahlen soll.

Keiner hat in den vergangenen Jahren

von Transformation gesprochen. Alles lief

seinen nachgerade sozialistischen Gang.

Und jetzt? Werden sie mitverantwortlich

gemacht für die Abhängigkeit von diesem

Despoten?

Einer der vielen Ängstlichen, die man

in diesen Tagen hier trifft, ist Silvio Bernau.

Der Tischler arbeitet für die Uckermärkischen

Bühnen Schwedt. Das Theater

hat, wie rund 80 weitere Firmen,

auf dem Industriegelände des PCK ein

Grundstück gemietet. Bernau fühlt sich

hier wohl. Er gehört hierhin. Er verbringt

gern die Mittagspause mit seiner Kollegin

Kathrin Matern und seinem Kollegen

Christopher Löhrs in der Küche, die noch

DDR-Charme verströmt. Durch das offene

Fenster sehen sie die Flamme der Fackel,

selbst jetzt, im grellen Licht der Sonne.

„Seien wir doch mal ehrlich: Wenn das

Werk dichtmacht, stirbt die Stadt“, sagt

Bernau düster, „an dem Werk hängt doch

ein großer Rattenschwanz. Wir sind dann

alle, also wirklich alle, unsere Arbeitsplätze

los.“ Und Matern ergänzt düster:

„Dann ist Schwedt quasi tot.“

Bürgermeisterin Hoppe weiß sehr

genau, wie schmal der Grat ist, auf dem

sie als Politikerin gerade wandelt. Sie

muss Wahrheiten aussprechen. Hoffnung

machen. Angst nehmen. Doch wie soll das

gehen? Es sei allen hier bewusst, dass

Berlin

Leipzig

800 km

Klaipeda

Prag

Ventspils

RUSSLAND

Moskau

Druschba-

Ölpipeline

Feind statt Freund Rund 750 000 Barrel Öl kommen täglich

durch die Pipeline Druschba – das heißt Freundschaft

»

Alles dreht sich um

das Embargo. Man wacht

damit auf, und

man schläft damit ein

«

Annekathrin Hoppe,

Bürgermeisterin

Verunsicherung Die Menschen wollen Antworten

auf ihre Angst – auch Kathrin Matern,

Christopher Löhrs und Silvio Bernau (v. l.)

der Krieg eine Ungeheuerlichkeit ist, sagt

Hoppe. Die Arbeit der Raffinerie habe nun

einen bitteren Beigeschmack. „Bei dem

Thema hat man wahrscheinlich immer

zwei Seelen in seiner Brust“, sagt sie vorsichtig,

„es ist eine schwierige Entscheidung.

Auf der einen Seite möchte niemand

einen Krieg unterstützen, auf der anderen

kann ich jeden verstehen, der um seinen

Arbeitsplatz, ja seine Existenz kämpft.“

Es sei ihnen doch längst klar

gewesen, dass es mit den fossilen

Brennstoffen nicht für immer

weitergehen würde. Und ja,

auch ohne Putins Überfall haben

die Zeichen in Schwedt auf Veränderung

gestanden. Mehrfach

haben sich schon Aktivisten der

„Letzten Generation“ an die

Pipelines gekettet und so die

Arbeit des PCK unterbrochen.

Hoppe kann ihren Unmut

kaum verbergen. „Wenn wir

mal ehrlich sind: Wie kommen

die Aktivisten denn zu den Rohren

und nach Schwedt? Mit dem

Auto. Und woher kommt der

Sprit dafür? Genau. Von hier.“ Es ist diese

Doppelmoral, die sie manchmal störe.

„Schon vor Jahren haben wir angefangen,

weitere Standbeine aufzubauen. Wir

planen einen Innovationsstandort und Projekte

mit erneuerbaren, grünen Energien.

Ein Ziel ist der Umbau des PCK auf Wasserstoff.“

Doch bisher gingen sie davon

aus, Zeit für die Transformation zu haben.

Zeit, um zu forschen, zu vermitteln und

umzusetzen. Doch jetzt soll Ende des Jahres

Schluss sein. Das reicht für keine einzige

Transformation, sondern nur, vielleicht,

für anderes Öl.

Und so bleiben nun also 180 Tage, um

aus anderen Regionen der Welt den Rohstoff

zu beschafften, aus den USA oder

dem arabischen Raum. „Welches Öl wir

verwenden, ist am Ende zweitrangig“,

sagt Hoppe, „die Schwedter Techniker

sind fit genug, um die Raffinerie anzupassen.

Auch wenn das kostet.“

Größere Sorgen bereiten ihr aber die

Kapazitäten. Die Regierung meint, etwa

60 Prozent der jetzigen Menge irgendwie

nach Schwedt liefern zu können. Über

Rostock oder Danzig. Mit Schiffen, Zügen

oder Lkw. „Ich hoffe, dass die Mengen

noch aufgestockt werden können“, sagt

Bürgermeisterin Hoppe. Vielleicht ist es

ja noch nicht das Ende. Vielleicht bleibt

doch noch ein bisschen Hoffnung inmitten

der Angst.


Fo t o s : S e b a s t i a n P f ü t z e f ü r F O C U S - M a g a z i n

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