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Fine_410_Suesswein-Ikonen

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e u r o p e a n F i n e w i n e m a g a z i n e<br />

D e u t s c h l a n d · Ö s t e r r e i c h · S c h w e i z · S k a n d i n a v i e n · g r o s s b r i t a n n i e n · u S a · a u s t r a l i e n<br />

4 / 2010 Deutschland € 15<br />

Österreich € 16,90<br />

i ta l i e n € 18,50<br />

Schweiz chf 30,00<br />

D a S w e i n m a g a z i n<br />

Frauen im Wein: Corinne Mentzelopoulos<br />

Stuart Pigott: Der Rang des deutschen Weins<br />

Armin Diel in der Bourgogne<br />

Schott Zwiesel<br />

Weingut Dr. Heger<br />

25 Weihnachts- Champagner<br />

Günther Jauchs Weingut von Othegraven<br />

5 0 Ja h r g ä n g e B e r n k a s t e l e r D o c t o r<br />

S Ü S S w e i n - i k o n e n


die0sussweinªikonen?<br />

E<br />

Zu einer einzigartigen <strong>Fine</strong>-Verkostung trafen Pierre Lurton<br />

mit Château d’Yquem und Wilhelm Weil mit seinen Trockenbeerenauslesen<br />

aufeinander. Ein denkwürdiges Ereignis.<br />

Text: Thomas Schröder<br />

Fotos: Christof Herdt<br />

»Oh Gott – jetzt nur nichts Süßes mehr!« Das flehentliche Stoßgebet des Star-Winzers<br />

am Ende einer höchst ungewöhnlichen, ebenso konzentrierten wie ausschweifenden Verkostung<br />

wurde alsbald erhört, die Diskretion gebietet freilich Schweigen darüber, welchem<br />

der beiden illustren Wein macher dieser Wunsch hörbar über die Lippen kam. Pierre<br />

Lurton, Chef des legendären Sauternes-Châteaus d’Yquem, und Wilhelm Weil, der ungekrönte<br />

Rheingauer Riesling-König und Schöpfer weltberühmter Trocken beerenauslesen,<br />

waren mit ihren Weinen zu einem Gipfeltreffen nach Wiesbaden gekommen. Ein vinophiles<br />

Kräfte messen? Ein freundschaft licher Austausch von sensorischen Delikatessen und<br />

fruchtbaren Gedanken? Ein schieres Genusserlebnis? Weittragende Erkenntnis?<br />

Von alledem hundert Prozent erfuhren die<br />

noblen Gäste, die sich mit hochgespannten<br />

Erwartungen am 14. Oktober in der herrschaftlichen<br />

Gründerzeit-»Villa Fortuna«, dem Sitz des<br />

Tre Torri Verlags, in dem auch <strong>Fine</strong> Das Weinmagazin<br />

erscheint, zu einem so noch nie komponierten<br />

Tasting eingefunden hatten. Aus halb<br />

Europa hatte sich ein würdiger Hofstaat um die<br />

beiden Granden der Winzerkunst versammelt:<br />

Aus Italien war der Südtiroler Minister und<br />

Winzer Dr. Thomas Widmann angereist, aus<br />

der Schweiz Dr. Luca Marighetti, der Züricher<br />

Unternehmensberater und Erfinder des poetischen<br />

Nonsens-Internetlexikons Wikipoiesis, aus<br />

Helsinki die beiden <strong>Fine</strong>-Finnen Pekka Nuikki<br />

und Juha Lihtonen, Jancis Robinson aus London<br />

hatte schweren Herzens aus Termingründen<br />

absagen müssen, ebenso Stuart Pigott. In der<br />

hohen Runde fanden sich die Unternehmer<br />

Johannes LaCour und Dr. Georg Kofler, die Chefredak<br />

teure Madeleine Jakits (Feinschmecker) und<br />

Peter Moser (Falstaff ) aus Wien, der Wein kenner<br />

und Pilz-Enzyklopädist Christian Volbracht (dpa),<br />

der Saar-Winzer Roman Niewodniczanski (van<br />

Volxem), Weils »Außenminister« Jochen Becker-<br />

Koehn und einige Weinenthusiasten mehr. Caro<br />

Maurer hielt, begeisterungsfähig, doch mit unbestechlichem<br />

Gaumen, ihre Eindrücke von den<br />

Weinen für <strong>Fine</strong> fest. Als dritter Star dieses Nachmittags<br />

gesellte sich der große Koch Hans-Stefan<br />

Steinheuer dazu, der das Tasting mit acht grandiosen,<br />

einfühlsam auf die einzelnen Flights eingehenden<br />

Gängen zu einem doppelten Genuss<br />

werden ließ.<br />

62<br />

F I N E 4 / 2010<br />

F I N E<br />

W E I N l E g E N d E N<br />

63


<strong>Fine</strong>-Herausgeber Ralf Frenzel, Initiator dieser<br />

einzigartigen Verkostung, begrüßte die<br />

Gäste – und schon begann das »Eintrinken« mit<br />

einem exquisiten Flight von elf Jahrgängen Kiedricher<br />

Gräfenberg Riesling Erstes Gewächs: ein<br />

Aufmarsch (2009 bis 1999), der überzeugend<br />

Klarheit und Helligkeit der Weilschen Qualitätsphilosophie<br />

formulierte. Pierre Lurton nannte<br />

gleich seinen Favoriten: 2006 – aber »was dazu<br />

essen?«. Da schien er ratlos, auch wenn er seine<br />

Sprachlosigkeit (grundlos) seinem Konversations-<br />

Englisch zuschob – »wenn ich französisch spreche,<br />

hat alles mehr Poesie!«<br />

Lurton beantwortete den eleganten Riesling-<br />

Flight mit einer nicht minder großartigen zweiten<br />

Runde: Sieben Jahrgänge (2008 bis hinunter<br />

zu 1980) von Yquems sagenhaftem »Y« (I grec),<br />

die Wilhelm Weil sogleich begeistert feierte:<br />

»Ein Kraftkerl, der sich in die Brust wirft – hier<br />

bin ich!« Freilich, »Y« vor dem Ablauf von fünfzehn<br />

Jahren zu trinken, sei Frevel. Hier hörte man<br />

in der Runde schon divergierende Meinungen,<br />

von »hinreißende trockene Süße« bis »muss ich<br />

nicht haben«. Christian Volbracht aber brachte<br />

ohne diplomatische Hintergedanken diese beiden<br />

ersten Flights auf die schöne Formel, der Vergleich<br />

beider Weine zeige nichts Geringeres als die<br />

Unvergleichbarkeit des Wundervollen.<br />

Nun aber ertönten die spirituellen Fanfaren<br />

für das Hauptstück der Verkostung, jenem schwelgerischen<br />

Teil, der mit einundzwanzig Jahrgängen<br />

in drei Siebener-Flights und ebensolchen<br />

einundzwanzig Jahrgängen Gräfenberg Riesling<br />

Trockenbeerenauslese die große Stunde der<br />

Botrytis cinerea, die Stunde der Wahrheit für die<br />

beiden herrlichsten Süßweine der Welt schlagen<br />

ließ. Wie würden Semillon und Riesling einander<br />

begegnen, wie sich zueinander verhalten? Und<br />

wie steht eine Jahresproduktion von immerhin<br />

einhundertdreißigtausend Flaschen d’Yquem<br />

neben einer mit unendlicher Mühe und Sorgfalt<br />

hergestellten Flaschenausbeute nur im dreistelligen<br />

Bereich? Nur etwa zehn Prozent der Riesling-Produktion<br />

entfallen bei Weil auf die großen<br />

Aus- und süßen Spätlesen, neunzig Prozent gehören<br />

den trockenen Weinen; bei Château d’Yquem<br />

ist es genau umgekehrt: neunzig Prozent der Produktion<br />

wird Yquem, zehn Prozent gehen in den<br />

trockenen »Y«.<br />

Nach sieben Jahrgängen Yquem (2007 bis<br />

1995) findet Wilhelm Weil als erster wieder<br />

Worte. Einmalig und absolut großartig sei, was er<br />

hier trinken dürfe, Yquem sei ein Wein wunder; er<br />

empfinde es als große Ehre, seine Weine dazu in<br />

Vergleich setzen zu dürfen. Ja, sekundiert Pierre<br />

Lurton, Yquem sei ein Wein wie Kaschmir, exotisch<br />

und klassisch zugleich, ein orgasmisches<br />

Ereignis. Später, nach einundzwanzig und einem<br />

(1921) Jahrgang, wird er noch hinzufügen, dass<br />

eine solche Vertikale wie eine Zeitreise sei – und<br />

mit Yquem zu reisen, sei sicherlich die eleganteste<br />

Reise, die man sich vorstellen könne.<br />

Freilich, nach dem zweiten Yquem-Flight<br />

(1990 bis 1970) halten sich verzücktes Kosten und<br />

erste Ermüdung in der Kenner-Runde die Waage.<br />

»Mir schmeckt das alles inzwischen gleich«, bekennen<br />

einige, und einer wagt gar den gottes lästerlichen<br />

Satz, das sei nun »Langeweile auf höchstem<br />

Niveau«. Aber da zeigen sich wohl eher erste<br />

individuelle Grenzen der geschmacklichen Differenzierungsfähigkeit:<br />

Denn wenn Yquem auch<br />

ein Wein ist, der Jahrgang für Jahrgang bestimmte<br />

sensorische Erwartungen zu erfüllen hat und in<br />

der Tat auf das köstlichste erfüllt, so ist der Reichtum<br />

der Jahrgangs-Nuancen doch erheblich und<br />

beglückend, wie Caro Maurer beim intensiven, nie<br />

erlahmenden Nachschmecken der Weine bis hin<br />

zum grandiosen Yquem-Finale mit dem 1937-er,<br />

einem Wein von historischer Statur, erspürt und<br />

in ihren Notaten festhält.<br />

»Eine Flasche Yquem trinke ich an einem<br />

Abend für mich allein«, leitet Wilhelm Weil zum<br />

nächsten, mit um so größerer Spannung erwarteten<br />

Trockenbeerenauslese-Komplex über –<br />

»aber eine Flasche TBA? Dafür brauche ich zehn<br />

Freunde am Tisch!« Kiedricher Gräfenberg Riesling<br />

Trockenbeerenauslese: Da zeigt sich die versammeltste<br />

Konzentration und eine kaum vorstellbare<br />

Komplexität. Das ist kein Griff in den<br />

Honigtopf, das ist, Jahrgang für Jahrgang, ein fast<br />

narkotisches Wandeln durch einen Sesam, eine<br />

schier unfassliche Schatzkammer der Aromen.<br />

Fast narkotisches Wandeln, das schon – aber, so<br />

bekräftigt Roman Niewodniczanski, durch die<br />

zwar ganz eigene, aber ganz lichte Welt der Trockenbeerenauslesen.<br />

Da verschwimmt, da verdunkelt<br />

sich nichts, Struktur und Textur der Weine<br />

sind, bei allem samtenen Geheimnis, ganz klar.<br />

Vielfalt ist ein schlichter Begriff für ein sensorisches<br />

Erlebnis, das sich der sprachlichen Fassung<br />

fast entzieht. Wilhelm Weil, der bedächtige, mit<br />

Worten zurückhaltende Winzer, sieht das durchaus<br />

nüchtern: »Auf solche Vielfalt in der äußersten<br />

Beschränkung ist der Önologe eifersüchtig, aber<br />

der Ökonom ist dankbar für 130 000!«<br />

In meditativer Stille und immer empfänglicher<br />

für Hans-Stefan Steinheuers harmonisch stützende<br />

Kochkunst erleben die Gäste nun Weine<br />

von völlig anderer Stilistik als der Sauternes und<br />

haben alle genießerische Mühe, sich dem stillen<br />

Anprall der drei Flights von einundzwanzig Kiedricher<br />

Trockenbeerenauslesen zu erweisen, deren<br />

jede einzelne eine Hymne wert wäre. Als dann<br />

zum Schluss eine absolute Rarität, die einzigartige<br />

2003-er Trockenbeerenauslese Goldkapsel<br />

mit dem sagenhaften, wohl niemals zuvor vergorenen<br />

Mostgewicht von 316 Grad Oechsle gereicht<br />

wird, ist der Glanzpunkt der mit Highlights prunkenden<br />

Verkostung da: Nur dreißig Liter wurden<br />

davon produziert; zwölf Flaschen wurden kürzlich<br />

verauktioniert, für 5 117 Euro – pro Flasche.<br />

Weltrekord!<br />

Pierre Lurton spürte, wie sich langsam aller<br />

Augen auf ihn richteten: »Ich weiß«, begann er,<br />

»Sie alle sind gespannt, wie Pierre Lurton reagieren<br />

wird.« Sein Lob für die Weilschen Weine<br />

konnte liebenswürdiger nicht sein. Winzer, sagte<br />

er, seien immer Suchende, stets darauf bedacht,<br />

die genaue Balance zwischen den Kräften der<br />

Natur zu finden. Aber nur den wirklich Hochkarätigen<br />

sei es gegeben, in den extremen Bereichen<br />

der Süßweine diesen Gleichklang zu erspüren.<br />

Für beide, ihn und Wilhelm Weil, sei ja nicht<br />

Große Erwartungen erfüllen sich für<br />

eine Kenner-Runde, als Wilhelm Weil<br />

und Pierre Lurton ihre großen Süßweine<br />

präsentieren. Genießerisch und<br />

konzentriert diskutieren und trinken in<br />

der Wiesbadener Villa Fortuna Klaus<br />

Westrick und der Saar-Winzer Roman<br />

Niewodniczanski sowie der Südtiroler<br />

Landes rat Thomas Widmann.<br />

die Süße, sondern die Säure ein zentrales Thema,<br />

denn nur sie lasse als Rückgrat des Weins den heftigen<br />

Reichtum des Zuckers vergessen – ein equilibristischer<br />

Akt, der jedes Jahr neu zu bestehen sei.<br />

Er zeigte sich überrascht von der außerordentlichen<br />

Aromenkraft der Weine und formulierte seine<br />

Empfindungen zum Aromenverlauf des Weins<br />

im Glas. Seinen Dank an Wilhelm Weil verband<br />

er mit der Hoffnung auf ein Wiedersehen, »damit<br />

wir beide voneinander lernen können«.<br />

Ende der Probe, Schluss mit süß. Da machte<br />

sich auch Erleichterung frei, und gern folgte man<br />

der Einladung des Gastgebers zu einem Après in<br />

den Weinkeller der Villa Fortuna. Steinheuer hatte<br />

noch ein Spanferkel in petto, als erfrischenden<br />

»Reparaturwein« gab es Weilschen Kiedrich Klosterberg<br />

trocken 2008 aus der Doppelmagnum<br />

und, freudig begrüßt, das »Bier danach«, Spezialitäten<br />

aus der ungewöhnlichen Bier-Kollektion<br />

von »Braufactum«, wozu Bernd Fritz in seiner<br />

Kolumne sich zu Wort meldet.<br />

Vieles war nun zu bereden, eine der ungewöhnlichsten<br />

Weinproben der letzten Jahre zu<br />

bedenken. Der Abend wurde noch lang. ><br />

64<br />

F I N E 4 / 2010<br />

F I N E<br />

W E I N l E g E N d E N<br />

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FINE-Verkostung: Die Süsswein-<strong>Ikonen</strong><br />

Château d’Yquem Sauternes und<br />

Kiedricher Gräfenberg Riesling Trockenbeerenauslesen<br />

vom Weingut Robert Weil<br />

Präsentiert von: <strong>Fine</strong> Das Weinmagazin<br />

Ort: Villa Fortuna, Wiesbaden, am 14. Oktober 2010<br />

Verkosterin: Caro Maurer<br />

Gäste:<br />

Jochen Becker-Koehn, Peter Esser, Ralf Frenzel,<br />

Christian Goeldenboog, Tilbert Hätti, Madeleine Jakits,<br />

Weingut Robert Weil<br />

1999 Kiedricher Gräfenberg Riesling Erstes Gewächs 90 P<br />

Gelbgoldene Farbe. In der Nase deutliche Anklänge von Firne. Sie rückt die<br />

reife Frucht und florale Skizzen in den Hintergrund und überlässt Honignoten<br />

den ersten Eindruck. Im Mund erweist sich die Säure als standhaft, sie prägt die<br />

Körperkontur und zeichnet dabei eine schlanke, finessenreiche Silhouette. Allerdings<br />

wirkt der Wein schon etwas fragil.<br />

2000 Kiedricher Gräfenberg Riesling Erstes Gewächs 89 P<br />

Intensiver Goldton. Erscheint in der ersten Anmutung älter als der 1999-er.<br />

Frucht und Mineralität wirken sanft verschleiert, ein Eindruck, der sich auch im<br />

Geschmack manifestiert. Wobei ein nussiges Aroma im Mund seine Reize ausspielt.<br />

Die Säure gibt sich noch fit und straff, auch die dicht ver wobene Textur ist<br />

attraktiv. Gleichwohl eine Struktur, die nicht für die Ewigkeit gemacht scheint.<br />

2001 Kiedricher Gräfenberg Riesling Erstes Gewächs 95 P<br />

Mittlerer Goldton. Deutliche Firne in der Nase, drumherum aber auch viel<br />

Rahmen programm: Honignoten, kandierte Melone, mineralische Anklänge –<br />

insgesamt eine imposante Ouvertüre. Auch im Mund wirken alle Komponenten<br />

eingespielt, die Säure eingeschliffen; der Wein kokettiert mit seiner Evolution,<br />

die die Frucht allmählich abstreift und stattdessen mit Reifenoten, Nüssen und<br />

Honig aufwartet. Ein Klassiker zum Erforschen und Kennenlernen.<br />

2002 Kiedricher Gräfenberg Riesling Erstes Gewächs 91 P<br />

Goldton. Gibt sich in der Nase etwas dekadent, die Aromatik geheimnisvoll verhangen,<br />

es fehlt dem Wein dadurch allerdings an Klarheit. Im Geschmack zeigt<br />

er sich offener mit Spuren der Botrytis, die sich in Honignoten und dem Eindruck<br />

von Extraktsüße festmacht, unterlegt von einer dezenten gelben Steinfrucht<br />

und Zitrusfrüchten. Wirkt im Mund deutlich jünger, denn er definiert sich<br />

über die lebhafte Säure, die eine stringente Linie vorgibt. Die Textur drumherum<br />

ist dicht. Im Finale bleibt ein angenehm kühler mineralischer Eindruck zurück.<br />

2003 Kiedricher Gräfenberg Riesling Erstes Gewächs 94 P<br />

Glänzendes Gold mit altgoldenen Reflexen. Reife, klare, saubere und ansprechende<br />

Frucht aus Pfirsich und Nektarine, eine likörige Anmutung. Kräftiger Typ<br />

mit Volumen, aber der Körper trägt die Rundungen am richtigen Fleck, wirkt so<br />

richtig sexy. Die Säure hält sich gut integriert im Hintergrund. Im Abgang ein<br />

warmer Eindruck durch den höheren Alkohol. Kraftvoller Typ mit internationalem<br />

Erscheinungsbild, erinnert an Grand Cru aus dem Elsass.<br />

2004 Kiedricher Gräfenberg Riesling Erstes Gewächs 93+ P<br />

Intensives Strohgelb. Die Frucht bildet die Kulisse für duftige florale Noten.<br />

Michael Jung, Dr. Georg Kofler, Johannes LaCour, Juha Lithonen, Pierre Lurton,<br />

Dr. Luca Marighetti, Caro Maurer, Peter Moser, Roman Niewodniczanski,<br />

Pekka Nuikki, Dr. Wolfgang W. Pasewald, Clemens Pflanz, Jens Reidel, Stephan<br />

Reinhardt, Karl Heinz Ringel, Thomas Schröder, Hendrik Steckhan, Christian<br />

Volbracht, Wilhelm Weil, Klaus Westrick, Dr. Thomas Widmann<br />

Wirkt noch jung durch seine lebendige Primäraromatik mit Zitrusfrüchten. Sehr<br />

appetitlich auch die Würze von Zitronengras und die Anmutung von Limettentarte<br />

mit einem Hauch Vanille. Sehr klassisch, jugendlich, kristallklar, erfrischend,<br />

bereitet Vergnügen.<br />

2005 Kiedricher Gräfenberg Riesling Erstes Gewächs 96 P<br />

Glänzendes Gold. Ausdrucksstarkes Bouquet mit reifer Frucht, die an Melone<br />

erinnert und an exotische Früchte wie Mango und Papaya; darunter mischt sich<br />

eine Spur Safran. Ein kraftvoller Körper, dem der höhere Alkohol zusätzliches<br />

Gewicht verleiht. Die Textur seidig, insgesamt sehr konzentriert mit angenehmer<br />

Extraktsüße, die Säure scheint dabei milde gestimmt. Es folgt eine hingebungsvolle<br />

Länge. So könnte der Prototyp für das Erste Gewächs aus dem Rheingau<br />

aussehen.<br />

2006 Kiedricher Gräfenberg Riesling Erstes Gewächs 91 P<br />

Helles Gelbgold. Zarte, fast fragile Erscheinung. Lässt Anklänge von Zitrusfrüchten<br />

aufsteigen, Zitronenmelisse und Blütenaromen. Stellt sich im Mund<br />

dann eher kompliziert dar. Der Charme liegt in der Zurückhaltung, der Wein<br />

bietet von allem ein bisschen, im Abschluss fügt es sich dann zu einem harmonischen<br />

Ganzen: verhaltene Frucht, leichte Bitternoten, schlanker Körper, guter<br />

Extrakt, trockener Eindruck und gute Länge.<br />

2007 Kiedricher Gräfenberg Riesling Erstes Gewächs 96 P<br />

Glänzendes Strohgelb. Eine stilistische Schönheit von klassischer Eleganz. <strong>Fine</strong>ssenreiches<br />

Bouquet mit Zitrus, Steinfrucht und leicht salziger Mineralität. Im<br />

Geschmack erfrischend jugendlich, wobei dieser Wein der Beweis ist, dass ein<br />

Erstes Gewächs auch im frühen Stadium schon groß auftreten kann – mit einer<br />

ganz eigenen Strahlkraft: klar, erfrischend, schlank, tänzelnd, feminin.<br />

2008 Kiedricher Gräfenberg Riesling Erstes Gewächs 91 P<br />

Goldgelbe Farbe. Knifflig in der Nase: Das ist die sehr reife Frucht, die von Botrytisnoten<br />

zum Teil überlagert wird, insgesamt eine süße Stoffigkeit, aber etwas<br />

undurchdringlich. Auch im Geschmack überwiegen die Honignoten und die<br />

kandierte süße Frucht von Melone und Mango. Mit seiner breiteren, offeneren<br />

Struktur stellt er einen zugänglicheren Typus dar.<br />

2009 Kiedricher Gräfenberg Riesling Erstes Gewächs 94+ P<br />

Strohgelbe Farbe. Sehr jung und primärfruchtig mit reifem Pfirsich, in der<br />

An mutung likörig. Die Säure ist noch sehr markant, lebt noch in einer Parallelwelt<br />

neben der weichen, fülligen Frucht. Aber das Potential ist spürbar. Ein kraftvoller<br />

Wein, der sich noch in der Sturm- und Drangzeit befindet.<br />

Y Château d’Yquem<br />

2008 Y Château d’Yquem 94–95 P<br />

Dunkles Strohgelb. Fächert die exotische Palette des weißen Bordeaux auf:<br />

Ananas, Papaya, Kokos, Toast. Im Geschmack dann der beginnende Zusammenklang<br />

von Holz und Frucht, das eine übertönt bei diesem jungen Exemplar<br />

manchmal noch das andere, aber man spürt die herannahende Harmonie. Ein<br />

Wein, der vom ersten Moment an Spitzenklasse demonstriert.<br />

2007 Y Château d’Yquem 91 P<br />

Strohgelb. Das Aroma des Sauvignon blanc macht den Auftakt mit Stachelbeeren<br />

und Nesseln, dahinter legt der Semillon Crème brûlée und Vanille nach.<br />

Im Mund ein sehr junger Wein, der noch am Feinschliff arbeitet; das Holz ist<br />

noch nicht voll integriert, und Röstnoten treten deutlich in Erscheinung. Aber<br />

Ausdruck und Tiefgang lassen das Potential erahnen.<br />

2006 Y Château d’Yquem 90 P<br />

Helles Goldgelb. In der Nase eine sehr reife exotische Frucht, dazu Spuren von<br />

Botrytis, die an Karamell erinnern, außerdem zarter Toast und Vanille von der<br />

Reifung im Holz. Von der duftenden Anmutung mehr wie Likör denn Wein.<br />

Im Mund nimmt er eine weiche, cremige Textur an, wirkt leicht füllig, aber die<br />

stabile Säure sorgt für die nötige Kontur. Im Hintergrund melden sich erste<br />

Anklänge von Firne. Insgesamt wird der Eindruck deutlich von Botrytis geprägt.<br />

2005 Y Château d’Yquem 95 P<br />

Mittleres Goldgelb. Eine gewaltige Erscheinung, die vom ersten Moment an alle<br />

Aufmerksamkeit einfordert. Dieser Wein teilt großzügig aus: Frucht, Toast von<br />

hochqualitativem Holz, Kokos und Vanille. Im Mund betont er seine Mächtigkeit<br />

mit einem üppigen Körper, wahrt dabei dank Säure jedoch stets die Fasson.<br />

Die Feinheit des Sauvignon und die Fülligkeit des Semillon ergänzen sich hier<br />

großartig zu einem komplexen, langlebigen Konstrukt.<br />

2000 Y Château d’Yquem 96 P<br />

Goldgelb. So eingeschliffen durch ein Jahrzehnt der Reife zeigt der Wein wahre<br />

Noblesse. Die Primäraromatik wurde in die Kulisse verwiesen, die Hauptrollen<br />

übernehmen jetzt betörende Noten von Honig, Vanille, eingelegter Frucht, dazu<br />

ein Hauch Ingwer und der gebrannte Zucker von Crème brûlée. Die Erfahrung<br />

macht den Wein schön.<br />

1996 Y Château d’Yquem<br />

Fehlerhafte Flasche. Kork.<br />

1980 Y Château d’Yquem 92 P<br />

Dunkles Goldgelb. Eine ganz neue, ergreifende Erscheinung. Da steigen Aromen<br />

von Fichtenholz und anderen ätherischen Ölen in die Nase. Im Mund hat die<br />

Textur eine ölige Glätte angenommen. Immer noch schwingen aparte Röstnoten<br />

und verblasste Fruchtimpressionen von Pfirsich und Mango mit, aber<br />

die einzelnen Komponenten sind so dicht verwoben, dass man sie nicht mehr<br />

sezieren sollte.<br />

Château d’Yquem, Sauternes<br />

2007 Château d’Yquem, Sauternes 97 P<br />

Schimmerndes Goldgelb. Das Angebot an die Nase ist groß: Buttercreme mit<br />

Vanille, gelbe Blüten, Apfeltarte mit einem Hauch Zimt. Im Mund mischen<br />

dann noch Milchschokolade und Banane mit. Ein vielschichtiges Gesamtkunstwerk,<br />

von dem ein Schluck sich im Mund wie eine Entdeckungsreise entwickelt.<br />

2004 Château d’Yquem, Sauternes 94 P<br />

Dunkles Goldgelb. Ein verschleiertes Bouquet, das sich im Glas erst langsam<br />

öffnet. Auf die Apfeltarte mit Vanille folgt eine würzige Note, geschmorte Banane,<br />

glasiert mit Karamell. Auch im Mund baut sich der Wein sukzessive auf. Ein<br />

Dessert für sich, das sich füllig und ausdrucksstark präsentiert.<br />

2003 Château d’Yquem, Sauternes 96 P<br />

Goldgelbe Farbe. Eine wuchtige Einheit an Aromen wird aufgetragen, sodass die<br />

Einzelkomponenten nicht mehr zu dechiffrieren sind: Karamell, flüssige Butter,<br />

Honig, Vanille, gebrannter Zucker, reife Bananen, exotische Früchte – eine Komplexität,<br />

die sich nur schwer beschreiben lässt. In der Nase schwebt darüber noch<br />

eine leicht flüchtige Säure. Ein gewaltiger Wein.<br />

2001 Château d’Yquem, Sauternes 94 P<br />

Dunkles Goldgelb. Ein unvergessliches Erlebnis, die Entwicklung eines solchen<br />

Weins über die Jahre mitzuverfolgen: Die Frucht offeriert jetzt getrock nete<br />

Feigen, Mango und Ananas, dazu kommen geröstete Nüsse und orientalische<br />

Gewürze. Etwas mehr Restzucker als bei den anderen Weinen sorgt für<br />

mehr Opulenz. Alkohol bringt eine angenehme Schärfe rein, die Säure sorgt<br />

für Struktur. Ein Wein für Liebhaber, mit dem man sich intensiv auseinandersetzen<br />

muss.<br />

1998 Château d’Yquem, Sauternes 95 P<br />

Helles Altgold. Und wieder ein neues Erscheinungsbild, das man nur in Momentaufnahmen<br />

zu erfassen vermag: Zuckersirup, Honig, Rosen blüten, Orangenblüten<br />

und eine malzige Note. Dann plötzlich Vanillecreme, Orangen tarte und<br />

Orangenzesten, die ihr Aroma im Mund in getrocknete Aprikosen verwandeln.<br />

Die Textur hat sehr viel Schmelz, legt aber auch eine Bestimmtheit an den Tag,<br />

die dem Wein Statur verleiht und sein Format noch betont.<br />

1996 Château d’Yquem, Sauternes 99 P<br />

Helles Altgold. Ein Modell-Wein: Die Frucht ist nur noch ein Seitenaspekt. Sie<br />

wird angereichert von einem Aromenspektrum mit gerösteten Nüssen, Honig,<br />

gebräunter Butter, gebratenen Bananen, Crème brûlée, einem Hauch von Malz<br />

und der leisen Erinnerung an ein frisches Brioche. Die Säure erscheint lebhaft,<br />

strukturierend und lässt die ölige Textur leicht durch den Mund gleiten. Nahe<br />

an Perfektion.<br />

1995 Château d’Yquem, Sauternes 91 P<br />

Frucht wird von gebräunten Bananen unterfüttert, doch es sind Reife noten, die<br />

das Bouquet definieren: Malz, Butter und Gewürze wie Zimt und Karda mom.<br />

Schönes Zusammenspiel von Alkohol und Säure, die der Opulenz im Mund ein<br />

überraschend stabiles Gerüst bauen.<br />

1990 Château d’Yquem, Sauternes 97 P<br />

Helles Bernstein. Wieder tut sich eine völlig andere Aromenwelt auf. Hier übernehmen<br />

Orangenblüten die Regie, eingelegt in Milchschokolade. Dazu Vanille,<br />

Buttercreme – und alle Facetten finden in Harmonie zusammen. Jedes Hineinschnuppern<br />

und jeder Schluck bringen eine neue Erfahrung. Spannende Eintracht.<br />

Ein Wein von ebenmäßiger Schönheit.<br />

1989 Château d’Yquem, Sauternes 93 P<br />

Dunkles Altgold. Diesmal ein würziger Typ, der zugleich mit konzentrierter<br />

Süße lockt, die in einem Moment an Rübenzucker erinnert, im nächsten an<br />

kristallisierten Honig. Dazu serviert er der Nase Anklänge von Apfeltarte und<br />

getrocknete Aprikosen, Vanille und Zimt. Ein Wein von kräftiger Statur, muskulös,<br />

sehr konzentriert. Im Mund spielt er sich mächtig auf und stellt in seiner<br />

Intensität eine gewisse Herausforderung dar.<br />

66<br />

F I N E 4 / 2010<br />

F I N E<br />

V E r k o s t u N g<br />

67


1988 Château d’Yquem, Sauternes 98 P<br />

Helles Bernstein. Ein sehr komplexes Bouquet: floral mit getrockneten Rosenblättern,<br />

würzig mit einem Anklang von Ochsenschwanz-Bouillon einerseits<br />

und Weihnachtsgebäck andererseits. Jede Sekunde neue Eindrücke: Orangenzesten,<br />

getrocknete Aprikosen, Schokolade, Crème brûlée, Vanille – so vielschichtig,<br />

dass keine Beschreibung ihm gerecht werden würde. Auf dem Höhepunkt.<br />

1986 Château d’Yquem, Sauternes 97 P<br />

Altgold. Ein sehr konzentriertes, dichtes Aromenbild: Orangenzesten, gebräunter<br />

Zucker, Crème brûlée, geröstete Banane … Schicht legt sich über Schicht und<br />

bildet eine runde Gesamtstimmung im Mund, sehr fein, sehr elegant, finessenreich<br />

– und von einer geradezu perfiden Unvergesslichkeit.<br />

1983 Château d’Yquem, Sauternes 93 P<br />

Helles Bernstein. Deutliche Reife in der Nase: Oxidationsnoten, die an Olo roso<br />

erinnern. Eine orientalische Würze legt sich über die Frucht aus gebräunter<br />

Banane, getrockneter Mango und Orangenzesten, dazu gibt es geröstete Nüsse.<br />

Im Mund überrascht die Dominanz der Säure. Sie wirkt wie ein Korsett um den<br />

kräftigen Körper und wahrt die Spannung bis zum langen Finale.<br />

1971 Château d’Yquem, Sauternes 96 P<br />

Mittleres Bernstein. Das Aromenrad dreht sich immer mehr Richtung Würze:<br />

Bouillon und getrocknetes Rindfleisch, dazu oxidative Noten und Bitter mandel.<br />

Im Mund wirkt der Wein überraschend entspannt, so richtig zum Genießen. Alles<br />

hat sich gefunden und vereint. Dieser Wein hat fast vierzig Jahre gebraucht, um<br />

seine Bestimmung zu erfüllen.<br />

1970 Château d’Yquem, Sauternes 91 P<br />

Helles Mahagoni. Deutliche Reife, die oxidativen Noten verschleiern zuerst den<br />

Wein, bis er langsam herausrückt mit Anklängen von Paranüssen, Gewürzen wie<br />

Safran; und wieder dabei ist die gebräunte Banane sowie etwas Nougat. Im Mund<br />

kokettiert er mit einer überraschenden Weichheit, die einen einlullt.<br />

1967 Château d’Yquem, Sauternes 97 P<br />

Mittleres Bernstein. Ein Wein, der mit seiner reifen, schwindenden Frucht eine<br />

Geschichte erzählt von einem warmen Lesejahr, in dem viel Botrytis die Aromen<br />

von kristallisiertem Honig zugefügt hat und später viele Jahre der Reifung die<br />

Anklänge von gerösteten Haselnüssen, Nougat und poliertem Holz. Das ist eine<br />

andere Dimension von Wein, für geduldige Sammler gemacht, die von einer<br />

nachhaltigen Länge belohnt werden.<br />

1962 Château d’Yquem, Sauternes 91 P<br />

Dunkles Bernstein. In Würde gealtert. Zurück bleibt eine Frucht, die auf<br />

Pflaumen kompott reduziert ist, dazu Zimt und Aromen von Brioche, Wachs<br />

und Nougat, Bouillon – sehr komplex. Schicht um Schicht zum Durch beißen.<br />

Ein Wein, der sich der Bewertung fast entzieht. Für Liebhaber.<br />

1959 Château d’Yquem, Sauternes 96 P<br />

Helles Mahagoni. Ein rundes Bild mit vielen Facetten. Im Vordergrund oxi dative<br />

Noten, Nüsse und Bouillon. Dahinter nachlassende Frucht von Mango, brauner<br />

Banane und anderen exotischen Früchten. Alles fügt sich zu einem großen ausgereiften<br />

Ganzen.<br />

1955 Château d’Yquem, Sauternes<br />

Helles Mahagoni. Ist es Kork? Oder einfach nur die Zeit? Ein Wein im Abbau<br />

begriffen, schon auf verlorenem Posten. Eine Wertung ist nicht sinnvoll.<br />

1950 Château d’Yquem, Sauternes 93 P<br />

Mittleres Mahagoni. Entwickelt ein würziges Eigenleben mit Küchen kräutern,<br />

Ochsenschwanz-Bouillon und Andeutung von Möbelpolitur. Dahinter lebt noch<br />

immer eine Frucht aus Zwetschge. Erinnert an Kräuterlikör. Rund, komplex,<br />

erstaunlich anders, ein Typ, der Aufmerksamkeit herausfordert.<br />

1949 Château d’Yquem, Sauternes 96 P<br />

Mittleres Mahagoni. Ein Bündel aus Kräutern, eingelegt in Likör. Und im Mund<br />

überrascht er dann mit einer animierenden Leichtigkeit. Jung im ersten Anschein<br />

und bei genauerem Nachsinnen dann doch wieder nicht – ein Wein, der in sich<br />

selbst abgeschlossen hat. Seine Botschaft kommt an: Trink mich.<br />

1937 Château d’Yquem, Sauternes 100 P<br />

Mahagoni mit einem deutlich olivfarbenen Rand. Ein Grenzerlebnis: eingelegte<br />

Walnüsse – und dann fehlen die Worte. Zurück bleibt stummer Respekt vor<br />

einem großen Charakter. Die Säure hält ihn lebendig, die Frucht hat sich weitgehend<br />

verabschiedet, die Restsüße wirkt kandiert, und im Hintergrund schimmern<br />

unendlich viele Seiten einer langen Geschichte. Wahre Größe.<br />

Weingut Robert Weil, Trockenbeerenauslesen<br />

1989 Kiedricher Gräfenberg Riesling TBA 96 P<br />

Helles Nussbraun. Ein reizvolles Kaleidoskop aus Fruchtaromen mit reifer Mango,<br />

getrockneten Pfirsichen und Aprikosen. Die Säure wirkt jugendlich straff, die<br />

Textur sehr dicht und konzentriert. Süße und Säure vollführen einen bestens austarierten<br />

Balanceakt. In der Anmutung ein jugendlicher Wein, sehr frisch und<br />

ausdrucksstark. Beeindruckende Länge.<br />

1990 Kiedricher Gräfenberg Riesling TBA 99 P<br />

Helles Nussbraun. Ein überwältigendes Aroma in der Nase: Pfirsichlikör, exotische<br />

Frucht, Orangenblüten, Honig und ein Anflug von Tawny Port. Im Mund<br />

wirkt der Wein im Gegensatz zu d’Yquem komprimiert und so konzentriert, als<br />

seien die einzelnen Bestandteile zusammengezurrt. Fast meint man, man müsste<br />

ihn kauen. Dieser Eindruck wird von der starken Struktur bekräftigt. Eine kompakte<br />

Substanz, gemacht für die Ewigkeit.<br />

1991 Kiedricher Gräfenberg Riesling TBA 93 P<br />

Helles Nussbraun. Sehr animierender und appetitlicher Duft: Pfirsichlikör mit<br />

Zitrusfrische, Orangenmarmelade und Tarte Tatin. Im Geschmack dann nicht<br />

ganz so umfassend wie der 1990-er, dafür unkomplizierter, unschuldiger und<br />

zugänglicher. Wirkt erstaunlich alterslos, es fehlt die Firne als Reiz element. Die<br />

Einheit von Säure und Restsüße trägt ihn in die Länge.<br />

1992 Kiedricher Gräfenberg Riesling TBA 94 P<br />

Intensives Altgold. Überraschend anders: Kräuternoten, Zitruszesten und gebratener<br />

Apfel bilden ein Spannungsfeld in der Nase. Im Mund wirkt der Wein<br />

erstaunlich weich und abgeklärt, sehr offensichtlich und jung, in seiner seidigen<br />

Konsistenz glanzvoll, angenehm fruchtig mit leichter Würze. Für sich ein<br />

starkes Stück, aber auf aparte Art und Weise: ein dezenter, finessen reicher und<br />

graziöser Wein.<br />

1993 Kiedricher Gräfenberg Riesling TBA 92 P<br />

Mittleres Nussbraun. Im ersten Moment schier undurchdringlich. Macht seinen<br />

Auftakt mit Heilkräutern und einem Hauch Minze, legt mit kandierten Pfirsichen<br />

nach, es folgen gebrannter Zucker und Röstnoten. Die Natur hat ihm das<br />

raffinierte Gleichgewicht aus Süße und Säure beschert.<br />

1994 Kiedricher Gräfenberg Riesling TBA 94 P<br />

Helles Nussbraun. Ein in Schönheit gereiftes Bouquet mit Zitruszesten, Bienenwachs,<br />

Zimtapfel und Pfirsichlikör. Im Mund überrascht immer wieder die<br />

jugendliche Anmut, angeführt von der Säure. Erst dahinter breitet sich Süße aus,<br />

hier trägt der Zucker im Mittelbereich etwas dick auf. Im Finale herrscht wieder<br />

nachhaltige Harmonie. Die Textur ist so stoffig und so konzentriert, dass man<br />

sich fast durchbeißen muss.<br />

1995 Kiedricher Gräfenberg Riesling TBA 95 P<br />

Intensives Nussbraun. Macht von der ersten Sekunde an einen starken Eindruck:<br />

würzig, mit malzigen Noten, Orangenzesten, Tarte Tatin und gebranntem Zucker.<br />

Im Mund authentisch und klar. Er verfolgt eine stringente Linie, bestimmt von<br />

der Säure, die ihm durchgängig eine anregende Frische verleiht. Vom Charakter<br />

direkt, ansprechend, großzügig, offenherzig.<br />

1996 Kiedricher Gräfenberg Riesling TBA 98 P<br />

Nussbraun. Reifes, abgeklärtes, feingeschliffenes Bouquet: Tarte Tatin mit einer<br />

Prise Zimt, Honig, Quittengelee und Orangenzesten. Säure und Süße bilden ein<br />

Spannungsfeld mit der Frucht, die Textur ist darin dicht und konzentriert eingesponnen.<br />

Der Wein kann sich ganz auf seine natürliche Erscheinung verlassen, da<br />

passt alles zusammen. Eine reizvolle Vorstellung, deren Finale nicht enden will.<br />

1997 Kiedricher Gräfenberg Riesling TBA 94 P<br />

Helles Nussbraun. Eine kokette Diva, die im Gruppenbild aus der Reihe tanzen<br />

will. Man muss sich ganz auf sie einlassen, dann schmeichelt sie nach dem Hauch<br />

flüchtiger Säure mit einer reifen Frucht aus eingelegten Aprikosen, in deren Hintergrund<br />

die Botrytis das Geschmacksmuster strickt mit Honig, Malznoten und<br />

Nussigkeit. Das hinterlässt nachhaltige Wirkung.<br />

1998 Kiedricher Gräfenberg Riesling TBA 96 P<br />

Mittleres Altgold. Noch ein richtiger Jungspund mit frischer Frucht, Quitte und<br />

wilden Erdbeeren, apart hinterlegt von feuchter Erde. Auch im Mund wahrt er<br />

noch seine kecke Jugendlichkeit, die Süße drückt sich in kandierten Rosen und<br />

Marzipan aus. Ein eher uneitler Typ, der nicht schön tut, sondern jetzt zum<br />

Genuss herausfordert.<br />

1999 Kiedricher Gräfenberg Riesling TBA 93 P<br />

Dunkles Altgold. Eine kapriziöse Außenwirkung: Apfelkompott und eingelegte<br />

Pfirsiche, dahinter mischt eine hefige Note mit, der Duft wirkt likörig. Und<br />

schon im nächsten Moment scheint der Eindruck nicht mehr zu stimmen, denn<br />

mit jedem Hineinschnuppern malt sich ein neues Bild aus. Die Säure bestimmt<br />

den Verlauf im Mund, sie diktiert den Gesamteindruck und übertrumpft dabei<br />

den Zucker.<br />

2000 Kiedricher Gräfenberg Riesling TBA 92 P<br />

Mahagoni, auffallend dunkel mit olivfarbenem Rand. Ein Individuum im Glas,<br />

das ein verführerisches Eigenleben entwickelt, diesmal mit überwiegend würzigen<br />

Nuancen: süße malzige Noten, balsamische Aromen, Melasse und getrocknete<br />

Apfelschalen. Zucker und Säure befinden sich in zufriedenem Gleichgewicht.<br />

Etwas verhalten in der Länge.<br />

2001 Kiedricher Gräfenberg Riesling TBA 97 P<br />

Helles Bernstein. Ein Konglomerat an Wahrnehmungen kommt in den Sinn:<br />

Karamellbonbon, Sirup, in einem Moment Nougat, im nächsten eher Milchschokolade,<br />

getrocknete Apfelscheiben, Honig in Milch verrührt. Ein noch jugendliches<br />

Exemplar, das sich im Mund sehr kompakt, fast gepresst ausmacht. Ein<br />

Wein zum Altern, braucht noch Jahre oder vielleicht auch Jahrzehnte für seine<br />

Aromendechiffrierung.<br />

2002 Kiedricher Gräfenberg Riesling TBA 95 P<br />

Helles Bernstein. Ein Jungspund in der Nase, der noch appetitliche Primärfrucht<br />

vor sich herschiebt: saftigen Pfirsich und Apfel. Auch im Mund belegt die<br />

Frucht die erste Ebene, und dahinter entblättern sich aus der Zuckerhülle langsam<br />

die verschiedenen Aromaschichten, besonders apart machen sich Zitronenblüten<br />

und Milchschokolade darunter aus. Ein Wein, der aufgeschlossen ist<br />

für immer neue Entdeckungen. Von kraftvoller Statur, die Säure zieht im Hintergrund<br />

die Strippen.<br />

2003 Kiedricher Gräfenberg Riesling TBA 96 P<br />

Helles Nussbraun. Der Duft deutet die Kraft schon an: sehr stoffig, etwas Lanolin,<br />

mehr Likör als Wein, Pfirsich, Orangenzesten und viel Honig mit einer zart<br />

flüchtigen Komponente. Im Mund eine runde Erscheinung, sehr schön ausbalanciert<br />

von Süße und Säure. Die Botrytis hinterlässt deutliche Geschmacksspuren.<br />

Ein Wein, der hinten am Gaumen Druck macht und sich dann unendlich<br />

in die Länge zieht.<br />

2004 Kiedricher Gräfenberg Riesling TBA 95 P<br />

Helles Nussbraun. Geht einen direkt an mit reifer Frucht aus Pfirsich und Aprikosen,<br />

dazu geröstete Nüsse und eine aparte Tawny-Port-Note. Im Mund ebenfalls<br />

sehr klar, stringent, prescht aufs Ziel los und gibt dabei alles – ein sehr freimütiger<br />

und ausdrucksstarker Typ. Die Säure wirkt wie Treibstoff.<br />

2005 Kiedricher Gräfenberg Riesling TBA 98+ P<br />

Helle Mahagonifarbe. Ein vorsichtiges Reinriechen lässt erahnen, dass im Glas<br />

ein monumentaler Wein auf seinen großen Auftritt wartet. Ein mutiger Typ, der<br />

mit erster Reife und oxidativen Noten kokettiert – sie tragen zur Komplexität<br />

bei. Die Frucht ist exotisch mit getrockneter Mango, dazu gibt es ein ganzes Potpourri<br />

an Aromen: geröstete Nüsse, Sherry oder frisch geöltes tropisches Holz.<br />

Ein Wein zum Staunen, man genießt mit Ehrfurcht.<br />

2006 Kiedricher Gräfenberg Riesling TBA 94 P<br />

Mittleres Mahagoni. Jung und unschuldig, möchte man auf den ersten Augenschein<br />

meinen. Das Bouquet verheißt Tarte Tatin, Quittengelee, nussige Aromen<br />

und Honig. Im Mund verlässt er sich noch sehr auf die Primär aromatik, serviert<br />

seine Frucht wie auf dem Tablett: direkt und unverbrämt. Es fehlen noch<br />

die Nuancen der Reife.<br />

2007 Kiedricher Gräfenberg Riesling TBA 96+ P<br />

Mittleres Mahagoni. Noch sehr verschlossen, will noch wenig preisgeben. So<br />

wirkt die Frucht verriegelt, deutet Nektarine, Mango und Quitte nur an, dies<br />

aber schon sehr appetitlich. Auch im Mund fehlt ihm noch die Ausgewogenheit,<br />

manchmal scheint der Zucker die Säure zu überwältigen, im nächsten Moment<br />

trägt die Säure den Sieg davon. Sehr dichte Konsistenz und starke Struktur. Das<br />

Potential ist spürbar.<br />

2008 Kiedricher Gräfenberg Riesling TBA 95+ P<br />

Intensives Altgold. Frisch und noch so jung, dass einem zum ersten Mal überhaupt<br />

die Rebsorte in den Sinn kommt. Riesling steuert seine Attribute bei: Pfirsich,<br />

Zitrusnoten, weiße Blüten, dezente Exotik, ein Anflug von Orchidee und<br />

Vanille. Die jetzt schon gewaltige Länge gibt Ausblick auf eine große Zukunft.<br />

2009 Kiedricher Gräfenberg Riesling TBA 98 P<br />

Intensives Altgold. So jung, so unschuldig und noch so unbelastet: Hefenoten<br />

mischen sich unter eine Frucht aus Zimtapfel, Mango, Pfirsich, darüber legt sich<br />

eine zarte Schicht Vanille. Ein Wein-Baby – und entsprechend sollte man es<br />

behandeln: liebevoll hegen und pflegen, und sich erst in zwanzig Jahren damit<br />

wieder kritisch auseinandersetzen.<br />

•<br />

Zum schönen Schluss<br />

1893 Kiedricher Berg Auslese, Weingut Robert Weil<br />

Bernsteinfarben. Ein abgeklärter Wein. Würzig mit Liebstöckel und der Anmutung<br />

von klarer Ochsenschwanzsuppe. Auch im Geschmack ist die Erinnerung<br />

an Frucht verblasst, ein Hauch von schwarzem Pfeffer sorgt für gewisse Schärfe<br />

im Abgang. Respekt und Ehrfurcht stellen diesen Wein über die Kritik.<br />

1921 Château d’Yquem, Sauternes<br />

Helles Bernstein. Der Duft von Marzipan und Mandel haben die Frucht abgelöst.<br />

Im Mund wirkt er ernst, ausgezehrt und mit einer bemerkenswerten Bitter note<br />

im Hintergrund. Ein Wein, der nicht mehr ernsthaft zu bewerten ist.<br />

2003 Kiedricher Gräfenberg Trockenbeerenauslese<br />

Goldkapsel, 316°, Weingut Robert Weil<br />

100 P<br />

Helles Mahagoni. Eine Flüssigkeit wie Öl. Nicht zum Trinken, sondern zum<br />

Meditieren geschaffen. Melone, Pfirsich, Aprikose, Honig, Vanille, Röst noten,<br />

Minze oder Bienenwachs – es hat überhaupt keine Bedeutung, welche einzelnen<br />

Aromen darin zu finden sind. Es geht hier einzig und allein um das große<br />

Ganze: ein Wein, der Generationen überdauern wird.<br />

68<br />

F I N E 4 / 2010<br />

F I N E<br />

V E r k o s t u N g<br />

69


FINE<br />

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