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Sehnsucht-Katalog

Kunstkatalog zur Ausstellung Station SehnSucht

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Underground … ein Ort mit vielen Gesichtern

Über abwärts führende Stufen betrete ich ein dunkles Areal, mystisch, gespenstisch und doch

rational.

Eine „ungeschminkte Realität“ offenbart sich mir. Die grenzwertige Faszination dieses Ortes

liegt hierbei vor allem in der Gelegenheit, Teil einer fremden Welt zu werden, wenn auch nur für

kurze Zeit. Neben dem Betreten eines Tunnelsystems mit der Möglichkeit schnell an mein Ziel

zu gelangen, vermittelt der Wartezustand auch ein ungewolltes Eintauchen in die Randgruppen

einer Gesellschaft. Im Schmelztiegel der Begegnungen treffe ich hinter Säulen, Mauervorsprüngen

und Durchgangsecken auf Gescheiterte, Gestrandete, Vertriebene, Obdachlose, viele

dem töstenden Alkohol verfallen. Manche, versammeln sich vermutlich allabendlich, um hier

wettergeschützt die Nacht zu überstehen.

Flüchtige Wahrnehmungen mit wechselhaften Gefühlen bestimmen in den Minuten des

Wartens meinen Aufenthalt. Verstohlen beobachte ich die Menschen, sowohl ihr Äußeres als

auch ihr Tun. Sie alle waren einmal in unserer Gesellschaft integriert? Welche Erfahrungen,

Begebenheiten, Tragödien haben sie derart aus der Bahn geworfen, dass sie hier ihr Dasein

fristen, mit ihren Habseligkeiten, die gerade mal in wenige Tüten passen? Ich denke darüber

nach, wie leicht man heutzutage in eine Situation geraten kann, in der man jeglichen Halt

verliert. Minutenlang beschäftigen mich Szenarien, die ich in meinem Inneren ausmale, die

mich erschrocken und betroffen machen. Unangenehme Bilder gepaart mit damit eng verbundenen

Gerüchen besetzen meine Sinneswahrnehmung.

Ich komme zu der Erkenntnis: Hinter jedem Menschen steckt ein Schicksal. Jeder der Gestrandeten

hat seine eigene Geschichte. Verurteilungen und Pauschalierungen stehen mir angesichts

der Unwissenheit eines solchen Lebens nicht zu. Zu groß sind auch die Unterschiede zu

meinem Leben um einen dauerhaften Eindruck in mir zu hinterlassen.

Die Geräusche der herannahenden U-Bahn reißen mich aus meinen Überlegungen. Das kurzfristige

Intermezzo verblasst schon im Moment der sich öffnenden Türen. Mit der Vorfreude auf

ein warmes Zuhause, das Abendessen im Kreise der Familie in angenehmer Umgebung, steige

ich in die eingetroffene Linie U1 und verlasse den Ort. Mit der aus dem Blickfeld verschwindenden

Station verlieren sich augenblicklich die Gedanken an die Menschen im Underground. Ich

tauche wieder ein, in meine eigene, vertraute, scheinbar heile Welt mit den größeren und kleineren

zu lösenden Aufgaben.

© Traudl Gilbricht 2017

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