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zwanzigjahre fabian biasio

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Spurensuche

in Ex-Jugoslawien

Projekt Spurensuche

in Ex-Jugoslawien von Fabian Biasio

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis

Seite 2-3

Seite 4-5

Seite 6-7

Seite 8-9

Seite 10-11

Seite 12-17

Seite 18-19

Seite 20-25

Seite 26

Gegen das Vergessen: Ziele und Wirkung

Die Menschen – eine Auswahl der Portraits

Die Webseite www.zwanzigjahre.ch

Die Plakat-Aktion – Ausstellung in Schweizer Städten auf Plakatwänden

Das Exposée zur Spurensuche

Recherchebericht: Vierzehntausend Kilometer in drei Monaten

Budget und Finanzierungsplan

Presseberichte über frühere Projekte

Autorenbiografie

1


Ziele und Wirkung

Gegen das Vergessen

Die Kriege in Ex-Jugoslawien von 1991 bis 2001 forderten rund 120 000 Tote, über

30 000 Menschen werden gemäss IKRK noch vermisst. Von diesen Kriegen erzählen

immer noch die von Kugeln pockennarbig geschossenen Häuserfassaden, die

unzähligen Minenwarnschilder, die übermalten Ortstafeln oder die Grabfelder. Doch

die Spuren des Krieges sind vor allem in den Lebenden zu finden, so sehr sich

einige bemühen zu vergessen.

Im Frühjahr 2010 begab ich mich mit meiner Familie auf eine Spurensuche durch die

Länder des ehemaligen Jugoslawiens. Ich portraitierte fünfundzwanzig Familien oder

Einzelpersonen. Alle erlebten mit den Ereignissen, die vor bald zwanzig Jahren über

ihr Leben hereinbrachen, dramatische Änderungen und Einschnitte. In über fünfzig

Interviews erfuhren wir Grauenvolles und Heiteres, Polemisches oder Umsichtiges.

Das Projekt «Spurensuche in Ex-Jugoslawien» ist ein unabhängiges Multimediaprojekt

gegen das Vergessen. Die Breitenwirkung ist durch (Um-)Nutzung von APG-

Werbeflächen und Internettechnologie maximal.

Die Schweizer Städte sind ein Ballungsraum der Kulturen. Hier soll im Juni 2011,

exakt zwanzig Jahre nach Beginn des blutigen Bürgerkrieges in Jugoslawien, eine

Ausstellung auf Plakatwänden stattfinden.

Erinnern, nachdenken und konfrontieren: Für die Schweizerinnen und Schweizer,

die sich ihre Mitbürger aus dem Balkan nicht ausgesucht haben, ist das Projekt eine

Einladung, ihr «Jugoslawenbild» zu hinterfragen und allenfalls zu revidieren. Knapp

ein Fünftel der ausländischen Wohnbevölkerung in der Schweiz stammt aus Ex-

Jugoslawien. Die Menschen aus dem Balkan in der Schweiz werden daran erinnert,

dass uns ihr Schicksal, sowohl als Täter als auch als Opfer, nicht gleichgültig ist.

Ptuj, Slowenien

8. März 2010

2 3



Die Menschen

Hatidža Mehmedović,

Srebrenica

(Bosnien-Herzegowina)

Vladimir und Vlastimir Usorac,

Sibovska (Bosnien-Herzegowina,

Republika Srpska)

Familie Djordević,

Pirot (Serbien)

Vincenc Čerič,

Heidrun Quentenmeier,

Čatež (Slowenien)

Davor Miličević,

Županja (Kroatien)

Meliha Kulukčija,

Miro Muzafer-Kulukčija,

Mostar (Bosnien-Herzegowina)

Familie Radonić,

Familie Petreski,

Fitore Haziri,

Herceg Novi

4 Prilep (Mazedonien)

Priština (Kosovo)

(Montenegro) 5



Die Webseite

www.zwanzigjahre.ch – online ab Oktober 2010

Webdesign: publisheria / www.publisheria.ch

Auf zwanzigjahre.ch können die User auf eigene Faust auf Balkan-Entdeckungsreise

gehen. Als roter Faden dient die Menschenkette durch den Balkan.

Die Portraits sind ergänzt durch Videobilder und Gespräche mit den Menschen. Reportage-

und Landschaftsbilder erzeugen Balkan-Stimmung, Zahlen und Fakten ermöglichen

eine vertiefte Auseinandersetzung mit den Geschehnissen der Neunzigerjahre.

6 7



Die Plakat-Aktion

Die Fotoausstellung auf Plakatwänden

Eine Fotoausstellung in Schweizer Städten – auf rund zehn APG-Plakatwänden, je sieben

Quadratmeter gross. Als Auftakt könnte an jeder Plakatwand während einer Woche

eine alte Karte von Jugoslawien hängen. Dann wird gewechselt und wir bekommen

Einblick in ein Wohnzimmer irgendwo in Ex-Jugoslawien: eine Familie, ganz privat – das

bewährte Erfolgsrezept der Zeitschriften Schweizer Illustrierte und Schweizer Familie.

Diese Familienportraits geben einen intimen Einblick in eine fremde Gesellschaft und

erzählen ein persönliches Schicksal. Ergänzt werden die zur Ausstellung ausgewählten

Portraits durch eine prägnante Aussage eines Familienmitglieds.

8 9



Das Exposée

Realisation Frühling 2010 mit dem

Pfeifermobil (3 Monate).

Die Suche nach Spuren des Krieges im

ehemaligen Jugoslawien in den Menschen

der ersten, zweiten und dritten Generation.

Welche Perspektiven haben die Völker des

Balkans? Welche Chancen, den Hass zu

überwinden, den Tätern zu vergeben?

Als Kind waren für mich Kriege ganz weit

weg – in Afrika, zwischen Iran-Irak, in

Afghanistan, im Libanon. Noch abstrakter

war für mich die diffuse Bedrohung des

Kalten Krieges mit seinen eingebunkerten

Atomraketen und den Bombenkoffern, die

ich stets an den Handgelenken des amerikanischen

und russischen Präsidenten

angekettet glaubte.

Doch der Krieg in Jugoslawien war der

Krieg meiner Generation. Als 16-Jähriger

wurde mir plötzlich bewusst, wie beweglich

und fragil die Weltpolitik war. Nach dem

Fall des Eisernen Vorhangs und einem

unbeschwerten Familienurlaub mit Wohnmobil

im Jahr 1990 an Kroatiens Küsten

war es für mich ebenso verstörend wie

faszinierend, wie sich der Hass in einem

europäischen Land entlud und schreckliche

Bilder aus meiner letzten Urlaubsdestination

über die Röhrenfernseher flimmerten.

Der Wille zum Bruch mit Belgrad erfasste

die Völker des Balkans wie im Rausch.

Am 26. Juni 1991 griff die Jugoslawische

Volksarmee JNA in Slowenien ein, um

dessen Streben nach Unabhängigkeit zu

verhindern. Der Flughafen Ljubljana wurde

von Mig-Jagdflugzeugen beschossen. Der

Krieg verlagerte sich trotz Waffenembargos

der EG nach Kroatien und eskalierte.

Heute, zwanzig Jahre nach dem Beginn

der jugoslawischen Staatskrise 1990, die

mit Massenhinrichtungen aller Buben und

Männer in Srebrenica, Vergewaltigungen,

unsäglichem Leiden in den eingekesselten

Städten Mostar und Sarajevo endete, ist im

Balkan wieder brüchiger Friede eingekehrt.

Geplant war, mit meiner Frau, der Journalistin

Andrea Strässle, im Frühjahr 2010 mit

unserem eineinhalbjährigen Sohn durch

die Staaten des Balkans zu reisen. Wir

wollten Portraits von Menschen entlang

der früheren Frontlinien, auf einer Route

vom Norden in den Süden, realisieren.

In Zagreb, wo die Häuser und Hotels der

Stadt während Jahren durch kroatische

Flüchtlinge aus der Krajina bevölkert waren.

In Mostar und Sarajevo, die ich als junger

Fotoreporter im Jahr 1995 besucht habe

und wo ich erstmals direkt mit dem Leid

des Krieges konfrontiert wurde. In Belgrad,

wo im Jahr 1999 amerikanische Bomben

fielen und Jahre später der jugoslawische

Präsident Milošević aus dem Regierungspalast

vertrieben wurde. Und im Kosovo, den

ich seit Juni 1999 regelmässig bereise und

wo ich ein Langzeitprojekt über die damals

dreizehn Jahre alte Vlora Shabani realisierte,

die bei einem Massaker ihre Familie verloren

hat. Die Reportage «Mein Hass ist

ewig», geschrieben von meiner Frau über

die inzwischen 20-jährige Vlora erschien im

SonntagsBlick-Magazin über sechs Seiten.

Wir machten uns auf die Suche nach Spuren

des Krieges in den Menschen. Welche

Perspektiven haben die Völker des Balkans?

Wir suchten nicht nach der Wahrheit.

Diese ist schon lange gestorben in diesem

blutigen Krieg. Doch das direkte Gespräch

mit den Menschen in Slowenien, Kroatien,

Bosnien, Serbien und dem Kosovo schien

uns eine ehrliche Bestandesaufnahme in

einer Zeit, in der die Kinder der Direktbetroffenen

des Kriegs diesen bereits nur noch

aus der Erzählung ihrer Eltern kennen.

Fabian Biasio, Herbst 2009

Anfang 1991 riefen Kosovo-Albaner die unabhängige

«Republik Kosova» aus, die ausser

von Albanien von keinem anderen Land

der Welt anerkannt wurde. Fast zeitgleich

proklamierten in Knin serbische Nationalisten

die «Serbische Provinz Krajina». Kroatische

Familien wurden vertrieben. Im März

gab es bei Auseinandersetzung zwischen

den Volksgruppen erste Verletzte.

Sevojno,

Serbien

28. März 2010

10 11



Die Recherche

Im Pfeifermobil durch den Balkan

Das Konzept schien einfach: eine fotografische

Menschenkette durch die Länder des

ehemaligen Jugoslawiens. Jedes Portrait

führt zum nächsten Kontakt – beginnend in

Glattbrugg (ZH) bei der Familie eines langjährigen

Freundes, der aus dem Kosovo

stammt. Schwierigkeiten, so glaubte ich,

erwarteten uns höchstens an den Bruchstellen

des einstigen Vielvölkerstaates —

zwischen den einzelnen Volksgruppen,

deren gegenseitiger Hass vor weniger als

einer Generation explodierte wie ein Feuer

in einem Pinienwald.

Doch schon die erste Adresse in Kroatien

war ein Misserfolg: Der Folgekontakt meines

kosovarischen Freundes scheiterte

noch vor unserer Abreise am «Misstrauen

gegenüber Journalisten aus dem Westen».

Ich beschloss mangels Alternativen, die geplante

Menschenkette einfach mit unserem

Campingnachbarn Vincenc zu eröffnen: ein

Slowene, der mit seiner deutschen Lebenspartnerin

und einem bulligen «Quad», einem

vierrädrigen Motorradungeheuer, Urlaub

machte. Der anfänglichen Zitterpartie folgte

die fotografische Routine und verlieh der

Familienfahrt ins Nirgendwo endlich eine

professionelle Struktur. Als Fotoreporter

scheint mir das vertraut und symptomatisch:

Die ersehnte Situation, mit grösster Anstrengung

oder durch gnädiges Berufsglück

herbeigeführt, wird zum Routinegeschäft;

der Aufnahmewinkel wird festgelegt, die

Blitzanlage aufgebaut, Licht gemessen und

abgedrückt.

Zwanzig Jahre nach Beginn der blutigsten

Auseinandersetzungen in Europa seit dem

Zweiten Weltkrieg – die letzten Schüsse

fielen in Mazedonien im Jahr 2001 – scheint

der Krieg für die Menschen im Balkan ganz

weit weg. Oder, wie es Amela Sarić, Direktorin

am Pavarotti Music Center im bosnischen

Mostar ausdrückt: «Schon Tausende

aus dem Westen waren hier und fragten

uns immer nur nach dem einen: Wie kam

es, dass ihr euch gegenseitig massakriert

habt? Wir haben diese Fragen nach dem

Krieg satt.»

Auch ich gehöre zu diesen Leuten, die

solche Fragen stellen wollen. Ich habe sie

schon 1995 gestellt, auf meiner ersten

Reise nach Bosnien, und auch 1999, im

Kosovo. Doch damals waren die Menschen

froh, das Unfassbare loszuwerden, die persönlichen

Schrecken auf Band zu bannen.

Die ersten Monate nach einem Krieg sind

für die Reporter am schönsten. Inmitten

der Zerstörung und Trauer fassen sich die

Menschen und schöpfen Atem. Der Wiederaufbau

erfordert Solidarität und Hilfsbereitschaft,

die auch dem Besucher reichlich

entgegengebracht werden.

Doch nun steht Kroatien vor der Tür der

Europäischen Union, Slowenien ist bereits

Mitglied im begehrten Club. Der Krieg erscheint

wie ein fernes Rauschen. Das Donnern

der serbischen MiG-29-Jagdflugzeuge

über Zagreb ist längst verhallt, etwas träger

verblassen die unangenehmen Erinnerungen:

Besser nicht darüber sprechen. Schon

gar nicht über die Verbrechen der eigenen

«Kriegshelden», die sich heute – wie der

kroatische General Ante Gotovina – vor

dem Menschenrechtsgerichtshof, dessen

längst alle überdrüssig geworden sind, in

Den Haag zu verantworten haben.

Nach dem ersten Portrait fuhren wir in den

Norden von Slowenien, in ein Bergdorf an

der Grenze zu Österreich. Hier begrüsste

uns Vincencs Bruder Martin und erzählte

Schmugglergeschichten aus dem Krieg von

1991. Grosszügig wurden wir zum Mittagessen

eingeladen, Fleisch mit Suppe. Das gab

uns die nötige Zuversicht für die Weiterreise.

Mein Pfeifer-Stipendium war als Familienreise

angelegt. Mit meiner Frau und unserem

15 Monate alten Sohn begab ich mich

im März 2010 auf die Suche nach Spuren

des Krieges im ehemaligen Jugoslawien.

Dass diese Konstellation auch Risiken

und Nachteile barg, war uns klar. Meistens

erwies sie sich jedoch als Glücksfall. Unser

Sohn zeigte sich da und dort als eigentlicher

Türöffner. Die Türe zu unserer geplanten

Menschenkette war jedoch mit dem

«ne» aus Zagreb vorerst zu. Wir schlugen

bei klirrender Kälte auf dem Campingplatz

des Kurorts Čatež, eine Stunde von Zagreb

entfernt, unser Lager auf. Slowenien war

auch die erste Destination des Bürgerkrieges:

1991 bombardierte die serbische

Luftwaffe den Flughafen von Ljubljana, zwei

Journalisten starben beim Luftangriff.

Orahovica,

Kroatien

28. März 2010

12 13



Martins Familie schlug als Folgekontakt

zwei Möglichkeiten vor: ein Geschäftspartner

von Martin in Zentralbosnien oder

Anton, ein Slowene, der sich sein Rentnerdasein

an der kroatischen Küste eingerichtet

hat. Unsere Wahl fiel auf den Geschäftspartner

in Bosnien.

Schneetreiben und vereiste Strassen

erwarteten uns an der Grenze. Trotz seiner

telefonischen Zustimmung wollte der Geschäftspartner

nach unserer Ankunft nichts

mehr vom Projekt wissen. Die plötzliche

und schroffe Absage scheint eine kulturelle

Eigenart des Balkans zu sein, die uns das

Leben noch schwer machen sollte: Man will

niemanden brüskieren und sagt erst einmal

lachend zu. Später, völlig überrascht angesichts

der nicht im Entferntesten erwarteten

Anreise, wird erschrocken der Rückzug

angetreten.

professorin aus Mostar, die uns schliesslich

mit dem Schwiegervater ihres Sohnes

verband, einem landesweit bekannten TV-

Journalisten. Von dort ging die Reise nach

Srebrenica: Hatidža Mehmedović, Präsidentin

der Organisation «Mütter von Srebrenica»,

verlor beim Genozid im Juli 1995 beide

Söhne und ihren Mann.

Auf Srebrenica folgten Sarajevo, Banja

Luka und ein Bauerndorf im serbischen Teil

Bosniens: Vater und Sohn präsentierten

stolz ihre Waffensammlung und empfahlen

uns bei Srđan Popović, Belgrader Marketingchef

der Milchverarbeitungsfirma Imlek.

Die Reise ging über zahlreiche Kontakte

weiter nach Montenegro, dann quer durch

Albanien nach Mazedonien. Erst die Passage

in den Kosovo, den letzten Staat auf

unserer Reise, erlitt Schiffbruch. Wir waren

in Slowenien, Kroatien, Bosnien, Serbien,

Mazedonien und Montenegro gewesen.

Eine Verbindung in die «Wiege des Serbentums»,

wie nationalistische Serben den

Kosovo gerne bezeichnen, war aus Serbien

jedoch nicht herzustellen. Überhaupt schien

das Anschneiden des Themas Kosovo in

Serbien ein regelrechter Angriff auf die

Integrität des patriotischen Bürgers zu sein.

Der Verlust der Provinz schmerzt bis heute.

So sehr, dass sich die serbische Grenzpolizei

eine gute halbe Stunde Zeit nahm,

um jeden einzelnen Kosovo-Stempel einer

früheren Reise in unseren Pässen mittels

eines «Annulliert»-Stempels zu tilgen.

Kosovo ist Teil Serbiens, deshalb haben die

Kosovoalbaner kein Recht, eigene Stempel

zu setzen!

Die hoffnungsvolle Einreise von Südserbien

in den Kosovo glich eher einem Spiessrutenlauf

zwischen Stacheldraht, bewaffneten

Checkpoints, Forderung einer zusätzlichen

Autohaftpflichtversicherung, Gepäckkontrolle

sowie der Zahlung von fünf Euro

für die «Desinfektion» der Autoreifen. Auch

die kosovoalbanische Verwaltung demonstriert

hier nach allen Kräften, wer der neue

Herr im Haus ist.

Kosovo ist kein Land für Familienurlaub, so

zumindest unsere Tarnung bei unangenehmen

Fragen. Diesel wurde uns prinzipiell

ein Drittel teurer verkauft. Im ganzen Kosovo

gab es einen einzigen Campingplatz:

auf rund 1500m Höhe. Die Sorge um die

Sicherheit des Wagens zwang uns, oft in

Sichtweite zu bleiben. Die Menschenkette

glich nun einem ausfransenden Hanfseil,

die einzelnen Strippen liessen sich nicht

mehr fassen. Gute Kontakte von sechs früheren

Reisen in den Kosovo schienen abgekühlt.

Wir fühlten uns etwas verloren und

fehl am Platz. Ich beschloss, den Abschluss

meiner Spurensuche auf eine spätere Reise

zu verschieben.

Anton jedoch schien sich aufrichtig über

den Besuch zu freuen. Der Umweg über

Bosnien hatte uns rund eine halbe Woche

gekostet. Aber Zeitverlust wurde relativ

auf einer dreimonatigen Fahrt durch den

Balkan, auf der wir über vierzehntausend

Kilometer zurücklegen sollten. Manchmal

klappten die Kontakte auf Anhieb, einmal

schien die Kette endgültig unterbrochen,

als mich eine ältere Dame, die Grosstante

einer zuvor fotografierten Familie, in der

Grenzstadt Županja mit dem Besen von

ihrem Vorplatz vertrieb. Doch der Bürgermeister

der Stadt wohnte in der Nachbarschaft,

bat mich herein und beschloss, für

das Projekt zu posieren.

Die Menschenkette erweiterte sich um

einen Parteikollegen des Bürgermeisters

im kroatischen Teil Bosnien-Herzegowinas.

Dieser kontaktierte eine Pianistin und Musik-

Srebrenica,

Bosnien

15. April 2010

14 15



Wir waren recherchemüde, dafür reich an

Erfahrungen und Erlebnissen. Ich habe

gelernt, mit sehr wenig Wasser oder kalt

zu duschen; mit meiner Familie auf sechs

Quadratmetern zu leben; mit mazedonischen

und kosovarischen Tankwarten zu

streiten; beim Pinkeln auf Landminen zu

achten; Motorenöl zu wechseln; Gastgeschenke

anzunehmen; Slibovic zu trinken;

kyrillische Strassenschilder zu entziffern; in

Belgrad mit einem Wohnmobil zu parken;

auf kleinstem Raum zu kochen; den Kartenkenntnissen

meiner Frau blind zu vertrauen;

mit meinem Schweizer Taschenmesser

Weinflaschen zu öffnen; in Schräglage oder

neben vorbeidonnernden Lastwagen zu

schlafen und vieles mehr.

Vom Brückenschlag der Volksgruppen in

Ex-Jugoslawien haben wir hingegen kaum

etwas bemerkt. Die alten Feindschaften

sind mit ins neue Jahrtausend getrottet und

machen sich hier breit. Die Selbstwahrnehmung

der Völker ist stark verzerrt. Jede

Volksgruppe sieht sich primär als Opfer.

Gedanken über die eigene Täterschaft sind

unpopulär bis staatsfeindlich. Hinweise auf

Gräueltaten aller Kriegsparteien tut man mit

der lapidaren Bemerkung ab: «Es war ja

Krieg.»

Von diesem Krieg zeugen bis heute gewaltige

Schäden an der Infrastruktur, besonders

in Bosnien. Deren Tilgung hat die internationale

Gemeinschaft bereits Milliarden von

Euros gekostet, ein Ende ist nicht abzusehen.

Doch die Spuren des Krieges sind vor

allem in den Lebenden zu finden. Fünfundzwanzig

portraitierte Familien oder Einzelpersonen

erlebten mit den Ereignissen, die

vor bald zwanzig Jahren über ihr Leben

hereinbrachen, dramatische Änderungen

und Einschnitte. In über fünfzig Interviews

erfuhren wir Grauenvolles und Heiteres,

Polemisches oder Umsichtiges. Auf eine

Frage jedoch schien niemand eine wirklich

schlüssige Antwort zu haben: Wie kam es,

dass ihr euch gegenseitig massakriert habt?

Fabian Biasio, Juni 2010

Prizren, Kosovo

5. Mai 2010

16 17



Presse

20 21



22 23



Mikhaïl Saakachvili

Le président géorgien a accusé

mercredi à la tribune de l’ONU

des soldats russes de participer

à des missions clandestines

dans la région géorgienne

séparatiste d’Abkhazie.

«Que faisait

un lieutenant-colonel

de l’armée russe dans

les forêts géorgiennes,

en organisant et en

dirigeant un groupe

de rebelles armés

dans une mission

de subversion

et de violence?»

Citation du jour

Eclairages

Le Temps

Vendredi 28 septembre 2007

MIKE SEGAR/REUTERS

17

A la table familiale de l’UDC

Un livre illustré fait le portrait des militants de base d’un parti où l’on sait se serrer les coudes

Texte: Catherine Cossy, Zurich

Photographies: Fabian Biasio

A l’origine, il y a la curiosité du photographe

Fabian Biasio. Qui décide, il y a quatre ans,

de partir en expédition au cœur de l’UDC, le

parti sacré vainqueur des dernières élections

fédérales. Il est rejoint en cours de route par la

journaliste Margrit Sprecher, vingt ans à la

Weltwoche, observatrice et plume hors pair

dans la presse alémanique. «Personne ne connaît

la base de l’UDC, dit-elle, cette masse qui

se cache derrière les quelques

haut-parleurs du parti, les Blocher,

Maurer, Mörgeli. Je voulais

mettre le pied sur cette terra incognita,

sans intention particulière

ni préjugé négatif: comme

une exploratrice. Couleurs des

cravates, décorations au mur,

tous ces détails qui sont une part

de vérité. Car la vérité absolue

n’existe pas.»

Pendant une année, Margrit

Sprecher assiste donc à plus de

trente assemblées et rendez-vous

de l’UDC. Elle note tout ce qui

passe à portée de son stylo. Résultat:

Die Mitte des Volkes («Au cœur

du peuple»), une série de portraits

à la fois proches et distants,

qui donnent la parole et un visage

aux nombreux anonymes alémaniques

(dont trois sont présentés ici) qui font vivre le

parti. Et écho aux images choisies parmi les

quelque 1000 clichés de Fabian Biasio.

Il y a les passages obligés: l’Albisgüetli, réunion

annuelle de l’UDC zurichoise, les discours

du 1 er Août de Christoph Blocher, mais

aussi le petit déjeuner à la ferme, les tournois

de jass et concours de tir. Au hasard, Margrit

Sprecher noue des contacts et mène une cinquantaine

d’entretiens approfondis qui forment

la trame du livre. «Je voulais savoir pourquoi

ils trouvaient une patrie à l’UDC. Au fond

de moi, je pensais que j’allais tomber sur des

gens déçus de la vie, sans succès, solitaires.

C’est peut-être vrai pour un tiers d’entre eux.

Sinon, je n’ai jamais rencontré autant de millionnairesquiontcommencéàpartirderien.»

Au bout du parcours, Margrit Sprecher

constate: «J’ai du respect pour leur vie de travail.

Ils se lèvent tôt, sont assidus, s’occupent

les uns des autres. On ne reste pas seul dans ce

parti.Sil’unestàl’hôpital,ilreçoitimmédiatement

de la visite; ils se téléphonent, c’est

comme une famille.» La journaliste est aussi

accueillie avec beaucoup de chaleur. «Si l’on

pense comme eux, c’est le paradis! Leurs enfants,

qui sont nombreux à s’appeler Christoph,

sont tellement bien élevés, c’est un

monde si reposant, aucune question ne reste

ouverte. On ne peut pas se soustraire à cette

atmosphère, même si c’est du surplace absolu.

A chaque visite, je repartais chargée d’un

pot de confiture fait maison et d’autres cadeaux.

Et c’est alors que je me

disais: «Maintenant, je dois me

plonger à nouveau dans la rude

vie, où les doutes m’assaillent,

où rien n’est fixé d’avance.»

Fabian Biasio renchérit: «A

part une fois, j’étais toujours accueilli

avec beaucoup de gentillesse

dans toutes les assemblées.

Beaucoup m’ont dit:

«Enfin quelqu’un des médias

qui s’efforce de nous montrer

comme nous sommes vraiment.»

Margrit Sprecher, lors des entretiens,

s’est efforcée de guider

ses interlocuteurs vers des sujets

plus généraux. «Car, dès qu’on

commenceàparlerdepolitique,

cela devient très ennuyeux, ils

racontenttouslamêmechoseavecdesphrases

toutes prêtes, il n’y a plus rien de personnel.»

Que faisaient ces gens quand l’UDC n’était

pas encore ce qu’elle est? «Beaucoup étaient

chez les radicaux, mais le parti les a pris de

haut. Le succès de l’UDC, c’est le déficit des

autres partis. J’ai été impressionnée de voir

comme ils se serrent les coudes. L’UDC prend

ses militants au sérieux. Les responsables investissent

beaucoup de temps, ils ne passent

pas seulement en coup de vent pour serrerdes

mainsetrepartir.Sil’onveut,ilyatouslessoirs

quelque chose d’organisé dans le cadre du

parti, un cours de rhétorique ou de rédaction

de lettres de lecteur, une partie de cartes,

etc. En contrepartie, les militants font preuve

de beaucoup d’abnégation. Ceux qui sont

membres, ils le paient! S’ils sont indépendants,

ils perdent des clients, leurs enfants

sont battus sur le chemin de l’école. Cela renforce

encore leur sentiment d’appartenir à un

mouvement, c’est un peu comme une secte.»

Fabian Biasio,

Margrit Sprecher:

Die Mitte des Volkes,

Ed. Patrick Frey,

en allemand.

«Nous ne sommes pas xénophobes»

Naveen Hofstetter,

électromonteur, Rorschach

«Ses collègues étrangers

l’évitent soigneusement.

Tout au plus lui demandet-on

de temps en temps

pourquoi l’UDC est si xénophobe.

Il s’empresse de corriger:

«Nous ne sommes pas

xénophobes, mais contre les

étrangersquipillentnoscaisses

sociales.» Lorsque, enfin,

un collègue albanais a osé lui

dire qu’il avait déposé une dical, chaque chose est à sa

demande de naturalisation, place: les souliers posés en

il lui a tapé joyeusement sur parallèle, les serviettes pliées

l’épaule. «Tu es exactement le à l’équerre. Seules quelques

type qu’il faut! Tu vis comme feuilles avec des listes de

un Suisse et tu travailles dur noms sont accrochées aux

comme un Suisse. Tu n’as pas murs. «Je distribue des

besoin d’être naturalisé pour points», explique-t-il. Chaque

fois qu’un politicien dit

être intégré.» L’Albanais veut

maintenant adhérer à l’UDC. quelque chose qui lui plaît

Il n’aimerait pas payer pour dans les médias, il reçoit une

les profiteurs sociaux. coche. Quelques radicaux

Il règne dans l’appartement

de Naveen un ordre ratre

les UDC sur sa

ontainsiréussiàseglisseren-

liste.»

«Si on a un travail, ça passe»

Seppi Odermatt, travailleur

communal, Emmen

«Seppijouecartessurtable

quand il s’agit des étrangers.

C’est pour cela aussi qu’une

personne sur deux lui a

donné sa voix lorsqu’il était

candidat au conseil communal.

Car à Emmen, les étrangers,

avec un des taux les

plus élevés de Suisse, sont un

problème. Lorsque les décisions

étaient encore soumi-

ses aux urnes, la commune naison de travail, qui porte

avait pu au moins empêcher bien en vue l’inscription de

qu’ils soient naturalisés. la commune, le retienne de

Mais depuis que le Tribunal devenirviolent.Parexemple,

fédéral a interdit cette pratique,

le taux de naturalisa-

yougo» font exprès de ne pas

lorsque «ces bonnes femmes

tions a augmenté de 34%. se mettre sur le côté quand il

«Maintenant,siquelqu’un arrive au volant de sa balayeuse.

Ou quand «ces sale-

n’apasdedettesetuntravail,

ça passe», dit Seppi. Il le dit tés d’étrangers» lui jettent

avec le ton volontairement des bouteilles vides sous les

posé d’un homme qui en a roues ou encore qu’un Turc,

déjà beaucoup vu. Souvent, levant son majeur, lui crie

il est content que sa combi- «connard!».»

«Laissons une Suisse propre en ordre»

Anita Nideröst, secrétaire,

caissière de la commission

des femmes UDC du canton

de Zurich

«Surlebancdecoin,ilyaun

coussin brodé maison avec

les armoiries des Nideröst. Sa

famille, originaire du Muotatal,

a été mentionnée il y a

700ansdéjàdanslesarchives.

C’est pour cela qu’elle se sent

aujourd’hui encore directement

responsable de tout ce

qui arrive à la Confédération. mie bâloise puisse faire des

«Je veux que nous transmettions

la Suisse aussi propre et «Au nom du ciel», dit-elle,

milliards avec son Tamiflu…

en ordre que nous l’avons reçue

de nos ancêtres.» sur la nappe brodée, «je ne

et frappe de ses petits poings

Quedesnaturalisésdefraîche

date qui n’ont aucune Elle avait d’abord cherché

vais pas laisser passer cela.»

idée puissent voter, que 750 des compagnons de lutte

spécialistes en communicationdécidentdelapolitiqueses.

Mais elle s’est vite aper-

auprès des Démocrates suis-

Berne et qu’on fasse peur aux çue que ce groupuscule était

gens avec les changements sans effet. Maintenant, elle

climatiques et la grippe espère que l’UDC saura être

aviaire juste pour que la chi- percutante.»

24 25



Biografie

Fabian Biasio, *1975 / www.biasio.com

Lebt mit seiner Familie in Luzern. Mitglied der Hamburger Fotoagentur Focus.

1994 erste Erfahrungen als freier Fotojournalist und Videofilmer

1998 Praktikum als Fotograf bei der Schweizer Illustrierten in Zürich

1999 Ausbildungslehrgang Pressefotografie am MAZ in Luzern,

Praktikum auf der Bildredaktion «DIE ZEIT» in Hamburg

2000 Fotograf bei der Neuen Luzerner Zeitung

2001 Freischaffender Fotograf in Luzern, Aufträge für nationale und internationale

Publikationen und Agenturen

2008 Aufenthalt im Kulturatelier der Konferenz der Schweizer Städte KSK in Varanasi

Ausstellungen

2004 Fotogalerie Coal Mine, Winterthur – «Tagebuch einer Exekution»

2004 Bieler Fototage – «Tagebuch einer Exekution»

2005 ArtCar Museum, Houston & Loyola State University, Chicago/USA – «Diary of an

execution» («Tagebuch einer Exekution»)

2005 Romerohaus Luzern – «Alle anders – na und?! – Porträts aus der St. Karli Schule»

2006 ETH Haupthalle Zürich – «Tagebuch einer Exekution»

2007 KKL Uffikon, Luzern – «Die Mitte des Volkes – Expeditionen ins Innere der SVP»

2008 Centre de la photograpie Genève – «Die Mitte des Volkes»

2009 Bieler Fototage – «Die Mitte des Volkes»

2009 Völkerkundemuseum der Universität Zürich – «Sofabilder aus Varanasi»

Buchpublikationen

2007 «Aus dem Lot – Menschen in der Psychiatrie», NZZ Libro Verlag

2007 «Der Junge mit dem Fisch», Rex Verlag Luzern

2007 «SVP – Die Mitte des Volkes», Verlag Edition Patrick Frey

Auszeichnungen

2000 4. Platz Nachwuchsförderpreis vfg – Vereinigung Fotografischer GestalterInnen

2003 2. Platz Kategorie Ausland – Swiss Press Photo

2004 The Selection vfg – Magazin Fotopreis 2003

2004 1. Platz Kategorie Alltag und Umwelt – Swiss Press Photo

2007 2. Platz Kategorie Portrait – Swiss Press Photo

2008 ewz selection – SonntagsZeitungs-Fotopreis für redaktionelle Fotografie

Pristina, Kosovo

11. Mai 2010

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Fabian Biasio

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CH-6003 Luzern

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